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KAPITEL II

Zusammenfassung

Die Ermittlungen gegen die Dresdner Bank haben ergeben, daß sie eine Übermäßige Konzentration wirtschaftlicher Macht darstellt und daß sie an Kriegsverbrechen beteiligt war.

In Amerika findet sich keine Entsprechung zur Dresdner Bank, die sich als Universalbank sowohl auf dem Gebiet des Handels- und Investmentbankwesens als auch auf dem des Filialbankwesens betätigte. Sie kontrollierte große Aktienpakete anderer Gesellschaften, für die sie das Stimmrecht ausübte, obwohl ihr nur ein geringer Teil davon gehörte. Sie beherrschte den Effektenmarkt und unterhielt praktisch eine eigene Wertpapierbörse innerhalb ihrer Bank. Zwischen ihr und anderen Geldinstituten und Industrieunternehmen bestanden so starke personelle Verflechtungen, daß sie zusammen eine wirtschaftliche Einheit bildeten.

Die Dresdner Bank ist die zweitgrößte Geschäftsbank Deutschlands. Noch 1931-1932 war sie dem Konkurs nur durch zwei finanzielle Sanierungen entgangen; während des Nazi-Regimes jedoch entwickelte sie sich zu einer hochkonzentrierten Wirtschaftsmacht, deren Anteil an den gesamten Aktiva aller Geschäftsbanken in Deutschland sich auf 14% oder 8,6 Milliarden Reichsmark belief. Allein in den sechs Jahren von 1938-1944 verdreifachten sich die Aktiva der Dresdner Bank, und ihre Einlagen stiegen im gleichen Maß. Die beherrschende Stellung, zu der sie in den zwölf Jahren der Nazi-Herrschaft aufstieg, resultierte ans ihrer skrupellosen Ausnutzung aller Bereicherungsmöglichkeiten, die das Nazi-Regime ihr bot, zunächst innerhalb Deutschlands, später in allen eroberten Ländern Europas.

Die Dresdner Bank stand in enger Verbindung zu den wichtigsten Industrieunternehmen Deutschlands und übte über ganze Schlüsselbereiche des deutschen Wiederaufrüstungsprogramms eine beherrschende finanzielle Kontrolle aus. Welche personellen Verflechtungen und Querverbindungen zwischen der Dresdner Bank und der deutschen Industrie bestanden, zeigt die Tatsache, daß die neun Vorstandsmitglieder der Bank zusammen 195 Sitze in den Aufsichtsräten wichtiger Unternehmen innehatten; Carl Goetz saß zudem in mehr Aufsichtsräten der Schwerindustrie als irgend jemand sonst in Deutschland.

Die Dresdner Bank war für die gesamte militärische Flugzeugindustrie in Deutschland von den ersten Anfängen bis in die letzten Kriegsmonate hinein die Hauptemissions- und Hausbank. Von 1934 an leitete sie das Bankenkonsortium zur Finanzierung des ersten Konzerns für synthetische Treibstoffe, Brabag, der die ganze deutsche Braunkohleindustrie umfaßte. 1937 plante sie gemeinsam mit Admiral Raeder vom Oberkommando der deutschen Kriegsmarine die Beschaffung und Tarnung großer Ölreserven in Mexiko und dem Irak, um die Versorgung der deutschen Kriegsmarine im Kriegsfalle sicherzustellen. Sie leitete das Bankenkonsortium, das 1937 das Grundkapital der Hermann Göring-Werke finanzierte, obwohl deren Kreditwürdigkeit allgemein in Zweifel gezogen wurde. Die Gründung dieses Unternehmens, das zum zweitgrößten Stahlproduzenten Deutschlands wurde, diente ausdrücklich dem Zweck, eine ausreichende Versorgung der deutschen Rüstungsindustrie mit Eisenerz zu gewährleisten. Während der Expansionsphase des Unternehmens Übernahm die Dresdner Bank als Hausbank der Hermann Göring-Werke unmittelbar nach der Annexion der Tschechoslowakei im Auftrag ihres Klienten die acht größten Kohle-, Stahl-, Werkzeugmaschinen- und Rüstungskonzerne des Landes einschließlich der Skoda Werke.

Unter den Kreditinstituten in Deutschland beteiligte sich die Dresdner Bank besonders rege an der Ausbeutung und Ausplünderung der wirtschaftlichen Ressourcen in den eroberten Ländern Europas. Von 1937 bis 1942 stieg die Zahl ihrer Auslandsfilialen auf das Achtfache. Als Ziele ihrer Auslandstätigkeit - integraler Bestandteil der von den Nazis verfolgten Absicht, Europa zu beherrschen - definierten Göring, Funk und andere führende Nazis:

1. die ökonomischen Ressourcen der eroberten Länder für das deutsche Kriegspotential nutzbar zu machen;

2. die Wirtschaft dieser Länder in die Deutschlands zu integrieren und eine permanente Kontrolle des Industrie-, Handels- und Bankwesens in diesen Ländern einzurichten.

In der Tschechoslowakei, Polen, Belgien, Holland und Luxemburg führte die Dresdner Bank diese Richtlinien durch, indem sie zahllose Banken und Industriebetriebe rücksichtslos an sich brachte.

Mit ihren Zweigniederlassungen und Filialen bildete sie sowohl in Deutschland als auch in den eroberten Ländern die treibende Kraft zur Zwangs»arisierung« von Unternehmen in jüdischem Besitz. Viele große und kleinere Firmen gingen in ihren Besitz über, nachdem die jüdischen Eigentümer ins Gefängnis oder in Konzentrationslager verschleppt worden waren, wo man sie unter Androhung der Todesstrafe zwang, ihre Geschäftsanteile der Dresdner Bank zu übertragen. Sie nutzte ihre Beziehungen zur Partei und zur SS, um Unternehmen ausfindig zu machen, die sich zur »Arisierung« eigneten, und vermittelte »Käufer«, denen sie die notwendigen Kredite zur Fortführung der Geschäfte garantierte, um dann Gebühren entsprechend dem Wert des vermittelten Objekts zu erheben.

Das enorme Wachstum und die Expansion der Dresdner Bank in der Zeit von 1933-1942 waren nur aufgrund der engen Verbindungen möglich, die sie zu Regierung, Partei, SS und ihnen angeschlossenen Organisationen unterhielt. Keine andere große Geschäftsbank in Deutschland war so rückhaltlos in ihrer Politik, ihrem Personal und ihren Praktiken auf den Nationalsozialismus eingeschworen wie die Dresdner Bank. Drei Mitglieder des Vorstands und des Aufsichtsrates waren SS-Brigadeführer und sieben gehörten dem berüchtigten Kreis um Himmler und Keppler an. Zu den vier einflußreichsten Persönlichkeiten der Dresdner Bank gehörten SS-Brigadeführer Fritz Kranefuß, SS Brigaderührer Emil Meyer und SS-Obersturmbannführer Karl Rasche. In einem Zeitraum von neun Jahren besorgte die Dresdner Bank SS Organisationen Kredite in Höhe von mehreren 10 Millionen Reichsmark und ließ dem Himmler-Kreis aus eigenen Mitteln jährlich 50.000 Reichsmark für »besondere Zwecke« zukommen.

Über ihre Filialen und Zweigniederlassungen diente die Dresdner Bank in den Vorkriegsjahren als Stützpunkt zur Verbreitung von Nazi-Propaganda in Südamerika, den Balkanländern und im Nahen Osten, wobei viele ihrer leitenden Angestellten und Mitarbeiter in diesen Ländern führende Rollen übernahmen.

Die Dresdner Bank setzte ihre außerordentliche wirtschaftliche Macht in Deutschland und den eroberten Gebieten Europas dazu ein, der Durchführung der kriminellen Absichten des Nazi-Regimes Beihilfe zu leisten. Sie handelte als Komplize bei der Ausführung von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen den Frieden und die Menschlichkeit. Die direkte Verantwortung für diese Verbrechen liegt bei den Vorstandsmitgliedern der Dresdner Bank, die sie anordneten, bei den Mitgliedern des Aufsichtsrates, die sie billigten und sich daran beteiligten, und bei den leitenden Mitarbeitern, die sie ausführten.

Aus: Ermittlungen gegen die Dresdner Bank - 1946 -, herausgegeben von Hans Magnus Enzensberger, verlegt bei Franz Greno, Nördlingen 1986.

Fortsetzung Kapitel V


 




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