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Beiträge zur Geschichte  









Fortsetzung III

Die Französische Revolution von 1789 bis 1794

Verschärfung der Krise. Einberufung der Generalstände. Beginn der Revolution

Verschärfung der Krise

In Frankreich kam es innerhalb der feudal-absolutistischen Gesellschaftsschicht zur Entwicklung mehr oder weniger fertigen kapitalistischen Produktionsformen. In der Manufaktur wurde gegen Lohn gearbeitet. Die Handwerker, die zu Hause arbeiteten, wurden vom Manufakturaufkäufer in immer größere Abhängigkeit gebracht. Wenn sie keine eigenen Produktionsmittel mehr hatten (Landmaschinen, Rohstoffe), unterschieden sie sich oft von den Lohnarbeitern nur dadurch, dass sie zu Hause arbeiteten. Auch in der Landwirtschaft wurde der Bodenertrag immer mehr zur Handelsware. Vielfach entstand auch hier eine nicht unbedeutende Schicht von Tagelöhnern. Die Verpachtung von Land gegen Geldleistungen war eine häufige Erscheinung.

Durch den Außenhandel, der sich gewaltig entwickelt hatte, stand Frankreich mit fernen Ländern in Verbindung. Auch wuchs der Binnenhandel des Landes an. Jedoch stand die feudal-absolutistische Gesellschaftsordnung einer weiteren Entwicklung des Kapitalismus entgegen. Hierin lag die grundlegende Ursache der Revolution. Es gab jedoch auch eine Reihe anderer Gründe, die ihren Ausbruch beschleunigte. So verstärkte sich in Frankreich gegen Ende des 18. Jahrhunderts besonders der Druck der Gutsbesitzer auf die Bauern.

Im 18. Jahrhundert lebten die großen Grundbesitzer gewöhnlich am Hofe in Paris. Da sie an den kostspieligen Zerstreuungen des Königshofes teilnehmen wollten, forderten sie von ihren Bauern immer mehr Geld. Besonders von ihnen zu diesem Zweck angestellte Bedienstete mussten in den Akten der Grundherren nachforschen, um Dokumente über längst vergessene bäuerliche Verpflichtungen ausfindig zu machen, die jetzt als Unterlagen für weitere Abgabeerhebungen dienen mussten.
So verschlimmerte sich die Lage der Bauern zusehends. Die Nöte der Bauern verschärften sich noch durch die von einer Trockenheit verursachte Missernte des Jahres 1788. Ihre wachsende Unzufriedenheit - verstärkt durch Hungersnöte - führte zu Bauern- und Massenaufständen und schließlich zu unaufhörlichen elementaren Hungerrevolten in den Städten.

In Handel und Gewerbe trat eine Absatzkrise ein. Der Warenverbrauch in dem ruinierten Lande war nur noch gering. Einen schweren Schlag für Frankreichs Handel bedeutete der Verlust fast aller Kolonien nach dem Siebenjährigen Krieg (1756 - 1763).

Im Jahre 1786 schloss Ludwig XVI. mit England einen Handelsvertrag, der zwar für die französischen Weinbauern und die Hersteller von Luxuswaren, nicht aber für die Gewerbetreibenden vorteilhaft war. Dieser Vertrag erleichterte den Absatz von Wein und Luxusgegenständen nach England, gleichzeitig aber brachte er eine Herabsetzung der Einfuhrzölle auf englische Waren. Die Folge hiervon war, dass sich ein Strom billiger englischer Erzeugnisse nach Frankreich ergoss. Die französischen Kaufleute und Manufakturwarenbesitzer murrten, mehr als 200.000 französische Handwerker und Arbeiter wurden brotlos.


Die Finanzkrise

Zu all diesen Schwierigkeiten kam eine schwere Finanzkrise hinzu.
Die französischen Könige kamen nicht nur für den Unterhalt ihres Hofes auf. Sie umgaben sich mit Höflingen, die sie aus der Staatskasse finanzierten. Sie kamen sogar für deren Schulden und die ihrer Verwandten auf. Der Staat nahm große Anleihen auf, die bis auf 4,5 Milliarden Livres anstiegen. Alle diese Gelder wurden verschleudert und die Zinsen für die Anleihen mit Verzug ausgezahlt. Als schließlich die Bankiers überhaupt keine Zinsen erhielten, weigerten sie sich, neue Anleihen zu gewähren.
Trotz dieser finanziellen Schwierigkeiten, obwohl die Ausgaben des Staates seine Einnahmen um ein Vielfaches übertrafen, hörten die Verschwendungen des Hofes nicht auf. Der Bruder des Königs; der Graf von Artois, einer der reichsten Grundherren Frankreichs, hatte z.B. eine Schuldenlast von 32 Millionen Livres, die der König aus Staatsmitteln bezahlte. Als sich der König mit einem Kostenaufwand von zehn Millionen Livres ein weiteres Schloss in Rambouillet kaufte, wollte auch die Königin nicht zurückstehen und forderte für sich ein neues Schloss in der Nähe von Paris, dessen Erwerb sechs Millionen Livres kostete. Inzwischen war es aber auch mit den schärfsten Maßnahmen nicht mehr möglich, aus der zugrundegerichteten Bauernschaft viel Geld herauszuholen, und das Bürgertum gab kein Geld für Anleihen.


Reformversuche Turgots und Neckers

Die königliche Regierung musste mit immer größerer Dringlichkeit einen Ausweg aus der entstandenen Lage suchen. Der von Ludwig XVI. zu Anfang seiner Regierung als Mitarbeiter berufene energische Generalkontrolleur und Minister für Handel, Finanzen und innere Angelegenheiten, der bekannte Volkswirt Torgot, schlug schon im Jahre 1774 vor, das Hauptprivileg von Adel und Geistlichkeit abzuschaffen und auch diese beiden Stände zur Steuerzahlung heranzuziehen. Turgot führte den Freihandel für Getreide ein, schaffte den staatlichen Frondienst für den Straßenbau ab und verkündete die Aufhebung der Zünfte. Sobald er aber diese Maßnahmen bekannt gegeben hatte, wurde er auf Drängen der ihm zürnenden Adligen und Geistlichen, die ihre Privilegien verteidigten, im Jahre 1776 entlassen. Die meisten seiner Reformen wurden rückgängig gemacht.

Necker

Der Genfer Bankier Necker, der ihn bald als Leiter des Finanzressorts ersetzte, führte seine Reformen mit geringerer Entschiedenheit durch. Er befreite die auf den königlichen Domänen arbeitenden Leibeigenen. Um wenigstens etwas die Verschwendung staatlicher Mittel einzuschränken, gab er ein Verzeichnis der Pensionen und das Staatsbudget der Öffentlichkeit bekannt. Jedoch auch ihn traf das Schicksal Turgots; auf Drängen des Adels und der Geistlichkeit entließ ihn der König.

Im Jahre 1787 berief Ludwig XVI. Abgesandte von Adel und Geistlichkeit, die Notabeln und forderte ihr Einverständnis zur Einführung einer allgemeinen Grundsteuer in ihren Ländern. Als ihm Adel und Geistlichkeit die Zustimmung zu dieser Forderung verweigerten, entließ der König die unbotmäßige Versammlung, die hartnäckig auf ihren feudalen Vorrechten bestand.

Die Geldkrise verschärfte sich weiter. Die Steuern auf Salz und Wein an die Generalsteuerpächter wurden auf mehrere Jahre im voraus verpfändet. Der Staat erzielte hieraus 235 Millionen Livres, die wiederum verschwendet wurden. Darüber hinaus lastete auf Frankreich in diesem Augenblick die hohe Ausgabe von zwei Milliarden Livres zur Unterstützung der nordamerikanischen Kolonien in ihrem Kriege gegen England sowie für die eigene Teilnahme an diesem Kriege.

Die königlichen Minister gaben gesetzwidrig Gelder aus, die für Invaliden und Krankenhäuser bestimmt waren.

Im Jahre 1788 stellte der Fiskus die Zahlungen ein. Der Staat befand sich am Vorabend des Bankrotts.

Abermals erhob sich in voller Schärfe die Frage nach der Besteuerung von Adel und Geistlichkeit.


Einberufung der Generalstände

Generalstände

Im Jahre 1788 war der König angesichts der ausweglosen Lage gezwungen, sich mit einer Einberufung der Generalstände einverstanden zu erklären, die seit 1614 nicht mehr zusammengetreten waren. Von ihnen, die sich aus den Vertretern der drei Stände Frankreichs zusammensetzten, hoffte Ludwig XVI. die Zustimmung zur Ausschreibung einer neuen Anleihe und neuer Steuern zu erhalten.

Da es aber Adel und Geistlichkeit ablehnten, Geld herzugeben, blieb dem König nichts anderes übrig, als sich auf das Bürgertum zu stützen. Er berief den im Bürgertum beliebten Necker wieder ins Amt zurück und beschloss, dem Dritten Stande die doppelte Anzahl von Abgeordneten zu gewähren. Geistlichkeit und Adel erhielten das Recht, je 300 Deputierte zu entsenden, dem Dritten Stand aber wurden (entsprechend seiner zahlenmäßigen Stärke) 600 Sitze zugebilligt. Unentschieden blieb dabei jedoch, in welcher Weise die Generalstände abstimmen sollten - nach Ständen oder namentlich. Im Falle einer Abstimmung nach Ständen hätte jeder Stand eine Stimme gehabt. Somit erhielten Adel und Geistlichkeit zusammen zwei Stimmen und damit die Mehrheit. Bei einer Abstimmung nach Köpfen hingegen, hätte der Dritte Stand über 600 Stimmen verfügt, d.h. die Hälfte der gesamten Stimmenzahl. In diesem Falle hätte das Bürgertum auch die Landgeistlichkeit und einen Teil des Adels auf seine Seite ziehen können.

Die Wahlen begannen. Die Vertreter der Stände gaben ihren Deputierten Anweisungen.
Der Adel und die hohe Geistlichkeit bewiesen mit schönen Worten, dass es nötig sei, ihre Vorrechte zu bewahren. Das Bürgertum dagegen forderte die Beseitigung der Standesvorrechte, die Befreiung des Handels und des Gewerbes von allen Behinderungen, und es verlangte schließlich politische Rechte.
Die Berichte der Bauern waren voll von Klagen über die Schwere der Feudalpflichten und der Abgaben, über die hohen Pachtsummen, über die Ungerechtigkeit, die in der Rechtsprechung der Gerichte waltete, und über die Härte der Seigneurs, die den Bauern ihr Land fortgenommen hatten.

An den Wahlen nahmen nur Steuerzahler teil, die ständig an einem bestimmten Platze wohnten. Daher ist es verständlich, dass als Vertreter des Dritten Standes Abgesandte des Bürgertums erschienen, vor allem der bürgerlichen Intelligenz, Rechtsanwälte, Notare und Ärzte. Kein Bauer, kein einziger Arbeiter gelangte in die Generalstände. Unter den Deputierten des Dritten Standes nahm das große Geld- und Handelsbürgertum die führende Stellung ein.

Mirabeau

In die Listen des Dritten Standes wurden auch der - von Geburt aus nicht zu ihm gehörige - verarmte Graf von Mirabeau und der ehrgeizige Abbé Sieyès aufgenommen. (Abbé = Abt. Abt ist eine geistliche Würde, gewöhnlich wird als Abt der Vorsteher eines Klosters bezeichnet; hier Abbé = Weltgeistlicher). Abbé Sieyès war durch seine Broschüre über den Dritten Stand berühmt geworden.

"Was ist der Dritte Stand?" fragte Sieyès in seiner Broschüre dieses Titels und antwortete darauf: "Die ganze Nation in Ketten und unter Bedrückung." "Was ist er in der Staatsordnung bisher gewesen? Nichts. Was begehrt er? Etwas zu sein."

Während sich Frankreich im Zustande einer tiefen Krise des feudal-absolutistischen Systems, der allgemeinen Empörung und der Bauernaufstände befand, während sich die Manufakturarbeiter und das städtische Proletariat erhoben, wurden die Generalstände eröffnet. Es war in Frankreich eine Situation entstanden: wo die unten nicht mehr so leben wollten und die oben nicht mehr so regieren konnten.


Von den Generalständen zur Nationalversammlung

Die Eröffnung der Generalstände wurde auf den 5. Mai 1789 festgesetzt. Um sich nicht lange von seiner geliebten Jagd zu entfernen zu müssen, berief der König die Generalstände nicht nach Paris, sondern nach Versaille ein. Auch die Hofpartei wollte die Generalstände nicht in Paris versammeln, weil sie die revolutionäre Stimmung der Bevölkerung in der Hauptstadt fürchtete.

Die Eröffnung der Generalstände erfolgte in einem feierlichen Akt. Prunkvoll, in weiße und violette Seidenmäntel gekleidet, erschien die Geistlichkeit, die Adligen in langen Röcken mit reicher Goldstickerei. Dem Dritten Stand hatte man befohlen, sich bescheiden in schwarzen Anzügen einzufinden. Als der König auf dem Thron Platz nahm und nach Gewohnheit den Hut aufsetzte, nahmen die Deputierten von Adel und Geistlichkeit das alte Vorrecht war und bedeckten ihre Häupter. Die Deputierten des Dritten Standes, die dem König auf den Knien und mit entblößtem Haupte gegenübertreten sollten, bedeckten zum allgemeinen Erstaunen ebenfalls ihre Häupter und hörten den König stehend an. Die Rede des Königs war kurz. Er verlangte die Hergabe von Geld, beklagte sich über die Erregung der Geister und warnte vor Neuerungen.

Am folgenden Tage versammelten sich die Adligen und die Vertreter der Geistlichkeit (jeder Stand in einem besonderen Raume) und befassten sich damit, ihre innere 0rganisation aufzubauen. Die Vertreter des Dritten Standes luden die Deputierten der beiden anderen Stände zu gemeinsamen Sitzungen. Das Bürgertum wünschte von Anfang an gemeinsame Sitzungen und namentliche Abstimmung. Aber die beiden ersten Stände lehnten ab. So verging mehr als ein Monat mit fruchtlosen Verhandlungen. Nachdem sich der Dritte Stand davon überzeugt hatte, dass ein Einvernehmen nicht zu erreichen war, schritt er am 12. Juni 1789 selbständig zur Prüfung der Vollmachten der Deputierten aller drei Stände. Am darauffolgenden Tage erschienen beim Namensaufruf drei Gemeindepfarrer, nach ihnen weitere 16 und bald schlossen sich ihnen fast alle Vertreter der Geistlichkeit an.

Am 17. Juni war der Namensaufruf beendet. Der Dritte Stand erklärte sich auf Sieyès' Antrag zum Vertreter der ganzen Nation, als Nationalversammlung, und beschloss, falls man sie auflösen sollte, weitere Steuerzahlungen zu verweigern. Der Abt Sieyès begründete diesen Beschluss damit, dass zum Dritten Stande 96 Prozent der gesamten Nation gehörten. Auch erklärte die Nationalversammlung, dass der König nicht das Recht habe, ihre Beschlüsse zu verzögern. So erklärten sich die Vertreter des Dritten Standes auf revolutionärem Wege zur höchsten Macht im Lande.

Ballhausschwur

Als sich die Nationalversammlung am 20. Juni, also nach drei Tagen, versammeln wollte, fand sie die Türen ihres Versammlungsraumes verschlossen. Es stellte sich heraus, dass Ludwig XVI., der die Tagung unterbinden wollte, unter dem Vorwand einer notwendig gewordenen Bauarbeit die Schließung des Raumes angeordnet hatte. Die Deputierten ließen sich aber dadurch nicht aufhalten. Sie versammelten sich im nächstgelegenen Raume, im Ballhaussaal (einem Raum, der für ein dem heutigen Tennis ähnliches Spiel bestimmt war). Dort schwuren sie mit großer Begeisterung, sich nicht zu trennen, bis eine Verfassung ausgearbeitet sei.

Da beschloss der König, ernste Maßnahmen zu ergreifen. Er setzte eine Tagung unter seinem Vorsitz an, um alle diese Beschlüsse aufheben zu lassen. Diese Sitzung fand am 23. Juni statt. Das Gebäude der Nationalversammlung wurde von einer starken Wache umstellt. Tiefes Schweigen der Deputierten empfing den König. Er hielt eine kurze Rede mit Drohungen und befahl den Deputierten, auseinanderzugehen und sich gesondert nach Ständen zu versammeln. Geistlichkeit und Adel gehorchten, die Volksvertreter jedoch blieben in schwelgendem Unwillen auf ihren Plätzen. Als der Zeremonienmeister die Weigerung der Versammlung auseinanderzugehen, bemerkte, wiederholte er den Befehl des Königs. Mirabeau antwortete mit lauter Stimme: "Gehen Sie und sagen Sie Ihrem Herrn, dass wir uns hier gemäß dem Willen des Volkes befinden und dass wir hier nur vor der Gewalt der Bajonette weichen werden." "Lasst uns in die Debatte eintreten", schlug Sieyès vor. Die Nationalversammlung setzte ihre Arbeit fort.

Tagung der Nationalversammlung

Seit diesem Tage schlossen sich - entgegen dem Verbote des Königs - auch Deputierte des Adels, der die Kraft des Dritten Standes fühlte, der Nationalversammlung an. Am 9. Juli 1789 ging die Nationalversammlung an die Ausarbeitung der Verfassung und erklärte sich zur Konstituierenden Versammlung.

Der König gab sich den Anschein, als habe er sich mit dem Bestehen der Nationalversammlung abgefunden, und befahl dem Adel und der Geistlichkeit, sich ihr anzuschließen. Dies geschah jedoch nur zum Schein; insgeheim fasste er den Entschluss, nun zur Gewalt zu greifen.

Versailles nahm das Aussehen eines Kriegslagers an. Der Saal der Nationalversammlung war wieder von einer Wache umstellt, Paris wurde von einem Truppenkontingent von 20.000 Mann umzingelt. Necker, der Anhänger des Bürgertums, wurde von neuem aus dem Amte des Generalkontrolleurs entlassen.

Alle diese Vorgänge riefen in der Hauptstadt große Aufregung hervor. Mittelpunkt der Zusammentreffen wurde der Garten eines der Schlösser, des Palais Royal. Als Rednertribüne diente ein Tisch; jeder Bürger konnte hier reden. Man sprach von den Gefahren und bestärkte sich in dem Entschluss, Widerstand zu leisten.

Als man in Paris die Entlassung Neckers erfuhr, sammelten sich das Volk zu einer großen Protestkundgebung. Ein Dragonerregiment, schweizer Söldner, warf sich auf die unbewaffnete Menge. Es ertönte der Ruf: "Zu den Waffen!" Ein französisches Garderegiment schloss sich dem Volke an. Am 12. Juli 1789 begann ein allgemeiner Aufstand. Man läutete die Sturmglocke. Das Volk, das im Rathaus (dem Gebäude des Stadtrates) versammelt war, beschloss, Abgesandte in die Bezirke zu senden, um auch dort die Bevölkerung zu bewaffnen. Am darauffolgenden Tage drang die Menge ins Arsenal ein und plünderte die Waffenkammern. Um die Zahl der Waffen zu erhöhen, ließ das Komitee, das sich im Rathaus gebildet hatte, 50.000 Piken schmieden. Es wurde fieberhaft gearbeitet. Die ganze Nacht über war die Stadt hell erleuchtet.


Einnahme der Bastille

Einnahme der Bastille

In Paris machte man sich bereit, den Kampf mit den königlichen Truppen aufzunehmen. Am 14. Juli 1789 verbreitete sich das Gerücht, die Kanonen auf der alten Königsfestung, der Bastille, seien auf die Stadt gerichtet worden. Es ertönte der Ruf: "Zur Bastille!"
Vier Stunden lang dauerte die blutige Belagerung, dann rückten Gardisten mit einer Kanone heran. Der Kommandant erkannte, dass die Übergabe unvermeidlich sei und stürzte sich mit brennender Lunte in den Pulverkeller, um die Festung in die Luft zu sprengen. Er wurde aber von den Soldaten aufgehalten. Die Soldaten öffneten die Tore der Bastille. Der Kommandant wurde getötet. Auf allen Straßen und Plätzen ertönten die Rufe: "Sieg, Sieg!"

In der Nacht vom 14. zum 15. Juli schlief in Paris niemand. Und niemand zweifelte jetzt mehr daran, dass die königlichen Truppen die Hauptstadt stürmen würden. Die ganze Bevölkerung ging daran, die Stadt zu befestigen. Man errichtete Barrikaden, riss das Straßenpflaster auf und zog Schützengräben. Man schmiedete Piken und goss Kugeln. Die Frauen schleppten Steine auf die Dächer, um sie von dort auf die Soldaten zu werfen. Man bewaffnete sich mit Flinten, Spießen und Knüppeln. Die von der Bürgerschaft aufgestellte Nationalgarde besetzte mit ihren Abteilungen die wichtigsten Punkte.

Im Rathaus bildete sich eine Selbstverwaltung der Stadt Paris, in der die Großbourgeoisie die Führung hatte. Schon während des Kampfes um die Bastille versuchten einige Schichten des Großbürgertums den Aufstand zu unterminieren. So hatte der Vorsteher der Kaufmanschaft der Stadt Paris, Flesselles, den Belagerern der Bastille Kisten mit der Aufschrift "Waffen" gesandt, die aber in Wirklichkeit mit Lumpen gefüllt waren. Die Aufständischen töteten Flesselles.

Als man Ludwig XVI. berichtete, dass sich Paris im Aufstand befinde und die Bastille gefallen sei, rief er erschreckt aus: "Nun, das ist also eine Revolte." "Nein Majestät, das ist keine Revolte, das ist eine Revolution", antwortete ihm einer der Hofleute.

Da sich der König nicht mehr auf das Heer verließ, fürchtete er sich, den Befehl zum Angriff auf Paris zu geben. Er erschien persönlich in der Nationalversammlung und kündigte an, dass er den Truppen den Befehl geben werde sich aus Paris und Versailles zurückzuziehen. Necker wurde erneut zum Generalkontrolleur ernannt. Führer der Pariser Nationalgarde war vom 15. Juli an der Marquis de Lafayette, ein angesehener Deputierter der Nationalversammlung und Teilnehmer am Unabhängigkeitskampf der amerikanischen Kolonien.

So endete das erste Vorgehen der Aufständischen, dessen politischer Charakter den Beginn der Revolution anzeigte, mit einem Sieg. Diesen Sieg benutzte das Großbürgertum, um den Erlass von Gesetzen zur Festigung ihrer Macht in die Wege zu leiten.



Fortsetzung IV

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