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Beiträge zur Geschichte  









Fortsetzung 10

Marlis Meergans, Eberhard Noll

Die Pariser Kommune

Die Frauen und die Kommune

Eine Frauenbewegung, war schon während der preußischen Belagerung von Paris festzustellen. Der Krieg mußte logischerweise die Aktivität der Frauen fördern. Diese Aktivität drückte sich später in den Stadtviertelkomitees, in denen die Frauen eine gewichtige Rolle spielten, wider. Der Einfluß der Stadtviertelkomitees war von großer Bedeutung und muß wie folgt eingeschätzt werden;

1. keine versöhnlerischen Illusionen unter den Frauen beim Waffenstillstand

2. Die Frauen nahmen aktiv an der Arbeit der Klubs teil. So war ihr Einfluß auf das politische Leben bereits bei der Vorbereitung des 31. Oktober 1870 erkennbar gewesen. (56)

3. Der Belagerungszustand hatte den Frauen die Notwendigkeit des gemeinsamen Kampfes gelehrt.

4. Die aktive Organisierung der Frauen im Klassenkampf.

"Die Frauen gingen zuerst vor..." schreibt Lissagaray, "... sie waren es auch die die Kanonen mit ihren Leibern deckten."

Die Hauptforderung der Frauen von Paris war Vorherrschaft der Kirche abzuschütteln. Mit der Ausrufung der Kommune wurde denn auch die Emanzipation der Frauen mittels der Erziehung nicht nur eine realistische sondern auch aktuelle Forderung. Nachdem die kirchlichen Einrichtungen ihre Tore geschlossen hatten, Übernahmen gerade die Frauen die Neugestaltung des Erziehungswesens. Eine wesentliche Neuerung dabei war, ein Erziehungssystem zu schaffen, daß auch den Bedürfnissen und Erwartungen der werktätigen Frauen entsprach. Hierzu gehörten neben Schulen die Einrichtung von Kindergärten. Eine Bürgerin der "Gesellschaft der Freunde des Unterrichts" unterbreitete der Kommune einen Plan zur Errichtung von Kinderkrippen.

Räumlichkeiten sollten in den von Arbeitern bewohnten Vierteln gut verteilt werden. Dieser Plan wurde von der Kommune angenommen, fand jedoch nicht mehr seine Verwirklichung. Aber das in den Briefen an die Kommune am häufigsten erwähnte Projekt war das einer Berufsausbildung für Frauen, das im unmittelbaren Zusammenhang mit der Emanzipation der Frau durch die Arbeit stand. Bürgerinnen der verschiedenen Klubs unterbreiteten der Volksbildungskommission einen Plan, der einen Wechsel von praktischer Arbeit und theoretischem Unterricht sowie der Erholung der Schülerinnen vorsah.

Am 12. Mai 1871 eröffnete die Kommune diesem Vorschlag folgend die erste Industrieberufsschule für junge Mädchen. Der 16. Stadtbezirk hatte schon am 4. April aus eigener Initiative damit begonnen Berufsschulen für Frauen zu gründen.

Die vor dem 18. März verbotene, gesetzlich nicht legitimierte Ehe einhielt nun auch rechtliche Grundlagen. Zwei Dekrete der Kommune gaben dem Verlangen nach Gleichberechtigung Ausdruck. Am 17. Mai wurde der Unterschied zwischen ehelichen und unehelichen Kindern aufgehoben und den Frauen von verwundeten oder gefallenen Nationalgardisten eine Entschädigung gewährt, ob sie nun gesetzlich verheiratet waren oder nicht. Diese beiden Dekrete sind deshalb so bedeutsam, da 26 % der Kinder in Paris unehelich waren.

Die Begeisterung der Frauen aus den Arbeitervierteln war auf Seiten der Kommune, und zwar bis zum letzten Tag. Anders dagegen verhielten sich die Frauen des Kleinbürgertums, die sich versöhnlerischen Illusionen hingaben. Nach dem ersten Bombardement von Paris durch die Versailler, waren es die Frauen des Kleinbürgertums, die glaubten, die unausweichlich gewordene Auseinandersetzung mit Versailles durch eine Aussöhnung zu beenden

"Bürgerinnen aller Klassen" las man in einem Aufruf am 3. April, "laßt uns der Nationalversammlung sagen, daß sie sich über das Recht hinwegsetzt ... Bürgerinnen gehen wir nach Versailles, damit Paris seine letzte Chance zur Aussöhnung wahrnimmt." (57)

Am 4. April machten sich 10 000 Bürgerinnen von Paris auf den Weg nach Versailles. Die Frauen erklärten, daß sie nach Versailles gingen, "um die Regierung aufzufordern keine Granaten mehr zu schicken." (58)

Es waren aber ausgerechnet die mörderischen Granaten von Versailles, die den Zug, noch ehe er sein Ziel erreichte, auseinandertrieben. Am 8. April erschien schließlich ein zweiter Aufruf, in dem es hieß: "Der Handschuh. ist geworfen, nun heißt es siegen oder sterben". (59) Es folgt ein Manifest, das von einer Gruppe 'von Bürgerinnen unterzeichnet war. Dieses Manifest war die Geburtsstunde des Frauenbundes für die Verteidigung von Paris. Die Wirksamkeit dieser Organisation setzte aktive Teilnahme zahlreicher und einheitlich handelnder Frauen voraus. Das Programm des Bundes war vor allem ein Kampfprogramm, in dem es unter anderem heißt: "Unterstützung der Tätigkeit der Regierungskommissionen durch Dienst in der Krankenpflege, beim Minenlegen und beim Barrikadenbau." (60)

Insgesamt hat die Kommune die Aktivität der Frauen nicht behindert, sondern im Gegenteil unterstützt. Sie unterstützte die Zusammenschlüsse der Frauen in finanzieller Hinsicht ebenso, wie durch bereitgestellte Räume. Sie ließ ihr Anschläge auf eigene Kosten drucken. Am 10. Mai hatte der Frauenbund bereits seine 20. Zusammenkunft. Die Frauen hatten in nahezu allen Vierteln von Paris Einfluß gewonnen. Die Kommune hatte erkannt, welche Stütze sie in den Frauen hatte, darum hatte sie viele von ihnen in den Verwaltungsapparat integriert, so daß unter der Kommune die Frauen zum ersten mal die Funktion von Gemeinderatsmitgliedern ausgeübt haben.

Am 6. Mai antwortet das Zentralkomitee des Frauenbundes auf einen Anschlag bürgerlicher Elemente, der die Frauen auffordere gegen den Krieg einzutreten und sich mit Versailles auszusöhnen. Das Gegenplakat hatte folgenden Wortlaut:

"Heute wäre Aussöhnung Verrat! ... Das hieße alles Trachten und Leiden der Arbeiter aufgeben ..., mit einem Wort, die Befreiung des Arbeiters durch sich Selbst ... Der gegenwärtige Kampf darf nur mit dem Triumph der Sache des Volkes enden. Paris wird nicht zurückweichen, denn es trägt die Fahne der Zukunft ... vereint und entschlossen, erwachsen und wissenden geworden durch die Leiden, die die Krisen der Gesellschaft immer nach sich ziehen, zutiefst überzeugt, daß die Kommune - die Repräsentantin der internationalen revolutionären Prinzipien der Völker ­ die Keime der sozialen Revolution in sich trägt, werden die Frauen von Paris, Frankreich und der Welt bewiesen, daß auch sie im Augenblick höchster Gefahr, auf den Barrikaden, auf den Wällen von Paris, wenn die Reaktion die Stadttore aufbräche, wie ihre Brüder ihr Blut und ihr Leben für die Verteidigung und den Sieg der Kommune, also des Volkes, zu geben wissen!

Es lebe die sozialistische Republik!

Es lebe die Arbeit

Es lebe die Kommune!" (61)

Seit dem 26. März nahmen die Frauen aktiv am Kampf gegen die Versailler Nationalversammlung teil. Schon vor dem Eindringen der Versailler in Paris gab es so viele Kämpferinnen, daß der Oberst der 12. Legion sie in der ersten Bürgerinnenkompanie zusammenfaßte. "Ich erlebte drei Revolutionen" kommentierte der Redakteur der Zeitung 'LE VENGEUR', "doch nun habe ich zum ersten Mal gesehen, daß sich auch voller Entschiedenheit Frauen beteiligen... Es scheint, daß diese Revolution genau die ihre ist und daß sie, indem sie sie verteidigen, ihre eigene Zukunft verteidigen." (62)

Die Pariser Presse

Weder der 18. März noch seine erster Ergebnisse führten dazu, daß die bürgerliche Presse in Paris ihr Erscheinen einstellte. Aber auch die Kommune selbst änderte viel zu spät ihre liberale Haltung gegenüber einer bürgerlichen Presse, die nicht nur reaktionär war, sondern offen für den Sturz der Kommune arbeitete. Zu spät gelangten die Kommunarden zu der Einsicht den Krieg an allen Fronten gegen ihre Feinde zu führen. Erst am 5. Mai verbot sie 7 der insgesamt 24 bürgerlichen Blätter.

Am 11. Mai wurden weitere 6 verboten und erst am 18. Mai, einige Tage vor der Niederlage der Kommune, die restlichen 11. Dabei ist nicht zu übersehen, daß ebenfalls etliche Blätter aus Versailles auf keineswegs geheimnisvollem. Weg nach Paris gelangten. Die Zeitungen der Kommune dagegen waren in Versailles verboten, und zwar von Anfang an. Diese Haltung, der Kommune gegenüber den bürgerlichen Hetzorganen trug unter anderem dazu bei, daß sich große Teile des Kleinbürgertums von der Kommune abwandten oder nur zögernd Lind zurückhaltend für die Verteidigung von Paris eintraten. "So konnte das Werk der Verleumdung Zersetzung, des Zweifels und der "Mutlosigkeit" (Zitat Lissagaray) gedeihen, denn die Versailler Blätter forderten unverhohlen die Massenerschießung der Kommunarden und ihrer Helfer sobald diese besiegt seien.

Es gab aber auch eine Fresse der Kommune. Ihre Blätter waren zahlreich, kämpferisch und voller polemischer Schärfe. Aber keines dieser Blätter brachte eine ganz bestimmte Richtung zum Ausdruck und wurden meist von Intellektuellen kleinbürgerlicher Herkunft herausgegeben. Trotzdem muß man der Presse der Kommune gerade hinsichtlich ihres Einsatzes für Neuerungen und für die Verbesserung der Lage der Werktätigen besondere Verdienste bescheinigen. Zwar hat sie sich nur schwer von der journalistischen Tradition des zweiten Kaiserreiches lösen können. "Sie begriff aber dennoch, daß in der neuen Gesellschaft die sie errichten helfen wollte, derjenigen die Zeitungsspalten zu öffnen seien, die politisch und militärisch die Hauptlast des Kampfes trugen: Den Pariser Proletariern." (63)

Die einfachen Leute, zumeist aus Arbeiterkreisen, machten sich völlig unbefangen und ungefragt zu ganz und gar aufrichtigen Korrespondenten dieses und jenes Blattes. "Ihr Stil war keineswegs immer glänzend, ihre Orthographie nicht immer einwandfrei. Das niedrige Bildungsniveau der unteren Schichten in dieser Epoche wurde hierbei deutlich. Aber die Zuschriften strömten gesunden Menschenverstand, logisches Denkvermögen, Witz und Energie aus." (64)

Ein anonymer Korrespondent schrieb am 19. April folgenden Brief:

"Sollte Paris auch unter Asche versinken, wir werden den Schuften von Versailles beweisen, daß wir beherzt für eine Sache zu sterben wissen, die wir als heilig ansehen." (65)






Anmerkungen:

53 Prosper Lissagaray ed. suhrk., S. 225
54 "Die großen 72 Tage" Jean Villain, S. 221
55 "Die Pariser Kommune von 1871" Bln. 1971, S. 178
56 Aufstand der Pariser Arbeiter unter der Führung Blanquis.
57 "Die Pariser Kommune von 1871" Bln. 1971, S. 145
58 ebenda S. 146
59 ebenda S. 147
60 ebenda S. 149
61 ebenda
62 "Die Pariser Kommune von 1871" Berlin 1971 S. 153
63 ebenda S. 141
64 ebenda
65 ebenda S. 142



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