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TEIL 2: STRATEGISCHE HAUPTLINIE DER PL/PI

a)

Bei der Strategiebestimmung steht die PL/PI vor der Schwierigkeit, daß der größte Teil der dafür erforderlichen analytischen Arbeit noch als Aufgabe für die nächste Zeit bezeichnet werden muß. Insbesondere bei der Einschätzung, der internationalen Widerspruchsdynamik, in die das westdeutsche und westberliner Kapital einbezogen ist und die dessen Zukunft entscheidend bestimmt, macht sich dieser Mangel bemerkbar. Aber auch analytische Einzelaufgaben, wie etwa Branchen- und Konzernanalysen, stecken bislang in den Kinderschuhen. Die jetzt notwendige Strategiebestimmung kann also nur von groben Einschätzungen ausgehen und ein gewisses Maß an Pragmatismus nicht vermeiden. Sie hat diesem Mangel Rechnung zu tragen, indem sie die Inangriffnahme jener, analytischen Arbeiten als einer der Hauptaufgaben bestimmt und überdies sicher stellt, daß die Ergebnisse dieser Arbeiten korrigierend auf die Praxis der PL/PI wirken werden.

Angesichts des hohen, den nationalen Grenzen längst entwachsenen Zentralisations- und Konzentrationsgrads des Kapitals und dessen organisatorischen und politischen Folgen - die aktive ökonomische Rolle der imperialistischen Staatsmaschinen und deren internationale Kooperation - können wir bei der Strategiebestimmung nicht auf eine katastrophische Totalkrise setzen, wie sie am Ende der 20er Jahre Ober die bürgerliche Gesellschaft hereinbrach;auch müssen wir zu Vermeidung einer falschen Rezeption der Verelendungstheorie in Rechnung stellen, daß die Ausplünderung der Völker Asiens, Afrikas und Lateinamerikas es gegenwärtig dem Kapital noch ermöglicht, den Reproduktionsstandard der arbeitenden Klasse in den imperialistischen Metropolen relativ hoch zu halten und auf diese Weise zu einem Mittel der Spaltung des internationalen Proletariats zu machen. Ausgebend jedoch von dem Zwang zur stetigen Steigerung der intensiven Ausbeutung, der verstärkt seit dem Ende der sogenannten Rekonstruktionsperiode auf dem westdeutschen Kapital ruht, ausgehend davon, daß der westdeutsche Staat aufgrund der Machtverschiebungen nach dem Zweiten Weltkrieg nicht über die politische Stärke verfügt, die erforderlich wäre, um die Expansionsinteressen der westdeutschen Kapitale in der internationalen Szenerie durchzusetzen, ausgehend schließlich von der strukturellen Unfähigkeit des kapitalistischen Staats,lenkend in die Wirtschaft einzugreifen ohne zu Teilkrisen beizutragen, -: versteht die PL/PI ihre Arbeit als Schaffung von Voraussetzungen für revolutionäre Situationen. Unter denen die Millionenmassen des Proletariats und der mit ihm verbündeten Schichten dem Kapitalismus ein Ende setzen können. Die zentrale Aufgabe in dieser Vorbereitung der proletarischen Revolution sieht die PL/PI darin, in den einzelnen Kämpfen des Proletariats - aber auch in den einzelnen Kämpfen der als Bündnispartner des Proletariats anzusehenden Schichten - die Bildung von Kampfeinheiten und künftigen Diktaturorganen der proletarischen und der mit ihnen verbündeten Massen voranzutreiben. In der Geschichte der Arbeiterbewegung erhielten diese Kampfeinheiten und Diktaturorgane des Proletariats den Namen "Räte"; die PL/PI ist nicht gewillt, auf diese historisch ausgewiesene Benennung zu verzichten.

Räumte die Kritik an der studentischen Rätediskussion der letzten Jahre zu Recht damit auf, an den Räten die Illusion einer allgemeinen Demokratie von unten zu nähren, so schüttet doch diese Kritik das Kind mit dem Bade aus, wenn sie die Räte-Frage als irrelevant beiseiteschiebt und auf diese Weise der Kaderorganisation die Aufgaben zuschreibt, die allein von den Räten, in denen sich die proletarische Klasse zur Durchführung ihrer Revolution und für die Ausübung ihrer Diktatur organisiert, wahrgenommen werden können. Gegen jene zu Recht kritisierte formal-demokratische Auffassung der Räte, oder gegen die professorale Version dieser Auffassung, die die Räte zu flankierenden Maßnahmen der parlamentarischen Diktatur der Bourgeoisie herunterbringen will, ist vielmehr der spezifisch proletarische und revolutionäre Charakter der Räte herauszustellen und dessen praktische Hervortreibung zum Zentrum der Anstrengungen zu machen.

Mit der großen Industrie, mit deren Zusammenfassung zu immer mächtigeren Einheiten brachte die bürgerliche Gesellschaft auch eine Konzentration des Proletariats hervor, die diesem zu seinen spezifischen Kampfbedingungen und -formen verhalf. Hatte zuvor das Proletariat nicht einmal volle Eigenständigkeit gegenüber dem radikal-liberalen Kleinbürgertum erreicht und konnte es sich aufgrund seiner tatsächlichen Zersplitterung im Produktionsprozeß auch nur in Analogie zu den bürgerlichen Parteien assoziieren, so brachte die vom Kapital forcierte Entwicklung der großen Industrie die Bedingungen hervor, diesen Zustand zu überwinden. Mit den gewaltigen Massenstreiks des Industrieproletariats, besonders um die Jahrhundertwende entwickelte das Proletariat die ihm eigenen Kampfformen und zeigte dabei zugleich, daß es zur Führung seines Kampfs fundamental anderer Organisationsformen bedarf als der, die es der revolutionären Periode des Bürgertums entlehnt hatte.

Es zeigte in diesen Massenstreiks, daß die im Nebeneinander von Gewerkschaft und Partei ihren institutionellen Ausdruck findende Trennung von ökonomischen und politischem Kampf die Ziele des Proletariats durchkreuzt, es zeigte aber in diesen Streiks vor allem, daß seinen revolutionären Zwecken nur die Organisation gerecht wird, in der sich im solidarischen Kampfzusammenhang der einzelne Proletarier zur Durchführung der Revolution und zur Leitung des gesamten gesellschaftlichen Lebens befähigen kann. Es war deswegen nur eine konsequente Folge dieser Voraussetzungen, daß in der revolutionären Krise im Gefolge des Ersten Weltkriegs überall aus den Streikbewegungen Räte-Organisationen entstanden, die sich als proletarische Machtorgane dem bürgerlichen Machtapparat gegenüberstellten und damit eine Phase der Doppelherrschaft einleiteten, die damals allerdings, außer in Rußland, überall zugunsten der Bourgeoisie entschieden wurde. Die Räteorganisation des Proletariats ging aus revolutionären Kämpfen hervor und zeigte damit von Anfang an, wodurch sie sich von anderen Massenorganisationstypen unterscheidet: Sie ist keine Sammlung, kein Verein, keine rote Insel inmitten der unangetasteten bürgerlichen Gesellschaft und auch keine Gewerkschaft, vielmehr vereinen sich in ihr die Kräfte, die von der Logik des Klassenkampfes her zusammenwirken müssen, um diesen Kampf zum siegreichen Ende führen zu können.

Die Räte sind in erster Linie Kampfeinheiten der proletarischen Massen; ihre Bildung, ihre Form, ihr gesellschaftlicher Ort, ihre Verbreitung, die Formen ihrer Interdependenz und ihres Zusammenschlusses etc. resultieren aus den Situationen des Klassenkampfs, wie der Zusammenhang von Massenstreiks und Betriebsrätebewegung zeigt. Der Verlauf der proletarischen Erhebungen zeigt überdies, daß die Räte keine autonomen, lokalen oder gar auf den jeweiligen Betrieb allein bezogenen Masseneinheiten bleiben können, sie müssen sich mit entsprechender Entfaltung der Klassenkämpfe zu einem zentralisierten Machtsystem der revolutionären Klasse und ihrer Verbündeten auf nationaler Ebene entwickeln. Zeigt schon die Analyse der materiellen Bedingungen, unter denen das Proletariat seine spezifischen Kampf- und Organisationsformen entwickelte, daß die Räte als Kampfeinheiten und Diktaturorgane der proletarischen und der mit ihnen verbündeten Massen nicht einem relativ unentwickelten und längst abgelegten Stadium der kapitalistischen Entwicklung angehören, sondern im Gegenteil gerade avancierte, durch große Industrie und fortgeschrittene Konzentration und Zentralisation charakterisierte Verhältnisse vorauszusetzen, so bestätigten die jüngsten Klassenkämpfe des französischen und des italienischen Proletariats die Richtigkeit dieser analytischen Einsicht.

Wiesen die Kampfformen der Pirelli-Arbeiter bereits alle Merkmale der Produktionsübernahme durch das assoziierte Proletariat auf, begannen im Mai 1968 Teile des französischen Proletariats (z.B. in Nantes) auf der Grundlage der Betriebsbesetzungen mit der von den Bedürfnissen, des Bürgerkriegs bestimmten Produktion und Distribution in eigener Regie, deckte überdies die Endphase der französischen Mai-Revolution als entscheidende Blöße des Aufstands die Tatsache auf, daß sich das Proletariat zu einem großen Teil die Besetzung der Fabriken durch die CGT-Funktionäre hatte aus der Hand schlagen lassen, - so zeigt das Studium all dieser Kampfereignisse, daß die Organisierung der proletarischen Massen in Kampfeinheiten gemäß ihrer Stellung in der Produktion und das Zusammenwirken dieser Kampfeinheiten als eine einzige Kraft die entscheidende Bedingung für den Erfolg jeder revolutionären Erhebung ist. Vor dem historischen Prozeß, an dem der revolutionäre und spezifisch proletarische Charakter der Räte-Organisierung zu studieren ist, muß auch die schematische Gegenüberstellung von ökonomischem und politischem Kampf des Proletariats kritisiert werden, die gegenwärtig unter dem Stichwort "die proletarischen Massen sind nur des Ökonomismus fähig" wieder einmal beliebt ist.

Der Ökonomismusvorwurf kritisiert mit Recht die Ansicht, daß aus Massenkämpfen für ökonomische Forderungen automatisch eine Eskalation der Kämpfe bis hin zur revolutionären Zuspitzung hervorgeht. Beschränkt sich der Ökonomismusvorwurf jedoch allein auf diese Kritik, so bleibt sein Beitrag zur korrekten Bestimmung der Strategie sehr geringfügig. Denn für die Strategiebestimmung ist es gerade von Interesse herauszufinden, unter welchen bestimmten Bedingungen ökonomische Massenkämpfe stattfinden und in welcher bestimmten Weise unter diesen Bedingungen ökonomische Massenkämpfe Momente enthalten, die über die Beschränktheit ihres ökonomischen Inhalts hinausreichen, an denen also die kämpfenden Massen ein höheres Niveau ihrer Kämpfe erringen können. Denn nur das genaue Studium dieser Momente kann eine Avantgardeorganisation in Stand setzen, die Massen bei dieser Erringung eines höheren Kampfniveaus praktisch anzuleiten. Der abstrakte Ökonomismusvorwurf stellt jede Avantgardeorganisation vor eine prekäre Konsequenz: Würde aus der richtigen Einsicht, daß aus ökonomischen Massenkämpfen nicht automatisch die entscheidenden politischen Kämpfe hervorgehen, die falsche Folgerung gezogen, daß die ökonomischen Massenkämpfe auch keine auf den politischen Kampf, auf die Revolution drängenden Elemente enthalten, so könnte die Avantgardeorganisation die politische Kampfdimention den kämpfenden Massen immer nur als fremde Perspektive weisen, dann stünde die Avantgardeorganisation vor der absurden Aufgabe, die Massen mit irgendwelchen Tricks zur Revolution zu überlisten: das Subjekt der Revolution wäre die Avantgarde, die proletarischen Massen aber wären nur deren übertölpelte Vollstreckungsgehilfen.

Der Ökonomismusvorwurf gegenüber Massenkämpfen des Proletariats entstammt denn auch meist einem mehr oder minder verdeckten Blanquismus, der der Anfangsgründe des wissenschaftlichen Sozialismus nicht mächtig ist, nämlich der Unterscheidung zwischen bürgerlicher und proletarischer Revolution. Das Bürgertum entfaltete die ihm eigene, die kapitalistische Produktionsweise nach der Feudalgesellschaft und hatte dementsprechend mit seiner politischen Revolution die politische Abstützung dieser im Wesentlichen durchgesetzten Produktionsweise zu erkämpfen. Keineswegs aber begann das Bürgertum erst in oder nach der politischen Revolution mit Entwicklung der ihm entsprechenden Produktionsverhältnisse. Das Proletariat hat es nicht so leicht. Es kann nicht in der bürgerlichen Gesellschaft die sozialistische Produktionsweise entfalten, um später mit der politischen Entmachtung der Bourgeoisie dies Werk zu krönen. Ebensowenig kann die politische Revolution des Proletariats von ihrem sozialistischen Inhalt gelöst und vorweg durchgeführt werden, weil die so etablierte „sozialistische“ Macht über keine sozialistische gesellschaftliche Basis verfügen würde und deswegen allenfalls zum Staatskapitalismus fähig wäre.

Wie es Aufgabe der sozialistischen Umwälzung ist, mit der Klassengesellschaft die Trennung zwischen politischer und gesellschaftlicher Sphäre aufzuheben, so beginnt sie mit einer Revolution, in der politischer und ökonomischer Kampf eine untrennbare Einheit bilden müssen. Im Unterschied zur bürgerlichen kann und muß die proletarische Revolution von dieser Einheit des politischen und ökonomischen Kampfs bestimmt sein, weil ihr ökonomischer Inhalt, nämlich die Aneignung der dem Proletariat als Kapital gegenüberstehenden Produktions- und Lebensbedingungen durch die proletarischen Massen, auf die Vernichtung der gesellschaftlichen Ursache aller Verselbständigung der politischen Macht gerichtet ist.

In den Räten als Kampfeinheiten und künftigen Diktaturorganen aber hat sich das Proletariat die Organisationsform zu schaffen, in der es fähig wird, den politischen mit dem ökonomischen Kampf zu verbinden, und so die proletarische Revolution siegreich durchzuführen.

b)

Sicherlich wäre es richtig, daß das Proletariat erst in revolutionären Situationen seine Räte-Organisierung zur vollen Entfaltung bringen wird. Aber so wenig wir mit in den Schoß gelegten Händen auf "die revolutionäre Situation" harren können, so wenig können wir die Räte-Organisierung der proletarischen Massen den spontanen Entwicklungen in einer solchen Situation anheim stellen. Vielmehr ist für die gegenwärtige Etappe zu bestimmen, welche Arbeit jetzt zu leisten ist, damit das Proletariat fähig wird, in einer solchen Situation das Rätesystem in seinem revolutionären Charakter voll zu entwickeln. In der Einheit von Untersuchung-Aktion-Organisierung im Proletariat beginnt die PL/PI heute mit dem Aufbau dieser Kampfeinheiten der proletarischen Klasse. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt im Betrieb, weil erst dort gemachte Fortschritte die entsprechende Arbeit in anderen Bereichen und unter anderen Schichten konsolidieren kann.

Auf Betriebsebene ist in der Einheit von Untersuchung-Aktion-Organisierung der Aufbau von Betriebsgruppen (in großes Betrieben: Abteilungs- und Werkgruppen) zu betreiben die nicht mit den Betriebszellen der Avantgardeorganisation zu verwechseln sind. In diesen Betriebsgruppen organisieren sich - tendenziell - alle Arbeiter, die durch den Produktionsprozeß unmittelbar miteinander verbunden sind, damit sie auf Betriebsebene den Kampf gegen die Kapitalistenklasse beginnen können und sich auf diese Weise das Fundament für weiterreichende Kämpfe schaffen. In diesen Betriebsgruppen wird in der Phase noch reduzierter Massenkämpfe nur die Minorität des Proletariats organisiert sein; notwendige Vorsichtsmaßregeln werden es überdies langezeit verbieten, diesen Gruppen den offenen Charakter zu geben, der ihnen als Massenorganisationen zukommt; schließlich wird es erst Resultat erfolgreicher Kämpfe sein, daß diese Gruppen während der Arbeitszeit ihre Haupttätigkeit entfalten können.

Trotz dieser schwierigen Ausgangsbedingungen darf beim Aufbau dieser Gruppen keinen Moment lang vernachlässigt werden, daß es sich um die Keime räteartiger Organisationen handelt, in denen die Masse der Proletarier durch Diskussion, Schulung, Mitarbeit an der Agitation und Propaganda, Vorbereitung und Durchführung von Auseinandersetzungen und Kämpfen sich den revolutionären Standpunkt erarbeitet und sich befähigt, den revolutionären Kampf bis zum Sieg zu führen. (Vgl. im einzelnen Teil 3)

In der besonderen Situation Westdeutschlands und Westberlins, wo die Kämpfe des Proletariats noch nicht soweit entwickelt sind wie etwa in Frankreich oder Italien, fällt der revolutionären Intelligenz temporär die Aufgabe zu, bei dieser Organisierungsarbeit der proletarischen Massen initiativ mitzuwirken. Es versteht sich von selbst, daß damit nicht einem Voluntarismus der Intelligenz das Wort geredet wird.

Die Intelligenz kann keine proletarischen Klassenkämpfe inszenieren. Aber sie kann dem Proletariat helfen, die Widersprüche, denen es täglich ausgesetzt ist, mit der richtigen Perspektive und den richtigen organisatorischen Konsequenzen kämpfend auszutragen. Anstatt dem temporären Politisierungsvorsprung großer Teile der Intelligenz gegenüber dem Proletariat ratlos gegenüberzustehen oder gar daran zu gehen, die politische Betätigung dieser Teile der Intelligenz bis zu einer entsprechenden Entwicklung des politischen Niveaus der Arbeiterklasse zurückzuschrauben, gilt es vielmehr, diesen Politisierungsvorsprung als Hebel zur Entfaltung der proletarischen Klassenkämpfe zu begreifen und zu benutzen.

Weil es richtig ist, daß die revolutionäre Intelligenz aufgrund ihrer Herkunft und aufgrund der notwendigen Beschränktheit ihrer bisherigen Kämpfe sich den proletarischen Standpunkt erst noch erarbeiten muß, gerade deswegen ist es wichtig, die besondere Klassenkampfsituation in Westdeutschland und in Westberlin dazu zu nutzen, diese Teile der Intelligenz massenhaft in die Untersuchungs- und Organisierungsarbeit in den proletarischen Massen einzubeziehen und ihnen so die Gelegenheit zu schaffen, sich in der Einheit von Theorie und Praxis den proletarischen Standpunkt zu erarbeiten. Dies ist die korrekte Vorbereitung des Kampfbündnisses, das das Proletariat mit diesen Teilen der Intelligenz schließen wird; nur so wird das Proletariat eine Intelligenz vorfinden, mit der es zu seinen revolutionären Zwecken ein Bündnis schließen kann.

c)

Der Aufbau revolutionärer Kampf- und Machtorgane der proletarischen und der mit ihnen verbündeten Massen anderer Schichten ist die Hauptaufgabe der Kommunisten in der Vorbereitung der Revolution. Diese Aufgabe verlangt den Aufbau der revolutionären Avantgardeorganisation und gibt zu gleich die inhaltlichen Kriterien an die Hand, wie diese Kaderorganisation aufzubauen ist.

Der Streit, ob erst die Kaderorganisation oder erst jene Kampfeinheiten der Massen zu errichten sind, ist unergiebig und zeigt nur den Schematismus in den Köpfen der so Streitenden. Den Aufbau jener Kampfeinheiten der Massen dem Aufbau der Kaderorganisation voranzustellen, führt notwendig dazu, daß solche Massenarbeit unsystematisch, zufällig und ohne wissenschaftlich gesicherte Perspektive betrieben wird. Den Aufbau der Kaderorganisation jener Organisierungsarbeit unter den Massen voranzustellen, führt andererseits notwendig dazu, daß die Kaderorganisation eine voluntaristische Schreibtischgründung bleibt und allezeit damit beschäftigt sein wird, hinter den Massen her zu eilen, um sich zu verankern was bekanntlich oft genug dazu führte, daß solche "Avantgardeorganisationen" die Initiative der Massen auf das Maß einzuschränken versuchten, das dem eigenen, unentwickelten Niveau entsprach. Das jüngste Beispiel für diese Sorte "Avantgarde" bot die Unione dei Communisti Italiani.

Unter der vom Wissenschaftlichen Sozialismus gewiesenen Perspektive in der Einheit von Untersuchung-Aktion-Organisierung den Aufbau jener Kampfeinheiten der Massen betreiben, sich entsprechend den jeweiligen Aufgaben dieser Aufbauarbeit von Kampfeinheiten der Massen organisieren, die "natürlichen Kader" des Proletariats, die in dieser Organisierungsarbeit und in den entsprechenden Kämpfen als solche Kader hervortreten, zu den tragenden Kräften der Kaderorganisation machen - : dies ist der korrekte Weg des Aufbaus der Avantgardeorganisation des Proletariats.

Trotz der nicht zu übersehenden Unterschiede zwischen KPD/ML, KPD/AO und KB/ML sieht die PL/PI den gemeinsamen Hauptfehler dieser Initiativen zum Aufbau der proletarischen Avantgardeorganisation darin, daß sie den Aufbau der Kaderorganisation nicht an deren Hauptaufgabe, nämlich an der Aufbauarbeit jener Kampfeinheiten der Massen, betreiben. (Für die KPD/ML muß dies freilich zum guten Teil Behauptung bleiben, weil deren Vorstand und deren zentrale Veröffentlichungen wohl kaum ein zutreffendes Bild von der Gesamtorganisation vermitteln.)

Damit haben diese Initiativen leichtfertig das wichtigste Korrektiv für den Aufbau der Avantgardeorganisation aus der Hand gegeben. der Grundsatz, daß die Kaderorganisation die Massenkritik zu beherzigen habe, ist eine leere Präambelphrase, wenn die Kaderorganisation nicht daran arbeitet, die proletarischen Massen zur organisierten Hauptkraft der Klassenkämpfe und als solche kritikfähig zu machen. Theoreme, in denen das Primat der Theorie (so vorallem beim KB/ML und bei der KPD/ML-Führung) oder das Primat der einheitlichen Propaganda für die gegenwärtige Etappe (so vor allem bei der KPD/AO) behauptet wird, zeugen von jenem grundsätzlichen Fehler dieser initiativen zum Aufbau der proletarischen Avantgardeorganisation.

Die PL/PI ist der Auffassung, daß diese Initiativen zu Sekten verkommen und dementsprechend für den Aufbau der Avantgardeorganisation des westdeutschen und westberliner Proletariats bestenfalls keine oder sogar eine verhängnisvolle Rolle spielen werden, wenn es ihnen nicht gelingt diesen Hauptfehler in absehbarer Zeit zu korrigieren und den Aufbau der Avantgardeorganisation mit dem Aufbau der Kampforganisationen der proletarischen Massen konkret zu verbinden. Bei einer Korrektur dieses zentralen Punktes durch eine oder mehrere dieser Initiativen wird die PL/PI prüfen, ob damit nicht die Bedingungen geschaffen sind, mit der betreffenden Initiative unter der Perspektive einer Vereinigung zu kooperieren, um damit der möglichst bald zu erreichenden Vereinheitlichung der Aufbauansätze einer revolutionären Avantgardeorganisation des westdeutschen und westberliner Proletariats ein Stück näher zu kommen.

Die materielle Ursache für den gegenwärtigen Kampf mehrerer Linien beim Aufbau der proletarischen Avantgardeorganisation auf nationalem Niveau liegt in der Hauptsache, darin, daß beim gegenwärtigen Stand der Klassenkämpfe in Westdeutschland und Westberlin notwendig noch kein einheitliches Niveau der praktischen Anstrengungen vor allem beim Aufbau der Kampfeinheiten der proletarischen Massen erreicht sein kann. Entsprechend können die ideologischen Auseinandersetzungen zwischen den Linien erst dann den bornierten Boden akademischer Gefechte um die richtige Exegese der Klassiker verlassen und zur weitertreibenden Auseinandersetzung um die richtige Strategie werden, wenn wir sie auf der Grundlage erweiterter Praxis in der proletarischen Massen führen können.

Zur Herausbildung der proletarischen Avantgardeorganisation auf nationalem Niveau wird die PL/PI dementsprechend dadurch beizutragen versuchen, daß sie mit den anfangs notwendig lokalen Ansätzen einer korrekten Verbindung des Aufbaus von Kader- und Massenorganisation die Kooperation anstrebt, diese Ansätze in jeder Weise unterstützt, an deren Vereinheitlichung und schließlich an deren organisatorischer Vereinigung mitarbeitet.

Verlangt so schon der auf nationaler Ebene einheitlich,organisierte Klassenkampf eine Niveauhebung der einzelnen Kämpfe und Anstrengungen, so gilt dies noch viel mehr für einen einheitlichen internationalen Klassenkampf in der gegenwärtigen Etappe wird der Internationalismus notwendig noch abstrakte Züge tragen, wird im Aufnehmen von Erfahrungen, in der Propagierung internationaler Kampfsolidarität zwischen den verschiedenen Fronten des sozialistischer Kampfs und in Solidaritätsaktionen bei einzelnen Anlässen bestehen. International koordinierte Einzelkämpfe, etwa der Arbeiter eines Konzerns mit Niederlassungen in verschiedenen Ländern oder der Arbeiter einer Branche, die sich bei Streiks nicht mehr international gegeneinander ausspielen lauen, oder schließlich Streikboykotts gegen kolonialistische und imperialistische Projekte, sind jedoch als die Punkte zu begreifen, an denen das abstrakte Stadium des Internationalismus zu überwinden ist, sind also in das Zentrum unserer internationalistischen Praxis zu rücken. Diese Praxis ist von Anfang an ein konstitutives Element nicht nur bei der Herausbildung der Avantgardeorganisation, sondern ebenso beim Aufbau der Kampfeinheiten der proletarischen und der mit ihnen verbündeten Massen.

Teil 3: Die nächsten Aufgaben der PL/PI

Quelle: Plattform, verabschiedet vom 2. Plenum 1970, GLASNOST-Archiv




 




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