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Beiträge zur Theorie  










Hartmut Krauss

Dialektische Totalität und kritischer Humanismus

Leo Koflers Beitrag zu einem subjektwissenschaftlich fundierten Marxismus

Einleitung

Gut zehn Jahre nach der Epochenwende von 1989 hat sich eine fatale weltweite Grundkonstellation herausgebildet, die ich in ihrem Wesenskern als ‚Fortschrittswiderspruch‘ begreife. Einerseits ist eine qualitative Vertiefung, zunehmende Verflechtung und wachsende Beschleunigung mehrdimensionaler objektiver Krisenprozesse in der kapitaldominierten „postrealsozialistischen“ Weltarena zu konstatieren: Die ökologische Zerstörung schreitet trotz pseudoeinsichtiger Absichtserklärungen von supranationalen Instanzen voran; die globale und nationale Verteilungsungerechtigkeit verschärft sich; an Stelle einer neuen Weltordnung des Friedens, der partnerschaftlichen Harmonie und Zivilität entstehen und verfestigen sich zunehmend Zonen der Verelendung und Barbarisierung; in den entwickelten kapitalistischen Ländern grassieren chronische Massenarbeitslosigkeit, soziale Erosion und kultureller Verfall. Immer auffälliger tritt die grundlegende Konzeptions- und Ratlosigkeit der systemtragenden Kräfte einschließlich der ‚politischen Klasse‘ zu Tage. D.h.: Es ist von einer objektiv-real gegebenen Entwicklungsnotwendigkeit der Systemtransformation auszugehen. Andererseits sticht aber gerade angesichts dieser objektiven Problemverdichtung der vollständig unzulängliche Zustand des „subjektiven Faktors“ bzw. des „praktisch-kritischen Tätigkeitsniveaus“ potentiell transformationskompetenter Akteure ins Auge.

Angesichts der Menge, Komplexität und Vielschichtigkeit von krisenhaften Umbrüchen, gesellschaftlichen Auflösungserscheinungen, der Überalterung von ehemals „bewährten“ Institutionen/Regulativen etc. wächst zwar subjektseitig der Bedarf nach restabilisierender Orientierung und Sinngebung: Sich krisenhaft verändernde Wirklichkeit und das Bedürfnis nach neuer Wirklichkeitsinterpretation scheinen zu konvergieren. Das Mißliche ist nun aber, daß zu diesem weltanschaulich-politisch sensiblen Zeitpunkt der Marxismus als kritisch-emanzipatorischer Theorie und Handlungsentwurf unrettbar diskreditiert und obsolet erscheint. Die Aufklärung und Marx sind tot - so lautet im Zeichen der interessierten Gleichsetzung der originären Marxschen Theorie mit Stalinismus und „Realsozialismus“ die frohe Botschaft der systemkonformen Verklärer der spätkapitalistischen Zivilisation.

In Anbetracht dieser Konstellation erscheint die Neuschöpfung einer potentiell hegemoniefähigen gesamtgesellschaftskritischen Theorie auf der Höhe der Zeit als unabdingbare Voraussetzung, um perspektivisch zu einer progressiven Lösung des anskizzierten ‚Fortschrittswiderspruchs‘ zu gelangen. Eine solche Neuschöpfung erfordert als erste unverzichtbare Voraussetzung die Herausarbeitung der originären Wesenszüge der Marxschen Theorie als radikale Alternative zu den tradierten und zählebig fortexistierenden parteidoktrinären, ökonomistischen und politizistischen Verzerrungen. Eine solche Zielsetzung muß nicht etwa bei Null anfangen, sondern hätte zunächst jene Werke relativ isoliert gebliebener Theoretiker außerhalb des parteimarxistisch-legitimationsideologischen ‚mainstream‘ sorgfältig-kritisch zu rekapitulieren, die für einen nichtökonomistischen, kritisch-humanistischen,, subjekt-und tätigkeitstheoretisch „aufgeklärten“ Marxismus stehen und/oder einzelwissenschaftlich relevante Beiträge dazu geleistet haben. In diesen Kontext von Bemühungen, gegenüber der vorherrschenden parteidoktrinären Marxismusversion die materialistisch-dialektische und kritisch-humanistische Substanz des unvollendeten Gesamtwerkes von Marx und Engels rekonstruktiv und weiterdenkend zur Geltung zu bringen, gehört auch der theoretische Beitrag Leo Koflers.

Leo Kofler wurde am 26.04.1907 als ältestes von zwei Kindern jüdischer Eltern, die selbst Grundbesitzerfamilien entstammten, in einem kleinen Ort Ostgaliziens im äußersten Nordosten der damaligen österreich-ungarischen Habsburgermonarchie geboren. Nach dem Einmarsch der zaristischen Armee im ersten Weltkrieg flieht Kofler mit Mutter und Schwester nach Wien, wo die Familie die revolutionären Umbrüche 1917/1918 erlebt. Koflers Sozialisation erfolgt im „Roten Wien“ der Zwischenkriegszeit. Während er unter dem Eindruck der Vorlesungen Max Adlers seine Leidenschaft für marxistische Theorie und Wissenschaft entwickelt, sammelt er gleichzeitig kritische Erfahrungen mit der attentistischen und kapitulatorischen Politik der Sozialdemokratie.

Nach dem Einmarsch der Hitlerfaschisten in Österreich im März 1938 flüchtet Kofler in die Schweiz und lebt dort in einem Lager für Emigranten in Basel. Hier kommt er in kommunistische Kreise und lernt in einer kommunistischen Buchhandlung die ästhetischen Schriften Georg Lukács‘ kennen. In diese entbehrungsreiche Zeit des Lagerlebens und des Arbeitsdienstes fällt Koflers theoretischer Reifungsprozeß. 1944 erscheint unter dem Pseudonym Stanislaw Warynski seine erste bedeutende Schrift „Die Wissenschaft von der Gesellschaft. Umriss einer Methodenlehre der dialektischen Soziologie“. 1948 erscheint „Zur Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft. Versuch einer verstehenden Deutung der Neuzeit“.

1947 übersiedelte Kofler von der Schweiz in die SBZ nach Halle, wo er die Professur für Geschichtsphilosophie übernimmt und Direktor des Instituts für Historischen Materialismus wird. Nach sich zuspitzenden Dissensen mit der stalinistischen SED flieht Kofler schließlich Ende 1950 nach Westdeutschland. Hier bleibt er in der neuen Ära des Kalten Krieges als kritischer, zugleich antistalinistischer und antireformistischer Marxist ein marginalisierter Einzelgänger. Der Versuch, an der Frankfurter Universität unterzukommen, scheitert nicht zuletzt an Adornos Intervention. Immerhin wird Kofler vom SDS, den Gewerkschaften und weiteren fortschrittlichen Organisationen zu Vorträgen eingeladen; ebenso gibt es dann in den 60er Jahren unter dem Einfluß der außerparlamentarischen Oppositionsbewegung relativ zahlreiche Publikationsangebote der damals recht verbreiteten linken Zeitschriften. 1975 wird Kofler dann doch noch zum Honorarprofessor an der Universität Bochum ernannt.

Koflers Grundanliegen, die materialistisch-dialektische und kritisch-humanistische Substanz des Werkes von Marx und Engels zu rekonstruieren, erfolgt konsequenterweise in einem multifrontalen Kampffeld geistiger Auseinandersetzungen mit folgenden wesentlichen Antipoden:

a) der „zerstückelnd-isolierenden“ (ganzheitszerstörenden) Denkweise des geschichts- und gesellschaftstheoretischen Positivismus;

b) der sich künstlerisch-literarisch und philosophisch-gesellschaftstheoretisch artikulierenden nihilistischen Ideologie der spätbürgerlich-dekadenten Elite;

c) der mechanistischen, ökonomistischen und legitimationsideologischen Deformierung des Marxismus durch Stalin und die von ihm eingesetzte und geprägte Geistesbürokratie;

d) dem „ethischen Sozialismus“ als Ideologie der sozialreformistischen Bürokratie;

e) dem „Marxo-Nihilismus“ der Frankfurter Schule insbesondere in Gestalt der Konzeptionen von Adorno und Habermas sowie

f) dem subjektivistisch-nihilistischen Gehalt des Existenzialismus insbesondere in der Version Sartres.

In kritischer Konfrontation mit diesen und weiteren philosophischen Positionen und theoretischen Entwürfen arbeitet Kofler sein Verständnis der überlegenen Qualität der materialistisch-dialektischen und kritisch-humanistischen Grundgehalte der Marxschen und Engelsschen Theorie heraus.

Ausgehend von der theoretisch-methodologisch zentralen Bedeutung des Begriffs der gesellschaftlichen Totalität als dialektisch vermittelter Ganzheit sowie der Kennzeichnung des tätigen Menschen als Brennpunkt der gesellschaftlich-historischen Totalität wird in den folgenden Ausführungen Koflers Konzeption der menschlichen Subjektivität sowie deren klassengesellschaftliche Dissoziierung und Verformung rekapituliert sowie seine Konfrontation des marxistischen Humanismus mit der stalinistischen Ideologie dargestellt. Abschließend werden dann einige kritische Anmerkungen und Desiderata zu Koflers subjekttheoretischen Positionen vorgebracht.



Fortsetzung - I. Gesellschaftliche Totalität als subjektvermittelte dialektische Ganzheit











 

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