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Beiträge zur Theorie  










Martin Blumentritt

Zu K. R. Poppers "Kritschen Rationalismus" - Teil 4

Humes Kritik am Induktionsschluss haben wir schon als Folge seiner nominalistischen Kritik des Kausalitaetsbegriffs gekenzeichnet. Das Nacheinander von Ereignissen( post hoc) ist kein Wegen propter hoc. Der kausale Nexus selber ergibt sich nicht aus der Erfahrung, sondern ist Zutat des Subjekts. Die unbedingte universelle Verknuepfung zweier Ereignisse in der Zeit impliziert einen induktiven Schluss von vergangener zu zukuenftiger Erfahrung, die allerdings dann wiederum auf Erfahrung beruhen muesste, das ist ein vitioeser Zirkel, ein fehlerhafter Kreis.

"Alle Tatsachen betreffenden Vernunftserwaegungen scheinen auf der Beziehung von _Ursache_ und _Wirkung_ zu beruhen. Einzig mittels dieser Beziehung koennen wir ueber die Evidenz unseres Gedaechtnisses und unserer Sinne hinausgehen"(Eine Untersuchung ueber den menschlichen Verstand, S.42) "Ich wage es, den Satz allgemeingueltig und keine Ausnahme duldend aufzustellen, dass die Kenntnisse dieser Beziehung in keinem Fall durch Denkakte a priori gewonnen wird, sondern ausschliesslich aus der Erfahrung stammt, indem wir feststellen, dass gewissen Gegenstaende immerdar miteinander verbunden sind. Man lege einem noch so klugen und faehigen Menschen einen Gegenstand vor; ist ihm dieser gaenzlich fremd, wird er - trotz sorgfaeltigster Untersuchungen seiner sichtbaren Qualitaeten - nicht faehig sein, irgendeiner seiner Ursachen oder Wirkungen zu entdecken."(a.a.O S.43f)

Hume fuehrt die Gewohnheit (custom) oder Lebenspraxis(habit) ein, um zu erklaeren, warum wir aufgrund des einen Ereignis (z.B. Feuer) ein anderes (Hitze) erwarten.

"Das scheint die einzige Hypothese zur Erklaerung der Schwierigkeit zu sein, weshalb wir aus tausend Faellen etwas ableiten, das wir aus einem einzigen Falle, der sich doch in keiner Weise von ihm unterscheidet, nicht ableiten koennen.. Die Vernunft ist eines solchen Unterschieds nicht faehig. (...) Alle Erfahrungsschluesse sind somit Folgen der Gewohnheit, nicht der Vernunft."a.a.O. S.63)

Aussagen ueber den kausalen Nexus gelten demnach nur fuer die schon beobachteten Faelle. Ob sich Fallbewegungen in Zukunft auch so abspielen werden wie heute, waere damit unsicher und man kann sich getrost vom Eifelturm fallen lassen, vielleicht falsifiziert man ja damit das Fallgesetz. So ernst wird es dann aber nicht genommen:-)

Der Widerspruch des unheilbar gesunden Menschenverstandes ist tatsaechlich, auf der einen Seite der empiristischen Auffassung zu folgen, die Basis der Naturerkenntnis sei die sinnliche Erfahrung und deren Verallgemeinerung und auf der anderen Seite an die unbedingte Gueltigkeit der Naturgesetze zu glauben. Aus dem Induktionslogik folgt zwangslaeufig, dass z.B. das Fallgesetz eine blosse Hypothese sei und durch kuenftige noch nicht beaobachtete Faelle widerlegt werden koenne. Die Konsequenz teilt auch der "negative Empirismus" Poppers.

Nun hat es die Wissenschaft ja gar nicht mit der unabhaenig vom Menschenwerk existierenden Natur zu tun, deren Wahrnehmung man mit Hugo Dingler folgendermassen beschreiben kann:

"Die Natur ist ja 'fliessend'. Wir koennen das mit modernen Begriffen uns anschaulich machen. Denken wir uns die Begriffe durch einen 'Zeitraffer' beobachtet. Dann beginnt das Meiste sich zu veraendern, was uns vorher konstant erschien. Baumstaemme blaehen sich auf, totes Holz schwindet, Metallstuecke veraendern ihre Gestalt und ihre Oberflaeche, auch Steine schwellen an und ab etc. Und das ist alles schon durch die Betrachtung mit dem blossen Auge. Es gibt in der Natur nichts, was von vornherein und ohne Hilfsmittel als konstant angesehen werden kann. Wenn auch in der Gegenwart uns manches so vorkommen mag, man braucht nur einige Jahre zu warten um zu sehen, dass es sich in verschiedener Weise veraendert. Bloss aus dem Ansehen oder Anfuehlen heraus koennen wir keine Garantie fuer Unveraenderlichkeit uebernehmen. Und wenn wir Veraenderliches an solchem messen, das uns jetzt unveraenderlich erscheint, so haengt dann alles an der vermeintlichen Konstanz des Letzteren, fuer die wir keine Garantie haben."(H.Dingler, Die Ergreifung des Wirklichen, 1969 S. 155)

(Dingler arbeitet vorzueglich die Handlungen heraus, die ein Naturwissenschaftler vollbringen muss, um reproduzierbare und exakte Ergebnisse zu erhalten, mit seinem operationalistischen Ansatz - in Anlehung an Kant - kann man die historische Bedingtheit der objektiven Erkenntnisgewinnung seit der Neuzeit klar erkennen, obwohl die expliziten Formulierung konventionalistisch und dezisionistisch sind. Der Erlanger Konstruktivismus fuehrt seit den 60er Jahren diesen Ansatz fort.)

Die naive Betrachtung der Natur zeigt, dass ein Stein schneller zur Erde faellt als ein Blatt oder eine Feder vom Baum. Und der Rauch steigt nach oben. Solche Beobachtungen haben Aristoteles zu einer Falltheorie veranlasst, nach der jeder Koerper in der Welt seinen natuerlichen Ort haette, an dem er sich befindet oder dem er zustrebt. Die schweren Koerper wollen nach unten, die leichten nach oben. Die Fallgeschwindigkeiten waeren demnach in gleichen Medien ihren Massen proportional.

Das Fallgesetz, das von Galilei gefunden und von Newton mathematisch (Galilei stand noch keine Differentialrechung zur Verfuegung, wie die von Leibniz und Newton [Fluxionsrechnung] entwickelte) formuliert wurde, widerspricht also der Beobachtung. Allerdings wurde auch Galilei anlaesslich von Beobachtungen zur Korrektur gezwungen. Das Gesetz von Aristoteles fuehrte zum Widerspruch, dass aus ihm einerseits folgt, dass wenn man einen leichten und einen schweren Gegenstand koppelte, der leichte den schweren hindere schneller zu fallen (wie beim Fallschirm), andererseits sie aber schneller fallen muessten, wenn das aristotelische Gesetz gilt, das die Masse dafuer verantwortlich sei, wenn sie schneller fallen. Die Rolle des Medium bei Aristoteles, die umgekehrte Proportionalitaet von Dichte und Fallgeschwindigkeit, ist ebenso widerspruechlich. Mit dem Fallenlassen dieser Annahme faellt auch der Schluss, das kein Vakuum moeglich sein, der antike horro vacui. Und damit ist der Weg frei zu Ueberlegungen, wie Koerper im Vakuum gleich schnell fallen.

Das war moeglich, ohne dass ein Vakuum erzeugt werden konnte, das war mit den Pumpen der Zeit noch nicht moeglich. Diese Hypothese ist also durch abstrahieren von den natuerlichen Umstaenden aufgestellt worden, die als Stoerfaktor gelten. Die Fallformel gilt also als empirisch nicht widerlegbar. Alle widersprechenden Beobachtungen haben den Status von Abweichungen, nicht im Sinne bloss von Messungenauigkeiten, sondern auch als Folge von anderen noch zu findenden Gesetzen. Daher widerlegt auch die Quantenmechanik oder die Relativitaetstheorie nicht die Newtonsche Mechanik, sondern enthaelt sie als Spezialfall, z.B fuer kleine Geschwindigkeiten.

Die Dialektik von Zufall und Notwendigkeit, die sich in der Stoerfaktorentheorie und der Annahme invarianter Gesetze zeigt, besagt, dass beides untrennbar zusammengehoert. Je nach Stand der Forschung sind die unberuecksichtigen Faktoren noch nicht erkannt oder erkennbar oder entspringen der Freiheit oder theologisch: einem Wunder (das als Ausserkraftsetzung von Gesetzmaeissgkeiten definiert ist). Die Unerschuetterlichkeit der Naturgesetze steht immer schon fest und Widersprechendes wird als Stoerfaktor interpretiert.

Solange aber der empiristische Erfahrungsbegriff vorausgesetzt wird, hat Hume recht: "Es gibt Ursachen, die sich in der Hervorbringung einer bestimmten Wirkung voellig gleichfoermig und bestaendig verhalten, und es konnte bislang kein Fall des Versagens oder der Unregelmaessigkeit ihre Wirksamkeit entdeckt werden. Feuer hat jeden Menschen jederzeit verbrannt, Wasser ihn erstickt. Das Entstehen der Bewegung durch Stoss und Schwerkraft ist ein universales Gesetz, das bisher ausnahmslos gueltig war. (...) Freilich wenn irgendeine Ursache nicht die uebliche Wirkung hervorbringt, so schreiben das die Philosophen nicht einer Unregelmaessigkeit der Natur zu, sondern sie nehmen an, dass irgendwelche verborgene Ursachen in der besonderen Struktur der Teile die Wirksamkeit verhindert haben."(a.a.O. S.80)

Man koennte einen Einwand formulieren, dass wenn die Gesetzmaessigkeit der Natur nur mithilfe der Stoerfaktorentheorie in Einklang mit Beobachtungen zu bringen sei, sich dann niemals mit Sicherheit sagen liesse, ob die Natur wirklich gesetzmaessig sich verhaelt. Es handele sich also um puren Subjektivismus und in Wahrheit wissen wir nicht wie die Natur wirklich ist, wir haetten nur Interpretation der Natur, subjektive Deutungen, die der Gefahr unterliegen, falsifiziert zu werden durch Beobachtungen, die der Deutung widersprechen. Ein solcher Einwand koennte sich auf die Geschichte der Naturerkenntnis, auf den wissenschaftlichen Fortschritt, Theoriendynamik berufen. Die Forschung waere dann ein ewiges trial and error, ohne ein Ergebnis, das nicht irgendwann falsifiziert werden koennte.

Diese Auffassung ist falsch, dies kann man wiederum von Kant lernen. Denn wir haben es in den Wissenschaften spaetestens seit der Neuzeit nicht mit Beobachtungen von unabhaengigen Tatsachen zu tun, sondern mit Phaenomenen, die wir konstanthalten, von der Aussenwelt abschirmen, um Stoerungen zu unterdruecken und kleinzuhalten. Wir betrachten in der Wissenschaft die Natur niemals so, wie sie von sich aus, "an sich" ist, sondern so, wie wir sie zu unseren Zwecken in bestimmter Weise zurichten. Das Prinzip des "verum et factum convertuntur", das Wahre und das Gemachte fallen zusammen, entspricht dem der neuzeitlichen Wissenschaft. Dem Vico-Axion gemaess verstehen wir nur das vollstaendig, was wir selber gemacht haben.

Das verifizierende Experiment verfolgt also die Absicht, in der Welt die Konstanzen und reproduzierbaren Tatschen zu erzeugen, die der Natur immer schon unterstellt werden muessen. Wir bringen also etwas in die Natur hinein, was ihr "an sich" nicht zukommt. Diese Einsicht nennt man die kopernikanische Wende Kants. Hier die beruehmte Formulierung:

Die Naturforscher (Galilei und Torricelli) "begriffen, dass die Vernunft nur das einsieht, was sie selbst nach ihrem Entwurfe hervorbringt, dass sie mit Prinzipien ihrer Urteile nach bestaendigen Gesetzen vorangehen und die Natur noetigen muesse, auf ihre Fragen zu antworten, nicht aber sich von ihr allein gleichsam am Leitbande gaengeln lassen muesse; denn sonst haengen zufaellige, nach keinem vorher entworfenem Plane gemachte Beobachtungen gar nicht in einem notwendigen Gesetze zusammen, welches doch die Vernunft sucht und bedarf. Die Vernunft muss mit ihren Prinzipien, nach denen allein uebereinkommende Erscheinungen fuer Gesetze gelten koennen, in einer Hand, und mit dem Experiment, das sie nach jenen ausdachte, in der anderen, an die Natur gehen, zwar um von ihr belehrt zu werden, aber nicht in der Qualitaet eines Schuelers, der sich alles vorsagen laesst, was der Lehrer will, sondern eines bestallten Richters, der die Zeugen noetigt, auf die Fragen zu antworten, die er ihnen vorlegt." (Kant, Kritik der reinen Vernunft KRV, B XIII)

Die Gesetze der Natur sind also nur unter den Bedingungen erkennbar, die der Wissenschaftler produziert, die blosse Beobachtung und assoziative Verknuepfung wuerde nur zu Ergebnissen kommen, die auf ein blosses Nacheinander gehen, nicht auf Notwendigkeit. Die Form der Gesetzmaessigkeit ist vorher schon im Kopf des Forschers, er guckt nicht irgendwie wahllos aus der Waesche in die Natur hinein. Er hindert die Natur, sich beliebig zu veraendern, er arrangiert sie nach ideellen Prinzipien:

"Die Ordnung und Regelmaessigkeit also an den Erscheinungen, die wir _Natur_ nennen, bringen wir selbst hinein, und wuerden sie auch nicht darin finden koennen, haetten wir sie nicht... urspruenglich hineingelegt" (a.a.O. A 125)

Das klingt ja nun tatsaechlich auf den ersten Blick so, als ob wir Beliebiges in die Natur hineindeuten koennen und dass die Natur das so einfach zulaesst oder dass sich unsere Theorie von der Natur idealistisch konstruieren liesse, ohne dass wir auf Beobachtungen rekurrieren muessten. So sieht das allerdings Popper.

Oben wurde schon die eigentuemliche Deutung von Popper zitiert:

"Das zentrale Problem der Kritik der reinen Vernunft ist: Wie ist reine Naturwissenschaft moeglich? Mit 'reiner Naturwissenschaft' ...meinte Kant einfach Newtons Theorie." "Dies ist klar aufgrund der Metaphysischen Anfangsgruende der Naturwissenschaft von 1786, wo er eine Apriori-Deduktion von Newtons Theorie gibt."(Conjectures an Refutations S. 94, aehnlich Logik der Forschung XXIV und die von Hannsen Hrg. Schrift.

Aber das laesst sich in Bezug auf Kant nicht halten. Denn kurz nach der Formulierung heisst es:

"So uebertrieben, so widersinnische es also lautet, zu sagen: Der Verstand ist selbst der Quell der Gesetze der Natur...so richtig, und dem Gegenstande, naemlich der Erfahrung angemessen ist gleichwohl eine solche Behauptung. Zwar koennen empirische Gesetze, als solche, ihren Ursprung keineswegs vom reinen Verstande herleiten... Aber alle empirischen Gesetze sind nur besondere Bestimmungen der reinen Gesetze des Verstandes, unter welchem und nach deren Norm jene allererst moeglich sind... Der reine Verstand ist also in den Kategorien das Gesetz der synthetischen Einheit aller Erscheinungen,, und macht dadurch Erfahrung ihrer Form nach allererst und urspruenglich moeglich."(a.a.O. 127f)

Die Wissenschaften sind demnach als empirische Wissenschaft nicht zureichend bezeichnet, das Empirische ist nicht einmal das Wesentliche daran, richtige Wissenschaft hat ein ueberempirisches Moment. Aber ohne Anschuung, ohne Beobachtung kommt sie wiederum auch nicht aus. Empirische Gesetze enthalten immer Konstanten, die sich nicht aus dem reinen Verstande ableiten lassen. Die besondere Bestimmung bedarf immer noch des Widerstandserlebnisses, das sich in den Messungen zeigt.

"Kants Darstellung der Methode der Naturwissenschaft als Versuch, 'die Elemente der reinen Vernunft in dem zu suchen, was sich durch ein Experiment bestaetigen oder widerlegen laesst', ist nicht operationalistisch zu interpretieren, denn wenn das Experiment nur die Realisierung ideeller Konstrukte in einem beliebig formbaren Material waere, so koennte es keine Widerlegung einer hypothetischen Annahme durch das Experiment geben: jedes Experiment ergaebe eine Bestaetigung, gleich welcher Theorie, es waere ueberfluessig. Zwar sind im Experiment konstruktive, operationale Bestimmungen vorgegeben, aber diese sind nicht dem Gegenstand einfach aufzuzwingen, sondern ebenso wie sie ihm aufgezwungen werden, auch nach ihm einzurichten."(P.Bulthaup, Zur sozialen Funktion der Naturwissenschaften. S. 86)

Hier wird also der Dualismus zwischen dem, was bei Popper die Basissaetze waeren und den Allsaetzen aufgeloest. Die Intention Poppers, dass die Theorien an der Wirklichkeit bewaehren sollen, dass sie ueberprueft werden koennen, ist bewahrt, ohne dass die Falsifizierbarkeit anhand der Ueberpruefung von Basissaetzen an der Empirie verabsolutiert wird, die ja ohnehin nur an aus einer neuen Theorie herleitbaren Basissaetzen erfolgen soll. Die Bildung von Theorie, bei Popper von Hypothesen, findet weder in einem erfahrungsfreien Raum noch aussergesellschaftlich statt, sondern ist integrales Moment gesellschaftlicher Praxis, der gesellschaftlichen Aneignung von Natur.

Popper begibt sich mit der Identifikation von Induktion und Induktionsschluss der Moeglichkeit, das Vermitteltsein der Hypothesenbildung und der Erzeugung der Bedingungen der Ueberpruefbarkeit zu begreifen, das was bei Kant das Konzept der synthetischen Urteile a priori leisten soll, die indes nicht auf die inneren Form der Erscheinungen gehen, welche als solche der positiven Erkenntnis verschlossen bleibt.

Das Geltungsproblem stellt sich fuer Popper unabhaengig von der Frage, wie die Beobachtungen zustande kommen und welche Funktion sie innerhalb der Wissenschaft haben. Wenn er kritisiert, dass die Protokollsaetze nur die mathematisierten Psychologismus darstellen, "in formale Redeweise uebersetzter Psychologismus"(Logik der Forschung S. 63) und ausdruecklich betont, dass wir keinen wissenschaftlichen Satz aussprechen koennen, der nicht ueber unmittelbare Erlebnisse hinausginge und wenn es der Satz ist "Hier steht ein Glas Wasser"(vgl. a.a.O. S.61), weil es sich beim Glas um einen "physikalischen Koerper von bestimmten gesetzmaessigen Verhalten" sich handele, dann lassen sich ihm zufolge auch keine Basissaetze durch Erfahrung rechtfertigen: "Basissaetze werden durch Beschluss, durch Konvention anerkannt, sie sind _Festsetzungen_" (a.a.O.S.71) Es liessen sich keine zwingenden Gruende angeben. Damit rueckt er dann doch in die Naehe des Konventionalismus von Neurath, den er gegenueber Carnap fuer einen Fortschritt haelt. "Neurath ..wirft damit, ohne es zu wollen, den Empirismus ueber Bord: Empirische Saetze sind gegenueber beliebigen nicht mehr ausgezeichnet; _jedes_ System kann vertreten werden, wenn man Protokollsaetze, die einem nicht passen, einfachen streichen kann... Neurath entgeht zwar _einer_ Form des Dogmatismus, aber er bereitet dafuer jeder dogmatischer Willkuer den Weg, sich als "empirische Wissenschaft aufzutun."(a.a.O. S.63)

Um dem zu entgehen sucht Popper methodische Regeln, um der Willkuer des Streichens oder Annehmens von Protokollsaetzen zu entgehen. Die Beschlussfassung ueber Basissaetze soll dadurch geregelt sein, dass die Basissaetze nicht isoliert betrachtet werden, sondern wir eine Theorie ueberpruefen und dabei Fragen aufwerfen, die durch Anerkennung von Basissaetzen beantwortet werden.(a.a.O. 71) Solche Beschluesse ueber Basissaetze sollen nur im Rahmen der Ueberpruefung der Theorie stattfinden (allerdings ist das bei Neurath nicht anders, angesichts seines Kohaerenzkriteriums fuer wahre Saetze). Ein Einverstaendnis ueber Basissaetze setzt aber dann voraus: ein Einverstaendnis ueber generelle Saetze, wie die Wiederholbarkeit von Experimenten usw.

Diese geregelte Beschlussfassung vergleicht er mit dem Spruch von Geschworenen in einer Gerichtsverhandlung, die eine nach dem quid facti ist, bei der das Gesetz in Anwendung kommt. Dies erinnert verdaechtig an Kantische Formulierungen, unterscheidet sich aber um wesentliche Nuancen. Der unvermeidliche Zirkel jeder Erkenntnis, der darauf beruht, dass die Wahrheitsbedingungen durch das Diktat des erkenntnisbemuehten Subjekt die objektive Wahrheit ermoeglichen, verwandelt sich bei Popper in eine vitioesen Zirkel, der darin begruendet liegt, dass er seine Kritik an der logisch-positivistischen Auffassung von Protokollsaetzen unter Beibehaltung der positivistischen Ontologie, die jener zugrundliegt, betreibt. Es laeuft darauf hinaus, per Dezision ein Einverstaendnis ueber singulaere Sachverhalte zu erzeugen und "fuer wahr zu nehmen"(Hegel), was als wahr zu erkennen verunmoeglicht ist. Das ist im Folgenden zu zeigen.


© Martin Blumentritt, Hamburg 1995

 Fortsetzung - Teil 5


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