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Gesellschaft für Kritische Sozial-
und Subjektwissenschaft


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Grundsatzerklärung der Gesellschaft für kritische Sozial- und Subjektwissenschaft

I. Die gegenwärtige geistig-politische Grundkonstellation als Ausgangspunkt

Der Epochenumbruch von 1989/1991 war und ist mit einer gravierenden geistig-politischen Regression verbunden. Unter den Trümmern des „Realsozialismus“, so lautet die suggestive Botschaft der spätbürgerlichen „Zeitgeistmonteure“, liege mitsamt der kommunistischen Bewegung auch die von Marx und Engels begründete Befreiungstheorie begraben. Emanzipatorische Projekte jenseits von globalisierter Kapitallogik, Marktwirtschaft und atomistisch-konkurrenzförmiger Vergesellschaftung gehörten nun endgültig der Vergangenheit an. Zur kapitalistischen Zivilisation mit ihren systemspezifischen Rationalitätsstandards gäbe es fortan keine Alternative mehr. Entsprechend wird das gesamte progressive Sozialerbe seit der Aufklärung in das undifferenzierte „Schwarzbild des Kommunismus“ hineingezogen und - zumindest tendenziell - zum Vorläufertum des „Gulag“ erklärt. Wer sich diesem neoliberalen/postmodernen Zeitgeist auf nonkonforme Weise zu entziehen gedenkt, der wird mit der latenten Drohung der „Exkommunikation“ aus politischen, akademischen, kulturellen etc. Diskursen konfrontiert, im Falle von unbotmäßigem Beharren marginalisiert und schließlich domestiziert.

Zentrales Kettenglied dieser hegemonialen weltanschaulichen Grundkonstellation ist die undifferenzierte Gleichsetzung der Theorie von Marx und Engels mit dem epigonalen ‚Parteimarxismus‘ insbesondere stalinistischer Prägung sowie den Konstitutionsmerkmalen des sog. „Realsozialismus“, ohne die qualitativen Brüche, ‚Verkehrungen‘ und Negierungen zwischen diesen disparaten Realitäten auch nur annähernd zu reflektieren. Der Niedergang des „Realsozialismus“ wird so in das endgültige Scheitern kapitalismustranszendierender Theorie und Praxis umgedeutet, während mit der Theorie von Marx und Engels zugleich das unverzichtbare wissenschaftlichen Fundament ‚moderner‘ emanzipatorischer Gesellschaftskritik entsorgt werden soll. Der „postrealsozialistische“ Kapitalismus vermeint auf diese Weise als letztgültige ‚Naturform‘ menschlicher Vergesellschaftung erscheinen zu können.

Der ‚strategische Sinn‘ dieses hegemonialen Deutungsmusters mit seiner kontrafaktischen Blindheit gegenüber dem globalen Zerstörungspotential des kapitalistischen Systemreproduktion besteht offenkundig darin, die (geschrumpften) Fortschrittskräfte von ihrer wissenschaftlich-humanistischen Orientierungsgrundlage zu isolieren und damit in ihrer Substanz zu treffen und zu zerstören. M. a. W.: Kapitalismuskritischer Reflexion und Praxis soll die rationale und moralische Basis entzogen werden.

Wer sich mit diesem triumphalistisch und variantenreich zelebrierten „Ende der Geschichte“ nicht abfinden will und angesichts der ungebrochenen globalen Krisenrealität nach wie vor eine progressive Gesellschaftsveränderung anstrebt, der muß sich mit dieser dominanten weltanschaulich-politischen Konstellation kritisch-systematisch auseinandersetzen und sich illusionsfrei der Tatsache stellen, daß - trotz punktuell-spontaner Unzufriedenheit der Beherrschten - ein festgefügter weltanschaulicher Grundkonsens zwischen bürgerlich-triumphalistischer (fortschrittsdefätistischer) Ideologie und erscheinungsfixiertem Alltagsbewußtsein existiert. Angesichts dieser ‚Hegemonialkonstellation‘ gibt es momentan nichts Praktischeres als die Erarbeitung von inhaltlichen und institutionellen/medialen Voraussetzungen für die Artikulation kritischer/konsensauflösender Wirklichkeitsinterpretationen in Verbindung mit dem Aufzeigen konkreter systemtransformatorischer Handlungs- und Problemlösungsperspektiven. Gesellschaftskritisch gemeinte Aktivitäten, die auf eine explizite Konfrontation mit diesem hegemonialen, aus der Gleichsetzungsthese abgeleiteten ‚Fortschrittsdefätismus‘ meinen verzichten zu können, sind letztlich aufgrund ihres ‚bewußtseinsabstrakten‘ bzw. unvermittelt-pseudokonkreten Herangehens zum Scheitern verurteilt.

II. Spätkapitalistische Widerspruchsdynamik und Krisenrealität als Ausgangspunkt

Im Gegensatz zur Vorherrschaft fortschrittsdefätistischer und „antikritischer“ Diskursformen, in denen die Not-Wendigkeit und Möglichkeit einer begreifenden ganzheitlich-dialektischen (gesamtgesellschaftskritischen) Wirklichkeitsanalyse bestritten und abgewehrt wird, hat sich im Zuge der Herausbildung des mikoelektronisch gestützten ‚postfordistischen Kapitalismus‘ eine neuartige Komplexität gesellschaftlicher Krisenprozesse und Widerspruchsdynamiken herausgebildet, die von den positivistisch verfahrenden Zweigen der systemkonformen Sozial- und Subjektwissenschaft völlig unzureichend reflektiert, wenn nicht gar verzerrt und irrationalisiert wird. Das gilt - neben den unterschiedlichen Richtungen der „postmodernen“ Philosophie - insbesondere für die diversen „Moderne“-Theorien, die Systemtheorie sowie die empiristische „Variablenpsychologie“ als den aktuellen „Eckpfeilern“ des akademischen Mainstreams.

Gegenüber diesen herrschenden Diskursformen ist zunächst folgende Grundeinsicht hervorzuheben:

Das kennzeichnende und phasenübergreifende Merkmal der Selbstorganisationsdynamik des Kapitalismus als höchster Entwicklungsstufe der antagonistischen Zivilisation ist die untrennbare widersprüchliche Einheit von Produktivität und Destruktivität, von Wohlstandsvermehrung und Armutserzeugung, von technischem Fortschritt und Zerstörung menschlicher und außermenschlicher Natur. Seit der ‚ursprünglichen Akkumulation‘ gleicht der ‚Fortschritt‘ im Kapitalismus jenem heidnischen Götzen, der seinen Nektar aus den Schädeln der Erschlagenen schlürft (MARX). Absolute und relative Armut, geistig-moralische Verelendung und multiple Naturzerstörung sind zugleich Folge und Voraussetzung, also Existenzbedingung kapitalistischer Systemreproduktion. „Die Bourgeoisie“, so Marx und Engels im Kommunistischen Manifest, „kann nicht existieren, ohne die Produktionsinstrumente, also die Produktionsverhältnisse, also sämtliche Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren“. Aber der Vektor dieser Umwälzungsdynamik zielt nicht auf die Entfaltung menschlicher Lebensverhältnisse für alle Gattungsmitglieder, sondern im Gegenteil auf die sich selbst beschleunigende Untergrabung menschlicher Selbsterhaltungs- und Entfaltungsvoraussetzungen im Weltmaßstab.

Die Perfektionierung der Profitproduktion, die Ökonomisierung des konstanten und variablen Kapitals, die wissenschaftlich-technische Verwohlfeilerung der Produktionsinstrumente, die bedarfsgerechte Qualifizierung und ‚Flexibilisierung‘ der Arbeitskräfte, die Umbrüche im Akkumulationstyp, die Internationalisierung der Organisationsformen und Handlungsräume der Monopolkapitale, kurzum: das spontan-aktive, konkurrenzförmige ‚Entgegenwirken‘ angesichts des tendenziellen Falls der Profitrate ist zugleich vielgestaltige Triebkraft der Untergrabung der Voraussetzungen/Möglichkleiten humaner Daseinsgestaltung für alle Gattungsmitglieder. Auch der ‚triumphierende (postrealsozialistische) Kapitalismus‘ erweist kontinuierlich seine Eigenschaft als strukturelle Blockade der Entwicklung des Menschen zum Gattungswesen. Sozialer Ausdruck der Einheit von Produktivität und Destruktivität ist heute die Polarisierung der Folgewirkung der kapitalistischen Systemreproduktion für die global vergesellschafteten Menschen.

Diese allgemeine Charakterisierung der Konstitution des Gegenwartskapitalismus, die hier der triumphalistischen Selbstbespiegelung und Mythenbildung der ‚westlichen Zivilisation` entgegengesetzt wird, stützt sich z.B. auf folgende analytischen Erwägungen und Tatbestände:

(1) Die Effizienz des kapitalistischen (Re-)Produktionstyps wird in den vorherrschenden Diskursen einseitig und selektiv am realisierbaren Konsumstandard von Teilen der Bevölkerung in den Ländern des metropolitanen Kapitalismus gemessen. Demgegenüber ist davon auszugehen, daß die globale Verallgemeinerung der (entwickelten) kapitalistischen Produktions-, Lebens- und Konsumweise gesetzmäßig zur Selbsteliminierung der menschlichen Gattung führen würde. Die Globalisierung des Industrialisierungsniveaus, Energieverbrauchs und der Automobildichte West- und Nordeuropas, Nordamerikas und Japans müßte zwangsläufig an der Belastbarkeit der Biospähre scheitern.

Die Krise des voll entfalteten ‚Fordismus‘ markiert demnach den qualitativen Umschlag in der Wirkungsweise der kapitalismusspezifischen Destruktivkraft. Als „energievergeudende und stoffverschleudernde Wirtschaftsweise par exellence“ wird die Fortexistenz der „kapitalistische(n) Produktionsweise, die eben nur auf die Einsparung bezahlter menschlicher Kräfte und bezahlter natürlicher Mittel achtet und für die die übrige Arbeitsbevölkerung eine willige Reserve und die übrigen Naturbedingungen freie Güter darstellen“ (Tjaden), zunehmend zu einem Gattungsrisiko.

(2) Wesentlicher Ausdruck der (makro-)systemischen Irrationalität der kapitalistischen Produktions-, Konsum- und Lebensweise ist die Steigerung des Wirtschaftswachstums durch zunehmenden Nachsorge-, Reparatur- und Kompensationsaufwand. D.h. ein wachsender Teil der gesellschaftlichen Produktion besteht aus ökonomischen Tätigkeiten, mit denen negative Konsequenzen des kapitalistischen Wachstumsprozesses ‚aufgearbeitet‘ werden müssen. Die scheinbare Effektivität des kapitalistischen Reproduktionstyps entschlüsselt sich unter diesem Aspekt als Sekundärverwertung von selbsterzeugten ökologischen und sozialen Problemlagen, Mißständen und Defiziten.

(3) Im Rahmen einer ganzheitlichen formationstheoretischen Sichtweise kann nicht ein-seitig die innere Gestaltung und Regulation des entwickelten metropolitanen Kapitalismus ins Visier genommen werden. Vielmehr ist der Kapitalismus als widersprüchlich (antagonistisch) gegliedertes Weltsystem zu betrachten. In dieser Perspektive wird erkenn- und begreifbar, daß der relative Wohlstand im entwickelten (prosperierenden) Teil des kapitalistischen Weltsystems seine ‚organische‘ Voraussetzung hat in chronischem Hunger, Armut, Epidemien, Ressourcentransfer, Zerstörung von Lebensgrundlagen in seinen anderen unter- oder weniger entwickelten Teilen.

(4) Entgegen der apologetischen Legende, die kapitalistische ‚Marktwirtschaft‘ sei wesensmäßig mit ‚Freiheit‘ und ‚Demokratie‘ verflochten, ist hier grundsätzlich auf die strukturelle Amoralität bzw. den ‚ordnungspolitischen‘ Utilitarismus des Kapitalverwertungsprozesses zu verweisen. Nicht nur der deutsche Faschismus hat eindrucksvoll bestätigt, daß unter bestimmten Bedingungen totalitär-diktatorische und kriegerisch-expansive Strukturen nicht nur mit der Kapitalreproduktion kompatibel sind, sondern darüber hinaus auch ein probates strategisches Mittel darstellen, um eine gesellschaftlich verfestigte ‚Verwertungsblockade‘ aufzubrechen. Ganz in diesem Sinne schuf erst die gewaltsam-putschistische Installierung des militärfaschistischen Regimes in Chile die Voraussetzungen für die erste praktische Erprobung des marktradikalen-neoliberalen Gesellschaftskonzeptes. Auch Südkorea, Indonesien, Singapur, Panama sowie eine Reihe anderer, insbesondere lateinamerikanischer Staaten sind konkrete Beispiel für die strukturelle Harmonie von diktatorischen Regimen und kapitalistischer Profitwirtschaft. Zudem ist daran zu erinnern, daß jenseits der offiziellen Glitzerfassade auch heute noch inmitten der globalen Marktwirtschaft Kinderarbeit, Mädchen- und Frauenhandel, sexuelle Sklaverei und perverse Formen der Schuldknechtschaft existieren. In den entwickelten kapitalistischen Ländern ist wiederum eine systematische Aushöhlung der bürgerlich-parlamentarischen Demokratie zu konstatieren, die sich exemplarisch in zunehmenden Korruptions- und Finanzaffären, erpresserischem Lobbyismus sowie sinkender Wahlbeteiligung manifestiert.

Kennzeichnendes Merkmal der De-Zivilisierung der spätkapitalistischen Gesellschaft ist die zunehmende Durchdringung von ‚legalem‘ und ‚illegalem‘ Kapital in Gestalt der ökonomisch-politischen Verankerung des ‚organisierten Verbrechens‘. In diese kriminellen Subsysteme sind Staatsbanken, Waffenhändler, Finanzexperten, Mafiabosse, Drogenschmuggler, Politiker, Bankdirektoren etc. involviert, die in der Grauzone zwischen gesetzlich Erlaubtem und Unerlaubtem agieren. So hat sich parallel zur Herausbildung von legalen internationalen Märkten eine Internationalisierung der illegalen Waren- und Geldmärkte vollzogen, die häufig die gleichen Geschäftsbeziehungen und -verbindungen benutzen. Nach einem Bericht des amerikanischen Präsidenten Anfang der neunziger Jahre waren zum damaligen Zeitpunkt 60 Prozent der amerikanischen Banken in das „Weißwaschen“ von Geldern aus illegaler Wirtschaftstätigkeit verwickelt.

Diese hier nur ausschnittartig angerissene postfordistische Krisenrealität und Widerspruchsdynamik ist organisch verknüpft mit einem elementaren, sich zunehmend durchsetzenden systeminternen Paradigmenwechsel: Vom Industriekapitalismus mit seinen kennzeichnenden Produktionsmustern, Arbeitsverhältnissen, Kommunikationsformen, Reproduktionsmodi und Mentalitäten hin zum elektronischen Informations- und Dienstleistungskapitalismus. Hervorstechende Merkmale sind hier

a) die rapide Ausbreitung computergestützter Arbeitsprozesse im Zusammenhang mit einer extrem kurzen moralischen Verfallszeit von ‚hardware‘ und ‚software‘ und daraus hervorgehend eine quantitative und qualitative Bedeutungszunahme qualifizierter ‚immaterieller‘ Lohnarbeit;

b) die rasche Erzeugung und Markteinführung elektronischer Massenartikel (SAT-TV, PC, Computerspiele, Handy, Walkmen, CD-Player, Camcorder etc.);

c) die „Elektronifizierung“ von Dienstleistung via Internet (E-Kommerz, Telebanking, Teleshopping etc.) sowie

d) die Effektivierung und Ausdehnung einer gigantischen konsumistischen „Lifestyle-Industrie“ als Komplex aus Produktionskonzernen elektronischer Massenware, Telefongesellschaften, Kabelfirmen, Rundfunk-und Fernsehsendern, Filmstudios, Großkinos, Werbeagenturen etc.

Das Kernstück dieses neu zentrierten Kapitalismus ist der Informations- und Unterhaltungssektor (Infotainement-Telesektor), in dem „Medienware“ in Form von Übertragungsrechten, Filmlizenzen, Werbespots, Videoclips etc. mit überdurchschnittlicher Profitrate „gedealt“ wird und der gleichzeitig als Zentrum der warenästhetischen Globalisierung, d. h. der globalen Standardisierung von Konsumgewohnheiten und modischen Vorlieben dient. Kein Wunder, daß die weltweiten Werbeetats um ein Drittel schneller gewachsen sind als die Weltwirtschaft und dreimal so schnell wie die Weltbevölkerung. Von bescheidenen 39 Milliarden Dollar 1950 sind sie bis 1990 auf 256

Millarden Dollar gestiegen. Im Rahmen des elektronischen Informations- und Dienstleistungskapitalismus ist damit die konsumistische Massenkultur unwiderruflich zu einem reproduktionsnotwendigen Systembestandteil geworden, der allerdings eine gegensätzliche bzw. aporetische Funktionsstruktur aufweist: Ökologisch ist die konsumistische Massenkultur eindeutig destruktiv und im Falle ihrer weiter anwachsenden globalen Verallgemeinerung gattungsbedrohend. Ökonomisch ist sie als Mechanismus der Mehrwertrealisierung bei steigender Produktivität und wachsender Warenmenge systemnotwendig. Politisch ist sie unabdingbar in ihrer hegemonialen Definition des „guten Lebens“ sowie als Gratifikation/Kompensation für Entfremdung und vorenthaltene Realitätskontrolle. Kulturell wirkt sie persönlichkeitsdeformierend, anomieverschärfend und pathogenetisch. Kurzum: Sie ist kapitalnotwendig, hegemoniefähig und desaströs zugleich.

III. Kritische Anknüpfung an die Marxsche Theorie als Ausgangspunkt

Nach der noch bis vor kurzem weithin dominierenden (parteioffiziellen) Auslegungsvariante handelt es sich bei dem von Marx und Engels hinterlassenen Werk um eine in sich ‚geschlossene‘, ‚ein-deutige‘, sich aus drei Teilen zu einer homogenen Ganzheit vereinigenden Theorie, die lediglich - zwecks Plausibilitätssteigerung - im Nachhinein einige aktualempirisch bedingte Veränderungen erfordert. Im Rahmen dieser ‚parteimarxistischen‘ Denkweise wurde der gesamte Aussagereichtum der ‚Klassiker‘ in der Perspektive parteistrategischer Nützlichkeitserwägungen (u. a. Fundierung von „Siegesgewißheit“) selektiv eingeengt, pseudodidaktisch simplifiziert und so schließlich zu einer vulgärmaterialistischen Weltanschauungslehre umgemodelt. Die überlieferte Theorie wurde primär nicht mehr als Wissenschaft betrieben und weiterentwickelt, sondern nur noch durch die eingeengte Optik der Tagesinteressen des Parteikampfes hindurch wahrgenommen und so tendenziell zu einem Legitimationsinstrument verformt. In diesem Prozeß etablierte sich relativ rasch eine „Schicht“ von ‚Parteiideologen‘ als Vermittlern zwischen pragmatisierter/vulgarisierter Theorie und der Masse der einfachen Mitglieder. Dieser „geistesbürokratischen“ Funktionselite oblag es, aus dem hinterlassenen Werk ein möglichst geschlossenes ‚dogmatisches Lehrgebäude‘ ohne Inkonsistenzen, Lücken und historische Brüche zu basteln, das als ‚letztgültige‘ normative „Richtschnur“ galt. Auf diese Weise verkam die ursprünglich wissenschaftlich-emanzipatorisch konzipierte Theorie zur „Magd“ der Parteiführung.

Weder die orthodox-dogmatische Verteidigung/Konservierung dieses traditionellen ‘Parteimarxismus’ mit seinen zahlreichen (offenen und verdeckten) Behinderungen kritisch-kreativer Tätigkeit, noch die - tendenziell selbstzerstörerische - neorevisionistische Anpassung an bürgerliche (zeitgeistig-modische) Theorien/Denkschulen bietet eine vorwärtsweisende Perspektive im Interesse der Rekonstruktion einer gesamtgesellschaftskritischen Theorie auf der Höhe der Zeit. Auch eine bloß historisierend-museale Betrachtung der ‚klassischen‘ Theorie von Marx und Engels (gepaart mit einer hermeneutischen Zitatenverwaltung) im Sinne einer Gedenkstätte ‘Marx und Engels in ihrer Zeit’ ist hierfür nicht tauglich. Voraussetzung ist vielmehr zunächst der Bruch mit der parteimarxistischen Gläubigkeit bzw. unkritischen Bekenntnishaltung zum Werk von Marx und Engels. Die Marxsche (und Engelssche) Theorie in ihrer ‘klassischen’ Gestalt gilt es als ein offenes, unvollständiges, Lücken und Aussagewidersprüche aufweisendes, Irrtümer enthaltendes, entwicklungsbedürftiges System von wissenschaftlichen Aussagen, Begriffen und methodischen Regulativen zu reflektieren. Dieses entwicklungsoffene System in seiner historischen Bewegung, genannt ‚Marxismus‘ ist schon aufgrund seiner vielfältigen ‚epigonalen’ Verzerrungen sicherlich nicht ‘allmächtig’. Aber ohne die gründlich-vorurteilsfreie Aneignung dieses von Marx und Engels in die Welt gesetzten ‚offenen Werks’ ist ein Begreifen der Gegenwart bzw. eine konkret-historische Annäherung an die Wahrheit nicht möglich. Dabei ist der so verstandene ‚Marxismus‘ im Interesse seiner wesensidentischen Selbstreproduktion/Selbstoptimierung auf ‚kritischen Informationsaustausch‘ a) mit der sich widersprüchlich bewegenden Realität und b) mit konkurrierenden Ideen, Theorien etc. angewiesen und in diesem Prozeß zugleich ‚organisch‘ auf kritische Selbstreflexion gerichtet. In diesem Sinne ist der ‚Marxismusseinem Wesen nach eine entwicklungsoffene und -bedürftige Theorie mit einer dreistelligen kritischen Relation: gegenüber der gesellschaftlichen Realität, der vorherrschenden Ideenwelt und seinem eigenen je konkreten Ausarbeitungsniveau. Den Marxismus deformieren und tendenziell zerstören heißt demzufolge, den kritischen Informationsaustausch unterbrechen, ihn in ein geschlossenes System verwandeln; also ihn der Realität normativ vorgeben, konkurrierende Ideen a priori verdammen (statt inhaltlich zu kritisieren) und ihn absolut zu setzen.

Die fundamentale kritische Substanz der Theorie von Marx und Engel erschließt sich prägnant im kategorischen Imperativ des revolutionären Humanismus, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ (Marx). Diese parteilich-wertende revolutionär-humanistische Grundhaltung stellt das vermittelnde Bindeglied dar zwischen theoretischem Begreifen und praktischen Eingreifen, zwischen wissenschaftlich-theoretischer und praktisch-kritischer Tätigkeit. Zweitens erfaßt das kritisch-marxistische Denken die gesellschaftliche Wirklichkeit unter dem Aspekt der Historizität, also mit Blick auf deren Gewordenheit, Widersprüchlichkeit, Vergänglichkeit und Überwindungsnotwendigkeit. Drittens ist die Marxsche Theorie in ihrer orginären (wesensidentischen) Gestalt Kritik antagonistischer Herrschaftsverhältnisse par exellence; dabei stets um das Aufdecken der objektiven und subjektiven Voraussetzungen und Möglichkeitsbedingungen der menschlichen Emanzipation bemüht. Der ‚Marxismus‘ wäre demnach als inhaltliche (begrifflich-methodische) Gestalt der kritischen Vernunft in der bürgerlich-kapitalistischen Epoche der antagonistischen Zivilisation zu kennzeichnen. Sein Signum ist die Begründung der historisch-transitorischen Not-Wendigkeit der kapitalistischen Vergesellschaftungsweise. Dabei ist sein zentrales Orientierungsprinzip das Aufdecken und geistige Verarbeiten von realen Widersprüchen, d.h. sein materialistisch-dialektisches ‚Herangehen‘. Nur so kann ihm „die kritische Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der wirklichen gesellschaftlichen Bewegung“ (Marx) gelingen.

Demnach wäre der kritische ‚Marxismus‘ in allgemeiner Form zu kennzeichnen als Theorie der Genese, Bewegung und Aufhebung insbesondere der gesellschaftlich-historischen Widersprüche. Dabei ist er selbst zu begreifen als Produkt der subjektiven, geistig-praktischen Verarbeitung jener konkret-historischen Widerspruchskonstellation, in die Marx und Engels biographisch hineingestellt waren und die sie vermittels der ihnen zugänglichen geistigen Quellen (Bedeutungen, Theorien, Erkenntnisse etc.) sowie praktisch-politischen Erfahrungen zu bewältigen vermochten.

Der ‚Marxismus‘ ist demgemäß nicht nur wissenschaftlich-theoretischer Leitfaden zum kritischen, materialistisch-dialektischen Begreifen der Realität, sondern zugleich auf kritisches Eingreifen, auf ‚revolutionäre, praktisch-kritische Tätigkeit‘ ausgerichtet. Bindeglied zwischen theoretischem Begreifen und praktischem Eingreifen ist seine bereits benannte parteilich-wertende Position im Sinne des zitierten ‚kategorischen Imperativs‘. Dieser funktionalen Wechselwirkung von Theorie und Praxis bzw. Begreifen und Eingreifen abträglich ist die Konservierung bzw. Fixierung einer bestimmten, konkret-historischen Ausarbeitungsform des ‚Marxismus‘; so als wollte man mit den (partei-)marxistischen Aussagen z.B. der 20er und 30er Jahre die Probleme von heute in einer strukturell durchgreifend veränderten spätkapitalistischen ‚Systemumwelt‘ erklären.

Demgegenüber ist nochmals nachdrücklich hervorzuheben, daß die Entwicklung die Daseinsweise des kritischen ‚Marxismus‘ ist. Dieser Status verpflichtet den ‚Marxismus‘ zur fortlaufenden kritischen Aneignung und Aufarbeitung der Ergebnisse der modernen Wissenschaftsentwicklung; denn nur vermittels dieser produktiv-kritischen Auseinandersetzung vermag er ‚auf der Höhe der Zeit‘ zu sein. Dabei besteht die Kunst darin, den ‚Marxismus‘ real, d.h. auf nichtrevisionistische Weise weiterzuentwickeln und dabei gleichzeitig auf nichtdogmatische Art sein kritisch-revolutionäres Wesen zu wahren.

Eine herausragende grundlagentheoretische Aufgabe gesamtgesellschaftskritischer Sozial- und Subjektwissenschaft besteht heute darin, die Theorie von Marx und Engels im Interesse der vollen Nutzung ihres Potentials von Entstellungen zu befreien, die ihr von bürgerlicher, sozialreformistischer und vor allem stalinistischer Seite zugefügt worden sind. Um diese Entstellungen bzw. Fehlinterpretationen kenntlich zu machen, reicht es allerdings nicht aus, vorwiegend politische Aussagen/Auffassungen von Marx und Engels sowie von herausragenden Vertretern der parteimarxistischen Bewegung wie Lenin, Rosa Luxemburg, Trotzki u.a. mit der stalinistischen Weltanschauungslehre zu kontrastieren. Um zu einem vertieften Verständnis des tragfähigen Potentials der Theorie von Marx und Engels zu gelangen, gilt es - neben der genaueren Sondierung des Charakters ihres Werkes - zum einen die theoretisch-ideologischen und historisch-politischen Voraussetzungen/“Vorbahnungen“ der stalinistischen Verzerrung aufzuhellen (vgl. AKM 1997) und zum anderen die intensiven Rekonstruktionsbemühungen bezüglich der materialistisch-dialektischen und kritisch-humanistischen Substanz des Gesamtwerks von Marx und Engels aufzugreifen, die vom parteimarxistischen Mainstream entweder verdammt oder aber weitestgehend ignoriert wurden. Das gilt zum einen für die umfangreichen Arbeiten des „westlichen Marxismus“ (z. B. Lukàcs, Gramsci, die frühe „Frankfurter Schule“, Bloch, Marcuse, Kofler, Lefebvre u.a.), aber auch zum anderen für eine Reihe von Beiträgen seitens marxistischer Wissenschaftler aus den ehemaligen „Ostblockländern“ (z. B. Wygotski, Leontjew, Lurjia, Galperin, Rubinstein, Iljenkow, Lektorski, Budapester Schule, jugoslawische Praxisgruppe, Schaff, Kolakowski u.a.). Verharrt man in der politischen Geschichte des Parteimarxismus und läßt das reichhaltige Potential dissidenter oder außerhalb der kommunistischen Bewegung stehender ‚marxistischer‘ Theoretiker ebenso unbeachtet wie die philosophisch und humanwissenschaftlich vorwärts weisenden Ansätze aus den ehemaligen „Ostblockstaaten“, dann bleibt ein reichhaltiges Anknüpfungspotential für ein zukunftsfähiges kritisches Marxismusverständnis verschlossen.

Die Herausarbeitung des anthropologisch-tätigkeitstheoretischen bzw. emanzipatorisch-‚praxisphilosophischen‘ Kerngehalts der Marxschen Konzeption bietet auch eine vorzügliche Grundlage für die überfällige Überwindung des (im bürgerlichen Wissenschaftsbetrieb institutionalisierten) Auseinanderreißens von gesellschaftlicher (objektiver) und individuell-menschlicher (subjektiver) Entwicklungslogik. Auf menschlichem Entwicklungsniveau bildet das von Marx in der dritten Feuerbachthese vermerkte Zusammenfallen des Änderns der Umstände, der menschlichen Tätigkeit und der Selbstveränderung der Menschen den primären Inhalt der Bewegung, Entwicklung und Differenzierung der mit der sozialhistorischen Subjekt-Objekt-Dialektik verbundenen Widersprüche: Es entsteht ‚Kultur’ als historisch sich bewegendes gegenständlich-bedeutungshaftes Ensemble von Lösungsmitteln zur Verarbeitung von Widersprüchen zwischen geschichtlichem Subjekt und äußerer (natürlicher und gesellschaftlicher) Realität. ‘Leben’ heißt ‘Tätig-sein’, und ‘Tätig-sein’ (Tätigkeit) ist subjektive Widerspruchsverarbeitung. Tätigkeit in Form der ‚subjektiven Widerspruchsverarbeitung‘ ist demnach das zentrale Paradigma bzw. die konstitutive „Vermittlungskategorie“ zwischen gesellschaftlichem System und individuellem sowie kollektivem Subjekt, mit deren Hilfe der erkenntnistheoretische Dualismus von ‚Subjektivismus‘ und ‚Objektivismus‘ durchbrochen werden kann.

IV. Theoretisch-politische ‚Selbstverortung‘ als Ausgangspunkt

Die Arbeit an einer kritischen Sozial- und Subjektwissenschaft im Anschluß an die emanzipatorisch-tätigkeitstheoretische Grundsubstanz der von Marx und Engels begründeten Theorieentwicklung setzt eine konturenscharfe Positionierung bzw. Abgrenzung im umkämpften Feld der richtungsdivergenten theoretisch-politischen Diskurse voraus.

Selbstverständlich ist hier zunächst die grundsätzliche Frontstellung gegenüber den dominanten Grundströmungen des herrschenden spätbürgerlichen Denkens in Gestalt des parteiübergreifenden Neoliberalismus sowie des religiös, nationalistisch oder ethnizistisch untersetzten Konservatismus, die vielfach in national und kulturspezifisch variierenden Formen eine wechselseitige Durchdringung und Verflechtung aufweisen. Während der Neoliberalismus durch eine ‚marktreligöse‘ Lobpreisung der selbstregulativen Gestaltungskraft der Kapitalbewegung gekennzeichnet ist und diese systemapologetische Sichtweise mit einem dogmatischen Technikfetischismus bzw. technologischen Optimismus kombiniert, reaktiviert der Konservatismus die Werte und Normen traditionaler Herrschaftskultur (Autorität, Gehorsam, heteronome Disziplin, Verzichtsbereitschaft etc.), ohne den prinzipiellen Nihilismus bzw. die strukturelle Amoralität der spätkapitalistischen Systemreproduktion auch nur ansatzweise zu reflektieren. Insbesondere das Nicht-Begreifen-Können des anomischen Potentials der systemnotwendigen und zugleich deformierenden konsumistischen ‚Massenkultur des Habens‘, die neben der elementaren Profit- und Konkurrenzlogik den eigentlichen Nährboden für den reklamierten Werte- und Sittenverfall bildet, verweist auf den kennzeichnenden Grundwiderspruch der neoliberal-konservativen Ideologie, nämlich die eigentümliche Diskrepanz zwischen marktradikaler ökonomischer Modernisierungsattitüde einerseits und dem gleichzeitigen Festhalten an traditionellen Werten und Verhaltensmaximen andererseits, die im Kontext der spätkapitalistischen Reproduktionsweise längst ausgehöhlt und partiell bereits dysfunktional geworden sind. So sind im Zeichen des „globalen“, „elektronisch vernetzten“ und „beschleunigten“ Kapitalismus mittlerweile konterkarierende Postulate wie „Durchsetzungsfähigkeit“ und „Flexibilität“ an die Stelle von „Anständigkeit“, „Bodenstädigkeit“ und „Zuverlässigkeit“ getreten. In der Quintessenz beklagen die neoliberal-konservativen Kräfte die kulturellen Folgen, die von dem von ihnen fetischisierten kapitalistischen Marktprozeß erst erzeugt worden sind. Sie strapazieren die unhaltbare Utopie „der Versöhnung eines modernisierten Kapitalismus mit der wiederbelebten Ordnung sittlicher Normen und religiöser Gefühle, die in vorbürgerlichen Gesellschaften entstanden sind, für die Entwicklung des Kapitalismus auch durchaus ‘funktional’ waren, von diesem in seiner eigenen Entwicklungslogik aber ... ’aufgezehrt’ wurden“ (Herkommer).

Ist das neoliberal-konservative Denken kennzeichnend für die ökonomisch-politische Herrschaftselite, so hat sich in weiten Teilen der geistig-kulturellen Funktionselite die Ideologie der ‚Postmoderne‘ festgesetzt. Kernaspekt dieses sich in den letzten 20 Jahren im Gefolge der „geistig-moralischen Wende“ sukzessive etablierenden ‚Postmodernismus‘ ist die normative Durchsetzung eines neuen „Wissenschaftsverständnisses“, das de facto auf die Zerstörung der Gesellschaftswissenschaften nicht nur als kritisch-humanistisch ausgerichteter Disziplinen, sondern generell auf die ‚Entwissenschaftlichung‘ gesellschafts- und subjektbezogener Denktätigkeit hinausläuft. Als undifferenziert-regressive Reaktion auf unterschiedliche Spielarten eines deterministischen Fortschrittsglaubens (Technologischer Optimismus, Hegelianismus, mechanistischer Parteimarxismus) artikuliert und mobilisiert das postmoderne Denken einen aggressiven/pauschaldenunziatorischen „Affekt gegen das Allgemeine“ (Honneth). Nicht nur, daß aufgrund der Nichterfüllung der fortschrittsdeterministischen Verheißungen auf die prinzipielle Aussichtslosigkeit praktisch-kritischer Wirklichkeitsveränderung „kurzgeschlossen“ wird, sondern darüber hinaus wird das gesamte Konstitutionsensemble der ‚kritischen Vernunft‘, d.h. die kognitiven Funktionsmomente begreifenden Denkens als Prämisse emanzipatorischer Praxis zur Wurzel aller „modernen“ Übel erklärt. Die Weigerung bzw. das Unvermögen, zwischen instrumenteller und kritischer Vernunft zu unterscheiden, führt im postmodernen Denken zur Tabuisierung, ja Verteufelung des Denkens von Zusammenhängen, der Aufschlüsselung des Verhältnisses von Einzelnem, Besonderem und Allgemeinem sowie der Vermittlung von Analyse und Synthese. Der erklärte Feind des postmodernistischen Beliebigkeitsdogmas ist somit das begreifende Erkennen als begriffliche Analyse der Entstehungsursachen, Entwicklungszusammenhänge und konstitutiven Beschaffenheitsmerkmale von Realitätsstrukturen. Nicht etwa nur die fortschrittsdeterministischen Zukunftsentwürfe, sondern generell jedwede nichtsingulären theoretischen Erkenntnisabsichten, noch dazu in Verbindung mit einem kritisch-emanzipatorischen Interesse, werden in das „Schmähbild“ der „Großen Erzählungen“ hineingezogen und entsprechend abgewehrt.

Die durch den Epochenumbruch und die dadurch verursachte bürgerliche Triumphpropaganda bedingte allgemeine geistige Verunsicherung hat zahlreiche „Linke“, darunter nicht wenige ehemalige ‚MarxistInnen‘, veranlaßt, sich bürgerlichen Denkmoden, -schulen und dominanten geistigen Strömungen anzupassen. Der erlittene Schock (darin eingeschlossen die abrupte Zerstörung der verinnerlichten Formeln des „gläubigen“ Parteimarxismus) hat offensichtlich ein teils sentimental-irrationales, teils karrieristisches Aussöhnungsbedürfnis mit der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsform hervorgerufen. Der Kapitalismus als höchste Entwicklungstufe der antagonistischen Zivilisation soll nicht mehr überwunden, sondern nur noch immanent ‘verbessert’ werden. Im Zentrum dieser theoretisch-weltanschaulichen Metamorphose (mit dem Verzicht auf die Transformationsperspektive als ‘hartem Kern’) steht der abstrakte Begriff der ‘Moderne’, der die konkret-gesellschaftlichen struktur- und prozeßtheoretischen Einsichten von Marx und Engels mißachtet. Der analytische Gehalt des Kapitalismusbegriffs wird bestenfalls noch für die Produktionsweise gelten gelassen, während der schillernde ‘Moderne-Begriff’ als übergreifende Leitkategorie verabsolutiert wird. Vollständig verfehlt wird in diesem neorevisionistischen Diskurs die Selbstnegation der Moderne in ihrer bürgerlich-kapitalistischen Form, die den Kernprozeß der neueren Geschichte bildet und in der faschistischen Barbarei ihren bislang sichtbarsten Ausdruck gefunden hat. Übersehen wird nämlich, daß den Konstitutionsprozessen der ‘Moderne’ bereits an der Wurzel der Charakter ihrer bürgerlich-kapitalistischen Verkehrung untrennbar eingeschrieben ist:

a) Die Auflösung feudaler persönlicher Abhängigkeits-, Knechtschafts- und Ausbeutungsverhältnisse gipfelte nicht in der allgemeinen menschlichen Emanzipation, sondern schlug um in die Etablierung moderner sachlich begründeter Herrschaftsverhältnisse und neuer Entfremdungsformen mit vielfältigen negativen Konsequenzen für die ‘freigesetzte’ menschliche Subjektivität.

b) Die aufklärerische Destruktion der mit Absolutheitsanspruch auftretenden Deutungsmacht der christlichen Religion verhinderte nicht die heroischen Illusionen der bürgerlichen Revolution: die geistige Verkennung der Realität in falschen Universalien und die Maskierung egoistischer Interessen in irreleitenden Allgemeinbegriffen.

c) Das durch die Säkularisierung begründete instrumentalistische Weltverhältnis und die Setzung von Mit-Menschen, Natur und Gesellschaft als Objekt individualistisch-monadischer Nützlichkeitserwägungen schuf nicht nur die Grundlage einer bislang ungekannten Reichtumsproduktion, sondern bildete ebenso die Basis für eine rasante Effektivierung der Herrschaftstechniken und Vernichtungsmittel sowie einer naturzerstörerischen Lebensart.

Die eherne Fundamentalillusion des Neorevisionismus/-reformismus beruht deshalb primär auf dem idealistisch-mechanistischen Aberglauben, die kapitaltypische Dialektik von Produktivität und Destruktivität systemimmanent ‚aufspalten‘ zu können und somit die Kapitalbewegung gleichsam durch Abtrennung ihrer destruktiven Potenz zu ‚humanisieren‘.

Eine tragische Konsequenz des Zusammenbruchs des „realen Sozialismus“ liegt offensichtlich auch darin, dererlei Aberglauben zu befördern sowie die Einsicht in die strukturelle Gesetzmäßigkeit der globalen Destruktivität des Kapitalismus entscheidend verschleiern zu helfen.

Die Kritik am illusionär gewordenen systemimmanenten Reformismus erfolgt gerade nicht von der Warte eines „utopischen Revolutionarismus“, der sich auf das „abstrakt Gute“ kapriziert und dabei die konkreten Mißstände übersieht, sondern umgekehrt vom Standpunkt eines kritischen Realismus: Der konkrete Mißstand wird zum Anlaß für eine „unzensierte“, allseitige, begreifende Analyse genommen, die das Ausmaß, die Tiefe, die „Systemvernetzung“ und die Persistenz der Problemkonstellation erst erhellt und von daher den verkürzten, nicht zu Ende gedachten, „romantischen“, voluntaristischen Charakter der systeminternen Reformverheißung transparent werden läßt und folglich korrigierbar macht. Es geht heute nicht (mehr) um das Entwerfen oder Rekonstruieren von abstrakten Utopien, sondern um die Entwicklung von gesellschaftswissenschaftlicher Phantasie/Antizipation realistischer (konkreter)Übergangsszenarien zu einer postantagonistischen, naturverträglichen demokratischen Informationsgesellschaft; was freilich die nachhaltige Dekonstruktion des illusionären Reformismus zur Voraussetzung hat.

Als Relikt der „parteimarxistisch“ deformierten kommunistischen Bewegungen stalinistisch-„realsozialisistischen“ (moskau-, peking-, oder tiranahörigen) Typs einschließlich ihrer binnenstrukturellen Kontrastorganisationen hat sich ein orthodox-dogmatischer Einstellungs- und Bewußtseinstyp herausgebildet und verfestigt, in dem die kritisch-dialektischen Potenzen der ursprünglichen Marxschen und Engelsschen Theorie als Erkenntnismethode und wissenschaftlicher Denkform weitgehend eliminiert sind. Im einzelnen weist dieser dogmatische Einstellungs- und Bewußtseinstyp, dessen Träger sich fälschlicherweise als Bewahrer der kommunistischen Ideale ausgeben, folgende Merkmale auf:

a) Umwandlung des ‚Marxismus‘ von einer kritischen (wahrheitsorientierten) Wissenschaft zu einem bloßen (kämpferisch-phraseologischen) Bekenntnisobjekt und erstarrtem Reservoir von Legitimationsformeln;

b) Ersetzung der Fähigkeit zu eigenständiger begreifender Wirklichkeits- und Selbsterkenntnis durch die Deklamation von Glaubensbekenntnissen sowie einfaches Wiederholen allgemeiner Grundaussagen der Klassiker;

c) Exzessive Beschwörung der ‚Gefährlichkeit‘ des Klassengegners als Mittel der Selbstentlastung bzw. Abwehr von Selbstkritik (Externalisierungshaltung);

d) Herstellung/Aufrechterhaltung einer (zwangsharmonischen) monolithischen Einheit als ‚Grundwert‘ mit Hilfe des bevorzugten Einsatzes administrativer Mittel anstelle von Überzeugungsmethoden;

e) Tendenz zum ‚Proletkult‘/Ouvrierismus in Gestalt spekulativer Beschwörung der schlummernden Potenzen der immer noch undifferenziert und verklärt wahrgenommenen Arbeiterklasse in Verbindung mit theoriefeindlich/antiintellektuellen Einstellungen;

f) Fixierung eines realitätsfremd gewordenen Arsenals von Denkmustern, ‚Kampfbegriffen‘, Symbolen, Metaphern, Losungen, Parolen etc., die einer vergangenen industriekapitalistisch zentrierten ‚Klassenkampfepoche‘ mit dem materiell-handarbeitenden Industrieproletariat als Fokus entstammen und heute angesichts grundlegend gewandelter (Re-)Produktionsstrukturen und politisch-kultureller Rahmenbedingungen nur noch desorientierend wirken bzw. ihre Träger gänzlich unglaubwürdig erscheinen lassen.

Was den Dogmatismus nach dem Zusammenbruch des „realen Sozialismus“ sowie dem damit verbundenen Niedergang der (europäischen) kommunistischen Bewegung demnach so anachronistisch und obsolet erscheinen läßt, ist die Verbindung von empirisch-ausschnitthaft bisweilen zutreffender Anprangerung kapitalistischer Mißstände bei gleichzeitigem Verharren in überkommenen, inadäquat und dysfunktional gewordenen Denkschablonen und Sichtweisen: mechanistisches Geschichtsdenken, ökonomistisches Gesellschaftsbild, Parteimythos, einfach-negatorisches Verhältnis zu nichtmarxistischen Theorien etc.

Zudem ist folgendes zu bedenken:

Aufgrund der stalinistischen Determination und Durchdringung insbesondere auch der deutschen kommunistischen Bewegung (KPD, SED, DKP, SEW) sowie der herrschaftspolitischen Perversionen der „real-sozialistischen“ Regime hat der Begriff ‚Kommunismus‘ bzw. ‚KommunistIn‘ seine weltanschaulich-moralische Eindeutigkeit und Trennschärfe verloren. In neuem Sinne KommunistIn sein - das heißt als VerfechterIn einer klassenlosen, herrschafts- und ausbeutungsfreien menschlichen Solidargemeinschaft denken, fühlen und handeln - ist heute nur noch möglich als wissenschaftlicher (wissensdurstiger), gesamtgesellschaftskritisch-emanzipatorischer Humanist - im Unterschied zum 'gläubigen' pseudomarxistischen (losungs- und weisungshungrigen) Parteisoldaten traditionskommunistischer Prägung.

Trotz zum Teil gravierender ökologischer, wirtschaftlicher, sozialer, soziokultureller und politischer Krisenprozesse und Widerspruchskonstellationen existiert in Deutschland keine progressive gesamtgesellschaftskritische (systemoppositionelle) Partei oder politische Bewegung. Schon aus diesem Grund kann eine Gesellschaft für kritische Sozial- und Subjektwissenschaft nur parteiunabhängig wirken. Die in den Medien als - allerdings obsolete - „Linkspartei“ vorgestellte „Partei des Demokratischen Sozialismus“ (PDS) ist de facto eine überalterte, ostdeutsche Milieupartei, die sich aus weltanschaulich-politisch heterogenen Strömungen und ‚Lagern’ zusammen setzt, die einzig durch den gemeinsamen Kampf ums parlamentarisch-‚pfründepolitische‘ Überleben zusammengehalten werden. Ihre innere Zerrissenheit als „Pluralismus“ schönredend, besteht das hervorstechende Charakteristikum der PDS darin, daß es - trotz programmatischer Lippenbekenntnisse - weder einen antistalinistischen noch einen antikapitalistischen Grundkonsens gibt. Während ein kritisch-emanzipatorisches, revolutionär-humanstisches, entfremdungstheoretisch aufgeklärtes und antietatistisches Marxismusverständnis, das mit den Grunddogmen des kommunistischen und sozialdemokratischen „Arbeiterbewegungsmarxismus“ radikal bricht, in der PDS keinerlei Chance hat, reicht die interne Schwankungsbreite von Verfechtern eines oberflächlich modernisierten systemimmanenten Reformutopismus und Sozialkapitalismus über neonationalistische Populisten und Anhänger reaktionärer Sozialismusvorstellungen bis hin zu apologetischen ‚Realsozialisten‘ und dogmatischen ‚Poststalinisten‘. Zusammengehalten durch ein organisationstaktisch ebenso gerissenes wie theoretisch-programmatisch substanzloses Management, fungiert die PDS zugleich als kollektive Identitätsbewahrerin spezifischer ostdeutscher Mentalitäten und als Hindernis bzw. desorientierende Kraft für die (Re-)Konstruktion gesellschaftskritisch innovativer Projekte und Bewegungsansätze.

V. Zielsetzung

Das zentrale Anliegen der Gesellschaft ist die integrative Bearbeitung folgender Aufgabestellungen:

1) Die Aneignung, kritische Reflexion und Weiterentwicklung folgender Ausarbeitungsvarianten innerhalb der an Marx und Engels anknüpfenden theoretischen Konzepte:

a) der „emanzipatorisch-praxisphilosophischen“ bzw. „anthropologisch-tätigkeitstheoretischen“ Herausarbeitung der Grundsubstanz des Werkes von Marx und Engels sowie

b) der subjektwissenschaftlichen bzw. subjektivitätstheoretischen Entwürfe im Rahmen des materialistisch-dialektischen Wissenschaftsverständnisses (Kulturhistorische Schule, Kritische Psychologie u. a.).

c) Die Analyse der z. T. gravierenden strukturellen Veränderungsprozesse innerhalb des (spät-)kapitalistischen Gesellschaftssystems unter Rückgriff auf vorliegende gehaltvolle Untersuchungen und in kritischer Auseinandersetzung mit der systemkonformen Sozialwissenschaft, sowie

3) die kritische Untersuchung vorliegender systemtransformatorischer Handlungskonzepte und Strategiemodelle unter besonderer Berücksichtigung der darin enthaltenen Vorstellungen bezüglich der Herausbildung von systemtransformatorischer Subjektivität.

Zu diesem Zweck führt die Gesellschaft wissenschaftliche Konferenzen, Kolloquien, Seminare etc. durch, auf denen Informationen, Erkenntnisse, Denkergebnisse, Forschungsresultate in Form von Vorträgen, Referaten, Buchvorstellungen etc. ausgetauscht und diskutiert werden können. Im Zentrum soll dabei der systematisch-produktive Gedankenaustausch stehen, der in der Regel eine annähernd konvergente wissenschaftlich-theoretische Bezugsbasis voraussetzt, auf der auch erst ein gewinnbringender Meinungsstreit möglich ist. Die Beiträge sollen in Zeitschriften (insbesondere im HINTERGRUND), in Buchform sowie im Internet (GLASNOST) veröffentlicht werden.

Anzustreben ist ggf. die Bildung von Arbeitsgruppen zur koordinierten Bearbeitung zentraler Fragestellungen wie der Analyse wesentlicher Beiträge zur Fortentwicklung des kritisch-emanzipatorischen Gehalts der Marxschen Theorie. Beabsichtigt ist zudem die Zusammenarbeit mit inhaltlich ähnlich ausgerichteten Projekten.

Die ‚übergreifende‘ Zielsetzung der Gesellschaft ist die Rekonstruktion und Reaktualisierung gesamtgesellschaftskritischen Denkens im Interesse des Abbaus und der schließlichen Überwindung zwischenmenschlicher Ausbeutungs-, Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnisse. Dabei sind sich die Mitglieder der Gesellschaft durchaus bewußt, daß sie diese große Aufgabe nicht alleine zu bewältigen vermögen. Jedoch sehen sie sich sehr wohl in der Lage, einen produktiven Beitrag in der angestrebten Richtung zu leisten, wobei sie nicht mit leeren Händen dastehen, sondern auf die Ergebnisse des AKM rekurrieren können, der in seiner siebenjährigen Tätigkeit 17 Konferenzen mit relevanten Beiträgen, Diskussionen und anschließenden Veröffentlichungen realisiert hat.

Wer mit den inhaltlichen Grundsätzen, Positionen und Zielstellungen der Gesellschaft im Wesentlichen übereinstimmt und mitarbeiten/mitdiskutieren möchte, die/der sollte Mitglied werden und im Rahmen seiner Möglichkeiten die Gesellschaft finanziell unterstützen.

Osnabrück, Juli 2001

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