Start  

quellen 

  

  Politik   

 


MARXISTISCHE PLATTFORM in der PDS/LiLi-NRW

Grundsatzerklärung

Die sich auf den Marxismus als theoretisches Aussage- und Orientierungssystem berufenden Kräfte befinden sich inmitten eines krisenhaften Umstrukturierungsprozesses.

Organisations- und wissenschaftspolitische Auflösungstendenzen, resignativer Rückzug ins Privatleben, weltanschaulich-politischer Nihilismus und/oder opportunistische Anpassung an situationsmodische Diskurse sind weit verbreitet.

Wurde 1984(1) noch stolz verkündet, daß die "kommunistischen Parteien der sozialistischen Länder ... die Aufgabe der Überwindung der Ausbeuterordnung in ihren Ländern bereits gelöst (haben)" und "in den siebziger Jahren die Mitgliederzahl der kommunistischen Parteien in Westeuropa um 800.000 gestiegen ist", gleicht die kommunistische Bewegung in Europa nur sieben Jahre später einem Torso. Die Kernaspekte dieses rapiden Niedergangs, der auch die nichtkommunistischen Teile der marxistischen Bewegung nicht verschont läßt, sind weithin bekannt:

a) das Sichtbarwerden der vielfältigen Gebrechen des sowjetischen Gesellschaftssystems bis hin zum Verbot der KPdSU sowie dem Zerfall der zentralistischen UdSSR und damit die faktische Liquidierung der (informellen) Leitzentrale des Weltkommunismus;

b) die Enttabuisierung der Geschichtsdiskussion in der UdSSR und damit die Neueröffnung der vielfach verdrängten und 'gestutzten' Stalinismus-Debatte;

c) der jähe Zusammenbruch des 'realen Sozialismus' in Mittel und Südosteuropa und damit der Verlust eines Gegenmachtmodells und/oder Identifikationsobjekts;

d) der Beginn der Rekapitalisierungsoffensive als triumphaler Beutezug der westlichen Siegermächte des Kalten Krieges und die im Verlauf des Golfkrieges sichtbar gewordenen Konturen einer Neuen Weltordnung.

In Anbetracht dieses bedeutenden hegemonialen Terraingewinns wähnt sich die bürgerliche Triumphpropaganda auf ihrem Höhepunkt. Verkündet wird der strahlende Sieg des kapitalistischen Gesellschaftssystems als menschheitsgemäßer Vergesellschaftungsform. Angesichts des Niedergangs des 'realen Sozialismus' sei die Geschichte zu ihrem 'natürlichen' Ende gelangt. Nunmehr könne auch der Marxismus (gemeint ist wohl die als "Marxismus-Leninismus" verbrämte stalinistische Legitimationsideologie) als letzte 'große' geschichtsphilosophische Irrlehre auf den historischen Müllhaufen geworfen werden. In der durch die 'westlichen Werte' (besser: Interessen) hegemonierten 'Neuen Weltordnung' sei kein Platz mehr für utopische Entwürfe und emanzipatorische Heilslehren.

Der 'strategische Sinn' dieser ideologischen Offensive mit ihrer 'grandiosen' Blindheit gegenüber dem globalen Zerstörungspotential der kapitalistischen Systemreproduktion besteht offensichtlich darin - in Anbetracht der überaus günstigen Bedingungen - die (geschrumpften) der Gegenwart von ihrer wissenschaftlich-humanistschen Orientierungsgrundlage zu isolieren und damit in ihrer Substanz zu treffen und zu zerstören. M.a.W.: Antikapitalistischer Reflexion und Praxis soll die rationale und moralische Grundlage entzogen werden.

I. Weltanschaulich-theoretischer Standort: Kritischer Marxismus kontra Dogmatismus und (Neo-)Revisionismus

Eine Reorganisierung der marxistischen Kräfte als eigenständige und zukunftsfähige Bewegung setzt angesichts der negativ veränderten Tätigkeitsbedingungen folgende inhaltlich fundierten Zurückweisungen und Abgrenzungen voraus:

1.) Wissenschaftlich unhaltbar ist die von interessierter bürgerlicher Seite behauptete Gleichsetzung von Stalinismus, Marxismus und Sozialismus. Demgegenüber ist der Stalinismus als ein System der Entstellung, Dogmatisierung und Vulgarisierung der Theorien von Marx, Engels und Lenin zu charakterisieren, das als legitimatorische Grundlage für eine deformierte/deformierende Strategie des Aufbaus des Sozialismus sowie der Tätigkeit der kommunistischen Partei fungiert. D.h.: Der Stalinismus verkörpert einen spezifisch-eigenständigen, geistig-praktischen Wirkungszusammenhang bzw. ein 'organisches' Tätigkeitssystem, das gesellschaftsstrukturell vergegenständlicht in Erscheinung tritt.

Eine zentrale Besonderheit des Stalinismus ist darin zu sehen, daß er sein antimarxistisches Wesen durch promarxistische Bekenntnistreue und entsprechende Artikulationsformen verhüllt.

Die stalinistische Methode des vorgeblichen 'Aufbaus des Sozialismus' muß nach eingehender Überprüfung der vorliegenden historischen Erfahrung als systematische Aushöhlung und schließliche Zerstörung der Wesensgrundlagen des Sozialismus als erster Entwicklungsphase der postantagonistischen Zivilisation begriffen werden:

a) Die Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln in Gestalt eines administrativ-bürokratisch reglementierten Staatseigentums mit dem Effekt der Erzeugung desinteressierter und demotivierter 'unmittelbarer Produzenten' bedeutet eine elementare Wesensverzerrung der sozialistischen Vergesellschaftungsperspektive.

b) Die Umfunktionierung der Sowjets in bloße Akklamationsorgane der Partei- und Staatsmacht sowie die Schaffung eines repressiv-terroristischen Apparates zur Unterdrückung, Einschüchterung und Verfolgung breiter Teile der Bevölkerung bedeutet eine flagrante Verletzung des politischen Sinns des Sozialismus. Dieser besteht nach unserer Auffassung darin, die Volksmassen zum bewußt handelnden und gestaltenden Subjekt des gesellschaftlichen Lebensprozesses werden zu lassen.

c) In geistig-moralischer Hinsicht bedeutet der Stalinismus totale Negation des revolutionären Humanismus als tragendem Fundament der sozialistischen Kultur.

2.) Als Relikt der stalinistischen Durchdringung der kommunistischen Weltbewegung hat sich ein orthodox-dogmatischer Einstellungs- und Bewußtseinstyp herausgebildet und verfestigt, in dem die kritisch-dialektischen Potenzen des Marxismus als Erkenntnismethode und wissenschaftlicher Denkform weitgehend eliminiert sind. Im einzelnen weist dieser dogmatische Einstellungs- und Bewußtseinstyp, dessen Träger sich fälschlicherweise als Bewahrer der kommunistischen Ideale ausgeben, folgende Merkmale auf:

a) Umwandlung des Marxismus von einer kritischen (wahrheitsorientierten) Wissenschaft zu einem bloßen (kämpferisch-phraseologischen) Bekenntnisobjekt und erstarrtem Reservoir von Legitimationsformeln;

b) Ersetzung der Fähigkeit zu eigenständiger begreifender Wirklichkeits- und Selbsterkenntnis durch die Deklamation von Glaubensbekenntnissen sowie einfaches Wiederholen allgemeiner Grundaussagen der Klassiker;

c) Exzessive Beschwörung der 'Gefährlichkeit' des Klassengegners als Mittel der Selbstentlastung bzw. Abwehr von Selbstkritik (Externalisierungshaltung);

d) Herstellung/Aufrechterhaltung einer (zwangsharmonischen) monolithischen Einheit als 'Grundwert' mit Hilfe des bevorzugten Einsatzes administrativer Mittel anstelle von Überzeugungsmethoden;

e) Tendenz zum 'Proletkult'/Ouvrierismus in Gestalt spekulativer Beschwörung der schlummernden Potenzen der undifferenziert und verklärt wahrgenommenen Arbeiterklasse in Verbindung mit theoriefeindlich/antiintellektuellen Einstellungen.

Was den Dogmatismus nach dem Zusammenbruch des 'realen Sozialismus' und dem damit verbundenen Niedergang der (europäischen) kommunistischen Bewegung so anachronistisch und obsolet erscheinen läßt, ist die Verbindung von empirisch oftmals zutreffender Anprangerung kapitalistischer Mißstände mit dem Verharren in überkommenen, inadäquat und dysfunktional gewordenen Denkschablonen und Sichtweisen: mechanistisches Geschichtsdenken, ökonomistisches Gesellschaftsbild, Parteimythos, einfach-negatorisches Verhältnis zu nichtmarxistischen Theorien etc.

Zudem ist folgendes zu bedenken:

Aufgrund der stalinistischen Determination und Durchdringung insbesondere auch der deutschen kommunistischen Bewegung (KPD, SED, DKP, SEW) sowie der herrschaftspolitischen Perversionen der 'real-sozialistischen' Regime hat der Begriff "Kommunismus" bzw. "Kommunistin" seine weltanschaulich-moralische Eindeutigkeit und Trennschärfe verloren.

In neuem Sinne Kommunistin sein - das heißt als Verfechterin einer klassenlosen, herrschafts- und ausbeutungsfreien menschlichen Solidargemeinschaft denken, fühlen und handeln ist heute nur noch möglich als wissenschaftlicher, kritischer (wissensdurstiger) Marxist - im Unterschied zum 'gläubigen' pseudomarxistischen (losungs- und weisungshungrigen) Parteisoldaten traditionskommunistischer Prägung.

3.) Als 'Reflex' auf das offensichtliche Scheitern der dogmatisch-traditionalistischen Einstellungen/Orientierungen und in unmittelbarer Anlehnung an bestimmte (spekulativ-pragmatische) Formeln der 'neuen' sowjetischen (entmilitarisierter Kapitalismus; 'Absterben' des internationalen Klassenkampfes; abstrakte Vorrangstellung der Menschheitsinteressen vor den Klasseninteressen etc.) hat die Wiederbelebung/Neugestaltung neorevisionistischer Theorien einen relativen Aufschwung genommen.

Zentrale Legitimationsgrundlage dieser zu einem 'allgemeinmenschlichen' Revisionismus/Neorefomismus verdichteten Diskurse ist die explizite oder implizite Gleichsetzung des authentischen Marxismus mit der sich pseudomarxistisch artikulierenden stalinistischen Legitimationsideologie bzw. der unterschiedlich rezipierten parteikommunistischen Marxismusvarianten. Folgende Grundinhalte charakterisieren diesen neuen Revisionismus/Reformismus:

a) Deutung der sozialstrukturellen Veränderungsprozesse (Individualisierungstendenz) sowie der Entfaltung der globalen Destruktivität des Kapitalismus als 'Entwicklung' der klassenantagonistischen Widersprüche sowie ihrer Austragungsformen;

b) Abstrakte, weder theoretisch noch empirisch fundierte Behauptung, der Kapitalismus sei qualitativ reform- und entwicklungsfähig und beinhalte ein noch unerschlossenes Fortschrittspotential. Damit untrennbar verbunden ist der Aberglaube an das perpetuum mobile eines friedensfähigen, ökologisch gezähmten, demokratisch-humanen Kapitalismus;

c) Konstruktion einer 'entdialekäsierten', in globaler Sozialpartnerschaft versöhnten Menschheit als 'neues' Fortschrittssubjekt;

d) Verzicht auf die entwicklungsnotwendige und mögliche Formulierung einer revolutionären Alternative zur kapitalistischen Systemreproduktion als der 'generativen Basis' der globalen Probleme;

e) Fiktive Trennung von 'Kapitalismus' und 'moderner Gesellschaft'.

Die eherne Fundamentalillusion des Neorevisionismus/-reformismus beruht insbesondere auf dem idealistisch-mechanistischen Aberglauben, die kapitaltypische Dialektik von Produktivität und Destruktivität systemimmanent 'aufspalten' zu können, die Kapitalbewegung gleichsam durch Abtrennung ihrer destruktiven Potenz zu 'humanisieren'.

Eine tragische Konsequenz des Zusammenbruchs des 'realen Sozialismus' liegt offensichtlich darin, derlei Aberglaube zu befördern und die Einsicht in die strukturelle Gesetzmäßigkeit der globalen Destruktivität des Kapitalismus entscheidend verschleiern zu helfen.

Anstatt den 'modernen Kapitalismus' noch aus der vergleichenden Perspektive der zusammengebrochenen, stalinistisch deformierten Übergangsgesellschaft 'anzuhimmeln' wäre insbesondere die PDS gutberaten, sich programmatisch und strategisch von der Erkenntnis leiten zu lassen, daß ohne die Entfernung der multinationalen Monopolkapitale von den Schalthebeln der politischen, wirtschaftlichen und geistig-kulturellen Macht eine Umwälzung der gesellschaftlichen Fortschrittslogik nicht zu realisieren sein wird.

In der Geschichte der marxistischen Bewegung hat es sich bis in die jüngste Vergangenheit stets als fatal erwiesen, da sich dogmatische und revisionistische/reformistische Positionen wechselseitig voraussetzen, bedingen und unter bestimmten Umständen, z.B. im Rahmen einer durch erlittene Niederlagen hervorgerufenen Orientierungskrise 'hochschaukeln': D.h. Dogmatismus und Revisionismus/Reformismus bilden eine entwicklungsblockierende Symbiose. Als personifizierender Ausdruck dieser dialektischen Wechselbeziehung kann die rasche Metamorphose ehemaliger 'organischer' (prostalinistischer) Legitimationsideologen der SED in Apologeten des Sozialdemokratismus gewertet werden.

In doppelter Abgrenzung zum Dogmatismus und Revisionismus/Reformismus ist der revolutionäre Marxismus als entwicklungsoffenens System von wissenschaftlichen Aussagen, Kategorien und methodischen Regulativen zu bestimmen, in denen erkannte Gesetzmäßigkeiten der Natur, der Gesellschaft und der menschlichen Bewutseinstätigkeit widergespiegelt werden und mit deren Hilfe neue Erkenntnisse gewonnen werden können. Im Interesse seiner wesensidentischen Selbstreproduktion/Selbstoptimierung ist der Marxismus auf 'kritischen Informationsaustausch' a) mit der sich widersprüchlich bewegenden Realität und b) mit konkurrierenden Ideen, Theorien etc. angewiesen und in diesem Prozeß zugleich 'organisch' auf kritische Selblstreflexion gerichtet.

D.h.: Der Marxismus ist seinem Wesen nach eine entwicklungsoffene Theorie mit einer dreistelligen kritischen Relation: gegenüber der Realität, der vorherrschenden Ideenwelt und seinem eigenen je konkreten Ausarbeitungsniveau. Den Marxismus deformieren und tendenziell zerstören heißt in dieser Hinsicht, den kritischen Informationsaustausch unterbrechen, ihn in ein geschlossenes System verwandeln; also ihn der Realität normativ vorgeben, konkurrierende Ideen a priori verdammen, statt inhaltlich zu kritisieren und ihn absolut zu setzen.

Das zentrale Orientierungsprinzip des Marxismus ist das Aufdecken und geistige Verarbeiten von realen Widersprüchen, d.h. sein materialistisch-dialektisches 'Herangehen'. Nur so kann ihm "die kritische Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der wirklichen gesellschaftlichen Bewegung"(Marx) gelingen.

Demnach wäre der Marxismus in allgemeiner Form zu kennzeichnen als Theorie der Genese, Bewegung und Aufhebung insbesondere der gesellschaftlich-historischen Widersprüche. Dabei ist er selbst zu begreifen als Produkt der subjektiven, geistig-praktischen Verarbeitung jener konkret-historischen Widerspruchskonstellation, in die Marx und Engels biographisch hineingestellt waren und die sie vermittels der ihnen zugänglichen geistigen Quellen (Bedeutungen, Theorien, Erkenntnisse et.) sowie praktisch-politischen Erfahrungen zu bewältigen vermochten.

Der Marxismus ist nicht nur wissenschaftlich-theoretischer Leitfaden zum kritischen materialistisch-dialektischen Begreifen der Realität, sondern zugleich auf kritisches Eingreifen, auf revolutionäre, praktisch-kritische Tätigkeit ausgerichtet. Bindeglied zwischen theoretischem Begreifen und praktischem Eingreifen ist seine parteilich-wertende Position: Er ist dem revolutionär-humanistischen Standpunkt verpflichtet, "alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist"(Marx). Dieser funktionalen Wechselwirkung von Theorie und Praxis bzw. Begreifen und Eingreifen abträglich ist die Konservierung bzw. Fixierung einer konkret-historischen Ausarbeitungsform des Marxismus; so als wollte man mit den marxistischen Aussagen z.B. der 20er und 30er Jahre die Probleme von heute erklären.

Demgegenüber ist nachdrücklich hervorzuheben, daß die Entwicklung die Daseinsweise des Marxismus ist. Dieser Status verpflichtet den Marxismus zur kritischen Aneignung und Aufarbeitung der Ergebnisse der modernen Wissenschaftsentwicklung; denn nur vermittels dieser produktiv-kritischen Auseinandersetzung vermag er 'auf der Höhe der Zeit' zu sein. Dabei besteht die Kunst darin, den Marxismus real, d.h. auf nichtrevisionistische Weise weiterzuentwickeln und dabei gleichzeitig auf nichtdogmatische Art sein kritisch-revolutionäres Wesen zu wahren.

Welche inhaltlichen Konstituenten sind es, die in ihrer Einheit dieses kritisch-revolutionäre Wesen des Marxismus fundieren?

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit ist hier auf folgende 'Essentials' hinzuweisen:

1.) Der Marxismus gründet auf der Einsicht in den dialektischen Grundcharakter des materiellen Weltgeschehens sowie dessen tätiger Widerspiegelung im menschlichen Bewußtsein. Dabei kommt der Rekonstruktion des Stoffwechselprozesses zwischen menschlicher und außermenschlicher Natur (evolutionäre Genese der gesellschaftlichen Arbeit und ihre historische Entfaltung) eine zentrale Bedeutung zu.

2.) Als elementare Grundposition der materialistischen Geschichtsauffassung des Marxismus sind folgende Aspekte anzuführen:

a) die strukturanalytische Einsicht in die konstituierende Rolle der ökonomischen Verhältnisse für die gesamtgesellschaftliche Realität (Theorie der ökonomischen Gesellschaftsformation);

b) das Aufdecken der klassenantagonistischen Bewegungsform der bisherigen Menschheitsgeschichte (Theorie des Klassenkampfes);

c) die Kennzeichnung des Widerspruchssystems der klassenantagonistischen Zivilisation. Als 'Knotenpunkte' dieses Widerspruchssystems sind folgende konfligierenden Seiten anzuführen:

- Der Widerspruch zwischen herrschenden und beherrschten Klassen;

- Der Widerspruch zwischen menschlicher und außermenschlicher Natur;

- Der Widerspruch zwischen den sozialen Gemeinschaften

('Eroberungskonkurrenz');

- Der Widerspruch zwischen den Geschlechtern;

- Der Widerspruch zwischen Individuum und (Klassen-)Gesellschaft.

d) die Klarstellung der historischen Subjektposition der vergesellschafteten Menschen (marxistische Tätigkeitsauffassung).

3.) Das Zentrum des klassischen Marxismus bildet die systematische Rekonstruktion der ökonomischen Bewegungsgesetze der kapitalistischen Gesellschaftsformation mit dem Mehrwertgesetz und dem Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate als wesentlichen Einheiten. Dabei ist als Identitätsstiftendes kritisch-revolutionäres Grundsubstrat des Marxismus die Einsicht in die prinzipielle Unvereinbarkeit der kapitalistischen Logik des Profits mit der humanistischen Logik des menschlichen Allgemeininteresses hervorzuheben. M.a.W.: Der Marxismus ist seinem Wesen nach insbesondere kritisch-revolutionäre, dialektische Negation der kapitalistischen Systemlogik.

4.) Als politische Handlungstheorie reflektiert und systematisiert der Marxismus die Erfahrungen der antikapitalistischen Bewegungen und formuliert in diesem Prozeß Einsichten

a) in den Klassen- und Funktionscharakter des politischen und ideologischen Überbaus (Staats- und Hegemonietheorie);

b) in die reaktionäre Wesensnatur und den Behauptungswillen der herrschenden Klasse (Strategie- und Taktiklehre) sowie

c) in den Zielhorizont der revolutionären Bewegung (Revolutions und Sozialismustheorie).

Als wissenschaftliche Theorie der Entstehung, Bewegung und Auflhebung gesellschaftlich-historischer Widersprüche ist der Marxismus zugleich 'organische Ideologie', d.h. Interessenausdruck sowie Grundlage der Bewußtwerdung und Handlungsorientierung der subalternen Klassen, "die sich selbst zur Kunst des Regierens erziehen wollen und ein Interesse haben, alle Wahrheiten, auch die unbequemen, kennenzulernen, um den ... Selbstbetrug der oberen Klassen und, mehr noch, den eigenen Selbstbetrug zu vermeiden"(Gramsci).

II. Zur aktuellen Gestalt und Widerspruchsdynamik des 'modernen' Kapitalismus

Bis Mitte der achtziger Jahre war in weiten Teilen der marxistischen Bewegung das Bild vom 'unaufhaltsamen' Niedergang des Kapitalismus vorherrschend. Dabei wurde 'Niedergang' gleichgesetzt mit wachsender ökonomischer Zerrüttung, sich verstärkender politischer Labilität, zunehmender geistig-moralischer Erosion. Dieses durch die ökonomistisch-mechanistische 'Theorie der allgemeinen Krise des Kapitalismus' gestützte Stereotyp, das harmonisch mit der Konzeption der sich angeblich unaufhaltsam optimierenden 'entwickelten sozialistischen Gesellschaft' korrespondierte, begann sich unter dem Eindruck der Perestroika und der damit ans Licht gebrachten Wahrheit über die maroden Verhältnisse in der SU und der übrigen RGW-Staaten allmählich aufzulösen.

Mit dem jähen und schmählichen Zusammenbruch des 'realen Sozialismus' und der dieses Ereignis standpunktlogisch reflektierenden westlichen Triumphpropaganda wird nun dieses Niedergangsstereotyp von Teilen der ehemaligen marxistischen Theoretiker in sein Gegenteil verkehrt: Dem Kapitalismus wird unbegrenzte Selbstregulierungsfähigkeit und ein schier unerschöpflich erscheinendes Entwicklungspotential attestiert; eine überschäumende (re-fetischisierende) Markteuphorie greift um sich; der Kapitalismus wird als 'moderne Gesellschaft' verklärt etc.

Während im orthodox-dogmatischen Kapitalismusbild die systemimmanente Möglichkeit der Wahrung politischer und geistig-moralischer Stabilität (Konsenserhaltung) trotz vielfältiger Krisentendenzen nicht ernsthaft reflektiert wurde, bleibt im neoreformistischen Diskurs der 'unbegrenzten Selbstregulierungsfähigkeit des Kapitalismus' folgendes unberücksichtigt:

1.) Die kapitalistischen Widersprüche werden systemimmanent etwa im Kontext veränderter 'Selbstregulierungsmechanismen'-nicht'aufgehoben', sondern strukturell verlagert, zeitlich 'verschoben', für die Öffentlichkeit 'entstört' ('verschüttet'), aber eben nicht 'gelöst'.

2.) Zwar werden die Widersprüche oftmals auf der politisch-ideologischen Reflexionsebene 'entstört', aber aufgrund des Weiterwirkens ihrer generativen Faktoren zu 'globalen Problemen' mit dem Charakter von Gattungsrisiken potenziert.

3.) Beurteilungsmaßstab für die 'historische Entwicklungskonstition' des Kapitalismus kann nicht die Fähigkeit zu strukturidentischer Reproduktion der Prozeßkomponten der Kapitalverwertung sein, sondern der 'Preis' (die Folgen) der reproduktiven Logik des Monopolprofits für die menschliche und außermenschliche Natur.

Das kennzeichnende und phasenübergreifende (genetisch-logische) Merkmal der Selbstorganisationsdynamik des Kapitalismus als höchster Entwicklungsstufe der klassenantagonistischen Zivilisation ist die untrennbare widersprüchliche Einheit von Produktivität und Destruktivität, von Wohlstandsvermehrung und Armutserzeugung, von technischem Fortschritt und Zerstörung menschlicher und außermenschlicher Natur.

Seit der ursprünglichen Akkumulation gleicht der 'Fortschritt' im Kapitalismus jenem heidnischen Götzen, der seinen Nektar aus den Schädeln der Erschlagenen trinkt (Marx). Armut, Elend, Naturzerstörung sind zugleich Folge und Voraussetzung, also Existenzbedingung kapitalistischer Systemreproduktion. "Die Bourgeoisie", so Marx und Engels im Kommunistischen Manifest, "kann nicht existieren, ohne die Produktionsinstrumente, also die Produktionsverhältnisse, also sämtliche Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren". Aber der Vektor dieser Umwälzungsdynamik zielt nicht auf die Entfaltung menschlicher Lebensverhältnisse für alle Gattungsmitglieder, sondern im Gegenteil auf die sich selbst beschleunigende Untergrabung menschlicher Selbsterhaltungs- und Entfaltungsvoraussetzungen im Weltmaßstab.

In dieser Perspektive sind weder die offiziellen sozial- und wirtschaftsstatistischen Daten der entwickelten kapitalistischen Länder noch die offensichtliche Resistenz der kapitalistischen Metropolen gegenüber systemoppositionellen Widerstandsbewegungen ausschlaggebende Bewertungskriterien. Vielmehr erweist sich der Entfaltungsgrad seiner globalen Destruktivkraft sowie die Aktivierung seines 'barbarischen Potentials' als ausschlaggebender Zustandsindikator des modernen Kapitalismus.

Die Perfektionierung der Profitproduktion, die Ökonomisierung des konstanten und variablen Kapitals, die wissenschaftlich-technische Verwohlfeilerung der Produktionsinstrumente, die bedarfsgerechte Qualifizierung und 'Flexibilisierung' der Arbeitskräfte, die Umbrüche im Akkumulationstyp, die Internationalisierung der Organisationsformen und Handlungsräume der Monopolkapitale, kurzum: das spontan-aktive, konkurrenzförmige 'Entgegenwirken' angesichts des tendenziellen Falls der Profitrate ist zugleich vielgestaltige Triebkraft der Untergrabung der Voraussetzungen/Möglichkleiten humaner Daseinsgestaltung für alle Gattungsmitglieder. Auch der 'triumphierende Kapitalismus' ist strukturelle Blockade der Entwicklung des Menschen zum Gattungswesen. Sozialer Ausdruck der Einheit von Produktivität und Destruktivität ist heute die Polarisierung der Folgewirkung der kapitalistischen Systemreproduktion für die global vergesellschafteten Menschen.

Diese allgemeine Charakterisierung der Konstitution des Gegenwartskapitalismus, die hier der triumphalistischen Selbstbespiegelung und Mythenbildung der 'westlichen Zivilisation' entgegengesetzt wird, stützt sich z.B. auf folgende analytischen Erwägungen und empirischen Tatbestände:

o Die Effizienz des kapitalistischen (Re-)Produktionstyps wird in den vorherrschenden Diskursen einseitig und selektiv am realisierbaren Konsumstandard von Teilen der Bevölkerung in den Ländern des metropolitanen Kapitalismus gemessen. Demgegenüber ist davon auszugehen, daß die globale Verallgemeinerung der (entwickelten) kapitalistischen Produktions-, Lebens- und Konsumweise gesetzmäßig zur Selbsteliminierung der menschlichen Gattung führen würde. Die Globalisierung des Industrialisierungsniveaus, Energieverbrauchs und der Automobildichte West- und Nordeuropas, Nordamerikas und Japans müßte zwangsläufig an der Belastbarkeit der Biospähre scheitern.

Die Krise des voll entfalteten 'Fordismus' markiert demnach den qualitativen Umschlag in der Wirkungsweise der kapitalismusspezifischen Destruktivkraft. Als "energievergeudende und stoffverschleudernde Wirtschaftsweise par excellence" wird die Fortexistenz der "kapitalistische(n) Produktionsweise, die eben nur auf die Einsparung bezahlter menschlicher Kräfte und bezahlter natürlicher Mittel achtet und für die die übrige Arbeitsbevölkerung eine willige Reserve und die übrigen Naturbedingungen freie Güter darstellen"(2), zunehmend zu einem Gattungsrisiko.

o Wesentlicher Ausdruck der (makro-)systemischen Irrationalität der kapitalistischen Produktions-, Konsum- und Lebensweise ist die Steigerung des Wirtschaftswachstums durch zunehmenden Nachsorge-, Reparatur- und Kompensationsaufwand. D.h. ein wachsender Teil der gesellschaftlichen Produktion besteht aus ökonomischen Tätigkeiten, mit denen negative Konsequenzen des kapitalistischen Wachstumsprozesses 'aufgearbeitet' werden müssen. Die scheinbare Effektivität des kapitalistischen Reproduktionstyps entschlüsselt sich unter diesem Aspekt als Sekundärverwertung von selbsterzeugten ökologischen und sozialen Problemlagen, Mißständen und Defiziten.

Betrachtet man den Zeitraum von 1970-1988, so lag das Wachstumstempo der 'Defensivkosten' (Kosten zur Behebung/Vermeidung von Umweltschäden und Beeinträchtigungen der Lebensqualität) dreimal so hoch wie jenes des gesamten Bruttosozialprodukts (BSP). "Das Wachstum des BSP in Höhe von 565,4 Mrd. DM geht im gleichen Zeitraum mit einem Anstieg der defensiven Ausgaben in Höhe von 117,1 Mrd. DM einher. 21% des gesamtwirtschaftlichen 'Wachstums' in dieser Periode bestehen mithin aus dem Wachstum der Defensivkosten der Schadens- und Nachteilsregulierung."(3)

o Im Rahmen einer ganzheitlichen formationstheoretischen Sichtweise kann nicht einseitig die innere Gestaltung und Regulation des entwickelten metropolitanen Kapitalismus ins Visier genommen werden. Vielmehr ist der Kapitalismus als widersprüchlich (antagonistisch) gegliedertes Weltsystem zu betrachten. In dieser Perspektive wird erkenn- und begreifbar, daß der relative Wohlstand im entwickelten (prosperierenden) Teil des kapitalistischen Weltsystems seine 'organische' Voraussetzung hat in chronischem Hunger, Armut, Epedemien, Ressourcentransfer, Zerstörung von Lebensgrundlagen in seinen anderen unter- oder weniger entwickelten Teilen:

- In den 80er Jahren hat sich die Polarisierung zwischen 'reichen' und 'armen' Ländern weiter verschärft. In 43 Entwicklungsländern sank das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen. In Afrika und Asien ging zudem der Lebensmittelverbrauch zurück. In Lateinamerika ist das BSP zwischen 1978 und 1988 um 8% gefallen. Lebten 1980 120 Millionen Menschen in Lateinamerika und der Karibik in Armut, so stieg die Zahl in den folgenden sechs Jahren auf 164 Millionen. Weltweit lebten 1,2 Mrd. Menschen oder 23,4% der Bevölkerung unter dem Existenzminimum.

- Seit Ausbruch der Schuldenkrise 1982 bis einschließlich 1989 haben die armen Länder der Dritten Welt an die reichen Länder der "Ersten Welt" 236,2 Mrd. US$ netto transferiert. In Indien übertrafen 1988 die Zinszahlungen für Auslandsschulden die Nettoauszahlungen der öffentlichen Entwicklungshilfe (3,1 Mrd. US$ gegenüber 2,1 Mrd. US$), in Afrika südlich der Sahara gehen 27% der Entwicklungshilfe für Zinszahlungen drauf; die Hälfte bis zu drei Viertel der nicht rückzahlbaren Zuschüsse an die armen afrikanischen Länder müssen für Zinszahlungen (Tilgungen nicht eingerechnet) aufgewandt werden (Weltbank 1990).

- Es entwickelt sich ein 'ökologischer Kolonialismus' in Form der räumlichen Verlagerung von Entsorgungs- und Produktionsproblemen in die Länder der Dritten Welt. So verkaufen westeuropäische Chemieunternehmen immer noch Produkte in Länder der Dritten Welt, deren Verkauf in den 'Stammländern' aufgrund ihrer Toxizität bereits verboten ist und installieren dort Produktionsstätten unter Mißachtung der hierzulande üblichen umweltschutztechnischen Auflagen. Bekannt ist auch der profitable Transfer von giftigen Abfällen in unterentwickelte und hochverschuldete Länder.

- Infolge der sich vertiefenden globalen Ungleichheit von (Über-)Lebenschancen eskalieren Migrationswellen in die reichen 'Zentren' des kapitalistischen Weltsystems und erzeugen dort vielschichtige Reaktionen bis hin zu rassistisch-faschistischen Terroraktionen. Nach vorliegenden Schätzungen werden sich bis zum Jahr 2000 500 Millionen Umweltflüchtlinge aus den südlichen Ländern auf den Weg nach Norden machen. Andererseits wurden von 1983 bis 1990 Waffen für rund 300 Mrd. DM in die Dritte Welt verkauft, wobei der Anteil der USA am Rüstungsweltmarkt auf 40 Prozent angestiegen ist, während die Quote der UdSSR auf 29 Prozent fiel.

o Im Zuge der Krise des 'fordistischen' Regulationstyps der kapitalistischen Systemreproduktion und der Etablierung einer neukonservativen Entwicklungsstrategie ist die äußere Polarisierung durch vielfältige innere soziale Polarisierungsprozesse ergänzt worden, die als 'Individualisierungstendenz' nur zum Teil adäquat und eher nur oberflächlich (phänomenologisch) erfaßt wird. Für die Beurteilung der objektiven Zustandsqualität des Kapitalismus sind - jenseits selektiver massenmedialer Selbstbespiegelung in diesem Kontext z.B. folgende Aspekte von Bedeutung:

- Infolge der wissenschaftlich-technischen Umgestaltung und Flexibilisierung der Mehrwertproduktion wächst der Anteil sozialrechtlich wenig oder gar nicht geschützter Teilzeitarbeit und entsprechender Kategorien von Lohnabhängigen. So betrug die Gesamtgruppe der nicht sozialversicherungspflichtig Teilbeschäftigten gegen Ende der 80er Jahre 1,5 bis 1,6 Millionen Arbeitskräfte. Resultat ist die Spaltung der Belegschaften in sozialrechtlich, hinsichtlich Qualifikation, Arbeitsinhalte und -Bedingungen deutlich unterschiedene Stammund Randbelegschaften.

- Die kapitalistische Anwendung der modernen Informationstechnologie ist für eine Mehrheit der Werktätigen mit erheblichen psycho-physischen Belastungen verbunden. So klagen nach einer Untersuchung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz zwei Drittel der Beschäftigten an Bildschirmen über regelmäßige Kopfschmerzen. 60 Prozent der Untersuchten klagten über Beschwerden am Bewegungs- und Stützapparat und 40 % äußerten Sehprobleme (Doppeltsehen, Verschwommensehen, Flimmern).

- Trotz eines konstant günstigen Konjunkturverlaufs hat sich in den 'alten Bundesländern' die Zahl der Sozialhilfeemfänger seit Beginn der 80er Jahre annähernd verdoppelt und liegt jetzt bei vier Millionen. Besonders betroffen sind Arbeitslose, alleinerziehende Frauen und kinderreiche Familien. Im EG-Maßstab entfallen die meisten Armen auf Großbritannien. Im 'Mutterland des Kapitalismus' leben mehr als 11 Millionen unterhalb der Armutsgrenze.

- Zu verzeichnen ist eine wachsende Tendenz zur Überschuldung. So hatten in der BRD 1988 überschuldete Familien eine Gesamtschuldenlast von rund 1,7 Mrd. DM insbesondere gegenüber Kreditinstituten, Versandhäusern, Ämtern und Vermietern angehäuft.

- In den alten Bundesländern gab es 1990 ca. 600 000 Obdachlose, worunter sich zunehmend jüngere Menschen und vermehrt auch Akademikerinnen befinden.

Hunderttausende von ihnen leben in Übergangsheimen, Billigpensionen oder psychiatrischen Anstalten. 115.000 Menschen sind ohne jegliche Unterkunft und leben ständig auf der Straße.

o Kennzeichnendes Merkmal der De-Zivilisierung der modernen bürgerlichen Gesellschaft ist die zunehmende Durchdringung von 'legalem' und 'illegalem' Kapital in Gestalt der ökonomisch-politischen Verankerung des 'organisierten Verbrechens'. In diese kriminellen Subsysteme sind Staatsbanken, Waffenhändler, Finanzexperten, "Mafiabosse", Drogenschmuggler, Politiker, Bankdirektoren etc. involviert, die in der Grauzone zwischen gesetzlich Erlaubtem und Unerlaubtem agieren. So hat sich parallel zur Herausbildung von legalen internationalen Märkten eine Internationalisierung der illegalen Waren- und Geldmärkte vollzogen, die häufig die gleichen Geschäftsbeziehungen und -Verbindungen. Nach einem Bericht des amerikanischen Präsidenten sind heute 60 Prozent der amerikanischen Banken in das "Weißwaschen" von Geldern aus illegaler Wirtschaftstätigkeit verwickelt. "Die dialektische Ethik des Kapitals hat ihre Entwicklungsstufe der Doppelmoral verlassen und ist in das fatale Stadium des strukturellen Kapital-Verbrechens eingetreten, das nun seine Rechtfertigung im 'Wohlstand der Nationen' zu finden hofft"(4).

Ein grundlegendes Dilemma der traditionellen Kapitalismustheorie ist ihr objektivistischer und deterministischer Charakter. Von der Analyse polit-ökonomischer Grundprozesse wird 'mechanistisch' auf die subjektive Handlungsebene 'kurzgeschlossen'; die Eigenlogik der 'Überbautätigkeit' sowie der Formierung des subjektiven Faktors bleibt ausgeklammert oder wird durch Postulate verdunkelt. Demgegenüber muß eine kritisch-marxistische Analyse des 'modernen' Kapitalismus zukünftig insbesondere die Bedingungen und Wirkungsfaktoren der 'Konsensbildung' zwischen den Herrschen und Beherrschten aufdecken, d.h. die wesentlichen Konstituenten politisch-weltanschaulicher Stabilitätswahrung erschlüsseln. Denn folgendes ist in Rechnung zu stellen: "Da menschliche Lebenstätigkeit aufgrund von Einsicht in gesellschaftliche Entwicklungsnotwendigkeiten, aber auch unter - wie immer zustande kommender Verkennung solcher Notwendigkeiten sich vollziehen kann, können vorhandene Entwicklungsmöglichkeiten durchaus verfehlt und somit realhistorisch nicht verwirklicht werden"(5).

In den Horizont marxistisch orientierter Gesellschaftswissenschaft rückt damit zunehmend die Erforschung der Möglichkeitsbedingungen 'praktisch-kritischer' (gesellschaftsverändernder) Tätigkeit mit systemtranszendierender Orientierung. In Bezug auf die Bewußtseinsentwicklung der gesellschaftlichen Individuen ergibt sich daraus die Fragestellung: Welche 'inneren' und 'äußeren' Aspekte bestimmen den Prozeß der subjektiven Verarbeitung der gesellschaftlichen Widersprüche in ihren vielfältigen Erscheinungsformen?

1) Zunächst ist die multidimensionale Gestalt der 'bürgerlichen Ideologie' - als wesentliches Moment ihrer Wirkungstotalität in Rechnung zu stellen, die sich insbesondere in folgenden Gegebenheiten offenbart:

a) Aus der konkurrenzvermittelten ökonomisch-politischen Fraktionierung der Bourgeoisie resultiert im historischen Prozeß der Durchsetzung und Entfaltung der kapitalistischen Gesellschaftsformation die variantenspezifische Akzentuierung der 'herrschenden Gedanken' als konservative, liberale, faschistische, reformistische etc. Ausprägungsformen der 'bürgerlichen Ideologie'.

b) Die 'herrschenden Gedankenformen' vermitteln sich den Beherrschten nicht nur (bzw. in 'erster Linie') als explizit gesellschaftspolitisches Bedeutungssystem oder systematisierte Weltanschauung, sondern in multiphänomenaler 'Verpackung' als Lerninhalt, Rechtsnorm, warenästhetisches 'Zeichen', 'Nachricht', 'Kommentar', Zeitungsartikel, politische Rede, Theaterstück, Fernsehspiel, Sportübertragung etc. mitsamt den darin enthaltenen 'impliziten Moralen' (verborgene Konfigurationen von Lebensregeln/Handlungsaufforderungen/Denknormen/Wertungen etc.) Erst dieses funktionale Wechselspiel von (Pseudo-)Pluralität und institutionell-phänomenaler Totalität/Vielschichtigkeit, das tief in die alltäglichen Lebenspraxen der 'Beherrschten' hineinwirkt, konstituiert (neben der Oberflächenevidenz und Interessenverschleierung) die 'hegemoniale Kapazität' der spätbürgerlichen Ideologie.

2) Die subjektive Funktionalität der 'bürgerlichen Ideologie' ergibt sich nicht aus ihrem objektiven Wahrheits-, sondern aus ihrem vermeintlich widerspruchslösenden Sinngehalt. "Der Mensch ist bestrebt, die Desintegration seines Bewußtseins zu überwinden. Er tut das nicht aus abstrakter Liebe zur Wahrheit, sondern aus dem Verlangen nach einem wahren Leben"(6). D.h. im Prozeß der Verarbeitung des Widerspruchs zwischen dem subjektiven Streben nach 'Selbstverwirklichung'/Realitätskontrolle einerseits und den (klassen-)gesellschaftlichen Entwicklungsbeschränkungen andererseits drängen sich den vergesellschafteten Individuen zunächst bürgerlich-ideologische Realitätsdeutungen, Wertungen und Handlungsnormen (mitsamt den darin enthaltenen spezifischen Bornierungen, Verzerrungen und 'Verkehrtheiten') als widerspruchsreduzierenden Interpretationsangebote auf und 'vermitteln' auf diese Weise die Aneignung bzw. Akzeptanz der herrschenden Ideologie durch die Beherrschten. Generell kann von folgender Gesetzmäßigkeit ausgegangen werden: Je niedriger das Entwicklungsniveau, der Einflußgrad, die Ausstrahlungskraft etc. des kollektiven Fortschrittssubjekts, desto ungünstiger sind die individuellen Möglichkeiten zur Aneignung adäquater Bedeutungen und damit zur Suspendierung der 'bürgerlichen Hegemonie'.

3) Die Partizipation von Teilgruppen der Lohnabhängigen ('Modernisierungsgewinner') am neokolonialistischen Monopolprofit bildet die materielle Grundlage für die Entstehung und Verfestigung systemangepaßter Subjektivitätsformen (Denkweisen, Bedürfnisse, Motive, Lebenssole, Konsummuster, Wertorientierungen) und 'zwingt' so Teile der Beherrschten in aktive 'Komplicenschaft' mit den Herrschenden. Resultat dieses ökonomisch unterlegten 'Arrangements mit denn Mächtigen' ist die Ausprägung einer nationalistisch gefärbten wohlstandschauvinistischen Denkhaltung, in deren Rahmen die globale Reichtumsverteilung sozialdarwinistisch gerechtfertigt und die (deutsche) 'Herrschaftskultur' als die 'natürlich' überlegene betrachtet wird. Zum anderen erscheint die wohlstandschauvinistische Einstellung als egozentrische, hedonistisch-unmittelbarkeitsfixierte, den personalen Lebenszeitraum als alleinige Wertungsbasis verabsolutirrende 'Nach-mir-die Sintflut'-Haltung, die sich nahtlos in kulturpessimistisch-lebensphilosophische Orientierungsmuster einbinden läßt.

Zielsetzung und Aufgaben der Marxistischen Plattform in der PDS/LiLi-NRW

Die PDS versteht sich als sozialistische Partei, die in Verrechnung mit gelebten historischen Erfahrungen die Pluralität unterschiedlicher Konzeptionen über Weg und Ziel des Sozialismus innerhalb dieser Organisation anerkennt. In ihr wirken verschiedene sozialistische Strömungen, deren Bandbreite von traditionskommunistischen bis sozialdemokratischen reicht. Das Ziel der Marxistischen Plattform ist es, die Selbstorganisation der kritisch-revolutionären MarxistInnen in der PDS voran zu bringen. Die Zukunft und die Praxis werden zeigen, ob dabei in der PDS Platz ist für eine Position, die sich gleichermaßen auseinandersetzt mit dogmatisch-bürokratischen und reformistisch/revisionistischen Varianten marxistischer Theorie und Praxisentwicklung. Die Frage, ob die PDS als Organisation die institutionalisierte Form eines politischen Bündnisses unterschiedlicher sozialistischer Strömungen ist, haben wir ersteinmal positiv beantwortet. (Nachtrag 1997)

Das Projekt der Rekonstruktion des kritisch-revolutionären Marxismus sowie der Reorganisierung der kritisch-marxistischen Kräfte kann nur gelingen, wenn die Ausgangsbedingungen klar erkannt werden:

Die Bezugnahme auf den kritischen Marxismus als Orientierungssystem erfolgt in radikalem Gegensatz zum 'Zeitgeist' und erfordert eine entsprechende geistig-moralische Standhaftigkeit, die nicht in Sektierertum und Dogmatismus abgleiten darf. In Anbetracht des tiefen Widerspruchs zwischen der objektiven Eskalation der globalen 'Destruktivkraft' der kapitalistischen Systemreproduktion einerseits und dem geistig-moralischen Desintegrationsniveau nach dem Zerfall des 'realen Sozialismus' bzw. dem Niedergang der kommunistischen Bewegung andererseits, läßt sich das inhaltliche Aufgabenfeld der Marxistischen Plattform folgendermaßen umreißen:

1. Angesichts der allseitig diskreditierten pseudomarxistischen Artikulation des Stalinismus geht es jetzt vordringlich um die rasche und schonungslose Rückverwandlung des Marxismus von einer dogmatischen, entdialektisierten, antihumanistischen Legitimationsideologie in eine kritische Wissenschaft und organische, d.h. überzeugungsfähige Weltanschauung, die die Massen ergreift und ihre historische Subjektwerdung befördert, indem sie die Widersprüche des heutigen Weltgeschehens begreifbar macht.

2. Die Erreichung dieses Status setzt die Überwindung nicht nur der stalinistischen Demontage des Marxismus, sondern auch jener Interpretationsvarianten voraus, die den Marxismus auf 'politische Ökonomie' und 'Strategie- und Taktiklehre' beschränken. Demgegenüber ist ein moderner, subjekttheoretisch aufgeklärter, nicht ökonomistischer Marxismus gefragt, der die kritische Auseinandersetzung und dialektische Auflhebung der fortgeschrittensten bürgerlichen Theorieentwicklungen nicht scheut.

3. Da die Entwicklung die Daseinsweise des Marxismus ist, kann 'Marxismus heute' deshalb nicht Selbstbeschränkung auf die Verwaltung des Ideenfonds der Klassiker bedeuten. Erforderlich ist die einzelwissenschaftliche Ausgestaltung des Marxismus bzw. die marxistische Durchdringung der Einzelwissenschaften. Insbesondere geht es um den Aufbau einer materialistischen Subjektwissenschaft auf marxistischer Grundlage, wofür es in Gestalt der Ergebnisse der sowjetischen Psychologie - insbesondere der kulturhistorischen Schule -sowie der Kritischen Psychologie, aber auch in einer Reihe von philosophischen Arbeiten durchaus Anknüpfungspunkte und z.T. bereits weitreichende Konzepte gibt.

4. Von zentraler Bedeutung ist eine ganzheitlich-gesellschaftstheoretische Aktualisierung der Analyse des Gegenwartskapitalismus in seiner widersprüchlichen Selbstbewegung. Insbesondere muß es hierbei um die Reflexion der neuen Entfaltungsstufe der globalen Destruktivität der kapitalistischen Gesellschaftsformation als höchster Stufe der klassenantagonistischen Zivilisation gehen.

5. Unmittelbar-aktuelle Aufgabe der marxistischen Kräfte ist die Kritik der reaktivierten triumphalistischen Marktwirtschaftsideologie als momentan wirksamste Form bürgerlich-kapitalistischer Herrschaftslegitimation. In diesem Zusammenhang sind nicht nur die sozialökonomischen und ökologischen Folgelasten der kapitalistisch regulierten Marktwirtschaft zu benennen, sondern ebenso die deformierenden und entfremdenden Wirkungen der marktwirtschaftlichen Handlungszwänge auf die (zwischen-)menschliche Subjektivität (Suchworte: Arbeitsmarktkonkurrenz; Zwang zur scheinhaften Selbstinszenierung; sozialdarwinistische Normorientierung).

Als Vernetzungsstruktur wissenschaftlich orientierter MarxistInnen konzentriert sich die Marxistische Plattform auf folgende Tätigkeiten:

1) Die Durchführung von Konferenzen, Tagungen, Seminaren etc. zwecks inhaltlicher Erarbeitung von Positionen zu relevanten wissenschaftlichen und politischen Problemfeldern.

2) Die Publizierung der Stellungnahmen und Diskussionsergebnisse.

3) Die Bildung von längerfristig (konstant) arbeitenden themenspezifischen Projektgruppen.

4) Die Rekrutierung eines 'Pools' von Referenten/innen für örtliche Vortragsveranstaltungen, Bildungsseminare etc.

5) Das Eingreifen in aktuelle und wissenschaftliche Diskussionen durch eigene Stellungnahmen, Positionspapiere etc. (die in eigenen sowie anderen linken Medien publiziert werden).

Wir rufen alle Kräfte, die sich für die Arbeit der Marxistischen Plattform interessieren, dazu auf, in ihrem jeweiligen Umfeld nach Möglichkeiten der Zusammenarbeit und der Unterstützung unseres Projekts zu suchen. Insbesondere würden wir es begrüßen, wenn sich auch in anderen Bundesländern -'von unten' Initiativen und Strukturen einer 'Marxistischen Plattform in der PDS'

entwickeln.

Anmerkungen

(1) PONOMARJOW, B.N.: Der Kommunismus in der sich verändernden Welt. Frankfurt/M. 1984. S. 165/167.

(2) TJADEN, K.H.: Mensch - Gesellschaftsformation - Biosphäre. Über die gesellschaftliche Dialektik des Verhältnisses von Mensch und Natur. Bamberg/Kassel 1990. S.137.

(3) LEIPERT, C.: Die heimlichen Kosten des Fortschritts. Wie Umweltzerstörung das Wirtschaftswachstum fördert. Frankfurt/M. 1989, S. 134.

(4) SEE, H.: Kapitalverbrechen. Die Verwirtschaftung der Moral. Düsseldorf 1990. S. 101.

(5) HOLZER, H.: Evolution oder Geschichte? Einführung in Theorien gesellschaftlicher Entwicklung. Köln 1978. S. 190.

(6) LEONTJEW, A.N.: Probleme der Entwicklung des Psychischen. 3. Aufl. Königstein/Ts. 1980. S. 251.




 




©  GLASNOST, Berlin 1992 - 2017