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Beiträge zur Theorie  










Robert Kurz

Gibt es ein Leben nach der Marktwirtschaft?

Überlegungen zur Transformation des warenproduzierenden Systems (2. Teil)

Auch wenn der Krisendruck schon das Gebälk der Warengesellschaft splittern läßt: wer ein Leben jenseits von Geldlohn und Markterfolg ansteuern will, scheint hilflos vor einer schwarzen Wand zu stehen. Hämisch und im Baßton der Übereinstimmung mit den herrschenden Systemkriterien wird diese Tabuverletzung vom schwadronierenden Stammesbewußtsein der Fetischfreunde quittiert, das sich lieber auf wohlfeile Seifenblasenproduktion zurückzieht ("neue Industriepolitik", "demokratische Regulation", "Konjunkturprogramme auflegen", oder gar "deutsche Interessen wahrnehmen"). Wenn es ernst wird, ist nur noch die militante Vertretung irgendeiner Klientel und Lobby auf dem Schlachtfeld der blindwütigen Zahn- und Klauen-Konkurrenz zu erwarten: Betriebs- und Branchen-Egoismus, Regionalpatriotismus und soziale Verwilderung erscheinen wie Pestflecken auf der Haut der Gesellschaft. Und das Motto lautet dann unverblümt: Lieber Gott, laß es für uns noch reichen, laß zuerst die andern untergehen.

Die Entkoppelung von Zeit und Geld

Natürlich wäre es vermessen, in einer solchen Situation des am Nullpunkt angelangten theoretischen und politischen Diskurses so zu tun, als hätte man den Stein der Weisen gefunden. Zu lösen ist das Problem einer schrittweisen Entkoppelung von jenem Zusammenhang, der durch die Trinität von "Arbeit"-Geld-Warenkonsum bestimmt ist. Die "Befreiung der Zeit" ist schon seit längerem ein Stichwort, ohne daß sich dessen Protagonisten (z.B. Oskar Negt) allerdings jemals von der warenförmigen "Arbeit" und vom Geld lösen konnten. Die gesellschaftliche Praxis hat inzwischen aber die Debatte über Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich bzw. Teilzeitarbeit hervorgebracht. Damit wird das System nicht gerettet, weil die Rationalisierung trotzdem nicht aufhört und weil die Verminderung der Geldeinkommen den Krisenzyklus weitertreibt. Aber es handelt sich auch nicht bloß um eine kapitalistische Unverschämtheit wie den Vollzeit-Billiglohn (oder gar die Zwangsarbeit für Sozialhilfe-Empfänger). Denn dem verminderten Lohn entspricht ja eine Gegenleistung: nämlich zusätzliche "disponible Zeit", die nicht der Lohnarbeit in den Rachen geworfen werden muß. Freilich kann die gewonnene Zeit dann mangels Geld auch nicht mehr nach fordistischem Muster mit Konsumwahn und infantilem Techno-Spielzeug ausgefüllt werden. Aber sie böte Zeit-Raum für eben jene autonomen Tätigkeiten jenseits von Markt und Staat.

Es kann also nicht um einen scheinradikalen Totalausstieg in isolierten Kommunen gehen, wie ihn etwa Rudolf Bahro propagiert. Eine solche Option bleibt gesellschaftspolitisch völlig unvermittelt und droht sektenhafte Züge anzunehmen. Der Entkoppelungsschritt über das Eintauschen von disponibler Zeit gegen Verminderung des Geldeinkommens schneidet dagegen die sicherlich krisenhafte gesellschaftliche Vermittlung nicht einfach ab. Denn das Terrain der Lohnarbeit wird nicht bloß fluchtartig verlassen, sondern bleibt in einer Art Doppelstrategie Verhandlungsmasse (z.B. teilweiser Lohnausgleich für untere Lohngruppen, Gleichstellung der Frauen, anteilige Sozialleistungen bei Teilzeitarbeit statt ungesicherte Jobs usw.).

Welche Reproduktions-Tätigkeiten könnten nun zunächst als autonome, nicht mehr geldvermittelte organisiert werden? Zwei Grundgedanken mögen als Ausgangspunkt dienen. Erstens: wenn der Markt erst allmählich in einem historischen Prozeß alle gesellschaftlichen Vermittlungen an sich gerissen hat, dann können ihm einige dieser Zwischenglieder auch wieder entrissen werden, ohne daß die Menschen aus der Gesellschaftlichkeit einfach herausfallen. Zweitens: die Veränderung muß im Bereich des Einzelnen ansetzen und im Alltag praktisch erfahrbar sein. Nur ein beliebiges Beispiel: schon eine selbstorganisierte Einkaufsgemeinschaft, die Ebenen des Zwischenhandels ausschaltet (und besser als der Einzelne auf ökologische und sinnliche Qualität achten kann), ist ein kleiner Entkoppelungschritt von der flächendeckenden Logik des Geldes. André Gorz hat Ähnliches für Gebiete wie Kinderbetreuung, Altenpflege, aber auch Nahrungsmittelproduktion, Reparatur, kulturelle Aktivitäten usw. vorgeschlagen. Nicht-warenförmige Selbstverwaltung und Selbstversorgung in Teilbereichen wäre dabei der Grundsatz. Wichtig ist, daß diese Bereiche nicht wiederum einseitig den Frauen zugewiesen, sondern auf beide Geschlechter verteilt werden.

Die Crux bei Gorz ist freilich, daß er diese autonomen, nicht mehr warenförmigen Tätigkeiten indirekt doch wieder vom Geld abhängig macht, indem er durch ein (staatliches) Subventionsmodell die Arbeitszeitverkürzung mit vollem Lohnausgleich propagiert. Die stumme Voraussetzung ist dabei wieder die gelingende Kapitalakkumulation und die Position des eigenen Landes als Weltmarktgewinner, d.h. es wäre letztlich eine Subventionierung auf Kosten der Verlierer anderswo. In der Krise wird dieses Modell hoffnungslos. Außerdem muß Gorz dann die kapitalistische "Arbeit" in den versachlichten Großstrukturen völlig unangetastet lassen (ihr Fortgang soll ja das Ganze indirekt vollfinanzieren). Die nicht-warenförmigen autonomen Tätigkeiten bekommen so bei ihm eine Art unernsthaften Hobby-Charakter. Es kommt aber gerade darauf an, daß diese Tätigkeiten wirklich substantiell Entkoppelungschritte vom Geld sind und daß sie nicht als zweitrangig, als minderwertig und als bloße Notmaßnahmen oder als Zeitvertreib erscheinen, sondern eine eigene Entwicklungsperspektive bieten.

Vor allem aber kann die Transformation nicht bei diesen Ansätzen stehenbleiben. Es geht ja nur darum, überhaupt erst einmal ein Bein auf den Boden zu bekommen, um die Paralyse der praktischen Kritik am totalen Marktsystem zu überwinden. Denn Menschen, die nicht mehr total vom Geld und vom Staat abhängig sind, sondern ein zweites Standbein in selbstverwalteten Gemeinschaftstätigkeiten haben, können sich dann auch selbstbewußter mit der kapitalistischen Makrostruktur in sozialer und ökologischer Hinsicht weitergehend auseinandersetzen. Die zerstörerische Weltmarktproduktion kann auch im großen nicht unangetastet bleiben. Zu den autonomen Tätigkeiten gehören dann auch gesellschaftskritische Aktivitäten und praktischer Widerstand. Die Auseinandersetzung um die sozialen und ökologischen Systemkosten gehört hierher; ebenso die bis jetzt erst in Einzelfällen geleistete kritische Untersuchung der von der Warenlogik erzwungenen und oft absurden stofflich-inhaltlichen Reproduktionswege ("ein Joghurtbecher irrt durch Europa"). Also etwa nach dem Motto: "Bürger beobachten ihre eigene Reproduktion". Die Ansätze nicht mehr geldvermittelter Reproduktionstätigkeiten könnten so mit Aktivitäten ökologischer Kritik und anderen Initiativen (Dritte Welt, Antirassismus etc.) zu einem Gesamtgeflecht neuer Kapitalismuskritik verwoben werden.

Die Wüste lebt

Die Kritik der totalen Warenform blitzte in der Durchsetzungsgeschichte des Systems immer wieder auf, ohne mehr als Spurenelemente zu hinterlassen. Das entfesselte Geld konnte darüber hinwegrollen, solange es seine eigene Logik noch nicht erschöpft hatte: sei es durch die Peitsche von Modernisierungsdiktaturen, sei es mit dem Zuckerbrot destruktiver Konsum-Gratifikationen. Jede Kritik von Warenform und Geldvermittlung schien nur zur primitiven Dorfwirtschaft und zur alten Blutsfamilie als bedürfnisarmer, repressiver Produktionseinheit zurückzuführen. Mit solchen Hinweisen wird ja die Zumutung der Geldkritik auch heute noch abgewehrt. In der jetzt erreichten Krisenreife des Systems sind das aber nur noch unreflektierte Totschlagsargumente. Denn inzwischen hat der kapitalistische Entwicklungsprozeß selber die Potenzen hervorgebracht, die es ermöglichen, die verschütteten alten Fragen neu zu stellen.

Die handelnden Menschen selber sind vom Kapitalismus längst derart hochgradig individualisiert, daß es ein Zurück zur Dorfgemeinschaft und zur blutsverwandtschaftlichen Reproduktion gar nicht mehr geben kann. Aber das Leiden an der abstrakten Individualität des vermarktwirtschaftlichten Menschen, die ja ihrerseits auch nicht das Gelbe vom Ei ist, bringt neue Formen von Gemeinschaftlichkeit hervor, in denen sich die individualisierten Menschen zusammenschließen: Selbsthilfegruppen, Wohn- und Hausgemeinschaften, Bürgerinitiativen, Stadtteilgruppen, kulturelle Gesellschaften und Milieus etc. Sicherlich alles noch unausgegoren, aber keineswegs perspektivlos. Wenn in diesen bereits entstandenen Formen die individuellen Rückzugsmöglichkeiten geachtet werden und kein Psychoterror entsteht, können sie eine Alternative sowohl zur staatsbürokratischen Bevormundung als auch zur Wolfseinsamkeit des Geldes werden. Es gilt, diese Formen zu mobilisieren und gesellschaftskritisch neu aufzuladen, nicht zuletzt auch dadurch, daß sie aus ihrem bloßen Lobby- oder Freizeit-Dasein heraustreten und wirkliche Reproduktionsbereiche außerhalb der Geldlogik organisieren.

Gleichzeitig hat sich gerade durch die neuen Produktivkräfte auch die Möglichkeit verbessert, dabei nicht auf primitive Mittel zurückfallen zu müssen. Früher konnte man sich Vergesellschaftung allein als Großaggregat in bürokratischer Großraumverwaltung und mit Riesenmaschinen vorstellen. Dagegen hat die Mikroelektronik heute eine allgemeine technologische und informationelle Miniaturisierung hervorgebracht, die zwar nicht in der Herstellung, wohl aber in der vielfältigen produktiven Anwendung den Zugriff auch im kleinen Maßstab gestattet. Gleichzeitig hat uns die Ökologie Modelle vielfach vernetzter kleinräumiger Reproduktion als Alternative zum grobklotzigen Vergesellschaftungsmodus des Markt-Staat-Syndroms geliefert. Die Kritik von Warenform und Geld muß heute also nicht mehr rückwärtsgewandt sein; sie kann im Gegenteil erstmals von modernen Menschen mit modernen Mitteln als Schritt gesellschaftlicher Evolution geleistet werden. Am Ende (durch viele Auseinandersetzungen hindurch) könnte ein neuer, nicht mehr warenförmiger Modus gesamtgesellschaftlicher Regulation stehen, der ökologisch/kybernetisch und "chaostheoretisch" reflektiert ist: nicht mehr eine mechanische, hierarchisch-bürokratische Staatsplanung (wie sie für das Problem "nachholender Modernisierung" zwangsläufig war), sondern eine informationell gestützte dezentrale Vernetzung, bei der in jeder Teileinheit das Ganze präsent sein kann und die Steuerung somit als "horizontale Verknüpfung" statt vertikal-bürokratisch verläuft.

Die Grundelemente von technologischer Miniaturisierung, informationeller Vernetzung und "organisierter Individualität" als Basis gesellschaftlicher Transformation verbieten allerdings eine verkürzte Kritik der Warengesellschaft, die sich etwa im Ansatz des "Bielefelder Feminismus" von Claudia v. Werlhof, Maria Mies u.a. durch eine völlig undifferenzierte Ablehnung der Mikroelektronik und überhaupt aller informationstechnologischen Möglichkeiten auszeichnet. Trotz wichtiger Einsichten schlägt sich diese "naturalistische" Kritik (ähnlich wie bei Bahro) selber die Mittel aus der Hand. Die technologischen Hinterlassenschaften des Kapitalismus können zwar keineswegs alle und keinesfalls in ihrer vorgefundenen Form übernommen werden; das ist inzwischen ein ökologischer Gemeinplatz. Aber es kommt darauf an, sie nach Kriterien "sinnlicher Vernunft" kritisch zu sortieren statt sie abstrakt abzulehnen.

Das kann z.B. heißen, moderne Produktionsmittel und Informationstechnologien (gerade die "Krisentechnologien") selber gesellschaftskritisch einzusetzen, gleichzeitig aber eine "Kulturrevolution" zu entfachen, von der die destruktiven Konsum- und Lebensmuster dieses Systems madig gemacht werden. Nicht im Sinne einer konservativen "Verzichtsideologie" (die sowieso selber in der auf Massenkonsum angewiesenen totalen Marktgesellschaft eine Milchmädchenrechnung bleibt), sondern als alternativer Anspruch eines "guten Lebens", der sich auf befriedigende menschliche Beziehungen und auf sinnlichen Genuß richtet. Der Terror der abstrakten Zeit im totalen Geldsystem ist damit ebenso unvereinbar wie der erbärmliche Kompensationskonsum. Gefordert wäre ein praktischer Kulturkampf z.B. gegen das Auto als wesentlich kapitalistische Maschine (aktuell etwa gegen die Ostseeautobahn), gegen den kommerziellen Massentourismus - und für alternative Formen der Erholung und der Kommunikation.

Der Konflikt hat aber natürlich auch eine direkt materielle Seite. Denn autonome, nicht-warenförmige Tätigkeiten können ja nicht im luftleeren Raum stattfinden. Dazu bedarf es Ressourcen: Land, Gebäude, Büros, Werkstätten, Gärten, Produktions- und Kommunikationsmittel usw. Diese müssen Staat und Markt abverlangt werden. Solche Forderungen werden umso plausibler, je weniger das warenproduzierende System die Ressourcen sinnvoll verwalten kann, und je mehr intakte und lebenswichtige Mittel weltweit brachliegen, bloß weil sie dem Rentabilitätsfetisch nicht genügen. Für einen solchen "Einstieg in den Ausstieg" aus der Geldlogik könnte neben sachlichen Ressourcen paradoxerweise sogar auch wieder Geld vom Staat gefordert werden; und zwar für Investitionen, die dem Start in autonome Tätigkeiten dienen (das wäre etwas grundsätzlich anderes als ein Subventionsmodell). Die westdeutsche Bewegung für autonome Kommunikationszentren in den 70er Jahren und die Hausbesetzerbewegung in den 80er Jahren waren Vorläufer solcher Konflikte. Eine elementare Frage wird dabei zunehmend diejenige von Grund und Boden sein. Das Ziel kann nur heißen, die Erde von jeder Kauf- und Verkaufbarkeit auszuschließen, d.h. sie als Grundlage allen Lebens vom Geld zu entkoppeln. Institutionell zu entwickeln wäre hier allerdings eine kommunale und selbstverwaltete Nutzungsentscheidung im Gegensatz zu einer bürokratisch-zentralistischen, wie sie für den Staatssozialismus charakteristisch war.

All dies kann zeigen, daß die Wüste der totalen Warengesellschaft doch nicht ganz tot ist. Alternative Lebensformen, Arbeitsloseninitiativen und "dissidente Subsistenz" sind in ganz Europa wieder stark im Kommen. Dort werden Erfahrungen gesammelt, in die kritische Theoriebildung eingreifen kann. Es wird darauf ankommen, diese Ansätze mit der Krisenanalyse, der Debatte um Arbeitszeitverkürzung und einer Grundsatzkritik der Warenproduktion zu vermitteln, um zu einem neuen, integrierten Gesamtkonzept radikaler Gesellschaftskritik zu gelangen.



© Robert Kurz, 1994

Quelle: Neues Deutschland, 18./19.06.1994









 

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