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Beiträge zur Theorie  










Robert Kurz

Gibt es ein Leben nach der Marktwirtschaft

Überlegungen zur Transformation des warenproduzierenden Systems (1. Teil)

Wenn der Staatssozialismus der Versuch einer nachkapitalistischen Gesellschaft war, dann macht dessen Zusammenbruch jede grundsätzliche Kapitalismuskritik zum aussichtslosen Unternehmen, das man besser bleiben lassen sollte. Diese Konsequenz hat der größte Teil der ehemaligen DDR-Intelligenz ebenso gezogen wie die meisten linken, grünen usw. Gesellschaftskritiker im Westen. Viele von ihnen behaupten, immer noch Kapitalismuskritik zu üben, freilich nur noch in den Grenzen der kapitalistischen Produktionsweise selbst. Das ganze Problem ist nicht historisch aufgearbeitet; man hat nur Kreide gefressen und verkauft dies als "Realismus": ohne "richtige" Preise, Rentabilität usw. gehe es eben nicht. Die bedingungslose Kapitulation vor den blinden systemgesetzlichen Kriterien des Marktes transformiert die Gesellschaftskritik zwangsläufig zu einem harmlosen Verschönerungsverein herunter: ein bißchen Frieden, ein bißchen Sozialverträglichkeit.

Wenn der Staatssozialismus aber im wesentlichen ein Projekt "nachholender Modernisierung" im Osten und Süden des Planeten war, entstanden aus den Problemen kapitalistischer Unterentwicklung, dann konnte er gar keine nachkapitalistische Gesellschaft sein. Vielmehr reflektierte er unter diesen Bedingungen das Problem der historischen Späteinsteiger in das moderne warenproduzierende System, die beim besten Willen noch nicht über diesen Horizont hinausgehen konnten. Lenin wußte das übrigens, soweit man das damals überhaupt wissen konnte. Erst später wurde das Problem im Interesse der Selbstbehauptung ideologisiert.

Ist der Mensch ein geldverdienendes Wesen?

Was aber wäre dann die eigentliche Überwindung des Kapitalismus, die nicht mehr vom Problem der historischen Späteinsteiger bestimmt sein würde, sondern von der Überentwicklung der Welt-Marktwirtschaft selbst? Logischerweise wäre es die Transformation des warenproduzierenden Systems zu einer höheren Vergesellschaftungsweise ohne die Fetischformen von Ware und Geld. Das war die Grundauffassung von Marx, für die er jetzt als Depp hingestellt wird - ausgerechnet von den ehemaligen Repräsentanten der "ideologischen Apparate" des Marxismus. Damit verewigen heute Linke wie Bürgerliche gleichermaßen ideologisch eine Produktions- und Lebensweise, die als Totalisierung der Warenform in Wirklichkeit nur einen winzigen Zeitabschnitt der menschlichen Geschichte ausmacht. Das moderne Geldverdiener-Bewußtsein wird zur ewigen menschlichen Bewußtseinsform schlechthin stilisiert.

Daß die Aufhebung von Ware und Geld als Zumutung und geradezu als Aberwitz erscheint, und daß sich die Verächter eines solchen Gedankens mit dem Massenbewußtsein in stummer Übereinstimmung fühlen können, zeigt nur die Befangenheit in einem gemeinsamen

historischen Bezugssystem, das mit der eigenen Identität verwachsen scheint und in das wir alle hineinsozialisiert worden sind (die Intellektuellen auch in theoretischer Form). Eine Kritik, die an diesen Kern rührt, wäre tatsächlich nur unter einer Bedingung nicht hoffnungslos: dann nämlich, wenn die totale Warengesellschaft durch ihre eigene blinde Systemgesetzlichkeit in eine ausweglose Krise hineinschlittert. Gerade die Linken wollen davon nichts sehen, nichts mehr hören, und nichts dazu sagen (die berühmte Gebärde der drei Affen); blindes Vertrauen in die angeblich ewige "Anpassungsfähigkeit" des Kapitalismus wird beschworen. Ob sich aber die Realität an die Ignoranz der großen Koalition von "Realisten" hält?

Wenn die große Krise stattfindet, dann im "arbeitsgesellschaftlichen" Zentrum der Warenproduktion. Gebt uns "Arbeit"!, fordern die Menschen; und die politische Klasse, die Gewerkschaften usw. streiten allein darüber, wie denn "Arbeitsplätze" geschaffen werden könnten und wie der "Standort Deutschland" zu halten sei. Gemeint ist aber nicht menschliche Produktions- und Lebenstätigkeit schlechthin, sondern stillschweigend immer schon die Verwandlung von "abstrakter Arbeit" (Marx) der Warenproduktion in Geld: in Lohn und Profit also. Noch vor 150 Jahren hat das kaum jemand für normal gehalten. Nicht nur wegen der niedrigen Löhne und der furchtbaren Arbeitsbedingungen, sondern weil es überhaupt als ungeheuerliche Zumutung erschien, morgens um 7 oder 8 pünktlich in einem potthäßlichen Gebäude zu erscheinen und dort bis zum Abend zu "arbeiten" in einem Zusammenhang, der nicht durch selbstbestimmte gemeinsame Ziele definiert ist, sondern durch einen abstrakten Staatsplan und/oder durch die anonymen Sachgesetzlichkeiten des Marktes. Selbst den Hörigen und Sklaven wurde nicht die volle Lebenszeit für fremdbestimmte Tätigkeit abverlangt, sondern nur ein Teil. Die "Arbeit" im heutigen Sinne (fremdbestimmt für Geld) wurde als eine Art schändliche Prostitution empfunden.

Nun gut, wir haben uns daran gewöhnt, Prostituierte der Warenproduktion zu sein und unsere Körper tagtäglich der abstrakten Arbeit auszuliefern. Die historische Belohnung dafür war eine Erweiterung der Bedürfnisse: Autos, Tourismus, Waschmaschinen, Fernseher und Telefonanrufbeantworter. In der neuen Massenarbeitslosigkeit aber wird uns sogar noch die Selbstprostitution zunehmend verweigert, und damit natürlich auch die Konsum-Gratifikation (neue Armut). Die Linken wie die Bürgerlichen hoffen darauf, daß es sich auch diesmal wieder um eine bloß vorübergehende Stockung im Verwertungsprozeß des Geldes handeln wird, und daß schon bald ein neues "Akkumulationsmodell" winkt und lacht. Dies soll im wesentlichen durch eine Erhöhung der Produktivität geschehen. Und wodurch wird die Produktivität erhöht? Durch Rationalisierung. Aber werden nicht die Arbeitsplätze gerade "wegrationalisiert"? Irgendetwas scheint da nicht zu stimmen.

Der Zusammenbruch der "Arbeit"

Seit den ersten großen Schüben der Rationalisierung in den Autofabriken von Henry Ford zu Beginn dieses Jahrhunderts war es zunächst vor allem die menschliche Arbeitstätigkeit selbst, die in ihrem Vollzug rationalisiert wurde (Taylorismus, Fließband usw.). Erst dadurch verbilligten sich die marktwirtschaftlich hergestellten Güter so stark, daß sie in den Massenkonsum eingehen konnten. Die so entstehende "fordistische" Massenproduktion brauchte nicht weniger, sondern immer mehr Lohnarbeiter. Denn die Zeitersparnis bei einzelnen Arbeitsschritten wurde bei weitem durch die Ausdehnung der Märkte übertroffen. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts setzte sich auf diese Weise die "betriebswirtschaftliche Rationalität" der Marktwirtschaft, die vorher nur ein gesellschaftliches Segment gewesen war, als totale Reproduktionsform durch. Waren bis dahin Lohnarbeit und Marktwirtschaft noch durchsetzt mit anderen (hauswirtschaftlichen, kommunalen etc.) Reproduktionstätigkeiten, die nicht oder nicht hauptsächlich über Geld liefen, so wurde die Logik des Zusammenhangs von "Arbeit"-Geld-Konsum jetzt erst zur lückenlosen Normalität der Massen.

Aber seit Beginn der 80er Jahre hat die Weltmarkt-Konkurrenz eine neue Art der Rationalisierung geboren, deren technisch-wissenschaftlicher Träger die Mikroelektronik ist. Jetzt wird nicht mehr die menschliche Arbeitskraft innerhalb ihrer Tätigkeit rationalisiert, sondern immer mehr "Arbeitsplätze" werden sowohl durch Robotik und Steuerungssysteme als auch durch informationelle Straffung (Lean Production) völlig ersetzt. In genauer Umkehrung des früheren Prozesses beginnt die Rationalisierung die (ohnehin ökologisch prekäre) Ausdehnung der Märkte unaufhaltsam zu überholen. Deswegen haben wir es weniger mit einer zyklischen (immer wieder vorübergehenden), sondern mit einer strukturellen (dauerhaften) Massenarbeitslosigkeit zu tun. Von Zyklus zu Zyklus erhöht sich die "Sockelarbeitslosigkeit", ohne daß irgendeine Problembewältigung in Aussicht wäre.

Dieser Krisenprozeß ist nicht bloß ein sozialer, sondern auch einer der Kapitalakkumulation selbst. Denn Geld "ist" nichts als die "Darstellungsform" toter Arbeit, und Kapital "ist" nichts als die Verwertungsbewegung des kapitalisierten Geldes. Mit dem Wegrationalisieren der "Arbeit" frißt das Kapital also seine eigene Substanz, vergleichbar jener neuen in England aufgetauchten Krankheit gewebefressender Killerbakterien. An der Marktoberfläche erfährt dies das Management daran, daß Roboter und vernetzte Strukturen nichts kaufen. Der absurde Systemwiderspruch, daß mit immer weniger "Arbeit" immer mehr Güter hergestellt werden, gleichzeitig aber die Aneignung dieser Güter an Kaufkraft (Geld) und somit allein an die "rentable" Verausgabungsfähigkeit von "Arbeit" gebunden ist, tritt in sein historisches Reifestadium ein. Der kritische Punkt wird dabei nicht erst dann erreicht, wenn der letzte kapitalproduktive Arbeiter das Licht ausmacht, sondern natürlich bereits lange vorher in dem Maße, wie der gewaltige Kapitalstock durch die selbstproduzierte Verminderung der Arbeits-"Substanz" dauerhaft nicht mehr ausreichend weiterverwertet werden kann. Der Verwandlung der zyklischen in eine strukturelle Massenarbeitslosigkeit entspricht die Verwandlung der zyklischen in eine strukturelle "Überakkumulation" des Kapitals. Damit wird die absolute historische Systemschranke markiert.

Vom Krisenexport zur Armutsverwaltung

Diese deutliche Systemschranke konnte zunächst von den kapitalstärkeren Ländern über den Weltmarkt durch "Krisenexport" abgefedert werden. Die Krise wurde seit Beginn der 80er Jahre teilweise durch die globale Konkurrenz (Import/Export-Preise) auf die kapitalschwächeren historischen Nachzügler des warenproduzierenden Systems abgewälzt. Der Staatssozialismus und große Teile der Dritten Welt erlebten einen Wirtschaftszusammenbruch, weil sie dem kapitalintensiven Produktivitätswettlauf nicht mehr folgen konnten, sich aber ihrer eigenen Form nach an den Kriterien des warenproduzierenden Systems messen lassen mußten. Aber mit der zwangsweisen Abkoppelung und Verarmung großer Teile der warenförmigen Weltwirtschaft setzt sich der Krisenprozeß nun bei den verbliebenen Konkurrenzteilnehmern fort in einer sich verengenden Spirale.

Dabei mag es noch diese oder jene Gewinner-Verlierer-Konstellation geben, an der globalen Strukturkrise ändert dies nichts mehr. Die Kapitalakkumulation müßte zuletzt sozusagen substantiell auf Bierdeckelgröße stattfinden. Das Resultat ist eindeutig: überall, auch in den westlichen Zentren selbst, werden quasi system-automatisch wachsende Teile der Bevölkerung aus jeder menschenwürdigen Reproduktion ausgegrenzt; ihr Leben wird den Fetischkriterien der Warenproduktion geopfert. Noch nicht einmal aus subjektiver Böswilligkeit, sondern weil es sich um einen gemeinsamen Systemirrsinn handelt. Die Reaktionen auf dieses offene Verrücktwerden der Marktwirtschaft sind durchwegs panisch. Um des Geldeinkommens willen wird sogar sinnlose und gemeingefährliche "Arbeit" forciert; die ökologischen Auflagen werden heruntergefahren, die Zerstörung der Welt beschleunigt sich. Die Linken und Grünen, die sich den Kriterien der Marktwirtschaft ausgeliefert haben, müssen nun beten, daß die Akkumulation des Kapitals wieder anspringen möge. Kein beneidenswerter Part.

Wenn man ökonomisch nicht mehr weiterweiß, dann ertönt unvermeidlich der quengelige Ruf nach dem Staat und nach "politischer Gestaltung" der Wirtschaftskatastrophe. Aber da es sich eben um eine Systemkrise handelt, ergreift sie nach dem Waren- und Arbeitsmarkt auch den Staat als zweite zentrale Instanz der totalen Warenproduktion. Der Staat besitzt nämlich gar kein eigenes Eingriffsmedium, denn er muß sich selbst, seine "Macht" und seine sozialen bzw. ökologischen Maßnahmen im Medium des Marktes darstellen: in Geld. Wenn er nicht mehr genug Geld aus "gelingenden" Marktprozessen abschöpfen kann, ist auch er am Ende. Überschuldung und substanzlose Geldschöpfung durch die Notenpresse führen nur in die Hyperinflation (heute bereits der "Normalzustand" in den meisten Ländern). Damit aber kommt eine marktwirtschaftlich eingeschworene Linke erst recht in Teufels Küche. Denn etwas anderes als irgendeine staatliche Steuerung oder Umverteilung von Geld hat sie ja nie gelernt. Das Ende vom Lied muß dann zwangsläufig das verschämte Mitmachen bei der antisozialen Armutsverwaltung im Namen des Finanzierbarkeitsterrors sein, in dessen Bann die "realistischen" Spitzen der Grünen bereits einzutauchen beginnen.

Wenn der Kolbenfresser der Geldmaschine unüberhörbar wird, dann kommt eine lang verschüttete Fragestellung ans Tageslicht, die jedem marktwirtschaftlichen "Realismus" Hohn spricht: die Menschen müssen die Kontrolle über ihr eigenes Leben gewinnen, die sie an Markt und Staat verloren haben. Denn in den letzten 200 Jahren ist die persönliche Abhängigkeit vom Feudalherrn zunächst nur abgelöst worden durch die Abhängigkeit von der Staatsbürokratie in den verschiedenen Modernisierungsdiktaturen. Die (neo)liberale Ideologie versprach demgegenüber menschliche Autonomie durch den Markt. Aber jetzt zeigt sich, daß die subjektlose Diktatur des Geldes erst recht jede Autonomie und Selbstbestimmung ausschließt und die Eigeninitiative erst recht abtötet, weil sie diese dem absurden Gesetz der Rentabilität unterwirft. Die Mehrzahl der heutigen Menschheit ist leider unrentabel geworden. Marktzwänge und Staatsbürokratie sind nur die beiden Seiten derselben System-Medaille. Der Weg aus dieser Misere kann zunächst nur allgemein formuliert werden: gefordert ist die Entfaltung autonomer, gemeinschaftlicher Tätigkeiten und Reproduktionsformen jenseits von Markt und Staat. Dazu bedarf es praktischer Versuche und einer interdisziplinären neuen Theoriebildung mit dem Ziel, die historische Krise des warenproduzierenden Weltsystems in eine positive Aufhebung zu verwandeln. Wer allerdings nicht sucht, der kann auch nicht finden. Als billiges Supermarkt-Angebot wird die Systemtransformation nicht zu haben sein.


© Robert Kurz, 1994

Quelle: "Neues Deutschland" - 11./12.06.1994












 

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