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1999-03-26

Sind Deutschlands Medien gleichgeschaltet?

jW sprach mit Hermann Meyn, Bundesvorsitzender des Deutschen Journalistenverbandes

F: Können Sie der Feststellung zustimmen, daß deutsche Medien beim jetzigen Krieg der NATO gegen Jugoslawien scharfmacherisch wirken? Wir denken da an Schlagzeilen wie die, in denen Milosevic als »Schlächter« bezeichnet wird, oder in denen vom »irren« Serben die Rede ist.

Ich bezeichne dies alles als eine Hetzsprache. Eine Hetzsprache, von der sich die Journalisten ganz schnell verabschieden sollten. Mit Schlagzeilen Käufer einzufangen, darf nicht zu einem Abgleiten in eine solche Sprache führen. Ich vermisse auch bei den sogenannten seriösen Zeitungen eine sprachliche Zurückhaltung.

F: Krieg heißt militärische Zensur auf beiden Seiten. Ebenso wird auf beiden Seiten mit den Mitteln der psychologischen Kriegsführung gearbeitet. Sind Sie der Meinung, daß die Medien in Deutschland ausreichend darauf hinweisen, daß auch die Angaben der NATO für die Journalisten nicht überprüfbar sind?

Ich vermisse auch eine Zurückhaltung in bezug auf die Unsicherheit der Quellen. Gelegentlich wird geäußert, daß es sich um unbestätigte Meldungen handelt. Der Golfkrieg ist uns in guter Erinnerung, als es die absolute Zensur auf beiden Seiten gab und uns über viele Monate etwas vorgegaukelt wurde. Krieg heißt immer Blut, heißt immer Menschenleben, heißt immer Opfer. Dieser Aspekt kommt mir in der gesamten Berichterstattung hierzulande viel zu kurz. Und manches gar erinnert mich in sehr fataler Weise - ich mußte das leider als Kind miterleben - an die Meldungen des Oberkommandos der Wehrmacht: Erfolgsmeldungen über Erfolgsmeldungen, und auch als der Krieg längst verloren war, waren die Deutschen immer noch auf dem Vormarsch. Dieser Militärjargon aus früheren Zeiten schimmert in vielen Meldungen durch. Ich halte die sprachliche Sensibilität bei vielen Journalisten für etwas unterentwickelt.

Was die Zensur angeht, stimme ich Ihrer Feststellung zu. Ich glaube nicht, daß wir von der NATO die Wahrheit erfahren.

Ich habe ein gewisses Verständnis dafür, daß NATO- Generäle Journalisten nicht vorab darüber informieren, wo die Bomben fallen sollen. Die Meldungen, die hernach veröffentlicht werden, machen mich überaus skeptisch. Es heißt ja immer wieder, daß alle Piloten wohlbehalten von ihrem Einsatz zurückgekommen seien. Aber das ist die reine Behauptung der NATO.

Wenn ich jetzt lese, Herr Solana sagt, die Waffen richten sich nicht gegen die Soldaten, sondern gegen Sachen, frage ich mich, wie man das bei Bomben auf Kasernen auseinanderhalten will? Das ist mir schleierhaft. Ich habe die Vermutung, daß auch das die blanke Schönfärberei der NATO ist.

F: Eine Zeitung in Berlin machte am Montag mit einem vermeintlichen Bildbericht über die Rettung des abgeschossenen US-Piloten auf. Sie druckte Bilder mit der Unterschrift »Die Spezialeinheit der US-Air Force evakuiert den Piloten«. Erst in der kleingedruckten Bildquelle erfährt der Leser, daß es sich um Sequenzen aus einem Trainingsvideo der US-Army (Foto: dies hier kam in besagtem Video nicht vor - es war die Realität nach dem Ende des Tarnkappen-Bombers auf jugoslawischem Territorium!) handelt. Halten Sie das für journalistisch erlaubt?

Das ist skandalös und erinnert an den Golfkrieg, bei dem uns ja dieser Kormoran vorgesetzt wurde, der unser Mitleid hervorrufen sollte. Später stellte sich heraus, daß es ein Archivbild war.

F: Wenn man gerade dieser Tage fernsieht, Zeitungen liest, kann man meinen, die Medien hierzulande brauchen nicht mehr gleichgeschaltet zu werden: Sie sind es schon.

Wir haben in der Bundesrepublik einen medialen Pluralismus, eine Meinungs- und Informationsvielfalt. Aber es gibt diese Mainstreams, in denen offensichtlich alle mitschwimmen. Schon seit geraumer Zeit ist in den Medien in der Bundesrepublik - ohne daß irgend etwas gleichgeschaltet wurde - ein antiserbischer Mainstream zu beobachten: sowohl in der Berichterstattung über den Bosnien-Konflikt als auch im ganzen letzten Jahr über das Kosovo.

Ich war im Sommer selbst in Pristina. Damals waren gerade die Berichte über ein Massaker abgesetzt worden. Wir haben vor Ort mit den Chefredakteuren albanischsprachiger Zeitungen geprochen, die auch auf seiten der Kosovo- Albaner stehen. Selbst sie sagten uns, daß sie nicht wüßten, ob die Frauen und Kinder in Massengräbern wirklich von Serben umgebracht worden seien. Und sogar diese Chefredakteure wiesen uns auf etwas hin, was ich zuvor auch nicht wußte: daß zwölfjährige Kinder und Frauen von der UCK bewaffnet werden und sie auf serbische Polizisten schießen müssen. Und die schießen dann zurück. Die Meldung lautet dann: »Serben ermordeten Frauen und Kinder«.

Journalismus muß in diesen Tagen heißen, sich in bezug auf die Sprache zu mäßigen, sich zurückzuhalten und vor allem zu erkennen zu geben, wenn diese Meldungen unbestätigte, ungesicherte Informationen sind. Man sollte zu Beginn jeder Nachricht entweder bemerken, daß es sich um unbestätigte Meldungen handelt, oder eben von Behauptungen der NATO oder Herrn Milosevics sprechen. Das sollten Journalisten zu erkennen geben. Das gehört zur Ehrlichkeit. Die Unsicherheit der Quellen sollte immer wieder zum Ausdruck gebracht werden.

Interview: Ulrike Schulz



Quelle: Junge Welt, 26.03.1999


 




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