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Beiträge zur Geschichte  









Fortsetzung 4

Marlis Meergans, Eberhard Noll

Die Pariser Kommune

Die 'Verteidigung' von Paris

Am 28. November erklärte General Ducrot als Befehlshaber der 2. Pariser Armee:

"Ich kehre nach Paris nur als Toter oder als Sieger zurück!" Mit dieser Proklamation begann ein Ausfall in Richtung auf Champigny, aber als er nach Paris zurückkam war Ducrot weder tot noch siegreich. Als einziges Ergebnis brachte er 8.000 Tote mit nach Paris, die sinnlos geopfert wurden. Nach diesem famosen Ausfall Ducrot ruhte sich Trouchu als Oberbefehlshaber der Pariser Armee zwanzig Tage auf seinen Lorbeeren aus. Natürlich nicht ganz untätig, vielmehr löste er ­ im Vertrauen darauf, daß Gott die Verteidigung von Paris übernehmen werde ­ zwei Bataillone auf, weil ihnen angeblich zu viele Hitzköpfe angehörten.

Am 21. Dezember endlich geruhte er auch ein wenig an die Preußen zu denken. Die Mobilgardisten des Departement Seine wurden ohne Artillerie ­ obwohl sie zur Verfügung stand ­ gegen Stains und Le Bourget vorgeschickt. Die wenigsten kamen aus dem vernichtenden Artilleriefeuer wieder heraus. Auf der Hochebene von Avron blieb ein großer Teil der Nationalgarde zwei Tage lang fast ohne Deckung im Feuer von 50 Geschützen liegen. Als die Zahl der Toten immer größer wurde (oder besser: groß genug war), stellte. Trouchu plötzlich fest, daß die Stellung keine Bedeutung hätte, und ließ sie räumen. Noch immer ließ Trouchu durch Anschläge bekanntgeben, daß er nicht aufgeben werde, und in der Nacht vom 18. zum 19. Januar ließ er die Verteidigungswerke von Versailles stürmen. Die französischen Truppen eroberten die Verschanzungen von Montretout, den Park von Buzenval und einen Teil von Saint Cloud. Völlig überrascht erklärte Trouchu: "Unsere Soldaten sind zu weit gegangen", und befahl den Rückzug!

Die zurückziehenden Bataillone tobten vor Wut. Sie begriffen, daß man sie den Ausfall hatte machen lassen, um sie zu opfern. Darüber hinaus hatte ein Oberst erklärt: "Wir werden die Nationalgarde ein wenig verheizen, wenn sie es durchaus will!"

Am 22. Januar kam es zu neuen revolutionären Unruhen. Nationalgardisten, denen sich eine große Menschenmenge angeschlossen hatten, gingen gegen das Stadthaus und gegen das Gefängnis von Mazas vor, in dem die Angeklagten des 31. Oktober saßen. Noch einmal siegte die Regierung und verschärfte die Unterdrückungsmaßnahmen. Am selben 22. Januar wurde General Trouchu als Oberkommandierender der Pariser Armee durch General Vinoy abgelöst.

Der Waffenstillstand, der am 28. Januar für die Dauer von 21 Tagen unterzeichnet worden war, sollte es der Regierung ermöglichen eine Nationalversammlung wählen zu lassen, die sich über die Fortsetzung des Krieges und die Friedensbedingungen äußern sollte. Die Wahlen fanden am 8. Februar statt. In Paris kam das Ergebnis der Wahl einer Entscheidung für die Fortsetzung des Krieges und für die Republik gleich. Da die Regierung der "Nationalen Verteidigung" jedoch noch einen großen Einfluß auf die Bauernschaft hatte trugen die reaktionären Kräfte den Sieg davon. Von insgesamt 750 Abgeordneten der Nationalversammlung waren 450 Monarchisten.

Die Bedingungen, unter denen diese Wahl stattfand, trug entscheidend zum Sieg der reaktionären Kräfte bei. Die Wähler waren einem doppelten Druck ausgesetzt: Dem der Preußen und dem der französischen Reaktion. In den 43 von den Preußen besetzten Departement untersagte man jede Wahlkundgebung, einzig die Bekanntmachung der Wahldekrete wurde von den Preußen veranlaßt. In den meisten anderen Departements, einige große Städte ausgenommen, wurde die Wahlen sehr rasch abgehalten, und zwar unter Ausnutzung der Verwirrung in den Köpfen der Wähler und des Fehlens politischer Bildung sowie der Unwissenheit unter den Bauern. Die Monarchisten im republikanischen Mäntelchen machten den Wählern in den besetzten und umkämpften Gebieten Hoffnung auf Linderung der Not, indem man ihnen erzählte, daß ein rascher Frieden ihre Befreiung herbeiführen würde. Und dies, obwohl man wußte, daß die Annexion des Elsaß eine von Bismarcks unabweichlichen Forderungen war. Den von der Invasion verschont Gebliebenen drohte man mit der "Roten Gefahr aus Paris".

Kaum war die Nationalversammlung zusammengetreten, da verfaßte sie auch schon die ersten Hetzschriften gegen das revolutionäre Paris; so beschuldigte man die Nationalgarde vor dem Feind geflohen zu sein.

Star dieser Krautjunkerversammlung war Thiers, der, bevor die Nationalversammlung zusammengetreten war, bereits mit Bismarck eine geheime Zusammenkunft hatte, in der es um einen Friedensvertrag mit Preußen ging.

Am. 19. Februar dann legte Thiers der Nationalversammlung die Liste der Mitglieder seiner Regierung vor. Sein Außenminister war Jules Favre, der schon während der Belagerung von Paris die Kontakte mit Bismarck hergestellt hatte. Der Präliminarfrieden(23) wurde am 26. Februar in Versailles unterzeichnet. Sofort eilte Thiers nach Bordeaux und legte der Nationalversammlung einen Dringlichkeitsantrag zur Ratifizierung des Präliminarfriedens vor, dem sie mit 546 zu 107 Stimmen zustimmte. Das Verhalten der Nationalversammlung rief in Paris Besorgnis hervor, und so hatte am 15, Februar eine Versammlung der Nationalgarde stattgefunden auf der beschlossen wurde, daß alle Bataillone der Nationalgarde sich einem Zentralkomitee unterstellen sollten. Dieses Komitee wurde nun am 24. Februar von 2.000 Delegierten der Kompanien der Nationalgarde gewählt. Ferner wurde beschlossen, daß die Nationalgarde nur die von ihr selbst gewählten Führer anerkennen würde. Das war die Antwort auf die Ernennung General Vinoys, der die Kapitulation unterzeichnet hatte, zum Oberbefehlshaber der Hauptstadt.






Anmerkungen:

23 Vorfrieden

Fortsetzung 5








 

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