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Beiträge zur Geschichte  









Fortsetzung 2

Marlis Meergans, Eberhard Noll

Die Pariser Kommune

Die 72 Tage der Pariser Kommune.

Die Linken Kräfte

Im Lager der politisch engagierten Linkskräfte Frankreichs bestand Mitte des 19. Jahrhunderts eine krasse ideologische Zerklüftung. Die zahlenmäßig stärkste Gruppe waren die Jacobiner. Ihr Modell für ihre politischen Handlungen war nach wie vor die Französische Revolution von 1789, ihr Ideal der Konvent und sein autoritärer Wohlfahrtsausschuß, wobei sie die neuen sozialen und ökonomischen Verhältnisse völlig außer acht ließen. Sie standen den neuen Klassenstrukturen von 1870 deshalb ziemlich ratlos gegenüber. Ihr Einfluß reichte jedoch tief in das Proletariat.

Wesentlich konkretere Vorstellungen von der kommenden großen Klassenauseinandersetzung hatten die Anhänger von Louis Auguste Blanqui - die Blanquisten. F. Engels umriß ihre Ideologie mit folgenden Worten:

"... gingen sie von der Ansicht aus, daß eine kleine Zahl entschlossener, wohlorganisierter Männer wohl imstande sei, in einem gegebenen günstigen Moment das Staatsruder nicht nur zu ergreifen, sondern auch durch Entfaltung großer, rücksichtsloser Energien so lange zu behaupten, bis es ihr gelungen, die Masse des Volkes in die Revolution hineinzureißen und um die führende kleine Schar zu gruppieren."

Blanqui vertrat auch schon die These, daß nach der Eroberung der Macht unverzüglich die straffe Diktatur des Proletariats zu folgen habe. Diese müsse folgendes Minimalprogramm durchsetzen:

1. Entwaffnung der bürgerlichen Garden

2. Bewaffnung der Arbeiter und ihre Organisierung zur Volksmiliz.

Kein Gewehr darf in den Händen der Bourgeoisie bleiben!

An anderer Stelle schreibt Blanqui in seinen Schriften.

"Vor den Bajonetten beugt man sich, entwaffnete Haufen fegt man weg. Ein Frankreich, bespickt mit bewaffneten Arbeitern, das wäre der Aufstieg zum Sozialismus."

Die dritte große ideologische Strömung stand im Zeichen von Pierre Joseph Proudhon. Seine Anhängerschaft bestand größtenteils aus Handwerksgesellen und Inhabern von Klein - und Kleinstbetrieben. In Proudhons Schriften heißt es unter anderem:

"... das Volk kennt nur eine Art ökonomischer Fragen: die des Lohnes, des Lebensunterhaltes. Um nichts anderes als um seinen Unterhalt, seine Arbeit, seinen Lohn geht es ihm also in jenem großen Wort: Krieg den Palästen, Friede den Hütten ... Das Volk ist für die Respektierung der Ränge. Es will sich weder erhöhen noch verändern ... es will lediglich, daß auch seinesgleichen, wenn er sich Verdienste erworben hat, in den Adelsstand aufrücken kann ... Es (das Volk) träumt nicht von Gerechtigkeit, sondern von Liebe und Wohltätigkeit."

Proudhon wollte eine Gesellschaft, die es den Werktätigen gestatte, ihre Erzeugnisse zum Arbeitswert gegenseitig auszutauschen. Es sollten Genossenschaften der Arbeiter geschaffen werden, die den Austausch vollziehen sollten. Proudhon befürwortete die Abschaffung jeder Zwangsordnung (Staat) durch friedliche Mittel. Damit bekannte er sich zum Anarchismus, der Bekanntlich jeden Staat (Auch den proletarischen!) ablehnt.

Später, nach seinem Tode (1865), entfernten sich viele seiner Anhänger von seiner Ideologie. Einer der verhängnisvollsten Fehler der Kommune war, daß sie die Bank von Frankreich unangetastet ließen. Dieser Fehler ist auf den Einfluß der Proudhonisten im Rat der Kommune zurückzuführen, die auf dem Schutz des Eigentums beharrten. Der für die Bank von Frankreich zuständige Kommissar der Kommune war ein Proudhonist.

Vor diesem Hintergrund der zerklüfteten Linken bildete sich 1865 in Paris die Französische Sektion der Internationalen Arbeiterassoziation, welche 1864 in London gegründet wurde und die später in der Kommune eine wichtige Rolle spielen sollte. Ihre Gründer waren Orthodoxe Proudhonisten. Getreu den Vorstellungen Proudhons stellten sie den ökonomischen Kampf in den Vordergrund. Der politische Kampf war für die nur ein sekundärer Aspekt. Erst allmählich begannen die Arbeiter in Frankreich, die IAA (Internationale Arbeiterassoziation) als eine proletarische Organisation zu betrachten. Doch bereits im Gründungsjahr wandten sich streikende Arbeiter aus Lyon um. Rat und Hilfe bittend an die IAA, ebenso wie deutsche Arbeiter aus Leipzig, denn es gab zu dieser Zeit noch keine deutsche Sektion der IAA. 1866 fand in Genf der erste Kongress der IAA statt, auf dem die von Marx entworfenen Statuten bestätigt wurden:

"Die Emanzipation der Arbeiterklasse muß durch die Arbeiterklasse selbst erobert werden. Der Kampf für die Emanzipation der Arbeiterklasse ist kein Kampf für neue Klassenvorrechte, sondern für die Vernichtung aller Klassenherrschaft ... Die ökonomische Emanzipation der Arbeiterklasse ist daher das große Ziel, dem jede politische Bewegung als Mittel dienen muß. Alle nach diesem Ziel strebenden Versuche sind bisher gescheitert aus Mangel an Einigung unter den verschiedenen Arbeitszweigen jedes Landes und unter den Arbeiterklassen der verschiedenen Länder ... Proletarier aller Länder vereinigt euch!" (Abriss der Geschichte der I. und II. Internationale)

Auf dem Genfer Kongress kam es zu Konfrontationen zwischen den proudhonistischen und marxistischen Standpunkten, so in der Frage des Acht-Stunden-Tages und der Frauenarbeit. Nach Proudhon könne die Arbeitszeit nicht gesetzlich geregelt werden und Frauenarbeit sei grundsätzlich abzulehnen. Das war ein unrealistischer Standpunkt, denn die Frauenarbeit war in dieser Zeit keine emanzipatorische Frage, sondern eine Frage des Überlebens. Auch in einer anderen wichtigen Frage war der proudhonistische Standpunkt bald überholt. Die Verhältnisse forderten von Proudhons Anhängern bald eine Abkehr von einer seiner wichtigsten Thesen, denn immer häufiger kam es in Frankreich zu Massenstreiks, die Proudhon einst als wirkungslos abgelehnt hatte.

Es traten aber nicht nur Arbeiter der IAA bei, auch Angehörige freier Berufe wurden Mitglieder; und mit den Studenten traten der IAA Vertreter einer neuen Generation des radikalen Kleinbürgertums bei. Die Regierung nahm anfangs der IAA gegenüber keine besonders feindliche Haltung ein. Das änderte sich aber bald, als die IAA immer häufiger die Streikenden unterstützte. Bald fanden die ersten Prozesse gegen die Internationale statt. Bis zum Jahre 1870 (im Juni 1870 fand der dritte Prozeß gegen die IAA statt) wuchs die Mitgliederzahl der Internationale in Frankreich auf ca. 250.000. Aus den Reihen der Internationale gingen viele befähigte Arbeiterfunktionäre hervor, die später Mitglieder des Rates der Kommune wurden.

Am 19. Juli 1870 begann der Deutsch-Französische Krieg und am 2. September 1870 kapitulierten die französischen Truppen bei Sedan. Am 4. September wurde das Kaiserreich von den Pariser Volksmassen gestürzt. Frankreich wurde wieder eine Republik, wenn auch eine bürgerliche.

Auf Versammlung der Sektionen der Internationale wurde die Einstellung zur neuen bürgerlichen Regierung festgelegt: "Die provisorische Regierung wird in Anbetracht des Krieges und der unzulänglichen Vorbereitung der noch schlecht organisierten Volksmassen nicht angegriffen werden."

Die Bedeutung der IAA in Bezug auf die Kommune liegt in ihrem Bemühen um einen Zusammenschluß der Arbeiterklasse und dem Versuch ihrer Schulung um ihr Bewußtsein für ihre Macht und ihre geschichtliche Rolle zu fördern. Einige Mitglieder der IAA wurden später in den Rat der Kommune gewählt; und ihre wichtigste Aufgabe dort bestand darin, durch ihren engen Kontakt mit der Arbeiterschaft das Zusammenwirken der Werktätigen mit ihrer Kommune zu fördern. Eines jedoch fehlte der Internationale: Eine gemeinsame Weltanschauung und Zielvorstellung, die den Realitäten Rechnung trug, denn nur wenige Mitglieder der IAA waren Marxisten.

Die Gewerkschaften

Zu Beginn der Kommune (18. März 1871) gab es in Paris 75 Arbeitergewerkschaften. Es waren jedoch nur sehr kleine Organisationen, die durch den Krieg noch weiter geschwächt wurden. Deshalb spielten sie am 18, März keine gewichtige Rolle, nahmen aber offen Partei für die Sache der Kommune. Das hatte zur Folge, daß z.B. viele Pariser Arbeiter der Kommune ihre Arbeitskraft unentgeltlich zur Verfügung stellten. Zum ersten Mal kam es zu einer Verständigung zwischen den Pariser Arbeiterorganisationen. Das war ein bedeutender Schritt nach vorn für die Entwicklung der Gewerkschaften.

Die Demokratischen Klubs

Neben den Organisationen gewerkschaftlichen Charakters und den Sektionen der Internationale stellten die Klubs nach dem 4. September 1870 die Hauptform des politischen Zusammenschlusses für das Volk von Paris dar. Seit dem Oktober 1870 propagierten die Klubs die Idee, eine revolutionäre Kommune in Paris zu bilden. Am 23. Januar 1871 erhielten die Klubs absolutes Versammlungsverbot bis zum Ende der Belagerung. Nach dem 18. März 1871 (Zerschlagung der bürgerlichen Republik in Paris) sahen sich die Klubs vor neue Aufgaben gestellt. Es ging nun nicht mehr darum die unfähige Regierung zu kritisieren und die Volksmassen gegen sie aufzubringen, sondern darum die Revolution zu verteidigen. Die Klubs entfalteten vor allem in den dichter besiedelten Arbeiterbezirken von Paris ihre revolutionäre Tätigkeit. Über die soziale Zusammensetzung der Klubs ist nicht viel überliefert, man weiß aber, daß sich gerade die Frauen sehr lebhaft an den Diskussionen beteiligten. In ihren politischen und sozialen Forderungen waren die Mehrzahl der Klubs der Kommune weit voraus. Es fiel ihnen leichter, da sie frei waren von den konkreten und schwierigen Aufgaben der Machtausübung, mit denen sich die Kommune konfrontiert sah. Ihre Haltung während der Tage der Kommune läßt sich kurz so zusammenfassen: Die Mitglieder der Klubs traten mit ganzem Herzen und aus voller Überzeugung für die Sache der Kommune ein und waren gleichzeitig ihre schärfsten Kritiker.

Die Nationalgarde

Während des Krieges stellten die Pariser Arbeiter eigene Streitkräfte in Gestalt der Natonalgarde auf. Vor 1870 war die Nationalgarde eine Bürgerwehr von etwa 21.000 Freiwilligen. Sie setzte sich aus 'besseren' Bürgern wie Krämern, Ärzten, Advokaten und Beamten zusammen und zählte je Bataillon 800 bis 1000 Gardisten. Diese bestanden nur in einigen, wohlhabenderen Vierteln von Paris und setzten sich jeweils aus Personen zusammen, die eine ihrem Vermögen ähnliche Stellung einnahmen. Man bezeichnete sie als die alten Bataillone. Die neuen Bataillone entstanden in den Arbeitervierteln und rekrutierten sich vorwiegend aus Arbeitern und Handwerksgesellen. Sehr bald wuchs die Nationalgarde auf eine Gesamtzahl von 350.000 Bewaffneten an. Allerdings wurden nur die alten Bataillone von der Regierung mit vorzüglichen Gewehren versehen. Die neuen Bataillone erhielten von der bürgerlichen Regierung alte oder gar keine Waffen.

Die Bataillone wählten ihre Offiziere selbst. Der Sold betrug 1,50 Francs pro Tag - für viele Arbeitslose Gardisten viele Monate lang das einzige Einkommen. Während der Belagerung von Paris durch die Preußen bereitete sich durch Versammlungen und Besprechungen der Bataillonskommandeure die Entwicklung der Nationalgarde zu einer politischen Organisation vor. Nach der Belagerung verließen zahlreiche (60.000) Besitzbürger Paris, was zur Schwächung der alten regierungstreuen Bataillone führte. Schließlich kam es Anfang 1871 zu einer Föderation der Bataillone. Man schuf sich ein eigenes Führungsorgan - Das Zentralkomitee der Nationalgarde - daß sich aufgrund von Wahlen am 15. März konstituierte. Obwohl viele Mitglieder des Zentralkomitees am Aufstand des 18. März beteiligt waren, kam es für die Mehrzahl der ZK-Mitglieder überraschend. Nicht zuletzt deshalb und weil das ZK außerdem verschiedene politische Richtungen vertrat, zögerte es anfangs sich als die neue Regierung zu betrachten.

Aber da die Besetzer des Rathauses für ein Verbleiben des ZK als vorläufige Regierungsgewalt aussprachen, wurde dem Zögern ein Ende gesetzt. Das ZK bereitete sofort die Wahlen für den "Kommunalrat von Paris" (Kommune) vor.

Als am 28. März die Kommune proklamiert wurde, legte das ZK seine provisorischen Vollmachten als Regierung nieder.

Fortsetzung 3








 

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