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  Geschichte   

 


1792-12-03

Robespierre

Über den Prozeß gegen den König

Die Versammlung ist ohne ihr Wissen weit von der wahren Frage abgezogen worden. Es gibt hier keinen Prozeß zu führen. Ludwig ist nicht Angeklagter, Sie sind nicht Richter; Sie sind, Sie können nur Staatsmänner und die Vertreter der Nation sein. Sie haben keinen Richterspruch für oder gegen einen Menschen zu fällen, aber eine Maßregel der Staatsrettung zu ergreifen, eine Handlung der nationalen Vorsehung auszuüben. Ein entthronter König ist in der Republik nur nach zwei Seiten gut zu benutzen, entweder um die Ruhe des Staates zu stören und die Freiheit zu erschüttern oder beide zu befestigen. ja ich behaupte, daß der Charakter, den bisher Ihre Beratung genommen hat, gerade auf das Gegenteil hinausläuft.

Was ist in der Tat das Verfahren, welches die gesunde Politik vorschreibt, um die junge Republik zu befestigen? Nur dies, daß man tief in die Herzen die Verachtung des Königtums einprägt und alle Anhänger des Königs mit Betäubung schlägt. Wenn man also der Welt sein, Verbrechen als ein Problern, seine Sache als den Gegenstand der wichtigsten, der ernsthaftesten, der schwierigsten Verhandlung darstellt, welche die Vertreter des französischen Volkes beschäftigen könne, wenn man einen unermeßlichen Unterschied zwischen der bloßen Erinnerung an das, was er war, und der Würde eines Bürgers aufstellt, so heißt das gerade das Geheimnis gefunden haben, ihn für die Freiheit immer noch gefährlich zu machen.

Ludwig ist König gewesen und die Republik war gegründet; die berühmte Frage, welche Sie beschäftigt, wird mit diesen Worten allein entschieden. Ludwig ist wegen seiner Verbrechen entthront worden; Ludwig klagte das französische Volk als rebellisch an; er hat seine Mitbrüder, die Waffen der Tyrannen herbeigerufen, um es zu züchtigen; der Sieg und das Volk haben entschieden, daß allein er rebellisch war; Ludwig kann also nicht mehr gerichtet werden, er ist schon gerichtet. Er ist verurteilt, oder die Republik ist nicht freigesprochen. Vorzuschlagen, Ludwig XVI. den Prozeß zu machen, in welcher Weise es auch sein kann, heißt zu dem königlichen und konstitutionellen Despotismus zurückschreiten, ist ein konterrevolu- tionärer Gedanke, heißt die Revolution selbst in Frage stellen. In der Tat, wenn Ludwig noch Gegenstand eines Prozesses sein kann, so kann Ludwig freigesprochen werden, so kann er unschuldig sein. ja, er wird als unschuldig angenommen, bis er verurteilt ist. Aber wenn Ludwig freigesprochen wird, wenn Ludwig als unschuldig angenommen werden kann, was wird dann aus der Revolution? Wenn Ludwig unschuldig ist, so werden alle Verteidiger der Freiheit nur seine Verleumder. Alle Rebellen waren Freunde der Wahrheit und Verteidiger der unterdrückten Unschuld, alle Manifeste der auswärtigen Höfe sind nur rechtmäßige Beschwerden gegen eine herrschsüchtige Partei. Die Haft sogar, welche Ludwig bis zu diesem Augenblick erduldet hat, ist eine ungerechte Quälerei; die Verbündeten, das Volk von Paris, alle Patrioten des französischen Reiches sind schuldig; und dieser große Prozeß, bei dem Tribunal der Natur zwischen dem Verbrechen und der Tugend, zwischen der Freiheit und der Tyrannei anhängig, wird endlich zugunsten des Verbrechens und der Tyrannei entschieden werden! Bürger, nehmen Sie sich in acht; Sie werden hier durch falsche Begriffe getäuscht; Sie vermischen die Vorschriften des bürgerlichen und positiven Rechtes mit den Grundsätzen des Völkerrechtes; Sie vermischen die Beziehungen der Bürger untereinander mit den Beziehungen der Nationen zu einem Feind, der gegen sie sich verschwört; Sie vermischen die Lage eines Volkes in der Revolution mit der Lage eines Volkes, dessen Regierung befestigt ist; Sie vermischen eine Nation, welche einen Staatsbeamten bestraft, während sie die Regierungsform beibehält, mit einer Nation, welche die Regierung selbst stürzt. Wir setzen mit Gedanken, die uns vertraut sind, einen außergewöhnlichen Fall in Verbindung, der von Prinzipien abhängt, die wir niemals angewendet haben. So sind wir, weil wir gewöhnt sind, die Vergehen, deren Zeugen wir sind, nach einförmigen Regeln beurteilt zu sehen, natürlicherweise geneigt zu glauben, daß die Nationen in keiner Lage billig anders gegen einen Menschen auftreten können, der ihre Rechte verletzt hat und wo wir keine Geschwornen, kein Tribunal, kein Prozeßverfahren sehen, finden wir die Gerechtigkeit nicht. Die Ausdrücke sogar, die wir für Ideen anwenden, verschieden von denen, welche sie im gewöhnlichen Gebrauch ausdrücken, vollenden unsere Täuschung. So groß ist die natürliche Herrschaft der Gewohnheit, daß wir die willkürlichsten, oft sogar die mangelhaftesten Ein- richtungen als die vollkommene Richtschnur des Wahren oder des Falschen, des Gerechten oder des Ungerechten betrachten. Wir denken sogar nicht daran, daß die Mehrzahl notwendig noch an den Vorurteilen hängt, mit denen der Despotismus uns gefüttert hat; wir sind so lange unter sein Joch geschmiedet gewesen, daß wir uns nur schwer bis zu den ewigen Prinzipien der Vernunft wieder erheben, daß alles, was bis zur heiligen Quelle aller Gesetze zurückgeht, in unsern Augen einen ungesetzlichen Charakter anzunehmen scheint, und daß sogar die Ordnung der Natur uns als Unordnung erscheint. Die majestätischen Bewegungen eines großen Volkes, die erhabenen Aufschwünge der Tugend stellen sich unsern furchtsamen Augen oft als Ausbrüche eines Vulkanes oder als Umsturz der politischen Gesellschaft dar, und gewiß ist dieser ewige Widerspruch zwischen der Schwäche unserer Sitten, der Verderbnis unserer Geister und der Reinheit der Grundsätze, der Energie der Charaktere, welche eine freie Regierungsform voraussetzt, wie wir sie zu erstreben wagen, nicht die geringfügigste Ursache der Unruhen, die uns in Bewegung erhalten.

Wenn eine Nation gezwungen ist, zum Recht der Empörung ihre Zuflucht zu nehmen, so tritt sie in Rücksicht auf den Tyrannen in den Naturzustand zurück. Wie könnte dieser sich auf den Gesellschaftsvertrag berufen? Er hat ihn vernichtet. Die Nation kann ihn noch beibehalten, wenn sie es für passend hält, soweit er die Beziehungen der Bürger unter sich betrifft; aber die Wirkung der Tyrannei und des Aufstandes ist es, ihn völlig in Beziehung zum Tyrannen zu zerreißen, sie gegenseitig in Kriegszustand zu versetzen; die Tribunale, die richterlichen Prozeßformen sind für die Mitglieder der Bürgerschaft gemacht. Es ist ein grober Widerspruch, anzunehmen, daß die Verfassung in diesem neuen Zustand der Dinge leitend sein könne; das hieße voraussetzen, daß sie sich selbst überlebt. Welches sind die Gesetze, die an ihre Stelle treten? Die Gesetze der Natur, das, welches selbst die Grundlage der Gesellschaft ist, das Wohl des Volkes. Das Recht, den Tyrannen zu bestrafen und das Recht, ihn zu entthronen, ist dasselbe. Das eine gestattet keine anderen Formen als das andere; der Prozeß des Tyrannen ist die Empörung, sein Urteilsspruch ist der Fall seiner Macht, seine Strafe die, welche die Freiheit des Volkes fordert.

Die Völker richten nicht, wie die Gerichtshöfe; sie fällen keinen Urteilsspruch, sie schleudern den Blitz, sie verurteilen die Könige nicht, sie stürzen sie in das Nichts und diese Justiz gilt so viel wie die der Tribunale. Wenn sie sich zu ihrer Rettung gegen ihre Unterdrücker bewaffnen, wie sollten sie gehalten sein, eine Form für ihre Bestrafung anzunehmen, die für sie eine neue Gefahr wäre?

Wir haben uns durch fremdartige Beispiele, die nichts mit uns gemein haben, in Irrtum führen lassen. Wenn Cromwell Karl I. von einem Tribunal richten ließ, über welches er verfügte, wenn Elisabeth Maria von Schottland auf dieselbe Weise verurteilen ließ, so ist es natürlich, daß Tyrannen, welche ihresgleichen nicht dem Volk, sondern ihrem Ehrgeiz opfern, die Meinung des großen Haufens durch trügerische Formen zu täuschen suchen. Da ist weder von Prinzipien, noch von Freiheit, sondern von Schurkerei und Intrigen die Rede-. Aber das Volk! Was für ein anderes Gesetz kann es befolgen, als die Gerechtigkeit und die Vernunft, gestützt von seiner Allmacht?

In welcher Republik war die Notwendigkeit, den Tyrannen zu bestrafen, streitig? Wurde Tarquinius vor Gericht geladen? Was würde man in Rom gesagt haben, wenn Römer es gewagt hätten, sich für seine Verteidiger zu erklären? Und was tun wir? Wir rufen von allen Seiten »Advokaten herbei, um in der Sache Ludwig XVI. zu sprechen.«

Wir heiligen als gesetzliche Handlungen das, was bei jedem freien Volk als das größte Verbrechen betrachtet worden wäre! Wir fordern selbst die Bürger zur Niederträchtigkeit und Bestechung auf Wir werden wohl eines Tages den Verteidigern von Ludwig Bürgerkronen zuerkennen können; denn wenn sie seine Sache verteidigen, so können sie hoffen, ihr den Sieg zu verschaffen; sonst würden sie der Welt nur eine lächerliche Komödie geben. Und wir wagen von Republik zu sprechen! Wir berufen uns auf Formen, weil wir keine Prinzipien haben; wir bilden uns viel auf Zartgefühl ein, weil uns die Energie fehlt; wir prunken mit einer falschen Menschenliebe, weil das Gefühl der wahren Menschlichkeit uns fremd ist; wir verehren den Schatten eines Königs, weil wir ohne Herz für die Unterdrückten sind.

Der Prozeß gegen Ludwig XVI.! Aber was ist dieser Prozeß anders, als der Aufruf zur Empörung an ein Tribunal oder an irgendeine Versammlung! Wenn ein König von dem Volk vernichtet worden ist, wer hat das Recht, ihn in das Leben zurückzurufen, um daraus einen neuen Vorwand für Unruhen und Empörung zu machen? Welche andere Wirkungen aber kann dieses System hervorbringen? Den Verfechtern Ludwigs XVI. einen Kampfplatz eröffnend, erwecken Sie alle Klagen des Despotismus gegen die Freiheit wieder; Sie heiligen das Recht, gegen die Republik und gegen das Volk zu lästern; denn das Recht zur Verteidigung des alten Despoten zieht das Recht nach sich, alles zu sagen, was mit seiner Sache zusammenhängt. Sie erwecken alle Parteien wieder; Sie beleben, Sie ermutigen den eingeschläferten Royalismus wieder. Man wird frei Partei für oder gegen ergreifen können. Was ist rechtmäßiger, was natürlicher, als immer die Lehren zu wiederholen, welche seine Verteidiger laut vor diesen Schranken und sogar auf dieser Tribüne werden bekennen können? Was für eine Republik ist die, deren Gründer ihr von allen Seiten Gegner schaffen, um sie schon in ihrer Wiege anzugreifen!

Sehen Sie, welche reißenden Fortschritte dieses System schon gemacht hat! In der Zeit des letzten Monats August hielten sich alle Anhänger des Königtums verborgen; jeder, der es gewagt hätte, die Verteidigung Ludwigs XVI. zu übernehmen, würde als ein Verräter bestraft worden sein. Heute erheben sie ungestraft ihre kühne Stirn wieder; heute ergreifen die verrufensten Schriftsteller der Aristokratie mit Vertrauen ihre vergifteten Federn wieder.

Heute überschwemmen freche Schriften, die Vorläufer von allen Freveltaten, die Stadt, in welcher Sie Ihren Sitz haben, die 84 Departements und sogar die Vorhalle dieses Heiligtums der Freiheit. Heute ließen bewaffnete Menschen, die ohne Ihr Wissen in gesetzwidriger Weise herbeigerufen wurden und in unsern Mauern sich aufhalten, in den Straßen dieser Stadt aufrührerisches Geschrei erschallen und verlangten die Freigebung Ludwigs XVI. Heute birgt Paris in seinem Schoß Menschen, die sich versammelt haben, wie man Ihnen gesagt hat, um ihn dem Richterspruch der Nation zu entreißen. Es fehlt nur noch, diesen Raum den Athleten zu öffnen, die sich drängen, um sich um die Ehre zu bewerben, Lanzen zugunsten des Königtums brechen zu dürfen. ja, heute entzweit Ludwig die Vertreter des Volkes; man redet für, man redet gegen ihn. Wer hätte vor zwei Monaten ahnen können, daß es jetzt eine Frage sein würde, ob er unverletzlich ist? Aber seitdem ein Mitglied des Nationalkonvents, der Bürger Pétion, die Frage, »ob der König gerichtet werden könne«, als den Gegenstand einer ernsten Beratung und jeder andern Frage vorausgehend dargestellt hat, hat man sich auf die Unverletzlichkeit, mit der die Verschwörer der konstituierenden Versammlung seine ersten Meineide bedeckt haben, berufen, um seine letzten Freveltaten in Schutz zu nehmen. O Verbrechen ! O Schande! Die Tribüne des französischen Volkes hat von der Lobrede Ludwigs XVI. widergehallt. Wir haben die Tugenden und Wohltaten des Tyrannen rühmen gehört. Kaum haben wir der Ungerechtigkeit einer oben erwähnten Entscheidung die Ehre oder die Freiheit der bessern Bürger entreißen können, ja wir haben gesehen, daß man mit einer skandalösen Freude die abscheulichsten Verleumdungen gegen die Volksvertreter sammelte, welche durch ihren Eifer für die Freiheit bekannt waren. Wir haben gesehen, daß ein Teil der Mitglieder dieser Versammlung von ihren Kollegen ebensobald geächtet wurden, als sie von der Dummheit im Bunde mit der Schlechtigkeit angeklagt wurden; die Sache des Tyrannen allein ist so heilig, daß sie nicht lange und nicht frei genug verhandelt werden kann. Warum sollen wir uns darüber verwundern? Diese doppelte Erscheinung hängt mit derselben Ursache zusammen. Diejenigen, welche sich für Ludwig oder seinesgleichen interessieren, müssen nach dem Blut der Volksabgeordneten dürsten, die zum zweiten Mal seine Bestrafung verlangen; sie können nur denen Gnade erweisen, die zu seinen Gunsten milder geworden sind. Ist der Plan, das Volk in Ketten zu legen, indem man seine Verteidiger beseitigt, einen einzigen Augenblick aufgegeben worden, und müssen nicht selbst alle Schurken, welche sie heute unter dem Namen »Anarchisten und Wühler« verfolgen, die Unruhen erregen, welche uns ihr schurkisches System vorher verkündigt? Wenn wir an sie glauben, so wird der Prozeß wenigstens mehrere Monate dauern; er wird den Zeitpunkt des nächsten Frühjahrs erreichen, wo die Despoten uns mit einem allgemeinen Angriff beglücken sollen. Und welche Laufbahn ist den Verschwörern geöffnet? Welcher Nahrungsstoff der Intrige und der Aristokratie gegeben 1 So werden alle Anhänger der Tyrannei noch auf die Hilfe ihrer Verbündeten hoffen und die auswärtigen Armeen die Kühnheit des Tribunals ermutigen können, welches über das Los Ludwigs entscheiden soll, während zu gleicher Zeit ihr Gold seine Treue in Versuchung führen wird. Ich will wohl noch glauben, daß die Republik kein leerer Name ist, mit dem man uns nur Vergnügen macht. Aber welche anderen Mittel könnte man anwenden, wenn man das Königtum wiederherstellen wollte?

Gerechter Himmel! Alle wilden Horden des Despotismus machen sich bereit, von neuem den Schoß unseres Vaterlandes im Namen Ludwigs XVI. zu zerreißen. Ludwig kämpft noch gegen uns aus dem Innern seines Gefängnisses und man zweifelt daran, ob er schuldig sei, ob es zulässig sei, ihn als Feind zu behandeln, man verlangt, daß er nach den Gesetzen verurteilt werden soll. Man beruft sich zu seinen Gunsten auf die Verfassung. Ich werde mich wohl hüten, hier alle unwiderleglichen Gründe zu wiederholen, die von denen entwickelt worden sind, die es nicht verschmäht haben, diese Art von Einwurf zu bekämpfen. Ich werde darüber nur ein Wort für diejenigen sagen, welche durch diese Gründe nicht haben überzeugt werden können. Die Verfassung verbot Ihnen alles, was Sie getan haben. Wenn er nur mit der Absetzung bestraft werden konnte, so konnten Sie diese nicht aussprechen, ohne seinen Prozeß ein- geleitet zu haben. Sie hatten das Recht nicht, ihn im Gefängnis zurückzuhalten, er hat das Recht, seine Freilassung, Entschädigungsgelder und Zinsen zu verlangen. Die Verfassung verurteilt Sie, werfen Sie sich Ludwig zu Füßen und flehen Sie um seine Milde! Ich würde darüber erröten, ernstlicher diese konstitutionellen Spitzfindigkeiten zu verhandeln. Ich verweise sie auf die Schulbänke oder auf die Bänke des Palastes oder vielmehr in die Kabinette von London, Wien und Berlin. Ich kann nicht lange erörtern, wo ich überzeugt bin, daß es ein Skandal ist, zu überlegen.

Es ist eine wichtige Streitfrage, hat man gesagt, die man mit einer weisen und langsamen Umsicht beurteilen muß. Sie machen eine wichtige Sache daraus. ja, machen Sie eine Streitfrage daraus? Was finden Sie Wichtiges darin? Die Schwierigkeit? Nein. Die Persönlichkeit? In den Augen der Freiheit gibt es keine elendere, in den Augen der Menschlichkeit gibt es keine schuldigere. Er kann nur noch denen imponieren, welche schlechter sind als er. Ist es der Nutzen des Ergebnisses? Das ist ein Grund mehr, es zu beschleunigen. Eine wichtige Sache ist ein volkstümlicher Gesetzentwurf, eine wichtige Sache ist die eines durch den Despotismus unterdrückten Unglücklichen. Was ist der Grund für diese ewigen Verzögerungen, welche Sie uns empfehlen? Fürchteten Sie, die Meinung des Volkes zu verletzen? Als wenn das Volk selbst etwas anderes fürchtete als die Schwäche oder den Ehrgeiz seiner Vertreter! Als wenn das Volk eine niedrige Herde von Sklaven wäre, die blödsinnig dem blödsinnigen Tyrannen anhängt, den es geächtet hat, und die sich um jeden Preis in der Niederträchtigkeit und Knechtschaft wälzen will. Sie reden von der öffentlichen Meinung; ist es nicht Ihre Pflicht, sie zu lenken und zu kräftigen? Wenn sie irregeht, wenn sie sich verschlechtert, an wen soll man sich da anders halten, als an Ihnen selbst? Fürchten Sie, die fremden gegen uns verbündeten Könige unzufrieden zu machen? Oh! Ohne Zweifel ist es das Mittel, sie zu besiegen, wenn man sie zu fürchten scheint? Das Mittel, die verbrecherische Verschwörung der Despoten von Europa zu vereiteln, ist die Achtung ihres Mitschuldigen! Fürchten Sie die fremden Völker? Sie glauben also noch an die angeborene Liebe zur Tyrannei! Warum streben Sie denn nach dem Ruhm, das Menschengeschlecht zu befreien? Mit welchem Widerspruch setzen Sie voraus, daß die Nationen, die nicht über die Verkündigung der Rechte der Menschheit erstaunt gewesen sind, durch die Züchtigung eines ihrer grausamsten Unterdrücker erschreckt werden würden? Endlich fürchten Sie, sagt man, die Blicke der Nachwelt.' ja, die Nachwelt wird in der Tat über Ihren Wankelmut und Ihre Schwäche erstauntsein, und unsere Nachkommen werden zugleich über den Dünkel und die Vorurteile ihrer Väter lachen. Man hat gesagt, daß es des Genies bedürfe, um diese Frage zu ergründen; ich behaupte, daß es nur der Ehrlichkeit bedarf; es handelt sich weniger darum, sich aufzuklären, als nicht freiwillig verblendet zu sein. Warum erscheint uns das, was uns in einer Zeit klar erscheint, in einer andern dunkel? Warum verwandelt sich das, was der gesunde Verstand des Volkes leicht entscheidet, für seine Abgeordneten in ein fast unlösbares Problem? Haben wir das Recht, einen Gesamtwillen und eine von der allgemeinen Vernunft verschiedene Weisheit zu haben?

Ich habe gehört, daß die Verteidiger der Unverletzlichkeit ein kühnes Prinzip aufstellten, das ich fast gezögert hätte, selbst auszusprechen. Sie haben gesagt, daß diejenigen, welche am 10. August Ludwig XVI. geopfert hätten, eine tugendhafte Handlung begangen hätten. Aber die einzige Grundlage dieser Meinung können nur die Verbrechen Ludwigs XVI. und die Rechte des Volkes sein. Haben denn drei Monate Zwischenzeit seine Verbrechen oder die Rechte des Volkes verändert? Wenn man ihn damals dem öffentlichen Unwillen entzog, so geschah es ohne Zweifel nur deshalb, damit seine Bestrafung, feierlich von dem Nationalkonvent im Namen der Nation angeordnet, dadurch für die Feinde der Menschheit imponierender würde. Aber es in Frage stellen, ob er schuldig ist oder ob er bestraft werden kann, heißt die dem französischen Volk geschworene Treue verraten. Es gibt vielleicht Leute, die nicht darüber erzürnt sein würden, wenn eine Privathand das Amt der nationalen Gerechtigkeit verrichtete, entweder um zu verhindern, daß die Versammlung einen ihrer würdigen Charakter annehme, oder um den Nationen ein Beispiel zu rauben, welches die Seelen auf die Höhe der republikanischen Prinzipien erheben würde, oder aus noch. viel schimpflicheren Gründen. Bürger, mißtrauen Sie dieser Falle; jeder, der einen solchen Rat zu geben wagen würde, würde nur den Feinden des Volkes dienen. Was auch kommen mag, die Bestrafung Ludwigs ist künftig nur gut, insofern sie den feierlichen Charakter einer öffentlichen Rache trägt.

Was liegt dem Volk an der verächtlichen Person des letzten seiner Könige? Vertreter, dem Volk, Ihnen selbst liegt daran, daß Sie die Pflichten erfüllen, welche sein Vertrauen Ihnen auferlegt hat. Sie haben die Republik verkündigt, aber haben Sie sie uns gegeben? Wir haben noch nicht ein einziges Gesetz gemacht, welches diesen Namen rechtfertigte; wir haben noch nicht einen einzigen Mißbrauch des Despotismus verbessert. Nehmen Sie die Namen weg, so haben wir noch die ganze Tyrannei und noch mehr, viel feilere Parteien und unsittlichere Scharlatane, mit neuen Gärungsstoffen zu Unruhen und Bürgerkrieg. Die Republik! Und Ludwig lebt noch! Und Sie stellen noch die Person des Königs zwischen uns und die Freiheit! Trotz aller Gewissenhaftigkeit wollen wir fürchten, daß wir uns zu Verbrechern machen, fürchten, daß wir, wenn wir zuviel Nachsicht für den Schuldigen zeigen, uns selbst an seinen Platz setzen.

Neue Schwierigkeit. Zu welcher Strafe sollen wir Ludwig verurteilen? Die Todesstrafe ist zu grausam. »Nein«, sagt ein anderer, »das Leben ist noch grausamer. Ich verlange, daß er am Leben bleibt.« Advokaten des Königs, wollen Sie aus Mitleid oder aus Grausamkeit ihn der Strafe für seine Verbrechen entziehen? Ich verabscheue die Todesstrafe, wie sie nach Ihren Gesetzen in verschwenderischem Maße zulässig ist, und ich habe für Ludwig weder Liebe noch Haß; ich hasse nur seine Freveltaten. Ich habe die Abschaffung der Todesstrafe in der Versammlung verlangt, welche Sie noch die konstituierende nennen, und es ist nicht mein Fehler, wenn die ersten Grundsätze der Vernunft ihr als moralische und politische Ketzereien erschienen sind. Aber wenn Sie niemals daran dachten, sie zugunsten so vieler Unglücklicher anzurufen, deren Vergehen weniger ihre eigenen, als die der Regierung sind, wie kommt es, daß Sie sich derselben nur erinnern, um die Sache des größten Verbrechers zu verteidigen? Sie verlangen eine Ausnahme von der Todesstrafe für denjenigen allein, der sie rechtfertigen kann? ja, die Todesstrafe ist im allgemeinen ein Verbrechen und kann aus diesem Grund allein nach den unzerstörbaren Grundsätzen der Natur nur in den Fällen gerechtfertigt werden, wo sie für die Sicherheit der einzelnen und des Gesellschaftskörpers notwendig ist. Denn niemals fordert die öffentliche Sicherheit sie gegen die gewöhnlichen Vergehen, weil die Gesellschaft diese immer durch andere Mittel verhüten und den Schuldigen in die Unmöglichkeit versetzen kann, ihr zu schaden. Aber ein König, entthront im Schoß einer Revolution, die nichts weniger als durch die Gesetze befestigt ist, ein König, dessen Name allein die Geißel des Krieges auf die gehetzte Nation zieht - weder das Gefängnis, noch die Verbannung kann seine Existenz gleichgültig für das öffentliche Glück machen; diese grausame Ausnahme von den gewöhnlichen Gesetzen, welche die Gerechtigkeit anerkennt, kann nur der Beschaffenheit seiner Verbrechen zugerechnet werden. Ich spreche mit Bedauern diese fatale Wahrheit aus ... Aber Ludwig muß sterben, weil das Vaterland leben soll. Bei einem friedlichen, freien und im Innern wie nach außen geachteten Volk, könnte man den Rat hören, den man Ihnen gibt, nämlich großmütig zu sein. Aber ein Volk, dem man noch seine Freiheit nach so vielen Opfern und Kämpfen streitig macht, ein Volk, bei welchem die Gesetze nur noch gegen die Unglücklichen unerbittlich sind, ein Volk, bei welchem die Verbrechen der Tyrannei Gegenstände des Streites sind, muß wünschen, daß man es räche, und die Großmut, mit der man uns schmeichelt, würde zu sehr der Großmut einer Gesellschaft von Räubern gleichen, die sich in die Beute teilen.

Ich schlage Ihnen vor, in diesem Augenblick über das Los Ludwigs zu beschließen. Was seine Frau betrifft, so werden Sie sie an die Tribunale verweisen, so wie alle Personen, welche derselben Freveltaten angeklagtsind. Sein Sohnwird im Temple bewacht werden, bis der öffentliche Frieden und die Freiheit befestigt sind. Was ihn betrifft, so verlange ich, daß der Konvent ihn von diesem Augenblick an für einen Verräter an der französischen Nation, für einen Verbrecher gegen die Menschheit erkläre, ich verlange, daß man der Welt ein großes Beispiel an der Stelle gebe, wo am 10. August die hochherzigen Märtyrer der Freiheit gestorben sind. Ich verlange, daß dieses denkwürdige Ereignis durch ein Denkmal geweiht werde, zum Zweck, in dem Herzen der Völker das Gefühl ihrer Rechte und den Abscheu gegen die Tyrannen zu nähren und in der Seele der Tyrannen die heilsame Furcht vor der Gerechtigkeit des Volkes zu erhalten.



Quelle: Reden der Französischen Revolution, München 1974, S. 250ff.


 




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