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Sibylla Flügge

Der Weiberrat im SDS

Im Anschluß an ihre Rede bewarf eine Genossin die SDS-Autoritäten mit Tomaten. - Dies war die erste Ankündigung einer neuen deutschen Frauenbewegung.

Dieses Ereignis wurde als ganz unerhört empfunden, als so unglaublich, daß die SDS-Männer, aber auch die anwesenden Frauen, sich zunächst nicht dazu verhalten konnten. Im kleineren Kreis konnten sich die Männer dann allerdings nicht enthalten, höhnische Bemerkungen über die Frauen zu machen. Das gab vielen Frauen den letzten Anstoß, sich in Frauengruppen zusammenzuschließen. Die Frauen waren im SDS so offensichtlich unterdrückt daß die Idee dazu schon längere Zeit in der Luft lag, spätestens jedoch seit der Gründung des Berliner »Aktionsrat zur Befreiung der Frauen« im Frühjahr 1968.

In Frankfurt bot die Feierstunde der SPD anläßlich des 50. Jahrestages der Erringung des Frauenstimmrechts einen willkommenen Anlaß, eine Gruppe zu bilden. Die Frauen machten ein Flugblatt, das sie während der Veranstaltung verteilten, an dessen Verlesung sie jedoch durch prügelnde SPD-Männer und Frauen gehindert wurden. Auch nach dieser Aktion blieben die Frauen weiter zusammen und packten endlich einmal aus, was ihnen an den SDS-Männern schon lange gestunken hatte. Ihrer ganzen Wut gaben sie Ausdruck in einem Flugblatt, das sie unter dem Namen »Weiberrat« bei der 24. Delegiertenkonferenz des SDS im November 1968 verteilen wollten:

Über diese Flugblattaktion schrieb zwei Jahre später eine Frau folgenden Bericht für den Weiberrat:

»In Hannover wollten wir das Flugblatt im Einverständnis mit den anderen anwesenden Genossinnen verteilen. Diese reagierten zunächst abweisend auf die Aggressivität des Flugblattes. Wir riefen alle zusammen und gaben Beispiele der im Flugblatt erwähnten Unterdrückung. Bei dieser konkreten Erläuterung gaben alle zu, daß es in ihren Gruppen genauso ging. Daraufhin stellten sich alle Mitglieder der 8 anwesenden SDS-Frauengruppen hinter das Flugblatt. Wir wollten mit den Genossen die Vorwürfe diskutieren. Als aber im Verlauf der Delegiertenkonferenz klar wurde, daß man sich von den Frauen eine interessante Einlage versprach, beließen wir es bei einer Extrabegründung, warum wir uns der Diskussion nicht stellen würden. Die Genossen reagierten auf das Flugblatt wütend, chaotisch und aggressiv-autoritär, wie man es erwarten konnte. Aber der Streit fand nicht statt, weil die Frauen sich zum Schweigen verpflichtet hatten.

Wieder zuhause, wurde weitergearbeitet. Zum ersten Mal setzten sich die Genossinnen bei einer SDS-Mitgliederversammlung alle in einer Ecke zusammen, und man konnte beobachten, daß dies von den Genossen wohl bald als Machtdemonstration begriffen wurde. Wenn eine Genossin einen Beitrag brachte, wurde ihr zugehört. Außerdem war sie selbst viel sicherer, weil sie die anderen Frauen hintersich wußte und weil sie wußte, d aß ihr notfalls eine andere weiterhelfen würde.«

In diesem ersten Weiberrat tauchten aber schon bald große Probleme auf, weil die Gruppe für persönliche und herrschaftsfreie Diskussion zu groß geworden war und weil neu hinzukommende Frauen sich ausgeschlossen fühlten. Die Konkurrenz- und Autoritätskonflikte wurden mit der Zeit so stark, daß eine befriedigende Arbeit nicht mehr möglich war. Als dann im Wintersemester 1968/69 im »Aktiven Streik« die traditionellen Lehrveranstaltungen an der Universität gesprengt wurden und durch selbstorganisierte, ihrem Anspruch nach antiautoritäre, Diskussionskreise ersetzt wurden, gingen daher die einzelnen Frauen lieber in diese Veranstaltungen, und der Frankfurter Weiberrat löste sich auf.

(Quelle: Frauenjahrbuch 1, Frankfurt/M. 1975)




 




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