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Dieter Kunzelmanns Schlussfolgerungen aus der Tschombé-Demo

Das entscheidende an Kochel aber war neben all den Detaildiskussionen die einmütig getroffene Entscheidung, unsere Kräfte auf eine Stadt zu konzentrieren, was aufgrund der Standortvorteile nur Berlin sein konnte. Dort sollte unter den Leuten, mit denen Rudi und Bernd bereits innerhalb und außerhalb des Berliner SDS zusammenarbeiteten - ein Kern aus zirka dreißig bis vierzig Antiautoritären - eine Diskussion über die sofortige Gründung von Kommunen in Gang gesetzt werden. Die Entscheidung für Berlin fiel auch deshalb, weil sich die Stadt in vorausgegangenen Aktionen, z.B. bei der Demonstration gegen Tschombé, gegenüber München als geradezu idealtypisches Provokantenparadies erwiesen hatte. In München war das Foyer des Bayrischen Hofes, in dem Tschombé logierte, mit Stinkbomben zur unbetretbaren Zone gemacht worden, ohne daß es zu beachtenswerten öffentlichen Reaktionen kam. In Berlin hingegen führte die Demonstration gegen Tschombé und der dabei gelungene Durchbruch durch eine Polizeikette an der Schöneberger Bannmeile zu riesigen Schlagzeilen. Die Medienresonanz war exzellent, die Springerpresse nahm die geringste linke Aktivität zum Anlaß für eine reißerische Berichterstattung und Hetze. Für solche Aufmerksamkeiten hatten wir ein gewisses Fingerspitzengefühl entwickelt. Die Erfahrung in den „Spur“-Prozessen hatte mich gelehrt, wie man Medien so benutzen kann, daß sie trotz ihrer negativ gefärbten Berichterstattung gerade die Ideen verbreiten und bekannt machen, die sie eigentlich unterdrücken oder verschweigen wollen. Als mir bewußt wurde, welche Möglichkeiten sich uns im Kontext der WestBerliner Frontstadthysterie und der extraordinären Medienlandschaft eröffnen würden, schwanden meine Vorbehalte gegen einen Umzug in die Mauerstadt zusehends: Berlin war reif für ein Spektakel.


Quelle: Dieter Kunzelman: Leisten Sie keinen Widerstand! S. 49, TRANSIT Buchverlag Berlin 1998


 




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