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Ernesto Guevara

Mensch und Sozialismus auf Cuba

Es ist(1) geläufig aus dem Mund kapitalistischer Sprecher den ideologischen Vorwurf zu hören, die Periode des Aufbaus des Sozialismus, mit der wir uns herumschlagen, sei durch die Opferung des Individuums auf dem Altar des Staates gekennzeichnet.

Ich werde diese Behauptung nicht auf einer rein theoretischen Grundlage zu widerlegen suchen, sondern ich werde die Tatsachen so, wie sie auf Cuba erfahren worden sind, wieder herausschälen und dabei Kommentare grundsätzlichen Charakters hinzufügen.

Zuerst werde ich in großen Zügen die Geschichte unseres revolutionären Kampfes vor und nach der Eroberung der Macht skizzieren.

Die revolutionären Kämpfe, die zur Revolution vom 1. Januar 1959 führten, begannen am 26. Juli 1953. Eine von Fidel Castro geleitete Gruppe von Menschen griff im Morgengrauen dieses Tages die Kaserne Moncada in der Ostprovinz an. Der Angriff mißlang; der Mißerfolg verwandelte sich in ein Desaster, die Oberlebenden kamen ins Gefängnis, nahmen jedoch, kaum amnestiert, den revolutionären Kampf wieder auf.

Im Verlauf dieses Prozesses, wo es den Sozialismus lediglich der Möglichkeit nach gab, war ein grundlegender Faktor der Mensch. Auf ihn, auf das Einzelwesen mit Name und Vorname, vertraute man, von seiner Befähigung zur Aktion hing der Erfolg oder Mißerfolg des unternommenen Kampfes ab.

Dann kam die Etappe des Kleinkrieges. Dieser entwickelte sich in zwei unterschiedlichen Milieus: dem Volk, einer noch schlaftrunkenen Masse, die mobilisiert werden mußte; den Partisanen, die das revolutionäre Bewußtsein und den kämpferischen Enthusiasmus weckten. Diese Avantgarde war der Katalysator, der die für den Sieg notwendigen subjektiven Bedingungen schuf. Und in dem Maße, wie wir uns den Standpunkt des Proletariats aneigneten, wie sich eine Revolution in unseren Gewohnheiten und in unseren Köpfen vollzog, blieb das Individuum noch immer ein grundlegender Faktor.

Jeder Kämpfer der Sierra Maestra, der einen höheren Rang bei den revolutionären Streitkräften errungen hatte, verbuchte auf der Aktivseite eine große Anzahl bemerkenswerter Taten. Auf dieser Grundlage erhielt er seine Ranggrade. Im Verlauf dieser ersten heroischen Etappe riß man sich um die Aufgaben, die die größte Verantwortung und die größten Gefahren mit sich brachten, ohne eine andere Befriedigung als die der erfüllten Pflicht.

In unserer revolutionären Erziehungsarbeit kommen wir oft auf diese lehrreiche Tatsache zurück. Die Haltung unserer Kämpfer zeigte bereits den zukünftigen Menschen. Diese völlige Hingabe an die revolutionäre Sache wiederholt sich bei vielen anderen Anlässen unserer Geschichte; während der Oktober-Krise und zur Zeit des Zyklons "Flora" haben wir außergewöhnliche Taten des Muts und der Aufopferung von einem ganzen Volk vollbracht gesehen.

Eine unserer Hauptaufgaben der Bewußtseinserziehung ist es, eine Formel zu finden, um im täglichen Leben dieser Haltung Dauer zu verleihen.

Im Januar 1959 kostituierte sich die revolutionäre Regierung unter Beteiligung verschiedener Mitglieder der reaktionären Bourgeoisie. Die Präsenz der Aufstandsarmee, ein militärischer Machtfaktor, bildete die Garantie der politischen Macht. Bald jedoch zeigten sich ernste Widersprüche, die teilweise überwunden wurden, als Fidel Castro im Februar 1959 die Leitung der Regierung als Premierminister übernahm. Dieser Prozeß sollte seinen Kulminationspunkt im Juli desselben Jahres erreichen, als der Präsident Urrutia unter dem Druck der Massen zurücktreten mußte. Auf diese Weise erschien in der Geschichte der Cubanischen Revolution klar ein Element, das sich systematisch entfalten wird: die Masse.

Dieses vielgesichtige Wesen ist nicht, wie behauptet wird, eine Summe von lauter gleichartigen Elementen, die wie eine folgsame Herde handelt (gewisse Regimes reduzieren es darauf). Zwar folgt es, ohne zu schwanken, seinen Führern, in erster Linie Fidel Castro, aber der Grad des Vertrauens, den dieser erworben hat, entspricht genau seinem richtigen Artikulieren der Wünsche und der Hoffnungen des Volkes und dem ehrlichen Kampf, den er zur Verwirklichung der gemachten Versprechungen geführt hat.

Die Massen haben teilgenommen an den Agrarreformen und an der schwierigen Aufgabe der Verwaltung der Staatsbetriebe; sie haben die heroische Erfahrung von Playa Giron gemacht, sie haben sich in den Kämpfen gegen die verschiedenen vom CIA bewaffneten Banden gestählt; sie haben einen der bedeutsamsten Augenblicke der modernen Geschichte während der Oktober-Krise durchlebt, und sie fahren heute fort, für den Aufbau des Sozialismus zu arbeiten.

Auf den ersten Blick könnte man glauben, diejenigen, die von der Unterwerfung des Individuums unter den Staat sprechen, hätten recht; die Massen verwirklichen mit einem Enthusiasmus und einer Disziplin ohnegleichen die Aufgaben, die die Regierung gestellt hat, seien sie ökonomischer, kultureller, verteidigender, sportlicher Natur usw. Die Initiative geht in der Regel von Fidel und vom Oberkommando der Revolution aus, und sie wird dem Volk erklärt, das sie sich zu eigen macht. Andere Male werden lokale Erfahrungen von der Partei und der Regierung angeregt, um dann gemäß demselben Verfahren verallgemeinert zu werden.

Jedoch der Staat macht manchmal Fehler. Wenn einer dieser Fehler begangen wird, bemerkt man den Mangel an Enthusiasmus der Massen infolge der Verringerung der Aktivität eines jeden, und die Arbeit wird paralysiert bis zur Reduzierung auf unbedeutende Ausmaße; das ist der Augenblick, die Methode zu ändern.

Eben dies geschah im März 1962 gegenüber der von Anibal Escalante der Partei aufgezwungenen sektiererischen Politik. (2)

Es ist offenkundig, daß dieser Mechanismus nicht genügt, um eine Serie wirkungsvoller Entscheidungen zu gewährleisten, und daß eine besser durchstruktuierte Verbindung mit der Masse fehlt.

Wir müssen den Mechanismus im Laufe der kommenden Jahre verbessern, doch momentan benützen wir für die von den höheren Regierungsebenen ausgehenden Initiativen die gleichsam intuitive Methode, die im Erspüren der allgemeinen Reaktionen gegenüber den gestellten Problemen besteht. Fidel ist ein Meister auf diesem Gebiet, und man kann seine besondere Art, sich mit dem Volk zu verschmelzen, lediglich würdigen, wenn man ihn bei der Arbeit sieht. In den großen öffentlichen Versammlungen beobachtet man eine Erscheinung, die der Resonanz zweier Stimmgabeln analog ist; Fidel und das Volk beginnen zu schwingen in einem Dialog wachsender Intensität bis zu seinem Schlußhöhepunkt, durch unseren Kampf- und Siegesruf feierlich dargestellt.

Das Schwerbegreifliche für den, der die Erfahrung der Revolution nicht miterlebt hat, ist diese innige Dialektik zwischen jedem Individuum und der Masse, ist diese Wechselwirkung zwischen der Masse und ihren Führern.

In der kapitalistischen Gesellschaft kann man gewisse Erscheinungen dieser Art beobachten, wenn Politiker auftreten, die die Mobilisierung des Volkes hervorzurufen imstande sind. Aber dabei handelt es sich nicht um eine echte soziale Bewegung; die Bewegung wird nur solange dauern, als das Leben ihres Anstoßgebers währt oder bis die von der kapitalistischen Gesellschaft aufgezwungenen Volksillusionen enden. In dieser wird der Mensch durch eine starre Ordnung gelenkt, die sich gewöhnlich dem Begreifen entzieht. Das entfremdete Individuum ist mit der Gesamtgesellschaft durch eine unsichtbare Nabelschnur verbunden: das Wertgesetz, das auf alle Bereiche seines Lebens einwirkt und sein Schicksal formt.

Die für die Mehrzahl der Menschen unsichtbaren, blinden Gesetze des Kapitalismus wirken auf das Individuum, ohne daß dieses etwas davon merkt. Es sieht nur einen weiten Horizont, der ihm unendlich scheint. In eben dieser Weise will die kapitalistische Propaganda den Fall Rockefeller - ob historisch oder nicht - als eine Lektion von den Möglichkeiten des Erfolgs darstellen. Das Elend, das um der Entstehung eines solchen Paradebeispiels willen akkumuliert werden muß, und die Summe der Gemeinheiten, die ein Vermögen dieser Größe impliziert, erscheinen nicht auf dem propagierten Bild; und es ist den Volkskräften nicht immer möglich, diese Erscheinungen zu durchschauen. (Man müßte hier untersuchen, auf welche Art und Weise die Arbeiter in den imperialistischen Ländern ihr internationalistisches Bewußtsein verlieren unter dem Einfluß einer gewissen Komplizenschaft an der Ausbeutung der abhängigen Länder und wie dadurch ihre Kampfkraft in ihrem eigenen Land in Mitleidenschaft gezogen wird, aber das geht über unser Thema hinaus.)

Auf jeden Fall ist in einer solchen Gesellschaft die Wegstrecke voller Hindernisse, und allem Anschein nach kann sie nur ein Individuum mit besonderen Eigenschaften überwinden, um ans Ziel zu gelangen; man späht aus nach der fernen Belohnung, aber der Weg ist einsam; dazu herrscht das Gesetz des Dschungels: nur das Scheitern der anderen erlaubt den Erfolg.

Ich werde nun versuchen, das Individuum, das handelnde Subjekt des seltsamen und mitreißenden Dramas des Aufbaus des Sozialismus, zu definieren in seinem doppelten Sein als Einzelwesen und Mitglied der Gemeinschaft. Ich glaube, das Einfachste ist es, seine Eigenschaften als unfertiges Wesen anzuerkennen. Die Schädigungen der alten Gesellschaft pflanzen sich im individuellen Bewußtsein fort, und es braucht eine unablässige Arbeit, um sie zum Verschwinden zu bringen. Der Prozeß ist ein doppelter: auf der einen Seite die Gesellschaft, die mit ihrer unmittelbaren und mittelbaren Erziehung einwirkt, auf der anderen das Individuum, das sich einem bewußten Prozeß der Selbsterziehung unterzieht.

Die neue sich bildende Gesellschaft muß einen sehr harten Kampf mit der Vergangenheit führen, die sich nicht nur im individuellen Bewußtsein niederschlägt, auf dem die Überreste einer systematischen Erziehung zur Isolierung des Individuums lasten, sondern auch in dem Charakter dieser Obergangsperiode selbst, in der Warenbeziehungen fortbestehen. Die Ware ist die ökonomische Zelle der kapitalistischen Gesellschaft; solange sie existiert, werden ihre Auswirkungen auf die Organisation der Produktion und folglich auf das Bewußtsein spürbar sein. (3)

Im Marxschen Schema war die Übergangsperiode konzipiert als das Ergebnis der explosiven Transformation des von seinen Widersprüchen zerrissenen kapitalistischen Systems; später, in der Realität, hat man gesehen, wie sich vom imperialistischen Stamm einige Länder lösen, die seine schwachen Aste bilden, ein von Lenin vorausgesehenes Phänomen.

In diesen Ländern hat sich der Kapitalismus hinreichend entwickelt, um seine Auswirkungen auf das Volk in der einen oder anderen Weise spürbar werden zu lassen; aber es sind nicht seine eigenen Widersprüche, die letzten Endes das System sprengen. Der Befreiungskampf gegen den fremden Unterdrücker(4); das Elend, das hervorgerufen wird durch äußere Umstände wie den Krieg, der zur Folge hat, daß die Unterdrückung der privilegierten Klassen noch stärker auf den Ausgebeuteten lastet (5); die Befreiungsbewegungen zum Sturz neokolonialistischer Regimes (6) - das sind die Faktoren, die gewöhnlich den revolutionären Prozeß auslösen. Die bewußte Aktion tut das übrige.

In diesen Ländern gibt es noch keine vollständige Erziehung zur gesellschaftlichen Arbeit, und die Art der Aneignung erlaubt es nicht, die Reichtümer in die Reichweite aller zu bringen.

Aufgrund einerseits der Unterentwicklung, andererseits der üblichen Kapitalflucht nach den "zivilisierten" Ländern ist eine rasche Änderung ohne Opfer unmöglich. Wir haben noch einen langen Weg zurückzulegen, bevor wir ein genügendes wirtschaftliches Entwicklungsniveau erreichen; und die Versuchung, ausgefahrenen Gleisen zu folgen, auf das materielle Interesse als Hebel einer beschleunigten Wirtschaftsentwicklung zurückzugreifen, ist sehr groß. Man läuft dann Gefahr, den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr zu sehen: indem man der Chimäre nachrennt, den Sozialismus mit Hilfe der morschen Waffen zu verwirklichen, die uns der Kapitalismus hinterlassen hat (die Ware als ökonomische Einheit verstanden, die Rentabilität, das individuelle materielle Interesse als Ansporn usw.), läuft man Gefahr, in einer Sackgasse zu landen. Und in der Tat, man landet dort, nachdem man eine lange Strecke zurückgelegt hat, in deren Verlauf sich der Weg häufig gegabelt hat, was es schwer macht, zu wissen, zu weichem Zeitpunkt man die Route verfehlt hat. Während dieser Zeitspanne hat die gewählte ökonomische Basis ihre Unterminierungsarbeit auf dem Gebiet der Bewußtseinsentwicklung vollbracht. Um den Kommunismus aufzubauen, muß man gleichzeitig mit der ökonomischen Basis den Menschen verändern.

Daher die große Bedeutung, die der richtigen Wahl des Instruments zur Mobilisierung der Massen zukommt. Dieses Instrument muß grundsätzlich Ideeller Natur sein, ohne eine richtige Benützung des materiellen Anreizes - vor allern gesellschaftlicher Natur - außer acht zu lassen.

Wie ich bereits gesagt habe, ist es in den Augenblicken äußerster Gefahr leicht, die moralischen Antriebe wirken zu lassen; damit sie sich aber lebendig erhalten, muß man neue Werte im Bewußtsein entwickeln. Die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit muß eine riesige Schule werden. Die großen Züge dieser Erscheinung ähneln dem Bildungsprozeß des kapitalistischen Bewußtseins in seiner ersten Periode. Der Kapitalismus hat zur Gewalt gegriffen; aber zusätzlich lehrt er seine Ideologie, d.h. die der herrschenden Klasse. Die direkte Propaganda wird von denen gemacht, die beauftragt sind, über die Unvermeidlichkeit einer Klassenherrschaft aufzuklären, sei sie nun göttlichen Urspungs oder zwangsläufig durch die Natur auferlegt. Das entwaffnet die Massen, die sich so von einem Übel unterdrückt sehen, gegen das zu kämpfen unmöglich ist.

In der Folgezeit kommt die Hoffnung hinzu, und in diesem Punkt unterscheidet sich der Kapitalismus von den vorangegangenen Kastenherrschaften, die keine Auswegmöglichkeit ließen.

Für manche wird die Kastenformel gültig bleiben: die Belohnung für die, die gehorchen, ist nach dem Tod der Zugang zu wunderbaren Jenseitswelten, wo die Guten belohnt werden - und insofern setzt sich die alte Tradition fort. Bei anderen gibt es eine Neuerung: die Klassenspaltung bleibt unabwendbares Schicksal; aber die Individuen können die Klasse, der sie angehören, verlassen durch Arbeit, Initiative usw. Dieser Prozeß der Selbsterziehung auf den Erfolg hin ist durch und durch verlogen: zur "Rationalisierung" des eigenen Interesses versucht man das Ideal zu predigen, dieser Schwindel des individuellen Erfolgs sei für alle realisierbar.

Für uns hat die unmittelbare Erziehung eine viel größere Bedeutung. Unsere Aufklärung überzeugt, weil sie wahr ist; sie hat keine Ausflüchte nötig. Sie wird durch den Erziehungsapparat des Staates im Dienste der generellen, technischen und politischen Kultur geleistet mit Hilfe von Organisationen wie dem Erzieherungsministerium und dem Propaganda-Apparat der Partei. Die Erziehung schlägt Wurzeln in den Massen, und die propagierte neue Haltung tendiert dazu, eine Gewohnheit zu werden; die Masse macht sie sich zu eigen und übt auf diejenigen Druck aus, die noch nicht erzogen sind. So sieht die mittelbare Methode, die Massen zu erziehen, aus, die ebenso wirkungsvoll ist wie die andere.

Aber dieser Prozeß ist bewußt; das Individuum nimmt ständig den Einfluß der neuen gesellschaftlichen Macht in sich auf und merkt, daß es nicht völlig an sie angepaßt ist. Aufgrund der mittelbaren Erziehung versucht es, sich mit Verhältnissen, die ihm als richtig einleuchten, in Einklang zu bringen - was es bis dahin nicht fertiggebracht hat wegen seiner unzureichenden persönlichen Entwicklung. Es erzieht sich selbst.

In dieser Periode des Aufbaus des Sozialismus können wir Zeugen der Entstehung des neuen Menschen werden. Sein Bild ist noch nicht ganz und gar fixiert und wird es nie sein können, da dieser Prozeß mit der Entwicklung der neuen ökonomischen Strukturen parallel läuft. Abgesehen von denen, die durch ihre unzureichende Erziehung auf den Weg des Einzelgängers verfallen, auf die egoistische Befriedigung ihrer Ambitionen, gibt es diejenigen, die selbst innerhalb des neuen Rahmens kollektiver Entfaltung die Tendenz haben, isoliert von der Masse, die sie begleiten, vorwärts zu marschieren.

Worauf es ankommt, ist, daß sich die Menschen der Notwendigkeit ihrer Eingliederung in die Gesellschaft mit jedem Tag bewußter werden und zugleich ihrer eigenen Bedeutung als Motor derselben. Sie marschieren nicht mehr völlig allein auf verschlungenen Pfaden ihren fernen Sehnsüchten entgegen. Sie folgen ihrer durch die Partei gebildeten Avantgarde, den Arbeitern der Avantgarde, Menschen der Avantgarde, die mit den Massen verbunden und in enger Gemeinschaft mit ihnen vorwärts marschieren.

Die Avantgarde hat den Blick auf die Zukunft gerichtet und auf den Lohn ihrer Mühen; aber dieser zeichnet sich nicht als etwas Individuelles ab; ihr Lohn ist die neue Gesellschaft, in der die Menschen anders sein werden; die Gesellschaft des kommunistischen Menschen.

Der Weg ist lang und voller Schwierigkeiten. Manchmal müssen wir, in eine Sackgasse geraten, umkehren; ein andermal trennen wir uns, zu schnell vorgerückt, von den Massen; bei gewissen Gelegenheiten marschieren wir zu langsam und spüren ganz nah den Atem derer, die uns auf dem Fuße folgen. In unserem Ehrgeiz, einem Ehrgeiz von Revolutionären, suchen wir, den Weg bahnend, so schnell wie möglich voranzukommen; aber wir wissen, daß es die Masse ist, aus der wir unsere Kraft beziehen, und daß sie nur dann schneller vorrücken kann, wenn wir sie durch unser Beispiel ermutigen.

Trotz der den moralischen Antrieben beigemessenen Bedeutung zeigt die Tatsache, daß eine Trennung in zwei Hauptgruppen besteht (abgesehen natürlich von der kleinen Zahl derer, die aus dem einen oder anderen Grund nicht am Aufbau des Sozialismus teilnehmen), die relativ ungenügende Entwicklung des gesellschaftlichen Bewußtseins an. Die Avantgarde-Gruppe ist bewußtseinsmäßig fortgeschrittener als die Masse; die Masse kennt die neuen Werte, aber ungenügend. Während bei den einen eine qualitative Veränderung vor sich geht, die sie befähigt jedes Opfer in der Erfüllung ihrer Führungsfunktion auf sich zu nehmen, sind die anderen weniger bewußt und müssen Anreizen und Pressionen einer gewissen Intensität unterworfen werden; das ist die Diktatur des Proletariats, die nicht nur über die besiegte Klasse, sondern auch - individuell - über die siegreiche Klasse ausgeübt wird. Das impliziert für den vollständigen Erfolg eine Reihe von Mechanismen: die revolutionären Institutionen - ein harmonisches Ganzes von Kanälen, Stufenleitern, gut geölten Zahnrädern -, weiche allein die natürliche Auslese derer, die das Zeug dazu haben, als Vorhut zu maschieren, erlauben und Belohnung oder Strafe denen zuerkennen werden, die sich gegenüber der im Aufbau befindlichen Gesellschaft verdient gemacht oder vergangen haben.

Wir sind noch nicht dazu gekommen, die Institutionen der Revolution zu schaffen. Wir suchen nach etwas Neuem, das eine vollkommene Identifizierung zwischen der Regierung und der Gemeinschaft erlaubt (Institutionen, die den besonderen Bedingungen des Aufbaus des Sozialismus angepaßt und so weit wie möglich entfernt sind von den in eine werdende Gesellschaft verpflanzten Gemeinplätzen der bürgerlichen Demokratie, etwa den gesetzgebenden Kammern). Wir haben einige Versuche gemacht in der Absicht, nach und nach die Institutionen der Revolution zu schaffen, aber ohne allzu große Eile. Unsere stärkste Bremse ist die Befürchtung gewesen, eine formale Beziehung könnte uns von den Massen und vom Individuum trennen und uns die letzte und höchste revolutionäre Bestrebung aus den Augen verlieren lassen, die Bestrebung, den Menschen von seiner Entfremdung befreit zu sehen.

Trotz dem Fehlen von Institutionen, weiches stufenweise überwunden werden muß, machen die Massen gegenwärtig ihre Geschichte als ein bewußtes Ensemble von Individuen, die für die gleiche Sache kämpfen.

Im sozialistischen Staat ist der Mensch trotz seiner scheinbaren Standardisierung voller entwickelt; trotz des Fehlens eines vollkommen ausgebildeten Mechanismus sind seine Möglichkeiten, sich zu äußern und Gewicht im gesellschaftlichen Apparat zu haben, unendlich viel größer. Es ist noch nötig, seine bewußte - individuelle und koliektive - Beteiligung an allen Lenkungs- und Produktionsmechanismen zu vertiefen und sie mit der technischen und politischen Erziehung zu verbinden, so daß er merkt, wie eng diese Prozesse der Beteiligung und der Erziehung miteinander zusammenhängen und wie parallel sie fortschreiten. Auf diese Weise wird er, sobald die Ketten der Entfremdung zerbrochen sind, das totale Bewußtsein seines gesellschaftlichen Seins erlangen, seine volle Verwirklichung als menschliches Wesen. Konkret wird sich das umsetzen in die Wiedergewinnung seiner eigenen Natur vermittels der befreiten Arbeit und in den Ausdruck seines Menschseins vermittels der Kultur und der Kunst.

Damit der Mensch wieder von seiner Natur Besitz ergreife, ist es nötig, daß der Mensch aufhört, Ware zu sein, und daß die Gesellschaft ihm ein anteiliges Quantum aushändigt als Gegenleistung für die Erfüllung seiner gesellschaftlichen Pflicht. (7) Die Produktionsmittel gehören der Gesellschaft und die Maschine ist wie der Schützengraben, wo die Pflicht erfüllt wird. Der Mensch beginnt, sein Denken von der Angst zu befreien, die durch die Notwendigkeit bedingt ist, seine unmittelbaren Bedürfnisse vermittels der Arbeit zu befriedigen. Er beginnt, sich in seinem Werk wiederzuerkennen und seine menschliche Größe durch den geschaffenen Gegenstand und die verwirklichte Arbeit zu erfassen. Seine Arbeit setzt nicht mehr das Aufgeben eines Teils von seinem Sein in Gestalt verkaufter, ihm nicht mehr gehörender Arbeitskraft voraus, sondern wird zu einer Außerung seiner selbst, zu einem Beitrag zum Zusammenleben, zur Erfüllung einer gesellschaftlichen Pflicht.

Wir tun unser Möglichstes, um der Arbeit diese neue Dimension gesellschaftlicher Pflicht zu geben und um sie einerseits mit der Entwicklung der Technik zu verbinden, aus der die Bedingungen für eine größere Freiheit kommen werden, und andererseits mit der freiwilligen Arbeit. Diese beiden Faktoren entsprechen der marxistischen Einschätzung, der zufolge der Mensch nur dann sein volles Menschsein real erreicht, wenn er produziert ohne den Zwang der physischen Notwendigkeit, sich als Ware zu verkaufen.

Natürlich gibt es noch Zwangsaspekte in der Arbeit, selbst wenn sie freiwillig ist. Dem Menschen ist es noch nicht gelungen, seine Arbeit vermittels eines bedingten Reflexes gesellschaftlicher Natur zu tun, und er produziert noch sehr oft unter dem Druck der Umwelt (das ist es, was Fidel den moralischen Zwang nennt). Er kann sein Werk nicht voll genießen, als im Rahmen neuer Gewohnheiten ohne den Druck der gesellschaftlichen Umweit zustande gebracht. Das wird er erst im Kommunismus tun können.

Der Wandel im Bewußtsein vollzieht sich nicht automatisch, ebensowenig wie in der Wirtschaft. Die Veränderungen sind langsam und unregelmäßig, es gibt Perioden der Beschleunigung, des Stillstands und sogar des Rückschritts. Darüberhinaus müssen wir, wie bereits bemerkt, in Betracht ziehen, daß wir nicht vor einer reinen Übergangsperiode stehen, wie sie Marx in der Kritik des Gothaer Programms beschrieben hat, sondern vor einer neuen, von ihm nicht vorhergesehenen Phase: der ersten Periode des Übergangs zum Kommunismus oder der Periode des Aufbaus des Sozialismus.

Diese rollt ab inmitten heftiger Klassenkämpfe, und das Verständnis ihres wahren Charakters wird durch die noch vorhandenen Elemente des Kapitalismus verdunkelt. Nimmt man noch die Scholastik hinzu, weiche die Entwicklung der marxistischen Philosophie gebremst hat und systematisch die Untersuchung dieser Periode verhindert hat, deren ökonomische Grundlagen nicht analysiert worden sind, so müssen wir zugeben, daß wir noch in den Kinderschuhen stecken und uns an die Erforschung aller charakteristischen Besonderheiten dieser Periode machen müssen, bevor wir eine weiterreichende ökonomische und politische Theorie ausarbeiten. Einen unumstößlichen Vorrang wird diese Theorie den beiden Pfeilern des Aufbaus des Sozialismus einräumen: der Schaffung eines neuen Menschen und der Entwicklung der Technik. In diesen beiden Bereichen bleibt uns noch viel zu tun übrig, aber der Rückstand der Technik, dieser grundlegenden Basis, ist weniger entschuldbar, da wir uns hier nicht im Dunkeln vorantasten müssen, sondern während geraumer Zeit dem Weg folgen können, den die fortgeschrittensten Länder der Welt gebahnt haben. Aus diesem Grund insistiert Fidel so sehr auf der Notwendigkeit der technischen und wissenschaftlichen Qualifizierung unseres Landes und mehr noch seiner Avantgarde.

Im Bereich der nicht produktiven Tätigkeiten ist es leichter, zwischen materieller und ideeller Notwendigkeit zu unterscheiden. Seit langem versucht der Mensch sich von der Entfremdung zu befreien vermittels der Kultur und der Kunst. Er stirbt täglich im Verlauf der acht Stunden, während derer er seine Rolle als Ware spielt, um danach wieder aufzuerstehen in der künstlerischen Schöpfung. Aber dieses Heilmittel trägt in sich die Keime der Krankheit selber: wer das Einssein mit der Natur sucht, ist ein vereinsamtes Wesen. Er verteidigt seine durch die Umwelt unterdrückte Individualität und reagiert den ästhetischen Inhalten gegenüber als ein Einzelwesen, das den Wunschtraum hat, unbefleckt zu bleiben. Es handelt sich lediglich um einen Fluchtversuch. Das Wertgesetz ist nicht mehr der bloße Reflex der Produktionsverhältnisse; die Monopolkapitalisten staffieren es mit einem komplizierten Aufbau aus, der aus ihm einen gefügigen Diener macht, selbst wenn die dabei angewandten Methoden rein empirisch sind.

Dieser Überbau diktiert einen Typ von Kunst, der ein sehr weit getriebenes An-sich-Arbeiten der Künstler nötig macht. Die Rebellen werden beherrscht durch die "Technik", und nur die außergewöhnlichen Talente können ein persönliches Werk schaffen.

Die übrigen werden zu verschämten Lohnarbeitern, oder sie stranden. Man bekennt sich zu dem künstlerischen Suchen, das man als Definition der Freiheit ansieht; aber dieses Suchen" hat seine Grenzen, die unsichtbar bleiben, bis man dagegen stößt, d.h. bis zu dem Augenblick, wo man die realen Probleme des Menschen und seiner Entfremdung aufwirft. Die "Angst vor dem Nichts" oder die vulgären Vergnügungen bilden bequeme Ventile für die menschliche Unruhe; die Kunst wird bekämpft, sobald sie zu einer Waffe der Anprangerung wird. Wenn man sich an die Spielregein hält, bekommt man alle Ehren, wie ein Pirouetten erfindender Affe. Die einzige Bedingung ist, keinen Versuch zu machen, um aus dem unsichtbaren Käfig herauszukommen. Als die Revolution die Macht erobert hat, sind diejenigen, die total domestiziert waren, ins Exil gegangen. Die anderen, ob Revolutionäre oder nicht, sahen einen neuen Weg vor sich. Das Suchen erhielt einen neuen Impuls. Jedoch die Wege waren bereits mehr oder weniger abgesteckt, und der Eskapismus tarnte sich hinter dem Wort "Freiheit". Auch bei den Revolutionären hat sich diese Einstellung oft gehalten, eine Widerspiegelung des bürgerlichen Idealismus in ihrem Bewußtsein.

In den Ländern, die einen ähnlichen Prozeß durchgemacht haben, hat man diese Tendenzen durch einen übertriebenen Dogmatismus bekämpfen wollen. Die Kultur überhaupt verwandelte sich beinahe in ein Tabu, und man proklamierte als Gipfel künstlerischen Strebens eine formal exakte Wiedergabe der Natur, die sich dann verwandelte in eine mechanische Wiedergabe jener gesellschaftlichen Wirklichkeit, die man zeigen wollte, d.h. der idealen Gesellschaft fast ohne Konflikte und Widersprüche, die man zu schaffen versuchte. Der Sozialismus ist jung, er hat seine Fehler. Wir Revolutionäre haben häufig nicht die nötigen Kenntnisse und die nötige intellektuelle Kühnheit, um der Aufgabe nachzukommen, den neuen Menschen mit anderen Methoden zu entwickeln als mit jenen allzu konventionellen, die den Stempel der Gesellschaft tragen, die sie geschaffen hat (einmal mehr taucht das Problem der Beziehungen zwischen Form und Inhalt auf). Das Durcheinander bei uns ist groß, und die Probleme des materiellen Aufbaus absorbieren uns. Es gibt keine großen Künstler, die gleichzeitig eine große revolutionäre Autorität besäßen. Die Leute der Partei müssen diese Aufgabe in die Hand nehmen und das Hauptziel zu erreichen suchen: das Volk zu erziehen.

Man begeht dann die Simplifizierung, sich auf das Niveau dessen begeben zu wollen, was jedermann versteht, d.h. was die Funktionäre verstehen. Man vernichtet das künstlerische Suchen nach wirklich Neuem, und das Problem der Kultur reduziert sich auf eine Aneignung der sozialistischen Gegenwart und der toten (und daher harmlosen) Vergangenheit. So entsteht der sozialistische Realismus auf den Grundlagen der Kunst des vorigen Jahrhunderts.

Aber auch die realistische Kunst des 19. Jahrhunderts ist eine klassengebundene Kunst, vielleicht noch reiner kapitalistisch als die dekadente Kunst des 20. Jahrhunderts, in der die Angst des entfremdeten Menschen durchscheint. Im Bereich der Kultur hat der Kapitalismus alles gegeben, was er geben konnte, und es ist nichts mehr von ihm übrig als ein stinkender Kadaver, was sich in der Kunst durch ihre gegenwärtige Dekadenz zeigt. Aber warum in den eingefrorenen Formen des "sozialistischen Realismus" das einzige brauchbare Rezept suchen wollen?

Man kann dem sozialistischen Realismus nicht die "Freiheit" entgegenstellen, denn diese gibt es noch nicht und wird es nicht geben, solange die Entwicklung der neuen Gesellschaft nicht vollendet ist; aber man maße sich nicht an, alle Formen der Kunst, die später sind als die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts, vom päpstlichen Thron des Ultra-Realismus herab zu verdammen, denn man verfiele damit in einen proudhonistischen Fehler der Rückkehr zur Vergangenheit und würde der künstlerischen Außerung des Menschen, der heute entsteht und geschaffen wird, eine Zwangsjacke anlegen.

Es fehlt an der Entwicklung eines klassenbewußt-kulturellen Mechanismus, der das Suchen ermöglicht und das Unkraut ausreißt, das sich so leicht auf dem fruchtbaren Boden der Staatssubventionen vermehrt.

In unserem Land sind wir nicht in den Fehler des platten Realismus, sondern in den umgekehrten Fehler verfallen. Und das, weil wir die Notwendigkeit nicht begriffen haben, einen neuen Menschen zu schaffen, der weder der des 19. Jahrhunderts noch der unseres dekadenten und verfaulten Jahrhunderts sein soll. Es ist der Mensch des 21. Jahrhunderts, den wir schaffen müssen, obgleich das bis jetzt nur eine subjektive und keine in ein System gebrachte Zielsetzung ist. Genau dies ist einer der grundlegenden Punkte unserer Analyse und unserer Arbeit. In dem Maße, wie wir konkrete Erfolge auf einer theoretischen Grundlage erzielen und umgekehrt theoretische Schlußfolgerungen allgemeinen Charakters auf der Grundlage unserer konkreten Untersuchungen ziehen, werden wir einen wertvollen Beitrag zum Marxismus-Leninismus, zur Sache der Menschheit leisten. Die Reaktion gegen den Menschen des 19. Jahrhunderts hat uns in die Dekadenz des 20. Jahrhunderts zurückfallen lassen; das ist kein allzu schlimmer Fehler, aber wir müssen ihn wieder gutmachen, sonst öffnen wir die Tür für den Revisionismus.

Die breiten Massen, deren Bewußtsein sich entwickelt, die neuen Ideen, die parallel dazu im Innern der Gesellschaft reifen, und die materiellen Möglichkeiten einer allseitigen Entwicklung aller ihrer Mitglieder machen die Arbeit sehr viel fruchtbringender. Die Gegenwart setzt sich aus Kämpfen zusammen; die Zukunft gehört uns.

Zusammengefaßt ist die Schuld vieler unserer Intellektuellen und Künstler die Folge ihrer Erbsünde: es sind keine echten Revolutionäre. Man kann versuchen, eine Ulme zu okulieren, damit sie Birnen trägt, aber gleichzeitig muß man Birnbäume pflanzen. Die neuen Generationen werden von dieser Erbsünde befreit aufwachsen. Je mehr wir den Bereich der Kultur und die Möglichkeiten der Außerung erweitern, desto mehr Chancen werden wir haben, außergewöhnliche Künstler hervortreten zu sehen. Unsere Aufgabe ist es, zu verhindern, daß die gegenwärtige Generation, von ihren Konflikten zerrissen, sich selbst verdirbt und die neuen Generationen verdirbt. Wir dürfen keine dem amtlichen Denken gegenüber hörigen Lohnempfänger schaffen und keine Stipendiaten, die schön im Schutz ihres Stipendiums leben und eine Freiheit zwischen Gänsefüßchen pflegen. Die Revolutionäre, die den neuen Menschen mit der echten Stimme des Volkes besingen, werden kommen. Das ist ein Prozeß, der Zeit braucht.

In unserer Gesellschaft spielen die Jugend und die Partei eine große Rolle. Die Jugend ist besonders wichtig, denn sie ist der formbare Ton, mit dem man den neuen Menschen schaffen kann, frei von allen Schädigungen der Vergangenheit. Unsere Einwirkung auf sie entspricht unseren Zielsetzungen. Ihre Erziehung wird mit jedem Tag vollkommener, und wir vergessen nicht, sie von Anfang an in die Arbeit einzugliedern. Unsere Stipendiaten verrichten körperliche Arbeit während ihrer Ferien oder gar gleichzeitig mit ihrem Studium. Die Arbeit ist eine Belohnung ... (8) Eine neue Generation entsteht.

Die Partei ist eine Avantgarde-Organisation. Die besten Arbeiter werden von ihren Kollegen für die Aufnahme vorgeschlagen. Sie ist eine Minderheitsorganisation, aber sie besitzt eine große Autorität aufgrund der Qualität ihrer Kader. Wir streben an, daß die Partei eine Massenpartei wird, aber erst dann, wenn die Massen den Entwicklungsstand der Avantgarde erreicht haben, d.h. wenn sie für den Kommunismus erzogen sind. Alle unsere Anstrengungen gehen in diese Richtung. Die Partei ist ein lebendiges Vorbild, ihre Kader müssen Arbeitseifer und Aufopferung lehren, sie müssen durch ihr Handein die Massen in ihren revolutionären Aufgaben unablässig weiter führen. Das impliziert jahrelangen harten Kampf gegen die Schwierigkeiten beim Aufbau des Sozialismus, gegen die Klassenfeinde, gegen die Folgeerscheinungen der Vergangenheit und gegen den Imperialismus. Ich möchte nun die Rolle darlegen, welche die Persönlichkeit spielt, der Mensch als Anleiter der Massen, weiche die Geschichte machen. Es handelt sich um unsere Erfahrung und nicht um ein Rezept.

Fidel teilte der Revolution während der ersten Jahre seinen Elan mit; und er hat sie immer geleitet, er hat ihr das Gesicht gegeben. Aber es gibt auch eine Gruppe von Revolutionären, die sich in derselben Richtung wie der vorderste Anführer weiterentwickelt, und eine große Masse, die den führenden Männern folgt, weil sie Vertrauen zu ihnen hat; und sie hat Vertrauen zu ihnen, weil sie es verstanden haben, ihre Wünsche zu artikulieren.

Es handelt sich nicht darum, wieviel Kilo Fleisch man ißt, noch darum, wie oft man an den Badestrand kann, noch darum, wieviel importierte Luxusartikel man sich mit den gegenwärtigen Löhnen kaufen kann. Es handelt sich genau darum, Süß sich das Individuum innerlich reicher und sehr viel verantwortlicher fühlt. Der Mensch unseres Landes weiß, daß die glorreiche Epoche, die die seine ist, eine Epoche des Opfers ist, und er kennt das Opfer. In der Sierra Maestra haben die ersten mit ihm Bekanntschaft gemacht, dann haben wir es in ganz Cuba kennengelernt. Cuba ist die Avantgarde Lateinamerikas, und weil es diese Avantgardefunktion hat, weil es den Massen Lateinamerikas die wahre Freiheit zeigt, muß es Opfer bringen. Im Innern des Landes sind es die Führer, die ihre Avantgarderolle erfüllen müssen, und es soll ganz offen gesagt werden: in einer wirklichen Revolution, für die man alles gibt und von der man keinerlei materielle Honorierung erwartet, ist die Aufgabe des Revolutionärs zugleich großartig und beängstigend. Es sei mir gestattet zu sagen, auch auf die Gefahr hin, lächerlich zu erscheinen, daß der-wahre Revolutionär von starken Gefühlen der großherzigkeit geleitet wird; es ist unmöglich, sich einen echten Revolutionär ohne diese Eigenschaften vorzustellen. Vielleicht liegt hier das große Drama des führenden Mannes: er muß mit einem leidenschaftlichen Temperament eine kühle Intelligenz verbinden (und schmerzhafte Entscheidungen fällen, ohne daß ein einziger Muskel zuckt). Unsere Avantgarde-Revolutionäre müssen diese Liebe zu den Völkern und für die geheiligsten Ziele bis zur Vollkommenheit entwickeln und zu einer unteilbaren Einheit machen. Sie können ihr tägliches Gefühlsieben nicht auf demselben Niveau wie die anderen Menschen verwirklichen.

Man muß viel Menschlichkeit besitzen. Die Führer der Revolution haben Kinder, die bei ihren ersten Sprechversuchen ihren Namen und ihre Väter nicht kennenlernen, Frauen, die auch dem Sieg der Revolution geopfert werden. Der Kreis der Freunde entspricht haargenau dem der Mitstreiter für die Revolution. Außerhalb der Revolution gibt es kein Leben. Unter diesen Umständen muß man viel Menschlichkeit, großen Wahrheits- und Gerechtigkeitssinn besitzen, um nicht in einen extremen Dogmatismus, in eine kalte Scholastik zu verfallen, um sich nicht von den Massen zu isolieren.

Täglich muß man kämpfen, damit diese Liebe zur Menschheit sich durch konkrete Taten manifestiert die als Vorbild dienen und mobilisierende Funktion haben.

Der Revolutionär in seiner Partei als bewußter Motor der Revolution verbraucht sich in dieser ununterbrochenen Aufgabe, die erst mit dem Tod endet, es sei denn, daß der Aufbau des Sozialismus in den Weltmaßstab übergeht.

Wenn sein revolutionäres Feuer erlischt, sobald die dringendsten Aufgaben im lokalen Maßstab verwirklicht sind, und wenn er den proletarischen Internationalismus vergißt, dann hört die Revolution, die er leitet, auf, sein Antriebsmotor zu sein, und versinkt in einer bequemen Erstarrung, die von unseren unversöhnlichen Feinden, den Imperialisten ausgenützt wird, die dann an Boden gewinnen. Der proletarische Internationalismus ist eine Pflicht; denn er ist eine revolutionäre Notwendiakeit. Das ist es, was wir unserem Volk beibringen.

Es ist sicher, daß die gegenwärtige Situation Gefahren mit sich bringt. Nicht nur die des Dogmatismus, nicht nur die des Einfrierens unserer Beziehungen zu den Massen mitten in unserer großen Aufgabe, sondern auch die der Schwächen, in die wir verfallen können. Ein Mensch, der sein ganzes Leben der Revolution weiht, kann sich nicht ablenken lassen durch den Gedanken an das, was einem Kind fehlt, an seine abgetragenen Schuhe, an das Allernotwendigste, was seiner Familie fehlt. Wenn er sich von diesen Sorgen heimsuchen läßt, schafft er einen günstigen Boden für die Entwicklung der Korruption.

Was uns betrifft, haben wir immer den Standpunkt vertreten, daß unsere Kinder dieselben Dinge besitzen sollen wie die anderen Kinder, aber daß sie auch dieselben Dinge entbehren sollen wie die anderen Kinder. Unsere Familie muß es begreifen und dafür kämpfen. Die Revolution wird durch den Menschen gemacht, aber dieser muß Tag für Tag seinen revolutionären Geist stählen.

Das ist die Art und Weise, wie wir vorwärts schreiten. An der Spitze der riesigen Kolonne marschiert - wir schämen uns nicht, es auszusprechen - Fidel, hinter ihm schreiten die besten Kader der Partei, und unmittelbar danach, so nahe, daß man seine enorme Kraft spürt, kommt das Volk als Gesamtheit, das fest auf das gemeinsame Ziel zumarschiert. Es setzt sich aus Individuen zusammen, die sich bewußt geworden sind, was man tun muß, aus Menschen, die kämpfen, um aus dem Reich der Notwendigkeit herauszukommen und in das der Freiheit einzutreten.

Diese riesige Menge ordnet sich; ihre Disziplin entspricht einer von allen begriffenen Notwendigkeit; es ist keine zerstreute, unendlich teilbare Menge mehr, in der jeder, egal mit welchen Mitteln, durch einen erbitterten Kampf gegen seinesgleichen versucht, einen Halt zu finden angesichts der ungewissen Zukunft.

Wir wissen, daß wir noch Opfer bringen müssen und daß wir für unsere heroische Stellung als Avantgarde-Nation zahlen müssen. Wir Führer müssen für das Recht zahlen, von uns sagen zu können, daß wir die Avantgarde des Volkes sind, das an der Spitze Lateinamerikas steht. Wir entrichten alle regelmäßig unseren Teil an Opfern in dem Bewußtsein, durch die Genugtuung über die erfüllte Pflicht belohnt zu werden und gemeinsam auf den neuen Menschen hin vorzurücken, den man am Horizont gewahrt. Wir sind freier, weil wir reicher sind.

Laßt mich ein paar Schlußfolgerungen herausstellen. Wir Sozialisten sind freier, weil wir reicher sind, wir sind reicher, weil wir frei sind.

Das Gerippe unserer vollen Freiheit ist fertig. Es fehlt ihr nicht mehr als ihre Substanz und ihre Umhüllung, wir werden das schaffen.

Unsere Freiheit und unser tägliches Brot haben die Farbe des Blutes und stecken voller Opfer.

Unser Opfer ist bewußt, es ist der Preis der Freiheit, die wir errichten.

Der Weg ist lang und zum Teil unbekannt. Wir kennen unsere Grenzen. Wir werden den Menschen des 21. Jahrhunderts selber hervorbringen.

Wir werden uns im täglichen Handeln stählen, indem wir zusammen mit einer neuen Technik den neuen Menschen schaffen.

Die Persönlichkeit spielt eine große mobilisierende und leitende Rolle, soweit sie die höchsten Tugenden und die Wünsche des Volkes verkörpert und sich nicht von der Marschroute entfernt.

Es ist die Avantgarde-Gruppe, die den Weg bahnt, die Besten unter den Guten, die Partei.

Gegenstand unserer Arbeit ist in erster Linie die Jugend. Wir vertrauen ihr all unsere Hoffnungen an und bereiten sie darauf vor, die Fahne aus unseren Händen zu übernehmen.

Wenn dieser ungeordnete Brief etwas Licht bringt, hat er seine Aufgabe erfüllt.

Als ein Händedruck oder wie ein "Ave Maria" möge unser ritueller Gruß (9) am Schluß stehen:

PATRIA O MUERTE

Ernesto "Che" Guevara



1) Erschienen in der Zeitschrift Marcha (Montevideo, Uruguay). Da der spanische Originaltext nicht erreichbar war, wurde die von Partisans Nr. 23 (November 1965) S. 25-36 unter dem Titel "Le socialisme et l'homme á Cuba" veröffentlichte französische Übersetzung zugrunde gelegt. Der Vorabdruck im facit Nr. 6 (S. 9-13: "Sozialismus und Individuum") fußt dagegen auf einer italienischen Kurzfassung, die in dem PSIUP-Organ mondo nuovo Jg. VII Nr. 18 vom 2. Mai 1965 S. 11 erschienen war. Beim Vergleich mit der vollständigen französischen Fassung erweist sich nicht nur der parteiliche Charakter der Kürzungen, sondern auch die Oberflächlichkeit der - oft revisionistisch verwässerten - italienischen Version. Der hier vorgelegte deutsche Text kann demnach größere Autorität als der Vorabdruck beanspruchen.

2) Vgl. das Vorwort

3) Vgl. Marx, Das Kapital 11, 4: Gebrauchsgegenstände werden überhaupt nur Waren, weil sie Produkte voneinander unabhängig betriebner Privatarbeit sind. . . Da die Produzenten erst in gesellschaftlichen Kontakt treten durch den Austausch ihrer Arbeitsprodukte, erscheinen auch die spezifisch gesellschaftlichen Charaktere ihrer Privatabeiten erst innerhalb dieses Austausches.

Erst innerhalb ihres Austauschs erhalten die Arbeitsprodukte eine von ihrer sinnlich verschiednen Gebrauchsgegenständlichkeit getrennte, gesellschaftlich gleiche Wertgegenständlichkeit. Diese Spaltung des Arbeitsprodukts in nützliches Ding und Wertding bestätigt sich nur praktisch, sobald der Austausch bereits hinreichende Ausdehnung und Wichtigkeit gewonnen hat, damit nützliche Dinge für den Austausch produziert werden, der Wertcharakter der Sachen also schon bei ihrer Produktion selbst in Betracht kommt. Von diesem Augenblick an erhalten die Privatarbeiten der Produzenten tatsächlich einen doppelten geselischaftlichen Charakter." (Karl Marx/ Friedrich Engels, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin 1965, S, 87)

"Das Gehirn der Privatproduzenten spiegelt diesen doppelten gesellschaftlichen Charakter ihrer Privatarbeiten nur wider in den Formen, welche im praktischen Verkehr, im Produktenaustausch erscheinen - den gesellschaftlich nützlichen Charakter ihrer Privatarbeiten also in der Form, daß das Arbeitsprodukt nützlich sein muß, und zwar für andre - den gesellschaftlichen Charakter der Gleichheit der verschiedenartigen Arbeiten in der Form des gemeinsamen Wertcharakters dieser materiell verschiednen Dinge, der Arbeitsprodukte." (ebenda S. 88)

"Was die Produktenaustauscher zunächst praktisch interessiert, ist die Frage, wieviel fremde Produkte sie für das eigene Produkt erhalten, in welchen Proportionen sich also die Produkte austauschen. Sobald diese Proportionen zu einer gewissen gewohnheitsmäßigen Festigkeit herangereift sind, scheinen sie aus der Natur der Arbeitsprodukte zu entspringen, so daß z. B. eine Tonne Eisen und 2 Unzen Gold gleichwertig, wie ein Pfund Gold und ein Pfund Eisen trotz ihrer verschiedenen physikalischen und chemischen Eigenschaften gleich schwer sind. In der Tat befestigt sich der Wertcharakter der Arbeitsprodukte erst durch ihre Betätigung als Wertgröáen. Die letzteren wechseln beständig, unabhängig vom Willen, Vorwissen und Tun der Auslauschenden. Ihre eigne gesellschaftliche Bewegung besitzt für sie die Form einer Bewegung von Sachen, unter deren Kontrolle sie stehen, statt sie zu kontrollieren." (ebenda S. 89)

"Die Gestalt des gesellschaftlichen Lebensprozesses, d.h. des materiellen Produktionsprozesses, streift nur ihren mystischen Nebelschleier ab, sobald sie als Produkt frei vergesellschafteter Menschen unter deren bewußter planmäßiger Kontrolle steht. Dazu ist jedoch eine materielle Grundlage der Gesellschaft erheischt oder eine Reihe materieller Existenzbedingungen ..." (ebenda S. 94)

4) Vgl. z.B. den Befreiungskampf des chinesischen Volkes gegen die japanischen Okkupanten oder den Befreiungskampf des vietnamesischen Volkes gegen die französischen Kolonialherren.

5) Vgl. z.B. die Situation in Rußland 1917.

6) Vgl. z.B. den Kampf des vietnamesischen Volkes gegen die Diem-Clique oder den Kampf des cubanischen Volkes gegen das Bastista-Regime.

7) Vgl. Marx, Kritik des Gothaer Programms: Innerhalb der genossenschaftlichen, auf Gemeingut an den Produktionsmitteln gegründeten Gesellschaft tauschen die Produzenten ihre Produkte nicht aus; ebensowenig erschein' hier die auf Produkte verwandte Arbeit a l s W e r t dieser Produkte, als eine von ihnen besessene sachliche Eigenschaft, da jetzt, im Gegensatz zur kapitalistischen Gesellschaft, die individuellen Arbeiten nicht mehr auf einem Umweg, sondern unmittelbar als Bestandteile der Gesamtarbeit existieren ...

... Demgemäß erhält der einzelne Produzent - nach den Abzügen exakt zurück, was er ihr (der Gesellschaft, d. Hrsg.) gibt. Was er ihr gegeben hat, ist sein individuelles Arbeitsquantum. Z.B. der gesellschaftliche Arbeitstag besteht aus der Summe der individuellen Arbeitsstunden. Die individuelle Arbeitszeit des einzelnen Produzenten ist der von ihm gelieferte Teil des gesellschaftlichen Arbeitstages, sein Anteil daran. Er erhält von der Gesellschaft einen Schein, daß er soundso viel Arbeit geliefert (nach Abzug seiner Arbeit für die gemeinschaftlichen Fonds), und zieht mit diesem Schein aus dem gesellschaftlichen Vorrat von Konsumtionsmitteln soviel heraus, als gleich viel Arbeit kostet. Dasselbe Quantum Arbeit, das er der Gesellschaft in einer Form gegeben hat, erhält er in der andern zurück." (Karl Marx / Friedrich Engels, Werke Band 19, Dietz Verlag Berlin 1962, S. 19/20)

8) Hier ist im französischen Text zwischen "dans/" und "/ment." offenbar eine Zeile ausgefallen.

9) Vgl. oben S. 4 über den "durch unseren Kampf- und Siegesruf zelebrierten Schlußhöhepunkt" der öffentlichen Versammlungen mit Fidel Castro. Guevara solidarisiert sich mit dem Inhalt und ironisiert die Form (auch das Fräulein vom Amt meidet sich mit Patria o muerte" (Vaterland oder Tod), worauf der Fernsprechteilnehmer mit "Venceremos" (Wir werden siegen) antwortet).




 




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