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Beiträge zur Geschichte  









Zum Attentat auf Rudi Dutschke

Am Abend des 10. April 1968 stieg der 23 Jahre alte Münchner Arbeiter Josef Erwin Bachmann um 21.52 Uhr in den Nachtexpreß nach Berlin. In seinem Gepäck hatte er einen alten Colt versteckt. Als er am nächsten Morgen aus dem Zug steigt, herrscht strahlender Sonnenschein. Es ist Gründonnerstag. In den Außenbezirken von Berlin ist nur wenig Verkehr. Rudi Dutschke, sogenannter SDS-Chefideologe, unterbricht die Arbeit am Manuskript über seine Prag-Reise in der vergangenen Woche, schwingt sich auf sein rostrotes Fahrrad und fährt in die Innenstadt, um eine Apotheke zu suchen. Er will Nasentropfen für Hosea-Che, seinen 12 Wochen alten Sohn, holen. Am Kurfürstendamm 140 macht Dutschke kurz Station. Im SDS-Zentrum möchte er bei der Gelegenheit noch etwas erledigen. Es ist etwa 16 Uhr. "Rudi, da hat eben jemand nach dir gefragt", berichtet ein SDS-ler. "Ok, soll unten warten", antwortet Dutschke. Josef Bachmann hatte schon eine ganze Weile warten müssen, bis Rudi Dutschke das Haus verließ und mit dem Fahrrad zur nahegelegenen Apotheke fuhr, wo er auf dem Sattel sitzend wartete: "Die Mittagspause der Apotheke war noch nicht beendet. Nach einigen Minuten sah ich, wie ein Auto im Mittelweg des Kudamms einparkte und ein Mann sich in meine Richtung in Bewegung setzte. Ohne etwas zu ahnen, sah ich, wie er mir immer näher kam. Nachdem die letzte Autowelle zwischen uns vorübergefahren war, ging Bachmann nun über die Straße. Kaum hatte er den Gehweg erreicht, wendete er sich direkt an mich und fragte in einem Abstand von ca. zwei Metern: 'Sind Sie Rudi Dutschke?' Ich zögerte nicht und sagte 'Ja' und in einem sekundenhaften, blitzartigen Augenblick riß er seine Pistole aus der Jackentasche und schießt. Da war keine andere Frage, kein Nachdenken, kein Zögern." Insgesamt drei Schüsse feuerte Bachmann auf Dutschke ab. "Ich war so im Haß, ich hatte so eine Wut", antwortete Josef Bachmann später dem Richter auf die Frage, warum er denn geschossen habe. "Sie kannten ihn?", fragte der Richter Bachmann: "Man kennt ihn von Bildern". Richter: "Und dann?" Bachmann: "Dann sagte ich, du dreckiges Kommunistenschwein. Dutschke kam auf mich zu, und ich zog den Revolver und schoß den ersten Schuß." Bachmann floh in den Keller eines Rohbaus, verschanzte sich dort, nahm eine Überdosis Schlaftabletten und lieferte sich ein Feuergefecht mit der Polizei. Zu dieser Zeit lag Rudi Dutschke bereits Stunden auf dem Operationstisch des Westend-Krankenhauses. Die Überlebenschancen standen, nachdem der Sender Freies Berlin bereits seinen Tod gemeldet hatte, 50:50. Am Karfreitag erwacht er aus der Narkose. Es besteht keine unmittelbare Lebensgefahr mehr.

Unterdessen ist die Stadt in hellem Aufruhr. Die Nachricht vom Attentat geht um die Welt. Wie die vor sechs Tagen: als James Earl Ray Martin Luther King erschossen hatte. Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger schickt Gretchen Dutschke ein Telegramm, hofft "von herzen, daß ihr mann von seinen verletzungen völlig genesen wird".

Verzweiflung und Ratlosigkeit herrschten am frühen Abend des Gründonnerstags im SDS-Zentrum, wo sich spontan viele Menschen versammelt hatten. Als die Nachricht kam, Rudi Dutschke sei nicht tot, faßte man neuen Mut und setzte eine Pressekonferenz im Republikanischen Club an, wo als Hauptschuldiger für den Mordanschlag Axel Springer genannt wurde, dessen Zeitungen erst die Voraussetzungen für eine solche Tat geschaffen hätten. Eine Stunde später: 2000 schweigende Studentinnen und Studenten sitzen auf ihren Holzstühlen im Auditorium Maximum der Technischen Universität. Ein Redebeitrag von Bernd Rabehl sprengt die beklemmende Atmosphäre: "Ich darf daran erinnern, welche Pogromhetze von den Abgeordneten des Senats nach dem 2. Juni 1967 stattfand. Ich erinnere daran, daß ein Neubauer und ein Schütz (Innensenator und Regierender Bürgermeister) diese außerparlamentarische Opposition zusammenschlagen wollten. Und ich spreche ganz deutlich aus: die wirklichen Schuldigen heißen Springer, und die Mörder heißen Neubauer und Schütz."Rabehl formulierte, was in der Luft lag: der Marsch auf den Springer-Konzern in der Kreuzberger Kochstraße beginnt. Fünftausend Menschen sind es, die sich gegen 23 Uhr in Richtung Kochstraße aufmachen. "Bei dieser Demonstration ist bei mir mein ganzes Leben, alles nochmal abgelaufen, verstehst du", erzählt einer von ihnen, Bommi Baumann. "Alle Schläge, die ich gekriegt habe, was du so alles erlebst, was du als Ungerechtigkeit empfindest. Die Empörung über das Attentat an Rudi war inzwischen in ganz Deutschland so groß, und in allen Städten ist am selben Abend etwas passiert, da war so eine Stimmung voll Sympathie für Rudi, daß die Bullen gar nicht einschritten. Sie haben sich anders verhalten als sonst. Da waren Polizeioffiziere, die haben gesagt, Kinder, wir können euch doch verstehen, aber macht's nicht zu doll, die haben ja in dem Getümmel noch richtig mit uns gesprochen." Vor dem Springer-Hochhaus wartet schon ein riesiges Polizeiaufgebot, dessen Operationen Innensenator Neubauer vom Dach aus beobachtet. Steine fliegen, Scheiben klirren, und mitten im Getümmel taucht der Genosse Peter Urbach auf und verteilt gut präparierte Mollies, "Molotowcocktails" an Interessierte. Sie finden reißenden Absatz. Auch Bommi Baumann greift zu. Er kennt Urbach aus der 'Kommune 1'. Was er damals noch nicht weiß: Urbach arbeitet für den Verfassungsschutz, dessen politischer Chef gerade auf dem Dach des Hauses Springer steht. Kurz nach Mitternacht lassen "diese köstlichen Mollies" (Bommi Baumann) die ersten Auslieferungswagen von 'Morgenpost' und 'BZ' in Flammen aufgehen. Kaum hundert Meter entfernt stehende Wasserwerfer werden nicht zum Löschen eingesetzt, so daß etwa fünf Wagen ausbrennen. Zehn weitere werden von Demonstranten umgekippt und demoliert. Eine Gruppe, die sich in breiter Reihe formiert und mit Holzstangen bewaffnet hat, versucht, den Haupteingang des Springer-Verlagsgebäudes zu stürmen. Tatsächlich gelingt ihr beim ersten Anlauf das Durchbrechen der Polizeikette. Etwa zwanzig erreichen den Treppenaufgang, dann werden sie von knüppelbewehrten Springer-Angestellten zurückgeschlagen. Draußen gelingt es unterdessen einem Studenten, auf einen Wasserwerfer zu klettern und die Spritzkanone auf die Polizeiketten zu lenken. Die Ordnungskräfte reagierten mit weiteren Knüppeleinsätzen. "An dem Abend ist irrsinnig viel passiert, das hat dir auch wirklich 'ne Kraft gegeben. Hier sind einfach von der anderen Seite die Schranken überschritten worden, und das ist einfach die richtige Antwort gewesen. Die allgemeine Hetze hat einfach ein Klima geschaffen, wo du mit Späßchen nichts mehr erreichen kannst. Wo sie dich so oder so liquidieren, ganz egal was du machst. Bevor ich nun wieder nach Ausschwitz transportiert werde, denn schieß ich lieber vorher." Bommi Baumann beschrieb seinen Eindruck, seine 'feelings', die nichts mehr mit den 'twist-feelings' aus dem Anfang der sechziger Jahre zu tun hatten. Und seine Worte beschreiben Gedanken, die damals in vielen Köpfen herumschwirrten. "Gestern Dutschke, morgen wir" riefen die Demonstranten in Berlin, Hannover, Frankfurt, München, Stuttgart, Esslingen und Hamburg. Ohne daß es einer Verabredung bedurft hätte, wurden Springer-Druckereien in ganz Westdeutschland und West-Berlin belagert. Über die gesamten Osterfeiertage zogen sich die Blockadeaktionen, Denionstrationen und Besetzungen hin. "Es kam zu Straßenschlachten, wie sie Westdeutschland seit der Weimarer Republik nicht mehr gekannt hatte", schrieb der SPIEGEL in seiner Ausgabe über die "Osterunruhen".


Quelle: Daniel Cohn-Bendit / Reinhard Mohr, aus: 1968 - Die letzte Revolution, die noch nichts vom Ozonloch wußte, Wagenbach-Verlag








 

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