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  Geschichte   

 


Ringvorlesung am 22. Juni 1988

Hochschule in der Demokratie - Theorie und Praxis einer Unversitätsreform

Teilnehmer: Wolf-Dieter Narr und Wolfgang Nitsch

Diskussionsleitung: Siegward Lönnendonker

Siegward Lönnendonker: "Hochschule in der Demokratie - Theorie und Praxis einer Universitätsreform" das heutige Thema. Dazu begrüße ich zu meiner Linken Wolfgang Nitsch und zu meiner Rechten Wolf-Dieter Narr.

Wolfgang Nitsch, Jahrgang 38, in Berlin geboren, und er bat mich, das nicht zu erwähnen, aber ich tue es doch, 1951 Mitglied des RIAS-Schulfunk-Parlaments, also ein Kind oder Opfer, wenn man so will, der frühen reeducation-Politik der Amerikaner. FU-Studium ab 1957 für Germanistik, Geschichte, Soziologie, Mitglied des SDS, des Argument-Clubs, federführend bei der SDS-Denkschrift "Hochschule in der Demokratie" 1960/61. Konventsmitglied an der FU, ab 1965 dann im Max-Planck-Institut für Bildungsforschung als Teilzeitassistent beschäftigt. 1971 bis 73 Mitbegründer der Universität Bremen. Promotion anschließend und ab 1975 Professor in Oldenburg.

Wolf-Dieter Narr, geboren 1 937 in Schwenningen am Neckar. 1957 bis 1962 Studium in Würzburg, Tübingen, Erlangen. Promotion, Habilitation 1969 in Konstanz usw. In Berlin das erstemal am 3. Januar 1959 beim Anti-Atomkongreß. Mitbegründer der Bundesassistentenkonferenz, bis 1969 auch sogar Mitglied der SPD, aber dann ausgetreten wegen der großen Koalition, seit 1971 Professor am OSI und, wie vielen bekannt sein dürfte, der erste, der mit einem anderen Professor, nämlich mit Peter Grottian ein Drittel seiner Professur zur Verfügung gestellt hatte, um damit eine Professur für Frauenforschung einzurichten, die noch existiert. z.Zt. beurlaubt.

Wir werden es so machen, daß zunächst Wolf-Dieter Narr seine Thesen vorträgt. Eine Abrechnung oder harte Kritik mit der Hochschulreform aus heutiger Sicht, daß anschließend dann Wolfgang Nitsch noch einmal aus der heutigen Sicht die SDS-Denkschrift und was aus ihr geworden ist, kurz aufzeigt. Gleichzeitig mit dem Blick darauf, was ist an Idee der damaligen Denkschrift geblieben, was ist heute noch aktuell. Welche Träger kommen dafür in Frage usw.

Dann in der zweiten Runde evtl., wenn es nicht schon geschehen ist bis dahin und unter Mitdiskussion des Publikums selbstverständlich, die Frage, was ist mit der heutigen Universität zu machen, ist sie reformfähig oder kann man an der Hochschule vorbei etwas anderes machen oder was auch immer. Um das Spektrum, in dem damals die Hochschulreformdiskussion und dann auch anschließend die Hochschulreform stattfand, ein wenig abzustecken, will ich am Anfang drei kleine Zitate hier vorbringen. Das erste ist aus dem Jahre 1938 und stammt von dem Gauleiter Julius Streicher, und zwar aus einer Rede vor der versammelten Berliner Universität, also alle von Professoren bis Studenten und Angestellten waren angetreten, und er sagte dort u.a.: "Wenn man die Gehirne sämtlicher Universitätsprofessoren in die eine Waagschale legte und das Gehirn des Führers in die andere, welche Waagschale, glauben Sie, wird sich senken." Es regte sich kein Widerstand damals, kein Einspruch.

Das zweite Zitat 1948. Es stammt aus dem blauen Gutachten, also aus dem Gutachten zur Hochschulreform vor dem Studienausschuß für Hochschulreform. Es lautet: "Gegen die zu weit gehende Unzufriedenheit mit der Hochschule ist zu sagen, daß die Hochschulen Träger einer alten und im Kern gesunden Tradition sind. Jede Institution, die eine solche Tradition verkörpert, bedarf der ständigen Reform. Wer aber statt einer Reform ein völlig neues Gebilde schaffen will, wird im allgemeinen nur den Lebenskeim abtöten." Das letzte Zitat aus der Resolution verabschiedet von der versammelten Studentenschaft der Freien Universität Berlin, auf dem sit-in am 22./23. Juni 1966. Aus der Präambel: "Wir kämpfen nicht nur um das Recht, längere Zeit zu studieren und unsere Meinung stärker äußern zu können, das ist nur die halbe Sache. Es geht uns vielmehr darum, daß Entscheidungen, die Studenten betreffen, demokratisch nur unter Mitwirkung der Studenten getroffen werden. Was hier in Berlin vor sich geht, ist ebenso wie in der Gesellschaft ein Konflikt, dessen Zentralgegenstand weder längeres Studium noch mehr Urlaub ist, sondern der Abbau oligarchischer Herrschaft und die Verwirklichung demokratischer Freiheit in allen gesellschaftlichen Bereichen. Wir wenden uns gegen alle, die den Geist der Verfassung, gleich in welcher Art mißachten, auch wenn sie vorgeben, auf dem Boden der Verfassung zu stehen." Soweit diese Zitate. Ich bitte jetzt Wolf Dieter Narr als ersten.

Wolf-Dieter Narr: Bevor ich meine fünf thesenartigen Formulierungen loswerde, komme ich einer Bitte nach, für eine Veranstaltung heute abend zu werben. Ich komme ihr auch sehr gerne nach, da diese Veranstaltung jedenfalls interessant sein könnte, welche Qualität sie sonst hat, weiß ich nicht. Die Zeitschrift 'Leviathan' veranstaltet nämlich ein Streitgespräch zu dem Thema Politik und Psychologie, an dem vom Fachbereich 15 Helmut König und Herr Klingemann teilnehmen werden als Kontrahenten. Diese Veranstaltung findet um 20 Uhr statt in der Galerie Springfeld, Lindenstraße 39, Ecke Oranienstraße in Kreuzberg. Soviel zur Werbung.

Lönnendonker: Dann darf ich auch noch werben. Das Zitat stammt aus der Dokumentation über die Freie Universität, die hier unten beim Pförtner immer noch erhältlich ist. Sehr lesenswert.

Narr: Wer über die FU Bescheid wissen will, der muß in der Tat die Dokumentation sich ansehen.

Thesen:

1.

Liest man den Titel "Hochschule in der Demokratie" und der Veranstaltungstitel geht ja weiter, "Theorie und Praxis einer Universitätsreform" wird deutlich, daß von einer anderen Zeit die Rede ist. Und in der Tat, diese Schrift ist vor über einem Vierteljahrhundert erschienen, als 65, sie geht zurück bekanntlich auf die SDS-Denkschrift, die in den Jahren 60/61 fabriziert worden ist. Der Titel des Buches ist programmatisch für die damaligen Zeiten für die Denkschrift insgesamt. "Hochschule in der Demokratie", was zugleich übersetzbar ist als "Demokratie in der Hochschule". Wenn man so will, ist eine zentrale Forderung, die durch das ganze Buch hindurchgeht, ohne daß sie als Forderung dauernd auftaucht, trägt den Geist dieses Buches oder dieser Denkschrift aus den Anfängen der 60er Jahre. Die Forderung, was man im sozialwissenschaftlichen Deutsch die Forderung nach einem Adäquanzverhältnis nennen könnte, ich sage gleich, was ich damit meine.

Die Forderung, daß die Verhältnisse in der Hochschule den Verhältnissen, die man von einer Demokratie verlangt, angemessen, entsprechend sind und daß man nicht meinen kann, eine Gesellschaft konstituieren und organisieren zu können, in der sozusagen völlig verschiedene Organisationsprinzipien zugange sind. Diese Forderungen nach einem Adäquanzverhältnis gleichzeitig die Forderung eben nach einer Demokratie in der Hochschule, nicht nur der Hochschule in der Demokratie, die ja auch ein so oder so geartetes Kloster oder Oase oder Gefängnis oder was immer sein könnte, diese Forderung nach der Demokratie in der Hochschule ist begründet worden u.a. und sehr wichtig sehr ausführlich durch eine historisch gegenwärtige Reflexion des Wissenschaftsbegriffs. Eine mit dem Wissenschaftsbegriff sehr eng zusammenhängende Reflexion von Lehren und Lernen der Lehr-Lern-Organisation, eines Zusammenhangs, der in vielen anderen Hochschuidenkschriften nicht gleicherweise ja eingelöst wird, es gilt eigentlich bis heute.

Die Lehr-Lern-Verhältnisse gehören ja zu den stärksten sozusagen sklerotischen Strukturen, die wir in der deutschen Universität bis heute zu sehen haben. Es hat sich alles verändert, aber die Lehr-Lern-Verhältnisse bleiben wie die Hosen des Herrn von Bredow eisen bzw. krachledernd bestehen. Die dritte Forderung, die quer durch geht, ist die nach einer Wissenschaftlergemeinschaft aber nicht nach scientitic community, wie es ja heute so vielfach geschwätzig heißt, wo man im Grunde immer wieder die Wissenschaftlergemeinde rationalisierend erwähnt ohne je zu prüfen, ob es sich denn um eine Wissenschaftlergemeinschaft handelt, oder ob es sich denn um eine Gemeinschaft nämlich die berühmte community handelt oder ob es nicht doch eine ascientific-non-community sei, aber die Hochschuldenkschrift damals war vielmehr geprägt durch eine Forderung nach einer prinzipiell gleichberechtigten Teilnahme aller wesentlichen Gruppen an der Hochschule. Hier vor allem zunächst mal der Gruppierung, wenn man so will, der Lehrenden auf der einen Seite, also derjenigen, die mehr oder minder permanent an der Universität sind und der Studierenden und Lernenden auf der anderen Seite, aber in einer Weise, die diese beiden Gruppierungen nicht einfach vermischt, aber doch prinzipiell gleichschultrig im Sinne der Teilnahme, zunächst mal vor allem an der Lehr-Lern-Organisation behandelt.

Wenn nicht als Ausgangspunkt, so doch diese Hochschuldenkschrift hat wenn nicht als Ausgangspunkt der Studentenbewegung und der Hochschulreform Ende der 60er Jahre gedient, so kann sie doch als Indiz und Motiv der Universitätsreform dieser Zeit gelten, die ja den Anschein erweckte bei denjenigen, die dabei waren und das gilt ja für diejenigen, die jetzt auf dem Podium sitzen, als ob so was möglich wäre wie eine prinzipielle Veränderung der deutschen Universität, die ja darüber hinaus eine Veränderung der bundesdeutschen und Westberliner Universitäten und von daher eigentlich eine Veränderung der Gesellschaft insgesamt, denn die Studentenbewegung hat sich ja dadurch ausgezeichnet, daß sie die Universität nicht m Sinne eines Elfenbeinturms konzipiert hat oder nur eine Insel der Seligen konstruieren wollte, sondern da von dort, von der Universität aus nämlich eine Erneuerung der Gesellschaft insgesamt ausgehen sollte, so wie umgekehrt die Erneuerung der Universität angezeigt war, wenn man das Grundgesetz und seine Grundrechte vor allem ernst genommen hat oder ernst nehmen wollte, was ja während der 50er Jahre in keiner Hinsicht stattgefunden hat. Da die Bundesrepublik zunächst als eine autoritäre Staatsform mit einigen demokratischen Infixen restauriert worden ist. Die heutige Situation müßte man und muß ganz anders beschreiben, als sie seinerzeit Anfang der 60er Jahre geschehen ist.

Zum Teil wären noch viel durchschlagendere viel radikaler ansetzende Reformen notwendig, als sie in der seinerzeitigen SDS-Denkschrift in dem Buch danach formuliert worden ist. Zugleich aber wird deutlich, daß wenn man die heutige Situation im Hinblick auf ganz bestimmte demokratische oder radikal-demokratische, wie das für mich zunächst gilt, radikal-demokratische Forderungen vergleicht und wenn man radikal-demokratische Forderungen mit wissenschaftlichen nicht im Konflikt sieht, sondern in direkter Übereinstimmung auffaßt, sogleich ist der Abstand zwischen demokratischen oder Reformforderungen im eigentlichen Sinne in der Realität schier unüberbrückbar, viel überbrückbarer so scheint es jedenfalls heute der Fall zu sein, als es damals der Fall gewesen. Auch Anfang der 60er Jahre hat man nicht viele Faktoren der Reform gesehen. Wer damals studiert hat oder am Ende seines Studiums war wie ich, kann sich erinnern, wie dröge und ohne jedes Element der Reform die Universität sich dahin entwickelt hat, aus ihren Nähten platzend quantitativ, aber von keinem Reformgeist oder gar von einer reformerischen Tat beseelt oder bestimmt. Dennoch heute scheint es so zu sein, wenn ich die Spuren der Zeit richtig lese, daß zwar sachliche Reformmotive auch subjektive Reformmotive, daß alle Studenten, Studierenden und alle diejenigen, die die Lehre ernst nehmen, eine Reform wollen müßten und nach Reformen dringen müßten, daß also solche Reformmotive durchaus sachliche und individuell da sind, daß es aber an allen sozialen Reformmobilisatoren eigentlich nahezu vollkommen fehlt und es nicht sichtbar ist, wie eine Universitätsreform so oder so stattfinden könnte.

Überblickt man die heutige Universität und sieht man, verglichen mit den Reformzeiten der Endsechziger Jahre eigentlich nur noch einige mehr oder minder lebendige Ruinen, eine Parklandschaft, da war eine Parklandschaft nicht aus Reformen sondern aus Industrieanlagen, die verbunden werden mit der Universität, das was man die Technologie- und Wissenschaftsparks genannt hat, die ja alle Universitäten, vor allem die expandierenden heute, auszeichnen. Die heutige Aufgabe ist, insofern gesehen, unendlich viel schwerer. Nicht nur die Hochschule müßte zum Thema werden, das ist das Hauptthema dieser Arbeit, obwohl das eine ist eine ökonomische allgemein gesellschaftspolitische Überlegungen durchaus sehr stark in die SDS-Schriften mit eingegangen sind, sondern heute müßte viel mehr auch noch als es damals der Fall war, das Thema in der Demokratie selber zum Gegenstand der Analyse werden. Was heiß denn Demokratie in dieser Bundesrepublik heute und wo ist es denn faul, nicht im Staate Dänemark, obwohl an dieser bundesrepublikanischen Demokratie von dem was hier an Politik möglich oder nicht möglich ist.

Schwieriger ist eine Reform, obwohl sie unabdingbar nötig wäre, wie ich nachher noch mal kurz sagen werde, schwieriger ist es ja auch deswegen, weil die Wissenschaft und ihre Bedeutung auf der einen Seite noch viel klarer sind, als sie schon seinerzeit selbstverständlich gewesen sind, als ja bekanntlich die Wissenschaft die Produktivkraft Nummer I schlechthin darstellt und die internationale Konkurrenz u.a. eine internationale Konkurrenz der Wissenschaftler und der Wissenschaften miteinander ist und die entsprechenden Weltmarktanteile und ihre Gaben in den nächsten Jahren und Jahrzehnten. Wissenschaft ist also insofern in ihrer Bedeutung, hat in ihrer Bedeutung eher zugenommen, gleichzeitig aber ist Wissenschaft in ihrer Eigentümlichkeit auch als eigene soziale Einrichtung etwa vermittelt durch die Universität als eine eigene Einrichtung, die Reformen in Gang setzen könnte noch viel mehr, sozusagen, herrschaftlich, gesellschaftlich nivelliert worden. Wissenschaft und Wissenschaft treiben ist nichts anderes als das was andere Berufe in anderen Bereichen betreiben, nur etwas privilegierter, etwas herrschaftsnäher.

2.

Diskutiert man heute Hochschule und Demokratie in der Absicht des Untertitels und tut man es nicht um besonders der Vergangenheit willen, weil man sich halt nostalgisch an seine Jugendtage erinnert, wo alles so enorm knackig und munter vorangegangen ist und hat man auch nicht den Eindruck, den manche Freunde und Kollegen von mir hatten, die da die Kongresse zum Prima-Klima meinten veranstalten zu sollten vor Jahresfrist, dann ergeben sich meines Erachtens u.a. drei Fragen. Zum ersten, woran hat es gelegen, daß Theorie und Praxis vom Untertitel der heutigen Veranstaltung her gesehen, daß Theorie und Praxis der Hochschulreform etwa, daß das was heute als Reform überhaupt definiert werden könnte, fast wie defensiv verschüttet erscheint. Lag es an der Theorie und Praxis der Reform selber, etwa an dem was an der Freien Universität, um die als Beispiel zu nehmen, zwischen den Jahren 69 und 86 sich abgespielt hat, in den Jahren in denen jeweils neue Hochschulgesetze verabschiedet wurden, lag es also an diesen Reformen selber und ihrer eigenartigen Asthamtik der Kurzfristig- und Kurzsichtigkeit, daß wir heute in einer Situation sind, die jedenfalls das Wort Reform weder in der einen noch in der anderen Weise verdient, zum zweiten, welche hauptsächlichen Faktoren und Interessen haben die Hochschule in den heutigen Unzustand, wenn man wiederum von der Reformperspektive herangeht, geführt und zum dritten, hat es heute überhaupt einen Sinn, sich für Reformen einzusetzen. Reformen versteht sich, die den Namen verdienen und nicht nur das wiederholen, was in allen universitären Festreden seit hundert Jahren im lateinischen Motto gerne gemacht wird.

Man schließt normalerweise Universitätsvorträge und Schriften über Universität mit dem schönen Wort "Universitas semper reformanda", die Universität aber solle sich immer reformieren, womit man immer gleichzeitig gesagt hat, sie soll immer genauso bleiben, wie sie schon immer gewesen ist. Wie aber wäre eine solche Reform, eine die den heutigen Problemen der Universität gerecht würde, und gleich radikal-demokratisch ansetzte, wie gesagt eine radikal-demokratische Sicht, die nicht außerwissenschaftlich formuliert ist sondern die behauptet, Wissenschaft sei sinnvollerweise heute gar nicht anders betreibbar, denn von einer radikal-demokratischen Perspektive und in einer radikal-demokratischen Organisationsweise wie aber wäre eine solche Reform überhaupt sinnvoll zu konzipieren, wie könnte man für sie sich einsetzen. Ich will in den folgenden drei thesenartigen Formulierungen die drei Fragen kurz aufnehmen, überall nur ganz kurz apostrophieren im Sinne eine hoffentlich anregenden kleinen Sektfrühstücks am Nachmittag.

3.

Waren Mängel oder sind Mängel in der Konzeption der Praxis der Reform zu erkennen. Liest man die seinerzeitige zum Buch ausgeweitete Denkschrift, ist man immer erneut überrascht von der Fülle analytischer Einsichten, die heute noch Bestand haben und der Qualität der Vorschläge. Die Autoren haben sich damals nicht nur darauf beschränkt, die Universität zu analysieren und sie gesellschaftspolitisch in dem weiteren Sinne des Wortes einzuschätzen, eben als ein Institut in der Demokratie sondern sie haben gleichzeitig eine Fülle von Vorschlägen entwickelt, wie denn die Universität ihrem Modusdefizienz, ihrem Mangelzustand entgehen könne.

Um drei Beispiele kurz herauszugreifen, die ich vorhin schon apostrophiert habe, im Gegensatz zum heutigen Internationalitätsgerede ???, wo alle behaupten, ja aber die Wissenschaften müssen selbstverständlich zusammenarbeiten, wo aber dann keine habhaften Schlußfolgerungen aus dieser Einsicht gezogen werden, wurde seinerzeit mit Recht die Bürokratisierung der Universität, die Max Weber schon diagnostiziert hat vor 70 Jahren und mehr, analysiert, aufgenommen, um aufgrund des bürokratisierten Zustands der Universität entsprechende Gegenmaßnahmen vorzuschlagen, die sozusagen der Tendenz zu immer weiterer Zersplitterung der Universitäten in das was der Clark Kirk die Multiversity genannt hat, also die Multiversität, Zerfall in eine Fülle von Fächern und Fachbereiche, wie dieser Tendenz einerseits Rechnung getragen werden könnte und wie sie gleichzeitig ein Stück aufgehalten werden könnte. Gleichzeitig sind Versuche in dieser Schrift zu finden, die im Grunde das zu formulieren, was man einen reflexiven Wissenschafts- und Lehr-Lern-Begriff nennen könnte. Erneut, und dadurch zeichnet sich die Denkschritt wiederum aus und lohnt sich heute noch der Lektüre, haben die Autoren nicht nur überlegt, welche Ziele denn dafür in Frage kämen und notwendig wären sondern sich zugleich die organisatorischen Formen mit überlegt. Und wer nur was sagt und nicht wie ist in aller Regel uninteressant oder bringt jedenfalls das was in reformerischer Weise nicht zur Verwirklichung. Schließlich die Demokratisierung nicht nur als abstrakter Begriff verkündet sondern wurde etwa im Kontext von Lehren und Lernen von Studierenden einerseits, die in ihrer Spannung zu den Lehrenden andererseits begriffen worden sind, aber auch gleichzeitig, wie ich vorhin schon sagte, als gleichschultrig nicht irgendwo minderrangig akzeptiert und konzipiert worden sind, wurden Überlegungen angestellt, wie eine solche Organisation einer demokratisierten Hochschule aussehen könne, ohne daß die Demokratisierung nur ein symbolisches Schlagoberst darstellt, das mit dem realen Funktionieren der Universität nichts zu tun hat. Insofern war in einer gewissen Weise, das was später die Gruppenuniversität genannt worden, war diese Gruppenuniversität stückweise vorkonzipiert, aber allerdings nicht im Sinne dieser verseuchten sklerotischen nicht sehr funktionsfähigen Gruppenuniversität, die ohnehin nicht auf der gleichen Ebene stattgefunden hat, wie sie dann während der 70er Jahre organisiert und verwirklicht worden ist. Freilich diese Konzeption setzte, und darin liegt eine gewisse Schwäche dieser Denkschrift, setzt im Grunde den allgemeinen demokratischen Rahmen allzusehr voraus.

Über das, was sonst sozusagen sich in der Bundesrepublik getan hat oder tat, wurde zwar in dieser oder jener Weise reflektiert, aber es wurde darauf nicht eingegangen. Vor allem lassen sich im Hinblick auf eine ganze Reihe von Detailproblemen, die aber für die Universität ganz zentral sind, wenn man so will Schwächen dieser Konzeption entdecken. Sowohl was die Vorstellungen über die Karrieremuster, die ganz zentral sind für die Universität, anders kann man sozusagen das Versagen der deutschen Dozentenschaft bis heute nicht erklären, sowohl was die Karrieremuster anbetrifft, die sogenannte, greulicher Begriff, aber schier unvermeidlich, Lehrkörperstruktur wie auch die Fächerorganisation und andere Dinge mehr, sucht man in der Denkschrift nicht nach Anregungen vergebens, sie sind enthalten, aber doch nach einigermaßen klar und deutlich konzipierten auch organisatorisch durchdachten Vorschlägen vergebens. Wichtiger aber ist, daß in der nachfolgenden Diskussion, nach der SDS-Denkschrift, also Mitte der 60er Jahre und dann Ende der 60er Jahre, also während des Verlaufs der Studentenbewegung, die, wenn man so will, richtig erst 66/67 eingesetzt hat und 68 fast schon vorbei war, spätestens 69 kann man in dem Sinne von einer Studentenbewegung nicht mehr reden, wenn auch die Ausläufer noch lange zu sehen waren.

Wenn wir vor zwanzig Jahren oder von 1971, als ich an die FU kam, eine Veranstaltung von dieser Sorte gemacht hätten, hätten wir nicht nur hier oben ziemliche Kämpfe ausfechten müssen sondern wir hätten natürlich hier diesen Saal nicht nehmen können, wir hätten mindestens ins Audimax müssen und das Audimax wäre brechend voll gewesen, also selbstverständlich war der Mobilisierungsgrad immer noch sehr viel größer, trotzdem war die Studentenbewegung in dem Sinne nicht mehr zugange. Aber die Vorstudentenbewegung, wenn man so will und dann die Phase während der Studentenbewegung hat sich eigentlich dadurch ausgezeichnet, was zum Teil natürlich leicht erklärbar ist, weil keine sozial wie immer gefaßte parteilich oder gruppenspezifisch gefaßte Dynamik in dem Sinne große

Konzepte entwickeln kann, oder allenfalls hier oder dort ein Versatzstück zu entwickeln vermag, diese Studentenbewegung hat sich im Unterschied zur SDS-Denkschrift dadurch ausgezeichnet, daß eigentlich nur Versatzstücke einer Reform thematisiert worden sind, und diese Versatzstücke in Gefahr waren, verabsolutiert zu werden und dadurch eigentlich zum Teil sogar kontraproduktiv gewirkt haben. Zwar war im Unterschied zur US-amerikanischen Studentenbewegung, wo die Universität nahezu keine Rolle gespielt hat, außer Columbia und ein bißchen Berkley, aber sonst war fast durchgehend der Vietnamkrieg und der militärisch-industrielle-wissenschaftliche Komplex, der die Studenten in Amerika motiviert hat, nicht aber eigentlich die Universitätsreform im spezifischen Sinne. In der Bundesrepublik und in Westberlin war die Universitätsreform trotz Vietnam oder zusammen mit dem Vietnamkrieg und vielen anderen Notstandsgesetzen und andern Problembereichen der Gesellschaft durchaus ein Thema, aber die Themen sind sehr isoliert und wie gesagt isolierte Einsichten verabsolutierend aufgegriffen worden. Dazu gehört etwa das berühmte Schlachtwort oder Schlachtruf der "Drittelparität", en man dann später in die "Viertelparität" ausgeweitet hat. Viertelparität heißt, daß die sogenannten, greulicher Ausdruck auch, anderen Dienstkräfte, also nicht wissenschaftliches Personal, gleicherweise mitbestimmen sollen.

Die Drittelparität, die eine enorme Karriere in diesen Jahren mitgemacht hat und die im Grunde mit dafür schuldig ist, daß der berühmte Butt ??? der Freiheit der Wissenschaft merkwürdigerweise gegen die Demokratie sich entwickelt hat und sehr einflußreich geworden, insbesondere in seinem notbündlerischen Ausgang in Westberlin, aber diese Drittelparität ist im Grunde nicht mehr durchdacht worden im Kontext der Gesamtuniversität, was sie bedeutet in Forschung und Lehre im einzelnen, sie ist auch nicht organisatorisch übersetzt worden, so daß im Grunde dort, wo sie ein stückweit verwirklicht worden ist, und dazu gehört die FU Berlin, daß sie dort sogar im Grunde dazu geführt hat, daß eigentlich außer ellenlangen Sitzungen nichts gewesen ist und daß diese ellenlangen Sitzungen schließlich dazu geführt haben, daß sich einige Professionelle sozusagen ausgebildet haben, also diejenigen, die eben immer Zeit hatten, zu solchen Sitzungen zu kommen und daß die meisten andern eigentlich angeödet und auch ihre Zeit für andere Dinge benützen wollend sich abgewandt haben. Drittelparität ...??? ... isolierter Forderung, die wichtig war, die aber gerade als isolierte ein Problem geschaffen hat. Zweiter Problembereich in dieser Weise etwa die Abschaffung einer ganzen Reihe von Einrichtungen der Universität, von den Fakultäten bis zu den Vorlesungen, für deren Abschaffung immer ein gewisses Argument gegolten hat.

Die alten Fakultäten waren wirklich nicht organisationsfähig und die alten Vorlesungen - und die neuen sind es, glaube ich, leider wieder, soweit ich unterrichtet bin, waren solche Handbuch- und Standardvorlesungen, die man bei den Juristen liebt, aber auch in anderen Bereichen, bei den Medizinern, die Einführung in die Chemie aber auch in die Physik und wahrscheinlich machen es die Politologen auch schon so, sollte ich jemals... daß ein go-in oder ein go out stattfindet, aber wie auch immer, es gab eine Fülle vernünftiger Einwände gegen diese kleinen aber wichtigen Versatzstücke der Universität, wie gesagt Fakultät als die Organisation der Hochschullehrer, der Ordinarien im wesentlichen und einiger Extraordinarien mit einem vielleicht studentischen Mitglied ohne Stimmberechtigung versteht sich, wo aber jetzt nur in Berlin eine Ausnahme war, in den anderen westdeutschen Universitäten gab es so was ohnehin nicht. Gleicherweise ging das gegen die Vorlesung als Lernform, die man aufgrund ihres autoritären Charakters mit Recht disqualifiziert hat und bekämpft hat. Aber wieder... stand dahinter kein anderes organisatorisches Konzept und man hat sich dann mit neuen Begriffen wie Fachbereichen oder anderen Dingen schnell eigentlich den Wind aus den Segeln nehmen lassen oder genauso wie in der Vorlesung, in dem man statt der Vorlesung nur dröge Seminare anderthalb Stunden lang jede Woche setzt, ist sozusagen das Problem autoritärer Lehrer und schlechter Lehrer, sozusagen eines Schaschlikstudiums ohne Stange oder auch eines Studiums sozusagen im Sinne des Trimm-Dichs, wie das bei den Ökonomen, den Juristen oder den Medizinern der Fall ist, ist die Trimm-Dich-Studium oder Schaschlik-ohne-Stange des Politologen ist dieses noch nicht verbessert worden.

Es gilt für eine ganze Reihe von anderen Elementen, das gleiche gilt für eine Gruppierung, an der ich selber mich Mitorganisierung beteiligt habe, der Siegward hat das vorhin genannte, etwa die Bundesassistenten-Konferenz, die 1968 durch die Schubkraft der Studentenbewegung überhaupt zustande kam, daß sich Assistenten, die noch keine Lebenszeit-Position haben, trotzdem organisieren trauen und gegenüber den Ordinarien, von denen sie persönlich abhängig waren, sozusagen angehen trauen und versuchen trauen, überhaupt Reformkonzepte zu entwickeln, war was ganz neues, aber diese Reformkonzepte waren doch, wenn man sie heute betrachtet und wenn man sie schon damals kritisch betrachtet hat, allzu schön und reformbetulich formuliert, allzu stark nur auf einige Elemente, etwa die Lehrkörperstruktur fixiert und haben wiederum die Hochschule in der Demokratie und die Demokratie in der Hochschule insgesamt außerachtgelassen. Neben diesen konzeptionellen Kurzsichtigkeiten, die aber folgenreich waren, die Drittelparität hat sich letztlich negativ ausgewirkt im Hinblick auf die Demokratisierung der Hochschule, so wage ich zu behaupten, neben diesen konzeptionellen Kurzsichtigkeiten, isolierten Einsichten und entsprechenden verabsolutierenden Praktiken, war die Studentenbewegung und waren ihre führenden Gruppen eigentlich ausgezeichnet durch das was man eine indezente Selbstüberschätzung nennen könnte.

Sie habe gemeint sozusagen, man würde mit einigen go ins - Rudi und andere haben natürlich gewußt 5.000 Leute kriegt man hier innerhalb von fünf Minuten auf die Straße, und es gab natürlich Kraft, Power, wie man heute sagen würde, aber dieser Eindruck der Stärke hat die Studenten dazu verführt, und auch die Assistenten und manche Reformprofessoren, die es allerdings wenig gab, im Grunde nicht nur sich zu überschätzen, was die Reform selber anbetrifft, sondern ihrerseits eigentlich keine langfristige Perspektive der Reformierung der Universität und der Gesellschaft in Aussicht zu nehmen, sondern eher wiederum durch kurzfristige Aktivitäten schwindende Institutsbesetzungen oder was immer, zu meinen, man würde übermorgen die Bundesrepublik und damit natürlich auch die Universitäten reformiert haben. Insofern haben sich die Studenten oder die reformierenden Gruppen, was waren ja nicht die Studenten insgesamt, es waren auch nicht alle bei der Studentenbewegung beteiligt, es war auch nicht dauernd massenhaft wie das Lied der Lieblingsbegriff ???.... Leute vorhanden, sondern es waren auch immer wieder kleinere Gruppen, die allerdings ein großes Mobilisierungspotential hatten, aber diese Überschätzung und die Kurzsichtigkeit im Aktionismus hat dazu geführt, daß dann, als sozusagen die Gegenreform massiv aufgetreten ist und der erste sozusagen Zeuge dieser Gegenreform war natürlich der Bund der Freiheit der Wissenschaft.

Die Gegenreform kam aber auch durch ganz bestimmte bildungsökonomische und andere pseudoreformerische Einrichtungen in die Universität herein, daß man dann dieser Gegenreform sozusagen zwar nicht aufgesessen ist, aber im Grunde sofort resigniert hat. Die K-Gruppen sind ja .... und die berühmten kommunistischen Kaderparteien der Endsechziger/Anfang der Siebziger Jahre sind ja auch zum Teil nichts anderes als ein Ausdruck einer vorzeitigen Resignation, wo man dann sozusagen von einer Massenbewegung zur Avantgarde sich umformuliert und meint, über die Avantgarde möglichst der Arbeiterklasse, die man zu vertreten behauptete, die Reform der Gesellschaft durchsetzen zu wollen. Auch die RAF hat in dieser Ungeduld ein Stück ihrer Ursache und die RAF, wie immer man sie später beurteilen mag, hat zweifellos ihren Urgrund in dem Gesamtkontext der Studentenbewegungen des damaligen Aufbruchs, daran ist gar keine Frage.

4.

Heutige Unzustände und seine Faktoren. Ich eile etwas, damit ich nicht zuviel der Zeit wegnehme. Der Ausbau der Universität ist von den anderen Kräften, den Sozialdemokraten, den Bildungskraten und wenn es auch immer gab, den Pichts und den Darendorfs und Tuttiquanti, die seinerzeit ja sozusagen des Bücherschreibens und der Propaganda nicht müde wurden, Bildung ist Bürgerrecht, sollen doch die Leute mal heut auch vertreten und betreiben.

Die Universität wurde von diesen, wenn man so will, herrschenden Ideologen und Kräften im Prinzip ausgebaut, um möglichst schnell den Arbeitsmarkt qualitativ auszuweiten. Es war ja das berühmte Schlagwort der Bildungskatastrophe von Picht Anfang der Sechziger Jahre, war nicht im Grunde der demokratische Imbitus, war nicht die Überlegung, daß man eine andere Wissenschaft brauche, eine Wissenschaft, die den gesellschaftlichen Problemen angemessener sei, die auch demokratieangemessener sei, die möglicherweise schon, damals fing die Diskussion an, ökologischen Problemen, militärischen Problemen, also Friedensproblemen, in anderer Weise korrespondiere, sondern das zentrale Motiv war ein bildungsökonomisches Motiv. Die Annahme, die Bundesrepublik ist nicht mehr konkurrenzfähig, im verspäteten Sputnikschock, ... gewiß nicht mehr konkurrenzfähig, wenn sie nicht genügend graduierte Ingenieure und andere gut ausgebildete Personen auf den Arbeitsmarkt "schüttet" und so hat man von dieser Perspektive aus die Universitäten primär ausgebaut, nicht in dem Sinne umgebaut.

Ein klassisches Beispiel dieses Ausbaus bis in die wunderschöne Architektur ist die Universität Bochum, mit ihrem ersten Rektor Kurt Jörg Biedenkopf. Dieser Ausbau erfolgte gleichzeitig ohne jede Überlegung, obwohl der Arbeitsmarkt das große Motiv war, wie denn die Verbindung von Universität zu Arbeitsmarkt zu schaffen wäre. Den Arbeitsmarkt hat man sozusagen als unabhängige Variable, als unabhängige Größe akzeptiert, weswegen es sozusagen dann nicht überraschend wurde, daß plötzlich die Universität "qualifizierte Leute" produzierte, die auf dem Arbeitsmarkt so nicht untergekommen sind, sondern daß es vornherein eigentlich eine Auseinanderentwicklung gab, aber der Arbeitsmarkt da natürlich privatkapitalistisch u.a. mit primär definiert ist, war sozusagen eine Tabuzone, die man bildungspolitisch nicht reflektiert hat. Der große Mangel, auch ????... Mangel der gesamten Bildungsökonomie, die ja wie gesagt, seinerzeit eine ganz große Rolle gespielt hat.

Der Ausbau geschah gleichzeitig ohne | jede Gesamtkonzeption, obwohl das Planungsgerede damals landauf-landab erhallte, ohne die Überlegung, wie muß denn ein Bildungssystem aussehen, wo man nicht sozusagen die Schule reformiert oder sogar die Vorschule, die Schule und dann die Universität und dann den Erwachsenenbildungssektor oder auch den Arbeitsmarktsektor, sondern wo diese verschiedenen Elemente des Bildungssystems zusammen gesehen werden, wo man auch endlich anfängt, was längst überzählig wäre, die Universität nicht dadurch aufhören zu lassen, daß man sozusagen mit 25 von der Universität abgeht und als Diplomant oder Doktorand oder was immer in irgendeinen Beruf hineinschlüpft, sondern daß man im Grunde ein Bildungssystem konzipiert, das mit der Gesellschaft und ihren Bedürfnissen und es heißt ja auch fortlaufendem Lernen einigermaßen korrespondiert. Durch diesen mit Scheuklappen versehenen Ausbau, ohne organisatorische Bedenken, kam das zustande, wo wir heute leben. Eine innerlich und äußerlich bürokratisierte Universität, die man sich eigentlich schlimmer überhaupt nicht mehr vorstellen kann. Fast nicht mehr, es gibt immer noch schlimmere.

Es heißt die Universität, glaube ich, die FU Berlin, die ja 50.000 Leute und mehr umfaßt, ist sozusagen von ihrer Verwaltung her durchbürokratisiert, ohne daß sie selber viel zu sagen hat, denn neben der Universitätsverwaltung ist, wie sie wissen, gleichzeitig in der Brettschneider Straße eine riesig expandierte Kulturverwaltung entstanden, die gleichsam in jedes Komma hineinregiert, das ihr nicht paßt, wenn es von der FU oder TU falsch gesetzt zu sein scheint. Die Grammatik dessen, was an der Universität heute passiert, wird nicht mitdefiniert und bestimmt von den Universitäten, sondern primär seit dem Hochschulgesetz von 86 vollends primär hier in Berlin von der Brettschneider Straße oder eben von allen entsprechend anderen Kulturministerien. Dem entspricht dieser inneren und äußeren Bürokratisierung, die die einzige Klammer sozusagen der Universität darstellen, daß der Zerfall der Fächer immer weiter gegangen ist und sich verstärkt hat und überhaupt nicht zu sehen ist, wie sozusagen der Zerfall der Fächer irgendwo eine Grenze finden soll, abgesehen davon, daß das Inter....??...gerede von einigen Philosophen und anderen Herren und manchen Damen noch zunimmt, aber eben als Gerede ohne Konsequenz. Weitere Folge dieser inneren und äußeren Bürokratisierung einer mangelnden Bildungskonzeption in jeder Hinsicht, ist das was man die innere und äußere Privatisierung der Universität nennen kann.

Daß einerseits wir, wenn ich das so sagen darf emphatisch, aber ich meine es nicht ganz so, wir Hochschullehrer können tun und lassen, was wir wollen und wir machen und kleines Forschungsprojektchen hier und dort, in dieser oder ner Weise, privatisieren also die Forschung an der Universität vollkommen, wenn auch in der Korrespondenz zu dieser oder jener Forschungsförderungseinrichtung, aber auch dieser Kontakt ist im Grunde ein quasi privater. Er findet nicht durch eine öffentliche Diskussion statt und gleicherweise ragt die Privatisierung in die Universität hinein, obwohl die Technischen Universitäten, die Ende des letzten Jahrhunderts gegründet worden sind, selbstverständlich gegründet worden sind vom Staat, um Techniken für die damalige Industrie zu produzieren, war doch die Vollendung der Universität von außen nie so stark gewesen, wie sie in den letzten 10-15 Jahren geworden ist, wo es sozusagen eine geradezu hemmungslose Form der joint ventures von Universität und Industrie gibt, manche sind sichtbar, wie das Gentechnische Zentrum hier an der FU zusammen mit dem Schering-Konzern abgesegnet von der Stadt Berlin. Manche sind untergründig oder wiederum doppelt privat, weil ein sich privatisierend begeben der Lebenszeitbeamter Hoheitsträger nämlich Ordinarius sich eine ganze bestimmte Forschung mit einer privaten Industrie in dieser oder jener Weise ausmacht.

Die Lehr-Lernformen, das habe ich vorhin positiv an diesem Gutachten hervorgehoben, das kann man gar nicht genug unterstreichen, sind in geradezu idiotisierener Art und Weise gleichgeblieben. Obwohl sich die Universität radikal geändert hat in vielen Punkten, durch Zusammensetzung von Frauen und Männern, auch ein Stückchen gottseidank in der sozialen Rekrutierung sind mehr "Arbeiterkinder" oder "Bauernkinder", wenn es die noch als Professionen gibt, an der Universität. Die soziale Mischung ist stärker. Auch die Bürgersöhne sind heute gleicherweise nicht mehr Bürgersöhne, wie das vor 30 Jahren oder gar vor 60 oder 70 Jahren der Fall war, obwohl sich vieles geändert hat, obwohl nun eine Hochschule in der Demokratie mindestens zu konzipieren wäre, sind die Lehr- und Lernformen in einer Weise sklerotisch gleichgeblieben, daß es einen nicht verwundern muß, daß nach wie vor das wissenschaftliche Studium vor allem der Habituseinbildung, also ganz bestimmten Verhaltensausbildungen des Juristen oder der Juristin, des Mediziners und der Mediziner, denen aber nicht einer Form einer Ausbildung einer Medizinerin oder Mediziner, die in der Tat den Gesundheitsproblemen der Gegenwart einigermaßen gerecht werden würden.

Das Medizinstudium, so wie es gegenwärtig besteht, ist schlechthin nicht akzeptabel, weder unter einem gesundheitspolitischen noch unter einem demokratischen Gesichtspunkt. Aber dieses hier nur als Illustration. Selbst in den uralten Universitätsbereichen lassen sich geradezu katastrophale Entwicklungen während der Siebziger und Achtziger Jahre feststellen. Ich will wiederum diesen Ungeheuerausdruck, der aber, aber was wichtig ist bezeichnet, aufnehmen und von der Lehrkörperstruktur reden. Seit etwa Mitte der Siebziger Jahre findet so etwas statt, wie sie dann die fortlaufende Beseitigung dessen, was man Mittelbau genannt hat, also u.a. auch Assistenten der Durchgangsberufe. Es sind immer mehr Lebenszeitbeamte geworden. Auf der einen Seite die Studenten und dazwischen findet nahezu nichts statt, was dazu führt, da wir alle schon viel zu alt sind und daß viel zu wenig Herausforderung von unten nachkommt, was aber sozusagen unter kognitiv wissenschaftlicher Perspektive geradezu katastrophal ist, wenn man gute Leute von der Universitätslaufbahn abschreckt, und die Universität selber sozusagen zu so was werden läßt wie zu einem riesigen Altwasserbereich und das wissen wir alle, wie das mit dem Altwasser so ist, da bilden sich Algen und es muffelt und schimmelt. Die Universität ist ein Ort, und, um Christa Wolf zu zitieren, sie ist gekennzeichnet durch eine geradezu emphatische Gesellschaftslosigkeit, nicht durch eine gesellige Organisation ihrer Eigenart, sie entbehrt eines Wissenschafts- und Bildungsbegriffs, der den gegenwärtigen Problemen adäquat wäre, wenn man überhaupt von einem Wissenschafts- und Bildungsbegriff in mehr als pragmatischer Hinsicht überhaupt reden kann. Ich überschlage einige Punkte, weil ich sonst doch viel zu lange, ich rede jetzt schon zu lange, und komme zum fünften und letzten Punkt.

5.

Was aber folgt daraus, was wäre anzubieten, wenn man nicht die Verklärung vergangener Reformerfolge, die nicht so groß erfolgreich waren, betreiben will. Wenn man, wie ich das gerade getan habe, sich an einer großen amerikanischen Universität getummelt hat oder noch tummelt, ich gehe dorthin zurück, könnte man meinen, es gibt eigentlich doch gar keine Probleme, jedenfalls in den USA gibt es keine Probleme. Das Selbstbewußtsein der Stanford University ist kaum übertreffbar. Die Leute kommen überall unter.

Die Jobvermittlungsinstitution ist mitten auf dem Campus, da hat man gar keine Probleme und auch alle Politologen und Sozialwissenschaftler, die sonst Probleme haben, kommen irgendwie unter. Und die Universität ist ein politischer Akteur, die weiß was sie tut, die kann sogar IBM zwingen, etwa in Südafrika ein bißchen eine andere Politik zu machen, als sie es tut, weil ja die Universität eine große Wirtschaftseinrichtung ist und als private Cooperation funktioniert. Aber im Kern gibt es ganz ähnliche Probleme wie bei uns, nämlich daß vom Wissenschafts- und Bildungsbegriff ebenso wohl hergesehen, wie von entsprechenden institituionellen Formen her jede Kapazität der Universität fehlt, das Problem moderner Wissenschaften oder daß die meisten Folgen, unter denen wir heute leiden u.a. wissenschaftsmiterzeugte Folgen sind, dieses Problem auch nur in irgendeiner Weise anzugehen. Insofern ist das Thema Hochschule in der Demokratie, um den Titel noch mal zu zitieren, nach wie vor das Thema schlechthin, das allerdings unter folgenden, jetzt von mir nur noch schlagwortartig genannten Spannungen und Schwierigkeiten lebt. Wie läßt sich der Typus Großorganisation erhalten, wenn man nicht plötzlich in betuliche kleine 1.500 Leute umfassende Universitäten zurück kann in der Regel. Wie läßt sich der Typus der Großorganisation erhalten, der auch seine Vorzüge hat, ohne dem bürokratischen Besitz zu verfallen, dem die Universität heute verfallen ist. Wie läßt sich die wissenschaftliche Hypodynamik, zweite Frage, die eine Spannung ausdrückt, als solche jedenfalls nicht regressiv überwinden. Die wissenschaftliche Dynamik, die im Grunde im Sinne von immer weiterer Spezialisierung ist.

Und wie läßt sich aber gleichzeitig garantieren, daß es sozusagen Querstreben gibt, daß es ... ist, also die Zusammensicht, die Reflexion auf die wechselseitigen Folgen und Bedingungen von Wissenschaft stattfindet und daß eine solche Reflexion auf Folgen und Bedingungen von Wissenschaft, auf das Politikum von Wissenschaft, das in jeder Phase der Wissenschaft steckt, daß dieses sowohl im Wissenschaftsbegriff zum Ausdruck kommt, den man nicht mehr als kartesianischen fassen kann, wie er heute noch durchgehend dominiert und in der Methodenwahl selber. Sie alle wissen ja, daß in der Methodologie eines Fachs sich in seinen Ergebnissen das Politikum eines Fachs liegt, die Methodik zählt, insofern zählt auch die wissenschaftliche Methode. Wie läßt sich eine Ausbildung leisten, die einerseits in der Tat spezifische Qualifikationen erbringt. Man kann nicht plötzlich sozusagen Medizinerinnen und Medizinern mit gleicherweise politologischen, soziologischen und psychologischen und anderen Elementen versehen, das ist einfach nicht möglich, es sind Grenzen der Bildbarkeit in der Zeit gegeben, aber wie läßt sich sozusagen die spezifische Qualifikation verwirklichen, an der man festhalten muß, ohne plötzlich regressiv werden zu wollen, aber gleichzeitig ein Maß, um einen alten Begriff aufzunehmen, der Allgemeinbildung herzustellen, der unabdingbar ist, wenn man in dieser Gesellschaft auch nur als, in dieser repräsentativen Demokratie auch nur einigermaßen vernünftig wählen können will. Die Informationsgesellschaft, von der so oft die Rede ist, führt ja dazu, daß die Leute immer blöder werden, nicht da sie sozusagen und immer mehr verbildert werden in einer spezifischen Weise, nicht daß die Intelligenz im Sinne der Einsichtsfähigkeit zunimmt. Wie läßt sich, vierte Frage, Wissenschaft demokratisieren und in eins der Wissenschaftsbegriff und zugleich, wie läßt sich vermeiden, daß diese Demokratisierung der Wissenschaft zu dem führt, was ich früher einmal die Gesäßschwielen der Universität genannt habe, man sitzt und sitzt und sitzt und sitzt, ohne daß man sinnvollerweise was entscheidet. Auch die Gropenau-...??? Universität war in der Hinsicht, abgesehen davon sie nicht das Ziel der Reformbewegung gewesen ist, keine sinnvolle Einrichtung.

Die entscheidende Aufgabe, wenn man diesen fünf Fragen gerecht werden will, die entscheidende Aufgabe besteht darin, institutionell prozedurale, also im weiteren Sinne des Wortes organisatorische Bedingungen in Ausbildung und Forschung zu erreichen, die beide zusammen zu sehen sind, um das zu verwirklichen, was der konservative Philosoph Hans Johannes Jüngst das Prinzip der Verantwortung genannt hat. Das Prinzip der Verantwortung, das ja für die Wissenschaft selber gilt. Warum und zu welchem Ende betreibe ich Chemie in dieser oder jener Hinsicht. Warum und zu welchem Ende betreibe ich Physik in dieser oder jener Hinsicht. Warum und zu welchem Ende betreibe ich X oder Y in dieser Hinsicht. Und wie ist es möglich, daß ich ganz bestimmte Forschungsprojekte betreibe, ohne daß ich Gelder von X oder Y einwerbe und damit mich abhängig mache. Meine Wissenschaft von vornherein, wie man so schön sagt, finalisiere, nämlich zweckbestimmend.

Wie ist es möglich aber umgekehrt, daß ich nicht so tue als ob, das was mit den Folgen der Wissenschaft geschieht, da habe ich natürlich als Grundlagenforscher allein der Neugier und der Wahrheit verpflichtet, überhaupt nichts mit zu tun, was ohnehin eine Selbstbelügerei ist, seitdem es Wissenschaft gab, aber wie auch immer. Wie kann ich sozusagen, werde ich für die Folgen nicht nur individuell sondern fachspezifisch verantwortlich. Diese Frage, wie man institutionell nicht individualisierend, daß Herr Schmidt oder Herr Müller oder Herr Narr plötzlich verantwortlich werden und moralisch große Persönlichkeiten sind, ist ohnehin Unsinn, sondern wie kann man die Institution so schaffen, daß in der Regel diese Reflexion auf Voraussetzung und Folgen der Wissenschaft stattfindet. Daß Methodologie plötzlich als soziale Methodologie erkenntlich wird und daß man entsprechend institutionell verfährt. Schon die enge Technologieverbindung der Wissenschaft würde eine solche neue Konzipierung unabdingbar machen, da man ja Wissenschaft und Grundlagenforschung von Technologie heute nicht mehr trennen kann und es ja nicht umsonst so ist, daß es einige Wissenschaftler gibt, die heute schon wunderbare Unternehmer sind. Deswegen käme es darauf an, in der Tat die Wissenschaft oder die Universität als neue Assoziation, sie ist ein ungeselliger Ort, um es noch mal zu wiederholen, zu schaffen, demokratisierend, und zwar im Sinne einer neuen Autonomie, abgekoppelt vom Abgeordnetenhaus und anderen kleinbürgerlichen Einrichten, aber so, daß es intern so demokratisierend zugeht, daß in der Tat die Adäquanz zur anderen Demokratie, wenn die denn bestehen sollte, vorhanden ist. Ich schließe mit einem Satz: Als 1961 dieses Ding erschienen ist, war es, wie gesagt, an der deutschen Universität grau in grau, von Reformen nichts zu riechen, nichts ZU spüren, überhaupt nichts, war nur klar, sie platzte aus den Nähten, aber sonst war wirklich nichts da.

Wir haben uns als Kommilitonen, Kommilitoninnen gab's weniger, wie haben uns sowieso untereinander gesiezt, wir haben uns entsprechend gekleidet, Sandalenträger wie ich sind ohnehin negativ aufgefallen, es war also nicht sehr witzig. Die ersten Bundeswehrleute sind gekommen, haben entsprechend argumentiert usw. usf. Es war in dieser Spätphase der Adenauer-Zeit, es war der kalte Krieg noch ziemlich dick, also es wirklich überhaupt nicht witzig. Reformen waren nicht im Wege. Heute ist die Situation, glaube ich, schlimmer. Einerseits besser. Es geht viel in einer gewissen Weise besser und auch die Universitätsreform hat immer noch Auswirkung bis hin zur Art wie wir uns kleiden, wunderbarerweise, aber in vielerlei Hinsicht ist die Universitätsreform sehr viel unwahrscheinlicher als damals, das kann ich nicht mehr darlegen, warum. Trotzdem gibt es ja eine gewisse Hoffnung, daß man Reformen und Reformchancen offenbar so wenig voraussehen kann, und daß es gerade deswegen sinnvoll ist, in dürftiger Zeit, wenn die Wüste zu wachsen scheint, trotzdem Oasen zu denken. Dann kommen vielleicht die Oasen wieder.

Lönnendonker: Vielen Dank, Wolf Dieter Narr. Ohne große Zwischenrede gleich weiter an Wolfgang Nitsch und dann habe ich eine Wortmeldung von einer sogenannten Anderen Dienstkraft, Frau Halle wird danach etwas sagen.

Wolfgang Nitsch: Also ich muß sagen, ich habe eigentlich gar keine Lust, in der gleichen Weise so einen Rundumschlag zu machen über die Hochschulreform im allgemeinen und die Universität als ewige Einrichtung oder Oase...Als ich Dich die ganze Zeit reden hörte, Wolf Dieter, da hatte ich so ein unheimliches Gefühl. Ich stelle mir vor, wir saßen damals mit so ganz kleinen Cliquen im Sozialistischen Deutschen Studentenbund in Berlin herum und überlegten, wie können wir unsere schwache totale Außenseiterposition an dieser nachfaschistischen Hochschule stärken, wie können wir andere Genossen rekrutieren, die sich wie wir mir einer linken Arbeiterbewegungstradition und -programmatik identifizieren, da haben wir uns manchmal überlegt, an wen wenden wir uns überhaupt. Sollten wir nur für uns selbst schreiben oder für die alten Genossen, die schon recht krank oder in ihrer Gesundheit ruiniert durch die Nazizeit irgendwo in Westberlin saßen und unsere Lehrmeister waren. Da haben wir gesagt, nein, wir müssen für die progressiven bürgerlichen liberalen Menschen schreiben, die muß es doch geben. Sie melden sich nicht zu Wort, sie sagen also wenig, also müssen wir, da man uns ja sonst nicht versteht als Marxisten oder Sozialisten, wir müssen so tun, als wären wir progressive bürgerliche idealistische Menschen, die formulieren keine Programme mehr. Das haben sie zuletzt 1848 versucht und ein gewisser Karl Marx hat auch die Utopie und die Absurdität dieser idealistischen kleinbürgerlichen Programme auch zur Universitätserneuerung 1848 beißend wie Bruno Bauer und andere Linkshegelianer damals schon kritisiert. Aber steilen wir uns doch mal vor, es gäbe diese progressiven bürgerlichen Menschen noch, sie ergreifen nicht das Wort, dann müssen wir das an ihrer Stelle tun. Dann müssen wir das liberale nichtfaschistische bürgerliche Deutschland inszenieren an der Hochschule. In Inszenierungen hatten wir ja einiges gelernt.

Ich habe als kleines Kind schon in Westberlin unsere Kinderspiele an der Sektorengrenze die hießen "Stumm gegen Markgraf". Stumm war der Polizeipräsident Westberlins, Markgraf war der Polizeipräsident Ostberlins - wir inszenierten verschiedene Formen von Polizei, die sich gegeneinander bekämpfen. Oder RIAS-Schulfunk-Parlament, was war das für eine absurde Veranstaltung in gewisser Weise. Man hat uns Schülern in der Grundschule, damals hieß es ja noch Volksschule, einen sehr perfektionistisches Selbstverwaltungsmodell gestattet. Unsere jungen idealistischen Lehrer, durch die amerikanischen, wahrscheinlich emigrierten, vielleicht jüdischen Erziehungsoffiziere angeleitet, haben uns das vorgemacht. Man hat uns als Schülervertreter des Arbeiterbezirks Neukölln in ein Landschulheim gesetzt, wo wir unsere Wochenendtagung machen, um uns in dieser Art von Sandkastenspieldemokratie zu üben, und das habe ich erst vor einigen Jahren erfahren, das war die Wannseevilla und genau der gleiche Tisch, an dem die Endlösung beschlossen war, weißt Du? Und wenn Du das als zwei Teile der Realität siehst, dann kann man nicht mehr in dieser Weise über deutsche Universität reden.

Und ich hatte das unheimliche Gefühl, nimm mir das bitte nicht übel, aber Du redest heute wie einer dieser fiktiven progressiven bürgerlichen Menschen, an die wir uns meinten damals wenden zu können. Du weißt ja selbst, daß das auch nicht die ganze Realität ist, sondern Du hast ja selbst in Tübingen, das hast Du mir auch vorhin erzählt, diese Ausstellung mit aufgebaut, "Ungesühnte Nazijustiz" in den Fünfziger Jahren. War das nicht eigentlich ein viel zentralerer Kern unseres Engagements, als perfekte umfassende Lösungen für die Lehr-Lern-Prozesse, für die bildungsökonomischen Probleme, für die Koordinierungsprobleme von Fachwissenschaften für Interdisziplinarität usw. usw. zu finden. Das hat uns doch, ehrlich gesagt, nicht so zentral interessiert. Heute als Professoren muß es uns wohl interessieren und insofern hat auch Dein Beitrag einen Sinn und halte solche Beiträge auf Hochschuldidaktikkongressen... habe ich auch Dutzende gehalten, weißt Du. Aber ich habe das Thema dieser Veranstaltung so verstanden, was ist das Verhältnis der linken Studenten und 68er-Bewegung zur Hochschulreform oder zur Hochschule gewesen. Da will ich vielleicht mal mit einer anderen Bemerkung oder abwegigen Bemerkung anfangen. Als wir damals, auch 1960, uns versuchten uns in solchen Arbeitskreisen zusammenzusetzen und beratschlagt haben, hat es denn Sinn überhaupt, wir hätten es beinahe nicht gemacht. Wir haben uns sehr zwingen müssen, das zu tun. Hat es überhaupt Sinn, eine solche allgemeine Hochschulreformdenkschrift zu machen, in der wir so tun, als gäbe es eine funktionierende bürgerliche Demokratie, die ihre Hochschulen reformieren will. Das wollte die niemand, das wollte fast außer uns niemand.

Wir haben also ein Theaterstück inszeniert, das hieß bürgerlich-radikaldemokratische deutsche Universitätsreform. Und wir sind für dieses Theaterstück sicherlich haftbar zu machen und verantwortlich. Wir haben das mit in die Welt gesetzt. Aber kurz bevor dieses Theaterstück begann, hat ein kluger älterer Kommilitone, Klaus Erler, der damalige studentische Sprecher der philosophischen Fakultät, der immer in der Fakultätssitzung sehr geduldig dasaß und sich auch die alten Nazis zum Teil anhörte, und den Tee servieren mußte, der hat zu uns gesagt, ja wieso, er war eben nicht SDS-Genosse, wieso ist das denn überhaupt selbstverständlich, daß es die Universität geben muß. Nach allem, wie ja das Streicher-Zitat, wieso setzt ihr euch hin und macht eine Denkschrift zur Reform der deutschen Universität, auch der deutschen Universität. Das ist doch absolut nicht selbstverständlich. Sollten wir nicht eine Nachdenkschrift machen zur Überwindung der deutschen Universität. Zur Abschaffung der Universität. Wieso paßt eigentlich eine Universität oder auch noch des deutschen Typs. die deutsche Idee der Universität, überhaupt in irgendeine Form auch nur von radikaldemokratischer bürgerlicher Demokratie. Da paßt sie nämlich nicht rein. Und das wird auch nicht besser dadurch, daß man sagt, wir bringen halt ein bißchen demokratischen Wind in die Universität. Sondern die Universitätslandschaft ist ein total zerfurchtes von auch gegensätzlichen sozialen und ökonomischen und ideologischen Interessen und Kämpfen zerfurchtes Feld, ein Kampffeld, ein brutales Kampffeld auch. In dem soziale Selektion stattfindet. In Selektion haben wir in Deutschland ja auch besondere Leistungen vorzuweisen, bis zur Rampe von Auschwitz. Selektion findet da statt und nicht Demokratie.

Aber warum tut ihr so, als wäre es möglich, diese Universität zu demokratisieren. Da haben wir gesagt, ja, du mußt geduldig sein, die Arbeiterbewegung braucht einen langen Atem. Wir haben verloren, wir sind am Tiefpunkt angelangt, die Kader der Arbeiterbewegung sind zerstört, aber in einigen Jahrzehnten wird's wahrscheinlich wieder vorangehen. Wir müssen langsam Boden gewinnen, wir brauchen Bündnispartner, wir dürfen die Geduld mit diesen jungen deutschen Akademikern nicht verlieren, wir müssen ihnen ein demokratisches Universitätsbild geben. Sonst wird es für uns noch lebensgefährlicher. Denn wir sahen uns in der Situation, daß der deutsche Akademiker als Typus ein weltgeschichtlich äußerst lebensgefährliches Wesen war, muß man wohl schon sagen. Nach allem was man über die Vernutzung des deutschen Akademikers, siehe Streicher-Zitat im nazistischen Imperialismus in der Vernichtung von Völkern wußte. Und ist es deshalb nicht notwendig, müssen wir uns nicht sozusagen diese Mühsal aufladen, daß wir dieses gefährliche Untier sozusagen, daß wir versuchen, das irgendwo zu zähmen, zu sagen reeducation. Vielleicht kommt aus der nächsten Generation deutscher Akademiker ein etwas zivilisierteres Wesen heraus und das kann der Arbeiterbewegung, das kann den Arbeitern vielleicht helfen.

Und deshalb müssen wir diese Mühe auf uns nehmen und müssen aus der Sicht zwar einer sozialistischen Organisation, aber beileibe nicht mit der sozialistischen Sprache und Programmatik, damit können wir den Leuten nicht kommen, wir müssen also ein radikal-liberales demokratisches Programm machen. Und nun hat diese Geschichte, die hat ja natürlich auch den Charakter einer gewissen Selbstinszenierung, das will ich selbstkritisch gleich sagen und das klingt für Sie jetzt vielleicht so, die hat natürlich auch ihre negativen Kehrseiten. Wenn man, und darauf hat Wolf Dieter Narr ja auch zurecht angesprochen, nämlich die Gefahr, die Verführung der Selbstüberschätzung. Wir haben uns sicherlich auch fälschlich in diese Isolationsattitüde hineingesteigert und haben vielleicht zu später oder später eben erkannt, daß es auch aus ganz anderen sozialen Quellen in der deutschen Nachkriegsgesellschaft andere Erneuerungen gab, Menschen, die selbständig nachgedacht haben, auch ohne aus irgendeiner sozialistischen oder Arbeiterbewegungstradition zu kommen, die aus kirchlichen Kreisen vielleicht kamen oder aus Künstlerkreisen oder sich das ganz neu erarbeitet haben durch ihre Kontakte mit der Kultur und Politik anderer bürgerlich-demokratischer Länder und Gesellschaft. Die Gefahr war also, daß wir uns verbissen haben, in eine Stellvertreterhaltung.

Wie ich ja vorhin schon erklärte, wir waren der Auffassung, wir schreiben und vertreten ein Programm, das uns beileibe nicht weit genug ging. Das aber sozusagen das Bewußtsein liberaler radikal-demokratischer, nicht mit der Arbeiterbewegung, nicht mit dem Sozialismus irgendwas zu tun haben wollen, ....??, und wir haben uns da sicherlich teilweise auch in eine Fiktion hineingesteigert, daß es dieses idealtypische republikanische Bewußtsein, eine demokratische bürgerliche Kultur bis zurück 1978 oder 1848, daß es das vielleicht nur in Spurenelementen überhaupt gab. Und daß wir an einem Mythos, auch noch an einer autoritären Stellvertreterweise weitergearbeitet haben, den man vielleicht auch viel realistischer und skeptischer betrachten mußte. Die Gefahr dabei ist eben, wie siehe jetzt Lehr- und Lernformen, was Du auch angesprochen hast, daß wir durch diese innere Verzahnung sozusagen mit unserem Feind oder Gegner, nämlich der Nazivätergeneration oder der Naziakademikerschaft, die uns ja auch als Professoren zum Teil noch gegenüber saßen, daß wir aus dieser inneren Verzahnung, diesem Beziehungsclinch mit dieser Vätergeneration heraus uns natürlich auch nur stabilisieren konnten, indem wir teilweise Haltungen, auch autoritäre Haltungen, verkrampfte, verhärtete Haltungen dieser Generation mit reproduziert haben und wenn man an die berühmten teach-ins und Kampagnen und provokativen Aktionen, die ja auch dann die Praxis der beginnenden Studentenrevolte und der studentischen Hochschulpolitik ausmachten, wenn man an die noch mal zurückdenkt, oder sich auch mal Tonbänder anhört von der Intonation, von der emotionalen Haltung der damaligen Sprecher oder Anführer, dann kommt diese Kehrseite vielleicht auch zum Ausdruck. Da war ein ganz klares hierarchisches Gefälle auch da.

Da wurde in Vorbesprechungen, wie ich es vorhin ja in Bezug auf diesen kleinen Kreis des SDS genannt habe, da wurde auch quasi doch instrumentell manipulativ über Menschen in gewisser Weise verfügt. Es wurde konstatiert, die haben nicht das richtige Bewußtsein, wir müssen ihnen das richtige Bewußtsein, was auch nicht das ganz richtige Bewußtsein ist, aber was sie eigentlich haben könnten, das müssen wir ihnen auch noch liefern. Das ist natürlich eine unheimliche Arroganz auch der Grundhaltung und das konnte auf Dauer nicht gutgehen und aus diesem Grunde, glaube ich, aus diesem politisch-psychologischen Grund der Generationenbeziehungen, in denen der Beginn der linken Studienreformwelle oder dieses Hochschulkampfes aus der Sicht der Studentenbewegung entstanden ist, ist es dann auch nicht so ganz erstaunlich, daß zum Teil die gleichen Leute, die erst angetreten waren, als mit einem antiautoritären Kampfgestus, mit der Rhetorik auch der Massenaktion, der Freisetzung von Massenselbsttätgkeit, daß die dann auch formell und organisatorisch wenige Jahre später solche paramilitärischen Kaderorganisationen meinten gründen zu müssen. Sicherlich zum teil auch aus Verzweiflung, aus Resignation, wie Du gesagt hast, zum Teil aber auch aus einem krankhaften inneren Verhalten, was sie nicht durchschaut haben. Und das hat sicherlich den Prozeß der Hochschulreform, wenn man ihn jetzt als einen der unpolitischen Verbesserungs- und Optimierungsprozeß von Lehr-Lern-Bedingungen, von Hochschuldidaktik, von Organisationsrationalität, wenn man ihn nach diesem Kriterium bemißt, hat das der Hochschulreform sehr geschadet. Aber die Frage ist, ob das nicht ein notwendiger Durchgangsprozeß, ein schmerzhafter Durchgangsprozeß gewesen ist, in dem Kampf von jüngeren Generationen der Nachkriegsgesellschaft gegen die Naziakademiker-Vätergeneration. Es kann sein, da wir gar keine andere Wahl hatten, als in dieser Haltung, in dieser auch zum Teil selbstzerstörerischen oder emanzipierte freiere entlastetere Verkehrsformen behindernden Haltung zu kämpfen.

Und darum meine ich, ich bin jetzt auf viele Einzelheiten bewußt nicht eingegangen, wie diese Hochschulreformdenkschrift entstanden ist, wie sie dann interpretiert worden ist und unterschiedliche Richtungen, wie das Verhältnis des Produzierens von solchen Programmen und Büchern und Denkschriften zu den Prinzipien und Beispielen der Hochschulpraxis des SDS gewesen ist. Da will ich nur als Stichworte nennen, daß wir ja eben nicht Denkschriften und Bücher geschrieben haben, sondern daß wir uns sehr viel Mühe gegeben haben, allerdings in diesem problematischen instrumentellen Verhältnis zu den studentischen Massen, direkte Aktionen nach dem Vorbild der Bürgerrechtsbewegung des zivilen Ungehorsams, der provokativen Regelverletzung eben, zu entwickeln und immer wieder uns überlegt haben, wie kann ein politischer sozialer Bewußtwerdungsprozeß mit diesen auch zum Teil inszenierten Kampagnen, Aktionen und Provokationen in der Studentenschaft weiterbetrieben werden. Und diese Programmatik für die gesamte Hochschule oder für bestimmte Studienreformen war nur ein Medium u.a., sollte konkret utopische Phantasie anregen, das hast Du ja zum Teil auch gesagt, daß es sozusagen in gewisser Hinsicht Stückwerk blieb und natürlich nicht so perfekt wie ein Hochschulforscher und Hochschuldidaktikerkongreß das machen könnte. Und es war also ständig ein Hin und Her zwischen dem Formulieren von weitergehenden konkret utopischen radikal-demokratischen Entwürfen und Visionen und auf der anderen Seite neuen sozialen Aktionserfahrungen, die ja in den Sechziger Jahren erst ziemlich neu waren, die auch erst nach Deutschland importiert wurden und das hatte schon etwas mit der reeducation oder der unserem Interesse an der amerikanischen oder englischen oder holländischen Gesellschaft zu tun.

Ich bin, nachdem diese Denkschrift fertig war, im Herbst 61 bin ich dann zur Campagne für Nuclear Disarmament in London gegangen und habe da studiert und habe da mitgearbeitet und habe da gelernt, wie die in den einzelnen Stadtbezirken von London mit Klappleitern auf den Wochenmärkten von Haustür und Haustür ihre Basisarbeit gemacht haben. Und ich bin da als Genosse aus Deutschland, der da mitkämpft in der deutschen Anti-Atombewegung usw. bin ich da mitgezogen. Und diese Dimension von Hochschulpraxis haben wir dann versucht, auch immer wieder zu erweitern. Wir haben dann 64, einzelne von uns in Berkley oder später in Columbia, wo also die amerikanische Studentenbewegung, die eine Solidarbewegung mit dem Kampf der Schwarzen vor allen Dingen gegen den Rassismus anfangs war und ein Kampf um politische Meinungsfreiheit am Beispiel Rassismus, später dann natürlich des Vietnamkriegs, die haben wir da kennengelernt und haben dann versucht, auch das durchaus als Rezept, als Anregung auf die FU hier zu übertragen. Es gibt durchaus noch Briefe z.B., die ich damals hierher geschrieben habe, wo ich gerade in Berkley war und gesagt habe, guckt euch das an, wie die das dort machen in der free speech movement in Berkley, sollten wir nicht ein solches Kampfkommitee hier gründen, was zivilen Ungehorsam organisiert in einer gewissen Breite hier an der Hochschule. Die Eingänge zu Vorlesungssälen blockiert, das war also damals eine total neue Idee, oder die akademischen Festfeierlichkeiten zu stören mit lustigen ironischen Aktionen.

Das war also auch eine breite Ebene der Hochschulpraxis der Hochschulpolitik der linken Studentenbewegung und nicht zu vergessen, es ging eben nur um provokative einzelne Aktionen und Eingriffe, sondern es ging auch um Basisarbeit in den Fachschaften, es hat auch damals Antang der Sechziger Mitte der Sechziger Jahre angefangen, daß linke Gruppen in den einzelnen Instituten angefangen haben, sich selbst Arbeitskreise zu organisieren, Bücher zu beschatten, die es nicht in der Bibliothek gab, auswärtige Intellektuelle einzuladen, die Abweichler waren, die keine Stelle an der Hochschule bekamen, denen Lehraufträge privat zu finanzieren und das waren dann auch zum Teil Forderungen, die die Realität eigentlich von Stücken, kleiner Stücke von Demokratisierung an der Hochschule darstellten, daß nämlich die Studenten, die irgendwo entdeckt haben in bestimmten Fächern, sei es in der Medizin oder der juristischen Fakultät, es gibt etwas an der Vergangenheit, an der braunen Vergangenheit etwas dieses Faches aufzuarbeiten, daß die das dann auch tun konnten, indem sie sich organisiert haben, Ausstellungen darüber organisiert haben, Bücher und Schriften darüber beschafft haben, irgendwoher dann auch Reisekosten beschafft haben für Referenten, um das dann selbst zu machen und nicht jetzt zu sagen, wir müssen ein Curriculum, einen Studienplan planen, wo das dann als Punkt 11,5 auch noch vorkommt. Sondern das wurde dann eben als selbstorganisierte, Studienselbsthilfe wurde das genannt, gemacht. Ich will hier aber mal abbrechen, ich habe auch genau wie Du zu lange geredet, aber ich hoffe, daß sozusagen eine ganz andere Dimension vielleicht noch dieses Verhältnisses Studentenbewegung, 68er-Bewegung und Universität hier so angeschlagen haben.

Narr: ... Tatsächlich hatten wir ja in Berlin seit 1969 eine Mitbestimmung der anderen Dienstkräfte und zwar bis am Otto-Suhr-Institut, an dem ich selber war, bis in die Berufungskommission hinein, und es war sehr spannend zu sehen, daß bevor das kaputt gemacht worden ist durch eine neue Rückwärtsreform im Jahre 1974, daß sich plötzlich also etwa die Sekretärinnen, die vorher dem Ordinarius zugeordnet waren, langsam selber eine Meinung gebildet haben und sich gemeldet haben zum Beispiel bei Fragen des Verhaltens eines zu Berufenen oder eines in dem Fall in der Regel zu Berufenden und dann ihre Argumente auch wichtig waren, weil sie nämlich stimmberechtigt waren und hätte man der Reform sozusagen eine längere Chance, damit sich auch Verhaltensweisen, die sich meistens nicht sofort entwickeln, sondern langsam stetig entwickeln können, dann hätte ich durchaus eine Hoffnung gehabt, daß sich hier Demokratisierung in diesem speziellen Fall entwickelt hätte und wie gesagt, hier in Berlin gibt es eine ganze Reihe von guten Belegen dafür.

Nur noch einen Satz zu dem was der Wolfgang Nitsch sagte, nichts zu sagen zu dem kritischen Geplänkel, was meinen ??? betrifft. Vielleicht unterscheiden wir uns obwohl wir zeitgleichaltrig sind und reformpolitisch die gleiche Ausrichtung haben, vielleicht unterscheiden wir uns darin, ich stelle das jedenfalls nicht dem Wolfgang Nitsch gegenüber, aber vielen Kollegen und Kolleginnen, die mir befreundet sind gegenüber, die ich besser aktuell kenne, immer fest, im Hinblick auf den Grat gewissermaßen der Verzweiflung über die heutige Universität. Ich finde die heutige Universitätssituation im Grunde schlimmer in gewisser Weise als sie war vor 20 oder 30 Jahren. Und da unterscheiden wir uns sicherlich, weil ich finde, daß sozusagen die Herausforderungen an die Universität, was den Einfluß der Wissenschaft auf die Gesellschaft anbetrifft und das Versagen der Universität im Hinblick auf das, was ich zum Prinzip der Verantwortung genannt habe, nehmen wir die Gentechnologie, nehmen wir die Informationstechnologie, was immer wir nehmen, die Kluft so ungeheuer groß ist, daß es in der Tat schier zum Verzweifeln ist und daß es deswegen angemessen ist und notwendig, selbst wenn es sozusagen nicht kurzfristige Erfolge zeitigt unter radikal-demokratischer Perspektive in der Tat Konzeptionen zu entwickeln und zu verallgemeinern zu versuchen.

... für mich gilt selbstverständlich nicht immer Universität. Wenn man mein Zeitbudget der letzten 15 Jahre betrachten würde, würde man feststellen, da ich viel zu viel außerhalb der Universität gemacht habe, alle möglichen Tribunale und sonstigen Aktivitäten menschenrechtlicher Art, auch sozialistischer Art, also das ist ein Unsinn.

Also wenn ich sozusagen zum Thema Universität rede und davon reden wir heute, dann rede ich in der Tat zum Thema Universität und nicht sozusagen über die allgemeinen Probleme des Spätkapitalismus. Nr. 1. Nr. 2, ich finde in der Tat der Fehler vieler Kolleginnen und Kollegen auch mancher Studentinnen und Studenten liegt nicht darin, daß sie sich für andere politische Probleme interessieren, die in vielerlei Hinsicht wichtiger sind, sondern der Fehler liegt darin, daß sie sozusagen gleichsam eine Fluchtbewegung in andere Bereiche vornehmen, aber nicht vor der eigenen Tür kehren. Hier, sozusagen, ist mein Beruf und um den kann ich mich kümmern, da könnte ich vielleicht sogar, mindestens in meinem eigenen Bereich ein Stück verändern. Aber wenn ich mich natürlich sozusagen um die große Politik allein kümmere und im eigenen Bereich nichts tun muß, dann bin ich sozusagen, dann muß ich sehr viel weniger schwitzen. Es heißt nicht, sozusagen, andere politische Faktoren zu unterschätzen oder die Universität jetzt plötzlich als Nabel der Welt zu überschätzen. Andererseits aber, das was an der Universität bei Ihnen allen, ob Sie das wissen oder nicht, ob Sie das selber realisieren oder nicht, ist zunächst mal gleichgültig, was bei Ihnen und uns allen abläuft, sofern wir an der Universität sind, wie wir durch die Universität mitgeprägt werden, auch im Hinblick auf künftiges Verhalten, da ist die Universität einfach zu wichtig, als daß man sie zu solcher Nebensache erklärt, wie es gegenwärtig der Fall ist.

Nitsch: Noch kurz dazu. In diesem Buch "Hochschule in der Demokratie", das wahrscheinlich historisch gesehen doch das falsche Buch war, würde ich jetzt im Rückblick sagen, es hätte eigentlich heißen müssen "Arbeiterbewegung, Wissenschaft und Demokratie'' vielleicht oder so, aber in diesem Buch gibt es immerhin ein Kapitel, das heißt "Hochschulreform außerhalb der Hochschule". Und das sollte sozusagen die Dialektik dieser Kräfteverhältnisse in der Gesellschaft auch ausdrücken und schildern, daß nämlich die Weichenstellungen über das, was dann in dem Feld der Hochschule in dem engeren Kraftfeld Hochschule passiert, schon weit außerhalb der Hochschule gestellt werden, nämlich in den Elternhäusern und in ihrem Zugang zu Bildungsprivilegien oder in den Gewerkschaften, die eben in den 50er und 60er Jahren ein erschreckendes Mißverhältnis oder Nichtverhältnis zu Hochschule oder höheren Schulen zwangsläufig hatten oder in selbst auch Gruppen von Akademikern in bestimmten Berufsfeldern, auf die die Hochschule hinarbeitet.

In diesen Berufsinstitutionen außerhalb der Hochschule, das ist ja für Medizin und Jurisprudenz ganz offensichtlich oder für die Kirchen oder für theologische Ausbildung, da wird eigentlich das vorgeprägt, was dann in der Erscheinungsform an den Hochschulen passiert und dann aneinander reibt und abarbeitet. insofern, glaube ich, haben wir doch den Fehler gemacht, daß wir den Rat des Kommilitonen Erler nicht ausreichend befolgt haben, mehr zu analysieren und auch Vorschläge natürlich zu entwickeln, die aber teilweise auch in dem Buch schon vorkommen, wieder in so etwas wie unabhängige, intellektuelle, kritische Denkarbeit mit vielleicht politischen Folgen, auch an anderen Orten der Gesellschaft abgesichert organisiert werden kann. Intellektuelle Arbeit ist nichts, was im stillen Kämmerlein allein geht, das muß man organisieren, dem stimme ich zu, aber man muß s nicht in einer bombastischen historisch überschätzten und aufgeladenen und total staatlich präformierten, obrigkeitsstaatlich deutsch präformierten Institution machen, sondern man hätte sich an andere westlich bürgerliche Institutionen von Intellektualität, nämlich an Clubs an freie Akademien, an open universities, wie es das ja in England gegeben hat, oder an freie Bildungszentren, alternative Bildungs- und Kulturzentren schon früher erinnern müssen und die propagieren müssen.

Die Weichenstellung, die wir verpaßt haben, war zur Zeit der kritischen Universitäten, als hier in Berlin, Hamburg und dann unter dem Stichwort politische Universität in Frankfurt, teilweise auch in Hannover mit den Institutsbesetzungen, als da ein Klima da war, wo sich sozusagen plötzlich eine Abzweigung auftat, es öffneten sich Türen, aus dieser freien Universität in ein wildes Nebengewächs sozusagen, das immerhin über drei Semester organisiert und koordiniert und interdisziplinär und alles was man haben wollte, als kritische Universität da blieb und was hätte weitergeführt werden können, wenn uns damals nicht bestimmte politisch dogmatische Denkfehler und falsche Haltung davon abgehalten hätten. Denn in dem aufkommenden Strudel dann, der Überleitung der antiautoritären superrevolutionären Bewegung in die ML oder K-Gruppen, ist natürlich diese ganze Programmatik einer freien Gegenuniversität, einer offenen Hochschule weitgehend untergegangen. Und das ist auch eine Sache, wo ich mir plötzlich manchmal auch Vorwürfe mache, daß ich damals nicht aktiver in diese Gegenrichtung gekämpft habe. Ich habe mich, solange es möglich war, bemüht, intellektuelle Einrichtungen zu retten der APO, die überfraktionell waren, weil ich auch lange Zeit dann in den USA war und von dort versucht habe, das zu unterstützen. Aber als dann diese Zerklüftung, in die sich wie Feinde bekämpfende K-Gruppen und Sekten entstand, habe ich auch resigniert, muß ich sagen. Und ich habe eben keine Ansatzpunkte mehr gefunden, um diese Hochschulreform außerhalb der Hochschule noch weitertreiben zu können.

Narr: Ja Wolfgang, was passiert denn heute, ... Was machen denn die SDS-Genossen von damals? Ich meine, in der Universität oder außerhalb der Universität, also ich meine, das ist nicht an Personen, was Dich anbetrifft, sondern generell. Also sozusagen, die Forderung steht doch heute genauso, wie man so schön sagt, im Raum und nach wie vor gilt, um das noch mal zu wiederholen, es gibt da dieses schöne Wort vom Nitsche, der ohnehin ja viele gute Worte geprägt hat, von der Fernstenliebe, die er der Nächstenliebe konfrontiert hat, weil er das nicht mehr hören konnte, aber gibt viel zu viele Leute sozusagen, die die Fernstenpolitik betreiben, die engagieren sich ungeheuer radikal, aber meistens da auch nur allenfalls, daß sie Resolutionen unterschreiben für Dinge die in Indonesien passieren, aber daß sich politisch radikal hier engagieren, wo sie selber gefordert worden sind zuwenig. Ich war sehr dafür und bin dafür, daß man in Mutlangen anderswo blockiert im Kontext der Friedensbewegung, denn das muß weitergehen, denn der ANF Trinity ist eine Sache wo sozusagen die Abrüstung plötzlich eine neue Wendung genommen hat. Zunächst mal ist da noch nicht viel passiert, nicht einer dieser Sprengköpfe ist sozusagen nicht mehr als Sprengkopf verfügbar. Insofern muß man da eine Fülle von Dingen weiterbetreiben und muß der Tat meines Erachtens im Kontext der Friedensbewegung, die ja gottseidank weil sie so lokal organisiert war, nicht gleicherweise eingegangen ist dual wie die Notstandsbewegung in den 60er Jahren.

Aber gleichzeitig als Wissenschaftler hat es keinen zureichenden Sinn nur dort in Mutlangen oder sonstwo aktiv zu werden, sondern gilt es, das eigene Fach und die Fächer von anderen Kollegen, die ganz bestimmterweise direkt oder indirekt Rüstungs- und Aggressionspotentialen zuarbeiten, zu problematisieren. Denn die Universität ist viel zu stark politisch mit drin, als daß man sie wiederum rauslassen dürfte. Insofern scheint mir wichtig, so wichtig Erinnerung ist, so wichtig das war, was der Wolfgang Nitsch sozusagen auch im Sinne der Motivation und mancher Vorzüge und Mängel Überlegungen zur 61er Denkschrift gesagt hat. Selbstverständlich ist das wichtig, die Vergangenheit genauer und genau wie möglich wahrzunehmen, aber doch im Prinzip in einer Situation wie heute dazu in der tat etwas lernt daraus und lernt daraus, daß man nicht so großmächtig und meint sogar einen großen Reformumschlag in zwei Jahren zu kriegen. Da sind wir uns ja, denke ich mir, völlig einig. Wenn ich auch der Meinung bin, man müsse eine Konzeption im Gesamten haben, ohne daß man meint, daß man sie in zwei Jahren erreicht. Aber es heißt, das notwendige hier und heute zu tun und das zunächst mal besteht es auch in ganz bestimmten Formen von entsprechend an dieser Wirklichkeit ansetzenden Reden und Diskussionen.



Quelle: 1968, Vorgeschichte und Konsequenzen, Dokumentation der Ringvorlesung vom Sommersemester 1988 an der Freien Universität Berlin. Herausgeber: Siegward Lönnendonker und Jochen Staadt




 




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