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  Geschichte   

 


Frühe Unordnung und spätes Leid - Ein Antiautoritärer aus der Provinz wird "Parteikader"

Die Vorgeschichte

Ich bin im Südwesten der BRD aufgewachsen, in einer traditionell von Landwirtschaft und Weinbau geprägten Gegend mit kleinen Städten ohne nennenswerte Industrie. Diese Städte stellen für die in ihnen tonangebenden Schichten - Rechtsanwälte, Ärzte, Beamte und einige wenige Unternehmer - eine Art Enklave dar, sie ermöglichen eine Existenzform, die vermeintlich an den Traditionen kleinstädtischen Honoratiorentums anknüpft. Man kann sich über die als bedrohlich empfundenen "Zustände" in den industriellen Ballungsgebieten der BRD solange erhaben fühlen, wie es gelingt, die von dort ausstrahlenden Einflüsse an einem eisernen Vorhang von Enge und Beschränktheit abprallen zu lassen - ob es sich um die Drogen amerikanischer Besatzungssoldaten oder die „Ideologien" Frankfurter Linksintellektueller handelt.

Wie viele meiner damaligen Mitschüler und späteren Genossen stamme auch ich aus dem Milieu dieser versiegenden kleinstädtischen Honoratiorenschicht. Als sich nach dem 2. Juni 1967 in den Universitätsstädten die antiautoritäre Bewegung herausbildete, befanden wir uns auf einer tastenden Suche nach etwas, womit man sich gegen den "Kleinstadt-Mief", die Enge und spießige Atmosphäre der Umwelt zur Wehr setzen konnte. Unsere durchaus dünkelhafte Abneigung gegen konservative Moral und Heuchelei schien uns in den frühen Degenhardt-Liedern treffend ausgedrückt zu sein. Von reaktionären Lehrern heimlich entfernte pazifistische Plakate und angedrohte Schulverweise wegen Abwesenheit beim Schulgottesdienst hatten erste Flugblätter zur Folge, in denen die Frage nach "Demokratie in der Schule" gestellt wurde. Suhrkamp-Bände und Ostermarschierer-Plaketten wurden angeschafft und sooft das Geld für die Fahrkarte reichte, fuhr man zu Demonstrationen nach Frankfurt, wo wir in den Genossen des SDS neue Bezugspersonen trafen, mit denen wir uns identifizieren konnten.

Lehrer und Eltern, die uns weismachen wollten, hier handle es sich um "eingeschleuste DDR-Agenten" oder Schlimmeres, konnten uns nicht mehr sonderlich beeindrucken. Denn wir hatten inzwischen die Erfahrung sammeln können, wie die Weigerung einer Untersekunda, ein 20strophiges Gedicht auswendigzulernen, dazu führte, daß die Eltern der vermuteten "Rädelsführer" in die Schule bestellt und darüber befragt wurden, ob ihre Söhne und Töchter "Kommunisten" seien.

Innerhalb von drei Jahren entwickelte sich in diesem Gebiet eine relativ schlagkräftige, über fünf Kleinstädte verteilte Schülerbewegung. Aktionen gegen CDU- und NPD-Veranstaltungen während des Bundestagswahlkampfes 1969 mobilisierten bis zu 300 Genossinnen und Genossen, ein halbes Dutzend größerer Versammlungen wurde gesprengt, unter anderem auch die mit dem damaligen Innenminister Benda (CDU) umherreisende "Sicherheitsgruppe Bonn" ziemlich verblüfft. In wachsendem Maße konnten wir uns neben sicheren Mehrheiten an den Gymnasien auch auf Lehrlinge, Kriegsdienstverweigerer und junge Arbeiter stützen, die während der Wahlkampf-Aktionen zu uns gestoßen waren. Deshalb bemühten wir uns, wie damals die ganze APO, zunehmend Konflikte außerhalb der Gymnasien aufzugreifen oder zu provozieren. In verschiedenen Städten des Gebietes wurden Clubs und Lokale in leerstehenden Läden eingerichtet, in denen sich die jugendlichen Outlaws der Kleinstädte trafen, also mißratene Sprößlinge der "Oberschicht" und deklassierte und teilweise kriminalisierte Teile der Arbeitejugend. Die ziemlich wacklige gemeinsame Basis war das Gefühl, eine Art negativer Elite gegenüber einer von geheuchelter Wohlanständigkeit strotzenden Umgebung darzustellen. Das in Teilen der 'neuen Linken' damals gängige Konzept der "Randgruppenarbeit" erhob dieses urwüchsig entstandene Bündnis in den Rang einer bewußt betriebenen politischen Strategie. Go-ins in Lehrerzimmer, Unterrichtsboykotte und Verweigerungshaltungen halfen uns jetzt nicht mehr, wenn wir wegen eines mit roter Farbe angemalten Kriegerdenkmals plötzlich eine kleinstädtische "Volksgemeinschaft" gegen uns hatten, Strafanzeigen abbekamen und Polizeirazzien in unseren Jugendclubs gegenüberstanden. Doch nicht nur der Druck wuchs, sondern auch die Unsicherheit darüber, für und mit wem wir eigentlich unsere politische Arbeit fortsetzen sollten. "Radikale Interessenvertretung" an den Gymnasien eröffnete eben noch keine sozialistische Perspektive, wenn unpolitische Mitschüler gegen die Linken zu opponieren begannen, weil diese das Niveau in den Gesellschaftslehre-Fächern zu hoch trieben.

Als dann auch noch der SDS zu zerfallen begann und die Fraktionierung der linken Bewegung einsetzte, verloren wir die Kontakte in den für uns erreichbaren Uni-Städten. Wir erkannten zwar in der Misere der Bewegung auch unsere eigene wieder. Der Versuch, die Positionspapiere, die aus Frankfurt, Heidelberg und Berlin in unsere Hände gelangten, auf unsere Schwierigkeiten "anzuwenden", scheiterte jedoch, weil die Auflösung und Privatisierung in unseren Schüler- und Lehrlingsgruppen einen Prozess der Meinungsbildung und Beschlußfassung nicht mehr zuließ.

Theoretische Arbeit und 'Annäherung an die Arbeiterklasse'

Nach einem Sommer, der voll mit Shit-Konsum und Reiseabenteuern gewesen war, kam ich mit 5 anderen Genossen zu dem Schluß, daß mit der bisherigen Arbeitsweise gebrochen werden müßte. Bruch und Umorientierung erschienen uns als einzige Alternative zur Fortsetzung von Lethargie und Privatisierung. Da uns die theoretischen Grundlagen fehlten, um die bisherigen Erfahrungen in gemeinsame Lernprozesse zu überführen und zu einem anderen Politikverständnis zu gelangen, zogen wir uns für mehrere Monate von aller Praxis zurück und legten eine Denkpause ein. Wir begannen uns in stundenlangen Sitzungen angestrengt und akribisch mit den kleineren Marx- und Engels-Schriften zu befassen und arbeiteten uns allmählich zur "Deutschen Ideologie" und Georg Lukács' "Geschichte und Klassenbewußtsein" voran. Mit der "eklektizistischen Theoriebildung" sollte endlich Schluß sein. Wir lasen mehr und mehr Lenin- und Luxemburg-Texte, offiziell unter dem Vorwand, mit Rosas Hilfe den Lenin auf seine Anwendbarkeit abzuklopfen, in Wahrheit jedoch bereits unter der stillschweigenden Prämisse, daß Lenin recht hatte. Allmählich begannen sich Vorstellungen von der Wissenschaftlichkeit des Marxismus-Leninismus und der Notwendigkeit rigider und hierarchischer Organisationsstrukturen zur propagandistischen Verbreitung des "wissenschaftlichen Sozialismus" festzusetzen. Bisher hatte jede ernsthafte Verschärfung der Lage unsere antiautoritären Schülergruppen in eine Krise gestürzt. Wenn einzelnen Genossen ein Schulverweis oder ein Gerichtsverfahren drohte, konnte kein Widerstand organisiert werden, weil mehrere Genossen gerade "politisch frustriert" oder "abgeschlafft" waren.

Ausgehend von diesen Erfahrungen verstanden wir unter "Leninismus" eine Organisationstheorie, mit deren Hilfe die bisherige Unverbindlichkeit überwunden werden konnte. In einer bis dahin antiautoritären Schülergruppe, die mit ihrer buntscheckigen Politik an Grenzen gestoßen war, konnten verbindliche Diskussionsformen und zuverlässige Praxis scheinbar nur unter Berufung auf einen Säulenheiligen, der Arbeiterbewegung durchgesetzt werden. Protokollschreiben und Pünktlich-sein waren nur auszuhalten in dem Gefühl, damit weltgeschichtlich bewährten Prinzipien gerecht zu werden.

Neben unserer Schulung begannen wir, uns an der Arbeit der kleinen und wenigen Gewerkschaftsjugendgruppen des Gebietes zu beteiligen, natürlich unter strenger Absetzung von all dem, was wir davor getan hatten. Die Mitarbeit in der Gewerkschaftsjugend erwies sich bald als sehr erfolgreich, denn einerseits konnten wir uns aufgrund unserer Kenntnisse und politischen Erfahrungen bald unentbehrlich machen, zum anderen waren wir nach den vorherigen Niederlagen bescheiden genug, um uns geduldig und ausdauernd in der neuen politischen Umgebung einzufühlen. Gemeinsam mit zwei rührigen sozialdemokratischen Jugendsekretären und einer Anzahl sehr aktiver Lehrlinge gelang es, innerhalb eines Jahres 14 neue Gewerkschaftsjugendgruppen aufzubauen. Die etablierte rechtssozialdemokratische Bürokratie verfolgte diese Bemühungen zwar mit Stirnrunzeln, konnte aber aufgrund der "positiven Mitgliederentwicklung" kaum etwas anderes tun, als im Apparat gewisse Fußangeln auszulegen. Nach der langen und mühseligen Suche nach einem politischen Bezugspunkt, stellte diese Entwicklung für uns ein riesiges Erfolgserlebnis dar. Unser "Bruch" mit der antiautoritären Vergangenheit schien durch die Praxis bestätigt und wir kamen uns als Intellektuelle vor, die mit ihrer alten Umgebung gebrochen hatten, um hingebungsvoll der Arbeiterklasse zu dienen.

Fraktionsarbeit für die KPD/AO

Die Ferien im Sommer 1970 hatte ich mit meiner Freundin in Berlin verbracht, wo wie immer während der Semesterferien alles ziemlich tot war. Wir hatten deshalb einfach die Kontaktnummern der drei Berliner Organisationen KB/ML, PI/Pi und KPD/AO angerufen. Wir hatten dabei eigentlich kein gezieltes Interesse, bisher kannten wir uns in der Frankfurter und Heidelberger Szene aus und wollten nun anläßlich unseres Ferienaufenthaltes mal hören, was die Berliner Genossen zu sagen wußten. Im übrigen gingen wir viel ins Schwimmbad, liefen abends in der Ku-Damm-Gegend herum oder machten regelrechte "Ausflüge" nach Kreuzberg und in den Wedding, wo wir mit großen Augen alles anguckten.

Die einzige Organisation, die überhaupt unter der angegebenen Telefonnummer zu erreichen war, war die "KPD/Aufbauorganisation", so daß wir uns nur mit zwei Mitgliedern dieser Gruppe treffen konnten. Denen berichteten wir über das Gebiet, aus dem wir stammen, unseren "Bruch mit dem Antiautoritarismus" und die daran anschließende Gewerkschafts- und Schulungsarbeit. Das Erzählte wurde sehr beifällig aufgenommen und in einer schwarzen Kladde sorgfältig notiert - was uns das Gefühl vermittelte, sehr wichtige Informationen zu geben. Anschließend sagte einer von denen einiges über die "Prinzipien und Positionen" seiner Organisation, was nur wenig über das hinausging, was uns bereits aus der "Roten Presse Korrespondenz" bekannt war. Schließlich wurde vereinbart, sich künftig gegenseitig zu informieren. Wir erklärten uns bereit, Material über unsere Gegend für die "nationale Untersuchungstätigkeit" der KPD/Aufbauorganisation bereitzustellen, im Austausch sollten wir ab sofort 5 Exemplare der "Roten Fahne" erhalten, damit wir uns über "Fortschritte und Weiterentwicklung der Linie" der KPD/AO informieren könnten.

Wir waren von diesem Gespräch recht angetan, fühlten uns von einem führenden Genossen einer Organisation, die zunehmend von sich reden machte, bestätigt. Ich schickte jetzt häufig Arbeitsmarktberichte, Gewerkschaftsmaterial u.ä. nach Berlin, in der Vorstellung, damit die wissenschaftliche Vorbereitung des bundesweiten Aufbaus einer Arbeiterpartei zu unterstützen. Außerdem beschäftigte ich mich intensiv mit dem mir zugeschickten Propaganda-Material und begann auf der dort formulierten Linie zu argumentieren. Bei meinen Genossen stieß ich damit vorerst auf Skepsis, denn einige sympathisierten mit anderen SDS-Splittern, z.B. der "Gruppe Rotes Forum", die aus dem Heidelberger SDS hervorgegangen war. Unsere Schulungssitzungen über "Leninismus ja oder nein?" verflachten jetzt vollends zur Debatte über "KPD/ AO ja oder nein". Dabei kam mir zugute, daß die Organisation in ihren Publikationen ständig den Eindruck herzustellen vermochte, als gebe es einen nationalen Aufbauplan "der Partei", der binnen zwei Jahren dazu führen müsse, daß auch in entlegenen Gebieten wie dem unsrigen die Aktivitäten in den Rahmen einer revolutionären Arbeiterpartei eingebunden werden könnten.

Die unterschiedlichen Neigungen für sich gerade entwickelnde ML-Parteien behinderten unsere Arbeit in der Gewerkschaftsjugend damals in keiner Weise, denn zwischen dem Parteigründungs-Fieber und den Aufgaben unserer neugegründeten Gewerkschaftsgruppe lagen ohnehin Welten. Für unsere Kollegen und Genossen in der Gewerkschaft, die sich nicht nur in ihrer betrieblichen Arbeit, sondern auch gegenüber der gewerkschaftlichen Bürokratie behaupten mußten, war das, was wir ihnen über die Notwendigkeit einer revolutionären Kaderpartei erzählten, für lange Zeit etwas Exotisches, von ihrer Arbeit völlig Getrenntes. Sie nahmen uns das aber auch nicht weiter übel, sondern betrachteten unsere Darlegungen zu diesem Thema fast liebevoll als die intellektuellen Eierschalen, die uns wohl noch unter den Armen klebten.

Ungeachtet aller Debatten über die "richtige Linie" hatten wir zu den damals existierenden ML-Parteien eher ein spielerisches Konsumentenverhältnis. Was an Informationen und Argumenten aus den Zeitungen verwertbar schien, machten wir uns ebenso zunutze wie bestimmte formalisierte Arbeitsweisen. Alles, was nicht als einsichtig erschien, konnten wir jederzeit ignorieren - "Was in Berlin geht, muß ja noch lange nicht in der Provinz gehen."

Dieses Verhältnis zur ML-Bewegung änderte sich, als die KPD/ AO aus Berlin einen dreiköpfigen "Untersuchungstrupp" in unser Gebiet entsandte, der die Verhältnisse "vor Ort" kennenlernen und unsere Bindung an ihre Organisation forcieren sollte. Für derartige Unternehmungen existierte in der Organisationssprache der Begriff "Untersuchungen führen und organisieren", der "marxistisch-erkenntnistheoretisch" hergeleitet wurde und darauf hinauslief, das Potential westdeutscher Gruppen in etwa einzuschätzen und diese, wo möglich, einzugemeinden.

Uns erschien der angekündigte Besuch des "Untersuchungstrupps" als bedeutungsvolles Ereignis, dem wir uns auf der vollen Höhe unserer "marxistisch-leninistischen Umgestaltung" stellen mußten. Das Treffen wurde nach außen als "Meinungsaustausch" deklariert, obwohl für alle Beteiligten unausgesprochen klar war, daß am Ende eine feste Zusammenarbeit mit der KPD/AO stehen würde. Unter den Genossen aus Berlin, die im Abstand von zwei Tagen bei uns eintrafen, waren auch zwei ZK-Mitglieder, was uns als Ausdruck besonderer Wertschätzung erschien. Erst später erfuhr ich, daß damals ohnehin mehr als ein Drittel der KPD/AO-Mitglieder gleichzeitig im ZK saß, diese typischen Wasserkopf-Merkmale konnten wir damals allerdings schwerlich überblicken.

Die Genossen betonten, daß sie gerade von längeren "Untersuchungsfahrten" aus dem Ruhrgebiet und Baden-Württemberg kämen und vermittelten uns den Eindruck, als würden gerade Dutzende solcher Trupps quer durch die BRD reisen und ein sich ständig verdichtendes Netz von Kontakten, Sympathisantengruppen und Anlaufstellen schaffen. Der "Parteiaufbau" schien ein sehr dynamischer Prozeß zu sein, jedenfalls war viel vom mühsamen Kaderleben auf der Autobahn die Rede.

Der "politische Meinungsaustausch" fand in Gestalt längerer .Gespräche in Cafés und Weinstuben sowie bei einigen "Untersuchungsfahrten" statt, bei denen neben den größeren Industrie-Betrieben auch Burgruinen, Aussichtspunkte und das Denkmal des „Jägers aus Kurpfalz" besichtigt wurden. Am Ende ihres Besuches hatten die Vertreter der KPD/AO es geschafft, die noch bestehende Skepsis auszuräumen. Die Kontakte nach Berlin waren nun nicht mehr meine Privatsache, sondern ein Bestandteil des gemeinsamen Selbstverständnisses unserer Gruppe geworden. Wir sind zweifellos der KPD/AO wie ein reifer Apfel in den Schoß gefallen - was mir später in der "Partei" als "gute Vorarbeit" hoch angerechnet wurde und meinen anfänglich guten "Draht" zu verschiedenen "führenden Genossen" der Organisation begründete.

Die wirklichen Gründe dieses raschen Übergangs lagen aber woanders. Zunächst empfanden wir es als äußerst schmeichelhaft, daß sich Vertreter einer Organisation, die anscheinend gerade dabei war, die gesamte westdeutsche Linke aufzurollen und zu vereinheitlichen, mit unseren Erfahrungen und Problemen offenbar sehr ernsthaft auseinandersetzen wollten. Weiterhin hatten wir das Bedürfnis, unsere Schwierigkeiten und Erfolge in der gewerkschaftlichen Jugendarbeit mit anderen Genossen zu bereden und in irgendwelche übergreifenden Zusammenhänge einbringen zu können. Ebenso wie andere ML-Parteien stieß die KPD/AO mit ihrem Angebot einer organisierten Zusammenarbeit und einer ständigen Beratung und Rückkoppelung in eine Marktlücke. Auch die organisatorischen Vorgaben der ML-Parteien in Form von Zeitungen, Flugblättern und Informationsheften mußten auf Provinzgruppen, die meistens ohne jegliche technische Ausrüstung dastanden, unwiderstehlich wirken. Schließlich war die Vorstellung, mit der eigenen politischen Alltagsarbeit zugleich "höheren" Zielen, nämlich dem "Zusammenschluß der Arbeiterklasse" und der "Schaffung der K.P." zu dienen ein tolles Mittel, sich über die eigene, häufig als mißlich empfundene Realität zu erheben.

Gründung einer kommunistischen Jugend-Organisation

Getreu der Absprachen mit den Kontaktpersonen der KPD/AO begannen wir nun, die Gründung einer kommunistischen Jugendorganisation vorzubereiten. Diese sollte der KPD/AO zwar politisch unterstellt sein, in praktischer und organisatorischer Hinsicht aber selbständig arbeiten. Wir begannen uns wieder nach Genossen umzusehen, da wir uns zu fünft ja nicht gut selbst zur Organisation ernennen konnten. Eine Rekrutierung in der Gewerkschaftsjugend unter offen kommunistischen Zielsetzungen war allerdings zunächst noch ziemlich heikel. Leichter war es da schon, Verbündete unter den Resten der Schülerbewegung zu finden. Da wir diesen Genossen als die Erfolgreichen gegenübertreten konnten, die sich nicht nur in der Gewerkschaft neue Betätigungsfelder erschlossen, sondern jetzt auch die KPD/AO im Rücken hatten, gelang es innerhalb weniger Monate in mehreren Kleinstädten, in denen vorher eine antiautoritäre Bewegung existiert hatte, kleine Niederlassungen zu schaffen.

Die neue Zielsetzung machte es nun auch erforderlich, Flugblätter und "nationale Aufrufe" der KPD/AO vor Betrieben zu verteilen und in der Öffentlichkeit als "Kommunist" aufzutreten. Als erstes Versuchsobjekt wählten wir uns ein ziemlich abgelegenes Drahtwerk mit 300 Belegschaftsmitgliedern. Hier bestand keine Gefahr, von allzu vielen Leuten beobachtet zu werden. Offizielle Begründung für die Auswahl dieses Drahtwerkes war dagegen, daß es zum Thyssen-Konzern gehört, der von der KPD/AO als "strategisch-wichtig" eingeschätzt wurde.

Da zu befürchten war, etliche der als Verteiler bestimmten Genossen würden verschlafen oder könnten sich drücken, trafen wir uns am Vorabend des ersten "Agit-Prop-Einsatzes" in einer Kneipe, um letzte Verhaltensmaßregeln auszugeben. Dieses Treffen zog sich bis 4 Uhr morgens hin, so daß wir gleich aus der Kneipe zum Betrieb fahren konnten. Dort versuchten wir in ziemlich besoffenem Zustand,- den verschlafenen und mürrischen Arbeitern unsere "Rote-Fahne-Sonderdrucke" in die Hand zu drücken. Für deren indifferente und kopfschüttelnde Reaktionen hatten wir eine ebenfalls recht besoffene Erklärung parat: Die Reaktionen der Arbeiter bewiesen, daß der Betrieb vermutlich seit der Weimarer Republik nicht mehr mit kommunistischer Propaganda versorgt worden sei. Man sehe daran, wie "bitter notwendig" die "Schaffung der KPD" heute sei.

Weiter führten wir sog. "Ermittlungsgespräche" durch. Man traf sich unter Wahrung von allerlei Vorsichtsmaßnahmen mit einem oder mehreren Kollegen aus einem bestimmten Betrieb und versuchte, mithilfe eines vorgefertigten Fragebogens Informationen über diesen Betrieb zu erlangen. Diese wurden in "Untersuchungsberichten" zusammengefaßt und nach Berlin geschickt. Wir hatten die Vorstellung, daß diese Berichte in Berlin von den "wissenschaftlichen Kommissionen des Zentralkomitees" bearbeitet würden, zumal derartige Berichte auch immer wieder angefordert wurden. Später konnte ich erleben, wie sie flugs in den unteren Schreibtischschubladen „führender Genossen" verschwanden.

Es gab eine ganze Menge solcher in Wahrheit völlig überflüssiger und sinnloser Verrichtungen, denen aber organisationsintern ein äußerst hoher Stellenwert zugemessen wurde. Der lag aber nicht in der Wichtigkeit dieser Verrichtungen für die praktische Arbeit als vielmehr in ihrer Bedeutung für die Bildung des "Kaderbewußtseins", also des Gefühls, Teil einer exklusiven Elite der Linken zu sein. Das Unverständnis Außenstehender für die merkwürdigen Gebräuche innerhalb der KPD/AO stellte diese nicht in Frage, sondern bestätigte geradezu das gehobene Selbstgefühl der Kader.

Dazu trug auch der Umstand bei, daß Besprechungen mit Vertretern der KPD/AO des öfteren Kurzreisen nach Berlin notwendig machten. Solche Reisen waren gelegentlich mit Auftritten auf den Berliner "Großveranstaltungen" der KPD/AO gekoppelt, was eine besondere Form der "Belohnung" darstellte. Mein erstes Schlüsselerlebnis dieser Art war eine Rede auf einer Berliner 1. Mai-Veranstaltung. Mitten in der sehr hektischen Vorbereitung für unsere eigene, von der DGB-Jugend durchgeführte Demonstration, erhielt ich einen Anruf aus Berlin, ich solle unbedingt auf der dortigen "Großveranstaltung" über unsere Arbeit in der Gewerkschaftsjugend und den Stand unserer Mai-Vorbereitungen berichten. Da ich vermutlich sehr in die örtliche Arbeit eingespannt sei, würde die .Organisation die Kosten für ein Flugticket übernehmen.

Da es am absoluten Vorrang dieses Ansinnens keinen Zweifel geben konnte, setzte ich mich ins Flugzeug nach Berlin und wurde dort von einem Genossen abgeholt. In dessen Wohnung bearbeiteten wir das von mir mitgebrachte Redemanuskript, das ich selbst bereits so abgefaßt hatte, daß die Informationen über unsere Maikampagne in die politischen Schlußfolgerungen der KPD/AO mündeten und deren Parolen bekräftigten. Zusätzlich bauten wir,was ich noch nicht gelernt hatte, in das Manuskript solche Absätze ein, die Beifallskundgebungen des Publikums zwingend hervorrufen mußten. Mit dem so überarbeiteten Redetext fuhren wir in eine Wohnung, wo der für die Durchführung der Veranstaltung gebildete "Stab" tagte. Dort saßen eine Anzahl "prominenter Genossen" herum, das Telefon klingelte, die Türen klappten, in den Ecken lagerten große Stapel von Flugblättern. Mein Manuskript wurde nochmals durchgesehen, weitere beifallsträchtige Wendungen eingebaut. Große rote Kreuze markierten die Passagen, nach denen ich kurz einhalten sollte, damit geklatscht werden konnte. Ganz beiläufig wurde ich auch zum tatsächlichen Stand unserer Mai-Vorbereitungen befragt und erhielt das Geld für das Flugticket.

Beim Betreten des für meine Begriffe riesigen, sich in einem stark verräucherten Zwielicht erstreckenden Saales hatte ich das Gefühl, kurz vor einer bedeutenden Bewährungsprobe zu stehen. Ich hatte zwar in den vergangenen Jahren häufig und routiniert auf Versammlungen mit einigen hundert Teilnehmern gesprochen, hier herrschte aber - verstärkt durch die sorgfältige Ausschmückung des Saales mit einer Unmenge von roten Transparenten und Organisationsemblemen - eine Atmosphäre von Gigantismus, strenger Regelhaftigkeit und Mummenschanz, die das Gefühl entstehen ließ, an einer höchst bedeutungsvollen Handlung mitzuwirken.

Ich war natürlich viel zu aufgeregt, um dem Verlauf der Veranstaltung zu folgen. Als ich an der Reihe war, wurde ich von einem ZK-Mitglied durch die den Podiumsaufgang fest abriegelnden Ordnerketten manövriert, versuchte, mit möglichst festen Schritten das Rednerpult zu erreichen und bekam gerade noch mit, daß ich als junger Gewerkschafter aus..." angekündigt wurde, was bereits frenetischen Beifall hervorrief. Meine Rede muß ich wohl einigermaßen "kämpferisch" vorgetragen haben, jedenfalls kam an den rot angekreuzten Stellen der vorprogrammierte Beifall. Nach Beendigung meiner Rede verließ ich mit weichen Knien das Podium und wurde von mehreren Mitgliedern des "Stabes" händeschüttelnd und schulterklopfend belobigt. Die bereitstehende KSV-Genossin, die mich zum Flughafen fahren sollte, wurde herangewinkt, wir verließen den lärmenden, ständig in Beifallsstürme ausbrechenden Saal. Knapp eine Stunde später saß ich unter schläfrigen Geschäftsleuten und Berlin-Touristen in einer Panam-Maschine Richtung Frankfurt.

Derartige Ausflüge in die "große Welt“ der Organisation wirkten auf mich, ebenso wie auf andere Genossen, die später in den "Genuß" derartiger Auftritte kamen, wie eine Droge. Sie erzeugten einen unpolitischen, rein atmosphärischen Enthusiasmus und verstärkten dadurch die Loyalität gegenüber der KPD/AO. So wurde unser Verhältnis zur Aufbauorganisation auch durch die im Sommer 1971 überraschend vollzogene Umbenennung in "KPD" nicht ernsthaft berührt. Die in einer "Programmatischen Erklärung" aufgestellte Behauptung, die KPD/Aufbauorganisation sei im Grunde von Anfang an eine Kommunistische Partei gewesen, erfüllte uns zwar mit Unbehagen. Aber die Identifikation mit dieser Organisation und die Angst um unsere eigene Identität waren bereits zu groß, um einen ernsthaften Konflikt um die Umbenennung zu führen. Spätestens hier setzte auch bei uns das ein, was bis heute viele Genossen in den ML-Gruppen veranlaßt, völlig unausgewiesene und unmotivierte Linienschwenks ihrer "Führungen" demütig und ohne unangenehme Fragen mitzumachen. Jede harte Kritik könnte das Verhältnis zur Organisation und damit die eigene Identität gefährden.

Stimmungswende in der Gewerkschaftsjugend

Für unsere Arbeit in den Gewerkschaftsjugendgruppen bedeutete unser Anschluß an die KPD/AO, daß wir uns nicht mehr einfach als normale Mitglieder und Kollegen begriffen. Wir waren jetzt eine "kommunistische Fraktion", deren Aufgabe nicht nur in Gewerkschaftsarbeit bestand, sondern in der viel wichtigeren Verbreitung der "Erkenntnis", daß der gewerkschaftliche Kampf nicht ausreicht, um die Interessen der Arbeiterklasse zum tragen zu bringen, daß vielmehr der Staatsapparat zerschlagen werden müsse und dergleichen mehr. Wir bemühten uns daher, die radikaleren und aktiveren Kollegen in unsere Aktivitäten hineinzuziehen und sie für unsere Kommunistische Jugend-Organisation zu gewinnen. Dabei kam uns sehr gelegen, daß die Gewerkschaftsbürokratie sich allmählich gegen die Ausweitung linker Jugendarbeit zu wehren begann und verschiedentlich Aktivitäten der Jugendgruppen sabotierte oder direkt verbot. Dies hatte in den Jugendgruppen schon bei der Vorbereitung auf eine Demonstration zum 1. Mai böses Blut geschaffen. Der lang angestaute Konflikt brach durch, als der, DGB-Kreisvorsitzende den Jugendgruppen die Verteilung einer Flugblattserie untersagte, in der die Novellierung des Betriebsverfassungsgesetzes durch die SPD/FDP-Regierung kritisiert wurde.

Auf einer daraufhin anberaumten DGB-internen Diskussionsveranstaltung, an der auch eine Anzahl erwachsener Kollegen, darunter mehrere linkssozialdemokratische und DKP-orientierte Betriebsräte teilnahmen, wurde dem DGB-Vorsitzenden so hart zugesetzt, daß er das Verbot der Flugblattserie rückgängig machte. Zwei Tage später kam ein erneutes Verbot der Flugblätter, diesmal vom Landesvorstand des DGB und verbunden mit der Drohung, alle Jugendgruppen des Kreises aufzulösen.

Diese Vorgänge erschütterten bei zahlreichen Lehrlingen und Jungarbeitern die fest verankerten Vorstellungen von innergewerkschaftlicher Demokratie und schufen einen fruchtbaren Boden für unsere Propaganda. So gelang es binnen weniger Wochen, große Teile der Gewerkschaftsjugend für die örtlichen ML-Zirkel zu gewinnen. Erst dadurch entstand aus den ML-Propaganda-Zirkeln so etwas wie eine regionale kommunistische Jugendorganisation, die in ihren besten Zeiten bis zu 120 Mitglieder hatte.

Auf einer Mitgliederversammlung der Kommunistischen Jugendorganisation wurde dann auf Vorschlag der "KPD" über den 5 Ortsgruppen eine "Zentrale Leitung" installiert. Eine aus Berlin angereiste "Delegation" der "KPD" legte eine Liste von 10 Genossen vor, die jene "Zentrale Leitung" bilden sollten; neben einigen „ideologisch weit fortgeschrittenen" Jungarbeitern im wesentlichen ehemalige Schüler, die nach wie vor den politischen Kern der Gruppen darstellten. Diese Mitgliederversammlung fand in einem evangelischen Jugendheim statt, das uns ein mit der DKP sympathisierender Pfarrer zur Verfügung gestellt hatte, der von seiner Kirchenleitung aufs flache Land verbannt worden war. Aufgrund seiner politischen Orientierung und einer tiefgreifenden Abneigung gegen die Politik der VR China reagierte er voller Abwehr, als er erfahren mußte, zu welchem Zweck wir uns in seinem Jugendheim versammelt hatten. Der drohende Eklat konnte allerdings von einem der angereisten "KPD"-Vertreter abgewendet werden, der seine bildungsbürgerliche musische Bildung in die Waagschale warf, indem er die Dorfkirche zu besichtigen wünschte und dort auf der Kirchen Orgel ein improvisiertes Konzert gab. Der Genosse Pfarrer war tief beeindruckt und kurzfristig bereit, mit "den Maoisten" die Friedenspfeife zu rauchen.

Nach Berlin - Kontinuität und Bruch

Ich war an der Bildung der "Zentrale" kaum noch beteiligt, denn seit ein paar Wochen hatte ich meine Zulassung zum Germanistik-Studium an der FU Berlin in der Tasche und bereitete meinen Umzug vor. Obwohl ich den vorläufigen Abschluß des Organisationsaufbaus als Erfüllung langgehegter Jugendträume betrachtete, hatte ich auch das Gefühl, meine Schuldigkeit getan zu haben. Diese Haltung löste einige Kontroversen mit der „Partei" aus. Einige Kader versuchten mich als dienstältesten Sympathisanten der Gegend zu überreden ' entweder in einer nahgelegenen Uni-Stadt zu studieren und dort für die weitere Ausbreitung der Organisation zu arbeiten oder, noch besser, ins Ruhrgebiet zu ziehen, wohin die "KPD" künftig den Schwerpunkt ihrer Arbeit verlegen wollte.

Ich war gegenüber solchen Ansinnen hart geblieben, denn ich wollte unbedingt studieren, nach den langen Jahren in der Diaspora möglichst in einer der vermeintlichen "Linken Hochburgen". Nach dem Ende meiner Schulzeit wollte ich auch nicht schon wieder irgendwelche Organisationen aufbauen, sondern neben politischer Arbeit auch Ausstellungen besuchen, ins Theater gehen und an Universitäts-Seminaren teilnehmen. Diesen Standpunkt konnte ich einem unserer "KPD"-Betreuer verständlich machen. Er erklärte sich bereit, mit dem "Kader-Verantwortlichen des ZK" in dem Sinne zu sprechen, daß ich "vorläufig" nach Berlin übersiedeln sollte, um dort, wo die "Organisationstätigkeit am weitesten fortgeschritten" sei, "im Apparat" den letzten Schliff zu erhalten.

Ich verlegte also meinen Wohnsitz nach Berlin und zog in eine Wohngemeinschaft, in der ausschließlich Mitglieder und Sympathisanten "der Partei" lebten und in der eine Kammer leer stand. In den ersten Wochen mußte ich mit den üblichen Anfangs-Schwierigkeiten kämpfen: ungenügende Ortskenntnisse, Schwierigkeiten, mein Leben unter neuen Bedingungen sinnvoll zu organisieren, Hilflosigkeit gegenüber dem Uni-Betrieb.

Der Umstand, daß ich mich von der ersten Minute an in Berlin "im Rahmen der Partei" bewegte, vergrößerte meine Eingewöhnungsschwierigkeiten beträchtlich. Da ich binnen kürzester Zeit in "die Partei" aufgenommen werden und in einer Betriebszelle arbeiten sollte, sah ich mich der Erwartung ausgesetzt, meine Schwierigkeiten schnellstens zu überwinden, um für "die Partei" einsatzfähig zu sein. Einstweilen war es jedoch so, daß ich sehr unter dem Verlust der mir vertrauten Umgebung und der jahrelang gewachsenen persönlichen und politischen Bindungen litt. Auch wurde ich von den "Parteigenossen" nun nicht mehr als Repräsentant einer erfolgreichen Politik in einem abgelegenen Winkel der BRD bewertet, sondern als junger Typ mit ganz guten Anlagen, der sich möglichst schnell und glatt in den Organisationsmechanismus einzufügen hatte. Besonders unangenehm war, daß man mir in meiner Einarbeitungszeit" keinerlei präzise umrissenen Aufgaben gegeben hatte und ich folglich von jedermann allerlei technische Arbeiten zugeteilt bekam, die ich kaum ablehnen konnte, da ich ja "nichts zu tun" hatte. Ich rotierte also quer durch alle Bereiche der Organisation und erledigte all die Hilfsarbeiten, für die die Kader keine Zeit hatten. Etwa sonntags früh in eine - mithilfe des Stadtplans zu ermittelnde - Wohnung fahren, um dort 15.000 türkische Flugblätter abzunudeln. So etwas war äußerst frustrierend: man fuhr in eine Wohnung, mit der man nichts verband, um dort für irgendwelche Genossen, die man nicht kannte, Tausende von Flugblättern abzuziehen, über deren Inhalt man ebensowenig wußte, wie über den Zusammenhang, in dem sie notwendig waren. Da ich wochenlang 6 - 8 Stunden am Tag mit solchen entfremdeten Verrichtungen beschäftigt war, stellte sich bald das Gefühl ein, in einer unendlichen Tretmühle gelandet zu sein. Eine Änderung dieser mißlichen Lage erhoffte ich mir von der endgültigen Aufnahme in die „Partei".

Genosse Jakob

Ein wirklicher Meister in der Kunst, über seine Umgebung zu verfügen, war der zu meiner Wohngemeinschaft gehörende ZK-Genosse 'Jakob', der seine "Leitungstätigkeit" tatsächlich mit - wie er heute zugibt* - "süffisanter Schlampigkeit" ausübte. Genosse Jakob, der den Film "Thomas Ceown ist nicht zu fassen" überaus ätzte und sich mit dem von Steve McQueen dargestellten Typus ,des smarten Gentleman-Bankräubers identifizierte, dachte häufiger nach, ob nicht dessen Lebensweise durchaus eine ernstzunemende Alternative zu der Tätigkeit im ZK der "KPD" sein könne. Und wie Thomas Crown war er auch für die anderen Genossen "nicht zu fassen".

Jedenfalls verstand es Genosse Jakob vortrefflich, unter Hinweis auf langfristig anstehende Ausarbeitungen, mit denen er vom ZK beauftragt war, sich aller technischen und organisatorischen Arbeit zu entziehen, einschließlich der in der Wohngemeinschaft anfallenden Hausarbeit. Es gelang ihm immer wieder, nicht nur die WG-Mitglieder, sondern auch seine Freundin dazu zu bewegen, an seiner Stelle die Verpflichtungen zum Flugblattverteilen wahrzunehmen. Währenddessen verbrachte er große Teile des Tages vor dem Fernseher, die Übertragungen der Winter-Olympiade betrachtend.

Solche Verhaltensweisen wären nicht weiter anzumerken, hätten sie nicht in einem empörenden Kontrast zum Tagesablauf der "normalen Kader" gestanden, die 8 bis 10 Stunden am Tag von Termin zu Termin hetzten. Es geht hier nicht darum, den Genossen Jakob im Nachhinein anzupinkeln. In meiner Erinnerung personifiziert er aber eine häufig anzutreffende, ganz handfeste Privilegierung der auf "höheren Ebenen" tätigen Kader. Die Mitglieder der Leitungen waren häufig mit längerfristigen Ausarbeitungen beschäftigt, die es ihnen ermöglichten, bestimmte unangenehme Alltags-Arbeiten abzulehnen, sie waren in ihrer Zeitplanung flexibler und keinen Kontrollen unterworfen. Und ihre Leitungstätigkeit bestand großteils ohnehin darin, halbe Tage in irgendwelchen Uni-Vorhallen oder Wohnungen zu sitzen und Genossen aus den verschiedenen Bereichen der Organisation zu empfangen, mit ihnen über anstehende Probleme zu reden bzw. sie zu "instruieren".

Aufnahme in die "Partei" und "Parteikonferenz"

Nachdem ich mich zwei Monate lang bei vielerlei Hilfsarbeiten "bewährt“ hatte, schlug ZK-Genosse Jakob mich zur Aufnahme in die "Partei" vor. Als besonderes Verdienst wurde hervorgehoben, daß ich bis zu viermal in der Woche morgens um 5 Uhr für jeweils 2 - 3 Stunden vor Betrieben Flugblätter verteilt hatte. Aufgrund dieses "Verdienstes" waren übrigens meine anfänglichen Bemühungen, wenigstens 2 Uni-Seminare in meiner "Freizeit" zu besuchen, im Sande verlaufen. Wenn ich morgens um 9 Uhr durchgefroren und übermüdet vom Flugblattverteilen zurückkam, ging ich nicht mehr ins Seminar, sondern schlief erstmal ein paar Stunden und versuchte die ganze Frustration zu vergessen.

Bevor ich endgültig zum "Parteikader" wurde, mußte ich einer "Aufnahmekommission" des ZK einige Fragen zur "Linie der Partei" beantworten, etwa vom Kaliber: "Warum hat die KPD/AO von Anfang an die Aufgaben einer Kommunistischen Partei wahrgenommen?" oder "Welche Position vertritt unsere Partei gegenüber den Verdiensten und Fehlern des Genossen Stalin?" Diese Prozedur empfand ich als peinlich und albern, letztendlich war mir das aber egal, versprach doch die Aufnahme in "die Partei" ein Ende des Status eines "Sympathisanten vom Dienst", der jederzeit jedem Parteikader dienstbar zu sein hatte. Wie man mir bedeutungsvoll mitteilte, hatte man meine Aufnahme "beschleunigt, um (mir) Gelegenheit zu geben, an der bevorstehenden Parteikonferenz (eine Art 'kleiner Parteitag') bereits als Mitglied der Partei" teilzunehmen.

Die Konferenz fand in einem ehemaligen Kino statt, auf der mit gleißendem Scheinwerferlicht angestrahlten Empore saß das "Zentralkomitee", die ca. 150 "Parteimitglieder" waren dagegen im Halbdunkel der Stuhlreihen versteckt. Im Verlauf der Veranstaltung kam es zu zwei Eklats, die bei vielen "einfachen Mitgliedern" Zweifel über den "demokratisch-zentralistischen Charakter" ihrer "Partei" hervorriefen. Eine von der "Partei-Führung" vorgelegte Resolution, wonach es ab jetzt unter keinen Umständen mehr irgendwelche Aktionseinheit mit "Revisionisten" geben sollte, stieß auf den Widerspruch eines Mitgliedes, das auf dieser Konferenz ins ZK gewählt werden sollte. Mit seiner Position konnte er auf die, allerdings stillschweigende, Zustimmung vieler "einfacher Genossen" rechnen. Insbesondere die wenigen "proletarischen Kader" wußten genau, daß man im Betrieb hier und da durchaus mit SEW-Kollegen gemeinsame Sachen machen konnte.

Aber die Einwände des Genossen wurden von der Kinobühne her hart und ultimativ abgebügelt. Zahlreiche Genossen äußerten sich nur deshalb nicht, weil sie sich nicht trauten, dem ZK zu widersprechen. Daß das ZK die Aufnahme des Genossen in seine erlauchten Reihen anschließend aufgrund der "zutagegetretenen ideologischen Unklarheiten" ablehnte, führte jedermann vor Augen, daß man sich mit dem "Zentralkomitee" besser nicht anlegte.

Zum zweiten Zwischenfall kam es, als eine Betriebszelle beantragte, zwei Mitglieder des "Zentralkomitees" nicht mehr zu wählen. Einer der kritisierten Genossen war mein Mitbewohner Jakob, der sich, vermutlich wieder mal im Zustand "süffisanter Schlamperei" dazu hatte hinreißen lassen, verschiedenen, tief in der Gewerkschaftsarbeit verwurzelten westdeutschen Gruppen die Einstellung dieser Arbeit anzuempfehlen, da es sich ohnehin nur um "ökonomistische Handwerkelei" handele. Dieser Vorwurf wurde von den ZK-Genossen im Brustton der Entrüstung zurückgewiesen, die Konferenz wurde für kurze Zeit unterbrochen, da die Beschuldigungen nicht unmittelbar nachprüfbar seien.

Nach der Pause konnte die irritierte "Partei"-Basis erleben, wie der Zellenleiter der Betriebszelle, aus der die Kritik kam, den Antrag auf Nichtwahl der beiden ZK-Mitglieder zurückzog und der Rest der Zelle sich dem brummelnd anschloß. Die Wahl des ZK konnte nunmehr einstimmig erfolgen.

Leben in einer "Partei"-Wohngemeinschaft

In dieser Zeit zerstritt sich ein in unserer Wohngemeinschaft lebendes Paar. Beide arbeiteten im KSV, bei der beteiligten Genossin löste der Streit eine ernste psychische Krise aus, die sie bewog, ihren bisherigen Einsatz für den KSV in Zweifel zu ziehen und ihre Haltung gegenüber den anderen Gruppen der Berliner Linken neu zu überprüfen. In diese Überprüfung schloß sie auch die SEW (für den Rest der WG: Hauptfeind in der Arbeiterbewegung") sowie die KPD/ML (damals Hauptkonkurrenz in der ML-Bewegung) ein, so daß. in der Wohnung helle Empörung gegen die Genossin entstand. ZK-Genosse Jakob führte gemeinsam mit dem ranghöchsten KSV-Mitbewohner mit der aufgelösten und verzweifelten Genossin zwei der sattsam bekannten "Ermittlungsgespräche". Schließlich wurde ihr mitgeteilt, sie müsse schnellstens aus der Wohnung ausziehen. Dies geschah dann auch. Wie ich später erfuhr, mußte sich die Genossin danach einer längeren psychiatrischen Behandlung unterziehen.

Dieser für uns alle beschämende Vorgang wurde nach einigen pharisäerhaften und inhumanen Sprüchen für erledigt erklärt. Eine Genossin, die Zweifel an der "Richtigkeit der Linie" entwickelte und der es schlecht ging, stellte nicht nur für die "Partei", sondern auch für die Wohngemeinschaft, in der sie lebte, ein "Sicherheitsrisiko" dar.

Ich habe mich damals, sicher auch wegen meines eigenen, ungeklärten Status gegenüber "der Partei", an der gespenstischen Debatte über die Genossin "prinzipienfest" beteiligt. Später konnte ich feststellen, daß ein derartiges Verhalten gerade unter denjenigen, die in der Organisationshierarchie weit unten standen, häufiger anzutreffen war. Ausgerechnet diejenigen Genossen, die neu aufgenommen worden waren oder selbst von "der Partei" kritisiert worden waren, geißelten bei anderen Gelegenheiten angebliche "Abweichungen" am wütendsten und argumentierten als 150prozentige Dogmatiker. Mir war seitdem allerdings auch klar, wo Solidarität und Freundschaft meiner Mitbewohner jederzeit ein abruptes Ende finden würden.

Da alle Kader unserer Wohnung in KSV-Zellen, Betriebszellen oder in "Leitungsgremien" arbeiteten, niemand aber tatsächlich im Betrieb war oder richtig studierte, entwickelte sich unser Zusammenleben in seiner eigenartigen Gesellschaftsferne zu einer ausgesprochenen Subkultur, ganz im Gegensatz zu den politischen Postulaten der "Partei", wonach die Kader mit den "arbeitenden und studierenden Massen" die alltäglichen Lebensbedingungen teilen sollten. Mittelpunkt dieser Halbwelt war natürlich "die Partei", deren politische und praktische Erfordernisse auch die Wohnsituation unmittelbar prägten. So gab es innerhalb der Wohnung eine klare Hackordnung, die der jeweiligen Stellung der WG-Bewohnerin der Organisationshierarchie genau entsprach. Die Wohnung war im Hinblick auf unsere persönlichen Umgangsformen ein Spiegelbild der innerorganisatorischen Prozesse und war alles andere als ein Ruhepunkt, wo man sich ausruhen und neue Kräfte sammeln konnte.

Die ständige Überlastung aller Bewohner ließ nicht nur die kleinsten Reparaturarbeiten nicht mehr zu, sondern unterband auch jegliche Form von Hausarbeit. Etwa 3 Monate nach meinem Einzug ging die Wasserspülung der Toilette kaputt, auch noch bei meinem Auszug ein halbes Jahr später stand stets ein gefüllter Wassereimer neben dem defekten Klo. Abends zwischen 22 Uhr und 24 Uhr klingelte häufig das, Telefon, hob man ab, war der "Agitprop-Leiter" irgendeiner "Zelle" am Apparat, der dringend noch Verteiler für irgendein Flugblatt suchte. An freien Abenden zuckte man unwillkürlich zusammen, wenn nach 22 Uhr das Telefon klingelte.

Über diese Lebensweise wurde zwar viel gejammert, darin kam aber auch reichlich Selbstzufriedenheit über das "harte Leben eines Kommunisten" zum Ausdruck. Die tatsächliche Deklassierung und Verlumpung, die wir alle zusammen mitmachten, galten als Beweis besonders erfolgreicher "Umerziehung" und halfen eine elitäre Haltung zu begründen, durch die wir uns von anderen Linken abhoben, die etwas normaler lebten als wir.

Die Arbeit einer Betriebszelle der "Partei"

Die Betriebszelle, der ich angehörte, bestand aus 6 - 8 Mitgliedern, nur ein Genosse arbeitete im Betrieb. Zuvor hatte die Zelle immerhin noch zwei Mitglieder und mehrere Sympathisanten im Betrieb gehabt, seit der zunehmenden "Kaderumsetzung" nach Westdeutschland, also der "entscheidenden Phase des nationalen Parteiaufbaus", wurde die "Partei" in Berlin außerhalb der Universitäten zu dem großmäuligen Papiertiger, als den man sie in den letzten Jahren kennt. Dies war allerdings für Leser ihrer Publikationen, insbesondere die damals noch zahlreichen KSV-Studenten, kaum erkennbar, meldete die "Rote Fahne" doch Woche für Woche die Gründung neuer Betriebszellen in westdeutschen Großbetrieben. Daß diese westdeutschen Neugründungen in Berlin zur inneren Auszehrung der ohnehin bescheidenen Ansätze betrieblicher Arbeit -führten, war aus den Zeitungen nicht zu ersehen.

Nachdem die Verankerung unserer Zelle im Betrieb schon durch den "nationalen Aufbau" stark gelitten hatte, brachte die Aufblähung des "Partei"-Apparates - es entstanden immer neue "Leitungsebenen", die von den in Berlin verbliebenen Genossen gebildet werden mußten - unsere Betriebsarbeit fast völlig zum Erliegen. So kam es, daß sich samstags abends 7 abgehetzte Kader trafen, die den Kopf mit allerlei Leitungsproblemen voll hatten, aber keine Zeit und Energie mehr, um sich nun auch noch über die Betriebsarbeit den Kopf zu zerbrechen. Dazu kamen aber auch noch Flügelkämpfe, in denen sich „ideologisch-klare, prinzipienfeste" Vertreter der Führungsbeschlüsse mit "Rechtsopportunisten" stritten, die ständig mit ihren "ideologischen Unklarheiten" nicht klar kamen.

In dieser Zeit war ich "Betreuer" eines 16jährigen Lehrlings, der bei der "Stadtteilagitation" für den Kommunistischen Jugendverband "gewonnen" worden war. Der war ein äußerst aufgeweckter Typ, der angenehm abstach von den abgehetzten, nur noch Sprechblasen und Parteiparolen ablassenden Jungkadern, entsprechend an seiner Berufsschule und unter seinen Freunden auch sehr beliebt. Diesen Lehrling sollte ich in kürzester Frist "ideologisch qualifizieren", danach sollte er sofort in den Jugendverband aufgenommen werden, da dort ein ziemlicher Mangel an derartigen Jugendlichen herrschte - nach allem vorher beschriebenen kein Wunder. Kurz vor seiner Aufnahme in den Jugendverband erklärte mir dieser Lehrling, daß er doch keine Lust hätte, sich politisch zu organisieren, er wolle auch mal mit Freunden zwei Monate durch Frankreich trampen und ähnliche Sachen machen. Da man das aber als "Mitglied" nicht könne, weil man nur 3 Wochen Urlaub im Jahr hätte, wäre es ihm lieber, wenn er "Sympathisant" bleiben könne. Diesen Argumenten stand ich trotz meines Kader-Bewußtseins völlig hilflos gegenüber. Eigentlich hatte ich auch gar keine Lust, dem Genossen zu widersprechen, weil ich fand, daß er recht hatte. Mir wurde klar, daß wir mit unserer Arbeitsweise und dem absolut unmenschlichen Klima in unseren Organisationen niemals für Jugendliche, aber auch nicht für erwachsene Arbeiter mit Familie, eine Perspektive darstellen würden.

Studiums-Verbot und Strategie der Abnabelung

Im Gegensatz zu vielen Genossen, die in der damaligen Zeit die völlige Trennung von Politik und Privatleben praktizierten und unter diesem Widerspruch zu leiden begannen, wäre ich schon für ein völlig abgetrenntes Privatleben dankbar gewesen. Ich war nun seit einem Jahr in Berlin als Parteikader tätig, litt immer stärker nicht nur unter dem Streß unserer Arbeit, sondern auch unter dem Gefühl, daß das meiste, was wir taten, weitgehend sinnlos war. Auch war ich ja nicht nur der "Partei"-Arbeit wegen nach Berlin gekommen, sondern auch, weil ich wissenschaftlichen und kulturellen Interessen nachgehen und in einer Großstadt leben wollte. Alle diese Hoffnungen waren seit geraumer Zeit unter einem Berg von Terminen, Sympathisantengesprächen, Zellendiskussionen, Kommissionssitzungen und Flugblattstapeln verschüttet - eine Situation, die ich solange zu ertragen bereit war, wie ich politische Erfolge erwartet und die Hoffnung noch nicht aufgegeben hatte, daß meine Bedenken und Vorschläge angehört würden. Da ich meine von Anfang an als zwiespältig empfundene neue Umgebung immer unerträglicher fand, andererseits aber auch auf keinerlei Kontakte oder Freundschaften außerhalb der Organisation zurückgreifen konnte, begann ich darüber nachzudenken, wie ich der "Partei" unter Wahrung meines politischen Anspruchs entfliehen könnte.

Mir fiel ein, daß ich nun schon seit drei Semestern an der FU eingeschrieben war und früher einmal die Zusicherung erhalten hatte, daß ein Studium, soweit es für die berufliche Qualifikation unentbehrlich sei, auch für "Parteikader" möglich sein müßte. Ich verlangte also in meiner Betriebszelle, die Frage meines Universitätsstudiums zu behandeln. Da das meiste, was ich zu diesem Zeitpunkt sagte, ohnehin von vornherein als "rechtsopportunistisch" beargwöhnt wurde, verwies man mich an ein unserer Zelle angehörendes Mitglied der "zentralen Leitung" des KSV. Diese Genossin sollte quasi als unabhängige Gutachterin darüber befinden, wieviel Zeit in meinem Arbeitsplan pro Woche für Uni-Seminare freigeschaufelt werden durfte. Ich verabredete mich für einen Sonntag. morgen mit der betreffenden Genossin, die gerade zur Fertigstellung ihrer Dissertation von der "Partei"-Arbeit befreit war in ihrer in der Innenstadt gelegenen Wohnung. Ich kam um 10 Uhr ziemlich unausgeschlafen, unrasiert und verraucht bei ihr an, da ich nachts zuvor noch verschiedene Sitzungsprotokolle hatte fertigstellen müssen. Die Tür wurde mir von einem aristokratisch wirkenden Herren mittleren Alters geöffnet, der zwischen den Zeigefingern eine Langspielplatte blancierte und mich durch die von Barockmusik erfüllte Wohnung auf einen sonnigen Balkon dirigierte. Dort lag ein knappes Dutzend braungebrannter Leute auf Liegestühlen in der Sonne und verspeiste gerade recht ansehnliche Portionen Eis. Mir erschien das alles nach einer Nacht über seitenlangen Sitzungsprotokollen und im Hinblick auf meine eigene Wohn-, und Lebenssituation wie eine ferne Traumwelt.

Die Genossin aus der KSV-Leitung erhob sich aus ihrem Liegestuhl und führte mich in ein mit hohen Wandregalen voller Bücher ausgestattetes Zimmer, in dem die Unterhaltung über meine Wünsche nach einem Studium stattfinden sollte. Ich erklärte ihr, eigentlich sei von Anfang an mit der "Partei" abgesprochen gewesen, daß ich neben der politischen Arbeit auch studieren sollte. Ich hätte angesichts der "Phase des nationalen Aufbaus der Partei“ darauf nun schon seit drei Semestern verzichtet, hätte aber den Eindruck, daß ich nun doch häufiger an die Universität gehen müsse, um den Anschluß nicht völlig zu verlieren. Ich könne mir vorstellen, daß man fürs Studium etwa zwei volle Tage pro Woche Zeit haben müßte, da man kaum zwischen zwei Sitzungen mal für zwei Stunden etwas Heine lesen und damit sein Studium streiten könne. Das könne man bei entsprechender Planung der eigenen Arbeit schon, wurde mir entgegnet. Im übrigen sei das dem Studieren auch wirklich nicht so wichtig, da man als Parteikader ohnehin später Berufsverbot bekäme. Auch gebe es in der KSV-Leitung einen Genossen, der sich auf seine Zwischenprüfung auf der Fahrt zur Prüfung in der U-Bahn vorbereitet hätte, daran könne man sehen, daß das alles nicht so schlimm sei. Meine Einwände fielen recht zaghaft aus, da ich tatsächlich nicht genau wußte, wieviel Zeit man zum Studieren benötigt. Klar war mir nur, daß man am Anfang allein schon etliche Zeit brauchen würde, um sich in den Uni-Betrieb überhaupt einzufinden. Die Genossin brachte die Diskussion sodann auf zwei Abiturienten im Ruhrgebiet, die nach Beendigung ihrer Schulzeit sofort in den Betrieb gegangen wären und dort nun eine "Partei"-Zelle aufbauen würden. Obwohl ich diese Genossen nie kennengelernt habe, habe ich sie in diesem Moment abgrundtief gehaßt. Das Gespräch endete damit, daß die Genossin aus der KSV-Leitung mir inmitten ihrer nicht gerade von intellektueller Askese zeugenden Wohnung erklärte, bis zum 6. Semester hätte ich ohnehin nur die Rückmeldungstermine an der Uni wahrzunehmen.

Ich war nach dieser Unterhaltung voller Aggressionen gegen die wiederum deutlich gewordene Doppelmoral auf den höheren Ebenen, die es ermöglichte, daß Intellektuelle anderen Intellektuellen die Befriedigung ihrer Bedürfnisse als "kleinbürgerlich" verboten. Zugleich war mir klar, daß dies der letzte Versuch gewesen war, wenigstens einen Bruchteil meiner Wünsche und Vorstellungen in Übereinstimmung mit "der Partei" zu lösen und daß - wie schon am Ende der antiautoritären Bewegung - anscheinend wieder ein tiefgreifender Bruch erfolgen müsse.

Seit dieser Zeit begann ich, ohne Rücksicht auf die Reaktionen der "Leitungen" meine politische Kritik auf alle Bereiche der Organisationstätigkeit auszudehen. Vor allem die RGO-Strategie für die Gewerkschaftsarbeit lehnte ich völlig ab und weigerte mich, derartiges öffentlich zu vertreten. Dabei war mir klar, daß eine solche Kritik, die direkt auf das Selbstverständnis und den Traditionsbezug der "KPD" zielten, früher oder später unweigerlich meinen Ausschluß zur Folge haben würde. Dies wollte ich aber riskieren, denn zum einen verband mich ohnehin nicht mehr viel mit der "Partei", so wie sie war; zum anderen mußte meiner Meinung nach mit der verlogenen Selbstbeweihräucherung bei Mitgliederversammlungen Schluß gemacht werden. Ich hatte einige Male erlebt, wie sich Leitungsgenossen händereibend ins Fäustchen lachten und Aussagen losließen wie: "Ohne unseren größenwahnsinnigen Anspruch, die Partei zu sein, wären wir schon längst erledigt . . ", während die "einfachen Kader" von Termin zu Termin hetzten und an den Unsinn von der "Partei der Arbeiterklasse" glaubten.

Es kam, was kommen mußte: nach einigen Wochen wurden zwei Mitglieder des "Regionalkomitees" damit beauftragt, die "ideologischen Abweichungen" in unserer Zelle zu untersuchen und "Maßnahmen" vorzuschlagen. Während dieser Zeit habe ich bereits keine "Partei"-Arbeit mehr ausgeführt, sondern mich nur noch auf die stundenlangen Debatten in der Zelle vorbereitet. Ich gab mir äußerste Mühe einen möglichst guten Abgang zu finden, ,was insbesondere hieß, die Organisation mit einer umfassenden und geharnischten politischen Kritik zu verlassen. Andere Genossen, die vorher oder nachher die "Partei" verließen, hatten sich häufig nicht getraut, die "Linie" offensiv zu kritisieren, sondern hatten oft weinerlich mit ihrer eigenen "Unfähigkeit" argumentiert. So etwas wollte ich unbedingt vermeiden. Nach meinem Ausschluß, der erst nach einem ziemlich peinlichen Hin und Her und mehreren ultimativen Appellen der "Leitung" von der "Zelle" mit der nötigen Mehrheit beschlossen wurde, fuhr ich in ein italienisches Restaurant und genehmigte mir ein opulentes Mahl. Ich wog nämlich am Ende meiner Zeit als "Partei-Kader" noch ganze 48 Kilogramm. Mir fiel ein, daß am nächsten Tag ein neues Semster anund meinem Studium nun nichts mehr im Wege stand.

Danach

Die ersten Monate verbrachte ich damit, mir ausgiebig die Wunden zu lecken, die ich mir zugezogen hatte. Ich ging fast jeden Abend ins Kino, durchstreifte tagsüber die Berliner Stadtteile, lief durch Kaufhäuser und Parkanlagen und hatte den Eindruck, erst jetzt die Stadt kennenzulernen, in der ich schon seit fast zwei Jahren lebte. Außerdem schrieb ich einen langen Artikel über die Gewerkschaftspolitik der alten KPD für die Zeitung einer konkurrierenden ML-Organisation, studierte kräftig und fand nach und nach einen neuen Bekanntenkreis. Eine wesentliche Voraussetzung für menie glatte Abnabelung von der "Partei" war, daß ich kurz vor meinem Ausschluß eine andere Wohnung gefunden hatte, in der Leute leb ten, die nicht organisiert waren oder gerade selbst dabei waren, Widersprüche zur "KPD" zu entwickeln.

Was ziemlich lange nachwirkte, waren die aus der "KPD"-Arbeit gewonnenen Feindbilder innerhalb der Linken. Mit "Revisionisten", "Spontaneisten" und "Opportunisten" wollte ich nichts zu tun haben. Entsprechend eingeschränkt waren die Möglichkeiten eines erneuten politischen Engagements an der Uni, was sich aber auf mein um drei Semester verspätetes Studium durchaus positiv auswirkte. Erst als eine größere Gruppe von KSV-Genossen, darunter auch einige alte Bekannte, ebenfalls die Organisation verließen und sich in einem "Sozialistischen Plenum" sammelten, schaffte ich es, meine politische Selbst-Blockierung zu überwinden. Danach ist es mir mehr und mehr gelungen, rechte und linke Scheuklappen abzulegen und mich an der Entwicklung von politischen Alternativen zum Sektierertum wieder aktiv zu beteiligen.

* Vgl. P. Mösler, "Was wir wollten, was mir wurden", Hamburg 1977, Kap. 4.

Quelle: anonym: Wir warn die stärkste der Partein..., S. 88, Rotbuch Verlag Berlin 1977




 




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