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Rudi Dutschke zur CDU-Vietnam-Demo

Hinzu kam, daß auch innerhalb der West-Berliner Bevölkerung ein durchaus nicht geschlossenes Verständnis über die amerikanische Position in Vietnam vorhanden war. Eine wichtige Testveranstaltung in dieser Hinsicht war die von der CDU einberufene Sympathiekundgebung für die amerikanischen Besatzungsmächte am 8. Februar 1966. Nur rund 1000 West-Berliner erschienen vor dem Amerikahaus, um dort Amrehn, Lemmer und Wohlrabe zu hören. "In dieser Stadt ist kein Platz für die Totengräber der Freiheit." Diese Worte sprach Lemmer aus und verband damit die Aufforderung an den Senat, in Zukunft entschiedener gegen die "kommunistisch unterwanderten Störversuche der linksradikalen Studenten vorzugehen".

Vom autoritären Geist dieser Versammlung zeugt, daß Zwischenrufer von den Anwesenden tätlich angegriffen wurden, vor den Augen der Polizei zum nahegelegenen S-Bahnhof geschleppt und geprügelt wurden; dort gezwungen wurden, S-Bahn-Fahrkarten zu kaufen in Richtung Ost-Berlin. "Die Menge wartete, bis die jugendlichen Wirrköpfe ihre S-Bahn-Karten gelöst hatten und auf dem Bahnsteig verschwunden waren. Zwei Zwischenrufer wurden von der Polizei vorübergehend in Schutzhaft genommen" (BZ vom 9. 2. 66).

Die ganze Veranstaltung zeigte die völlig hoffnungslose geistige Situation derer, die sich in Vietnam mit den Amerikanern solidarisieren. Systematisch wichtig für eine sozialrevolutionäre Strategie mußte sein, daß das System des Spätkapitalismus nicht auf eine aktive, selbsttätige Massenbasis zurückgreifen kann. Das System hat zwar eine Massenbasis, aber diese ist passiv und leidend, ist unfähig, politischen und ökonomischen Herausforderungen von sich aus spontan zu begegnen. Der heutige Faschismus ist nicht mehr manifestiert in einer Partei oder in einer Person, er liegt in der tagtäglichen Ausbildung der Menschen zu autoritären Persönlichkeiten, er liegt in der Erziehung. Kurz, er liegt im bestehenden System der Institutionen. So kann dieser Faschismus im Unterschied zu dem der zwanziger und dreißiger Jahre auch keine aktive Massenbasis - wenn auch in manipulierter Form - hervorbringen.

Das System des Spätkapitalismus ist mehr denn je eine Minderheitsherrschaft, zusammengehalten durch die widersprüchliche Einheit des Gesamtapparats, bestehend aus der staatlich-gesellschaftlichen Bürokratie und den Vertretern der Oligopole. Die tagtägliche Mobilisierung der gesamten Gesellschaft gegen die Idee der sozialen Befreiung von zusätzlicher und überflüssiger Arbeit und Herrschaft muß die Menschen geistig und biologisch reduzieren auf Signalebene. Unter diesen Verhältnissen wird der Rückgriff auf den traditionellen Massenbegriff der zwanziger Jahre ambivalent, genauer: strategisch und taktisch falsch. Die Herrschenden können nicht von heute auf morgen gegen uns Hunderttausende mobilisieren. Der widersprüchliche Gesamtapparat kann es sich heute nicht einmal mehr leisten, die Massen für sich zu mobilisieren. Denn in jeder Mobilisierung der Massen liegt unter den heutigen Bedingungen ein Moment der Bewußtwerdung über die bestehenden Mechanismen der Gesamtgesellschaft. Darum müssen unsere Herren an der Spitze, die herrschenden Charaktermasken, auf Massenmobilisierung verzichten, könnte dieselbe doch in letzter Konsequenz gegen die eigene Herrschaft der Bürokraten und Monopole sich richten.

Quelle: Bergmann, Dutschke, Lefèvre, Rabehl: Rebellion der Studenten oder Die neue Opposition, S. 68, Rowohlt 1968




 




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