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Beiträge zur Geschichte  









Der Krieg 1870/71 gegen Frankreich

Bei den Wahlen im Mai 1869 in Frankreich hatte die antibonapartistische Opposition einen beachtlichen Erfolg in allen größeren Städten, voran Paris, errungen. Um die Jahreswende 1869/70 leitete Napoleon die sogenannte liberale Ära des Bonapartismus ein und berief Ollivier, einen konservativen Republikaner, zum Ministerpräsidenten. Das Regime Napoleon war ziemlich erschüttert, und es konnte weder eine Machterweiterung des Norddeutschen Bundes hinnehmen, noch sich eine diplomatische Niederlage leisten. Die rechten Bonapartisten riefen deshalb nach "Rache für Sadova" und verlangten Krieg gegen den Norddeutschen Bund.

Bismarcks politische Vorbereitungen

Die prekäre Lage Napoleons ermöglichte es Bismarck, neue diplomatische Provokationen in die Wege zu leiten. Eine aussichtsreiche Gelegenheit bot sich durch den Sturz der spanischen Königin Isabella. Um den Thron neu zu besetzen, wandte sich General Prim als spanischer Ministerpräsident an den Erbprinzen Leopold von Hohenzollern Sigmaringen, der als Verwandter des Dynasten von Portugal geeignet erschien. Bismarck betrieb nun heimlich diese Kandidatur und zerstreute die Bedenken Wilhelm I. Die Kandidatur wurde aber vorzeitig bekannt, und der französische Außenminister, der Herzog von Grament, hielt im Parlament eine Rede gegen die Kandidatur eines Hohenzollern und erklärte sie als unvereinbar mit den Interessen Frankreichs und seiner Ehre.

Wilhelm I., der von Anfang an gegen die Kandidatur war, wollte eine Verständigung mit der französischen Regierung und nahm seine Zustimmung zur Kandidatur zurück. Der Kandidat selbst verzichtete. Damit hatte die französische Regierung einen beachtlichen diplomatischen Erfolg errungen. Sie wollte den Erfolg aber noch weiter ausnutzen, indem sie den französischen Botschafter Benedetti beauftragte, den preußischen König zu bitten, er möge sich auch für alle Zukunft verpflichten, niemals wieder seine Zustimmung zu geben.

Der König lehnte ab; die Unterredung fand auf der Kurpromenade von Ems statt, wo Wilhelm zur Kur weilte. Er ließ einen ausführlichen Bericht für Bismarck anfertigen und telegraphierte diesen nach Berlin. Bismarck kürzte und stilisierte die Depesche so, ohne ein Wort zu verändern, daß der Eindruck entstand, der preußische König habe sich schroff und herausfordernd geweigert, den französischen Botschafter weiter zu empfangen. Anschließend gab er die "Emser Depesche" an das Nachrichtenbüro Reutter zur Veröffentlichung. Damit war der Krieg gesichert; Napoleon konnte nur mit einer Kriegserklärung antworten.

Die diplomatischen Vorkehrungen

Bismarck war bestrebt den Konflikt zu lokalisieren und jedes Eingreifen der europäischen Mächte zugunsten Frankreichs zu verhindern. Österreich mußte auf die drohende Haltung Rußlands Rücksicht nehmen und auf die Haltung der deutschsprachigen Bevölkerung Österreichs. Rußland erhoffte sich aus der Niederlage Frankreichs die Aufhebung des Schwarzmeervertrages. Italien war solange nicht bereit mit Napoleon zu paktieren, wie Napoleon sich weigerte seine Truppen aus Rom abzuziehen und den päpstlichen Staat auf zugeben. England wollte dem Streben Napoleons auf Vorherrschaft in Europa Einhalt gebieten. So war Frankreich isoliert und Preußen in einer günstigen Situation. Von großer Wichtigkeit war die Haltung der süddeutschen Staaten, mit denen Bismarck Schutz- und Trutzbündnisse geschlossen hatte. Bei der patriotischen Begeisterung konnte kein Fürst es wagen, den Bündnisfall abzulehnen. Mit der Teilnahme der süddeutschen Staaten am Krieg gegen Frankreich war der erste Schritt zur künftigen Vereinigung mit dem Norddeutschen Bund getan.

Der Verlauf des Krieges

Der ursprüngliche Kriegsplan Napoleons sah vor ins Maintal vorzustoßen, Süddeutschland und Norddeutschland zu trennen und Österreich zum Kriegseintritt zu bewegen. Der Plan scheiterte an der praktischen Durchführung; die französische Armee war nicht marschbereit. Am 28. Juli traf Napoleon in Metz ein, aber der Angriff konnte nicht beginnen.

Der Aufmarsch der deutschen Truppen vollzog sich planmäßig; sie waren in drei Armeen gegliedert und waren 500.000 Mann stark, gegenüber 240.000 Franzosen mit einer Reserve von 50.000. Am 4. August überschritten deutsche Regimenter die französische Grenze.

Das Ende des 2. Kaiserreiches

Die Franzosen begingen drei Fehler mit weitreichenden strategischen Auswirkungen.

1. Die 3. deutsche Armee stieß bei Weißenburg auf die Vorhut der Armee Mac Mahon und schlug sie zurück. Um des Prestiges willen wollten die Franzosen Revanche und griffen überstürzt, mit zahlenmäßig unterlegenen und ungenügend konzentrierten Kräften bei Wörth an. In dieser mörderischen Schlacht verlor jede Seite ca. 10.000 Mann an Toten und Verwundeten. Das Ergebnis zwang Mac Mahon, das Elsaß zu räumen. Am gleichen Tage eroberte die 2. Armee, die vom Corps Bazaines gehaltenen und gut zu verteidigenden Stellungen der Höhen von Spichern. Nach dem Sieg bei Wörth und Spichern mußte Napoleon den Oberbefehl abgeben.

2. Der nächste strategische Fehler bestand in der Absicht Bazaines angeschlagenes Corps im Schutze der Festung Metz zu reorganisieren, um sich später mit Mac Mahon zu vereinigen. Dabei blieb er zu lange in Metz und wurde von den deutschen Truppen eingeschlossen. Alle Ausbruchsversuche bei Vionville, Mars-la-Tour und Gravelotte am 16. und 18. August wurden unter großen Verlusten der deutschen Truppen abgeschlagen. Auf deutscher Seite gab es 36.000 Tote und Verwundete, auf französischer Seite 29.000 Mann. Bei der Erstürmung von St. Privat verloren die fünf am meisten beteiligten Regimenter innerhalb von zwei Stunden fast alle Offiziere und ein Drittel der Mannschaften. Die großen Verluste der Deutschen waren auf die Überlegenheit des französischen Chassepot gewehrs zurückzuführen, das dreimal so weit schoß als das deutsche Gewehr und dem das deutsche Vorgehen in Kompaniekolonnen noch nicht angepaßt war. Die deutsche Artillerie schoß dafür weiter und schneller und war der französischen überlegen.

3. Der 3. strategische Fehler hatte seine Ursache in einem Beschluß der französischen Regierung, Mac Mahon solle unverzüglich Metz entsetzen. Seine Marschmanöver führten zu seiner Einschließung in Sedan. Alle Durchbruchsversuche scheiterten im konzentrierten Feuer der deutschen Geschütze. Am 2. September kapituliert Mac Mahon in Sedan. 100.000 Franzosen gehen in die Gefangenschaft, 418 Kanonen fallen in deutsche Hand. Napoleon wurde in kaiserliche Haft genommen und auf das Schloß Wilhelmshöhe bei Kassel gebracht ("Welch eine Wende durch Gottes Fügung" Wilhelm I.)

Am 4. September erhebt sich die Pariser Bevölkerung und ruft die Republik aus. In Paris bildet sich eine neue Regierung der "Nationalen Verteidigung" unter Vorsitz des Generals Trochu.

Mit dem Sturz des zweiten Kaiserreiches entfiel für Deutschland jeder Grund den Krieg fortzusetzen, aber reaktionäre preußische Kreise verlangten die Annexion von Elsaß-Lothringen. Die Hoffnungen Bismarcks und des preußischen Generalstabes, der Krieg werde nach der Schlacht bei Sedan mit der Annexion Elsaß-Lothringen zu beenden sein, erfüllten sich nicht. Der Exponent des französischen Widerstandswillens in der provisorischen Regierung, Leon Gambetta, flog Anfang Oktober im Ballon aus dem umzingelten Paris heraus nach Tours, um in Südfrankreich neue Feldarmeen aufzustellen und den weiteren Widerstand Frankreichs zu organisieren. Vorerst wurde der deutsche Vormarsch fortgesetzt. Mitte September war Paris eingeschlossen, am 23. September fiel Toul, am 27. September kapitulierte Straßburg. Mit der Kapitulation von Metz durch Marschall Bazaine am 27. Oktober marschierten 196.000 Mann in die deutsche Kriegsgefangenschaft. Am 28. Januar wurde ein Waffenstillstand auf zunächst drei Wochen abgeschlossen.

Nach der Wahl der französischen Nationalversammlung begann der neue Regierungschef Thiers die Verhandlungen mit Bismarck über einen Friedensvertrag. Die Bedingungen, die Bismarck stellte, waren folgende: Abtretung des Elsaß einschließlich der Festung Belfort und von Lothringen mit der Festung Metz, darüber hinaus eine Kontribution von 6 Milliarden Francs. Bismarck ließ sich eine Milliarde abhandeln und verzichtete auf Belfort. Der Präliminarfriede wurde am 28. Februar 1871 abgeschlossen.



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