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31.12.1999

Jelzins Worte: "Ich gehe..."

In einer sehr emotionalen Fernsehrede hat Rußlands Präsident Boris Jelzin an Silvester seinen Rücktritt verkündigt. Auszüge seiner Neujahrsansprache:

„Liebe Freunde! Meine Lieben!

Heute wende ich mich an Sie zum letzten Mal mit einer Neujahrsansprache. Aber dies ist nicht alles. Heute spreche ich zum letzten Mal zu Ihnen als Präsident Russlands.

Ich habe eine Entscheidung getroffen.

Ich habe lange und qualvoll über diese Entscheidung nachgedacht. Heute, am letzten Tag dieses Jahrhunderts, trete ich zurück.

Ich habe verstanden, dass ich es tun muss. Russland muss ins neue Jahrtausend mit neuen Politikern eintreten, mit neuen Gesichtern, mit neuen, klugen, starken, energischen Menschen.

Und wir, die wir schon lange Jahre an der Macht waren, wir sollten gehen.

Nachdem ich gesehen habe, mit welcher Hoffnung und welchem Glauben die Menschen bei der Duma-Wahl für die neue Politiker-Generation stimmten, habe ich verstanden, dass ich die wichtigste Mission meines Lebens erfüllt habe. Russland wird nie in die Vergangenheit zurückkehren. Russland wird nur noch vorwärts gehen.

Und ich darf diesem natürlichen Lauf der Geschichte nicht im Wege stehen. Soll ich noch mich noch ein halbes Jahr an die Macht klammern, wo das Land einen starken Menschen hat, mit dem praktisch jeder Russe seine Zukunftshoffnungen verbindet? Wozu soll ich ihn behindern? Wozu noch ein halbes Jahr warten? Nein, das ich nicht meine Art! Es wäre gegen meinen Charakter!

Heute, an diesem für mich wichtigen Tag, möchte ich Ihnen mehr persönliche Worte sagen als gewöhnlich.

Ich möchte Sie um Vergebung bitten.

Um Vergebung dafür, dass viele Ihrer Erwartungen enttäuscht wurden. Das, was uns einfach erschien, hat sich als qualvoll und schwierig herausgestellt. Ich bitte um Vergebung dafür, dass ich die Hoffnungen der Menschen nicht zu erfüllen vermochte, die glaubten, dass wir schlagartig aus dem grauen, totalitären Stillstand der Vergangenheit in eine lichte, wohlhabende und zivilisierte Zukunft springen könnten. Ich habe selbst daran geglaubt. Es schien, noch ein Ruck, und wir schaffen es.

Mit einem Ruck hat es nicht geklappt. Teilweise war ich zu naiv. Teilweise waren die Probleme zu schwierig. Wir kämpften uns vor durch Fehler und Misserfolge. Viele Menschen mussten in dieser schwierigen Zeit Erschütterungen erleben.

Aber ich möchte, dass Sie eines wissen. Ich habe dies nie gesagt. Heute ist es für mich wichtig, es Ihnen mitzuteilen. Den Schmerz eines jeden von Ihnen fühlte ich als Schmerz in meinem Herzen nach. Ich verbrachte schlaflose Nächte, in denen ich qualvoll überlegte, was getan werden kann, damit die Menschen leichter und besser leben. Ich hatte keine wichtigere Aufgabe.

Ich gehe. Ich habe alles getan, was ich konnte. Ich gehe nicht wegen der Gesundheit, ich gehe wegen der Gesamtlast der Probleme. Mir folgt eine neue Generation, eine Generation, die mehr und Besseres zu leisten vermag.

Gemäß der Verfassung habe ich meine Amtsgeschäfte an Ministerpräsident Wladimir Putin übergeben. Er wird drei Monate lang Interimspräsident sein, und Ende März kommt die Präsidentenwahl.

Ich war immer von der verblüffenden Weisheit der Russen überzeugt. Deshalb zweifele ich nicht daran, welche Wahl Sie Ende März 2000 treffen werden.

Zum Abschied möchte ich Glück wünschen. Sie haben Glück verdient. Sie haben Glück und Ruhe verdient.

Frohes Neues Jahr! Frohes Neues Jahrhundert, meine Lieben!“

dpa



Quelle: Stuttgarter Nachrichten Online, 02.02.2000


 




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