Start

quellen 





Kurzanalyse der Bundestagswahl am 16. Oktober 1994

1. Die Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl 1994 lag mit 79,1 Prozent nur um 1,3 Prozentpunkte hoeher als 1990. Dies ist die zweitniedrigste Beteiligungsrate ueberhaupt und angesichts der zusaetzlichen Landtags- bzw. Kommunalwahlen kein Anlass zur "Entwarnung". 2. Die SPD erhaelt mit 36,4 Prozent ein Ergebnis, das um 2.9 Prozentpunkte hoeher liegt als 1990. Groessere Zuwaechse haben lediglich Buendnis 90/Gruene - von 3,8 auf 7,3 Prozent - zu verzeichnen. Die CDU/CSU geht von 43,8 Prozent 1990 auf 41,5 Prozent zurueck. Die groessten Verluste verzeichnet die FDP (- 4,1 %), die nur noch 6,9 Prozent gegenueber 11,0 Prozent 1990 erhielt. Die PDS erreicht 4,4 Prozent, zieht aber ueber die vier direkt gewonnenen Mandate in den Bundestag ein. Auf die Republikaner entfallen 1,9 Prozent (1990: 2,1 %), auf die sonstigen Parteien 1,6 Prozent (1990: 3,4 %). 3. Betrachtet man die Ergebnisse getrennt nach alten und neuen Bundeslaendern, ergibt sich folgende Entwicklung: In Westdeutschland verbessert sich die SPD von 35,9 auf 37,6 Prozent. In den neuen Laendern (ohne Berlin) erhaelt sie 31,2 Prozent, 7,6 Prozentpunkte mehr als 1990. 4. An dem Gesamtergebnis der Bundestagswahl ist bemerkenswert: * 1990 betrug der Abstand zwischen SPD und CDU/CSU 10,3 Prozentpunkte, 1994 hat er sich halbiert. Die Differenz zwischen den beiden Parteien umfasst 5,1 Prozentpunkte. * Die FDP "lebt" auf der Bundesebene von den Leihstimmen der Union. In 9 von 16 Landtagen ist sie nicht mehr vertreten. * Die Buendnis-Gruenen sind gesamtdeutsch/im Westen die "dritte Kraft", die PDS im Osten. * Die rechtsextremen Republikaner sind auf den harten Kern ihrer Anhaengerschaft reduziert worden. Es liegt in der Hand der grossen Parteien, ob ihnen kuenftig wieder Proteststimmen zufliessen. 5. Der Vorsprung der Kohl-Koalition von 10 Mandaten resultiert aus den sogenannten Ueberhang-Mandaten. Dabei ergibt sich diese relative Staerke der Union daraus, dass viele SPD-Direktkandidaturen in der Konkurrenz mit Gruenen und/oder PDS aufgerieben wurden. 6. In "Lagern" gerechnet: CDU/CSU und FDP brachten es 1990 gemeinsam auf 54,8 Prozent, heute sind es nur noch 48,4 Prozent. Dies bedeutet einen Verlust von 6,4 Prozentpunkten. SPD und Gruene verbessern ihr gemeinsames Ergebnis dagegen um 6,4 Prozentpunkte und erreichen 43,7 gegenueber 37,3 Prozent 1990. In absoluten Zahlen (Zweitstimmenergebnis) bedeutet dies: Die Koalitionsparteien haben im Vergleich zu 1990 2,7 Mio Waehlerinnen und Waehler verloren, SPD und Gruene gewinnen in fast der gleichen Groessenordnung (2,67 Mio) hinzu. Von allen Parteien verzeichnet die SPD mit knapp 1,6 Millionen Stimmen die groessten Zuwaechse. Die CDU/CSU buesst rund 842.000 Stimmen ein, die FDP sogar 1,8 Mio. Damit haben sich die Kraefteverhaeltnisse im 13. Bundestag deutlich verschoben: Die Zahl der Abgeordneten von SPD und Buendnis 90/Gruene steigt von 247 auf 301, in fast dem gleichen Umfang (- 57) reduziert sich die Zahl der Mandatstraeger fuer die Koalition (von 398 auf 341). 7. Das Zweitstimmenergebnis weist fuer die SPD in den westdeutschen Bundeslaendern folgende Auffaelligkeiten auf: Die staerksten Zuwaechse sind in Rheinland-Pfalz (+3,3), Bremen (+ 3,0) und Bayern (+3,0) zu verzeichnen, die groessten Verluste in Hamburg - 1,4), Hessen (- 0,8) und dem Saarland (- 2,4). Das Saarland stellt allerdings insofern einen Sonderfall dar, als durch die Kandidatur von Oskar Lafontaine 1990 mit 48,8 Prozent ein extrem gutes Ergebnis erteilt wurde. Die vergleichsweise schlechte Entwicklung in Hessen wird dadurch unterstrichen, dass die Wahlkreise Gross- Gerau und Darmstadt fuer die SPD verlorengingen. 8. Die CDU verliert im direkten Vergleich der westlichen Bundeslaender ueberdurchschnittlich in Niedersachsen (- 3,0), Baden-Wuerttemberg (- 3,2) und Nordrhein-Westfalen (- 2,5). Die FDP buesst vor allem in Bremen (- 5,6), Hamburg (- 4,7) und Schleswig- Holstein (-2,0) Stimmen ein. Buendnis 90/Gruene erzielten in Hamburg (+ 6,8), Schleswig-Holstein (+ 4,3) und Baden- Wuerttenberg (+ 3,9) ueberdurchschnittliche Gewinne. Beachtet werden sollten relative Erfolge der PDS in West-Berlin ( 2,6), Bremen (2,7) und Hamburg (2,2 %). 9. Bemerkenswert sind Ergebnisse aus den neuen Bundeslaendern: Die SPD gewinnt in Brandenburg 12,1 Prozentpunkte. In diese positive Entwicklung passt der Wechsel der Wahlkreise Eberswalde-Bernau von der CDU zur SPD. In Sachsen-Anhalt (+ 8,7), Thueringen (+ 8,3) und Sachsen (+ 5,9) liegen die Zuwaechse ebenfalls auf einem hohen Niveau. Berlin (+ 3,4) und Mecklenburg-Vorpommern (+ 2,4) bleiben etwas dahinter zurueck. Die CDU verliert deutlich in Brandenburg (- 8,2) und Thueringen (- 4,2), die FDP fast flaechendeckend, vor allem aber in Sachsen-Anhalt (- 15,7) und Thueringen (- 10,4). Die PDS gewinnt in Ostdeutschland insgesamt 8,4 Prozentpunkte, die sich relativ gleichmaessig ueber die fuenf Laender verteilen. 10. Eine erste und beispielhafte Betrachtung der Hochburgen kommt zu folgenden Ergebnissen: Die SPD erhaelt ueberdurchschnittliche Zugewinne (+ 4,2) in den Hochburgen der Union und kann auch in ihren eigenen Kerngebieten etwas zulegen (+ 1,2). Die CDU verliert in den Hochburgen der SPD (- 2,1), und was vielleicht noch bemerkenswerter ist, sie verliert auch in Wahlkreisen, in denen sie bisher besonders hohe Wahlergebnisse erzielte (- 2,8). Die Entwicklung der FDP-Schwerpunkte weist einen klaren regionalen Bezug auf. In Sachsen-Anhalt, z.B. Halle- Altstadt (- 28,2), Halle-Neustadt (- 20,9) muss sie schwere Verluste hinnehmen. In den Schwerpunkten von Buendnis 90/Gruene sind gegenlaeufige Bewegungen sichtbar. Die Entwicklung in den neuen Laendern verlaeuft negativ, in den westdeutschen Hochburgen, z.B. Frankfurt III erzielt sie deutliche Gewinne, und das vor allem zu Lasten der SPD. 11. Die Analyse der Wahltagsbefragung von Infas beantwortet die Frage "Wer hat diesmal wie gewaehlt?" Die wichtigsten Ergebnisse unter soziodemographischen Gesichtspunkten: * Maenner und Frauen zwischen 30 und 60 Jahren haben in aehnlicher Weise abgestimmt. Die CDU hat staerker bei den Frauen verloren. Die Gruenen haben bei den Frauen vergleichsweise bessere Ergebnisse. * Bei den ueber 60jaehrigen erreicht die CDU/CSU unter Maennern und Frauen wieder eine absolute Mehrheit der Stimmen. Ihr Vorsprung vor der SPD ist bei aelteren Frauen im Osten besonders gross. Der Abstand zwischen Union und SPD ist in dieser Gruppe gegenueber 1990 um ein Drittel geringer geworden. Die SPD ist in der Altersgruppe zwischen 30 und 45 Jahren die staerkste Partei; die hoechsten Zuwachsraten hat sie bei den 45- bis 59jaehrigen (+ 5,9 %). Typisch fuer das Wahlverhalten fuer Buendnis 90/Gruene: Juengere Frauen votieren etwa doppelt so stark fuer diese Partei wie die Waehler insgesamt. 12. Die PDS konnte in denjenigen ostdeutschen Gebieten, in denen sie bereits vor vier Jahren erfolgreich war, nochmals um 7,6 Prozentpunkte zulegen. Bemerkenswert sind die Veraenderungen in der altersmaessigen Unterstuetzung der PDS: In den neuen Bundeslaendern erreicht die Partei im Durchschnitt einen Anteil von 19 %. Bei den jungen Menschen unter 30 Jahren erreicht sie 24 %, bei den 30- bis 44jaehrigen immer noch 21 %. Unter den 60jaehrigen, die vor vier Jahren eine Hauptstuetze der PDS waren, sind es 1994 nur noch rund 14 %. 13. Die demographischen Konturen des Waehlerverhaltens unterscheiden sich kaum in West und Ost, die soziale Basis der Parteien weist allerdings erhebliche Unterschiede auf. Das betrifft vor allem den Rueckhalt der Union bei den Arbeitern. In Ostdeutschland ist der Vorsprung der CDU bei den Arbeitern von 23 % (1990) auf 3 % geschrumpft. Diesmal sind es etwa 40 Prozent der Arbeiter, die fuer die CDU votieren. In Westdeutschland dagegen hat die SPD in der Arbeiterschaft eine klare absolute Mehrheit und hoehere Stimmenanteile als vor vier Jahren. Bei den Selbstaendigen und den Landwirten liegt die Union in West und Ost klar an der Spitze. In Westdeutschland unterstuetzt etwa jeder vierte Selbstaendige die FDP. In Ostdeutschland wiederum ist die PDS relativ stark bei den Selbstaendigen (15 %). Unter den Arbeitslosen liegt die SPD in den alten und den neuen Laendern eindeutig auf Platz 1. Ein besonders auffaelliges Waehlerprofil zeigen die Angehoerigen akademischer Berufe. In Westdeutschland liegen bei ihnen Union und SPD mit je einem Drittel der Stimmen in Konkurrenz, doch koennen die Gruenen (mit etwa 20 %) und die FDP (mit rund 10 %) ueberdurchschnittliche Werte erzielen. In Ostdeutschland hat die PDS bei den Angehoerigen akademischer Berufe relativ starken Rueckhalt (mit mehr als einem Viertel der Stimmen) und liegt hier mit der CDU und der SPD etwa gleichauf. Obwohl der Anteil der Wechselwaehler im Vergleich zu frueheren Wahlen weiterhin gross ist, lassen sich die Stammwaehlerpotentiale fuer CDU/CSU und SPD unter traditionellen Merkmalen gut beschreiben. 74 % der glaeubigen Katholiken haben sich fuer die Union entschieden, lediglich 14 % fuer die SPD. 61 % der Waehler mit einer gewerkschaftlichen Bindung votierten fuer die SPD, nur 27 % fuer die CDU/CSU.


QuelleINTERN Nr. 18 / Oktober 1994




Gründe des Wahlverhaltens


1. Die Hoffnung auf den wirtschaftlichen Aufschwung und das 
Vertrauen der Waehlerinnen und Waehler in die groessere 
Kompetenz der Koalition bei dieser Frage haben massgeblich 
zum Wahlausgang beigetragen.

- Im September 1993 meinten lediglich 21 % der Deutschen, 
es gehe wirtschaftlich wieder aufwaerts, heute sind es rund 
60 %.

- 37 % trauen einer CDU/CSU-gefuehrten Regierung am ehesten 
zu, die wirtschaftlichen Probleme in den Griff zu bekommen, 
nur 22 % entscheiden sich fuer eine SPD-gefuehrte Regierung.

- Abgesehen von dem Wirtschaftsthema gab es laut 
Forschungsgruppe Wahlen fuenf weitere Themen, die fuer die 
Waehlerinnen und Waehler besonders wichtig waren: 
Arbeitslosigkeit, Auslaender/Asyl, Innere Sicherheit, Umwelt 
und Wohnen.
Waehrend die Union beim Thema "Innere Sicherheit" vorne lag 
und es beim Thema "Auslaender/Asyl" einen Gleichstand 
zwischen den grossen Parteien gab, wurde bei den uebrigen 
Themen der SPD eine groessere Kompetenz zugewiesen.

2. Nach Angaben von Infas wurden die Stimmenverluste der 
FDP vor allem durch eine Zweitstimmen-Kampagne in den alten 
Bundeslaendern aufgefangen. Insgesamt hat die FDP im 
Vergleich zur Bundestagswahl 1990 rund 1,8 Mio. Stimmen 
verloren.
Laut ZDF haetten von den FDP-Waehlern 63 % lieber die Union 
gewaehlt, da sie sie fuer die bessere Partei halten. Dies ist 
ein Hinweis darauf, dass die FDP ihr Ueberleben in erster 
Linie CDU/CSU-Anhaengern verdankt.


Das fehlende Profil der FDP zeigte sich auch bei der 
Bewertung der Parteien. 
Mit - 0.5 schnitten die Liberalen deutlich schlechter ab 
als die Gruenen (+ 0.5), CDU/CSU (+ 1.4) und die SPD, die 
mit +1.6 den besten Wert erzielte.


3. Vor allem in der Endphase des Wahlkampfes war eine 
starke Personalisierung spuerbar. In der Direktwahlfrage lag 
der Amtsinhaber Helmut Kohl mit 49 % nur knapp vor Rudolf 
Scharping, der mit 44 % ein fuer einen Herausforderer 
aussergewoehnlich gutes Ergebnis erzielte. Bei den 
Popularitaetswerten lagen beide Politiker fast gleichauf: 
Rudolf Scharping erzielte einen Wert von + 0.9, Helmut Kohl 
+ 1.0.

Nach den Daten der Forschungsgruppe Wahlen waren also weder 
das generelle Erscheinungsbild von Union und SPD noch die 
Kandidaten der entscheidende Faktor, sondern vor allem die 
Hoffnung auf den wirtschaftlichen Aufschwung und seine 
Stabilisierung.


4. Im Gegensatz zu 1990 gab es vor der jetzigen 
Bundestagswahl keine klare Praeferenz fuer eine Koalition. 
"Schwarz-Gelb", "Rot-Gruen" und eine "Grosse Koalition" 
fanden etwa bei gleich grossen Waehlergruppen Sympathie.


Quelle: INTERN Nr. 18 / Oktober 1994




©  GLASNOST, Berlin 1992 - 2017