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1997-10-19

Yasar Kemal

Ein unglaublich schmutziger Krieg"

Auszüge aus seiner Rede anläßlich der Verleihung des Friedenspreises der Deutschen Buchhandels

"Auch heute leben - trotz aller Verbote und Versuche, sie seit der Gründung der Republik auszulöschen - viele Kulturen mehr schlecht als recht in Anatolien weiter. Die Republik hatte aus bis heute noch nicht ganz geklärten Gründen all diese Sprachen und Kulturen verboten. Es heißt, die Triebfeder sei das Begehr nach einem Einheitsstaat gewesen, den man mit einem Anatolien der verschiedenen Kulturen nicht hätte gründen können. Die Begeisterung für einen Einheitsstaat äußerte sich dahingehend, die türkische Kultur und Sprache zur alleinigen, zur alles beherrschenden Sprache und Kultur zu erheben. (...)

Da seit siebzig Jahren den Kurden das Lesen und Schreiben in ihrer Sprache verboten war, griffen sie gezwungenermaßen zur mündlichen Dichtkunst, schufen große Sagen, Märchen, Volks- und Klagelieder. Es entstand eine sehr reiche Volksdichtung, in der sie die Macht des Wortes im Rahmen der mündlichen Dichtkunst benutzten und dies fortentwickelten. Unbemerkt sogar von vielen kurdischen Intellektuellen, so daß eine umfassende Sammlung dieser Folklore bisher nicht stattgefunden hat. An türkischen Universitäten gibt es auch heute noch kein Institut für kurdische Sprache, Folklore und Literatur. (...)

Für ihre Sprache und Kultur begehren die Kurden auf. Die Antwort der Regierung: ,Geben wir erst eurer Kultur und Sprache die Freiheit, verlangt ihr auch noch die Unabhängigkeit. Es geht euch doch nur darum.` Und seit zwölf Jahren findet ein unglaublich schmutziger, grausamer und sinnloser Krieg statt, dessen Ende noch gar nicht abzusehen ist. (...)

Durch diesen Krieg wurde die Türkei zutiefst verletzt. Mit ihr die von uns für demokratisch gehaltene Staatslenkung. Sie weiß nicht ein noch aus, steht kopflos da. Die Welt kennt unsere Lage besser, als wir sie kennen. Aber auch die sich für Menschenrechte einsetzende Welt ist verletzt worden. Auch die Partner der Türkei sind bestürzt. Sie wollen bestimmt nicht mit so einer Situation konfrontiert bleiben.

Die Demokratie ist ein Ganzes. Sie muß für die ganze Menschheit gelten. Und alle echten Demokraten müssen den Menschen, die - wo auch immer - in einer Demokratie leben wollen, die für Demokratie kämpfen, mit allen zur Verfügung stehenden Kräften helfen."

TAZ Nr. 5360 vom 20.10.1997, Seite 3




 




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