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1995-05-08

Totalitäre Ideen haben heute bei den meisten keine Chance - Rede des Bundespräsidenten anläßlich des 50. Jahrestages zum Kriegsende (Auszüge)

Roman Herzog

In seiner Rede zum 8. Mai sagte Bundespraesident Roman Herzog u.a. folgendes:

"... Die Deutschen wissen auch heute noch sehr wohl - heute vielleicht sogar deutlicher als vor 50 Jahren -, dass ihre damalige Regierung und viele ihrer Vaeter es gewesen waren, die fuer den Holocaust verantwortlich waren und Verderben ueber die Voelker Europas gebracht hatten, und die meisten von ihnen leiden noch heute darunter, auch wenn sie ihre eigenen Leiden ebenfalls nicht vergessen haben...

Ueber die Ruinen, die Graeber und die Lager hinweg sind uns Deutschen Haende der Mitmenschlichkeit gereicht worden - einzelne zunaechst, trotz des Verbots der Fraternisation. Ueber den Ozean kam die erste humanitaere Hilfe, die nicht nach 'schuldig' oder 'nichtschuldig' fragte; noch heute koennen viele von uns das Wort CARE nicht hoeren, ohne tief bewegt zu sein. Der Marshall-Plan, eine der groessten politischen wie humanitaeren Taten der Menschheitsgeschichte, auf ganz Europa berechnet, hat auch Deutschland nicht ausgeschlossen...

Damals wurden neue Grundlagen fuer das Zusammenleben der europaeischen Voelker gelegt... Die Deutschen ihrerseits haben die Chance, die ihnen geboten wurde, auf eine sehr bewusste und verantwortungsvolle Art genutzt. Gewiss: ihre erste Sorge galt dem Bestreben, aus Hunger und Elend herauszukommen und sich wieder ein Dach ueber dem Kopf zu schaffen, und daraus ist - ganz allmaehlich - ein Wiederaufbau geworden, fuer den spaeter das Wort "Wirtschaftswunder" erfunden wurde. Aber das allein war es nicht. Im Zuge und im Gefolge des Wiederaufbaus gelang die Integration von Millionen Fluechtlingen und Vertriebnen in ihrer neuen Heimat...

Dieses Deutschland ist anders geworden, als es zu Zeiten des Kaiserreiches und der Weimarer Republik und erst recht unter dem Nationalsoz- ialismus gewesen war. Es hat in dieser Frage keine deutsche Revolution gegeben, aber ein fundamentales Umdenken. Totalitaere, ja auch nur au- toritaere Ideen haben heute bei der erdrueckenden Mehrheit der Deutschen keine Chance, und seit sich die Deutschen in den oestlichen Laendern in einer unblutigen Revolution selbst befreit haben, hat sich das noch entscheidend vertieft...

Die Westeuropaer haben in diesen mehr als 40 Jahren gelernt, dass Interessengegensaetze zwischen ihnen zwar fortbestehen moegen, dass aber keiner von ihnen es wert ist, mit militaerischen Mitteln ausgetragen zu werden... Ich will wahrhaftig nicht behaupten, dass Westeuropa auf diesem Wege zu einer Insel der Seligen geworden sei. Dazu sind die Sorgen zu gross, die uns auch hier bedraengen - Arbeitslosigkeit, Wanderungs- und Technologiefragen, Umweltprobleme. Aber eine Insel des Friedens, der Freiheit und des Wohlstandes ist Westeuropa in diesen Jahrzehnten eben doch geworden, und viele Voelker auf der ganzen Welt beneiden uns darum. Wir sollten dafuer dankbar sein...

Wenn es richtig ist, dass Westeuropa seit 1945 zu einer Insel des Friedens, der Freiheit und des Wohlstandes geworden ist, so ist es auch seine Pflicht, anderen dabei zu helfen, dass sie in den Genuss vergleichbarer Entwicklungen gelangen. ... Die Insel muss groesser werden, Stueck fuer Stueck und Land fuer Land. Nur wenn unsere Generation, wenn wir Europaeer das schaffen, sind wir dessen wuerdig, was uns nach dem 8. Mai 1945 geschenkt wurde und was unsere Vaeter in einem Meer von Truemmern und ueber Stroemen von Blut geschaffen haben..."

Quelle: Bulletin Nr. 38 vom 12.05.1995, S. 329ff.




 




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