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1994-05-31

Honecker lebt Friede seinem letzten Atemzug

von Wolf Biermann

 Nicht gedacht soll seiner werden

 Nicht im Liede, nicht im Buche -
 Dunkler Hund im dunkeln Grabe, Du
 verfaulst mit meinem Fluche!

 Heinrich Heine

 Aus geistigem Geiz gerate ich in eine
 Gewissensfrage: Ist dieser hinreissend
 zornige Vierzeiler von Heinrich Heine
 nicht vielleicht doch zu schade fuer
 die banale Gelegenheit Honecker?

 Welcher von meinen treuen alten Feinden
 mit etwas groesserem Kaliber, dachte
 ich, wer koennte der naechste
 Sterbekandidat sein? Womoeglich wuerde
 ich, wenn der endlich auch tot ist,
 mich graemen, weil ich das schoene
 Heine-Zitat mit dem genialen Fluch dann
 schon verschleudert haette,
 verschwendet an einen Riesenzwerg.

 De mortuis nihil nisi bene. Gewiss, ich
 weiss, was jeder weiss: Man soll ueber
 Tote nur Gutes sagen. Mir wuerde gewiss
 auch irgendein kleinkariertes Gutes
 sogar ueber Erich Honecker einfallen,
 ohne dass ich dabei allzu schamlos
 luegen muesste.

 Aber diese Frage stellt sich im
 vorliegenden Falle nicht. Honecker ist
 naemlich gar nicht gestorben. Es steht
 zwar in allen Zeitungen - aber ich
 weiss es besser: Mein Erich ist nicht
 tot.

 Ob der gekreuzigte Wanderrebbe Jesus
 von Nazareth nach drei Tagen aus dem
 Grabe wirklich auferstand, mag man
 glauben oder bezweifeln. Aber das ist
 mir eine graessliche, eine boese
 Gewissheit: Der einstmalige
 Staatsratsvorsitzende der DDR und Erste
 Sekretaer der Sozialistischen
 Einheitspartei Deutschlands, Erich
 Honecker, ist quicklebendig.

 Er, der weder an irgendeinen Gott noch
 an einen Menschen glaubte, dieser
 spiessige machtbesoffene
 Seelenkrueppel, er ist herrlich
 auferstanden, und zwar nicht erst drei
 Tage nach seinem Tode, sondern schon
 vorher. Erich Honecker lebt weiter in
 all den Ossis und Wessis, die sich
 jetzt am Kadaver der DDR maesten. Er
 lebt weiter in Stolpe und Egon Krenz,
 in de Maiziere und Gysi und Hans Modrow
 und Schalck-Golodkowski. Honney - his
 soul goes marchin' on auch in all
 seinen Bonner Gespraechspartnern aus
 der Zeit des Kalten Krieges.

 Honecker lebt weiter im unsterblichen
 Stumpfsinn seiner nostalgischen
 Untertanen. Er lebt im Gebruell der
 Neofaschisten, er lebt in den
 Seilschaften der Altstalinisten.
 Honecker lebt weiter in allen Farben
 der Fremdenfeindlichkeit und der
 Intoleranz.

 Was seine fuehrenden Kader sich
 jahrzehntelang realsozialistisch
 zusammenklauten, das haben sie jetzt,
 im buergerlichen Rechtsstaat, clever in
 kapitalistisches Eigentum verwandelt.
 Der gefuerchtete Parteisekretaer im
 Betrieb ist jetzt der Geschaeftsfuehrer
 und lacht. Die alten Stasiganoven haben
 sich mit den Rittern von der schnellen
 Mark aus dem Westen zu einer Mafia
 verbunden. Sie alle bereichern sich am
 Goldregen der Westmilliarden, sie sind
 ein Bandwurm im Gedaerm der neuen
 Bundeslaender.

 Fuer jede Rolle auf der Buehne des
 grossen politischen Theaters gibt es
 immer mehrere Schauspieler, die sie
 spielen koennten. Die traurige Rolle
 des sowjetischen DDR-Filialleiters
 haette nach Ulbricht gewiss auch
 irgendein anderer welthistorischer
 Fuzzi gespielt. Aber nun war es mal
 dieser analphabetische Dachdecker aus
 dem Saarland, der nie in seinem Leben
 irgendein Dach gedeckt hat.

 Mein Freund Robert Havemann sass,
 nachdem Freislers Volksgerichtshof ihn
 verurteilt hatte, im Zuchthaus
 Brandenburg in der Todeszelle.
 Zufaellig sass er also im selben Knast,
 in dem Erich Honecker als Kalfaktor
 wirkte. Als die Front immer naeher kam,
 als in den letzten Kriegswochen immer
 mehr Haeuser in Potsdam und Berlin in
 Schutt und Asche fielen, da wurden
 Brandenburger Haeftlinge in
 Arbeitskolonnen zusammengefasst und
 unter Bewachung in die Truemmer zu
 Aufraeumarbeiten geschickt. In einer
 solchen Kolonne war natuerlich nicht
 Robert Havemann, denn die Vollstreckung
 des Todesurteils schwebte ueber ihm.

 Havemann erzaehlte mir oft ueber diese
 Zeit - ein romanhaftes Thema. Die
 Haeftlinge hatten begruendete Angst,
 dass sie alle noch kurz vor dem Ende
 der Naziherrschaft von der SS
 umgebracht werden. Von Havemann weiss
 ich, dass ein einziges Mal etwas
 Wunderbares und Aufregendes im oeden
 Parteispiesserleben des Erch Honecker
 passierte: Bei einem dieser Einsaetze
 im zerbombten Berlin gelang es ihm, mit
 Hilfe einer Aufseherin, die sich
 vielleicht in ihn verknallt hatte,
 abzuhauen. Er versteckte sich bei
 dieser Frau und schaffte es, bis zum
 Zusammenbruch der Naziherrschaft
 unentdeckt zu bleiben. So kommt es,
 dass am Tage der Befreiung des
 Zuchthauses Brandenburg durch die Rote
 Armee Erich Honecker nicht dabei war.

 Bei den jaehrlichen Traditions-Treffen
 der ehemaligen politischen Haeftlinge
 dieses Gefaengnisses, die sich "Die
 Brandenburger" nannten, nahmen in den
 Jahren nach 1945 regelmaessig auch
 Robert Havemann und Honecker teil. Aber
 es war ein streng gehuetetes
 Staatsgeheimnis und durfte von keinem
 "Brandenburger" ausgeplaudert werden,
 dass "der allerwichtigste
 Brandenburger, unser Kamerad Honecker"
 am Tage der Befreiung nicht unter den
 Kameraden im Knast Brandenburg war,
 denn er sass ja gar nicht mehr in
 seiner Zuchthauszelle, sondern lag im
 Schlafzimmer seiner Aufseherin.

 Im Grunde laecherlich! Sollten doch
 alle heilfroh sein, dass es wenigstens
 diesem Menschen gelungen war, sich
 selbst zu befreien. Aber dieser
 Alleingang galt als schwarzer
 anarchistischer Fleck auf Honeckers
 roter Parteiweste. Ein
 individualistischer Verstoss gegen die
 Parteidisziplin! Der sonst so
 parteifromme Genosse hatte sich
 davongemacht: ohne Wissen, ohne
 Billigung, ohne Beschluss seiner
 kommunistischen Parteigruppe im
 Zuchthaus. So wurde diese Episode
 seiner politischen Karriere aengstlich
 verschwiegen, obwohl sie in dem
 sinistren Leben dieses Kaderhelden
 wahrscheinlich einer der selten
 intelligenten Momente war, in denen er
 frei und auf eigene Faust etwas
 Vernuenftiges gewagt hatte.

 Am Ende faellt mir doch noch etwas
 Gutes ueber diesen Menschen ein. Er hat
 sich nicht seine Memoiren von einem
 Kretin der Bildzeitung schreiben
 lassen, so wie es sein schwachsinniger
 Kronprinz Krenz nach der Wende tat.

 Honecker kroch ein Leben lang vor der
 Knute des grossen Bruders in Moskau,
 aber vor den Siegern im Kalten Krieg
 kroch er nicht zu Kreuze. Er beharrte
 kindisch auf seinen verwelkten
 Wahnideen. Er hatte natuerlich nicht
 das geistige Format, sich kritisch zu
 sehen. Schon gar nicht fand er die
 moralische Kraft, sich zu wandeln. Er
 besass auch nicht die menschliche
 Groesse, sich zu schaemen, denn er war
 starr, stur, stumpfsinnig und
 stoerrisch. Aber eines war Erich
 Honecker gewiss nicht: ein Wendehals.

 Wenn ich manchmal in den dunklen Jahren
 des Verbots mit meinem frechfroehlichen
 Freund Robert Havemann draussen in
 Gruenheide zusammensass, und wir
 spotteten gelegentlich und schimpften
 ueber eine neue Eskapade unseres
 allmaechtigen Feudalfuerschten im
 Politbuero, dann waren wir selten einer
 Meinung. Ich sagte dann meistens sowas
 wie: Du, der Towarisch Honnakow ist
 schlecht. Aber Robert widersprach: Nee,
 nee, Wolf, der Erich ist dumm.

 Am 1. Dezember 1989 sang ich in Leipzig
 in der eiskalten Messehalle II zum
 ersten Male nach langen Jahren in der
 DDR. Honecker war grad zurueckgetreten
 worden, und das ewig lachende Gebiss
 wurde sein Nachfolger. Krenz versuchte
 als deutscher Gorbatschow, die Kurve zu
 kriegen.

 Ich bin mindestens so rachsuechtig wie
 der getaufte Jude Heinrich Heine. Aber
 an diesem Abend in Leipzig sang ich
 fuer Honecker eine fast christliche,
 eine versoehnliche Strophe in der


 BALLADE VON DEN

 VERDORBENEN GREISEN:

 Hey Honney, du gingst aus

 Gesundheitsgruenden

 Ich glaube dir nichts und auch nicht
 dies

 Die schlimmste Krankheit hattest

 du immer:

 Die stalinistische Syphilis

 Ich hab dich verachtet und hab dich

 gefuerchtet

 Und trotzdem bleibt da ein Rest von

 Respekt

 Es haben dich die verfluchten

 Faschisten

 Elf Jahre in Brandenburg eingesteckt

 Wir wollen dich doch nicht

 ins Verderben stuerzen

 du bist schon verdorben

 genug

 Nicht Rache, nein, Rente

 im Wandlitzer Ghetto

 und Friede deinem

 letzten Atemzug

 Nun ist dieser verdorbene Kommunist so
 tot wie der Kommunismus. Ist er ein
 dunkler Hund im dunkeln Grabe? Es gibt
 zwei irre Saetze aus dem Munde des
 Sozialdemokraten Gustav Noske. Als der
 die Novemberrevolution 1918
 unbarmherzig niederschlug, praegte er
 ein gefluegeltes Wort: "Einer muss den
 Bluthund machen." Als aber sein Kaiser
 abdankte, Wilhelm II., da sonderte
 Noske diesen Satz ab: "Man soll einem
 toten Loewen keinen Fusstritt
 verpassen." Hund oder Loewe, egal - ich
 werde nach dem Kadaver in Chile nicht
 treten.

 Zu DDR-Zeiten haette man im Jargon der
 Herrschenden die Standardfloskel
 gebraucht: Er ist eingeschreint im
 grossen Herzen der Arbeiterklasse. Ich
 sage heute, was jeder weiss: Honecker
 ist eine historische Muecke,
 unsterblich eingeschlossen im Bernstein
 meiner Ballade.


Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), 31.05.1994, S. 33



Erhard Sanio

Replik von: Subjekt: Biermann klebt / von mir, was: Honecker lebt/ Von W. Biermann

Den wohl vernuenftigsten Satz zum Tode Honeckers schrieb
jener Journalist, der bemerkte, dass Nachrufe gerade auf
diesen Verstorbenen in der gegenwaertigen Situation der 
niedervereinigten Deutschlands mehr ueber den jeweiligen 
Verfasser als ueber den Toten aussagen wuerden.
Allerdings ist das wohl bei Nachrufen fast immer der Fall 
- eben dies (neben dem angenehmen Gefuehl, selbst noch am
Leben zu sein) ist ja an solchen journalistischen Grabreden
so lustig.

Der, um den es hier gehen soll - Nachruf wie Autor - ist freilich
eher peinlich als lustig. Das geschriebene Wort - anders als in 
seinen besseren Zeiten das gesungene - war so recht nie die Staerke
Biermanns - zu sehr schien das Aufgesetzte im Pathos, das Schielen
nach dem Applaus in der zur Schau getragenen Emotionalitaet, die
philistroese Betulichkeit in der kraftprotzenden Machogeste durch.
Die Anforderungen an Intellektualitaet und analytischem Verstand,
besonders aber an Selbstdistanzierung, wie sie der Essay stellt,
stehen quer zur Unmittelbarkeit der Selbstdarstellung in Chanson
und Ballade, jener Kunstform, die Biermann zweifellos beherrschte.

Ein richtiger Mann wie Biermann laesst sich nun durch Mangel an Talent 
keinesfalls abschrecken - ohnehin ist es gewiss nicht einfacher, einen
Graphomanen vom Schreiben als einen Trinker von der Flasche fernzuhalten
(man betrachte nur dieses Medium sowie den Autor dieser Zeilen).
Und so zogen die Ausfluesse solcher Unbeherrschtheiten des armen W.B.
eine etwas klebrige Spur durch den Blaetterwald deutscher Publikationen:
von links nach rechts im Laufe der Jahre, genauer von Pardon und konkret
ueber die taz, Frankfurter Rundschau und Zeit sowie den Spiegel endlich
bis in die FAZ.
Es bleibt nur zu hoffen, dass dieses bislang letzte Elaborat wenn schon
nicht einen Nachruf auf Biermanns essayistische Bemuehungen, so zumindest
einen Endpunkt seiner politischen Drift darstellt und man nicht in einigen
Jahren seine stets selbstaehnlichen Rekurse auf seine dahingeschiedenen
Eltern, Freunde, Feinde, Ueberzeugungen und Einnahmequellen in Criticon
oder der Jungen Freiheit finden wird.

Mit der fuer ihn und das Publikationsorgan seiner (womoeglich nicht 
ganz freien) Wahl typischen nonkonformistischen Unerschrockenheit
wirft sich Biermann auf das kontroverse Thema.
Dabei unterlaeuft ihm gleich zu Anfang das erste sprachliche Missgeschick:
er "geraet in eine Gewissensfrage". Dass man in Fragen geraet und Konflikte
sich stellen, gehoert wohl zum vor Kraft nicht mehr gehfaehigen Neudeutsch
des Literaturpreistraegers.
Anstatt aber dort - in der Frage (in welcher er den Part des Fragezeichens
eher denn den des Gewissens haette spielen koennen) und im Clinch mit dem
Sprachstil - zu verweilen und vom Weiterschreiben Abstand zu nehmen, loest
jener seinen Konflikt mit dem fuer ihn so typischen mannhaft-entschiedenen
Sowohl-als-auch. Si tacuisses .. so siehste aus.
                                                             
Biermann ringt mit sich naemlich in epischer Breite darueber,
ob er den von ihm zitierten Vierzeiler Heines zur Schmaehung
Honeckers missbrauchen soll oder nicht - nicht anders, als wuerde
ich meinen Konflikt oeffentlich ausbreiten, ob ich Biermann nun
einen eitlen opportunistischen alternden Schlagersaenger nennen
oder dem gaenzlich unwichtigen alten Mann sein Gnadenbrot aus der
FAZ-Redaktion goennen soll.
Diese Methode der Herabsetzung (das umstaendliche und oeffentliche
Raesonieren, ob man nun Herrn X ein Arschloch nennen soll) ist so
abgedroschen, dass sie ihren Weg schon in StGB-Kommentare zu Ehrver-
letzungsdelikten gefunden hat. Wie so vieles ist sie Biermann nicht
zu peinlich.

Schliesslich findet W.B. aus der "Gewissensfrage" mittels der im
Essaytitel vorweggenommenen Behauptung, Honecker lebe fort.
Und zwar selbstverstaendlich in allem, was in Ost und West boese und
schlecht ist, in Neonazis und Altstalinisten, den dummen Ossis, einer
Mafia von geschaeftstuechtigen Stasis und gierigen Wessis, jenes
"Bandwurms im Bauch der neuen Bundeslaender", der schuld hat an deren
Problemen, nicht etwa die Niedervereinigungspolitik, Inkompetenz und
Grosstuerei der Regierung Kohl und ihrer Erfuellungsgehilfen und
Schoenredner, zu denen sich Biermann hier nicht zum ersten Mal gesellt.
Der schon zu Lebzeiten angeblich auferstandene Honecker spielt dabei die
Rolle des Oberteufels jenes Pandaemoniums, das nichts auslaesst, was man
ohne Risiko einer Missbilligung durch Kohl-Regierung oder FAZ-Redaktion
mutig kritisieren kann.

Nun ist ja gegen Polemik nicht einmal soviel einzuwenden, wenn sie
gut geschrieben und gedanklich konsequent durchgehalten wird. Leider
trifft hier keines von alledem zu. Nachdem die Platitueden ueber dumme
Ossis und boese Stasis verpufft sind, faellt Biermann zum angeblich
wiederauferstandenen Staatsratsvorsitzenden nichts mehr ein - doch fehlt
ihm der Anstand (oder braucht er zu noetig das Zeilenhonorar), um daraus
die Konsequenzen zu ziehen und aufzuhoeren. Ohne Einsehen mit dem gequaelten
Leser wechselt er unvermittelt das Thema und versucht sich daran, noch ein
wenig Schmutz auf Honeckers Biographie zu werfen, des "analphabetischen
Dachdeckers, der nie in seinem Leben irgendein Dach gedeckt hat".

Er moechte damit darauf anspielen, dass Honecker seinen Beruf wohl nicht
ausgeuebt hat, sondern nach der Lehre als KPD-Funktionaer taetig war, was 
allerdings wohl auch etwas mit der damals ausbrechenden Krise und den 
nicht besonders guten beruflichen Chancen kommunistischer Arbeiter zu
tun gehabt haben duerfte. Aber auch darueber hinaus faellt der geworfene
Schmutz auf den Werfer zurueck. Dass Honecker Analphabet gewesen sein soll,
dafuer fehlt jeder Beleg. Und schon dadurch, dass er eine Lehre absolviert
hat (gerade in jenen spaeten zwanziger Jahren), ist sicher, dass er mehr
als ein Dach gedeckt hat, da zu jener Zeit Lehrlinge zuallererst billige
Arbeitskraefte waren. Das passt zwar nicht in die Linie des Blattes mit
dem langweiligen Layout, haette aber als triviales Faktum aus dem Arbeits-
leben auch einem Exkommunisten bekannt sein koennen.

Biermann laesst es damit nicht genug sein. Er kolportiert noch, dass
Honecker nach Erzaehlungen "seines Freundes Robert Havemann" kurz vor
Kriegsende aus dem Zuchthaus Brandenburg entkommen sei, und zwar mit
Hilfe einer Waerterin. Er benutzt diese wenig interessante Anekdote
fuer einige weitere Invektiven - man darf sich fragen, was "sein Freund
Robert Havemann" von derlei Klatschjournalismus gehalten haette.
Nun wenn schon: Im Knast hat E.H. immerhin jedesmal keine so schlechte
Figur gemacht. Und die Justizposse, die er aus dem pathetischen Abrech-
nungsversuch der Sieger machen konnte, war durchaus eine recht gelungene
Vorstellung, was Biermann - als Kollege im Showbusiness - immerhin haette
eingestehen koennen, so ihm das Format dazu nicht abginge.

Nur sagt das Ganze wenig darueber, ob oder dass "Honecker lebt". Es
demonstriert jedoch, wie wenig der real existierende Biermann noch
lebt. Mit einer gehoerigen Portion schlechtem Gewissen gesteht er
schliesslich Respekt fuer Honeckers "kindischen Starrsinn" ein, mit
dem der "vor den Siegern im Kalten Krieg nicht zu Kreuze" gekrochen sei.

Biermann ist das Thema offenkundig nicht angenehm. Wenn er von 
Eigenschaften schreibt, die er Honecker abspricht, naemlich dem
"Format, sich kritisch zu sehen" oder der "moralische(n) Kraft,
sich zu wandeln", klingt das sehr nach Selbstrechtfertigung. Die 
"menschliche Groesse, sich zu schaemen", fehlte und fehlt wohl
nicht bloss Erich Honecker, der - hier ist Biermann zuzustimmen -
gewiss kein Wendehals war. Biermann unterscheidet sich in dieser 
Beziehung von dem von ihm beschimpften Krenz insoweit, dass er
seiner Zeit voraus war: ein Vorwendehals sozusagen. Mit Format und
moralischer Kraft wandelte er sich kontinuierlich weiter in Richtung
der Wertvorstellungen seiner honorarzahlenden und Preise verleihenden
Sponsoren. Honi soit qui mal y pense: Ein starrer Honni sei, wer
Boeses drueber denkt.

Gegen Ende seines Artikels ist dem Autor das Thema eines angeblich
fortlebenden Honecker endgueltig entglitten. Immerhin erspart er
diesmal dem Leser, den an Biermann gaenzlich unschuldigen Villon
oder seinen verstorbenen kommunistischen Vater zu beschwoeren bzw. 
in ueblicher nicht ganz geschmacksfester Manier im Traum erscheinen
zu lassen. Dafuer sei ihm gedankt.

Stattdessen schwelgt er leicht senil abschweifend in  Erinnerungen
an "seinen Freund", den toten oppositionellen Kommunisten Robert
Havemann. Und am Ende kann er dem Leser nicht einmal das Zitat
aus seiner "Ballade von den verdorbenen Greisen" ersparen, in der
er Honecker einen friedlichen letzten Atemzug in Wandlitz gewuenscht
hatte. Damals - im Dezember 1989 - gab es die (Nachwende-)DDR noch
und Biermann hatte noch ein Publikum. Tempora mutantur.

Dass "Honecker lebt", wie im Titel behauptet, ist schon vergessen:
"  Nun ist dieser verdorbene Kommunist so tot wie der Kommunismus."
.. so sehr tot oder so wenig wie der so plakativ und kaum glaubwuerdig
vom FAZ-Autor W.B. als "Freund" vereinnahmte oppositionelle Kommunist
Havemann - und der oppositionelle Kommunist Biermann.

Das Totsagen oppositioneller Ideen war stets ein vordergruendiges Anliegen
siegreicher Gegenrevolutionen - egal ob 1815, 1849, 1919 oder 1933. Der
"bekehrte" Exrevolutionaer als Kronzeuge der Sieger spielte dabei stets
eine haesslichere Rolle als noch die Repraesentanten der "verdorbensten"
emanzipatorischen Bewegungen. Auch der Zorn ueber die Entartung des Bona-
partismus laesst das Uebergehen auf die Seite der Heiligen Allianz nicht
minder veraechtlich erscheinen - dass ihnen derlei nie auch nur in den Sinn 
gekommen waere, scheidet die Villon, Buechner und Heine mehr noch als der
himmelweite Unterschied an literarischer Kraft und Qualitaet von dem sich
stets geschwaetzig mit ihnen auf eine Stufe stellenden Biermann.

So geraet die nachrufende Beschimpfung des verschiedenen Kontrahenten
zum Abgesang auf das Lebenswerk jenes Biermann, der sich mit Recht als
Freund Havemanns und anderer Oppositioneller bezeichnen konnte, denen
aber die Spalten der FAZ im allgemeinen nicht offenstanden.

Der real existierende Biermann scheint den Ueberblick ueber den Artikel
endgueltig verloren zu haben - dass er bloss die Auffassungsgabe der Leser
testen wollte, dazu fehlt ihm dann doch - in seinen eigenen Worten - das
"Format, sich kritisch zu sehen". Bar jedes Selbstzweifels schreibt er:
".. egal - ich werde nach dem Kadaver in Chile nicht treten."
Soso, und was war der gesamte Nachruf?

Jener Artikel von und mit dem verdorbenen Greis Wolf schliesst mit einer
Selbstbeweihraeucherung:
"Ich sage heute, was jeder weiss: Honecker ist eine historische Muecke,
 unsterblich eingeschlossen im Bernstein meiner Ballade."

Und so bluehen die Metaphern ueber den Kadaphern und furchtsam reimt sich,
wer oder was nicht vom boesen Wolf gefressen oder - schlimmer noch - in
einer seiner Balladen "unsterblich eingeschlossen" werden mag.

>(F.A.Z Feuilleton, Di., 31. Mai 1994, Seite 33)   

USENET Feuilleton, Di., 6. Juni 1994

"Politisch stand Biermann stets in der Naehe einer Fernsehkamera"
                                                       (Wiglaf Droste)

regards, es


Quelle: de.soc.politik




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