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1994-11

Biermann, Broder zu Gysi und Offener Brief an Biermann von A. Hrdlicka

Dokumentarische Zusammenfassung zur Debatte um Gysi

Biermann nennt Gysi einen Verbrecher

In einem Interview mit der deutschen Presse-Agentur nannte Biermann Heym einen "aufsaessigen Feigling", der sich "theatralisch" weigert, im Bundestag neben einer relativ unwichtigen Stasi-Mitarbeiterin zu sitzen, dafuer aber "schamlos auf dem Schoss des Spitzels Gysi, der ein Verbrecher ist in meinen Augen, hundertprozentig, und nicht mit lumpigen 99,9 Prozent."

Biermann sagte, er moechte nicht, dass ein Mann wie Gysi "Gesetze beschliesst, unter denen ich leben muss". Wenn er zynisch waere, sagte der Liedermacher, wuerde er sich freuen, dass "so ein Scheissverein wie die PDS einen solchen Heuchler an der Spitze hat.". Dagegen finde er es schade, "dass so ein auf- saessiger Feigling wie Heym, der unterm Strich doch zu den besseren Leuten gehoert", sich mit diesen Menschen einlasse. "Er ist gar kein grosser Held, aber er muesste ja nun nicht als Schwein enden - mit dem Gysi im Bett. Das darf man nicht machen, aber das ist der Fluch der Eitelkeit."
Heym habe immer auf der richtigen Seite gestanden, "aber er war auch immer ein grosser Feigling". Die Angst vor den Herrschenden in der DDR sei begruendet gewesen, "das war auch erlaubt". Schlimm sei nur die Heuchelei - "sich heute als Drachentoeter darzustellen, waehrend er sich gleichzeitig vor jedem Hund in die Hose geschissen hat".

Quelle: CL-Netz, zitiert nach FAZ, 22.11.94




OFFENER BRIEF an Wolf Biermann

von A. Hrdlicka

Dein Vokabular ist massgeschneidert, - was Dich betrifft! "Arschloch!" - "Verbrecher" - DU bist ein Arschkriecher - ein Trottel! Du tust genau das, was Du anderen andichtest, Du Dichterling! Wen immer Du auch denunzierst, der soll sich selbst zur Wehr setzen, nicht meine Sache. Deine Anbiederei an die Maechtigen, an die Herrschenden ist zum Kotzen! Das Schicksal Deiner und meiner Angehoerigen wollen wir einmal weglassen. Wichtigtuerei mit etwas, was man nicht selbst erlitten hat, ist nicht am Platz. Du willst mit keinen Gesetzen leben, die Gysi beschliesst?! - Ich wuensche Dir die Nuernberger Rassegesetze an den Hals, Du angepasster Trottel! -

Ich glaube, es war 1976, da bist DU ueber Spanien nach Wien eingereist und hast mir anvertraut, Mitglied der spanischen KP zu sein. Die DKP war Dir nicht schick genug, meinetwegen. Meine Reaktion: WAraum? Der Sozialismus ist ohnehin eine verlorene Sache, und Du warst daraufhin stocksauer. Michael Lewin hat in Wien im Konzerthaus eine Veranstaltung organisiert. Um die Stimmung in der gelichteten Linken aufzuheizen, gabst Du Dich ein wenig exotisch, melancholisch kokett hast Du in die Saiten gegriffen... - Das war in den achtziger Jahren. Devise Deiner Selbstinszenierung: Du kommst aus dem "anderen Deutschland" - sprich: aus der DDR, und so hast Du etwas Eigenwilliges zu sagen und zu singen. An Deine Imagepflege von damals will ich Dich sachte erinnern, Du Opportunist! Jder, der sich einigermassen politisch betaetigt in diesen Breiten, hat etwas mit der Staatspolizei zu tun. - Ich auch! Und man kann sich doch nicht so bloed stellen, als koennte man nicht alles daraus konstruieren, Du 100%iger Schwachkopf! Erlebtes Zusammenleben: Ich bin 66. Und vor genau 60 Jahren, im Februar 34, habe ich erfahren, was Staatspolizei heisst: Austrofa- schismus, Hausdurchsuchung, Verhaftung, dann kamen die Nazis, die ich bewusster erlebt habe als Du, denn ich bin um acht Jahre aelter. Was die PDS Dir antut, Du Volltrottel, moechte ich eigentlich wissen. Du bist ein derart schamloser Opportunist, dass ich mich heute schaeme, als ich z.B. eine Schallplatte von Dir mit dem Song "In China hinter der Mauer" in die DDR geschmuggelt habe, zu Haenden Herrn Schmidt, Generaldirektor der Dresner Museen. Eine Schallplatte ueberklebt mit "Ludwig van Beethoven", die Neunte oder Siebente - ich weiss es nicht mehr ... Gewiss keine Heldentat, aber immerhin eine Hommage! -

Damals warst Du ein Widerstaendler, heute bist Du ein Arschkriecher! Hol Dich der Teufel ...

Quelle: Neues deutschland, 24.11.1994




Ein Beitrag zur Hrdlicka-Debatte

Von Henryk M. Broder

Stellen wir uns einmal, nur zum Spass, den folgenden Fall vor; Ein rechter deutscher Politiker sagt an die Adresse eines juedischen, nachdem dieser sich abfaellig ueber die Auslaenderpolitik seiner Partei geaeussert hat: "Sie wollen nicht mit den Asylgesetzen leben, die der Bundestag beschliesst? Ich wuensche Ihnen die Nuernberger Rassengesetze an den Hals!" - Wie lange wuerde es dauern, bis dieser Politiker alle seine Parteiaemter loswaere, seine Partei sich von ihm distanziert, die gesamte deutsche Oeffentlichkeit seine Worte verurteilt haette? Wahrscheinlich keine 24 Stunden. Und kein Mensch wuerde es heute wagen, des PoIitikers Meinung durch schraege Interpretationen zu rechtfertigen. Die Sache nimmt einen vollkommen anderen Kurs, wenn es sich nicht um einen rechten Politiker, sondern einen antifaschistischen Kuenstler handelt. Alfred Hrdlicka wuenscht Wolf Biermann die Nuernberger Rassengesetze an den Hals, und das halbe deutsche Feuilleton steht auf, um Hrdlicka - nicht Biermann - beizustehen. Das Feuilleton der SZ ist gleich mit zwei Beitraegen dabei, Sigrid Loeffler, die sich eben noch den Kopf darueber zerbrochen hat, ob Spielberg den Holocaust nicht verharmlost hat, nennt Hrdlickas Worte eine,,missverstaendliche Entgleisung ,fuer die er sich deswegen nicht entschuldigen mag, weil sein Kopf "wodkabenebelt" ist. Ja, mit ein wenig guten Willen und einem Pusteroehrchen, wie sie die Polizei zu Alkoholtests verwendet, koennte man auch die bekannte Stuermer-Parole "Die Juden sind unser Unglueck" in den Rang einer Zweideutigkeit befoerdere, die man so, aber auch so auslegen kann, zumal auch Julius Streicher gerne einen Ueber den Durst getrunken hat.

Alkoholisierte Antifaschisten

Waehrend bei Unfaellen unter Alkoholeinfluss die selbstverschuldete Benebelung strafverschaerfend gewuerdigt wird gilt bei einem "Antifaschisten mit alkoholisiertem Antlitz" (Malte Lehming) der Suff als ein mildernder Umstand. Konsequenterweise koennte man eine Promillestaffel aufstellen: bis O,5 Promille ist "Saujud" ein zaertliche Anmache, von 0,5 bis 1.0 Promille gilt "Haut doch ab Palaestina" als ein Vorschlag fuer eine Urlaubsreise, und wer von 1,0 Promille aufwaerts "Juda verrecke!" bruellt provoziert allenfalls ein Missverstaendnis. So hat es auch seine innere Richtigkeit, dass Frau Loeffler den Skandal nicht bei Hrdlicka lokalisiert, sondern bei denjenigen, die ueber den Fall berichtet haben, selber frei nach Karl Kraus, der mal gesagt hat: "Der Skandal faengt da an, wo die Polizei ihm ein Ende macht." Auf der medialen Strecke bleibt das "rabiate Enfant terrible", der "Salon-Berserker' Hrdlicka, dem offenbar die Tatsache, dass ihm die Mittel fehlen, seinen Ruf nach den Nuernberger Rassengesetzen praktisch umzusetzen, als ein weiterer mildernder Umstand angerechnet wird, Ein "Antifaschist' darf sogar nach den Nuernberger Gesetzen schreien, er ist und bleibt ein Verbuendeter der salonlinken Foerderation der Guten und Edlen, die sich dem "politisch korrekten Tugend-Terror" (Loeffler) in den Weg stellen, wenn sie nicht gerade damit beschaeftigt sind, Resolutionen gegen den drohenden Rechtstrend zu unterschreiben.

Linke Nazis

Zwei Tage nach Loeffler hat sich auch Eva-Elisabeth Fischer mit ihrem Beitrag (,Die neue Farbenlehre") zu Wort gemeldet. Auf meine Feststellung, Hrdlicka sei ein "linker Nazi", und auf Kommentar von Ignaz Bubis ueber "Rotlackierte Nazis" stellt Frau Fischer die Frage: "Haben die Herren... all ihr historisches Wissen fahren lassen? Wie, bitteschoen, verwandelt sich ein Ultralinker in einen Nazi, also einen Ultrarechten?"' Ein linker Nazi" meint Frau Fischer, waere doch ein Widerspruch in sich selbst'.

Ein Widerspruch in sich selbst liegt also nicht da vor, wo ein erklaerter "Antifaschist" einem Juden die Nuernberger Gesetze an den Hals wuenscht, er stellt sich erst dann ein, wenn dieser "Antifaschist". ein linker Nazi genannt wird. Da geraet Frau Fischer ins Gruebeln. Wie kann der Mann ein "Ultrarechter" sein, wo doch ein anerkannter "Ultralinker" ist?

Der Frau kann geholfen werden. Seit 1945 ist der Nazismus kein Verein, keine Partei, keine Wanderbewegung. Er ist ein Geisteszustand oder eine Geistesverwirrung, in jedem Fall das, was der Brite "a state of mind" nennt. Die einen feiern Fuehrers Geburtstag, den anderen fallen automatisch die Nuernberger Gesetze ein, wenn sie einem Juden ein Verhaengnis an den Hals wuenschen. Dieser "state of mind" ist von einer politischen Haltung vollkommen unabhaengig. Hrdlicka ist ein Nazi, weil er sich zu der Rassenpolitik der Nazis, dem Herzstock der nationalsozialistischen Philosophie, bekennt und er ist ein linker Nazi, weil er sich selbst fuer einen Linken haelt. Es gibt keinen Grund, diese SeIbsteinschaetzung fuer verkehrt zu Der Nationalsozialismus war auch eine Variante des Sozialismus, es gab in der NSDAP einen linken Fluegel, und viele. Massnahmen des Nationalsozialismus, von der Arbeitspolitik bis zur kollektiven Urlaubsgestaltung, wurden von realsozialistischen Staaten uebernommen. Kurzum "Links" und "Nazi" schliesst sich ebenso wenig aus wie "reich" und "Sozi".

Interessant und aufschlussreich an diesem Fall ist weniger der "Antifaschist" Hrdlicka, dem man in der Tat zugute halten koennte, dass er nicht weiss, wovon und worueber er redet, interessant und aufschlussreich sind seine Exegeten und Apologeten. Nicht, einmal Hrdlickas Feststellung, Heym, Gysi und Biermann wuerde "im rassisch selben Boot" sitzen, hat sie irritiert.

Wir sind Alfred Hrdlicka zu Dank verpflichtet. Ohne seine Initiativen wuerden wir uns ueber den real existierenden Antifaschismus noch immer Illusionen machen.

Quelle: Süddeutsche Zeitung, 11.01.1995


 




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