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Beiträge zur Politik  









Werner Seppmann

Leben in der Risikogesellschaft


Nach seinem Sieg im "Wettkampf der Systeme" hat der Kapitalismus die Selbstbeschränkungen abgestreift, die ihm in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch gewerkschaftliche Kämpfe und erzwungene Rücksichten auf den sozialistischen Block auferlegt waren. Ein neues Akkumulationsmodell, das der Profitmaximierung wieder unbedingte Priorität einräumt, nimmt Konturen an: "Das Kapital hat der Arbeiterklasse den Krieg erklärt – und gewonnen.“ (L. Thurow) Den "neoliberalen“ Akteuren ist es gelungen, den aus ihrer Sicht sozialstaatlichen "Ballast“ zu minimieren und "die Grundlagen einer normal funktionierenden kapitalistischen Marktwirtschaft wiederherzustellen, wieder 'normale‘ Profitraten und Renditen zu erzielen, der Aufmüpfigkeit der Arbeiter Herr zu werden, die zu große Macht der Gewerkschaften zu brechen“. (A. Gorz) Die Umsetzung ihres Programms hat eine Dynamik der sozialen Widerspruchsentwicklung in Gang gesetzt, die zu Formen der Ungleichheit und Benachteiligung geführt hat, die zumindest im "sozialpartnerschaftlichen“ Kapitalismus als überwunden galten.
 
Immer deutlicher sprechen die nackten Tatsachen für die Gültigkeit der Marxschen Analyse des Kapitalismus als System der Krisen und sozialen Gegensätze. Eine unübersehbare Polarisierungsdynamik prägt das soziale Geschehen: Die Ausbreitung von Arbeitslosigkeit und Armut bei gleichzeitiger ungehemmter Reichtumsentwicklung spaltet die Gesellschaften. Ein immer größer werdender Bevölkerungsteil ist einer zunehmenden Unsicherheit ausgeliefert. Mehr als Zweidrittel der abhängig Beschäftigten war im letzten Jahrzehnt mehr oder weniger lange (und vielfach mehrfach) arbeitslos! Trotz der Versprechungen einer mikroelektronisch fundierten "Neuen Ökonomie“, haben sich die sozialen Verhältnisse nicht zu ihrem Vorteil verändert. Die technologischen Entwicklungen und sozialen Umwälzungen bieten zwar den Wendigen und Anpassungsfähigen neue Chancen, jedoch ist in allen marktradikalen Ökonomien unverkennbar, dass "die gesamtwirtschaftliche Entwicklung ... bisher wesentlich mehr Verlierer als Gewinner kennt." (E. Luttwak)  

Alte Risiken und neue Chancen

Lebendige Arbeit ist immer noch die Basis des ökonomischen Geschehens – sie wird aber im geringeren Umfang und selektiver als bisher in Anspruch genommen. Denn durch die Neuorganisation der internationalen Arbeitsteilung sind dem Kapital technische Ressourcen ebenso wie Wissen und Arbeitskräfte weltweit verfügbar. Weil sich dadurch das Konkurrenzverhältnis zwischen den Arbeitskraftanbietern globalisiert hat, erleben viele Menschen die sozio-ökonomische Veränderungsdynamik als existentiellen Anpassungsdruck der ihre individuellen Lebensperspektiven in Frage stellt; sie sind "Kontingent“ und "vieldeutig“ geworden. Jedoch resultiert aus dieser Unbestimmtheit und Vielgestaltigkeit nicht der von den sozialtheoretischen Legitimationsrednern behauptete "Individualisierungsschub“ im Sinne einer kontextunabhängigen Gestaltbarkeit der Biographie. Denn diesen "neuen Freiheiten“ haftet durch die gleichzeitig mitgesetzte Unsicherheit etwas zwanghaftes an; die Individuen sind um den Preis des sozialen Scheiterns gezwungen, etwas "neues“ auszuprobieren, ausgetretene Pfade zu verlassen und unkalkulierbare Risiken einzugehen. Tatsächlich kann, wer über technische oder organisatorische Fertigkeiten verfügt, die gerade gefragt sind, ein überdurchschnittliches Einkommen realisieren. Für die weniger Glücklichen, denen keine privilegierte Positionierung in der "Neuen Ökonomie“ gelungen ist, hat jedoch eine "untypische“ Berufsbiographie im unmittelbaren Wortsinne ihren Preis: Viele der "flexiblen“ Beschäftigten werden niedriger entlohnt als es bisher für vergleichbare Tätigkeiten üblich war. Sehr häufig ist die soziale Absicherung schlechter, sind die Arbeitsbedingungen ungünstiger. Diese Konsequenzen entsprechen den Absichten der organisatorischen Veränderungen im Risikokapitalismus: Wo es möglich ist, werden qualifizierte Arbeitsplätze mit einer gefestigten Tarifstruktur abgeschafft, um an der Firmenperipherie mit billigeren Beschäftigten neu etabliert oder ganz ausgegliedert zu werden.

Galt unter der Maxime einer "schlanken Produktion" dieses Konzept zunächst für den industriellen Bereich, mit der Konsequenz, dass sich um einen "hochentlohnten" Kern von Beschäftigten eine breite Zone mit extrem belastenden, niedrig entlohnten und sozial unsicheren Arbeitsverhältnissen geschaffen wurden, werden nach diesem Schema nun auch die Personalkosten in den Finanz- und Dienstleistungsbereichen minimiert. Ein Teil der durch Übernahmen und Fusionen im Bankgewerbe erwarteten "Synergieeffekte“ sollen durch kostensenkende Stellenstreichungen realisiert werden. Eine mindestens genau so große Einsparung soll jedoch durch eine systematische Dequalifizierung der Arbeitsplätze erreicht werden: Den vernichteten Arbeitsplätzen stehen neue Erwerbsmöglichkeiten in den Investmentabteilungen und den "Call-Centern“ der Direktbanken gegenüber, die meistens schlechter bezahlt und unsicherer, vor allen Dingen jedoch aufreibender, reglementierter und leistungsbetonter sind. An diesen Arbeitsplätzen ist die schon seit längerem prognostizierte "Industrialisierung“ von Bürotätigkeiten Wirklichkeit geworden. Es wird vermutet, dass diese Jobs möglicherweise jenen, die es früher schwer hatten überhaupt Arbeit zu finden, einen Einstieg ermöglichen. Aber sie bedeuten regelmäßig einen Abstieg für Beschäftigte, die zuvor eine qualifizierte und sichere Stelle hatten.

Als eine neue Chance beruflicher Etablierung werden Betätigungsfelder für vagabundierende Arbeitskräfte angesehen, die kurzfristig anfallende Aufgaben wahrnehmen und vorübergehend mit ihren speziellen Fähigkeiten bestehende Teams unterstützen. Solange durch den schnellen Wandel in der "Neuen Ökonomie“ immer wieder Probleme auftauchen, die mit dem eigenen Personal nicht bewältigt werden können, besitzt diese Modell für qualifizierte "Einzelkämpfer“ sicher große Attraktivität, verspricht es doch Zeitautonomie und überdurchschnittliches Einkommen. Jedoch ist das nur eine Momentaufnahme, die verdeckte Risiken ausblendet. Denn bei veränderten Nachfragestrukturen und Qualifikationsanforderungen befindet sich der privilegierte Freischaffende sehr schnell in der Lage des traditionellen Heimarbeiters oder Tagelöhners, der sich ohne Schutzrechte und ohne verlässliche Absicherung durchs Leben schlagen muss.

Die 24-Stunden-Gesellschaft

Während in den soziologischen Lehrbüchern noch immer das Trugbild einer pflichtvergessenen "Freizeitgesellschaft“ verbreitet wird, vergrößert sich für die meisten Menschen der zeitliche Aufwand um die materielle und soziale Reproduktion zu gewährleisten: Die Arbeitszeiten werden in vielen Branchen (oft ohne finanzielle Entschädigung) verlängert und um seinen Arbeitsplatz zu erhalten oder einen neuen zu bekommen werden immer längere Fahrten zum Arbeitsplatz in Kauf genommen. Intensiver ist im Berufsleben der Einsatz von Lebensenergie, von Aufmerksamkeit, Konzentration und Kreativität geworden: Durch einen radikalen Arbeitsplatzabbau erhöhen sich die Anforderungen an den Einzelnen, immer öfter müssen personelle Lücken und organisatorische Engpässe durch den vermehrten Arbeitseinsatz der übrig gebliebenen kompensiert werden; Mehrfachbelastungen und gesteigerter Erfolgsdruck bestimmen das Berufsleben. Immer seltener gelingt es, nach der Arbeit "ganz abzuschalten“. Darüber hinaus zwingen stagnierende Realeinkommen und nicht selten sogar spürbare Einkommensverluste viele Menschen, trotz der erhöhten Leistungsanforderungen in ihrem Hauptberuf, eine Nebentätigkeit anzunehmen. Statt 8 Stunden müssen nicht selten beide Partner oftmals in mehreren Jobs 10 bis 12 Stunden am Tag und bis zu 6 Tagen in der Woche arbeiten, um den erreichten Lebensstandard zu sichern. Nicht nur in solchen Situationen entsprechen flexible Arbeitszeiten durchaus der individuellen Interessenlage der Menschen, weil sie die zeitliche Koordinierung unterschiedlicher Aufgaben ermöglichen.  
Ein neues Wort macht die Runde, mit dem die Vorstellungen über die radikalisierten Anforderungen an die arbeitenden Frauen und Männer transportiert werden: die 24-Stunden-Gesellschaft. Mit normativem Grundton wird damit der Trend bezeichnet, die Arbeit und damit auch das Leben auf ein Zeitschema ohne Begrenzungen und Rücksichten zu verpflichten. Rund um die Uhr und an allen Wochentagen sollen Dienstleistungen erbracht, soll produziert und administriert werden. Angestrebt ist die Universalisierung der Verfügbarkeit über die Arbeitskräfte, die vollständige Einordnung des menschlichen Lebensrhythmus, in den sich beschleunigenden Kreislauf der Kapitalakkumulation; die soziale Welt soll auf einen Funktionsmechanismus zur Profitmaximierung reduziert und der "ganze Mensch“ in den Selbstverwertungskreislauf des Kapitals integriert werden: "Nicht nur die rationalen, auch die emotionalen Ressourcen sollen – rund um die Uhr – für das Unternehmen genutzt werden. Die Grenzen zwischen individuellen Interessen und denen des Unternehmens, zwischen Arbeitszeit und Freizeit werden damit zunehmend verwischt. Der Mensch soll sich im und für das Unternehmen verwirklichen." (K. Pickshaus)

Um in der Risikogesellschaft zu bestehen, müssen die Menschen sich den Zwängen von Disziplin und Zweckrationalität unterwerfen. Dominant ist der Zwang zur komprimierten Leistung: Immer mehr muss in immer kürzeren Zeiträumen geleistet werden. Die Signatur der "leistungsgesellschaftlichen“ Lebensverhältnisse ist das rast- und maßlose Vorwärtsstreben, welches weder auf die individuelle Leistungsfähigkeit noch auf soziale Folgen Rücksicht nimmt; das Resultat ist sozialer Darwinismus, die Verdrängung von Konkurrenten und den aus der Perspektive ökonomischer Verwertungsinteressen Bedeutungslosen. Durch die soziale Verallgemeinerung der Marktlogik verallgemeinert sich ein Prinzip sozialer Desorganisation und Fragmentarisierung: "Der Markt aggregiert nicht nur, er disaggregiert auch ... Soziale Verknüpfungen ... werden dekomponiert, Solidaritätsbeziehungen ausgedünnt oder ganz gesprengt. Marktvergesellschaftung bedeutet asoziale Soziabilität.“ (S. Breuer)  

Universalisierung des Verwertungshorizonts

Die Intensivierung der Ausbeutung wird jedoch nur noch zum Teil durch traditionelle Mechanismen der Leistungssteigerung und Effizienzkontrolle organisiert. Denn mit industrieller Disziplin alleine ist heute keine kapitalistische Wirtschaft mehr zu organisieren. Es müssen "Freiräume“ geschaffen werden, in denen die Kreativität der Arbeitenden sich entfalten und unkonventionelle Lösungen für die schnell sich wandelnden Aufgabenkomplexe gefunden werden. Autoritative Lenkungsmethoden stoßen immer öfter an Grenzen, die durch die kapitalistische Konkurrenzdynamik selbst entstanden sind. Mit der Herstellung eines Produktes nach definierten Vorgaben alleine, ist auf vielen Märkten ein kontinuierlicher Verkaufserfolg nicht mehr gewährleistet. Erwartet werden Serviceleistungen, zu denen unter anderen die Anpassung des Produktes an die Bedürfnisse und Vorgaben des Kunden gehören. Diese Konstellation führt zweifellos zu einer zusätzlichen Vergrößerung der Handlungsspielräume im Arbeitsleben. Doch wird auch diese Tendenz zum selbstbestimmten Handeln mehrfach gebrochen und umgeleitet; auch diese Freiräume bleiben an die betrieblichen Effizienz- und Profitvorgaben gebunden. Verschleiert wird die reale Abhängigkeit jedoch durch die strategischen Versuche des Kapitals die Leistungsstandards durch neue Formen der Selbstkontrolle und Selbstdisziplinierung der Arbeitenden sicher zu stellen. Der organisatorische Hebel dazu ist die Verallgemeinerung "unternehmerischen Denkens“ bis an den letzten Arbeitsplatz und bis in den Kopf des letzten Beschäftigten. Das autoritative Grundmuster der betrieblichen Beziehungen wird nicht beseitigt, sondern "transformiert“: Außenlenkung wird durch Selbst- und Gruppenkontrolle ersetzt: "An die Stelle von Hierarchie und Kommando setzen Reengineering-Konzepte auf die Selbststeuerungskompetenz der Beschäftigten. Bisher einheitliche Unternehmen werden in kleine wirtschaftliche Einheiten (Profit-Center, Busines-Units) segmentiert, die eigenständig am Markt operieren. Jeder einzelne Beschäftigte soll im internen Wettbewerb letztlich als eigener Unternehmer agieren.“ (K. Pickshaus)

Das objektive Zwangsmittel, um die "betriebswirtschaftlichen Orientierungen“ durchzusetzen, ist die "Einbeziehung der Belegschaft in den Standortkrieg“ (H. Werner). Durch den beständigen Druck, der von der Reservearmee ausgegrenzter Arbeitskraftanbieter und den aus der Neuorganisation der internationalen Arbeitsteilung sich ergebenden Möglichkeiten resultiert, kann das Kapital die Belegschaften an den verschiedenen Standorten gegeneinander ausspielen und die Produzenten verpflichten Rationalisierungs- und Kostensenkungsprogramme "eigenverantwortlich“ umzusetzen. Projekte und Produktionsziele werden innerhalb eines Konzernverbundes "ausgeschrieben“ und dem Betriebsteil mit der günstigsten Kostenstruktur (und den weitgehendsten Selbstverpflichtungen) zugeschlagen. Für einen gewissen Zeitraum bleiben im Gegenzug für den "siegreichen“ Standort die Arbeitsplätze gesichert - bis nach einiger Zeit die Eskalationsspirale sich wieder in Bewegung setzt und das Drama um Verunsicherung und Lohnabbau, Leistungssteigerung und Profitmaximierung von neuem inszeniert wird.

Die Lobredner des Kapitalismus verweisen stolz auf seine Erfolge, aber er erreicht sie nur, weil er die Menschen permanent verunsichert. Durch den latenten Druck, der von der sozio-ökonomischen Krise ausgeht, können sie zu immer neuen Höchstleistungen "motiviert“ und zur Hinnahme ungünstiger Beschäftigungsbedingungen gezwungen werden: "Nach einigen Jahrzehnten des Wohlstands und der Überflussgesellschaft kehren wir zu jenem Zustand zurück, den nicht nur Marx als den Urzustand der bürgerlichen Gesellschaft und des Kapitalismus erkannt hat: zum Zustand der Unsicherheit und der Angst. Jeder ist plötzlich ein potentieller Verlierer und Gestrandeter, keiner kann sich seiner Sache mehr sicher sein.“ (H. Saña)

Der Einfluss marktradikaler Orientierungs- und Ordnungsmuster ist nicht auf das unmittelbare Wirtschaftsleben beschränkt. Nach den Maßstäben einer reduktionistisch definierten ökonomischen Rationalität sollen immer weitere Bereiche der Kultur und der Wissenschaft organisiert werden. Die propagierte wirtschaftliche Effizienz ist dabei nur der Hebel um eine geistige Formierung durchzusetzen. Wenn die Theater kostendeckend geführt werden müssen, bleibt kaum eine Wahl zu einem leicht verdaulichen Unterhaltungsprogramm und das  profitable Museum muss sich auf vordergründig-effektvolle Ausstellungskonzepte konzentrieren. Auch die "Modernisierung“ der Hochschulen läuft auf die wirtschaftskonforme Instrumentalisierung der Studiengänge hinaus. Das Denken in Zusammenhängen und die Fähigkeit Fragen nach den Ursachen zu stellen, sollen noch stärker als bisher durch ein praktizistisches Denken ersetzt werden, das Gegebenes akzeptiert und sich auf die technische Lösung der gestellten Aufgaben konzentriert. Die Universität soll zu einer besseren Berufsschule verkümmern, in der Wissensarbeiter nach dem Bild industrieller Arbeitsteilung ausgebildet werden.

Wenn einmal die Dämme gebrochen sind, kulturelle Vermittlungsapparate den "freien Spiel der Marktkräfte“ überantwortet sind, stellt sich Konformismus fast automatisch ein. Während sowohl die neoliberalistischen Ideologen als auch die "postmodernen“ Bauchredner des Kapitalismus prognostizieren, dass aus der Konkurrenz eine Vielfalt erwächst, die es den Menschen ermöglicht, ungewohntes auszuprobieren und neue Erfahrungen zu machen, ist in der marktwirtschaftlichen Realität eine Tendenz zur Gleichförmigkeit und Formierung nicht zu übersehen: Fernseh- und Rundfunkprogramme sind zum Verwechseln ähnlich geworden. Jedes Experiment wird vermieden und zur Erreichung der "Quote“ auf einen inhaltlosen Publikumsgeschmack gesetzt, der Wiedererkennungseffekte honoriert und gegen neue Erfahrungen immunisiert ist. Der Banalisierung und Brutalisierung, dem Schrillen und Vulgären, aber auch einem menschenverachtenden Zynismus der Programminszenierungen scheinen keine Grenzen gesetzt zu sein.

Disziplinierung durch Ausgrenzung

Die Neuformierung der Arbeitsbeziehungen und der betrieblichen Herrschaftsstrukturen wird durch soziale Ausschließungsprozesse mit zusätzlichen Disziplinierungseffekten flankiert. Wer für die Produktion nicht mehr gebraucht wird und auch für die Mehrwertrealisation nur noch von eingeschränkten Nutzen ist, dem wird konsequent ein Platz am Rande der Gesellschaft zugewiesen. Auch diese Ausgrenzungsbestrebungen entsprechen dem neoliberalistischen Umgestaltungswillen. Es sollen jedoch nicht nur die Kosten der sozialen Sicherungssysteme minimiert, sondern auch der soziale Anpassungsdruck institutionalisiert werden. Nur wenn der Abstieg eine reale Gefahr darstellt können auch noch die letzten Leistungsreserven mobilisiert werden. Mit der Feststellung, dass "eine Gesellschaft dynamischer lebt, wenn es Ungleichheit gibt" bringt der Wirtschaftsminister in einer  sozialdemokratisch geführten Bundesregierung den herrschenden (Un-)Geist auf den Punkt.

Die aktuellen Ausschließungs- und Dequalifizierungsprozesse aktualisieren das Bild einer "Zweidrittelgesellschaft“ – aber anders als im üblicherweise gemeinten Sinn: Selbst die kritisch gemeinte Rede von der Zweidrittelgesellschaft erweist sich immer deutlicher als Ideologie: Es kristallisiert sich ein Zustand heraus, in dem ein gutsituiertes Bevölkerungsdrittel dem zur ökonomischen und sozialen Dispositionsmasse degradierten Zweidrittel der Restbevölkerung gegenübersteht. Robert B. Reich, Arbeitsmarktforscher und ehemaliger US-Arbeitsminister prognostiziert in diesem Sinne die Verfestigung dreier Beschäftigtensegmente: Einer abnehmenden Gruppe von Produktionsarbeitern in sozial bescheidenen Verhältnissen, persönlichen Dienstleistern mit tendenziell sinkenden Einkommen und eine bestenfalls 20 Prozent umfassenden Gruppe von privilegierten "Wissensarbeitern“.

Objektiv erzeugen die Ausschließungsprozesse eine Form der sozialen Spaltung, die über die traditionellen Klassendifferenzen hinausgeht. Der "ersten“ Welt der Leistungsträger und "Etablierten“, steht der von sozialen Unsicherheitsgefühlen und beschädigtem Selbstbewusstsein geprägte Lebenshorizont der aus dem Arbeitsprozess und von sozialer Anerkennung Ausgeschlossenen gegenüber. Denn die Ausgrenzung aus der leistungsgesellschaftlichen "Normalität“, führt zum Zweifel an den eigenen Fähigkeiten und zu einen resignativen Blick auf die Zukunft. Möglich ist ein solcher regressiver Verarbeitungsmodus, weil im Rahmen der herrschenden psycho-sozialen Verarbeitungsmuster der gesellschaftlich erzeugte Widerspruch "individualisiert“ wird: Weil es ihnen verwehrt bleibt die verinnerlichten Leistungsnormen lebenspraktisch einzulösen, fühlen sich die Krisenopfer verantwortlich für ihre Ausgrenzung. Weil sie sich für ihr "Versagen“ schämen, ziehen sich viele "schuldbewusst“ zurück und führen eine "unauffällige“ Existenz am Rande der Gesellschaft.

Paradoxien der "Modernisierung“

Die andere Seite der "Modernisierungs“-Dynamik im risikokapitalistischen Zeitalter ist ein konkurrenzbedingtes zielloses Innovations- und maßloses Ausdehnungstreben, dass von den beteiligten Individuen immer neue Höchstleistungen abverlangt und im zunehmenden Maße quantitative und qualitative Arbeit verschlingt. Ein kontinuierlich sich vergrößernder Anteil intellektueller Energien und ökonomischen Ressourcen dient vornehmlich der verbesserten Positionierung der einzelnen Unternehmen im Konkurrenzkampf. Technologische und warenästhetische "Innovationsschübe“ haben eine immer kürzere Lebensdauer; immer schneller und immer hektischer werden neue Produktgenerationen auf dem Markt geworfen oder die betrieblichen Abläufe (in der Regel auf Kosten der Arbeitenden) optimiert und verfahrenstechnisch aufgerüstet, um gegenüber der Konkurrenz einen Vorteil zu erreichen.
Es wird immer offensichtlicher, dass viele der ökonomischen Ausdehnungs- und Entwicklungsstrategien von Panik und der Angst motiviert sind, selbst ins Hintertreffen zu geraten. Gerade die Erfolgreichen in den "Zukunftsbranchen“ müssen sie sich beständig um die Sicherung des Erreichten sorgen. Was heute als chancenreich gilt, kann morgen schon überholt und ein Grund für das Scheitern sein. Die "Angst vor dem Absturz“ (B. Ehrenreich) ist nicht nur allgegenwärtig, sondern auch nicht grundlos; vielen die heute noch nach Außen dem Zeitgeist Tribut zollen und sich optimistisch geben, dämmert es schon, dass auch in der Internet-Wirtschaft nicht alle nur Gewinner sein können: "'Du darfst niemals denken, dass du es geschafft hast'“, sagt der Gründer eines mit "Risikokapital“ aufgebauten Unternehmens einem Zeitungsreporter. "Also muss es weitergehen, immer schneller, immer höher. Manchmal fühlt er sich wie ein 'getriebenes Tier'. Er hat Freunde aus den Augen verloren, das Familienleben nach dem Terminplan organisiert. Vier gemeinsame Tage mit den Kindern hat er sich im vergangenen Jahr geleistet.“

Viele Entwicklungen in der Internet-Ökonomie wirken wie die Karikatur einer selbstvergessenen Moderne: Das Vorwärts- und Ausdehnungstreben hat eine Automatik bekommen, die jede Rationalität (einschließlich der ökonomischen!) vermissen lässt. Einem verbreiteten Missverständnis muss jedoch widersprochen werden: Zwar sind die risikokapitalistischen Umgestaltungen durch die informationstechnologischen Umwälzungen möglich geworden, nicht aber von ihnen verursacht worden: Es sind die "Venture-Capitalisten [berichtet ein Gründer-Unternehmer], die möglichst hohe Renditen fordern“ und einen ständigen Druck erzeugen. "Wenn wir schnell sind, dann sagen sie: noch schneller, ... wenn wir noch schneller sind, dann sagen sie: superschnell.“     

Aufgrund der Zirkelbewegung des verwertungs- und konkurrenzgeprägten Innovationsstrebens stehen ökonomischen Anstrengungen, die für das unkritische Gegenwartsbewusstsein den Inbegriff sozio-ökonomischer Zukunftsorientierung repräsentieren und als Ausdruck von "Modernität“ gelten, in einem eklatanten Missverhältnis zur tatsächlichen gesellschaftlichen Bereicherung und Mehrung von Wohlbefinden. Ein immer größerer Teil des Sozialprodukts muss aufgewandt werden, um den sozio-ökonomischen Reproduktionsprozess auf kapitalistischer Grundlage aufrecht zu erhalten. Milliardensummen werden beispielsweise in die Entwicklung neuer unterhaltungselektronischer und informationstechnologischer Produkte gesteckt, von denen trotz intensiver Werbemaßnahmen nur ein geringer Teil sich auf den Markt etablieren kann. Der Rest, dessen Entwicklung die Kreativität und Phantasie unzähliger Menschen absorbiert hat, landet sprichwörtlich auf dem Müllplatz der Marktökonomie. Es ist Ausdruck des immanenten Irrationalismus der kapitalistischen Produktionslogik, dass auch Verschleiß und Zerstörung die ökonomische Erfolgsbilanz verbessert. Rein Quantitativ betrachtet, steigt auch durch die konkurrenzbedingte Verschleißproduktion der Sozialprodukt – nicht aber der allgemeine "Wohlstand der Nationen“: "Langfristig sinkt der Wohlstand des Weltsystems und der Gesamtheit der Arbeitskräfte der Erde“ (T. Hopkins/I. Wallerstein): Auch in fast allen entwickelten Industrienationen stagnieren bei verlängerten Arbeitszeiten) und kontinuierlich steigender Produktivität seit ein oder gar zwei Jahrzehnte für den überwiegenden Bevölkerungsteil die Reallöhne, werden soziale Sicherheitsleistungen abgebaut und die Altersversorgung verschlechtert.

Konkurrenz und Gewalt

Durch die Radikalisierung der Profitstrategien ist das soziale Klima rauher geworden; in der konkurrenzgeprägten Gesellschaft herrscht ein so hoher Handlungsdruck, das weder auf die individuelle Leistungsfähigkeit noch auf soziale Gesichtspunkte Rücksicht genommen wird. Egoistische Durchsetzungsstrategien sind zur Normalität geworden. Mit sichtbarem Stolz berichtet ein Manager des Medienkonzerns Bertelsmann der Presse über sein Verhalten bei der Sanierung eines übernommenen Konkurrenten durch Arbeitsplatzabbau: Ich "habe nach dem Motto geschossen: Selbst wenn es einen Unschuldigen trifft, ist es auch nicht schade. Denn es musste sich was bewegen.“ Individuelle Rücksichtnahme und soziale Orientierungen gelten als nicht mehr zeitgemäß. Die Unternehmen steigern beständig ihre Rentabilität, aber wer über 50 ist, hat es immer schwerer im Berufsleben. Das Merkmal der Lebensverhältnisse im globalisierten Kapitalismus ist die Unerbittlichkeit des Lebenskampfes, der unbedingte Leistungswille und das rücksichtslose Vorwärtsstreben, das Resultat die Verdrängung und Ausschließung der Schwachen und Überzähligen.

Die Wirkungen des abstrakten Verwertungszwanges und die aus ihm resultierende Konkurrenzmentalität bleiben nicht auf die Sphäre der Erwerbsarbeit beschränkt, sondern prägen auch den sozialen Habitus, die Mentalitätsformen und "lebensweltlichen“ Beziehungsmuster. Der Wachstumsfetischismus und die Leistungsideologie manifestieren sich individuell in einem Karrierestreben und Konkurrenzdenken, die sich negativ auf die Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen auch in den Lebensbereichen jenseits der Erwerbsarbeit auswirken. Es entwickelt sich eine feindliche Haltung gegenüber den Mitmenschen, weil sie als "Gegensatz“ zu den eigenen Lebensinteressen erlebt werden. "Hilfsbedürftigkeit löst nicht etwa Mitgefühl, sondern Verunsicherung und Argwohn aus, die Angst, von seinem wichtigen Geschäften abgehalten zu werden.“ (R. Martin)

Zu beobachten ist eine zunehmende Verrohung der sozialen Verkehrsformen. Das Alltagsbewusstsein beschreibt den sozialen Zustand mit den Begriffen "soziale Kälte“ und "Ellenbogengesellschaft“: "Schon jetzt zeigt sich in der Jugend, sowohl in den Randzonen wie in der von Abstiegsängsten gebeutelten Mitte der Gesellschaft, eine Radikalisierung der Durchsetzungsstrategien bis zum Gesetzesbruch.“ (A. Barth)

Selbst in den Kindergärten und den Grundschulen ist ein ungehemmtes Konkurrenz- und Verdrängungsverhalten an der Tagesordnung, demonstrieren die Kinder, wie gut sie es schon gelernt haben ihre "Ellenbogen zu gebrauchen“. Schon ab der zweiten Klasse wird für die weiterführenden Schulen selektiert, wird durch die Anforderungen der Schule und den Druck der Eltern (10 Prozent der Grundschüler werden leistungssteigernde Psychopharmaka verabreicht!) der Zusammenhang von konkurrenzmotivierter Lernbereitschaft und persönlichen Fortkommen wahrgenommen. Schon Grundschülern ist der Numerus Clausus ein Begriff!  

Der Preis der "Flexibilität“

Traditionelle Solidaritätsformen, die sich in der Alltagspraxis haben entwickeln können, erodieren durch den Druck der Arbeits- und Lebensverhältnisse im Risikokapitalismus. Gemeinsame Interessen sind durch die Zergliederung der Arbeitsprozesse unmittelbar nicht mehr erfahrbar: Auch als massenhafte Erscheinung ist der Computerdienstleister an seinem isolierten (Heim-)Arbeitsplatz gefesselt. Selbst nachbarschaftliche oder über Vereine und Interessengemeinschaften vermittelte Sozialbeziehungen werden durch die diskontinuierlichen Zeitschemen im Berufsleben erschwert. Mit der ökonomischen Reproduktionsdynamik verändern sich auch die sozio-kulturellen Standards; tendenziell gleichen sich die alltäglichen Verhaltensweisen den Reaktionsmustern im Wirtschaftsleben an. Verstärkt wird eine emotionale Instrumentalisierung der Menschen, für die schon im "Fordismus“ die Grundlagen errichtet worden sind: Der Kapitalismus reproduziert sich "im zunehmenden Maße durch die Zurichtung menschlicher Subjektivität mittels massenmedialer und kulturindustrieller Formierung - durch die Entmündigung, psychisch-geistige, mittlerweile auch körperliche Deformation: Lädierung der Körper, der Seelen und des Bewusstseins.“ (Th. Metscher)

Die gravierenden ökonomischen Widersprüche stellen jedenfalls nur eine Seite der kapitalistischen Wirklichkeit sind. Eng mit der gesellschaftlichen Krisenentwicklung verbunden sind Formen individueller Bedrängnis, geistiger Gleichschaltung und sozialer Entfremdung, die bisher auch in den linken Diskussionen noch nicht die nötige Beachtung gefunden haben: Weil der leistungsgesellschaftliche Konkurrenz- und Anpassungsdruck ein permanentes Widerspruchsprinzip zu den menschlichen Selbstentfaltungsbedürfnissen darstellt, werden massenhaft psychische Defekte produziert und durch zwanghafte Formen der Selbstdisziplin emotionale Verwüstungen hervorgerufen. Viele Menschen leiden unter der sozialen Beziehungs- und Rücksichtslosigkeit, den unsicheren Zukunftsperspektiven und dem gravierenden Leistungsdruck. Die Menschen sind ununterbrochen tätig - und werden doch von dem Gefühl beherrscht, wesentliches in ihrem Leben zu verpassen, "nicht selbst zu leben, sondern gelebt zu werden.“ (R. Martin)

Die Verhältnisse verändern sich mit einer Geschwindigkeit der nur noch wenige folgen können. Der "flexible Mensch“ entwurzelt (R. Sennet), denn soziale Bindungen stehen einer ökonomischen Selbstverwertung und der geforderten allseitigen Verfügung im Wege, die immer öfter grenzenlosen Zeiteinsatz und geographische Mobilität verlangt. "Wir sind in den modernen Gesellschaften heute Gefahr,“ schreibt Oskar Negt, "die Basis gelingender Subjektausstattungen zu ruinieren, weil zwar das Kapital und die Waren ortlos sein können, nicht aber die Sozialisation, Identitätsbildung, das Lernen der Menschen.“

Hinter der Fassade so mancher demonstrativ zur Schau gestellter Singel-Existenz verbirgt sich eine beschädigte Persönlichkeit, soziale Isolierung und Einsamkeit. Mit der Ideologie einer ungebundenen Existenz und grenzenloser Lebenslust wird meistens nur die sozial erzeugte Bindungslosigkeit rationalisiert. Die als "Individualisierung“ beschriebenen Vergesellschaftungsformen entlarven sich für den kritischen Blick nicht selten als eine zunehmende Tendenz zur Vereinzelung, zu einem Leben jenseits von Solidarität und humaner Rücksichtsnahme. Auch die Verbreitung der Handy-(Un-)Kultur kann die offensichtliche Unfähigkeit zur Kommunikation und aufrichtiger Anteilnahme nicht verdecken! Es dominiert eine egozentrische "Privatheit“, die "Selbstverwirklichung“ intendiert, aber die Selbstentfremdung nur noch verstärkt: Selbststilisierung ersetzt die verständige Auseinandersetzung mit den eigenen Lebensbedingungen; pompös wird die innere Orientierungs- und Haltlosigkeit zur Schau gestellt, bei der "erlebnisorientierten“ Flucht aus der Einsamkeit nur zu oft die Grenze zur infantilistischen Regression überschritten. Die Gier, mit der sich die atomisierten Subjekte "ins Vergnügen stürzen, die die Konsumgesellschaft für sie parat hat, mutet eher als der unbewusste (und verzweifelte) Versuch an, die Sinnlosigkeit und Leere ihrer Existenz zu verdrängen.“ (H. Saña) Sie kommen "viel herum“, reisen in Erdteile, die zu besuchen früher das Privileg einer Minderheit waren – und doch werden sie nicht "weltoffener“. Gegenüber neuen Erfahrungen schottet sich der "Erlebnistourist“ erfolgreich ab und verbringt seine Zeit in Ghettos, die weltweit nach dem gleichen Muster organisiert sind: "Schade ..., dass die Hotelgäste die Anlage so gut wie nie verlassen“, heißt es in einer Reisereportage über die Insel Mauritius. Individualistische Rückzugstendenzen und Selbstinszenierungen zwischen Konsum und Ekstase, die das Bild bei den "Love-Parades“, den "Pop-Events“ und in den anderen Bereichen der "Erlebnisgesellschaft“ prägen, repräsentieren nicht die ganze Lebenswirklichkeit im Risikokapitalismus; es gibt Gegentendenzen und Verweigerungen (eine immer größer werdende und nach Millionen zählende Gruppe verzichtet beispielsweise ganz oder weitgehend auf den "Fernsehgenuss“), jedoch sind viele der massenkulturellen Artikulationsweisen Ausdruck zivilisatorischer Verfallsprozesse.

Die unübersehbaren Tendenzen zur Vereinzelung und sozialen Beziehungslosigkeit, auch zur Verachtung der Mitmenschen und zur Entwicklung von Selbsthasssyndromen sind das Thema von Filmen und Romanen, die in der letzten Zeit Beachtung gefunden haben. Stellvertretend seinen der monumentale Film "Magnolia“ von Paul Thomas Andersons und die (Erfolgs-)Romane "Ausweitung der Kampfzone“ und "Elementarteilchen“ des Franzosen Houellebecq genannt. Ihr Thema ist die Veränderung des Empfindens und Verhaltens in der entfesselten Marktgesellschaft, die den Menschen zur Selbstverwertung und zum Selbstbetrug zwingt, weil er in ihr nicht nur seine kreativen Kräfte, sondern auch seine Emotionalität zu Markte tragen muss. Geschildert wird die Enteignung der Sinnlichkeit und die Fragmentarisierung der Identität im Mahlstrom der gesellschaftlichen Zwänge. Protokolliert wird ein individualistisches Leiden an diesen Entfremdungsformen, aber auch die Existenz funktioneller Selbsttäuschungen und die Bereitschaft sich mit den Deformationen abzufinden.

Wenn die Marxsche Annahme zutrifft, dass im "Verhältnis des Mannes zum Weibe ... auf ein anschaubares Faktum reduziert [ist], inwieweit dem Menschen das menschliche Wesen zur Natur oder die Natur zum menschlichen Wesen des Menschen geworden ist“ und aus diesem "Verhältnis ... die ganze Bildungsstufe des Menschen“ beurteilt werden kann, fällt die Diagnose über den zivilisatorischen Zustand des Risikokapitalismus vernichtend aus! Denn durch einen Blick auf die Geschlechterverhältnisse wird das ganze gesellschaftlich produzierte psychische Elend sichtbar. Nicht nur in den literarischen Zustandsbeschreibungen wird das Sexualleben als emotionale Wüste geschildert. Die herrschende Trostlosigkeit und die Intensität der Selbstentfremdung wird von vielen sexualwissenschaftlichen Untersuchungen bestätigt, die eine Tendenz zur Anonymisierung, Beziehungsarmut und emotionaler Kälte beschreiben. "Alle großen Untersuchungen des Sexualverhaltens – wirklich ausnahmslos alle, von Helsinki bis San Francisco – zeigen, dass weite Teile der heterosexuellen Welt zunehmend sexuell sehr inaktiv sind, während gleichzeitig auf Bildschirmen und Plakatwänden hitzig weitergemacht wird.“ (M. Lau)  Auch das Versprechen einer "sexuellen Revolution“ ist von der bürgerlichen Gesellschaft nicht eingelöst worden! Der Sexualforscher Volkmar Sigusch zeichnet die Welt des gegenwärtigen Sexualbeziehungen mit ihrem Egoismus und Dispersionen, ihren bizarren Ersatzhandlungen und narzistischen Inszenierungspraktiken, ihrem kalten Selbstbefriedigungsdrang (der Kinderprostitution, Sextourismus und Gewaltpornographie mit einschließt) und ihrer ästhetisierten Lustlosigkeit als ein Horrorgemälde in der Tradition Hieronymus Boschs.

Verdrängung und Unterwerfung

Die Zerbrechlichkeit der Lebensverhältnisse und der objektive Handlungsdruck führen zu einer Konzentration auf den Augenblick; das Nachdenken über das eigene Tun wird an den Rand gedrängt. Die herrschende Praxis blockiert die Erinnerungsfähigkeit und erschwert Orientierungen über das Tagesgeschäft hinaus. Darin sind die alltäglichen Reaktionsmuster Spielbilder des Wirtschaftslebens, wo die kurzfristige Profiterwartung das Maß aller Dinge geworden ist und die langfristigen Orientierungen weitgehend verdrängt hat. Für die resignative "Selbstgenügsamkeit“ der Menschen im Risikokapitalismus gibt es einen schlechten Grund: Je fragiler der erreichte Status ist und je unsicherer die perspektivischen Aussichten sind, um so schwankender wird die emotionale und intellektuelle Haltung zu den gesellschaftlichen Krisenprozessen; beträchtliche psychische Energie wird aufgewandt, um die Gefährdungen zu ignorieren. Die Fähigkeit zur Verdrängung und kompensatorischen "Rationalisierung“ ist zu einer der wichtigsten psycho-sozialen Überlebenseigenschaft im Risikokapitalismus geworden. Dicht ist das Netz der individuellen und gesellschaftlichen Trugbilder, die eine ideologische Funktion haben, ohne aber in der Gestalt traditioneller Weltbilder aufzutreten. "Ich weiß nicht, wie lange das hier noch geht“, äußert sich die 33-jährige Moderatorin eines Privatsenders. "Es gibt kaum alte Leute. Darüber nachzudenken ist nicht unsere Philosophie.“ Nichts wird sorgsamer vermieden und ist verpönter als die mühsam aufgebauten Fassaden zu problematisieren, das System oberflächlicher Selbstzurechnungen und "lebensweltlicher“ Illussionen in Frage zu stellen. Auch die in geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen, die ehemals ein Reservat des Widerspruchs und fundierten Nonkonformismus waren, verbreitete Scheu vor inhaltlicher Festlegung und kritischer Stellungnahme ist ein Spiegelbild dieser existentialen Hermetik.

Um in undurchsichtigen Sozialverhältnissen bestehen zu können, ist es unabdingbar, fetischisierte Selbstbilder zu reproduzieren, sich selbst etwas vor zu machen und beispielsweise fest daran glauben, dass jeder eine Chance habe und "seines Glückes Schmied“ sei. Denn wer von vornherein verzagt, wird auf jeden Fall von den tiefgreifenden Veränderungen überrollt, muss sich mit der Abwertung seiner sozialen Position abfinden und mit der ständigen Gefahr leben, ganz aus dem gesellschaftlichen Regulationsrahmen herauszufallen. Dieser Verarbeitungsmechanismus ist auch die Erklärung dafür, dass die Schell-Studie "Jugend 2000“ einen überraschenden Zukunftsoptimismus bei der jungen Generation gerade in Zeiten biographischer Unsicherheiten feststellen konnte. Es passt in dieses Bild, dass diese "positiven“ Einstellungsmuster sich im Windschatten der technologischen Modernisierungs-Illussionen entwickelt haben, die mit dem Verfall eines realistischen Verständnisses gesellschaftlicher Zusammenhänge und der Abnahme des politischen Interesses einhergehen!   
  
Der Preis, der für die individualpsychische Stabilisierung qua Verdrängung gezahlt werden muss, ist eine intensive Form des falschen Bewusstseins die Unterwerfung fördert und besonders hohe Barrieren gegen ein realistisches Verständnis der eigenen Lebensverhältnisse aufbaut. Es ist eine Form geistiger Entfremdung, die soziale und politische Subalternität festigt und die Abhängigkeit von fremden Interessen perpetuiert.

Gibt es noch Alternativen?

Die krisenhaften Veränderungen der Lebensverhältnisse sind unübersehbar geworden, deshalb sind die arbeitenden Menschen in ihrer überwiegenden Mehrheit auch desillusioniert: Nach den neuesten Erhebungen des "Allensbach-Instituts“ stehen 57 Prozent der Bundesbürger der "Sozialen Marktwirtschaft“ ablehnend gegenüber. Jedoch darf nicht ignoriert werden, dass die Menschen trotzdem auf eine sonderbare Weise schicksalsergeben bleiben. Denn "der Wettbewerbsfetischismus überlagert diese spontanen [antikapitalistischen] Vorstellungen oder löscht sie sogar aus, weil Armut und Reichtum als Folgen individueller Cleverness erscheinen, als Ergebnis des richtigen Einsatzes zur rechten Zeit und am rechten Ort oder schlichtweg als eine Folge glücklicher oder unglücklicher Zufälle.“ (H. Werner)

Der Kapitalismus besitzt die Fähigkeit, wie mit Marx in seiner Analysen des fetischisierten Bewusstseins gezeigt hat, gleichzeitig mit seinen Widersprüchen, auch den Klassenkonflikt verschleiernde Weltbilder zu produzieren. Durch die gesellschaftliche Arbeitsteilung und dem Warencharakter aller sozialen Beziehungen bilden sich Bewusstseinsformen, die das Bild von den (klassengesellschaftlich strukturierten) sozialen Zusammenhängen systematisch verzerren. Es ist offensichtlich, dass aus den sozialen Zuspitzungen nicht automatisch politisches Bewusstsein oder gar Handlungsbereitschaft erwachsen. Trotz aller offenkundigen Probleme erweckt das Herrschaftssystem des Kapitals den Eindruck der Alternativlosigkeit, denn "es gehört zu den Herrschaftsgeheimnissen der bürgerlichen Macht, sich als neutral hinzustellen.“ (E. Bloch)

Die repressive Selbststabilisierungsfähigkeit des Kapitalismus zu durchbrechen ist durch die Besonderheiten seiner neuesten Entwicklungsstufe nicht einfacher geworden. Durch strukturelle Transformationen und sozio-kulturelle Veränderungen sind die Kommunikationsstrukturen besonders der unteren Klassen im erheblichen Umfang beeinträchtigt worden. Jedoch ist das kein Grund, den falschen Gewissheiten des herrschenden Denkens von der "Unaufhörlichkeit des Kapitalismus“ oder dem "Ende der Geschichte“ auf den Leim zu gehen. Jedoch müssen die veränderten Bedingungen in Rechnung gestellt werden, wenn die aufklärende Rede und das verändernde Handeln erfolgreich sein wollen: Der gegenwärtigen Schicksalsergebenheit und dem weltanschaulichen Fatalismus kann aber nur durch Gegenstrategien der Boden entzogen werden, die aktuelle Problemlagen aufnehmen und sie gleichzeitig zu alternativen Orientierungen vermitteln, die den Horizont der herrschenden Verhältnisse überschreiten. Ein naheliegender Anknüpfungspunkt ist die Tendenz neben der qualitativen Intensivierung der Arbeit, sie auch quantitativ auszudehnen. Zu problematisieren wäre, weshalb trotz des drängenden Problems der Arbeitslosigkeit und einer beträchtlichen Steigerung der Arbeitsproduktivität mit der penetranten Selbstsicherheit des Herrschaftsdenkens verkündet werden kann, dass "alle wieder mehr arbeiten müssen“! Die in diesem Zusammenhang sich zwangsläufig ergebende Diskussion über Alternativen zu den herrschenden Wirtschafts- und Vergesellschaftungsformen können aber nur dann eine durchgreifende Aufklärungswirkung haben, wenn sie so organisiert ist, dass die durch den Herrschaftsdiskurs beschädigten normativen Orientierungsalternativen ihre Überzeugungskraft zurückgewinnen können, also die Perspektiven von Solidarität, Gerechtigkeit und Selbstbestimmung wieder in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung rücken.


© Werner Seppmann, 2000


Erstveröffentlichung in: Marxistische Blätter, H. 4/2000, S. 55 – 62









 

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