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Beiträge zur Theorie  









Werner Seppmann

Friedrich Nietzsche oder Philosophische Vorschule für den postmodernen Dienstleistungsintellektuellen

Die Aktivitäten zum hundertsten Todestag Nietzsches summierten sich im vergangenen Jahr zu einem kulturellen "Großereignis". Die meisten Stimmen hatten einen ähnlichen Tenor: Nietzsche sei mehr als ein immer noch verkannter "Klassiker", weil sein Denken von ungebrochener Aktualität sei, müsse er auch als "Zeitgenosse" begriffen werden. Er solle als Interpret einer Umbruchzeit verstanden werden, in der keine sicheren Orientierungen mehr existierten, die Verhältnisse "kontingent" geworden seien und alle Fortschrittshoffnungen zerbrochen wären. Da Alternativen zum Gegebenen angeblich nicht mehr existierten, sollen seine geschichtsphilosophische Vergeblichkeitshaltung und seine resignative Einschätzung gesellschaftlicher Veränderungsmöglichkeiten Vorbildcharakter bekommen. Nietzsche zugerechnet wird eine "selbstreflexive" Haltung, die sich durch die Einsicht qualifiziere, dass die Machtverstrickungen unabänderlich seien und es deshalb keine Veränderungsperspektive mehr gäbe: "Nietzsche hat mit seinem Nihilismus den Gedanken der Überwindung prinzipiell aus den Angeln gehoben, denn wenn es keine Gründe und keine Wahrheit gibt, dann kann man auch nicht unter Berufung auf sie dergleichen wie Überwindung predigen, vielmehr muss man sich dann umgekehrt mit dem Gedanken einer Wiederkehr des Gleichen vertraut machen." (W. Welsch) Nietzsche soll als Vorbild für eine Haltung dienen, das "Dasein" in seiner Endlichkeit auszuhalten und dabei zu akzeptieren, "dass man der Modernität gerade da nicht entkommt, wo man sie durchschaut". (G. Figal) Die sozio-kulturelle Katastrophenentwicklung zur Kenntnis zu nehmen und als unveränderliche Faktizität zu akzeptieren, soll als Ausdruck "eigentlicher Modernität" gelten.

Paradoxerweise gab es auch "linke" Stimmen, die ein "offenes" Verhältnis zu Nietzsche anmahnten. Sie vertreten die Überzeugung, dass seinem Denken auch positive Seiten abzugewinnen seien und es bedenkenswerte Gemeinsamkeiten mit Marx gäbe. Ohne Zweifel: "Nietzsche scheint geeignet zu sein, immer wieder Verwirrung zu stiften" (H.H.Holz)! Doch bleibt es fraglich, ob diese Verwirrung produktive Folge hat, ob Nietzsche tatsächlich in einem positiven Sinne "einer der anregendsten Schriftsteller der letzten hundert Jahre" gewesen ist (wie Stephan Hermlin 1987 auf dem X. Schriftstellerkongress der DDR sagte), und seine Philosophie der "Umwertung aller Werte" sogar als "Morgendämmerung einer Gegenkultur" (G. Deleuze) begriffen werden kann?

Jenseits aller modephilosophischen Schlagworte bleibt für ein kritisches Theorieverständnis die entscheidende Frage, ob Nietzsches Denken ein Hilfsmittel zum Verständnis unserer Gegenwart, zur Überwindung herrschaftskonformer Denkmuster und ein Rüstzeug für selbstbestimmtes Handeln darstellt! Daran kann berechtigterweise gezweifelt werden. Denn nicht nur die marxistische Kritik hat Nietzsche mit gewichtigen Argumenten als rückwärtsgewandten und emanzipationsfeindlichen Denker klassifiziert und seine "subversive" Selbstzurechnungen als Fassade entlarvt, hinter der sich eine geschickte Form der Verteidigung überlebter sozio-kultureller Verhältnisse verbirgt. Bei einem Vergleich von Marx und Nietzsche werden fundamentale Gegensätze in allen entscheiden Punkten deutlich.


Marx oder Nietzsche?

Marxismus steht für die Erkenntnis einer Veränderbarkeit der (sozialen) Welt, Nietzsches Denken für die "Wiederkehr des Ewiggleichen" , für die Auffassung, dass letztlich alles so bleibt wie es ist; Marx geht vom Prinzip der Gleichheit aus, Nietzsche von der Notwendigkeit einer "Herrenmoral" und der Ideologie der "Natürlichkeit" von Über- und Unterordnung. Marxens Denken ist von der Überzeugung geprägt, dass die Menschen ihre existentiellen Probleme nur bewältigen können, wenn Gemeinschaftsorientierungen Allgemeingültigkeit erlangen und menschliche Selbstentfaltungsansprüche zur Richtschnur sozialen Handelns werden. Nietzsche malt dagegen das Wahnbild des Herrenmenschen, der durch die Unterdrückung der "Herde" (also der überwältigenden Bevölkerungsmehrheit) sich zu einer kulturellen Lichtgestalt entwickeln soll: "Eine herrschaftliche Rasse kann nur aus furchtbaren und gewaltsamen Anfängen hervorwachsen." (Nietzsche)

Im Gegensatz zu anderslautenden Gerüchten hat auch Marx die Möglichkeit des Scheiterns progressiver Gesellschaftsveränderung mitgedacht. Nicht nur sein Hinweis, dass die polaren Klassen in einer nicht gemeisterten historischen Umbruchsituation auch gemeinsam untergehen können weisen in diese Richtung. Fortschritt und Vernunft waren für Marx nie mehr als ein realgeschichtliches Versprechen, um dessen Einlösung gekämpft werden muss, damit "der menschliche Fortschritt nicht mehr jenem scheußlichen heidnischen Götzen gleicht, der den Nektar nur aus den Schädeln Erschlagener trinken wollte." (Marx)

Seine fragende und gegenüber den Herrschaftskomplexen respektlose Vorgehensweise bildet jedoch einen unüberbrückbaren Gegensatz zu Nietzsches zynischer Behauptung der Unaufhebbarkeit menschlicher Fremdbestimmung und seiner Verabsolutierung des Scheiterns: Während Marx nach Ursachen forscht, akzeptiert Nietzsche die menschlichen Deformationen mit zynischer Gleichgültigkeit. Die Ideologie einer Fiktionalität des Sozialen und der Notwendigkeit seines Verfalls, wird von ihm als befreiende Botschaft verbreitet: "Vielleicht geht die Menschheit zugrunde - wohlan!"

Nietzsches Lobredner erklären mit einer lockeren Handbewegung seine elitären, irrationalen und menschenverachtenden Seiten zur Nebensache. Sie weigern sich zur Kenntnis zu nehmen, dass die Begeisterung für Herrschaft und Ausbeutung, seine Parteinahme für Gewalt, Unterdrückung und sozialer Ungleichheit zur Systematik seine Denkens gehören. Die Forderung, einen Denker kritisch "zu beerben", der verkündet, "dass zum Wesen einer Kultur das Sklaventum" gehört und "die allermeisten Menschen ... ohne Recht zum Dasein, sondern ein Unglück für die Höheren" sind (Nietzsche), kann jedoch nur noch grotesk wirken. Denn sein Selbstanspruch war es, einen philosophischen Beitrag zur Schaffung einer privilegierten Herren-Kultur zu leisten, die eine "Lebenssphäre" ausbildet, "mit einem Überschuß von Kraft für Schönheit, Manier bis ins Geistigste; eine bejahende Rasse, welche sich jeden großen Luxus gönnen darf ..., stark genug, um die Tyrannei des Tugend-Imperativs nicht nöthig zu haben." (Nietzsche)

Zweifellos hat Nietzsche einige Paradoxien der bürgerlichen Gesellschaft treffend beschrieben und angeprangert. Jedoch ist nicht zu übersehen, dass diese Kritik von einer reaktionären Position aus formuliert wird und die Rücknahme auch der verteidigenswerten Errungenschaften der bürgerlichen Gesellschaft einschließt. Nietzsches Verachtung des Bürgertums ist auch durch seinen Eindruck geprägt, dass es nicht konsequent genug gegen die Arbeiterbewegung vorgehen und nicht skrupellos genug die Ausbeutung und Unterdrückung der "pöpelhaften Masse" organisieren würde! Wird dieser Kontext ignoriert, kann es passieren, dass Nietzsches Klage, über den mangelnden Eifer bei der Unterdrückung der Schwachen und bei der Ausmerzung der "Überzähligen" zu einem pazifistischen, wenn nicht gar antifaschistischen Imperativ verklärt wird. Was beabsichtigt Nietzsche, wenn er sagt: "Ein Deutscher ist großer Dinge fähig, aber es ist unwahrscheinlich, dass er sie tut: denn er gehorcht, wo er kann, wie dies einem an sich trägen Geiste wohltut"? Keinesfalls zeichnet er in kritischer Absicht ein "Bild von deutscher Untertanenseligkeit" und fordert auch nicht "gegenüber Befehlen der Unmenschlichkeit den Gehorsam aufzukündigen" (K. Höpcke) - denn seine Klage intendiert das Gegenteil! Er kritisiert die Halbherzigen und Unentschlossenen, fordert von ihnen "Haltung zu bewahren" und auch vor Grausamkeiten nicht zurückzuschrecken, wenn sie zur Durchsetzung des "hohen Zieles" einer "Herrenkultur" notwendig scheinen: "Wer wird etwas Großes erreichen, wenn er nicht die Kraft und den Willen in sich fühlt, große Schmerzen zuzufügen? Das Leidenkönnen ist das Wenigste: darin bringen es schwache Frauen und Kinder und selbst Sklaven oft zur Meisterschaft. Aber nicht an innerer Not und Unsicherheit zugrunde gehen, wenn man großes Leid zufügt und den Schrei dieses Leides hört - das ist groß, das gehört zur Größe." (Nietzsche) Kritikwürdig ist für den angeblichen Philosophen "einer Gegenkultur" eine Haltung, die sich zur Auslöschung der "Herdenmoral" als unfähig erweist. Dieses elitäre "Leiden" an liberalen bürgerlichen Zuständen soll durch Akte subjektivistischer "Auflehnung" kompensiert werden. Ästhetischen Selbstinszenierungen, die das subjektivistische "Erlebnis" verabsolutierten, sollen eine bedrohliche Welterfahrung verdrängen: Reflexion über individuelle Befindlichkeiten treten an die Stelle der Frage nach Verbindungslinien zwischen dem Subjekt und seinen Existenzbedingungen.

Bindungsloser Subjektivismus

Das "Schöne" soll nach Nietzsche "den Sieg über das Ungeheure" davontragen - jedoch nicht als Veränderung anmahnendes Alternativprinzip, sondern als Kulisse, die vor das Unerträgliche gestellt wird. Die wohlgestaltete Form soll dazu beitragen, das Gefühl einer existentiellen Sinnlosigkeit ertragen zu können. Der ästhetische Schein wird zur primären Bezugsebene mit "bewusstseinserweiternden" Eigenschaften stilisiert: "Der Wille zum Schein, zur Illusion, zur Täuschung zum Werden und Wechseln ist tiefer, ‚metaphysischer’ als der Wille zur Wahrheit, zur Wirklichkeit zum Sein." (Nietzsche)

Partei ergriffen wird für einen enthemmten Subjektivismus; konstruiert ein isoliertes Individuum, das vollständig auf seine "innere Erfahrung" und sein unhintergehbares "Selbst" sich konzentriert: Selbstverwirklichung soll am effektivsten jenseits sozialer Bindungen und normativen Einschränkungen gelingen! Neben der Unterfütterung der individualistischen Hoffnung auf eine voraussetzungslose "Selbstbefreiung" hat dieses Einstellungsmuster auch eine legitimatorische Wirkung: Den monopolkapitalistischen Prozessen der Vereinzelung und Desintegration wird nicht nur der sozial-destruktive Charakter abgesprochen, sondern im Gegenteil noch ausdrücklich eine positive Wirkung angedichtet und als Bedingungen der individuellen Lebensgestaltung interpretiert.

Es ist kein Zufall, dass diese Vorstellungen einer individualistischen Selbstermächtigung der Lebenspraxis im neoliberalen Gesellschafts-Dschungel zum Verwechseln ähnlich sind: In den "Biographieentwürfen" einer postindustriellen "Avantgarde", die sich zwischen den Extremen "Arbeit bis zur Erschöpfung" und orgiastischen "Erlebnis"-Inszenierungen bewegt, wird Nietzsches fragwürdige "Zeitgenossenschaft" bezeugt: "Manchmal powere ich drei Tage durch", sagt ein (vorübergehend?) erfolgreicher Vertreter der "Neuen Ökonomie", "und dann mache ich drei Tage Party." Und dort, wo die Intellektuellen sich mit den Mitteln ihrer Einbildungskraft von einer als übermächtig erlebten Realität abzusetzen versuchen, praktizieren es die sozialen und ökonomischen Führungsschichten real: Sie ziehen sich in luxuriöse Wohnreservate und inszenierte Kunstwelten zurück und komplettieren die Ausgrenzung der Krisenopfer durch ihren eigenen Abschied von der "Gesellschaft".

Von der bürgerlichen Intelligenz ist Nietzsches Programm eines ästhetischen Weltabstands und der subjektivistischen Selbstermächtigung häufig als Gegenprinzip zu einer kalten Rationalität und als Orientierungsmöglichkeit in einer "unübersichtlich" gewordenen Welt verstanden worden. Die individualistische "Existenz" wird in einem Meer (bürgerlicher) Sinn- und Orientierungslosigkeit als ein letzter Halt erlebt. Weil jedoch die objektiven Umstände durch ihre ideologische Ausblendung nicht verschwinden, wird "der Drang nach Abwendung von der bedrohlichen fetischisierten Außenwelt und nach Verinnerlichung des Lebens erst recht zum Fangstrick der Bindung des Einzelnen an die repressiven Erlebnis- und damit Verhaltensmomente der Außenwelt." (L. Kofler)

Dies ist ein wichtiger Grund, weshalb Nietzsches Denkanleitung mit großer Regelmäßigkeit auch Widerstandsmomente absorbiert: Intellektuelles Aufbegehren wird in den Irrgarten eines (trügerischen) Gefühls der Realitätsentgrenzung eingeschlossen. Zu dieser konstanten Wirkung gesellen sich zusätzlich die jeweils aktuelle Anpassungsformen: die Distanzierung gegenüber einer als bedrohlich erlebten Sozialentwicklung zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die Legitimierung imperialer Allmachtsphantasien zur Zeit der Nazi-Herrschaft, die nihilistische Verklärung des faschistischen Zivilisationsbruches als Ausdruck einer irreversiblen Absurdität der menschlichen Existenz in den 50er und 60er Jahren, die ideologische Flexibilität des Postmodernismus in einer "beschleunigten" kapitalistischen Gesellschaft, um wie ein "Aal ... wendig, glatt, schlüpfrig und zufrieden, damit überall durchzukommen und nirgends gefasst zu werden" (Ch. Türcke).
Diesen unterschiedlichsten Ansprüchen kann die Philosophie Nietzsches genügen, weil sie essentiell mit der von ihr verachteten bürgerlichen Gesellschaft verbunden bleibt, sich nicht nur innerhalb ihrer weltanschaulichen Koordinaten bewegt, sondern diese für die Herrschaftsbedürfnisse in einer Umbruch- und Verfallsphase aktualisiert hat. Zu den weltanschaulichen Fixpunkten des herrschenden Denkens gehören das Verständnis der Arbeit als prinzipiell leidvoll und mühselig, die Behauptung der Natürlichkeit von Über- und Unterordnung, oder auch die Vorstellung der Unaufhebbarkeit des feindselig-aggressiven Verhaltens der Menschen zueinander. Keine dieser Orientierungspunkte (selbst-)repressiver Weltbeschreibung werden von Nietzsche in Frage gestellt, sondern den aktuellen Weltanschauungsbedürfnissen entsprechend reformuliert.

Statt als "Selbstaufklärung der Aufklärung" zu wirken (wie eine "kulturlinke" Beschwörungsformel behauptet), haben die von Nietzsche antizipierten Akte individualistischer "Selbstbefreiung" antizivilisatorische Konsequenzen: Vermeintlich ursprüngliche Lebensmächte werden gegenüber Logos und Wissen in Stellung gebracht werden. In Nietzsches Bild eines Wirkungszusammenhangs von "Apollinischen und Dionysischen" ist Rationalität zwar nicht gänzlich suspendiert, sie hat jedoch nur noch eine Hilfsfunktion bei der Inszenierung regressiver Erlebniswelten. Angestrebt wird der Rückzug auf einen Zustand ursprünglicher "Unmittelbarkeit", auf eine frühere, weniger komplexe und vermeintlich befriedigendere Erlebnisstufe; dem Subjekt wird empfohlen, in prämorbide psychische Dimensionen zu flüchten, um den Zwang zur bewussten Wahrnehmung zu entrinnen.

Nietzsche öffnet mit seinen intellektuellen Wegweisungen nicht nur weltanschaulichem Obskurantismus und paralogischen Bewusstseinstrübungen ein weites Tor, sondern redet auch der Selbstaufgabe als legitimes "philosophisches" Begehren das Wort: Er appelliert an seine Gefolgsleute und "Mitschwärmer" , nahe an den Abgrund heranzutreten und auch um den Preis des Absturzes seine undurchsichtige Tiefe zu ergründen. Den deutsch-französischen Krieg 1870 begrüßt er als Kampfansage gegen eine "fadenscheinige Kultur", als Chance zur unverfälschten Seinserfahrung. Kriege sind für ihn eine Naturnotwendigkeit und folglich Bestandteil einer "dionysischen Weltanschauung" , der sich der "Verherrlichung und Verklärung der Schreckmittel und Furchtbarkeiten des Daseins als Heilmittel vom Dasein" (Nietzsche) bedient.

Abstrakte Revolte

Nietzsches Denken protokolliert zwar eine gesellschaftliche Krise, durchdringt sie gedanklich aber nicht: Die Perspektivlosigkeit der bürgerlichen Existenz wird als Ausdruck einer Menschheitskrise, die Symptome des zivilisatorischen Verfalls als unvermeidlicher Kulturverlust interpretiert. Nietzsches "Kulturkritik" ist die Selbstbeschreibung einer kapitalistischen Zivilisationskrise in einer Form, die ihre Ursachen vergessen läßt. Es ist deshalb auch nur konsequent, wenn er sich weigert, über die bestehenden Verhältnisse hinausweisende Perspektiven zur Kenntnis zu nehmen. Nicht zufällig trägt seine Auseinandersetzung mit dem Sozialismus (den er als "die zu Ende gedachte Tyrannei der Geringsten und Dümmsten" definiert!) geradezu pathologische Züge; und nicht zufällig ist Nietzsches Denken durch eine blinde Wut gegenüber dem Anspruch auf reale Selbstbestimmung geprägt: "Es gibt nichts Furchtbareres als einen barbarischen Sclavenstand, der seine Existenz als ein Unrecht zu betrachten gelernt hat". (Nietzsche) Auf die Nachrichten über die siegreiche Pariser Commune reagiert er mit Entsetzen; sie ist für ihn ein Generalangriff auf die "Cultur" , deren Existenz nur durch eine privilegierte Elite und die skrupellose Unterdrückung und Ausbeutung der Masse aufrecht erhalten werden kann: "Damit es einen breiten tiefen und ergiebigen Erdboden für eine Kunstentwicklung gebe, muss die ungeheure Mehrzahl im Dienste einer Minderzahl ... der Lebensnoth sklavisch unterworfen sein." (Nietzsche)

Anders als einige seiner Lobredner unterstellen, interessierte sich Nietzsche keinesfalls für die konkreten Fragen der sozialen Widerspruchsdialektik, sondern stellt in der Tradition der reaktionären Kritik an der Französischen Revolution die Prinzipien des Aufklärungsdenkens und die Vorstellungen einer selbstbestimmten Gesellschaftspraxis grundsätzlich in Frage. Den Emanzipationshorizont der "Moderne" sieht er als Ursache allen Übels und den Kampf dagegen als seine dringlichste Aufgabe an. Besonders hierin folgt ihm ein sogenanntes "Postmodernes Denken": Mit demagogischem Eifer wiederholt es nicht nur seine nihilistischen Glaubenssätze von der Zirkelbewegung der Geschichte und einer existentiellen Alternativlosigkeit, sondern sieht in der Absicht, gesellschaftlicher Selbstbestimmung und dem theoretischen Anspruch Probleme aus ihrem Zusammenhang heraus zu verstehen, die Ursachen allen gesellschaftlichen Übels. Die Sympathie einer "Kulturlinken" für Nietzsche ist alleine schon deshalb erstaunlich, weil seine Weltanschauungsmuster bei der Zurückdrängung kritischen Denkens in den letzten beiden Jahrzehnten eine wichtige Rolle gespielt haben.
Weil Nietzsche die klassengesellschaftlichen Ursachen der Krisenentwicklungen ignoriert und sich weigert die realen Zusammenhänge zur Kenntnis zu nehmen, bleiben seine "Anklagen" halbherzig und pseudoradikal: Gesellschaftskritik verflüchtigt sich zur individualistischen "Revolte". Seine "formale Ausschweifung in ein unbestimmtes Außersichsein", in der Ernst Bloch ein diffuses "Zukünftiges" (also einen quasi-utopischen Horizont) erkennen will, bleibt noch von der als mechanistisch beklagten und als kalt empfundenen "Objektivität" geprägt. Noch in ihrer Ablehnung bejaht dieses Denken die Konsequenzen bürgerlicher Vergesellschaftung: die Absonderung der Menschen voneinander und das Streben nach antisozialer "Selbstverwirklichung". Nur die nonkonformistische Geste überdeckt ein grundsätzliches Einvernehmen mit den herrschenden Orientierungen; durch ihren bloß formalen Charakter wird der "Bruch und jede ernsthafte Spannung mit der Bourgeoisie" (G. Lukács) vermieden. Die nachgeborenen Intellektuellen, die sich ihrer bedienen, können sich "vornehm" von sozio-kulturellen Widerspruchserscheinungen distanzieren, ohne karriereschädliche Konflikte provozieren zu müssen.

Ahnherr der Postmoderne

Nicht im einzelnen Argument, jedoch in der inhaltlichen Tendenz wiederholt das "Postmoderne Wissen" die Motive einer Gegenaufklärung, der Nietzsche als "Ahnherr der Postmoderne" (Welsch) die Argumente geliefert hat. Es sei am Rande bemerkt, dass der Postmodernismus ironischerweise jenen Interpretations- und Selbstzurechnungsmustern, die bei Nietzsche elitär konzipiert und eine anti-demokratische Stoßrichtung haben, eine "subversive" und herrschaftskritische Substanz zuspricht: "Postmodernismus und Antimodernismus reichen sich tückisch die Hand" (M. Frank). Von Nietzsche, als seinem Repräsentanten einer "Gegen-Kultur" (Foucault), übernimmt das "Postmoderne Denken" neben den Motiven eines erkenntnistheoretischen Subjektivismus auch den philosophisch nur oberflächlich kaschierten Zynismus. Adaptiert werden Motive seines Antihumanismus und sein fatalistischer Blick auf die Geschichte: "Die ‘Ausbeutung’ gehört nicht einer verderbten oder unvollkommenen und primitiven Gesellschaft an: sie gehört ins Wesen des Lebendigen, als organische Grundfunktion, sie ist eine Folge des eigentlichen Willens zur Macht, der eben der Wille des Lebens ist. - Gesetzt, dies ist als Theorie eine Neuerung - als Realität ist es das Ur-Faktum aller Geschichte". Von Nietzsche stammen ebenfalls die Stichworte, die eine Abkehr von theoretischer Kohärenz und eine amoralische Subjektzentriertheit legitimieren.

Im Verein mit Nietzsche verstärkt der Postmodernismus eine verbreitete Resignation und Schicksalsergebenheit: Wir haben die Zukunft schon hinter uns, alles Mögliche ist erreicht, Geschichte sei an ihr Ende gekommen, lauten seine Glaubenssätze. Nietzsches Grundorientierungen, seine Auffassung von der Beliebigkeit des Standpunktes und der Relativität allen Wissens entsprechen nur zu offensichtlich den Bedürfnissen eines neuen Typus von "Dienstleistungsintellektuellen" (H. Krauss), der flexibel sich den jeweiligen Trends anzupassen weiß und dem die zynische Gleichgültigkeit zur zweiten Natur geworden ist! Einem an Nietzsche geschulten Denken ist der soziale Antagonismus (und in ihm eingeschlossen die Barbarei) eine kulturelle Notwendigkeit und Quelle sozialer Gestaltungskraft. Nietzsches Maxime "Nichts ist wahr, alles ist erlaubt" rechtfertigt in seiner modephilosophischen Modifizierung die herrschende soziale Praxis, die durch eine kaum verhüllte Aggressivität geprägt ist, weil sie im Interesse reibungsloser Kapitalverwertung alle Grenzen überschreiten und sozialstaatliche Beschränkungen beseitigen muss. Sie braucht die Relativierung aller normativen Maßstäbe, um für die antizivilisatorischen Konsequenzen der herrschenden Vergesellschaftungsprinzipien Zustimmung zu erlangen. "Wenn es keine absoluten oder zumindest positiven wissenschaftlichen Wahrheiten gibt, dann hat der Mensch freie Bahn für seine Taten." (B.H.F. Taureck) Nicht unverwandt ist diese Haltung mit der ideologischen Spiegelung und "spontanen" Rechtfertigung des Konkurrenzprinzips, weil es entsprechend der zynischen Interpretation seiner Apologeten, die individuellen Widerstandskräfte fördert und zur gesellschaftlichen Leistungssteigerung beiträgt. Konkurrenz eliminiert die Schwachen und ermöglicht den Triumph der Erfolgreichen. Anknüpfend an realen - wenn auch hilflosen - Selbstbestimmungsbestrebungen, verschafft sich der Postmodernismus eine antiautoritäre Aura und den "Anschein des Antitotalitarismus ..., [aber] heraus kommt die Freiheit des Nietzscheanischen Übermenschen, des Prototyps des autoritären, an keine Moral gebundenen Menschen". (R. Steigerwald)

Der Postmodernismus ist nicht das einzige Beispiel dafür, wie durch die Dominanz von Nietzsche geschichtsskeptische und fatalistische Einstellungsmuster hegemonial werden. Ein prominentes Beispiel sind die weltanschaulichen Verstrickungen einer "Dialektik der Aufklärung", wie sie von Horkheimer und Adorno in ihrem gleichnamigen Buch konzipiert worden ist. Sie gehen von der Beobachtung aus, dass in der Vergangenheit nur zu oft die Bemühungen, Gleichheit und Gerechtigkeit zu realisieren, vergeblich gewesen sind, mit erschreckender Regelmäßigkeit der Fortschrittswille neue Widersprüche hervorgebracht habe und Vernunft in Terror umgeschlagen sei. Die Widersprüchlichkeit des Fortschritts, wird von ihnen jedoch nicht konkret-historisch untersucht, sondern "geschichtsphilosophisch" verallgemeinert: Die Quintessenz ihres Interpretationsschemas ist die Behauptung, dass jeder Versuch menschlicher Selbstbefreiung neue Unterdrückungsformen hervorbringen würde! Fortschritt und Rückschritt seien die beiden Seiten der gleichen Medaille, Selbstunterdrückung und geistige Desorientierung für den Menschen existentielle Bestimmungen! Das Scheitern des Emanzipationsstrebens wird als zwangsläufig dargestellt. Weil Nietzsche an entscheidenden Stellen gegenüber den gesellschaftskritischen Selbstansprüchen die Oberhand gewinnt, ist die "Kritische Theorie" von einer panischen Praxis-Scheu geprägt.

Auch von Althusser (der immer wieder einmal als Antwort auf eine "Krise des Marxismus" ins Spiel gebracht wird), ist marxistisches Denken durch die nietzscheanische Umdeutung seiner dialektischen Substanz und humanistischen Perspektive beraubt worden: "Diese nietzscheanischen Denkmotive, verborgen in den Prämissen, durchgesetzt in dem ihnen fremden Medium der Auslegung Marxscher Philosophie, zeitigen [bei Althusser] aufreizende Schockeffekte, auch die schillernde Verwobenheit von theoretischer Stringenz und Eigenwilligkeit, Transparenz und undurchsichtiger Tiefe, endgültiger Evidenz und Schweben im luftleeren Raum." (A. Gedö) Zu den Konsequenzen seiner Abhängigkeit von Nietzsche zählt der Verlust der Subjekt-Kategorie bei gleichzeitiger Subjektivierung der Erkenntnisproblematik. Es ist jedenfalls nur konsequent, dass Althusser in seiner Spätphase eine distanzierte Haltung zum Marxismus eingenommen hat.


Ästhetisierung der Barbarei

Nietzsche kann als Seismograph für die Katastrophenentwicklungen des 20. Jahrhunderts gelesen werden, jedoch sollte dabei nicht vergessen werden, dass sein Denken "organischer" Bestandteil des intellektuellen Verfallsprozesses war, der ihnen vorausging. Nietzsche hat Vernunft und Rationalität nicht problematisiert, sondern negiert: Weil der Selbstanspruch der Vernunft uneingelöst blieb, soll das Heil in der Emotionalität und Irrationalität gesucht werden. Nietzsches Rezept gegen die Krise der Kultur war ihre Selbstzerstörung. Die Parteinahme für ein ungebundenes und "tolles Leben" ist immer auch von einem Todeshauch begleitet: Weil die Welt unvernünftig ist, soll dem Widervernünftigen und Morbiden Referenz erwiesen werden.

Trotz einer vordergründigen "Mehrdeutigkeit" ist Nietzsche in den entscheidenden Punkten eindeutig! Er wird von der "Postmoderne" zwar als Denker der "Differenz" interpretiert, jedoch ist ihm in den grundsätzlichen Fragen jede Differenzierung fremd. Er kennt nur das Entweder-Oder; er ist getrieben von der Obsession, reinen Tisch zu machen. Systematisch versucht jedoch die Mehrzahl seiner Lobredner diese entlarvende Eindeutigkeit zu verschleiern, z.B. dass die Menschenverachtung ein substanzielles Prinzip seines Denkens ist! Da ist ein Sloterdijk schon ehrlicher: Er leitet den Zynismus seiner gentechnischen Menschen-Züchtungsphantasien berechtigterweise von Nietzsche ab. Denn dessen Denken hat keine Anpassungsschwierigkeiten in einer Zeit, in der die technischen und biologischen Manipulationsmöglichkeiten außer Kontrolle geraten sind und im Wettlauf um Marktpositionen und Profite alle normativen Dämme zu brechen drohen. Es verhält sich konform zur Skrupellosigkeit der Funktionseliten im Risikokapitalismus und schmiegt sich geschmeidig Verhältnissen an, denen das ziellose, keine (moralischen und zivilisatorischen) Schranken akzeptierende Vorwärtsstreben als Selbstzweck gilt: "Was gut und böse ist, das weis noch Niemand: - es sei denn der Schaffende!" (Nietzsche)

Nietzsche bekennt sich nicht nur ausdrücklich zur Amoralität und zum Anti-Humanismus, sondern läßt auch keinen Zweifel aufkommen, dass er sie nicht nur als "philosophische" Haltungen, sondern als praktisches Weltverständnis verstanden wissen will. Weil sein Ideal eines "olympischen Menschen", der zur ästhetischen Vollkommenheit sich aufschwingen soll, die soziale Rücksichtslosigkeit und das "Opfer einer Unzahl Menschen" (Nietzsche) verlangt, hat der späte Thomas Mann bei Nietzsche eine "unheimliche Nähe" von "Ästhetizismus und Barbarei" gesehen! Die angestrebte "Herrenkultur" könne nur gedeihen, wenn die "pöbelhaften" Massenmenschen "zu unvollständigen Menschen, zu Sklaven, zu Werkzeugen herabgedrückt und vermindert werden" (Nietzsche). Die Unterschichten hätten nichts besserer verdient, als das, was sie an Repression, Bevormundung und Desorientierung erleiden müsse: "Viel zu viele leben, und viel zu lange hängen sie an ihren Ästen. Möchte ein Sturm kommen, der all diess Faule und Wurmfressne vom Baum schüttelt." (Nietzsche)

Sind solche Sätze Ausdruck eines wertvollen kulturellen Erbes? Transportieren sie das Leitbild eines "unbestimmten ... Aufbruchs" (J. Teller), in dem das entfremdete Subjekt zu sich selbst kommen kann? Oder sind sie nicht doch eher Indizien für eine intellektuelle "Barbarei unter dem schillernden Gewand ästhetischer Brillanz" (W. Heise)?
Keine ernsthafte Beschäftigung mit  Nietzsche kann ignorieren, dass "alles, was bei Nietzsche nur eine Tendenz ist, sich im Faschismus erfüllte: die blonde Bestie, der Wille zur Macht und schließlich der Dionysoskult in Gestalt der faschistischen Blutorgien und Massenszenarien" (Georg Lukács)! Thomas Mann, der ursprünglich in Nietzsches subjektivistischer Verarbeitung der Krise seine eigenen Empfindungen wiedererkannte und deshalb von den "kulturlinken" Erbschleichern fälschlicherweise als Kronzeuge benannt wird, bezieht eindeutig Position: Obwohl er Nietzsche auch weiterhin als Kritiker der Dekadenz geschätzt wissen wollte, hat er nach dem faschistischen Zivilisationsbruch über die Konsequenzen dessen, "was er in letzter Überreiztheit gegen Moral, Humanität, Mitleid, Christentum und für die schöne Ruchlosigkeit, den Krieg, das Böse gesagt hat", nicht schweigen wollen: Nietzsches "‚Moral für Ärzte’ mit der Vorschrift der Krankentötung und Kastrierung der Minderwertigen, seine Einprägung von der Notwendigkeit der Sklaverei, dazu manche seiner rassehygienischen Auslese-, Züchtungs- und Ehevorschriften sind tatsächlich, wenn auch ohne wissentliche Bezugnahme auf ihn, in der Theorie und Praxis des Nationalsozialismus übergegangen. Wenn das Wort wahr ist: ‚An ihren Worten sollt ihr sie erkennen’, so steht es schlimm um Nietzsche." (Thomas Mann)

Nietzsches Denken fügt sich zwar nicht widerspruchsfrei in das Schema der faschistischen Ideologie, jedoch war dessen Einvernahme nicht willkürlich - und es waren keinesfalls nur "Schlagworte" (J. Teller), die von den Nazis übernommen wurden! In entscheidenden Punkten hat die nazistische Ideologie Nietzsche zu Ende gedacht und die praktischen Schlussfolgerungen nicht nur aus gemeinsamen weltanschaulichen Grundüberzeugungen, sondern auch aus seinen Worten (!) gezogen: Der "Wille zur Macht" korrespondierte ebenso mit ihrem eigenen Denken, wie die Verherrlichung von Gnadenlosigkeit, Stärke und Krieg. Das bedingungslose Recht des Überlegenen wurde vom Faschismus genauso propagiert, wie von Nietzsche. Und selbst wer diese Geistesverwandtschaft in Frage stellt, muss einräumen, dass Nietzsches Philosophie keine Widerstandsmomente gegen eine solche Vereinnahmung besitzt, sondern auch noch der "Vernichtung von Millionen Missratener" das Wort geredet hat!

Soziale Bedenkenlosigkeit

Kommen wir zu unserer Eingangsfrage zurück. Welchen Beitrag zur intellektuellen und politischen Selbstbestimmung kann Nietzsche leisten? Was kann ein Denken, das von der "Natürlichkeit" von Ungleichheit und Unterdrückung ausgeht, von einer rauschhaften Massenverachtung und skrupelloser Egozentrik geprägt ist, für eine Emanzipationsbewegung bedeuten? Das Motiv der "Rationalitätskritik", die Ablehnung eines "berechnenden" Weltverhältnis ist nachvollziehbar. Hier ist das schwache Echo einer romantischen Kapitalismuskritik zu hören, die einen "Reichtum des Lebens" gegen Entfremdung und Technizismus in Erinnerung bringen und deutlich machen will, dass das menschliche Weltverhältnis mehr als das rationale Kalkül umfasst. Aber ohne den vernünftigen Gebrauch der Rationalität kann ihre technokratische Verengung und die Instrumentalisierung der menschlichen Sinne nicht überwunden werden. Deshalb ist nicht nachvollziehbar, wie von einer Positionen aus, die an die Stelle von Rationalität und Vernunft den irrationalistischen Taumel setzen will, eine Brücke zu den Grundsätzen einer Philosophie der Gesellschaftsveränderung und des revolutionären Humanismus geschlagen werden kann.

Da Nietzsche grundsätzlich in Frage stellt, dass die Menschen ihre Lebensverhältnisse begreifen können und "höhere" kulturelle Aktivitäten nur für eine Elite reserviert wissen will, bleibt es das Geheimnis der Nietzsche-Jünger, wo bei ihm die "wahre" Aufklärung verborgen sein soll! Es bleibt ein Rätsel, wo die kritische Sprengkraft in Nietzsches Ablehnung theoretischer Kohärenz ("Nichts ist wahr, alles ist erlaubt") oder in der Legitimation amoralische Subjektzentriertheit ("Alle Moral verneint das Leben") eingelagert sein soll und welche Verdingungslinien zwischen einer "abstrakt-phantastischen Flucht in Anarchie" (E. Bloch) und einem praxistheoretischen Denken bestehen können, das alle den Menschen bedrückenden und erniedrigenden Verhältnisse umwälzen will!

Viel eher entspricht das anti-soziale und elitäre Denken Nietzsches dem Selbstbewußtsein der Funktionseliten im globalisierten Risikokapitalismus, die das Prinzip des Konkurrenzkampfes verinnerlicht haben und die Bedenkenlosigkeit als Überlebensprinzip anerkennen. Ihnen ist - gerade in einer Situation, in der sie die Brüchigkeit ihrer eigenen Existenz hautnah erleben - Nietzsches Satz, dass man nur die "Wahl [hat] ... zugrunde zu gehen oder sich durchzusetzen" aus dem Herzen gesprochen.


© Werner Seppmann, 2002











 

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