Start

Beiträge zur Theorie  










Werner Seppmann

Wiederentdeckung der Klassen


I. Die Frage nach der Realität der Klassengesellschaft hat eine neue Aktualität bekommen: Nicht nur die Jahre einer ökonomischen Schönwetterperiode scheinen endgültig vorbei zu sein; auch der in dieser historischen Sonderphase entstandene "sozialstaatliche Kompromiss“ wird vom Kapital nachdrücklich in Frage gestellt. Im Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit herrscht auch in den Ländern mit "sozialpartnerschaftlicher“ Tradition wieder ein rauer Ton. Viele Errungenschaften der Arbeiterbewegung, die in der Prosperitätsphase durchgesetzt werden konnten, stehen zur Disposition. Eine eskalierende Widerspruchsentwicklung, eine destruktive Dynamik von Spaltung und Ausgrenzung, Privilegierung und Benachteiligung prägt das soziale Geschehen und hinterlässt ihre Spuren in vielen Lebensbereichen. Angesichts der gesellschaftlichen Entwicklungen mit ihren ökonomischen und politischen Konfliktlinien muss man "nicht Marxist sein, um zu erkennen, dass einer der zentralen gesellschaftlichen Konflikte nach wie vor der zwischen Kapital und Arbeit ist“1 – was aber nicht heißt, dass die Kenntnis des marxistischen Interpretationsverfahrens von Nachteil ist.

Die lange Zeit nicht nur die sozialwissenschaftliche Diskussion dominierenden Theorien über den Zerfall der Klassengesellschaft und den Bedeutungsverlust der sozialen Positionierung für die individuelle Lebensgestaltung (die von den Medienapparaten bereitwillig aufgegriffen wurden) haben sich vor der Realität blamiert. Obwohl diese Thesen niemals eine empirische Entsprechung besaßen, gewannen die Formeln einer "Individualisierungstheorie“ hegemonialen Einfluss. Ihr unproblematischer Siegeszug wurde auch möglich, weil in der Vergangenheit von den Vertretern eines radikalen Gesellschaftsverständnisses die Klassenstrukturen oft schematisch interpretiert und auf neue Entwicklungen nicht immer mit der notwendigen Aufmerksamkeit eingegangen wurde.2 Seine Überzeugungskraft gewann der Individualisierungsdiskurs durch die Beschäftigung mit aktuellen Entwicklungen, die angeblich durch eine struktur- und klassentheoretische Herangehensweise ignoriert würden. Es wurden Erscheinungen wie die "Segmentierung" der sozialen Blöcke und ihre Binnendifferenzierung thematisiert, gleichzeitig jedoch auch mit der Vorstellung operiert, dass durch diese Prozesse der soziale Raum zerfasern würde, so dass von sozio-strukturellen Gesetzmäßigkeiten und Regelmäßigkeiten sinnvoll nicht mehr gesprochen und gesellschaftliche Ursachen für Veränderungen der Lebensverhältnisse nicht mehr benannt werden könnten.


Es hätten sich - so lauten die einschlägigen Thesen - "pluralisierte Lebenslagen" herausgebildet, die mit traditionellen Klassen- und Schichtlinien nur noch wenige Gemeinsamkeiten besäßen. Das Leben gestalte sich jenseits von ökonomischen Zwängen innerhalb "kultureller" Vermittlungsnetze. Kennzeichnend für eine angeblich "postindustrielle“ Vergesellschaftungstendenz sei eine "Evolution der Lebensformen" (U. Beck), die zu einer "Enttraditionalisierung der Lebensverhältnisse" und der "Diversifizierung und Individualisierung von Lebenslagen" geführt habe.3 Zwar wurde die hartnäckige Existenz sozialer Ungleichheit nicht vollständig ignoriert, jedoch behauptet, dass sie im wesentlichen nicht mehr auf ökonomische Strukturprinzipien und ein konkretes Machtgefüge zurückgeführt werden könne: "Wir leben trotz fortbestehender und neu entstehender Ungleichheiten heute in der Bundesrepublik bereits in Verhältnissen jenseits der Klassengesellschaft, in denen das Bild der Klassengesellschaft nur noch mangels einer besseren Alternative am Leben erhalten wird.“4


Zwar konnte die Individualisierungstheorie sich auf reale Entwicklungen wie die Zerfaserung traditioneller Klassenmilieus und Veränderungen der Biographiemuster berufen, jedoch wurden sie einseitig, mit positiven Unterton interpretiert und ihre alltagspraktische Doppelbödigkeit ignoriert. Undeutliche Trends wurden für das Ganze genommen und die von den Betroffenen als problematisch erlebte Entwicklungen als gradlinige Erfolgsgeschichte dargestellt: Sehr häufig bedeutet die "Herauslösung aus traditionellen Bindungen“ nicht zwangsläufig die behauptete Vergrößerung der individuellen Handlungsspielräume, sondern Unsicherheit und Orientierungsverlust. Im Gegensatz zu den sozialphilosophischen Unterstellungen ist die "Individualisierung“ kein fröhliches Gesellschaftsspiel, sondern ein Drama, ein permanenter Kampf um Anerkennung der individuellen Entfaltungsbedürfnisse, ein Kampf gegen Entfremdung, Unsicherheit und soziale Funktionalisierung.


Als Ursachen und Basis für den "Individualisierungsschub“ (U. Beck) wurden drei Entwicklungstrends hervorgehoben:


  • die Erhöhung des Masseneinkommens,

  • die "Bildungsexplosion“ mit einer Verbesserung der Aufstiegschancen für breite Schichten der Bevölkerung,

  • sowie die "Individualisierung“ von Einstellungs- und Kulturmustern.


Diese Trends existieren, jedoch haben sie im gesamtgesellschaftlichen Kontext eine andere Bedeutung als ihnen unterstellt wird. Durch sie werden zwar die klassengesellschaftlichen Verhältnisse im Detail modifiziert, sie haben jedoch nichts an der Relation zwischen den Klassen und der gesellschaftlichen Prägekraft des Antagonismus zwischen Kapital und Arbeit geändert. Schauen wir uns die Referenzaspekte der Individualisierungstheorie genauer an, wird sowohl die ungeschmälerte Relevanz der Ungleichheitsfrage deutlich, aber auch offensichtlich, dass sozio-kulturelle Benachteiligungen Ausdruck eines ökonomisch fundierten Machtverhältnisses sind:


Tatsächlich sind in den Jahrzehnten des Nachkriegsboom die Konsummöglichkeiten auch für breite Bevölkerungsschichten gestiegen. Auch wer nur ein geringes Einkommen hatte, partizipierte an regelmäßigen Lohnerhöhungen. Ein wichtiger Aspekt war jedoch auch die Verbreiterung der familiären Einkommensbasis: Die Berufstätigkeit beider Lebenspartner wurde zum Normalfall. An den großen Einkommensdifferenzen änderte sich durch diese Entwicklungen aber nichts. Spätestens in den 90er Jahren vergrößerten sie sich sogar wieder rapide und haben mittlerweile eklatante Formen angenommen: Die Lohnquote als wichtigster Indikator für die gesellschaftliche Wohlstandsverteilung sank in den letzten 7 Jahren in der BRD (bei gleichzeitiger Erhöhung des Anteils der abhängig Beschäftigten) von 52 auf 42 Prozent des Sozialprodukts! Die Zeit realer Lohnzuwächse ist lange vorbei; sie kam an ihr Ende in den Jahren, als die individualisierungstheoretischen Thesen gestanzt wurden: Seit über einem Jahrzehnt stagnieren die Masseneinkommen und haben sich in einigen Jahren sogar reduziert. Diese Situation ist ein Spiegelbild von Verteilungsungerechtigkeit, aber viel wichtiger noch Indikator der gesellschaftlichen Machtverhältnisse, die in der Individualisierungstheorie überhaupt keine Rolle spielen.5


Auch die "Bildungsexplosion“, als von der Individualisierungstheorie identifizierte Basis einer "Pluralisierung der Lebenslagen“ ist in ihrer Wirkung ebenfalls doppeldeutig und höchst widersprüchlich: Sie ist Ausdruck einer allgemeinen Veränderungen des gesellschaftlichen Qualifikationsniveaus. Qualifizierte Bildungs- und Ausbildungstitel sind nötig um die soziale Position überhaupt verteidigen zu können. Obwohl das Abitur zur selbstverständlichen Einstellungsvoraussetzung geworden wurde, ist der soziale Status des Bankkassierer oder des Verwaltungsangestellten im besten Falle gleich geblieben. Alle einschlägigen Untersuchungen zeigen: "Bei einem insgesamt gestiegenen Bildungsniveau sind die Unterschiede zwischen den sozialen Schichten konstant geblieben.“6 Weil das Qualifikationsniveau generell gewachsen ist, erhalten traditionelle Statusvorteile im Kampf um die begehrten Positionen sogar neue Wirkungskraft.


Viele Menschen erleben die sozio-ökonomische Veränderungsdynamik als existentiellen Anpassungsdruck; "Individualisierung“ ist Ausdruck tiefgreifender Veränderungen in den Lebens- und Arbeitsverhältnissen: Der Zwang etwas "neues“ auszuprobieren, ausgetretene Pfade zu verlassen und unkalkulierbare Risiken einzugehen, ist allgegenwärtig. Zwar ergeben sich durch die Beschleunigung der Entwicklungen immer wieder "neue Chancen“, regelmäßig jedoch um den Preis der Verschlechterung der beruflichen Situation jener, die durch den ständig sich verändernde Qualifikations- und Fertigkeitenraster hindurchfallen.


Das vom "Individualisierungsaufruhr“ (Beck) geprägte Leben ist alles andere selbstbestimmt; es bleibt von fremden Interessen, den Entscheidungen einer Machtelite abhängig, die mit ihren Verwertungsstrategien das Schicksal von Einzelpersonen und Betrieben, aber auch Regionen und ganzen Ländern mitprägen. Es würde viele klassentheoretische Probleme sich klarer darstellen, wenn zumindest die marxistische Diskussion sich wieder stärker für die Klassengesellschaft in ihrer Gesamtheit, einschließlich der herrschende Klasse interessieren würde.7 Die für das Verständnis der Klassenstrukturierung entscheidenden Aspekte Ausbeutung und Mehrwertaneignung, würden wieder in einem klarem Licht erscheinen und auch der politische Kampf um die Aneignung des Mehrprodukts von seinen herrschenden Mystifikationen befreit.


Durch die Verbreiterung des sozialanalytischen Blickwinkels würde auch deutlich werden, dass das "individualisierte“ Leben der Arbeitskraftverkäuferrinnen und -verkäufer irreversibel in die antagonistische geprägte Sozialstruktur eingebunden ist. Die Frage ist deshalb nicht, "ob man das ‚Schema des Klassenkampfes‘ (Gorz) ablehnt oder nicht; Klassenkampf ist keine Frage subjektiver Beliebigkeit, theoretischer Konstruktion, sondern ein objektiver geschichtlicher Tatbestand mit vielfältig sich wandelnden historischen Inhalten, Formen und subjektiven Energien der Herrschenden wie Beherrschten.“8


Genau so wenig wie der Individualisierungsdiskurs der individuellen Bedeutung der sozio-kulturellen Veränderungen gerecht wird, gelingt es ihm, ihre strukturellen (und das bedeutet: ihre eigentlichen gesellschaftlichen) Konsequenzen zu erfassen. Soziale Felder von sehr unterschiedlicher Prägekraft (Arbeit und Beruf, Konsum, Freizeit oder "Kultur“) werden als gleichrangige Einflussfaktoren dargestellt, ihnen eine austauschbare Bedeutung für die individuelle Lebensgestaltung unterstellt. Bei dieser theoretischen Positionierung ist das Bemühen offensichtlich, vergessen zu lassen, dass "das Kapital ... die alles beherrschende ökonomische Macht der bürgerlichen Gesellschaft“9 ist, und deshalb einige Sozialbereiche eine ungleich größeren Einfluss auf die Lebensgestaltung haben als andere.


II. Nicht erst seit der "neoliberalen“ Offensive, der Krisenhaften Veränderungen der Arbeits- und Lebensbedingungen und des offenen Ausbruchs der sozialen Widersprüche ist der ideologische Charakter einer "erblindenden Sozialwissenschaft“ (O. Negt) deutlich geworden, die den Eindruck zu erwecken versucht, dass die "individualisierten“ Subjekte in einem herrschaftsfreien Raum bewegen. Schon in der Begründungsphase des "Individualisierungsdiskurses“ wiesen die Ergebnisse aller Untersuchungen, die sich der Realität der sozialen Reproduktion von Ungleichheit überhaupt noch stellten, in eine entgegengesetzte Richtung, als es die Orientierungsformeln vom Bedeutungsverlust ökonomischer Strukturen für die persönliche Lebensgestaltung assoziierten. Während Ulrich Beck, als Dirigent und Übungsleiter des Individualisierungs-Chores, von einer stark nachlassenden Prägekraft sozialer Strukturen sprach, kamen Untersuchungen, die nicht bereit waren, solche unabgeleiteten Grundannehmen unkritisch zu akzeptieren, zu entgegengesetzten Ergebnissen: "Die Strukturierung von Lebenschancen und Lebensläufen durch gesellschaftliche Institutionen scheint eher stärker geworden zu sein.“10 Auf allen relevanten sozialen Feldern war auch in der ("Wirtschaftswunder“-End-)Phase, auf die sich die Individualisierungsthese begründend bezieht, die strukturell vermittelte Konstanz der Ungleichheit zu beobachten. Es hätte nicht der krisenhaften Veränderungen und den neoliberalistischen Maßlosigkeiten bedurft, um erkennen zu können, "dass nicht nur die Chancen, sondern auch die Risiken in den westlichen Industriegesellschaften der 90er Jahre ungleich verteilt sind und zum Teil nicht unerheblich nach der sozialen Herkunft der Personen variieren“.11


Noch einer kurzen Phase sozialer Öffnungen haben sich traditionelle Ausschließungs- und Selektionsmechanismen beispielsweise im Bildungsbereich wieder stabilisiert. Auch die seit den 60er Jahren zu beobachtende Tendenz zur sozialen Verbreiterung des Bildungsangebots hat nicht zu einer nachhaltigen Erhöhung der Bildungschancen für die unteren Sozialschichten geführt. Anzeichen einer Lockerung sozialer Barrieren durch die Reformen des Bildungssektors wurden vorschnell als Indizien einer Reduzierung sozialer Ungleichheit interpretiert. Tatsächliche erhalten heute mehr junge Menschen eine höhere Schulbildung, was aber nicht bedeutet, dass die soziale Basis von Gymnasien und Universitäten breiter geworden wäre: "Zwar ist im Zuge der steigenden Bildungsbeteiligung für Jugendliche aus allen sozialen Lagen die Wahrscheinlichkeit gewachsen, ein hochwertiges Schulabschlusszertifikat zu erwerben; dennoch klafft die Bildungsschere zunehmend auseinander. Trotz der voranschreitenden Individualisierungsprozesse besucht also in der Bundesrepublik Deutschland auch im Jahre 1990 nur etwa jedes 8. Arbeiterkind ein Gymnasium; von den Kindern aus Beamtenfamilien jedoch mindestens jedes zweite.“12 Nach einer kurzfristigen "Trendwende“ nimmt die Ungleichheit der Bildungschancen wieder kontinuierlich zu: Zwischen 1982 und 1997 ist der Anteil der Studierenden aus sogenannten "bildungsfernen Schichten“ von 23 auf 14 Prozent gesunken. Der Anteil der Studierenden aus Arbeiterfamilien liegt kaum über den Niveau der frühen 60er Jahre: "Entgegen weitverbreiteten Erwartungen führt die Bildungsexplosion der sechziger Jahre also nicht zu einem geringeren, sondern zu einem stärkeren Einfluss des Elternhauses“ 13. Der Einfluss der sozialen Herkunft auf den Lebensweg bleibt nicht nur prägend, sondern ist durch die zunehmende Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt sogar noch größer geworden. Schichtenspezifische "Kulturtechniken“ (Verhaltenssicherheit und adäquate Formen der Selbstdarstellungen) und habituelle Prägungen mit symbolischer Bedeutung für die Entscheidungsträger14, aber auch soziale determinierte Einflussmöglichkeiten ("Beziehungen“) stellen wichtige Voraussetzungen für den sozialen Aufstieg dar. "Das Bildungssystem leistet nun nicht etwa einen Beitrag dazu, die schichtspezifischen Defizite auszugleichen, sondern im Gegenteil: es versieht die bereits Privilegierten mit zusätzlichen Vorteilen und türmt für die bereits Benachteiligten noch zusätzliche Hindernisse auf.“15


Während Beck der Klassengesellschaft die Totenglocke läutet, bewahrheitet sich selbst noch die alte Erfahrungsregel, dass "Arme früher sterben müssen“: Auf der Grundlage der Wahrnehmung der tatsächlichen Lebensverhältnisse war schon in der Begründungsphase der Individualisierungstheorie zu konstatieren, "dass die gesundheitlichen Lebenschancen in der Bundesrepublik Deutschland, gemessen an Sterblichkeits- und Krankheitsdaten, noch erstaunlich stark mit Kriterien der sozialen Schichtung und damit letztlich der sozialen Ungleichheit im Zusammenhang stehen.“16


Beispiele aus vielen anderen Bereichen ließen sich anfügen, durch die nicht nur die Konstanz einer klassengesellschaftlich geprägten Ungleichheit deutlich wird, sondern auch, dass die sozio-kulturellen Benachteiligungen teilweise gravierend zugenommen haben! Die aktuellen Ausschließungs- und Dequalifizierungsprozesse aktualisieren das Bild einer "Zweidrittelgesellschaft“ – jedoch anders als im üblicherweise gemeinten Sinn: Selbst die kritisch gemeinte Rede von der Zweidrittelgesellschaft erweist sich mittlerweile als Ideologie: Es kristallisiert sich ein Zustand heraus, in dem ein gutsituiertes Bevölkerungsdrittel dem zur ökonomischen und sozialen Dispositionsmasse degradierten Zweidrittel der Restbevölkerung gegenübersteht, das sich wiederum aus dem "Bodensatz“ der Ausgrenzten und Marginalisierten und einem "mittleren“ Segment zusammensetzt, das temporär durchaus "sein Auskommen“ haben kann, aber permanent von beruflicher Dequalifizierung und sozialer "Zurückstufung“ bedroht ist. In dieser Entwicklung manifestiert sich eine Verfestigung des Klassenantagonismus, aber auch eine Tendenz zur "Diversifizierung“ der Soziallagen der arbeitenden Männer und Frauen. Bei Fortbestand des hierarchischen Verhältnisses zwischen Arbeit und Kapital, bilden sich Lagen und Konstellationen heraus, die zu eigenständigen Wahrnehmungs- und Interessenprofilen mit entsolidarisierenden Effekten führen. Auf diese Entwicklungen und die sich daraus ergebenden klassenpolitischen Konsequenzen wird weiter unten noch ausführlich einzugehen sein.


III. Obwohl schon durch die sprachlichen Konstruktionen der Individualisierungstheorie eine politische Legitimationsabsicht nicht zu übersehen war (etwa wenn in einer programmatischen Studie die sozialen Widersprüche durch eine flotte semantische Wendung, "als ungleich vorteilhafte Lebensbedingungen“17 verharmlost werden) gelang es ihren Vertretern dennoch den Eindruck zu erwecken, für neuartige Widerspruchsentwicklungen sensibel zu sein und Partei für die Betroffenen neuartiger Formen der Unterprivilegierung zu ergreifen. Ihre bevorzugten Themenfelder wurden geschlechts- oder lebenslagenspezifische Ungleichheiten, die auf Grundlage einer theoretischen Vorentscheidung, die die Abkoppelung von Sozialstruktur und Lebensgestaltung implizierte, als singuläre Erscheinungen dargestellt wurden.

An die Stelle der Ursachenanalyse sozialer Ungleichheit wurde die Beschäftigung mit der Vielfalt ihrer Erscheinungsformen und deren kategoriellen Erfassung gesetzt: Privilegiert wurde ein eingeschränkter Blickwinkel; soziale Benachteiligen wurden "als individuell erfahrbare Lebensbedingungen“ behandelt, die nicht zu den übergreifenden "gesellschaftlichen Prozessen“ vermittelbar seinen.18 Diese Vorgehensweise ist durch den methodischen Trick einer Konzentration auf gemeinsame biographische und "lebensweltliche“ Merkmale (u.a. Alter, Geschlecht, Muster der Lebensgestaltung), bei gleichzeitiger Ausblendung objektiver Strukturierungsmomente, "fundiert“: "Branchen- und berufsspezifische Arbeitsplatzrisiken, kohortenspezifische Aufstiegsmöglichkeiten, geschlechtsspezifische Berufschancen, regional ungleiche Arbeitsmarkt- und Freizeitchancen, technologisch verursachte Ungleichheit der Arbeitsbedingungen und viele andere der in letzter Zeit bedeutender gewordenen Disparitäten sorgen dafür, dass von ‚Klassenlagen’ immer weniger die Rede sein kann.“19

Seine theoretische Legitimation versicherte sich dieser theoretische Reduktionismus, durch den Rückgriff auf Max Weber20, ohne in Rechnung zu stellen, dass bei ihm in diesen Zusammenhang "Klassen“ als formale Ordnungschemata fungieren, die für sich genommen noch keine Aussagen über die gesellschaftliche Funktionalität und die Handlungspräferenzen ihrer "Subjekte“ ermöglichen. Das bedeutet für ihn aber gerade nicht, die Bedeutung der Klassenlage für die konkrete Lebensführung und auch ihre Rolle im Kontext politischer Formierungsprozesse zu ignorieren. Die Aktionsfähigkeit von Klassen ist das Produkt politischer Vermittlungsschritte; sie hat objektive Voraussetzungen, ist aber nicht automatisch aus ihnen "abzuleiten“: Klassenlagen provozieren nicht automatisch ein einheitliche, bewusste und zielgerichtete Praxis, sind aber die "mögliche (und häufige) Grundlage eines Gemeinschaftshandelns“!21 Diese Auffassung rechtfertigt keinesfalls den individualisierungstheoretischen Reduktionismus und ist – wie wir noch sehen werden – mit dem Marxschen Problemverständnis nicht unvereinbar.

Stand die Behauptung über das "Ende der Klassengesellschaft“ selbst in den Zeiten eines "sozialstaatlich“ regulierten Kapitalismus auf schwachen Füßen, so hat sie mit dem Aufbrechen neuer sozialer Spaltungen in den 90er Jahren und der Intensivierung des "Klassenkampfes von oben“, selbst ihren Schein von Plausibilität verloren. Durch die eskalierende soziale Widerspruchsdynamik haben nicht nur junge Sozialwissenschaftler die Aktualität der Klassenfrage wiederentdeckt;22 auch an den Rändern der etablierten Sozialwissenschaften haben die unübersehbaren Krisenprozesse zu einer neuen Sensibilität für die klassentheoretische Sichtweise geführt.23 Nicht nur der Vorwurf einer ideologisch motivierten Realitätsverweigerung ist erhoben worden24, sondern auch einer herrschaftskonformen Ausrichtung des Denkens in Individualisierungskategorien: "Die wissenschaftliche Interpretation der Gesellschaft als eine ‚entstrukturierte’, als ‚klassenlose’ als eine von Milieus und Lebensstilen geprägte hilft bei der Durchsetzung einer Regulationsform mittels neo-liberal-konservativer Politikprogramme, die dem bürgerlichen Lager dazu dient, die nationalen Gesellschaften der führenden Wirtschaftsnationen auf die ‚Herausforderungen der globalen Gesellschaft’ einzustellen, d.h. dem Akkumulationsinteresse des Kapitals (‚Standortwettbewerb’) Vorrang vor der Integration der Gesellschaft auf nationaler Ebene einzuräumen.“25

Da die wichtigsten Schaltstellen innerhalb der Wissenschaftsbürokratie von den Parteigängern des Individualisierungstheorems kontrolliert wurden (und trotz des Gegenwindes immer noch werden!), blieben die Forschungsgelder für jene Untersuchungen reserviert, die unkritisch die einschlägigen Glaubenssätze akzeptierten und von vornherein die Frage nach dem Verhältnis der individuellen Lebensbedingungen zu den sozio-strukturellen Gesetzmäßigkeiten ausschlossen: "Ökonomische und politische Dimensionen – und damit die Ursachen sozialer Ungleichheit – verschwanden nahezu völlig aus der Wahrnehmung“.26


IV. Aus der Vielzahl der Fragestellungen und Problemkomplexe die vom Individualisierungs-Diskurs in der Absicht einer "Dekonstruktion“ des "Klassenparadigmas“ oftmals mehr gestreift und assoziativ umkreist, als ernsthaft behandelt werden, sollen jene einer näheren Betrachtung unterzogen werden, die für ein realistisches Gesellschaftsverständnis von zentraler Bedeutung sind und deren Kritik gleichzeitig die Arbeit an der Rekonstruktion27 einer dialektischen Klassentheorie fördern kann.

a) Um die vordergründige Plausibilität des eigenen Interpretationsangebots sicher zu stellen, wird "individualisierungstheoretisch“ den Gegenpositionen ein lebensfremder Schematismus unterstellt. "Klassentheorie“ wird mit jenen Homogenitätsvorstellungen gleichgesetzt, wie sie der tradierte Ökonomismus bei seinen Konstruktionen einer sozio-strukturell determinierten "Einheit der Arbeiterklasse“ benutzt hat. Klassen werden als starre Blöcke mit eindeutig zurechenbaren Bewusstseinslagen definiert. Dieses Konstrukt hat zwar nicht viel mit einem entwickelten klassentheoretischen Problemverständnis zu tun, aber den Vorteil, dass es leicht "widerlegt“ werden kann: "Wird die Existenz von Klassen an das Vorhandensein von Homogenität, von Gleichförmigkeit der Existenz verknüpft, dann lässt sich das Verschwinden der Klassen in der Gegenwart - namentlich der Arbeiterklasse – mühelos feststellen. Doch ist diese Voraussetzung falsch, da Homogenisierung kein bestimmendes Merkmal sozialer Gruppen ist, denn diese befinden sich ständig im Prozess der Umbildung ihrer Struktur zufolge der sich wandelnden Bedingungen.“28 Schon die Klasse der Sklaven im Altertum war vielfältig differenziert. Würden die Sklavenhaltergesellschaft mit den Kategorien der Segmentierung, Individualisierung usw. beschrieben, "müsste man mit der Entstehung der Klassen bereits ihr Ende postulieren.“29



b) Anders als es der Individualisierungsdiskurs assoziiert, ist auch die Uniformität von "Lebenslagen“ keine zwingende Konsequenz einer gemeinsamen (strukturell definierten) Klassenlage. Die Klasse der Arbeitskraftverkäuferrinnen und -verkäufer war immer "differenziert“, setzte sich aus Menschen unterschiedlichen Kulturen und Mentalitäten zusammen. Sie bestand im 19. Jahrhundert etwa aus den Zuwanderern aus der Landwirtschaft und aus Menschen die schon in der zweiten und dritten Generation industriell und städtisch sozialisiert waren. Qualifizierte Handwerker mit Produktionserfahrung und gefestigten Wertmustern (die Fabrikarbeit als sozialen Abstieg erlebten) wurden mit ungelernten Arbeitskräften, die noch ihren ländlichen Erfahrungshorizont verpflichtet waren (und von Aufstiegschancen träumten) zusammen gewürfelt. Durch diese Differenzen werden jedoch die prinzipiellen Gemeinsamkeiten, die sich aus den objektiven Momenten ihren sozio-ökonomischen Existenz ergeben nicht aufgehoben: Ihre Stellung innerhalb des ökonomischen Reproduktionsprozesses und ihre Besitzlosigkeit, die sie zwingt; ihre Arbeitskraft auf den Markt zu tragen.30



c) Nicht nur der Sozialstrukturanalyse mit klassentheoretischer Intention, sondern jedem umfassenden gesellschaftheoretischen Erklärungsversuch wird einem undifferenzierten Pluralitätstopos (durch das Postulat der Gleichartigkeit aller Lebensbereiche und daraus abgeleitet aller Lebenschancen) die Legitimität bestritten und durch einem individualisierungstheoretischen Überzeugungskanon ersetzt, der "die Vielfalt betont, an Fragmenten verweilt und auf Entzauberung der großen Synthesen setzt".31 Von grundlegender Bedeutung für den Versuch von der politischen Dimension der sozio-kulturellen Entwicklung abzulenken, ist die Behauptung der Erosion des sozialen "Zentrums“ und die Verneinung einer wechselseitigen Bedingtheit sozialer Sachverhalte. Denkbar sei nur noch die Existenz weitgehend nebeneinander existierender Ereignisketten. Alle sozialen Tatsachen und Entwicklungen werden als strukturell gleichrangig begriffen. Mit relativistischen und die realen Sachverhalte verzerrenden Konsequenzen werden die unterschiedlichsten Momente der Lebenswirklichkeit formal nebeneinander gestellt, somit faktisch die unterschiedliche Prägekraft von Arbeit, Freizeit und Konsum im Kontext individueller Lebensgestaltung ignoriert.

dass diese Vorgehensweise einen Kontrast zur Klassentheorie darstellt, kann nicht bestritten werden; ob aber die Fetischisierung und Festschreibung des individualistischen Blicks einen Erkenntnisgewinn ermöglicht, ist mehr als fraglich. Durch die Vernachlässigung der "übergreifenden“ Faktoren, reduziert sich die professionalisierte Beschäftigung mit den "Lebenslagen“ auf eine bedeutungslose "Phänomenologie sozialer Ungleichheiten“32. Es wird das Bild einer sozialen Landschaft gemalt, in der soziale Ungleichheit "nur noch individualisiert und damit ausschnitthaft, zersplittert in viele Einzelanalysen“33 und individuellen Befindlichkeiten abgebildet wird. Soziale Widersprüche werden auf das Format eines voraussetzungslosen "Schicksals“ reduziert.

Bleibt unberücksichtigt, dass individuelle Ereignisse irreversibel in soziale Strukturen eingebunden sind (und zwar auch dann, wenn sie nicht unmittelbar von ihnen "determiniert“ werden!), wird auch die individuelle Dimension des "Lebensschicksals“ verfehlt. Denn auch der Ungang mit "Benachteiligungen“ und Privilegierungen ist von dem sozialen Kontext mitbestimmt, in dem sie auftreten: Auch günstige Berufsaussichten für eine Altersgruppe in Boomzeiten ("Kohortenspezifische Aufstiegsmöglichkeiten“) weisen eine klassengeprägte Differenzierung auf. Denn auch bei allgemein günstigen Ausgangsvoraussetzungen für eine Generation, erfolgt in ihrem Binnenverhältnis "Chancenverteilung“ nach dem Muster "ungleicher Ausgangsbedingungen“34. Ebenso hängt der Umgang mit Krankheiten (als Inbegriff des "individuellen Schicksal“) von den konkreten Lebensbedingungen ab. Finanzielle Spielräume ermöglichen die Anspruchnahme besser Behandlungsmethoden und können unnötiges Leiden verhindern.

d) Die neuartigen Spaltungstendenzen (die von einer akademischen Soziologie als Wechselspiel von Einschließung und Ausgrenzung beschrieben werden35) verdrängen nicht den ökonomisch fundierten Klassenwiderspruch, sondern sind Konsequenz seiner ungebrochenen Wirksamkeit. Davon, dass "Ausgrenzung vielfach an die Stelle von Klassenverhältnisse und Ausbeutung getreten“36 sei, kann jedenfalls keine Rede sein, denn die Ausgrenzungen und die aktuellen Spaltungstendenzen sind Ausdruck eines neuen Akkumulationsmodells, das die Intensivierung der Ausbeutung lebendiger Arbeitskraft intendiert und von einer Kapital- und Marktlogik geprägt ist, "die von nahezu allen Barrieren, Kontrollen und Widerständen befreit ist“37, und sich deshalb von der sozialen Verantwortung verabschiedet hat.38

In widersprüchlicher Form vollzieht sich die Stabilisierung der Ausbeutungsverhältnisse. Es finden dabei Entwicklungen auf zwei Ebenen statt: Die eine Ebene ist die Internationalisierung der Arbeitsteilung. Produktionsbereiche werden in Niedriglohnzonen ausgelagert. D. h. die gleiche Arbeit wird in einem anderen Teil der Welt zu profitableren Bedingungen, d.h. schlechteren Löhnen, ungünstigeren Arbeitsbedingungen, noch größerer Rücksichtslosigkeit gegenüber Mensch und Natur verrichtet. Durch die Schaffung dieser neuen Arbeitsplätze an der "Peripherie“, können in den "Zentren“ (der zweiten Ebene) Arbeitsplätze abgebaut, und d.h. die Arbeitslosigkeit und mit ihr eine "industrielle Reservearmee“ für das Kapital institutionalisiert werden. Diese "Ausgegrenzten stellen das Druck- und Drohpotential dar, um die Ausbeutung der "inkludierten“ zu intensivieren und eine noch größere Mehrwertmasse aus der lebendigen Arbeit herauszupressen.



V. Mit einer Feststellung hat die Individualisierungstheorie (auch wenn sie daraus die falschen Schlussfolgerungen gezogen hat) jedoch recht: Die objektive Soziallage und ihre subjektiven Verarbeitungsformen liegen oftmals weit auseinander. Als Beck noch konzidierte, dass Individualisierung "in einen bestimmten konfliktreichen Modus der Vergesellschaftung (führt), nämlich in eine kollektiv individualisierte Existenzweise“39, konnte er berechtigterweise gleichzeitig feststellen, dass den Betroffenen die "Kollektivität und Standardisierung ihrer Existenzweise nicht ohne weiteres bewusst werden kann.“40 Daraus wurde aber vorschnell ein Schluss gezogen, dass ein soziales Widerspruchsbewusstsein verschwunden wäre. Die Einschätzung, dass aus "Klassenlagen weder Bewusstseinsinhalte noch Interessen abgeleitet werden können“41 wird, wie wir schon gesehen haben, nicht nur den komplizierten Bewusstseinsstrukturen der Menschen im Risikokapitalismus nicht gerecht, sondern ignoriert auch die Beispiele einer erfolgreichen Artikulation und Durchsetzung von Klasseninteressen – die in den letzen beiden Jahrzehnten zwar nicht der Arbeiterklasse, jedoch der Klasse der Vermögensbesitzer gelungen ist.

Jedoch nicht nur der Erfolg des Kapitals bei der Disziplinierung der Arbeiterklasse im Kontext der "neoliberalen“ Umgestaltungen sind der Gegenbeweis zu den kategorischen Behauptung, dass die "Klassenstruktur nicht mehr die dominante Struktur moderner Gesellschaften“42 sei. Weder die "Lebensstiloptionen“, noch die "Individualisierung“ haben die Prägekraft der sozio-ökonomischen Position beispielsweise bei der Ausbildung politischer Präferenzen und des Wahlverhaltens entscheidend geschwächt. Auch bei den Mitgliedern der Arbeiterklasse existieren (immer noch!) überraschend realistische Gesellschaftsbilder, in denen sowohl die gesellschaftlichen Interessengegensätze, als auch eine Gewissheit über die eigene Subalternität präsent sind. Trotz ihrer unschärferen Wahrnehmung spiegelt sich die Klassenzugehörigkeit nach einer neueren Untersuchung überraschend deutlich in den politischen Präferenzen. Ihre Befunde belegen "einen wesentlich geringeren Abbau der Klassenspaltung im Wahlverhalten, als es andere Analysen nahe legen“43: Arbeiter stehen der SPD, "besitzende“ und kleinbürgerliche Schichten der CDU nahe.

Unter dem Nebelschleier einer "unpolitischen Grundhaltung“ (die bei genauerer Betrachtung sich häufig als Resignation aufgrund der starren und "unüberwindbar“ erscheinenden Machtverhältnisse erweist) ist ein latenter Antikapitalismus weit verbreitet: Nach Aussagen des "Allensbach-Instituts“ begegnen 57 Prozent der Bundesbürger der "Sozialen Marktwirtschaft“ ablehnend: Andere Untersuchungen belegen, dass eine deutliche Mehrheit die Fähigkeit des herrschenden Gesellschaftssystems bezweifelt, die drängenden Probleme sozialverträglich zu lösen.

Habituelle Prägungen als Ausdruck der gesellschaftlichen Stellung sind aber keine monokausalen Spiegelbilder. Obwohl der gesellschaftliche Grundwiderspruch in einer "vorbewussten“ Weise präsent ist, werden aus objektiven Gründen, zu denen auch divergierende kulturelle und politische Einflüsse gehören, die gesellschaftlichen Widersprüche verzerrt wahrgenommen. Dennoch bleiben die "Einstellungen“ und Handlungsmuster von den Klassenstrukturen geprägt – auch wenn sie nicht automatisch eine kritische Substanz aufweisen.


Trotz der Präsens des sozialen Antagonismus in ihrem Gesellschaftsbewusstsein sind die Menschen jedoch immer seltener in der Lage, die gesellschaftlichen Konfliktlinien in angemessenen Begriffen zu beschreiben und ihre eigenen Interessen zu artikulieren. Das ist Ausdruck des Zerfalls politischer Alternativkulturen, der seinerseits Ausdruck grundlegender Veränderungen der politischen Kräfteverhältnisse ist, die nicht zuletzt durch den Niedergang des sozialistischen Blocks möglich geworden sind. Im globalen Massstab ist ein Vakuum entstanden, das es dem Kapital ermöglicht, die von ihm selbst produzierte Krisen- und Widerspruchsentwicklung in einer herrschaftsstabilisierenden Weise auszunutzen: Durch tiefgreifende Veränderung im Systems der internationalen Arbeitsteilung ist das Kapital in der Lage die Beschäftigten gegeneinander auszuspielen und ihnen seinen Willen aufzudrängen. Weil die Menschen verunsichert sind verhalten sie sich angepasst und orientierungslos: "Die globale Krise des kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems bewirkt ... [deshalb] unmittelbar keinen Aufschwung der Massenaktivitäten, sondern vielfach eher schicksalsergebene Anpassung an die herrschenden Verhältnisse.“44 Die Reproduktion der Klassenstruktur "funktioniert“ also gerade durch die Differenzierung und Segmentierung und Privilegierung auf der einen und Ausschließung und Disziplinierung auf der anderen Seite. Sie sind deshalb nicht Vorboten einer Auflösung der Klassengesellschaft, sondern Momente ihrer Differenzierung; sie stellen das klassengesellschaftliche Gefüge nicht in Frage, sondern stabilisieren es.


VI. Die temporäre Festigung kapitalistischer Herrschaftsverhältnisse wird durch den tiefen Riss unterstützt, der durch die Arbeiterklasse geht. Um einen "hochentlohnten" Kern von qualifizierten Beschäftigten dehnt sich eine immer breitere Zone mit zum Teil extrem belastenden und fast immer niedrig entlohnten und sozial unsicheren Arbeitsplätzen aus.45 "Prekäre“ Beschäftigungsverhältnisse erhalten eine immer größere Bedeutung. Ihr Anteil beträgt in den meisten Industrieländern 35 Prozent – mit stark steigender Tendenz. Das "Normalarbeitsverhältnis“ wird durch befristete Verträge, Leiharbeit, erzwungene Teilzeitarbeit, Werkverträgen und Formen der Scheinselbstständigkeit zurück gedrängt. "Mehr als zwei Drittel der jährlichen Neueinstellungen vollziehen sich in diesen ‚atypischen“ Formen.“46 Mit der zunehmenden Zahl von Beschäftigten, die eine betriebliche Randposition einnehmen und die oft trotz eines festen Arbeitsverhältnisses ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten können, wächst auch das Armutspotential. Obwohl das gesellschaftliche Konsumtionsniveau insgesamt gestiegen ist, Armut in den "Wohlstandgesellschaften“ mit den historischen (und globalen) Formen des Massenelends nicht vergleichbar ist, nähern sich die Verhältnisse strukturell einer unrühmlichen kapitalistischen Vergangenheit an. Wenn auch auf einen insgesamt gestiegenen Niveau leben wie im späten 19. Jahrhundert47 40 % der BRD-Bevölkerung unterhalb oder in Nähe des Existenzminimums.


Zwar hat sich weder durch die "Unübersichtlichkeit“ der Ausschließungs- und Dequalifizierungsprozesse, noch durch ethnische und geschlechtsspezifische Ungleichheiten am grundlegendenden Klassenantagonismus etwas geändert, jedoch ist es schwieriger geworden, eine Vorstellung von den gemeinsamen Interessen zu entwickeln, denn die strukturelle Gleichartigkeit der sozialen Lagen löst sich in kaum miteinander vergleichbaren oder gar vermittelbaren Lebenshorizonten auf: "Was teilt tatsächlich ein in die familiäre Sphäre zurückgezogener Langzeitarbeitsloser mit Frau, Wohnung und Fernseher mit dem Jugendlichen, dessen ‚Tretmühle’ aus ständigem Herumirren und missglückten Wutausbrüchen besteht? Sie haben weder die Vergangenheit noch die Zukunft, den Erlebnishintergrund oder die Werte gemeinsam. Sie können sich keinem gemeinsamen Lebensentwurf widmen und scheinen kaum dafür offen zu sein, ihre Ratlosigkeit in den Formen kollektiver Organisation zu überwinden.“48

Jedoch nicht nur durch die Differenzen zwischen den einzelnen Klassensegmenten, sondern auch durch organisatorische Veränderungen in der Arbeitswelt, in Gestalt einer wirkungsmächtigen Tendenz zur Isolierung der Arbeitsplätze und einer Zergliederung des betrieblichen Erfahrungszusammenhangs, sind den arbeitenden Männer und Frauen ihre gemeinsamen Interessen immer weniger unmittelbar erfahrbar.

Diese Probleme sind jedoch für das marxistische Denken keineswegs so neu, wie manchmal behauptet wird: Schon die Klassentheorie von Marx und Engels hat auf ähnliche Herausforderungen reagiert: Sie ist von der grundlegenden Einsicht geprägt, dass die kapitalistischen Gesellschaftsverhältnisse die Menschen entsolidarisieren (Marx spricht von der "Isolierung der Arbeiter durch die Konkurrenz") und er setzt sich damit auseinander, dass durch den warenvermittelten Vergesellschaftungsprozess "individualisierte" Bewusstseinsstrukturen erzeugt werden. Es gehört zu den Besonderheiten der kapitalistischen Klassengesellschaft, dass durch die gesellschaftliche Praxis Bewusstseinsformen erzeugt werden, die den Klassenkonflikt überdecken und verzerren.

Schon im "Kommunistischen Manifest“ stellen Marx und Engels sich dem Problem einer zeitlichen Phasenverschiebung von Strukturentwicklung und politischer Handlungsfähigkeit der Arbeiterklasse: In dem gleichen Maße, wie durch die industrielle Entwicklung die Klasse der arbeitenden Männer und Frauen sich vereinheitlicht, werden durch das in der bürgerlichen Gesellschaft alles beherrschende Konkurrenzprinzip die Menschen gegeneinander ausspielt und es entwickeln sich durch die gesellschaftliche Arbeitsteilung, sowie dem Warencharakter aller sozialen Beziehungen, Bewusstseinsformen, die das Bild von den sozialen Verhältnissen systematisch verzerren. Deshalb können von den Herrschenden – wie es plastisch im "Manifest heißt - die verschiedenen "Individuen der selben Klasse beliebig aufeinander gehetzt werden".49

Schon diese knappen Hinweise auf das Selbstverständnis der marxistischen Klassentheorie, dürften verdeutlichen, dass sie "auf die Erklärung sehr viel umfassenderer gesellschaftlicher und geschichtlicher Zusammenhänge orientiert als auf isolierte, unmittelbare Determinanten und ihre Wirkungen.“50 Dieser methodische Hinweise auf unsere heutige Problemlage angewandet, sind wir mit der Frage nach den Möglichkeiten der Bewusstmachung der realen Konfliktpotentiale konfrontiert: Es drängt sich die Frage auf, wie sich in der Situation arbeitsorganisatorischer und sozio-kultureller Zersplitterung ein Bewusstsein gemeinsamer Interessen realisiert werden kann:


  • Lässt sich das Auseinanderstrebende überhaupt noch politisch vermitteln?
  • Welche Konsequenzen ergeben sich aus der technologischen Entwicklung?
  • Welche Sozialgruppen lassen sich heute als "Subjekt der Veränderung“ identifizieren?



Viele Fragen, auf die mit tradierten Merksätzen zu reagieren nicht ausreicht, denn eine beschwörende Rhetorik ändert nichts an den konkreten Problemen, die aus sich verändernden Reproduktionsformen erwachsen, durch die zwar die primäre, ökonomisch vermittelte Klassenstrukturierung nicht aufgehoben wird, aber den Betroffenen (teilweise) in einem anderen Licht erscheinen. Ein realistisches Gesellschaftsverständnis, kann nicht ignorieren, dass die individuelle Klassenexistenz in verschiedenen Formen und diversen Abstufungen sich äußert, die soziale Ungleichheit verfestigenden Produktionsverhältnisse durch Differenzierungsprozesse innerhalb der Klasse der Lohnabhängigen überlagert werden. Nötig ist also die Wiedergewinnung eines Bewusstseins gemeinsamer Interessen und einer Perspektive der Solidarität – auch wenn die Bedingungen für Solidarität komplizierter geworden sind. Aber voraussetzungslos war das solidarische Handeln in keiner historischen Phase. Es gibt eine "organische Solidarität“, die aus den kollektiven Organisationsform der industriellen Arbeit erwachsen ist, aber auch sie entwickelte sich nicht automatisch aus diesen strukturellen Bedingungen. Solidaritätspotentiale können heute jedoch nur erschlossen werden, wenn vor der Wirkungsmacht der mentsolidarisierender Sozialerfahrungen und verzerrter Realitätsbilder nicht die Augen verschlossen werden und auch die Bedeutung von Privilegierung und Benachteiligung nach ethnischen und geschlechtsspezifischen Merkmalen berücksichtigt wird.

Es müssen neue Wege gegangen werden, um die gemeinsamen Interessen deutlich werden zu lassen, denn traditionelle Organisations- und Politikkonzepte stoßen immer häufiger an Grenzen. Die angesprochen Fragmentarisierungsprozesse beispielsweise führen allmählich zur Auflösung des durch die gewerkschaftliche Gegenmacht etablierten Lohnsystems. Die durch den betrieblichen Rahmen definierten Organisationsstrukturen der Gegenmacht werden deshalb in den kommenden Auseinandersetzungen nicht ausreichen. Das bedeutet nicht, dass die "Kernbereiche“ nebensächlich würden. Aber eine angemessene politische Bedeutung können sie nur dann zurückgewinnen, wenn sie "organischer“ Teil einer sozialen Bewegung werden, die inhaltlich über den betrieblichen Rahmen hinaus weist und auch Anstrengungen um eine alternative kulturelle Identität einschließt. Denn ohne neue Formen der Vernetzung (notwendigerweise auch in internationaler Dimension), können die Beschäftigten in den verschiedenen Segmenten der Arbeitswelt - um nochmals mit Marx zu reden – "aufeinander gehetzt werden“.

Aus der Kenntnisnahme der klassengesellschaftlichen Realität und ihrer Selbststabilisierungstendenzen folgt nicht zwangsläufig der Abschied von der Veränderungsperspektive; "die Frage nach dem Subjekt der Befreiung [ist] nicht erledigt, sondern stellt sich radikaler und dringlicher, vor allem aber historischer und konkreter.“51 Eine progressive und selbstbestimmte Verarbeitung der Widersprucherfahrungen52 als Voraussetzung der Formierung der Arbeiterklasse zum historischen Handlungssubjekt ist jedoch ein anspruchsvoller Prozess im Spannungsfeld der Bewusstwerdung gemeinsamer Interessen, der Organisation politischer Aufklärungsprozesse und der Entwicklung von Handlungsperspektiven



© Werner Seppmann, 2002




Erstveröffentlichung: Marxistische Blätter, H. 2/2002, S. 37 - 47



Anmerkungen:

1 W. Müller, Ungleichheitsstrukturen im vereinten Deutschland, in: Ders. (Hg.), Soziale Ungleichheit. Neue Befunde zu Strukturen, Bewusstsein und Politik, Opladen 1997, S. 16
2 Vgl. als kritische Bestandaufnahme der klassentheoretischen Diskussion: F. Kröll/M. Wammerl, Angebetet und verworfen. Streitfrage Arbeiterklasse, Marburg 1992
3 Vgl. u.a.: P. A. Berger, Individualisierung: Statusunsicherheit und Erfahrungsvielfalt, Opladen 1996
4 U. Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt/M. 1986, S. 121
5"Über die ökonomisch herrschende Klasse, die Besitzer und faktischen Kontrolleure des größerem Kapitals, hat die deutsche Soziologie jedenfalls sehr wenig zu sagen.“ (M. Teschner, Was ist Klassenanalyse?, in: Leviathan. Zeitschrift für Sozialwissenschaft, Jg. 17, H. 1, 1989, S. 10)
6 A. Klocke, Reproduktion sozialer Ungleichheit in der Generationenabfolge, in: P. A. Berger/ M. Vester (Hg.), Alte Ungleichheiten. Neue Spaltungen, Opladen 1998, S. 213
7 Vgl.: B. Krais, Die Spitzen der Gesellschaft. Theoretische Überlegungen, in: Dies (Hg.), An der Spitze. Von Eliten und herrschenden Klassen, Konstanz 2001 und den Beitrag von Joachim Bischoff in diesem Heft.
8 G. Stiehler, Sein und Werden. Sozialphilosophische Untersuchungen, Köln 1997, S. 165
9 K. Marx, Zur Kritik der politischen Ökonomie, MEW, Bd. 13, S. 638
10 K.-U. Mayer, Soziale Ungleichheit und die Differenzierung von Lebensläufen, in: W. Zapf (Hg.), Die Modernisierung moderner Gesellschaften. Verhandlungen des 25. deutschen Soziologentages in Frankfurt am Main 1990, Frankfurt und New York 1990, S. 680
11 J. Mansel/Ch. Palentien, Vererbung von Statuspositionen: Eine Legende aus vergangenen Zeiten?, in: P. A. Berger/ M. Vester (Hg.), a.a.O., S. 236
12 Ebd. S. 231
13 K. U. Meyer, a.a.O., S. 674
14Es gibt keinen seriösen wissenschaftlichen Grund an der strukturellen Geprägtheit des sozialen Habitus und seiner gesellschaftlichen Selektionswirkung in einer vergleichbaren Weise für die deutsche Klassenlandschaft anzunehmen, wie sie Pierre Bourdieu für Frankreich belegt hat. Vgl.: P. Bourdieu, Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt/M. 1982. Nicht nur im Vergleich zu diesem noch relativ jungen Klassiker einer "qualitativen“ Soziologie, wirkt die akademische Sozialtheorie in Deutschland provinziell, einfältig, trivial und machtverfallen.
15 R. Geißler, Soziale Schichten und Bildungschancen, in: Ders. (Hg.), Soziale Schichtung und Lebenschancen in der Bundesrepublik Deutschland, Stuttgart 1987, S. 101 Zumindest in dieser Hinsicht sind auch die Ergebnisse der PISA-Bildungsstudie eindeutig: "In allen drei untersuchten Bereichen ist der Zusammenhang von sozialer Herkunft und Kompetenzerwerb in Deutschland besonders eng. Kinder aus Akademiker- oder Freiberuflerfamilien haben viermal so hohe Bildungschancen wie Kinder aus Facharbeiterfamilien.“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 5. 12. 2001)
16 I. Weber, Soziale Schichtung und gesundheitliche Lebenschancen, in: R. Geißer (Hg.), a.a.O., S. 179
17 S. Hradil, Sozialstrukturanalyse in einer fortgeschrittenen Gesellschaft. Von Klassen und Schichten zu Lagen und Millieus, Opladen 1987, S. 9
18 Ebd.
19 Ebd., S. 71
20"Prinzipiell konstituiert die Verfügungsgewalt über jede Art von Genussgütern, Beschaffungsmitteln, Vermögen, Erwerbsmitteln, Leistungsqualifikationen je eine besondere Klassenlage“. (M. Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen 1972, S. 177)
21 Ebd., S. 531
22 Vgl. u.a.: M. Koch, Vom Strukturwandel einer Klassengesellschaft, Münster 1994 und H.-J. Bieling, Dynamiken sozialer Spaltung und Ausgrenzung – Gesellschaftstheorien und Zeitdiagnosen, Münster 2000. Besonders hervorzuheben ist eine Studie, die in ihrem Ansatz nicht widerspruchsfrei ist, aber mit lange nicht mehr gekannter Konsequenz das "unübersichtlich“ gewordene Gelände der Klassengesellschaft durchschreitet: B. Diettrich, Klassenfragmentarisierung im Postfordismus. Geschlecht, Arbeit, Rassismus, Marginalisierung, Hamburg/Münster 1999
23 Eine besondere Rolle bei der "Wiederentdeckung der Klassen“ kommt einer Reihe stadtsoziologischer Studien zu, die sich mit den sozial-räumlichen Konsequenzen der Krisen- und Ungleichheitsentwicklung beschäftigen. Vgl. u.a.: J. S. Dangschat (Hg.) Modernisierte Stadt – gespaltene Gesellschaft. Ursachen von Armut und sozialer Ausgrenzung, Opladen 1997 und W. Heitmeyer/R. Dollhase/O. Backes, Die Krise der Städte, Frankfurt/M. 2000
24 So R. Geißler, Kein Abschied von Klasse und Schicht. Ideologische Gefahren in der deutschen Sozialstrukturanalyse, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Jg. 48, 1996, S. 319ff.
25 J. S. Dangschat, Klassenstrukturen im Nach-Fordismus, in: P. A. Berger/ M. Vester (Hg.), a.a.O., S. 53
26 Ebd., S. 50
27 Vgl. den Beitrag von Friedhelm Kröll in diesem Heft.
28 G. Stiehler, a.a.O., S. 159
29 Ebd.
30"’Besitz’ und ‚Besitzlosigkeit’ sind die Grundkategorie aller Klassenlagen“ (M. Weber, a.a.O. S. 532), heißt es bei Max Weber, dem Klassiker einer bürgerlichen Soziologie, auf den der Individualisierungsdiskurs sich zwar als Referenztheoretiker bezieht, den er aber in seinen gesellschaftstheoretischen Konsequenz nicht zur Kenntnis nehmen will.
31 B. Giesen, Entzauberte Soziologie oder: Abschied von der klassischen Gesellschaftstheorie, in: W. Zapf (Hg.), a.a.O., S. 775
32 P. Müller, Sozialstruktur und Lebensstile. Der neuere theoretische Diskurs über soziale Ungleichheit, Frankfurt/M. 1992, S. 45
33 F. Zerger, Klassen Milieus und Individualisierung. Eine empirische Untersuchung zum Umbruch der Sozialstruktur, Frankfurt und New York 2000, S. 38
34 K. Hurrelmannn, Einführung in die Sozialisationstheorie. Über den Zusammenhang von Sozialstruktur und Persönlichkeit, Winheim und Basel 31990, S. 145
35 Mit einer angestrengt wirkenden Begrifflichkeit ("Inklusion“ und "Exklusion“) ummantelt, erlebt die "Wir-sitzen-alle-in-einem-Boot“-Ideologie seine Wiedergeburt in den sozialtheoretischen Reproduktionssphären: Transportiert wird mit diesem Schema in seinem gängigen Verständnis die Vorstellung, dass der Graben zwischen den Beschäftigten und den Arbeitslosen dem strukturellen Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit gleichrangig wäre, oder ihn sogar ersetzt hätte.
36 S. Herkommer, Deklassiert, ausgeschlossen, chancenlos – die Überzähligen im globalisierten Kapitalismus, in. Ders. (Hg.), Soziale Ausgrenzungen. Gesichter des neuen Kapitalismus, Hamburg 1999, S. 11
37 O. Negt, Arbeit und menschliche Würde, Göttingen 2001, S. 36
38 Vgl.: W. Seppmann, Zivilisierter Kapitalismus? Gesellschaft und Politik in der Krise, Witten 2001
39 U. Beck, Perspektiven einer kulturellen Evolution der Arbeit, in: Mittelungen aus der Arbeistmarkt- und Berufsforschung, H. 1, 1984, S. 42)
40 Ebd.
41 R. Kreckel, Klassentheorie am Ende der Klassengesellschaft, in: P. A. Berger/ M. Vester (Hg.), a.a.O., S. 33f.
42 Ebd.
43 W. Müller, Klassenstruktur und Parteiensystem, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Jg. 50, 1998, S. 38
44 G. Stiehler, a.a.O., S. 265
45 Vgl. K. H. Roth (Hg.), Die Wiederkehr der Proletarität, Köln 1995
46 R. Castel, Die Metamorphosen der sozialen Frage. Eine Chronik der Lohnarbeit, Konstanz 2000, S. 349
47 Vgl.: E. J. Hobsbawn, Soziale Ungleichheit und Klassenstrukturen in England: Die Arbeiterklasse, in: H. U. Wehler (Hg.), Klassen in der europäischen Sozialgeschichte, Göttingen 1979, S. 61
48 R. Castel, a.a.O., S. 18
49 Vgl.: W. Seppmann, Mythos Proletariat?, in: MBl., H. 1/1998
50 E. Hahn, Probleme der Klassentheorie, in: Topos. Internationale Beiträge zur dialektischen Theorie, H. 9, 1997, S. 72
51 J. Hirsch, Kapitalismus ohne Alternative? Materialistische Gesellschaftstheorie und Möglichkeiten sozialistischer Politik heute, Hamburg 1990, S. 125
52 Vgl. den Beitrag von Hartmut Krauss in diesem Heft.










 

GLASNOST, Berlin 1992 - 2017