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Werner Seppmann


Das Ende der Gesellschaftskritik?

Die »Postmoderne« als Realität und Ideologie

Papy Rossa Verlag, Köln 2000, ca. 300 Seiten, DM 36,-, ISBN-Nr. 3-89438-198-1


Der Kapitalismus hat den täuschenden Glanz seiner Prosperitätsphase verloren. Widersprüche, die hinter seiner Wohlstandsfassade lange Zeit verborgen geblieben waren, sind in Zeiten der »Globalisierung« zur prägenden Sozialerfahrung geworden, ohne daß sich jedoch nennenswerter Widerspruch artikuliert. Auffällig ist die Unfähigkeit der Intelligenz, kritisch auf die Herausforderungen der krisenhaften Sozialentwicklung zu reagieren. Unter dem Stichwort des »Postmodernen Denkens« werden Paradoxien der sozio-kulturellen Entwicklung zwar thematisiert, aber als unvermeidlich angesehen. Gesellschaftskritik wird als nicht mehr zeitgemäß angesehen. Statt dessen wird empfohlen die herrschenden Trends »mitzumachen« und jenseits ökonomischer Zwänge durch »ästhetische« Inszenierungen seine Individualität zur Geltung zu bringen.


Das »Postmoderne Denken« gewinnt eine vordergründige Plausibilität durch die Benennung einer Vielzahl drängender Krisenphänomene und die Thematisierung subjektiver Artikulationsansprüche. Seinen intellektuellen Kredit hat es durch die Forderung begründet, das Existenzrecht von Randgruppen ernst zu nehmen und nonkonforme Lebensweisen zu akzeptieren. Darüber hinaus scheinen die postmodernistischen Zustandsbeschreibungen der Gegenwart unbestechlich zu sein: Die auf Rationalität fixierte Zivilisation ist in eine Sackgasse geraten und der Glaube an den unaufhaltsamen Fortschritt hat sich als Illusion erwiesen. Vordergründig betrachtet, könnte die postmodernistische Problemsicht als kritische Reaktion auf fundamentale Veränderungen der Arbeits- und Lebensverhältnisse im Risikokapitalismus verstanden werden. Doch ist nicht zu übersehen, daß auf die Benennung von Krisensymptomen keinesfalls die notwendige Analyse folgt. Trotz der »herrschaftskritischen« und »subversiven« Selbstbezichtigungen wird man polizeiwiderige Aufsässigkeit vergeblich suchen: Jeder Hinweis auf einen Aspekt der sozio-kulturellen Krisenentwicklung wird in den postmodernen »Erzählungen« mit einer intellektuellen Geste resignativer Anpassung Kompensiert.


Obwohl durch die Verschärfung der Krise das Verfallsdatum für diese intellektuelle Hausmannskost schon lange überschritten ist, haben sowohl die Begriffe und Bilder als auch die verschwiegenen Prämissen das »Postmodernen Denkens« einen hohen Stand von Allgemeingültigkeit und Akzeptanz erreicht. Selbst Produkt des gesellschaftlichen Umbruchs, scheint es dem intellektuellen Verlangen einer krisengeprägten und orientierungslosen Zeit zu entsprechen, in der traditionelle Gewißheiten fragwürdig geworden sind.


Die Widersprüche des »Postmodernen Denkens« sind jedoch nicht zu übersehen. Es verspricht die Lebensansprüche des Subjekts in einer feindlichen Umwelt zur Geltung zu bringen, jedoch wird der Blick systematisch von den Ursachen kultureller Fremdbestimmung, gesellschaftlicher Ausgrenzung und der sozio-ökonomischen Instrumentalisierung der Individuen abgelenkt. Jedoch sind das nicht die einzigen Gründe, weshalb das Bedürfnis nach Aufklärung über den Postmodernismus und die Bereitschaft zum Widerspruch gegen seinen nicht selten erhobenen Monopolanspruch gewachsen ist.


Sind Fiktion und Realität, Wahrheit und Illusion tatsächlich ununterscheidbar geworden? Hat Gesellschaftskritik ihren Sinn und ihre Legitimität verloren? Leben wir in der Zeit eines sozio-kulturellen Umbruchs, der die Verwendung eines neuen Epochenbegriffs rechtfertigt? Ist die »Moderne« beendet und befinden wir uns nun in einem »postmodernen Zeitalter«? Gehen von den krisenhaft erlebten Veränderungen produktive Impulse aus, oder sind sie ein Sprengsatz für die Zivilisation? Sind die Fragen nach Klassenstrukturen und Herrschaftsverhältnissen überflüssig geworden? Öffnen sich für die Individuen neue Chancen selbstbestimmten Handelns, oder entwickeln sich neue Abhängigkeiten?


Aus dem Inhalt:


Leben in der »Postmoderne«

Die Krise als Lebensform - Repressive Widerspruchsverarbeitung - Dialektik der Anpassung


Die Paradoxien des »Postmodernen Denkens«

Positionen der »Postmoderne« - Kontinuität oder Diskontinuität? - Regressionsformen des Denkens - Zirkuläre Argumentationsstruktur - Philosophie der Unübersichtlichkeit - Motive des Antimodernismus - Der wiederentdeckte Mythos - Auflösung der Objektivität


Das disponible Subjekt

Krise und Identität - Neue Formen sozialer Kontrolle


Die Welt als Information und Fiktion

Medienwelt und Gesellschaftsbewußtsein - Die Fiktion als Realität - Strukturen des Medienbewußtseins - Information und Profit - Erfahrung und Erinnerung


Philosophie der Versöhnung oder Theorie des Widerspruchs?

Antagonismus oder Widerstreit? Normativität und Gesellschaftskritik - Differenz und Indifferenz - »Dekonstruktion« der Herrschaftsproblematik


Konturen einer »Postmodernen Soziologie«

Ende der Gesellschaftstheorie? - Die Individualisierung des gesellschaftstheoretischen Blicks - Gesellschaft ohne »Zentrum«? - Individualisierung und Vereinzelung - Entwicklungstendenzen des Risikokapitalismus - Konkurrenz und Lebensstil


Zur Theorie ideologischer Herrschaftsreproduktion

Subjekt im System - Revolutionärer Humanismus - Das fetischisierte Bewußtsein der »Freiheit« - Strukturen ideologischer Formierung - Genuß und Unterdrückung - Kritik und Verschleierung - Alltägliche Widerspruchserfahrung


Signatur des Wandels oder Krisenideologie?

Reflexionsstufen eines formierten Bewußtseins - Ideologische Transformation - Gleichheit und Differenz - Beschreibung und Affirmation - Das krisenförmige Bewußtsein der Krise - Die Perpetuierung des falschen Bewußtseins - Die Intelligenz in der Krise - Distanz und Anpassung


Regressionsformen des Denkens

Karikatur der Theoriegeschichte - Das strukturalistische Erbe - Philosophische Grenzgänge


Macht und Wahrheit

Über den »Terrorismus der Begriffe« - »Macht« als Schicksal - Erkenntnis als Privileg


Ästhetik der Emanzipation oder des Scheins?

Die Ästhetisierung der Lebenswelt - (Post-)Modernistische Ästhetik als Ideologie


Auflehnung und Unterwerfung

Subjekt und Entfremdung - Symptome des Widerspruchs - Selbstverwirklichung als Ideologie - Exkurs: Zur Dialektik von Subjektivität und Objektivität


Strategien der Gegenaufklärung

Der Doppelcharakter der Gesellschaftsentwicklung - Herrschaftswissen oder Durchgangsstadium zum kritischen Denken? - Erbe des philosophischen Irrationalismus? - Vernunft und Regression


Widerspruch und Emanzipation

Elemente einer Theorie der Befreiung - Kunst als Epochenbewußtsein - Ästhetik des Widerstands - Perspektiven kritischer Gesellschaftstheorie











 

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