Start

Beiträge zur Geschichte  









Hans Jürgen Schönamsgruber

Wirtschaftliche Entwicklung der Weimarer Republik

1. Ergebnis der Kriegswirtschaft

Mit der faktischen Machtübernahme durch OHL (Oberste Heeresleitung) Anfang 1916 und der Ausweitung der Materialschlachten (bei Verdun in 30 Tagen 1 350 000 Tonnen Stahl) wurde auf wirtschaftlichem Gebiet das Hindenburg-Programm beschlossen, was eine völlige Militarisierung der Wirtschaft bedeutete. Alle wirtschaftlichen Machtbefugnisse wurden in dem neuen Kriegsamt zentralisiert. Die Subventionen für die Kiegsindustrie wurden ausgeweitet. Der Schwerpunkt des Programms lag jedoch in der Stillegung nichtkiegswichtiger bzw. "überflüssiger" Produktionsstätten, um die Rohstoffe und Arbeitskräfte für die Kriegsproduktion zu mobilisieren. Dies führte je nach Industriezweig zu einer Stillegung von 30 bis 70 % der Unternehmen. Was einer Stillegungsquote von etwa 10 % der Gesamtindustrie entsprach. Zur Mobilisierung der Arbeitskräfte wurde das "Gesetz über den Vaterländischen Hilfsdienst" in Kraft gesetzt.

Trotz der Steigerung der Kriegsproduktion bis zu 215 % fiel die Gesamtproduktion auf 62 % 1917, wenn man die Produktion von 1915 = 100 % setzt.

2. Die Nachkiegssituation

Da die neue Regierung die Politik der Staatsaufträge und die Finanzierung der Armee und Freikorps (50 % des Staatshaushaltes) aufrecht erhielt, Kriegsentschädigungen für Vermögensverluste in den besetzten Gebieten (4,5 Mrd.) und die aufgestaute Kiegsinflation führten zu einer weiteren Ausdehnung des Haushaltzdefizites. Der Kurs der Mark verfiel zusehends, von 1913 1 $ = 4,20 M auf 1 $ = 13,50 M im Mai 1919. Im gleichen Zeitraum sank Kaufkraft der Mark um 297 %.

3. Die Phase 1919 - 1923

Trotz einer stärkeren Inflation und des Versailler Vertages (Abtretung Elsaß-Lothringen, 226 Mrd. Goldmark Reparationen, das Saargebiet 15 Jahre unter französische Verwaltung, Stahl- und Kohlelieferungen usw., insgesamt 440 Artikel) erreichte die Produktion 1922 etwa 90 % des Vorkriegsniveaus. Als Deutschland mit den Reperationszahlungen und -lieferungen im Rückstand war, stellten die Alliierten am 7. März 1921 in London ein Ultimatum. Da Deutschland das Ultimatum ablehnte, wurde das Ruhrgebiet am 11.1.1923 als Pfand besetzt. Daraufhin ging die deutsche Regierung zum passiven Widerstand über. Zur Finanzierung des "passiven Widerstandes" lies die Regierung die Notenpresse laufen, so daß im Oktober 1923 98 % des Staatshaushaltes durch Schulden finanziert wurden. Auch die Einführung der Rentenmark (eine Art Privatgeld auf Roggenbasis, das die Reichsbank in Zahlung nehmen mußte) im November 1923 änderte nichts an der Lage. Die Geldmenge stieg von 180,2 Mrd. im Juni 1922 auf 400 Trillionen im November 1923. Trotz der enormen Notenproduktion trat ein allgemeiner Geldmangel auf, da die Druckereien mit dem Drucken nicht mehr hinterher kamen. Ein normaler Zahlungsverkehr war damit unmöglich geworden. Die Wirtschaftstätigkeit ging zurück und die Krise verstärkte sich. Selbst eine Anleihe von 500 Mill. Goldmark im November 1923 in den USA zu einem Kurs von 1 $ = 4,2 M, hatte keine Wirkung. So trat schließlich Ende 1923 der "Inflationskollaps" ein.

Der Kurs der Mark fiel von 1 $ = 4,20 M im Jahre 1913 auf 1 $ = 4.210.500.000.000 M (4,2 Trillionen) im Dezember 1923..

Inflationsgrafik

4. Der Dawes-Plan

Um die Situation zu stabilisieren und die Zahlungen wieder in Gang zu setzen, wurde 1924 der Dawes-Plan (benannt nach dem Direktor der Morgan- Bank Dawes) beschlossen, der im August 1924 vom Reichstag angenommen wurde. Der Plan sah eine feste Ratenzahlung der Reparationen (im Wert: 1925 = 1000 Mill., 1929 = 2500 Mill. Goldmark) vor und eine gleichzeitige Gewährung von Auslandskrediten in US-$. Sofort wurde ein $-Kredit im Wert von 800 Mill. Goldmark gewährt. Bis Ende 1926 wurden weitere US-$- Kredite im Wert von insgesamt 5 Mrd. Goldmark eingeräumt. Das deutsche Bankwesen und die Deutsche Reichsbahn wurden faktisch unter alliierte Kontrolle gestellt. Es trat eine relative Stabilität ein. Es trat nun ein Mechanismus in Kraft, der dann 1929 als die Weltwirtschaftskrise einsetzt, in Deutschland schwerste Folgen zeigte.

5. Die Phase der relativen Stabilität (Die goldenen zwanziger Jahre)

Noch vor Inkrafttreten des Dawes-Planes nahm die deutsche Regierung Maßnahmen zur Währungsstabilisierung vor:

a) Die Einführung der Lohnsteuer und anderer indirekter Steuern, um das Haushaltsdefizit zu verkleinern und

b) eine Währungsreform, die den Umlauf der neu geschaffenen Reichsmark auf eine Mindestdeckungvon 40 % in Gold und Devisen festlegte. Mit dem Inkrafttreten des Dawes-Planes setzte ein Konjukturaufschwung ein, der bis zur Weltwirtschaftskrise anhielt. Finanziert wurde der Aufschwung wie folgt:

    1. Die US-$-Kredite an die Reichsbank wurden zum Teil als Deckung für die Ausdehnung des Kreditvolumens in Deutschland verwendet.

    2. Ein Teil der Devisen wurden für die Zahlung der Reparationen benutzt.

    3. Ein weiterer Teil wurde für die Finanzierung von wirtschaftlich notwendigen Importen eingesetzt, die so umfangreich waren, daß trotz der gestarteten Expotinitiative die Handelsbilanz negativ blieb.

6. Die Krise von 1929

Als in den USA zu der Konjunkturkrise sich 1929 auch noch eine Agrarkrise entwickelte, kündigten die in Zahlungsschwierigkeiten geratenen US-Banken ihre Kreditverträge und forderten die Rückzahlung. Da die Kredite an Deutschland sehr kurze Laufzeiten hatten, geriet die Reichsbank sehr schnell in Finanznot. Die Deckung für die vergeben Reichsmark-Kredite entfiel, so daß sie massiv einschränken werden mußten. Die Devisen für wichtige Importe waren plötzlich nicht mehr vorhanden. Die Wirtschaftstätigkeit ging in Deutschland noch extremer zurück als in den anderen von der Krise betroffenen Ländern. Die Zahl der Pleiten ging steil nach oben und die Arbeitslosenzahl schnellte auf über 6 Millionen.

Als Ergebnis der Krise versuchten England und die USA das Weltwährungsystem neu zu ordnen und die Zollgrenzen noch undurchlässiger zu machen. Dies gelang aber nur zum Teil. Erst im Zuge des II. Weltkrieges gelang es den USA dies in ihrem Interesse zu lösen. Schon an dieser Stelle wird deutlich daß die Kriegsziele der deutschen Bourgeoisie historisch völlig überholt waren, denn nicht die Eroberung von Ländern und Rohstoffen standen auf der imperialistischen Tagesordnung, sondern die Beherrschung der Weltwährung.

© Hans Jürgen Schönamsgruber








 

GLASNOST, Berlin 1992 - 2017