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Buchver÷ffentlichungen  









Bruno Mander

Rezension

Lebensweg eines Komintern-Mitarbeiters

Ernst von Waldenfels: Der Spion, der aus Deutschland kam. Das geheime Leben des Seemanns Richard Krebs. Aufbau-Verlag Berlin 2002, 381 Seiten.

Von Richard Krebs vernahm ich erstmals Ende der 50er Jahre. Einesteils durch seinen Erinnerungsroman "Out of the Night", der – 1941 in den USA erschienen – 1957 verkürzt und unter dem irreführend-marktschreierischen Titel "Tagebuch der Hölle", aber gleichfalls mit der Verfasserangabe "Jan Valtin" in Deutsch herausgekommen war. Andernteils durch eine Besprechung des Buches in der "Arbeiterpolitik" Nr. 10 vom 22. 5. 1958, worin ein ehemaliger Bremer Genosse  Krebs’ über diesen berichtete.

Von Waldenfels, Jahrgang 1963 und Journalist, hat sich mit vorliegender Biographie viel Mühe gegeben. In Gestapo- und NKWD-, CIC- und FBI-Akten, durch Vergleiche zwischen unterschiedlichen Darstellungsvarianten und Erinnerungen vormaliger Zeitgenossen fand er vieles über das Leben Richard Krebs’ heraus, das am 17. 12. 1905 begann und am 1. 1. 1951 endete. Er schildert die von Krebs verschwiegene, bis zum Tod des Vaters wohlbehütete Kindheit als Sohn eines Kapitäns und wichtigen Mitarbeiters beim Norddeutschen Lloyd in Bremen, die Jahre auf See, in denen Richard sich vom Schiffsjungen zum Vollmatrosen qualifizierte (später erwarb er das Steuermannspatent), seine KPD-Mitgliedschaft und Arbeit als Schmuggler propagandistischer Konterbande, dann auch von blinden Passagieren für die Kommunistische Internationale bis zum dilettantisch ausgeführten Überfall 1926 auf einen Ladenbesitzer, der ihn ins US-Zuchthaus San Quentin brachte. Autodidaktisch bildete er sich dort in diversen Fächern weiter, schrieb und veröffentlichte zudem Kurzgeschichten. Während der zweiten schlimmen ultralinken Phase der Komintern-Entwicklung war Krebs ab 1929 maßgeblich an zum Scheitern verurteilten, politisch schlecht organisierten "Offensivstreiks" beteiligt. Er stand dem Hamburger Internationalen Seemannsklub vor, während seine Frau dort Kulturarbeit leistete. Krebs gehörte der damals Alfred Bem (Adolf Schelley) und Albert Walter unterstehenden Internationale der Seeleute und Hafenarbeiter (ISH) bei der Komintern an. Als Instrukteur war er in verschiedenen Ländern für diese, daneben wohl auch für sowjetische Dienststellen aktiv. Der Machtantritt Hitlers zwang ihn 1933 zur Flucht aus Deutschland. In Kopenhagen wurde Ernst Wollweber sein Vorgesetzter. Der nachmalige Chef der DDR-Staatsicherheit dirigierte von hier aus die ISH und baute insgeheim eine Sabotageorganisation auf, die ab 1937 Schiffe der Achsenmächte versenkte. Zu Bem und dessen Protegé Krebs stand Wollweber auf Kriegsfuß. Bald nach Abberufung des Erstgenannten in die UdSSR schickte er Krebs nach Hamburg, wo dieser der Gestapo in die Hände fiel. Es war ein "Himmelfahrtskommando".

Der Autor verweist sowohl auf dieses Faktum, das für Krebs monatelange faschistische Folter und schwere gesundheitliche Schäden zur Folge hatte, als auch darauf, dass er sonst wahrscheinlich gleich Bem dem Stalin-Terror zum Opfer gefallen wäre. Waldenfels bestätigt, Krebs habe unter SS- und Gestapo-Folter mehrere Kontaktpersonen verraten, aber keine wichtigen Details der ISH. (S. 181) Der schon erwähnte Bremer Zeitzeuge erinnert sich in der Arpo 10/1958, "wie wir geholt wurden ins KZ Sachsenhausen, um uns vor der gefürchteten ‚Politischen Abteilung’ mit den seelisch und körperlich erpressten Aussagen von Richard Krebs auseinanderzusetzen". Nach zwei Prozessen 1934 wurde Krebs in der Strafanstalt Fuhlsbüttel erst in Einzelhaft genommen, dann in eine Sammelzelle verlegt, die prominente KPD-Funktionäre, so Anton Saefkow, besetzt hielten. Mit großem Geschick bekamen diese Genossen es fertig, kriminelle Elemente zurückzudrängen und die interne Kontrolle der Anstalt zu übernehmen, bis das im Herbst 1936 infolge Verrats aufgedeckt wurde. Ein Jahr später täuschte laut Waldenfels erst Saefkow, dann Krebs der Gestapo vor, "geläutert" und nicht mehr kommunistisch gesinnt zu sein. (S. 207 ff.) Anton Saefkow kam nach mehrjährigem KZ-Aufenthalt 1939 frei und baute eine große Widerstandsorganisation in Berlin auf. Krebs wurde von der Gestapo zur Ausspähung kommunistischer Auslandsarbeit angeheuert. Nach Kopenhagen zurückgekehrt, wo er sich den KP-Vertretern offenbarte, schickte er der Gestapo von der Komintern inspirierte, aber glaubhaft klingende Berichte. Sie enthielten über die ISH und Wollweber gerade so viel, wie die NS-Geheimpolizei schon wusste, sagten aber zugleich Wesentliches über die mit Parteikommunisten konkurrierende Gruppe um den "abtrünnigen" Hermann Knüfken aus, welche nun zur freigewerkschaftlichen Internationalen Transportarbeiterföderation (IFT) gehörte.

Ende 1937, Anfang 1938 gelang es Krebs, sich von Gestapo und Komintern zu lösen und per Schiff in die USA zu entkommen. Doch hatte er nach der Strafhaft in San Quentin gelobt, nie wieder einzureisen. Von KP-Seite verfolgt und als Gestapoagent denunziert, musste er sich verborgen halten und mit Gelegenheitsarbeiten durchschlagen. Auf dem Tiefpunkt retteten ihm 1939 linke Stalingegner das Leben. Gleichzeitig eröffneten sich für ihn Publikationsmöglichkeiten, worauf er u. a. seinen Erinnerungsroman schrieb, der 1941 noch vor Kriegseintritt der USA herauskam und zum Bestseller wurde. Vom Book-of-the-Month-Club verkürzt in Hunderttausenden, von Reader’s Digest noch stärker gekürzt in sieben Millionen Exemplaren vertrieben, gereichte er dem Autor zum Segen wie zum Fluch. Er verhalf ihm und seinem Manager, dem Hollywood-Autor Don Levine, zu hohen Einkünften. Mit Schilderungen über den brutalen Naziterror, die ähnlich auch Inhalt von "Valtins" Aussagen vor dem Dies Committee (Kongressausschuss für unamerikanische Umtriebe) waren, trug das Buch zur Durchsetzung der auf Kampf gegen Hitler gerichteten Politik Präsident Roosevelts bei. Andererseits erzürnte es neben Deutschland und den US-Rechten Sympathisanten der UdSSR, und zwar der gegen die Komintern gerichteten Passagen halber. Antistalinistische Freunde gingen wegen diverser, großenteils auf Don Levine zurückgehender Unwahrheiten auf Distanz, mit deren Hilfe "Valtin" sich als Held hochstilisiert, Wollweber aber – so Waldenfels im "Freitag" vom 27. 12. 2002 – "zum Monster aufgeblasen" hatte. Zugleich gelang es findigen Leuten, ihn als illegal im Lande  lebenden Richard Krebs zu enttarnen, worauf die Einwanderungsbehörde und das FBI gegen ihn mobil machten. Krebs’ Gegenspieler profitierten von teilweise eklatanten Widersprüchen zwischen der Realität und dem Roman und daraus, dass das Buch aus Werbezwecken als in allem wahrheitsgetreue Darstellung ausgegeben worden war.

Als die USA in den zweiten Weltkrieg eintraten, das aber an der Seite der Sowjetunion, war es mit "Jan Valtins" Ruhm bald vorbei. Eben noch gefeierter Lobsänger der US-Demokratie, wurde er bespitzelt, von November 1942 bis April 1943 gar als mutmaßlicher deutscher Spion auf Ellis Island eingekerkert. 1944/45 durfte er als gemeiner Infanterist der US Army im Dschungelkrieg auf den Philippinen dienen. Erst 1947, an der Schwelle zum antisowjetischen kalten Krieg, wurde Krebs eingebürgert. Den Glauben an die Segnungen von Freedom and Democracy hatte er verloren, die berechtigte Kritik am Stalin-Kurs aber in wütenden Antikommunismus umgemünzt. In den letzten Lebensjahren lasteten schwere Depressionen auf Krebs. Sie wurden durch einen auf den Philippinen eingefangenen unheilbaren Virus und Misserfolge bei weiteren Buchveröffentlichungen befördert. Mehr oder minder trist war auch das Schicksal ehemaliger Mitstreiter. Bem wurde wie erwähnt Opfer  J. W. Stalins. Walter beriet zeitweise die Gestapo und war später im BRD-Bundestag Abgeordneter der Deutschen Partei. Knüfken diente dem britischen Geheimdienst; er starb als Konservativer. Wollweber errang zwar in der DDR ein hohes Ministeramt, wurde jedoch in dem Moment, da er gleich Karl Schirdewan auf dringend notwendige Reformen drängte, von Ulbricht gestürzt.

Waldenfels’ Buch ist die erste umfassende Darstellung des Lebens von Richard Krebs. Es löst Rätsel über ihn oder nähert sich der Lösung an. Zugleich ist es wegen der Schilderung gesellschaftlicher Kräfte, von Organisationen und Personen, ihres Wirkens und der Konflikte zwischen ihnen wichtig. Datierung und Quellenangaben fielen z. T. mangelhaft aus.

In der Ausgabe vom 5./6. 10. 2002 hat "Neues Deutschland" eine beinahe übertrieben wohlwollende Besprechung abgedruckt, die gleichzeitig schwere sachliche Mängel birgt. Von Krebs’ angeblicher Teilnahme "in vorderster Linie" am Hamburger Aufstand 1923 über eine drei Jahre dauernde NS-Folter (die kein Mensch ausgehalten hätte) bis zur Denunziation als Gestapoagent durch "sämtliche KP-Zeitungen von der Pazifik-Küste bis nach Skandinavien" statt nur zwei kleine Blätter häuft Autor Meininger eine  Unwahrheit auf die andere. Seine Rezension taugt als Beispiel für schlampige journalistische Recherche-Arbeit.

Bruno Mander

(Arbeiterstimme, Nürnberg, Nr. 139, 32. Jg., Frühjahr 2003) 









 

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