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Bruno Mander

Noch nach anderthalb Jahrhunderten aktuell: Marx’ Selbstmordartikel


Am 29. 10. 2001 bekundete die bundesdeutsche Exekutive in Gestalt der Münchner Flughafenpolizei, dass sie in nichteuropäischen Passagieren mögliche  Schurkenstaatler,  in einer beinahe 150 Jahre alten Schrift von Marx die eventuelle theoretische Grundlage zu Selbstmordanschlägen wie in New York und Washington wittert. Sie nahm den pakistanischen Schriftsteller Tariq Ali kurzzeitig fest, beschlagnahmte aus dessen Handgepäck die hier zu besprechende Neuerscheinung und erläuterte Letzteres damit, dass man "seit dem 11. September mit solchen Büchern nicht verreisen dürfe". Erst die Forderung des international bekannten Literaten, sofort beim Münchner Oberbürgermeister Uhde anzurufen, der ihn Tage zuvor interviewt hatte, ließ ihn noch in seine nach London fliegende Maschine kommen. Der Fauxpas der Polizei mag lächerlich erscheinen. Er ist zugleich ein Alarmsignal. Die Kriegserklärung USA-Präsident Bushs an den "Terrorismus" und Vorlagen wie die "Sicherheitspakete" BRD-Innenminister Schilys wie auch die hiermit verbundene, amtlich geschürte Hysterie lassen Schlimmes erwarten.

Bruno Mander

Karl Marx’ im inkriminierten Buch nachgedruckter Artikel "Peuchet: Vom Selbstmord" ist dessen einzige Veröffentlichung zum Suizid-Thema. Er erschien ursprünglich 1846 in dem von Moses Heß und Friedrich Engels herausgegebenen Monatsblatt "Gesellschaftsspiegel. Organ zur Vertretung der besitzlosen Volksklassen und zur Beleuchtung der gesellschaftlichen Zustände der Gegenwart" in Elberfeld. Obwohl nur 23 Seiten stark, ist der Aufsatz bedeutsam. Zugleich ist er trotz der Tatsache "typisch Marx", dass nur der Vorspann und einige kommentierende Sätze von diesem stammen. Alles andere sind Auszüge aus Erinnerungen des Pariser Polizeiarchivchefs Jacques Peuchet (1758-1830), der vordem u. a. als royalistischer Zeitungsmann und Zensor, aber auch als einer der ersten Statistiker hervortrat. Ebenfalls als erster soll er den Begriff "Bürokratie" verwendet haben. Durch eine seiner in den Memoiren enthaltenen Geschichten regte er Alexandre Dumas zum Roman "Der Graf von Monte Christo" an.

Entgegen späteren Verfahrensweisen, die für Vulgärmaterialismus sozialdemokratischer wie Stalinscher Prägung typisch sind, preist Marx im Vorspann zu den Peuchet-Exzerpten die französische Gesellschaftskritik des 19. Jahrhunderts gerade deshalb, weil sie "die Widersprüche und die Unnatur des modernen Lebens nicht nur an den Verhältnissen besondrer Klassen, sondern an allen Kreisen und Gestalten... nachgewiesen" hat, "und zwar in Darstellungen von einer unmittelbaren Lebenswärme, reichhaltigen Anschauung, weltmännischer Freiheit und geisteskühner Originalität, wie man sie bei jeder andern Nation vergebens suchen wird". Bei Schriftstellern wie Peuchet erscheine "die Kritik der bestehenden Eigentums-, Familien- und sonstigen Privat-Verhältnisse... als das notwendige Ergebnis ihrer politischen Erfahrungen". (S. 55) Der Autor stand den Anschauungen von Marx überwiegend fern. Doch stimmte dieser mit Peuchets Einstellung zur bürgerlichen Gesellschaft und deren Unmenschlichkeit weitgehend überein und überließ ihm in dem Artikel meist allein das Wort. So im Hinblick auf die Erkenntnis, Frankreichs Revolution habe "nicht alle Tyranneien gestürzt; die Übel, die man den willkürlichen Gewalten vorgeworfen hat, bestehen in den Familien" weiter. Die oft von dieser, meist patriarchal bestimmten Institution mitverursachten Selbstmorde seien "nur eins der tausend und ein Symptome des allgemeinen, immer auf frischer Tat begriffenen sozialen Kampfes". (S. 60)

Ausführlich gibt Marx die von Peuchet geschilderten Suizide junger Frauen wieder. In seinen Kommentaren wird er deutlicher als der Verfasser. So bemerkt er zum Fall einer von ihren Eltern in den Tod gehetzten Schneiderstochter: "Die feigsten, widerstandsunfähigsten Menschen werden unerbittlich, sobald sie die absolute elterliche Autorität geltend machen können. Der Missbrauch derselben ist gleichsam ein roher Ersatz für die viele Unterwürfigkeit und Abhängigkeit, denen sie sich in der bürgerlichen Gesellschaft mit oder wider Willen unterwerfen." (S. 62) Zu einem anderen Fall, in dem ein missgestalteter, eifersüchtiger Ehemann den Selbstmord seiner Frau verursachte, schreibt Marx, der Code Civil und das Eigentumsrecht gestatteten diesem, sie ebenso wegzuschließen, wie der Geizhals seinen Geldkoffer, "denn sie bildet nur einen Teil seines Inventariums". (S. 66) Seine Grundauffassung auch in dieser Frage lautet, "dass außer einer totalen Reform der jetzigen Gesellschaft alle andern Versuche vergeblich sein würden". (S. 60)

Die Herausgeber haben dem Aufsatz Peuchets Memoiren-Kapitel "Du suicide et de ses causes" (Über den Selbstmord und seine Ursachen) hinzugefügt. Zudem enthält der  Band Würdigungen Michael Löwys und des Soziologen Anderson, der den Artikel im Kontext Marxscher Auffassungen über Entfremdung und Geschlechterverhältnisse behandelt. Der Mediziner Plaut vergleicht die Selbstmordtheorien von Peuchet/Marx mit denen des Psychoanalytikers Freud und des Soziologen Durkheim. Sein Versuch, Marx’ Theorie mit auf frühere Todesahnungen und spätere Suizide in dessen Familie zurückzuführen, ist nicht überzeugend.

Publikationen haben ihre Schicksale. Der "Gesellschaftsspiegel" erschien der preußischen Regierung bald so aufsässig, dass sie ihn nach dem zwölften Heft verbot. Die Moskau-Berliner MEGA, in welcher der Artikel 1932 in Band 1.3 zum zweiten Mal erschien, wurde wegen ihrer in Stalins Sicht destruktiven Tendenzen abgewürgt und Herausgeber Rjasanow liquidiert. In der DDR-Werkausgabe ist der Selbstmord-Artikel gleich anderen Frühschriften nicht enthalten. Das nun vorliegende kleine Buch bereichert unsere Kenntnisse.


Karl Marx: Vom Selbstmord. Hrsg. von Eric A. Plaut und Kevin Anderson. Mit einem Vorwort von Michael Löwy. Neuer ISP Verlag, Köln 2001, 118 Seiten, 16,50 EUR








 

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