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Buchveröffentlichungen  











Bruno Mander

Rezension

Kampf und Ende der literarischen DDR-Intelligenz

Werner Mittenzwei: Die Intellektuellen. Literatur und Politik in Ostdeutschland 1945-2000, Verlag Faber & Faber, Leipzig 2001, geb., 598 Seiten


Über den eigenen Staat hinaus wurde der 1927 geborene DDR-Theaterwissenschaftler und Germanist Mittenzwei durch seine 1986/87 im Aufbau-Verlag bzw. bei Suhrkamp erschienene, umfangreiche und gehaltvolle marxistische Brecht-Biographie bekannt. Er berichtete hier auch über Differenzen des Dichters mit dem damaligen Regime, weshalb das Manuskript auf "Bedenken" stieß, schließlich aber doch genehmigt wurde. Zuvor hatte Mittenzwei u. a. sieben Bände über "Kunst und Literatur im antifaschistischen Exil 1933-1945" herausgegeben.

Das vorliegende Buch gibt einen exzellenten Überblick über die Geschichte der literarischen Intelligenz in Ostzone und DDR. Speziell behandelt es deren Verhältnis zur Partei- und Staatsspitze, das je nach den Zeitumständen mal durch Kooperation, mal durch Kontroverse gekennzeichnet war. Zusammenarbeit herrschte beim Engagement gegen Faschismus und Imperialismus, für die demokratischen Reformen vornehmlich der ersten Entwicklungsphase, später auch für Ulbrichts Neues Ökonomisches System vor, das allerdings im Technokratischen stecken blieb und deshalb von der konservativen Apparat-Fraktion liquidiert werden konnte. Auseinandersetzungen gab es infolge der Stalinisierung, der Abwehraktionen des Regimes gegen die vom XX. Parteitag der KPdSU, dann von Perestroika und Glasnost in der Sowjetunion, von Umwälzungen in der CSSR, Ungarn und Polen ausgehenden Demokratisierungstendenzen. Mittenzwei belegt, dass namhafte SchriftstellerInnen der DDR nicht nur zur Schaffung einer hochwertigen, eigenständigen Kultur beitrugen. Sie artikulierten auch vieles, das keiner sonst öffentlich auszusprechen wagte, und wurden so für große Teile der Bevölkerung zur moralischen Instanz. Gleich Angehörigen der Bürgerbewegung hatten sie 1989 hohen Anteil daran, dass das Honecker-Regime und danach die Krenz-Regierung zu Fall kamen, die führende Partei sich erneuern musste. Indes – hier soll die Analyse des Verfassers ergänzt werden - durchkreuzte das SED-Zentralkomitee mit der plötzlichen Maueröffnung die auf einen demokratischen, für den Übergang zum Sozialismus offenen Staat gerichteten Bestrebungen der progressiven Kräfte. Es schaufelte sich dadurch zugleich selbst das Grab und ermöglichte den DDR-Anschluss an die kapitalistische BRD.

Detailliert und auf spannende Art beschreibt der Autor die Entwicklungsetappen bis dahin. Wie zuvor in seiner Brecht-Biographie resp. in der 1992 erschienenen Geschichte der Preußischen Akademie der Künste stellt er wichtige Charaktere vor, die in diesem Prozess zusammen oder gegeneinander wirkten, beispielsweise den Philosophen Wolfgang Harich, SED-Generalsekretär Ulbricht und für Ostdeutschlands politisch-gesellschaftliche Entwicklung zuständige hohe Sowjetfunktionäre wie Semjonow.

Am Schluss des Buches schildert Mittenzwei die Ausgrenzung fast der gesamten Ost-Intelligenz und die Diffamierung der DDR-Literatur durch altbundesdeutsche Sieger, die von "gewendeten" einstigen Bürgerrechtlern unterstützt wurden. Er erinnert an die "Entsorgung" Schöner Literatur auf der Müllkippe, die Kampagnen westlicher Splitterrichter gegen Christa Wolf, Stephan Hermlin und andere DDR-, bald aber auch fortschrittliche Westschriftsteller, die Liquidierung renommierter Verlage, das Abschmelzen der Akademien und die "Evaluierung" außeruniversitärer Forschungseinrichtungen in Ostberlin, wobei ihm erste Vorgänge dieser Art unter de Maizière entgangen sind. Skrupellosigkeit altbundesdeutscher Postenjäger brandmarkt der Verfasser ebenso wie die Naivität östlicher Opfer des Prozesses, die glaubten, sie müssten nur fachliche Leistungen oder aussichtsreiche Pläne vorweisen, um ihre Posten zu behalten. Das "Abwickeln" der DDR-Intelligenz wertet er als "Ausgrenzung einer intellektuellen Schicht in einem nie gekannten Ausmaß" und stellt klar, dass es ideologisch der Austreibung des Marxismus, vor allem eines kritischen, gedient hat. Mit dem Kahlschlag habe gleichzeitig der Niedergang von Dramatik und Lyrik begonnen. Heute sei die DDR-Literatur ein abgeschlossenes Gebiet, das aber nicht so schnell vergessen werden wird.

Vom Verriss Erich Loests im "Deutschland-Archiv" abgesehen hat das Buch Mittenzweis überwiegend wohlwollende Kritiker gefunden. Bei zu erhoffender Neuauflage wären noch vorhandene Unzulänglichkeiten zu korrigieren. So des Autors Meinung auf Seite 174, man könne Ulbricht "mit Recht als den begabtesten Arbeiterführer seit Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg" bezeichnen. Das ist einerseits zuviel an Lob. Es berücksichtigt andererseits nicht, dass Ulbricht auch in seiner besten, nachstalinistischen Phase keine Arbeiter, sondern den intelligenteren Teil der Politbürokratie repräsentierte. Der ging gleich dem unintelligenten von dem irrealen Dogma aus, Sozialismus lasse sich ohne Demokratie erreichen. Auf Seite 261 mutmaßt der Verfasser, das Vorgehen der Politbürokratie gegen Havemann und Bahro habe niemanden mehr eingeschüchtert. Auf ihn und seine engeren Mitstreiter, die sich in relativ sicherer Position befanden, mag das zutreffen. Generell dauerte der Einschüchterungseffekt, vor allem bei SED-Mitgliedern, jedoch bis 1989 an, weshalb auch die Parteiopposition erst ins Leben trat, als es für eine Erneuerung der DDR zu spät war. Seite 416 bis 418 weist Mittenzwei die Ansicht Sowjetbotschafter Kwizinskijs zurück, die Maueröffnung am 9. 11. 1989 sei für die DDR das Todesurteil gewesen. Er meint, vielmehr habe Gorbatschow im Januar 1990 die Vernichtung des "Bruderlandes" beschlossen. Sicher war das so. Es zu realisieren wäre aber ohne vorangegangenen Korrosionsprozess, welcher mit dem Aufsperren des DDR-Einfallstores für den Westen seinen Höhe- und Knackpunkt fand, sehr schwer gefallen.


Bruno Mander (SoZ – Sozialistische Zeitung, Köln, 17. Jg., Nr. 10, Oktober 2002)



Weitere Rezension zu diesem Buch:

Nach seiner Brecht-Biographie 1986 hat Mittenzwei erneut ein Werk der Spitzenklasse herausgebracht. Gegenstand sind nicht die DDR-Intellektuellen im allgemeinen, sondern vorwiegend die der literarischen Intelligenz. Das Schwergewicht liegt beim  Verhältnis zwischen dieser und der Partei- und Staatsführung. Protagonisten beider Seiten werden  durch Charakterskizzen vorgestellt. Der Verfasser gibt einen Überblick über das Schaffen der literarischen Intelligenz, über innen- und außenpolitische Rahmenbedingungen  sowie Beweggründe. Er erörtert auch die Wirkungen des Anschlusses an die BRD.
 
Das erste Kapitel umfasst die Jahre 1945-1949. Interessant sind die Konzeptionen zur Auseinandersetzung mit dem faschistischen Erbe. Hier steht  Johannes R. Becher im Vordergrund, welcher – damals mit dem Segen der KPD-Spitze – für einen „Nationalhass“ nie gekannter Leidenschaftlichkeit gegen alle Unbelehrbaren plädierte. Die  Schriftsteller sollten mithelfen. Becher bemühte sich, selbst den rechtskonservativen ehemaligen Nazi-Wegbereiter Ernst Jünger zur Teilnahme an der demokratischen Erneuerung Deutschlands heranzuziehen. Der unüberbrückbaren Gegensätze zwischen Antifaschismus und Nationalismus wegen war das illusionär. Zugleich kam es statt zur nationalen Katharsis, wie auch Lukács sie verlangte, zu einer von den Besatzungsmächten initiierten Entnazifizierung. Sieht man von den Enteignungen in der sowjetischen Zone ab, blieb diese in West wie Ost oberflächlich und wurde bereits 1947/48 abgebrochen. Im kalten Krieg standen sich die Siegermächte als Feinde gegenüber und suchten deutsche Verbündete. Am Beispiel des ersten Deutschen Schriftstellerkongresses 1947 ebenso wie an den Folgen der Währungsreform demonstriert der Autor, wie der Systemwiderspruch die Intelligenz spaltete.  

Kapitel zwei über 1949-1961 ist instruktiv, weil es sowohl die Förderung der Schriftsteller und Künstler durch die Partei- und Staatsführung der DDR als auch wesentliche Konflikte zwischen ihnen schildert. Sie begannen mit der von einem Spitzenvertreter der sowjetischen Besatzungsmacht, Wladimir Semjonow, angestoßenen Kampagne wider den „Formalismus“, die sich faktisch gegen potentielle Bundesgenossen und moderne sozialistische Kunst richtete. Von der SED-Führung aufgenommen, wurden ideologische Feldzüge solcher Art ebenso wie anschließende  kulturpolitische Zwischenhochs für die  DDR charakteristisch. Nach dem XX. Parteitag der KPdSU 1956  stellten eine weitreichende, selbst Quermann und von Schnitzler erfassende intellektuelle Unruhe sowie die Abrechnung des von Walter Ulbricht geführten Apparats und der Justiz mit Stalinismusgegnern in der Intelligenz Höhe- bzw. Tiefpunkte dar. Auf einem Teilgebiet, der von Wolfgang Harich und Bertolt Brecht durchgesetzten Auflösung der diktatorisch agierenden Kunstkommission, waren die Kritiker erfolgreich. Der wiederum vor allem durch Harich unternommene Versuch, nach dem XX. Parteitag einen Kurs zur Demokratisierung der DDR und zur Wiedervereinigung Deutschlands auf progressiver Grundlage zu bewirken, scheiterte einesteils an der Zugehörigkeit von BRD und DDR zu  entgegengesetzten Lagern, andernteils an der Gegenwehr der Gruppe um Ulbricht. Die Niederschlagung der intellektuellen Opposition beschreibt Mittenzwei detailliert, aber doch nicht umfassend genug. Es fehlt das kurzzeitig sehr aktive universitäre, vor allem studentische Element, mit dessen Auftreten die DDR der Bundesrepublik zwölf Jahre voraus war. Während der Ungarnkrise fürchteten die DDR-Machthaber, dass sich dieses Element mit Arbeitern verbinden könnte.

Das dritte Kapitel gilt Entwicklungen von Anfang der 60er bis Anfang der 70er Jahre. Damals musste sich die literarische Intelligenz der DDR in einer durch den Mauerbau geschlossenen Gesellschaft bewähren. Der Autor konstatiert, dass das z. T. beachtliche Erfolge brachte; so die durch eine neue Generation von Schriftstellern erarbeitete gesellschaftskritische, vorrangig auf die Gegenwart bezogene Literatur. Die Verblüffung des  exakt analysierenden Germanisten darüber, dass das Regime vor allem auf Peter Hacks’ Stück „Die Sorgen um die Macht“ hysterisch reagierte (S. 187), ist unerfindlich. Immerhin erklärt darin eine junge Parteisekretärin, Sozialismus sei das Gegenteil von dem, was jetzt praktiziert werde. Das Verhältnis zwischen Führung und Intelligenz wurde günstiger, als Ulbricht ein anderes ökonomisches System durchzusetzen suchte. Er stieß auf den Widerstand des Apparats und diverser Unterführer, speziell Alfred Neumanns und Erich Honeckers, umwarb daher die  Intellektuellen als Bündnispartner und ließ zeitweise die ideologische Leine locker, wenngleich er die Intelligenz weiter mit „Belehrungen“ traktierte. Die Katastrophe kam mit dem 11. Plenum des ZK der SED im Dezember 1965. Die nunmehr von Breshnew regierte Sowjetunion war nicht bereit, die DDR im von Ulbricht gewünschtem Maße wirtschaftlich zu unterstützen, weshalb er mit seinem System-Projekt ins Schlingern geriet. Um das Neue Ökonomische System zu retten, opferte er, wie Mittenzwei belegt, dem Honecker-Flügel die Künstler und Schriftsteller und wirkte beim „Kulturplenum“ selbst an deren Verfolgung mit. Den größten Schaden erlitten die Filmemacher. Doch wurden auch Schriftsteller drangsaliert  und die „liberale“ Spitze des Kulturministeriums ausgewechselt.    

Beginnend mit dem Sturz Walter Ulbrichts 1971 befasst sich der Autor in Kapitel vier mit  der literarischen Intelligenz in den 70er Jahren. In Honeckers erster, populistischer Regentschaftsphase war die Situation hoffnungsvoll. Im Gegensatz zu früher verlautbarte der neue Herr, von der festen Position des Sozialismus aus dürfe es in der Kunst kein Tabu geben. (S. 282) Das ermöglichte die Herausgabe wichtiger neuer Werke, in denen es verstärkt um das Individuum sowie um Sinn und Wert des Lebens ging. Sie waren auch auf dem westdeutschen Büchermarkt gefragt. Im eigenen Lande wurden Schriftsteller zu einer wichtigen moralischen Instanz: Sie durften in bestimmtem Umfang aussprechen, was sonst niemand zu artikulieren wagte. Das Zwischenhoch endete im Oktober 1976, als Honecker den Barden Biermann ausbürgern ließ und 13 DDR-Literaten sich BRD-öffentlich  dagegen zur Wehr setzten. Der Konflikt dauerte an. 1979 wurden neun Autoren, darunter am Protest beteiligte, wegen oppositioneller Haltung vom Schriftstellerverband ausgeschlossen.   

Kapitel fünf umfasst das letzte DDR-Jahrzehnt. Der Verfasser würdigt neben Bestsellern der Prominenten auch die elitäre, bewusst „unpolitische“ Prenzlauer-Berg-Szene und die Boheme unter bildenden Künstlern. Vornehmlich geht er aber auf  hochpolitische Vorgänge  ein. Von sowjetischen Reformern um Gorbatschow ausgelöst und durch die Sturheit Ostberliner Politbürokraten jeder Kurskorrektur gegenüber befördert, hatten sie eine Rebellion in der DDR zum Resultat. Im unterschiedlichem Maße waren daran Ausreisewillige ebenso wie die kleine Schar derer beteiligt, die bleiben und ihr Land reformieren wollten. Mittenzwei stellt die Rolle der kritischen Intelligenz in und außerhalb der SED dar. Sie erlangte mit dem Organisieren der Kundgebung vom 4. 11. 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz und der Bewegung „Für unser Land“ den Höhepunkt ihrer Aktivität. In der Entwicklung hin zum DDR-Anschluss an die Bundesrepublik verloren sowohl die Intelligenz, als auch DDR-Parteien und Bürgerbewegte ihre Positionen zugunsten der Westanhänger oder stellten sich als „Wendehälse“ um. Der Verfasser erwägt Ansätze zur Deutung des Geschehens. Er meint, der Fernsteuerung von außen wegen sei es „angebracht, von einer deformierten Revolution zu sprechen“. (S. 409) Michael Schneiders Formulierung „abgetriebene Revolution“ scheint mir treffender zu sein.    

Im sechsten Kapitel stellt Mittenzwei Vorgänge und Instrumente dar, mit denen die „Wende in der Wende“ und der Anschluss bewerkstelligt wurden. Er nennt die Enttäuschung über Gorbatschow, der auch der DDR-Intelligenz als Befreier in spe erschienen war, den von der BRD diktierten Einigungsvertrag, die Treuhandanstalt und die Gauck-Behörde. Zwei seiner Äußerungen sind auch hier mitteilenswert. Die, dass der Karrierist Günther Krause als Schäubles Verhandlungspartner für die DDR-Bürger eine „nationale Katastrophe“ war, und jene, der Vollzug deutscher Einheit unter Kohl sei der größte Triumph gewesen, „den die Mittelmäßigkeit zustande brachte“. (S. 427 bzw. 456) Für den BRD-Imperialismus allerdings war Krause am besten als Helfer geeignet. Mittelmäßigkeit aber hat in der Geschichte oft einen Faktor dargestellt, der den Schaden steigerte.   

Im siebenten Kapitel und im Epilog beschäftigt sich Mittenzwei mit dem Diffamierungsfeldzug gegen die DDR-Literatur und mit der Ausgrenzung ostdeutscher Intelligenz durch  westdeutsche Sieger. Er bietet ein kompaktes Resümee der Ereignisse, das es vordem so nicht gab. Als „demütigendste Phase, die die Schöne Literatur durchlebte“ (S. 471 f.), wertet der Verfasser ihre massenhafte „Entsorgung“ auf der Müllkippe, in Papiermühlen und Heizanlagen. Er stellt die Kampagnen gegen Christa Wolf, Stephan Hermlin und andere DDR-, bald auch fortschrittliche altbundesdeutsche Schriftsteller dar, die Liquidierung oder versuchte Liquidierung renommierter DDR-Verlage, das Einschmelzen der DDR-Akademien und die „Evaluierung“ außeruniversitärer Forschungseinrichtungen. Die Skrupellosigkeit intellektueller Postenjäger aus dem Westen im von Kohl befohlenen Vernichtungsfeldzug wird genauso gebrandmarkt wie das ungeheure Maß an Naivität, das die östlichen Prozessopfer trotz langjähriger ML-Schulung an den Tag legten. Sie glaubten, das vorgetäuschte Westinteresse an wirklicher Leistungsprüfung wäre ernstgemeint, legten dar, was sie alles zum Wohl der BRD erforschen könnten, und wunderten sich, als die westdeutschen Kommissare das außer acht ließen. Infolge hochgradig verlustreichen Kahlschlags kam es auch zum von Mittenzwei konstatierten Niedergang von Dramatik und Lyrik. Es hat aber, setzt er fort, noch 1999 DDR-Literatur gegeben. Heute sei sie ein abgeschlossenes Gebiet deutscher Dichtung, das nicht so schnell vergessen werden wird. (S. 519) Eine gültige, literarisch überhöhte Abrechnung mit Vorzügen, Versäumnissen und Fehlleistungen in der ostdeutschen Vergangenheit gibt es bisher nicht, ebenso wenig eine mit „Wende“ und Anschluss.

Die „Abwicklung“ der DDR-Intelligenz mit scheinbar rechtsstaatlichen Mitteln glich, wie UNO-Gremien feststellten, der Verletzung von Menschenrechten. Mittenzwei nennt diesen bisher einmaligen Vorgang „die Ausgrenzung einer intellektuellen Schicht in einem nie gekannten Ausmaß“, welche über Elitenwechsel weit hinausging. Sie galt der Austreibung des Marxismus, gerade auch des kritischen. (S. 529, 533 und 537) Der Autor endet mit einer Marxismus-Bilanz. Sie fällt, der Feststellung bestimmter Mängel ungeachtet, positiv aus.

Vom Verriss Erich Loests im „Deutschland-Archiv“ abgesehen hat das Buch in seriösen Publikationsorganen  wohlwollende Kritiker gefunden. Der Wunsch, es werde weitere Auflagen erleben, auch als Taschenbuchausgabe, scheint gleichwohl waghalsig zu sein.

Im Text wären im Eventualfall einige Unzulänglichkeiten zu korrigieren. So konstatiert der Autor auf Seite 174, man könne den alten Ulbricht „mit Recht als den begabtesten Arbeiterführer seit Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg“ bezeichnen. Bei aller Hochschätzung für die innovative Phase jenes Politikers ist das zuviel an Lob. Auch repräsentierte Ulbricht nicht die Arbeiter, sondern den intelligenteren Teil der Politbürokratie, der aber gleich dem unintelligenten davon ausging, dass man Sozialismus ohne Demokratie aufbauen kann. Auf Seite 261 mutmaßt der Verfasser, das Vorgehen gegen Havemann und Bahro habe niemanden mehr einschüchtern können. In Wahrheit dauerte der Einschüchterungseffekt, vor allem bei SED-Mitgliedern, bis weit ins Jahr 1989 an. Er war ein wichtiger Grund dafür, dass die Parteiopposition erst ins Leben trat, als es für die DDR-Erneuerung zu spät war. Auf Seite 416 bis 418 sitzt der Verfasser einer von Czichon/Marohn in „Das Geschenk. Die DDR im Perestroika-Ausverkauf“, Köln 1999, ausgebrüteten Legende, resp. bundesdeutscher political correctness auf. Er meint, das Urteil von Sowjetbotschafter Kwizinskij, die plötzliche Maueröffnung am 9. 11. 1989 wäre für die DDR das Todesurteil  gewesen, sei eine „Schutzbehauptung“; Gorbatschow habe vielmehr am 26. 1. nächsten Jahres über die Vernichtung des Staates entschieden, und das ohne diesen zu informieren. Tatsache ist, dass der Mauerfall Westpolitikern vom Kanzler bis zum Neonaziführer den Weg freigab und Ostbewohner nunmehr durch den Anblick westlicher Schaufenster bei gleichzeitigem Zerfall des eigenen Staates ideologisch „aufgeweicht“ wurden. Damit war das Ende der DDR  gesichert, was Gorbatschow keineswegs reinwäscht. Die These von der „Nichtinformiertheit“ Ostberlins durch Moskau ist wurmstichig. Drei Tage nach dem 26. 1. besuchte Modrow den Kreml-Chef. Am 1. 2. 1990 regte er in Berlin mit der Konzeption „Für Deutschland, einig Vaterland“ einen Weg hin zur Wiedervereinigung an. Das war im Gegensatz zur Meinung des Autors keine bloße Übernahme einer Parole rechter Straßendemonstranten in Leipzig.

Am Buch bleibt also noch etwas auszusetzen. Hoffen wir, dass Mittenzwei Gelegenheit zu Korrekturen erhält.

Bruno Mander, Berlin 2001








 

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