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Buchveröffentlichungen  











Rezension

Jüdische Kämpfer im spanischen Krieg

Arno Lustiger: Schalom Libertad! Juden im spanischen Bürgerkrieg. Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 2001, 442 Seiten

Der 1924 in Polen geborene Verfasser, Überlebender von Auschwitz und Buchenwald, ist Ehrenvorsitzender der Zionistischen Organisation in Deutschland. Er spezialisierte sich auf bisher vernachlässigte Geschichtsthemen. 1989 veröffentlichte Lustiger die erste Ausgabe von "Schalom Libertad", 1994 eine Arbeit über jüdischen Widerstand 1933-1945, im Jahre 2000 das "Rotbuch: Stalin und die Juden". Zudem edierte er 1994 die erste vollständige Fassung des von Wassili Grossmann und Ilja Ehrenburg erarbeiteten Schwarzbuchs über den NS-Genocid an den sowjetischen Juden, dessen Erscheinen der UdSSR-Diktator verbot.

"Schalom Libertad" leitet Lustiger mit einem Kapitel über Vorgeschichte und Verlauf des spanischen Bürgerkriegs 1936-1939, über Reaktionen Deutschlands, Italiens und des Westens auf den Franco-Putsch, das relativ späte Eingreifen von Sowjetunion und Komintern und über die Internationalen Brigaden ein. Seine Darstellung der Brigaden XI-XV und der als letzte im Februar 1938 gebildeten 129. slawischen Brigade samt Namensnennung ihrer Kommandeure ist die wohl übersichtlichste. Allerdings stimmt der von ihm vermittelte Eindruck nicht, US-amerikanische Interbrigadisten habe es erst relativ spät gegeben, weil Stalin gegen ihre Anwerbung war. (S. 35) Die ersten kamen schon im Herbst 1936 illegal ins Land und kämpften bei der Jaramaschlacht mit. Zu Spaniens Entwicklung nach dem Krieg hatte unterdes Kominternchef Dimitroff die Parole ausgegeben, Enteignungen und Kollektivierung könnten  warten, erst müsse der Sieg errungen werden; danach werde das Land weder eine altmodische Demokratie noch Sowjetstaat, sondern eine Volksdemokratie sein. (S. 30 f.) Leider fehlt hier die Quellenangabe.

Im zweiten Kapitel befasst sich Lustiger mit der Haltung kommunistischer Parteien zu den Juden und dem Vormarsch des Faschismus in Europa, dem allein in Spanien ein Damm entgegengesetzt wurde. Das dritte Kapitel gilt den eindeutig positiven jüdischen Reaktionen in aller Welt auf die Spanische Republik und einer Darstellung des bisherigen Geschicks der Juden in Spaniens Geschichte. Folgenschwerstes Ereignis in diesem Zusammenhang war das über drei Jahrhunderte in Kraft gewesene Vertreibungsdekret von 1492. Die Kapitel vier bis sechs widmen sich den ersten ausländischen Freiwilligen auf republikanischer Seite, unter ihnen zur geplanten Arbeiterolympiade nach Barcelona gereiste Sportler und Besucher, sowie den jüdischen Offizieren und Fliegern. Zu den Militärs gehörten die Generale Manfred Stern (Kléber), Máté Zalka (Lukács) und Waclaw Komar (Wacek) , Gründungskommandeure der Brigaden XI und XII bzw. der slawischen Brigade, und Oberst Henryk Torunczyk (Heniek), letzter Kommandeur der Brigade XIII und Chef der kurz vor Kriegsende aus Resten früherer Einheiten gebildeten Agrupación Internacional, ferner der österreichische General und einstige Schutzbundführer Julius Deutsch, der den spanischen Küstenschutz aufbaute. M. Stern kam später im sowjetischen Lager um. Komar und dessen Freunden gelang es im polnischen Oktober 1956, durch entschlossene Haltung das Eingreifen der Sowjetarmee in den damaligen Konflikt zu verhindern.  
Inhalt von Kapitel sieben und acht sind die Unterstützung Spaniens durch die Sowjetunion, der von sozialdemokratischer Seite ausgegangene Appelle und rasch gestoppte französische Waffenlieferungen vorausgegangen waren, und der stalinistische Terror im Hinterland. Lustiger stellt den Luftwaffen-Befehlshaber Smuschkewitsch (General Douglas), der die erfolgreichste Schlacht der Interbrigaden bei Guadalajara gewinnen half, und den obersten sowjetischen Militärberater Grigori Stern vor. Beide kämpften 1939 in der Mongolei gegen Japan und wurden 1941 auf Stalins Geheiß ermordet. Zudem befasst sich der Autor mit Panzerkommandeur Kriwoschein (Oberst Mele), der am Leben blieb. Im September 1939 rückte er in Ostpolen ein und nahm, der jüdische General, gemeinsam mit Guderian die sowjetisch-deutsche Parade in Brest-Litowsk ab. 1945 war er an der Einnahme Berlins beteiligt. Die Darstellung gilt auch Botschafter Marcel Rosenberg, der wie sein Amtsnachfolger Leon Gajkis im Gulag umgebracht wurde. Im Kapitel über Stalins Terror in Spanien porträtiert der Verfasser sowohl jüdische Opfer verschiedener Länder, als auch den jüdischen Täter Alexander Orlow, vormals Koordinator geheimer Waffengeschäfte mit der Reichswehr, nun NKWD-Chef auf der Pyrenäenhalbinsel und Unterdrücker der POUM. Bald darauf selbst von Stalins Schergen bedroht, konnte er nach Kanada und in die USA flüchten.

Zu Recht urteilte der Menschewikenführer Abramowitsch, Vater des ebenfalls liquidierten jungen Sozialisten Mark Rein: "Vielleicht wäre aber, trotz der unheilvollen Politik der Nichtintervention, das ganze Schicksal der spanischen Revolution anders ausgefallen, wenn ihre Leiter den Mut gehabt hätten, den terroristischen Methoden der Moskauer Waffenlieferanten, die mehr Terrorismus als Waffen lieferten, zu widerstehen und die innere Zersplitterung der Revolution zu verhüten, die zu einer außerordentlichen Quelle der Schwäche für die Republik wurde." (S. 135)
Die Kapitel neun bis 15 enthalten – vielfach ebenfalls detaillierte – Angaben über jüdische Freiwillige aus Polen, den USA, Großbritannien und Irland, Palästina, Frankreich, Belgien, Deutschland, Österreich, Italien, Rumänien, Ungarn, Jugoslawien, Bulgarien und der Tschechoslowakei. Herausragende Persönlichkeiten waren der spätere stellvertretende polnische Innenminister Hibner und Alter Feinsilber, Mitglied des Sonderkommandos Auschwitz zur Verbrennung der Leichen von SS-Opfern, der rangälteste amerikanische Offizier in Spanien John Gates und Partisan Irving Goff, Vorbild des Robert Jordan in Hemingways "Wem die Stunde schlägt", der Leiter des Sanitätsdienstes der Interbrigaden Edward K. Barsky, der spätere Auschwitz-Häftling Kurt Goldstein, der Lustiger die Idee zu diesem Buch ausreden wollte, sich aber inzwischen korrigierte, der Chefarzt am Krankenhaus der Roten Hilfe in Albacete Bernhard Litwack, der nach dem Slánský-Prozess aus der DDR fliehen musste, und sein Kollege Fritz Jensen, welcher 1955 auf dem Wege zur Bandung-Konferenz dem Bombenanschlag auf ein Flugzeug zum Opfer fiel. Eine zweifellos ebenfalls interessante Gestalt ist Vittorio Vidali (Commandante Carlos), Mitgründer und Generalkommissar des kommunistischen Fünften Regiments, später KPI-Sekretär in Triest und italienischer Senator. Über ihn stellt Lustiger fest, es sei unmöglich gewesen, "Behauptungen zu verifizieren, die ihn der Mitwirkung an der Unterdrückung der Anarchisten und der POUM-Milizen im Mai 1937 in Barcelona bezichtigen". (S. 271) Allerdings hat das für diesen Zeitpunkt niemand behauptet. Ein jüdischer Spanienkämpfer aus Bulgarien, Ruben Abramow (Miguel Gomez), war Generalinspekteur des Korps der Kriegskommissare, 1940/43 Leiter der Kominternschule in Kuschnarenkowo und ab 1948 bulgarisches ZK-Mitglied. Zu den Unterstützern Spaniens aus der Tschechoslowakei zählten Artur London und Otto Katz (André Simone), beide Opfer des Slánský-Prozesses 1952, sowie Frantisek Kriegel, Chefarzt in Spanien, China und Prag. Kriegel verurteilte 1968 als Präsident der Nationalen Front seines Landes die sowjetische Invasion und weigerte sich, den Moskauer Unterwerfungsvertrag zu unterzeichnen; später zählte er zur Bewegung "Charta 77". Hass der Politbürokratie gegen ihn und ihre Furcht vor ihm waren so ausgeprägt, dass er 1979 selbst auf der Intensivstation polizeilich überwacht,  seine Grablegung verboten, sein Leichnam an unbekanntem Ort verbrannt wurde. Der sowjetische Ministerpräsident Kossygin hatte Kriegel 1968 wegen seiner unbeugsamen Haltung Prügel angedroht und erklärt, als galizischer Jude habe dieser kein Recht, das tschechoslowakische Volk zu vertreten. (S. 303 ff.)

Helden des Kapitels 20 sind frühere Spanienkämpfer in der französischen Résistance, vor allem der im Einsatz gegen die Deutsche Wehrmacht oft erfolgreichen Gruppe Manouchian. In einer Zeit akuter Gefährdung der Gruppe schlug deren Leiter der KP-Führung vergeblich eine Pause bei den Einsätzen vor. Kurz darauf wurden die wichtigsten Kämpfer inhaftiert und nach einem Schauprozess von Nazis erschossen. Der KPF war die Affäre noch 1985 so peinlich, dass sie die Ausstrahlung eines Fernsehfilms darüber verhinderte. (S. 370 ff)

In Kapitel 21 beschreibt der Autor die letzten Gefechte der  Agrupación Internacional, die im Frühjahr 1939 an der Grenze zu Frankreich die Flucht von 470.000 Soldaten und Zivilisten vor den Faschisten deckte. Ein "Bitterer Epilog" gilt den Zuständen in den südfranzösischen Internierungslagern, wo Hunger, Krankheit und brutale Behandlung die Freiheitskämpfer quälten und dezimierten.

Von den insgesamt rund 50.000 Interbrigadisten waren etwa 6000 jüdischer Herkunft, besonders viele in der polnischen XIII. und der amerikanischen XV. Brigade. Sie stellten damit de facto das stärkste Kontingent. Viele bewiesen den gleichen Heldenmut, wie später die Aufständischen im Warschauer Getto. Die Spanienkriegs-Veteranen hatten bis 1945 unter dem Faschismus, danach – vor allem in der Sowjetunion, der CSR und Polen – unter dem Stalinismus resp. der polnischen Antisemitismus-Welle von 1968 zu leiden, die das Gros der überlebenden Juden aus dem Land trieb. Nur in Jugoslawien blieben Interbrigadisten hoch angesehen, mit Abstand auch in Rumänien und nach 1953 in der DDR. In verschiedenen kapitalistischen Ländern, vor allem in der BRD, die stattdessen die Veteranen von Hitlers "Legion Condor" umhegte, in den USA und seitens vieler Offizieller Israels begegnete man ihnen mit Argwohn.

Lustiger versteht sein Buch als virtuellen Grabstein "für die in Spanien und später im Widerstand gegen den Faschismus Gefallenen, für die von Stalins Schergen Verfolgten und für die wenigen Glücklichen, die allen Umständen zum Trotz überlebten". (S. 19) Im Anhang konstatiert er, dass entgegen den offiziellen jüdischen Vertretungen der USA die in Großbritannien und Frankreich und die Zionistische Bewegung gleich den westlichen Staaten im spanischen Bürgerkrieg versagt haben. Wie der Zentralrat der Juden in Deutschland sind sie auch an der Aufbereitung des frühen jüdischen Widerstandes nicht interessiert. (S. 408, 410 f. und 416)


Bruno Mander








 

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