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Buchver÷ffentlichungen  









Rezension

Was ein Friedhof über die Geschichte der Arbeiterbewegung aussagt

Joachim Hoffmann: Berlin-Friedrichsfelde. Ein deutscher Nationalfriedhof. Kulturhistorischer Führer. Das Neue Berlin 2001, 256 Seiten


Dieses Buch hätte ich "Joho", wie wir ihn am Institut für Internationale Politik und Wirtschaft nannten, nicht zugetraut. Es basiert auf umfangreichen Ermittlungen und ist exzellent geschrieben. Joho kannten wir als treuen Parteiarbeiter und umgänglichen Menschen, doch nicht als einen, der Forscherdrang und eleganten Stil aufwies. Die meisten wussten auch nicht, dass er vor seinem Dienstantritt bei IPW-Direktor Häber so  viel Widerspruchsgeist offenbarte, dass ihn der Bundesvorstand des FDGB 1971 ausschloss.
 
Hoffmanns Arbeit über Friedrichsfelde beginnt mit der Gründungsgeschichte dieser ersten, am 21. 5. 1881 eröffneten nichtkonfessionellen kommunalen Begräbnisstätte Berlins. Sie war  ein Friedhof für Arme aus dem Osten der seit 1871 rasch wachsenden Metropole, wies aber bald auch Erbbegräbnisstätten wie das der Bankiersfamilie Bleichröder auf. Proletarier und Kleingewerbetreibende stellten weiter das Gros der heute rund 250 000 Toten. In dem parkartigen Gelände ruhen Christen, Juden, Atheisten, Anhänger verschiedener politischer und ideologischer Anschauungen und Unpolitische. Zu Arbeitern, Handwerkern und Krämern kamen Asylbewohner, Künstler, Wissenschaftler und Politiker, Opfer des ersten und des zweiten Weltkriegs, solche der Zeiten dazwischen und danach, so auch die 1919-1923 durch die Reaktion Ermordeten, deren Gesamtzahl in Deutschland – 1.988 - allein hier öffentlich genannt wird.
Von speziellem Interesse sind Gräber prominenter Sozialdemokraten und Kommunisten. Dieser Abschnitt der Geschichte begann mit der Beisetzung Wilhelm Liebknechts am 12. 8. 1900. In einem gewaltigen, sieben Kilometer langen Zug aus mehr als 150.000 Trauergästen wurde sein Sarg vom fernen Charlottenburg bis hierher geleitet. Sein Kampfgefährte Paul Singer brachte es 1911 auf eine Million Teilnehmer. Gleich anderen Arbeiterführern fanden beide nahe beim Haupteingang in einem höher gelegenen Teil des Friedhofs Platz, auf dem so genannten "Feldherrnhügel". Hier wie in anderen Kapiteln hat Hoffmann durch Wiedergabe zeitgenössischer Berichte und Pressekommentare, biographische und historische Details  Geschehenes auf spannende Weise nahegebracht. Er verdeutlicht, dass es sich in diesem Buch vorrangig um eine Historie der Klassengegensätze und des Klassenkampfes handelt. Der Untertitel: "Ein deutscher Nationalfriedhof" ist verwunderlich.

Einen wichtigen Teil der Darstellung hat der Verfasser der weitab vom Eingang gelegenen  "Verbrecherecke" gewidmet. Hier wurden 32 Opfer der blutigen Januarwoche 1919, unter ihnen Karl Liebknecht, sowie nach Auffinden der Leiche im Mai Rosa Luxemburg beigesetzt. Magistrat und Oberbürgermeister hatten ihnen ein Begräbnis bei den Märzgefallenen von 1848 im Friedrichshain verweigert, weil sie "Aufrührer" gewesen seien – was sich von den 48ern übrigens genauso sagen lässt. Noske-Soldateska schikanierte den Trauerzug nach Friedrichsfelde und ließ viele Teilnehmer nicht durch. Den Charakter der regierenden Mehrheits-Sozialdemokraten illustriert der Autor auch am Beispiel des Mordopfers Hugo Haase, Vorsitzender der USPD, das im Oktober 1919 durch einen Revolverschuss vor dem Reichstagsgebäude tödlich verletzt wurde. Die "Freiheit" urteilte damals zu Recht, Haase sei von einem Mordbuben reaktionärer Militärs umgebracht worden, welche die Regierung  unbestraft lasse. Oberbefehlshaber Noske verbot hierauf für zwei Tage das Blatt. (S. 70) Nicht zuletzt wegen dieser Mitteilung sollte Hoffmanns Buch Pflichtlektüre für rechte PDS-Größen werden, die beim Entschuldigen für "SED-Willkürakte" kein Ende finden können, während sie rechte Sozialdemokraten pauschal von Verbrechen freisprechen.

Wie eine heitere Einlage wirkt die Vorgeschichte des 1926 durch die KPD errichteten Revolutionsdenkmals für Liebknecht und Luxemburg. Die Parteispitze dachte an ein bombastisches Monument mit Säulen und Medaillons sowie dem "Genius des Krieges" von Rodin. Doch verhinderte  der junge Mies van der Rohe diesen Kitsch. Als Eduard Fuchs ihm eines Abends die Pläne zeigte, begann er zu lachen und sagte, dass dies "ein nettes Denkmal für einen Bankier" wäre. Fuchs, später KPDO, und die Parteiführung hatten ein Einsehen. Am Ende wurde das von Mies entworfene Denkmal errichtet, das Mauern nachgestaltet ist, an denen Revolutionäre füsiliert wurden, und den Spruch "Ich war – ich bin – ich werde sein" trug. Die Stätte war seit 1926, insgeheim auch nach der nazistischen Machtergreifung ein Ort des Gedenkens. Das Denkmal ließen die Faschisten 1935 schleifen.

Die jetzige Gedenkstätte der Sozialisten in Friedrichsfelde – ein Rondell mit Ringmauer, Gräbern und Gedenktafeln für namhafte Partei- und Gewerkschaftsführer kommunistischer und sozialdemokratischer Provenienz, nun auch Luxemburgs und Liebknechts, ist am 14. 1. 1951 eingeweiht worden. Sie verdankt ihre Existenz, wie Hoffmann berichtet, einem Beschluss des damals einheitlichen Berliner Magistrats von 1945. Unter Ulbricht und Honecker wurde die Stätte für Machtdemonstrationen und leere Rituale missbraucht. Das geschah auch nachdem Angehörige der Bürgerbewegung 1988 die SED-Oligarchie mit dem Luxemburg-Zitat von der Freiheit der Andersdenkenden genervt hatten. Seit 1990 ist Friedrichsfelde alljährlich das Ziel sozialistisch und demokratisch Gesinnter aus beiden Teilen der Stadt, die sich zu stillem Gedenken einfinden. Für die, die Deutschland regieren, stellt dies ein Ärgernis dar. Durch Polizeiattacken gegen junge Antifaschisten ist mehrmals versucht worden, die Tradition zu brechen.
Unter Anführung zahlreicher Details hat der Verfasser Reformpädagogen und Wissenschaftler, Hochschulrektoren, Künstler, Schriftsteller, Journalisten und Politiker gewürdigt, die Gräber in anderen Teilen des Friedhofs haben, so Archenhold, Kollwitz, Walcher und Friedrich Wolf, desgleichen die Opfer des Faschismus und des Stalinismus.  Lagebeschreibungen und Pläne erschließen den bemerkenswerten Friedhof seinen  Besuchern, die sich dort jetzt besser zurechtfinden und die historisch interessanten, vielfältigen Besonderheiten kennen lernen können.
Joachim Hoffmann, Gründungsmitglied des Förderkreises "Erinnerungsstätte der deutschen Arbeiterbewegung Berlin-Friedrichsfelde", hat das Erscheinen seines Buches nicht lange überlebt. Er starb am 28. Februar dieses Jahres.

M. B., 2002








 

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