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Beiträge zur Theorie  










Hartmut Krauss

Subjektive Widerspruchsverarbeitung und die Möglichkeit "praktisch-kritischer" Bewußtseinsentwicklung. Zur Formierung widerständiger Subjektivität in kritisch-marxistischer Perspektive (Teil III)

III.1.4. Zur Dialektik von (gesellschaftlicher) Bedeutung und (persönlichem) Sinn

Bevor im folgenden der subjektive Verarbeitungsprozeß der bestimmenden Widersprüche der antagonistischen Zivilisation in ihrer kapitalistischen Formspezifik behandelt wird, gilt es zunächst noch ein grundlegendes Theorem zu rekapitulieren, daß im kategorialen System der Leontjewschen Tätigkeitspsychologie einen zentralen Stellenwert besitzt: das Begriffspaar (gesellschaftliche) Bedeutung/(persönlicher) Sinn.

Wie bereits ausgeführt (vgl. Teil 2, S.35f.), ist die Widerspiegelungstätigkeit auf menschlichem Entwicklungsniveau dadurch gekennzeichnet, daß die sinnlichen Abbilder Bedeutungscharakter tragen; d.h. daß die Bedeutungen - als "5. Quasidimension" - die Welt im Bewußtsein des Menschen brechen. "Bedeutung, das ist jene Verallgemeinerung der Wirklichkeit, die in ihrem sinnlichen Träger, gewöhnlich im Wort oder in der Wortverbindung kristallisiert, fixiert ist. Das ist eine ideelle, geistige Form der Kristallisierung der gesellschaftlichen Erfahrung, der gesellschaftlichen Praxis des Menschen. Der Vorstellungskreis einer Gesellschaft, ihre Wissenschaft, ihre Sprache selbst - das alles sind Bedeutungssysteme. Somit gehört die Bedeutung vor allem zur Welt der objektiv-historischen ideellen Erscheinungen. Davon muß man auch ausgehen" (Leontjew 1982a, S. 257f.). Obwohl nichtpsychologischer Existenz, fungieren die sprachlichen Bedeutungen (hinter denen sich die gesellschaftlich erarbeiteten Verfahren und 'Entdeckungen' der menschlichen Lebenstätigkeit verbergen) doch zugleich als "die wichtigsten 'Konstituenten' des menschlichen Bewußtseins" (ebenda, S.136): Sie konstituieren jene Form, "in der der einzelne Mensch sich die verallgemeinerte und widergespiegelte menschliche Erfahrung zu eigen macht" (ebenda, S.258).

Wichtig ist nun, daß die Menschen vermittels der angeeigneten Bedeutungen die objektive Welt in ihrem 'So-Sein', d.h. unabhängig von ihren subjektiven Beziehungen und Einstellungen (Intentionen) ihr gegenüber, widerspiegeln. "Und eben dieser Umstand stellt die Psychologie vor die Notwendigkeit, die erfaßte objektive Bedeutung und deren Bedeutung für das Subjekt zu unterscheiden. Um eine Verdoppelung der Termini zu vermeiden, ziehe ich es vor. im letzten Fall von persönlichem Sinn zu sprechen" (ebenda, S.141; Sperrung entfernt, H.K.). Seinem Wesen nach wird der persönliche Sinn durch die ganzheitliche, emotional vermittelte Motivbasis der subjektiven Tätigkeit konstituiert, deren grundlegende Funktion darin besteht, "die Lebensbedeutung der objektiven Bedingungen und der Handlungen des Subjekts unter diesen Bedingungen für das Subjekt (zu) 'werten', ihnen persönlichen Sinn (zu) geben, einen Sinn, der nicht direkt mit der erfaßten objektiven Bedeutung übereinstimmt" (ebenda, S.145). Bezüglich des Verhältnisses zwischen 'Sinn' und 'Bedeutung' sind folgende grundlegende Aspekte hervorzuheben: a) In genetischer Hinsicht ist zu betonen, daß der Sinn - der keine eigene 'überindividuelle', 'nichtpsychologische'Existenz besitzt - nicht aus den Bedeutungen entsteht, sondern durch die Besonderheiten der individuellen Lebenstätigkeit und deren Widersprüche erzeugt wird. b) In funktionaler Hinsicht ist hervorzuheben, daß die Bedeutungen als Ausdrucksmittel (Verkörperungen) bzw. 'Realisatoren' des persönlichen Sinns wirken: "Sinn bezieht sich also auf die bedürfnisrelevanten Eigenschaften der Gegenstände, Bedeutung auf die objektiven Eigenschaften, wobei über die sozial zugänglichen Bedeutungen der Sinn selbst als persönlicher Sinn aneigenbar ist, in Bedeutungen ausgedrückt werden kann" (Jantzen 1985, S.14).

2.) Leontjew betont die reale Doppelnatur der Existenz der Bedeutungen für das Subjekt: "Sie besteht darin, daß die Bedeutungen vor dem Subjekt auch in ihrer unabhängigen Existenz auftreten - als Objekt seines Bewußtseins und zugleich als Verfahren und als 'Mechanismus' des Bewußtwerdens, das heißt indem sie in Prozessen funktionieren, die die objektive Realität abbilden. In diesem Funktionieren gehen die Bedeutungen notwendig innere Beziehungen ein, die sie mit anderen 'Konstituenten' des individuellen Bewußtseins verbinden; einzig und allein in diesen inneren Beziehungen erwerben sie ihre psychologische Charakteristik" (ebenda, S.142). 'Problematisch' wird diese subjektbezogene Doppelexistenz der Bedeutungen mit der Auflösung der urgesellschaftlichen Lebensbeziehungen, der Herausbildung differenter (gegensätzlicher) sozialer Standorte im gesellschaftlichen Tätigkeitssystem und der damit verflochtenen Zersetzung der primitiv-integrierten Bewußtseinsstruktur, die in ihrem Wesen durch ein kongruentes Verhältnis zwischen individuellem Sinn und gesellschaftlichen Bedeutungen gekennzeichnet war. (Vgl. Leontjew 1980, S.235f.)

Als Folge der Entwicklung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und der Entstehung des Privateigentums an Produktionsmitteln - also der historischen 'Durchsetzung' der Klassengesellschaft - wird diese ursprüngliche menschliche Bewußtseinsform einem 'systematischen' qualitativen Umwandlungsprozeß unterworfen. Insbesondere zwei Vorgänge sind hier zu nennen: Zum einen wird aufgrund a) der Trennung von Hand- und Kopfarbeit und b) der Scheidung von Produktion und Austausch der Prozeß der Verinnerlichung der Sprache gewissermaßen 'soziogenetisch' stimuliert: "Nach der Entwicklung der Arbeitsteilung und einer gewissen Aussonderung der geistigen Tätigkeit, als deren Folge die sprachlichen Handlungen nicht nur dem Umgang, sondern auch theoretischen Zielen dienen können, ist die äußere sprachliche Form nicht mehr unerläßlich und zuweilen sogar überflüssig. Viele sprachliche Handlungen nehmen allmählich den Charakter innerer Prozesse an. Diese inneren Prozesse ... werden jetzt zu rein kognitiven Vorgängen, zu Prozessen des sprachlichen Denkens oder zu Prozessen des aktiven Einprägens" (Leontjew 1980, S.237).

Zum anderen wird mit der Trennung ('Entfremdung') der Produzenten von ihrem Produkt, der Entgegensetzung von Produktion und Konsumtion und der antagonistisch überformten 'Versachlichung' der zwischenmenschlichen Beziehungen eine strukturelle Desintegration der menschlichen Bewußtseinsstruktur hervorgerufen: persönlicher Sinn und gesellschaftliche Bedeutung geraten in ein diskrepantes Verhältnis. Leontjew verdeutlicht dieses tätigkeitsbezogene Auseinandertreten vonsubjektivem Sinn und objektiver Bedeutung am Beispiel des Vergleichs der Tätigkeit des urgesellschaftlichen Treibers mit der des Lohnarbeiters im Kapitalismus: "Die Tätigkeit des Treibers in der Urgesellschaft wird subjektiv durch seinen in Aussicht stehenden Anteil an der gemeinsamen Beute angeregt, die seine Bedürfnisse befriedigt. Diese Beute ist zugleich das objektive Ergebnis der gemeinsamen Tätigkeit im Kollektiv. Der Lohnarbeiter in der kapitalistischen Produktion ist ebenfalls subjektiv bestrebt, durch das Ergebnis seiner Tätigkeit seine Bedürfnisse nach Nahrung, Kleidung oder Wohnung zu befriedigen. Das objektive Ergebnis seiner Arbeit ist jedoch ein ganz anderes: 'Was der für sich selbst produziert, ist nicht die Seide, die er webt, nicht das Gold, das er aus dem Bergschacht zieht, nicht der Palast, den er baut. War er für sich selbst produziert, ist der Arbeitslohn, und Seide, Gold, Palast lösen sich für ihn auf in ein bestimmtes Quantum von Lebensmitteln, vielleicht in eine Baumwolljacke, in Kupfermünze und in eine Kellerwohnung'" (ebenda, S. 242f.). Somit ergibt sich unter dem Aspekt der Doppelexistenz der Bedeutungen für das Subjekt der folgende klassengesellschaftliche (Funktions-)Widerspruch: Während einerseits die kognitive Funktionalität der sprachlichen Bedeutungen als 'Denkmittel' erweitert und vertieft wird, findet andererseits - aufgrund der gekennzeichneten 'Entfremdung' - eine motivbezogene Defunktionalisierung der Bedeutungen als 'Ausdrucksmittel' des persönlichen Sinns statt.

3.) Die durch die klassengesellschaftlichen Tätigkeitswidersprüche hervorgerufene Desintegration der Bewußtseinsstruktur, die sich insbesondere als Diskrepanz zwischen 'Sinn' und 'Bedeutung' manifestiert, ruft seitens der beherrschten und ausgebeuteten Klassenindividuen das Bestreben hervor, diese Desintegration zu überwinden: "Diese Tatsache (der 'Besetzung' des Bewußtseins mit inadäquaten Bedeutungen, H.K.) ist alles andere als nebensächlich; hinter ihr verbirgt sich das nicht adäquate Leben, denn das Bewußtsein ist ja nicht nur ein Epiphänomen', ... sondern eine notwendige Bedingung des Lebens. Deshalb kommt zwangsläufig das Streben auf, diese Diskrepanz zu überwinden" (ebenda, S.252). Seinem Wesen nach ist dieses Streben zu kennzeichnen als Suche nach adäquaten Bedeutungen in ihrer Funktion als reale (nicht 'entfremdete') Verkörperungen des persönlichen Sinns und damit 'Reintegrationsmittel' der disharmonisch gewordenen Bewußtseinsstruktur. Wenn durch dieses Streben folglich auch "der psychologische Boden geschaffen (wird), sich eine adäquate Ideologie anzueignen" (ebenda, S.253), so ist doch die reale Kompliziertheit dieses Suchprozesses angesichts der (klassen-)antagonistischen Prägung der gesellschaftlichen Bedeutungssysteme (s.u.) konkret in Rechnung zu stellen. Leontjew verweist in diesem Zusammenhang vor allem auf zwei zentrale Aspekte: Zum einen arbeitet er das 'verborgene' Zusammenfallen von Bedeutungs- und Ideologieaneignung heraus: "Unter den Bedingungen der entwickelten, 'technisierten' Sprache nimmt er dabei nicht einfach die Fülle sprachlicher Bedeutungen auf. Er eignet sich zugleich das System der Ideen, Ansichten und Ideale an, die diese Wörter bezeichnen und die er nicht anders zu seinem Besitz machen könnte. Mit anderen Worten: Der Mensch, der sich das System der sprachlichen Bedeutungen angeignet, erwirbt zugleich auch deren allgemeineren ideologischen Inhalt, das heißt deren Bedeutunm: "Der persönliche Sinn ... kann unter diesen Bedingungen keine ihn adäquat verkörpernden objektiven Bedeutungen finden und beginnt dann gleichsam in fremder Kleidung zu leben. ... Dies schafft auch die Möglichkeit, in sein Bewußtsein entstellte oder phantastische Vorstellungen und Ideen hineinzutragen, ... die in der realen praktischen Lebenserfahrung keinerlei realen Boden haben" (Leontjew 1982a, S.149). Die alternative Möglichkeit der Überwindung des desintegrierten Bewußtseins, das seinerseits phantastische Vorstellungen und Ideen hineinzutragen, ... die in der realen praktischen Lebenserfahrung keinerlei realen Boden haben" (Leontjew 1982a, S.149). Die alternative Möglichkeit der Überwindung des desintegrierten Bewußtseins, das seinerseits aus der gesellschaftlich erzwngenen Zerrissenheit der individuellen Lebenspraxis resultiert, sieht Leontjew - im Sinne unserer vorangegangenen Ausführungen (vgl. Teil 1, S.25f.) - in der 'praktisch-kritischen' Tätigkeitsgestaltung und der damit organisch verflochtenen (Re-)Kontruktion/Aneignung 'neuer', adäquater Bedeutungen: "Um diese Erscheinungen zu überwinden, gilt es die objektiven Bedingungen, die sie entstehen lassen, praktisch zu verändern. Das muß immer wieder betont werden. Genauer gesagt: Diese Erscheinung kann nur beseitigt werden, indem sich das Bewußtsein vom realen Leben absetzt oder indem ein aktiver Kampf gegen diese Verhältnisse geführt wird" (Leontjew 1980, S.251).

III.2. Der antagonistische Entwicklungswiderspruch der Persönlichkeit

Die antagonistische Zivilisation, die in konkret-historischen Gesellschaftsformen in Erscheinung tritt (frühe asiatische Despotien, antike Sklavenhaltergesellschaften, unterschiedliche feudale Gesellschaftstypen, bürgerlich-kapitalistische Gesellschaftsformation, staatsbürokratisch deformierte Übergangsgesellschaften), ist wesensmäßig durch ein System widersprüchlicher Herrschaftsbeziehungen gekennzeichnet. Im einzelnen lassen sich folgende grundlegenden Widerspruchsebenen dieses prägenden Entwicklungsabschnitts der Menschheitsgeschichte hervorheben:

1) Der ontologische Widerspruch zwischen vergesellschafteter Menschheit (Subjekt) und Natur erhält im historischen Prozeß zunehmend den Charakter einer antagonistischen Herrschaftsbeziehung, wobei a) die Eigenlogik des Natur-Objekts negiert und b) die naturhistorische Gewordenheit und Verwiesenheit des Subjekts aus dem Bewußtseins- und Verhaltenshorizont verdrängt wird. Mit der Entwicklung der neuzeitlichen ökonomisch-technischen Rationalität wird dieses antagonistisch gewordene Verhältnis systematisch "radikalisiert": "Bewahren als der wesentliche Bezug zwischen Mensch und Natur verschwindet. Der Mensch nimmt in Gestalt von homo faber die Natur in Dienst für seine Zwecke der Hervorbringung und überläßt sie ansonsten sich selbst" (Buck 1993, S.119).

2) Im Prozeß der Auflösung urgesellschaftlicher Gemeinschaftsformen werden die intersubjektiven Beziehungen zwischen den vergesellschafteten Menschen - unter Einbezug biologisch-körperlicher Merkmale - grundlegend revolutioniert. Es entstehen relativ stabile ökonomisch fundierte Hierarchien und Abhängigkeitsverhältnisse, die sich im einzelnen folgendermaßen klassifizieren lassen:

a) Klassenwiderspruch zwischen ökonomisch, politisch und geistig-kulturell Herrschenden und beherrschten Gesellschaftsmitgliedern;

b) Geschlechterwiderspruch zwischen dominierenden (öffentlich und privat bestimmenden) Männern ("Patriarchen") und tätigkeitsstrukturell aus- und eingegrenzten Frauen;

c) interethnischer Widerspruch zwischen "Herrenvölkern" (Kolonisatoren) und beherrschten Volksgemeinschaften (Kolonisierten).

In individuumzentrierter Sicht überschneiden sich diese letztgenanten gesellschaftlichen Widerspruchsebenen (personelle Variabilität der Klassen-, "Rassen"- und Geschlechtszugehörigkeit) und "verdichten" sich in verallgemeinerter Form zu einem gesamtgesellschaftlich vermittelten Entwicklungswiderspruch der Persönlichkeit: Das individuelle Streben nach Erweiterung der Realitätskontrolle, Fähigkeitsentwicklung, gesellschaftlicher Integration, Selbstverwirklichung etc. - kurz: nach einem sinnerfüllten Leben - gerät in einen gesellschaftimmanent unaufhebbaren Gegensatz zu den herrschaftlich gesetzten Entwicklungsbeschränkungen. D.h.: In der antagonistischen Gesellschaft "geraten die aufwachsenden Individuen in den Widerspruch, daß sie nur in einer wirklich menschlichen Gesellschaft als Menschen wirklich sich vollenden können, daß aber die einzige Gesellschaft, die ihnen für ihre Verwirklichung gegeben ist, einer solchen wirklich menschlichen Existenz destruktiv entgegensteht" (Tomberg 1978, S.63; alle Sperrungen entfernt, H.K.) (1)

Da dieser antagonistische Entwicklungswiderspruch der Persönlichkeit im Prinzip von allen beherrschten Individuen subjektiv erfahren (erlebt) wird und insofern als allgemeinste "initiierende" Voraussetzung/Möglichkeitsbedingung für die Hineinentwicklung in kritisch-widerständige Tätigkeitszusammenhänge anzusehen ist, bilden die in der Realität feststellbaren interindividuell differrierenden Verarbeitungsweisen den entscheidenden Problemgegenstand. Denn in Abhängigkeit von den individuell unterschiedlichen Verarbeitungsformen dieses Widerspruchs resultieren andersartige, ja tendenziell gegensätzliche personale Entwicklungslogiken der Lebensführung und -gestaltung: z.B. ein konformistisches Sich-Einrichten in der Abhängigkeit und Fremdbestimmtheit; ein "zerrissenes", durch jähe Stimmungsumbrüche und Einstellungsmetarmorphosen gekennzeichnetes Leben zwischen Auflehnung ("Extase") und Resignation (Depression); eine "kämpferisch-widerständige" Lebensführung in - durchaus nicht unkomplizierter und problemloser - Gemeinschaft mit "Gleichgesinnten" etc. In metaphorisch zugespitzter Form hat Lenin die unterschiedlichen Verarbeitungsweisen des (klassen-)antagonistischen Entwicklungs- widerspruchs der Persönlichkeit mit ihren jeweiligen auseinander- driftenden Entwicklungslogiken beschrieben: "Der Sklave, der sich seiner Sklavenstellung bewußt ist und gegen sie kämpft, ist ein Revolutionär. Der Sklave, der sich seiner Sklaverei nicht bewußt ist, und in schweigendem, unbewußtem und stummem Sklavenleben dahinvegetiert, ist einfach ein Sklave. Der Sklave, dem der Speichel zusammenläuft, wenn er selbstzufrieden die Reize des Sklavenlebens beschreibt und über den gütigen und lieben Herrn in Entzük kung gerät, ist ein Knecht, ein Lakai" (Lenin 1974, LW 13, S.41).

Für die Erfassung der unterschiedlichen personalen Verlaufsformen der Widerspruchsverarbeitung ist nun zunächst der Umstand wesentlich, daß der antagonistische Entwicklungswiderspruch nicht in der skizzierten verallgemeinerten Form erfahren wird. Er tritt vielmehr in "vermittelter" Form in Erscheinung, d.h. in vielfältigen alltäglich-konkreten und individuell-besonderen Konfigurationen, in denen der gesamtgesellschaftliche Bedingungszusammenhang nicht unmittelbar evident ist. Die "Erschließung" des zugrundeliegenden gesamtgesellschaftlichen Bedingungszusammenhangs ist den Einzelnen folglich als Prozeßresultat einer gelungenen, weil die individuellen Entwicklungsinteressen behauptenden, Verarbeitung der subjektiv erfahrenen Widersprüche "aufgegeben". Welche grundlegenden Ebenen der Widerspruchserfahrung lassen sich exemplarisch für den uns interessierenden Kontext der modernen bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft herausheben?

1) Vor dem Hintergrund eines - im Vergleich zu früheren "innerkapitalistischen" Entwicklungsstadien - relativ hohen sozialen Absicherungsniveaus sind die prägenden Widerspruchserfahrungen für die überwiegende Mehrheit der Lohnabhängigen nicht mehr unmittelbar existenzbedrohender Natur. Vielmehr hat sich als vorherrschende Dimension der lohnarbeitstypischen Widerspruchserfahrung die Kollision von individuellen Lebensgestaltungsperspektiven und (betrieblich vermittelten) Kapitalverwertungsinteressen herauskristallisiert. So manifestiert sich z.B. das Aufeinanderprallen des individuellen Strebens nach "Selbstverwirklichung"/Realitätskontrolle einerseits und der entgegenstehenden (klassen-)gesellschaftlichen Entwicklungsbeschränkungen andererseits a) in Gestalt des Bedürfnisses nach individueller Zeitsouveränität vs. "profitlogischer" Anpassung des Zeithorizonts der Lohnabhängigen an die Bedürfnisse der Kapitalverwertung; b) in Form des individuellen Strebens nach "sinnvoller", schöpferischer und selbstbestimmter Arbeitstätigkeit vs. einzelkapitalistischer "Kommandohoheit" über den betrieblichen Arbeits- und Verwertungsprozeß oder c) im individuellen Interesse an Bewahrung und Vermehrung des erworbenen Besitzstandes im Klima einer soziokulturell permanent aufgereizten "Konsumgesellschaft" vs. weltmarktkonkurrenter "Standort"-Interessen des Großkapitals.

2) Mit der wachsenden Ausdehnung von weiblicher Lohnarbeit im Entwicklungsprozeß der erweiterten Reproduktion der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft bildete sich eine frauenspezifische widersprüchliche Existenzform zwischen den Polen Berufsorientierung/Lohnarbeit und Familienorientierung/Haus- und Erziehungsarbeit heraus. D.h. das klassenspezifisch/lohnarbeitstypische Widerspruchserleben verbindet sich bei Frauen mit einem elementaren (geschlechts-)spezifischen Ambivalenzkonflikt. Daraus resultiert ein permanenter psychischer Zwang, "sich mit der Widersprüchlichkeit dereigenen weiblichen Existenz auseinandersetzen zu müssen. Diese Widersprüche strukturieren den gesamten Frauenalltag und formen umfassend die weibliche Persönlichkeit, ihre Tätigkeiten, Motive, Emotionen, Bedeutungs- und Sinnsysteme" (Roer 1989, S.123). Festzuhalten ist demnach, "daß Frauen objektiv stärker mit Widersprüchen konfrontiert sind als Männer" (ebenda). (2)

3) Die Angehörigen "fremder"/minoritärer ethnischer Gruppen (Arbeitsimmigranten, Aussiedler, Asylbewerber, Flüchtlinge etc.) sind einem ganzen Bündel spezifischer arbeitsmarktlicher, sozialökonomischer, grundrechtlicher, staatsbürgerlicher, kultureller Benachteiligungen/Diskriminierungen im Kontext ihres Klassen- und Geschlechtsstatus ausgesetzt. D.h. zusätzlich zur Erfahrung klassenspezifischer und geschlechtlicher Widersprüchlichkeit ergibt sich die Verarbeitungsnotwendigkeit "ausländerspezifischer" Unterdrückungs- und Ausgrenzungserfahrung in ihren jeweils individuell-spezifischen Anordnungen.

4) Relativ unabhängig von ihrer klassen-, geschlechts- und ethnospezifischen Position sind die (fremd-)vergesellschafteten Menschen heute in wachsendem Maße mit global wirksamen Problem- und Gefährdungslagen konfrontiert, die in ihrer Gesamtheit eine neue Dimension von antagonistischer Widerspruchserfahrung markieren und entsprechende Verarbeitungsprozesse initiieren. Das bedeutet, daß das Erleben der multiphänomenalen ökologischen Krise zunehmend zu einem strukturierenden Faktor der Persönlichkeitsbildung und -entwicklung avanciert.

III.3. Zur allgemeinpsychologischen Charakteristik subjektiver Widerspruchsverarbeitung

Zunächst ist grundsätzlich festzustellen, daß die subjektive Verarbeitung der skizzierten antagonistischen Widerspruchserfahrungen zwar die Ausbildung kritisch-widerständiger Subjektivität als eine Entwicklungsmöglichkeit in sich birgt. Angesichts der normativen Kraft der faktischen Dominanzverhältnisse ist aber - und realistischerweise wohl in erster Linie - die deformierende Einbeziehung der Beherrschten in die antagonistische Herrschaftskultur in Rechnung zu stellen. Das bedeutet, daß im Rahmen der analytischen Rekonstruktion der subjektiven Widerspruchsverarbeitung insbesondere auch das "Eindringen" herrschaftlicher Subjektivitätsmomente (Bedeutungen, Motivstrukturen, Einstellungen, Verhaltensweisen etc.) in das Denken, Fühlen und Handeln der Subalternen systematisch zu berücksichtigen ist. D.h. die Herausbildung angepaßt- konformistischer Subjektivität ist als "gleichursprüngliche" Verarbeitungsmöglichkeit stets im Auge zu behalten. Hinzu kommt, daß der Prozeß der subjektiven Widerspruchsverarbeitung der heranwachsenden und erwachsenen Persönlichkeiten nicht voraussetzungslos erfolgt, sondern folgende Prämissen aufweist:

1) Zum einen ist hier die sozialisatorische Zurichtung der gesellschaftlichen Individuen auf die bestehenden Verhältnisse zu bedenken und damit der Sachverhalt zu reflektieren, daß die individuelle Vergesellschaftung unter antagonistischen Lebensbedingungen immer auch die Aneignung von "systemfunktionalen" Denkhemmungen, Bereitschaft zur Einrichtung in der Abhängigkeit und Fremdbestimmung, "Überich-Bildung" (vgl. Holzkamp-Osterkamp 1978, S.342ff.) etc. in sich einschließt und insofern Tendenzen zu "freiwilliger" Selbstbescheidung naheliegen.

2) Zum anderen setzt die Ausbildung kritisch-widerständiger Subjektivität in der Regel individuelle Handlungsfähigkeit im Rahmen der bestehenden (antagonistischen) Verhältnisse voraus, d.h. die Fähigkeit zur Realisierung fremdgesetzter Anforderungen im Interesse der individuellen Reproduktion. Das bedeutet unter den Bedingungen der modernen kapitalistischen Konkurrenz- und Leistungsgesellschaft a) Behauptungsfähigkeit gegenüber anderen Subjekten als marktfunktionale Kompetenz sowie b) die Fähigkeit zur Selbstobjektivierung: Vom Individuum wird ständig verlangt, "sich entsprechend den gesellschaftlichen Vorgaben zu verobjektivieren, d.h. die Gesellschaft fordert von ihm immer wieder aufs Neue die Identifikation mit den gesellscahftlichen Vorgaben. Verlangt wird also die Selbstkompetenz des Subjekts als die Fähigkeit zur sachlichen Beurteilung seiner selbst nach Maßgabe gesellschaftlicher Vorgaben" (Buck 1993, S.289).

Subjektive Widerspruchsverarbeitung in Form der Ausbildung kritisch-widerständiger Subjektivität beinhaltet vor diesem "präformierenden" Hintergrund die Fähigkeit zur Selbsttranszendierung, d.h. die Kompetenz zur kritisch-reflexiven Distanzierung und "Aufhebung" der erworbenen systemfunktionalen Fähigkeiten/Qualifikationen im Rahmen einer qualitativ neuen Tätigkeitsregulation.

Wie läßt sich nun der "psychische Mechanismus" der subjektiven Widerspruchsverarbeitung bezüglich einiger seiner wesentlichen Grundzüge näher umreißen?

Entwicklungsbestimmende (potentiell: persönlichkeitsverändernde) Widersprüche zwischen dem individuellen Subjekt und seiner vielschichtig strukturierten Lebensumwelt treten dann auf, wenn das Regulationsniveau und das Anforderungsniveau der Lebenstätigkeit in ein diskrepantes Verhältnis geraten: die individuell angeeigneten kognitiven Schemata, Begriffe, Einstellungen/Deutungsmuster, Wertmaßstäbe, Motive etc. erweisen sich gegenüber den relevanten Umweltveränderungen in ihrer tätigkeitsbezogenen Orientierungs- und Ausrichtungsfunktion als unzureichend - sie werden dysfunktional. Infolge dieser intensiv erlebten Einschränkung der Realitätskontrolle, die stets auch eine zumindest latente Bedrohung der erorbenen (relativen) Handlungsfähigkeit sowie eine Erschütterung der lebensgeschichtlich geprägten Identität einschließt, werden Tätigkeitsimpulse freigesetzt, die das Subjekt auf eine aktive Aufhebung/Überwindung bzw. Reduzierung des erfahrenen Widerspruchs "ein-stellen". Denn, so ist mit Holzkamp-Osterkamp (1977a, S.75f.) festzustellen: "Neue Umwelttatbestände, denen gegenüber noch keine spezifischenEinstellungen, d.h. Bewältigungstechniken erworben sind, lösen in dem Maße, wie sie sich auf die relevanten Lebensbezüge auswirken, eine allgemeine Erregung, die Mobilisierung individueller Potenzen aus, die erst mit der 'Einordnung' des Neuen von den bestehenden Verhaltensmöglichkeiten aus, der Reduzierung der Offenheit der Situation und der Unsicherheit des darauf bezogenen Verhaltens, abnimmt".

Diese "Einstellung" des Subjekts auf eine aktive Widerspruchsverarbeitung wird durch folgende psychischen Antriebsquellen gespeist bzw. abgesichert:

1) Zunächst ist hier das in der menschlichen Natur verankerte Bedürfnis nach Information mit noch ungeklärter pragmatischer Bedeutung zu nennen, worin das Streben des Subjekts nach Selbstverwirklichung, nach tätiger Entfaltung seiner schöpferischen Möglichkeiten materialisiert ist. Dieses "Informationsbedürfnis wird vom Menschen hauptsächlich auf zwei Wegen befriedigt. Einmal durch die Suche nach dem Neuen in der Umwelt, einschließlich anderer Menschen als Quellen der Information, die im Kontakt mit ihnen gewonnen wird. Zum anderen durch eine Neuheit, die auf dem Wege der Rekombination früher erhaltener Eindrücke entsteht, d.h. im kreativen Prozeß" (Simonov 1982, S.44).

2) Als wesentliche Antriebsquelle ist die der Widerspruchserfahrung innewohnende negative Differenz zwischen "notwendiger" und "faktisch erhaltener" bzw. "vorhandener" Information hervorzuheben, d.h. die emotionale Widerspiegelung eines Informationsdefizits. (3) Die durch Nichtübereinstimmung hervorgerufenen emotionalen Zustände "verrechnen" a) die Stärke und b) die Wahrscheinlichkeit der Befriedigung eines jeweiligen Bedürfnisses im gegebenen Moment, wobei die informationsbezogene Situationsbewertung der Emotion das entsprechende Vorzeichen verleiht. "Bei einem Defizit an pragmatischer Information...entsteht eine negative Emotion, die vom Subjekt aktiv minimiert wird. Das Übertreffen der prognostizierten notwendigen Informationsmenge durch die wirklich erhaltene Information...führt zur Entstehung positiver emotionaler Zustände, die vom Subjekt maximiert werden" (ebenda, S.89).

3) Ein weiterer antriebsregulatorischer Faktor der Widerspruchsverarbeitung ist in der "Einschaltung" des Willensmechanismus zu sehen. In Situationen mit "Hindernischarakter", d.h. bei praktisch-realer und/oder ideell-vorgestellter Konfrontation des motivierten Subjekts mit Umweltwiderständen, Gegenkräften etc. werden nicht nur negative Emotionen erzeugt, sondern auch die Strukturen der Reaktion der Überwindung ("Freiheitsreflex") aktiviert, "welche auf der Entwicklungsstufe des Menschen als Qualitäten des zerebralen Mechanismus des Willens auftreten" (ebenda, S.117). Dabei verbinden sich die Emotionen (z.B. Wut als positiv erlebter Kampfeseifer) und der Willensmechanismus (Bedürfnis nach Hindernisüberwindung) zu einem "dialektischen Integral" (Prinzip des sich Ergänzens des willkürlichen und des emotionalen Reagierens auf eine Problemsituation): d.h. die jeweiligen Schwächen des einen werden durch die jeweiligen Stärken des anderen kompensiert. (4)

Das Zentrum bzw. den "Erlebniskern" der subjektiven Widerspruchsverarbeitung bildet die Wahrnehmung eines doppelten "Informationsdefizits", nämlich a) des Mangels an kognitiven Strukturierungsmitteln (Begriffen, Aussagen etc.) zur Bewältigung der widersprüchlich-komplexen Lebenssituation und b) des Mangels an "Ausdrucksmitteln" zur Artikulation des persönlichen (Lebens-)Sinns. Im Lichte der psychologschen Tätigkeitstheorie Leontjews betrachtet läßt sich dieses Informationsdefizit als Mangel an subjektfunktionalen Bedeutungen bestimmen, wobei - gemäß der Doppelfunktion der Bedeutungen als den "wichtigsten 'Konstituenten' des menschlichen Bewußtseins" (Leontjew 1982, S.136) - das Fehlen von "Denkmitteln" (Aussagen, Begriffen etc.) als Orientierunbgskrise und das Fehlen von 'Ausdrucksmitteln' (Verkörperungen) des persönlichen Sinns als Sinnkrise manifest wird. Die 'Sinnkrise' ist dabei umso gravierender und erlebnisintensiver, je stärker die Widerspruchserfahrung mit der Infragestellung des zentrierenden Leitmotivs korrespondiert, also mit der Beeinträchtigung/Bedrohung der Lebensperspektive verbunden ist. (So ist es z.B. ein subjektiv bedeutsamer Unterschied, ob die eingebüßte Arbeitstätigkeit in der Perspektive der 'Jobmentalität' gesehen oder als 'Berufung' empfunden wird.)

Die zentralen Aktivitäten im Rahmen der subjektiven Verarbeitung der erfahrenen bzw. 'erlebten' Orientierungs- und Sinnkrise sind folglich Suchbewegungen nach adäquat(er)en orientierungs- und sinnrelevanten Bedeutungen sowie - in engem Zusammenhang damit - eine Intensivierung der Kommunikationsbeziehungen im Interesse der Ausnutzung und Mobilisierung von Unterstützungspotentialen im zugänglichen interpersonalen Beziehungskontext. Wesentlich ist weiterhin, daß im Prozeß der Suchbewegung die objektiven Bedeutungen einen spezifischen persönlichen Sinn erhalten: sie werden individuell angeeignet als 'informationelles Interpretationsmaterial' für die erfahrenen Veränderungen/Beeinträchtigungen in den subjektrelevanten Lebensbereichen (Tätigkeitsbedingungen). Dabei ist nun folgender Sachverhalt von entscheidender Bedeutung: Aussagen, Werturteile, Normen (als korrespondierende Bedeutungseinheiten) werden vom widerspruchsverarbeitenden Subjekt nicht 'in erster Linie' nach ihrer objektiven Adäquanz (Wahrheit), sondern nach ihrer subjektiven Funktionalität (widerspruchsbezogenen 'Sinnhaftigkeit'), d.h. gemäß ihrer orientierungs- und sinnrelevanten 'Tauglichkeit' beurteilt. "Der Mensch ist bestrebt", so Leontjew, "die Desintegration seines Bewußtseins zu überwinden. Er tut das nicht aus abstrakter Liebe zur Wahrheit, sondern aus dem Verlangen nach einem wahren Leben" (1980, S.251).

Unter den Bedingungen der antagonistischen Gesellschaftsformen - insbesondere der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft mit ihren spezifischen Entfremdungsformen - ist der individuelle Suchprozeß nach orientierungs- und sinnrelevanten Bedeutungen zwecks Restabilisierung der Handlungsfähigkeit durch folgende strukturellen Aspekte "systematisch" erschwert:

1) Im gesellschaftlich vorgegebenen, in-sich-selbst widersprüchlichen Bedeutungssystem (vgl. Teil 2, S.41) prädominieren herrschaftsideologische Realitätsdeutungen/Handlungsnormen (mitsamt den darin enthaltenen kapitalspezifischen Bornierungen, Verzerrungen und Verkehrtheiten) in ihrer subjektiven Wertigkeit als widerspruchsreduzierende Interpretationsangebote. Die besondere Wirkungsfähigkeit der "bürgerlichen Ideologie" als "allgegenwärtige" Gedankenform in der kapitalistischen Gesellschaft ergibt sich - neben ihrer kommunikationstechnisch-massenmedialen Wirkungsmacht - vor allem aus ihrer multidimensionalen Gestalt:

a) Aus der unterschiedlichen historischen Rekrutierung und konkurrenzvermittelten ökonomisch-politschen Fraktionierung der Bourgeoisie entwickelte sich die variantenspezifische Akzentuierung der "herrschenden Gedanken" als konservative, liberale, faschistische, reformistische etc. Ausprägungsform der "bürgerlichen Ideologie".

b) Die 'herrschenden Gedankenformen' vermitteln sich den Beherrschten nicht nur (bzw. in 'erster Linie') als explizit gesellschaftspolitisches Bedeutungssystem oder systematisierte Weltanschauung, sondern in polymodaler Verpackung als Lerninhalt, Rechtsnorm, warenästhetisches 'Zeichen', 'Nachricht', 'Kommentar',Zeitungsartikel, politische Rede, Theaterstück, Fernsehspiel, Sportübertragung etc. mitsamt den darin enthaltenen 'impliziten Moralen' (verborgene Anordnung von Lebensregeln / Handlungsaufforderungen / Denknormen / Wertungen etc.).

Erst dieses funktionale Wechselspiel von Pseudopluralität und institutionell-phänomenaler Totalität konstituiert (neben der Oberflächenevidenz und Interessenverschleierung) die hegemoniale Kapazität der spätbürgerlichen Ideologie.

2) Ein wesentlicher Aspekt der Entwicklungsbehinderung der Beherrschten besteht im weitgehenden Ausschluß vom Prozeß wissenschaftlicher Bedeutungs(re)produktion und -aneignung. Angesichts der zunehmenden Differenzierung, Problemverdichtung und Komplexitätszunahme der modernen bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft muß hier insbesondere die (z.B. schulische) Vorenthaltung von gesellschaftswissenschaftlichem Wissen samt den damit verbundenen Kompetenzen der Informationsbeschaffung, -verarbeitung und -bewertung hervorgehoben werden.

Dominanz, "Multidimensionalität" und vordergründige Plausibilität bürgerlicher Ideologie sowie der Auschluß von wissenschaftlicher Bedeutungs(re)konstruktion bedingen demnach auf Seiten der durch die antagonistischen Widerspruchserfahrungen labilisierten Individuen einen Suchprozeß, in dem die Aneignung objektiv-adäquater (das Begreifen der gesellschaftlichen Widersprüche ermöglichender) Bedeutungen erheblich erschwert ist. Vielmehr ist davon auszugehen, daß aufgrund des "Ergänzungsverhältnisses" zwischen subjektivem Streben nach "Sinnrekonstruktion" und Vorherrschaft der bürgerlichen Ideologie auch objektiv-inadäquate Bedeutungen (Ideen, Aussagen, Vorstellungen, die die gesellschaftlichen Widersprüche eliminieren, scheinharmoisieren, personalisieren etc.) angeeignet bzw. "gefunden" werden, deren "Funktionieren im individuellen Bewußtsein" nur in Form erfahrungswidriger / realitätsverleugnender Stereotypenbildung erfolgen kann. "Der persönliche Sinn, der die Motive widerspiegelt, welche durch die tatsächlichen Lebensbeziehungen des Menschen erzeugt werden, kann unter diesen Bedingungen keine in adäquat verkörpernden objektiven Bedeutungen finden und beginnt dann gleichsam in fremder Kleidung zu leben" (Leontjew 1982, S.149).

Das so vermittelte Leben des persönlichen Sinns in "fremder Kleidung" bzw. die subjektive Übernahme interessenkonträrer Ideologie wird dadurch möglich, daß nicht der (weitgehend fehlende) Wahrheitsgehalt, sondern in erster Linie der vermeintlich widerspruchslösende (reorientierende) Gehalt bürgerliche Ideologie subjektiv attraktiv (funktional) macht. Indem nun aber die im subjektiven Widerspruchsverarbeitungsprozeß angeeigneten bürgerlichen Ideologeme eine Reorganisierung der Tätigkeitsregulation nur um den Preis der (Selbst-)Verleugnung eigener Interessendurchsetzung ermöglichen, sich im unmittelbaren standortspezifischen Lebensprozeß nicht praktisch verifizieren lassen und doch nur unter Inkaufnahme des erneuten Aufbrechens der Orientierungskrise samt der damit verbundenen negativen Befindlichkeit aufgegeben werden können, erhalten sie ihre spezifische Prägung als Stereotype. "Dieses Bodens (der praktischen Lebenserfahrung,H.K.) beraubt, offenbaren sie im Bewußtsein des Menschen ihre Unsicherheit; indem sie zu Stereotypen werden, sind sie gleichzeitig wie alle Stereotypen zum Widerstand unfähig, so daß sie nur durch eine ernsthafte Konfrontation mit dem Leben zerstört werden können. Aber auch ihre Zerstörung führt noch nicht zur Beseitigung der Desintegriertheit und Inadäquatheit des Bewußtseins, sie führt an und für sich nur zu seiner Entleerung, die zu einer psychologischen Katastrophe werden kann. Es muß im Bewußtsein die Umgestaltung des subjektiven persönlichen Sinns in andere, ihm adäquate Bedeutungen hinzukommen" (Leontjew 1982, S.149).

Die Stereotypisierung der im Suchprozeß rezipierten bürgerlichen Ideologeme leitet sich demnach daraus ab, daß diese - "indem sie im System des individuellen Bewußtseins funktionieren" - ihren ambivalenten Charakter als zugleich objektiv inadäquate (die lebensrelevanten Veränderungen verkehrt widerspiegelnde) aber durchaus funktional adäquate (die lebensrelevanten Veränderungen dennoch "widerspruchsdämpfend"interpretierende) Bedeutung offenbaren und somit die subjektfunktionale Adäquanz nur auf Kosten der Abwehr (Verleugnung) der objektiven Inadäquanz stabil gehalten werden kann.

Daß nun der subjektive Widerspruchsverarbeitungsprozeß unter den Bedingungen der antagonistischen Gesellschaftsformen nicht zwangsläufig in den Bahnen eines fatalistischen Teufelskreislaufs mit den Stationen: Orientierungs- und Sinnkrise - Suchbewegung - Aneignung interessenkonträrer Bedeutungen - Stereotypisierung des Bewußtseins etc. verlaufen muß ist abhängig a) vom konkreten Ausarbeitungsniveau einer "bedeutungsvielfältigen" Widerstandskultur sowie der Entwicklungshöhe einer diese tragenden Widerstandsbewegung und b)von der subjektiv möglichen Zugänglichkeit zu kritisch-alternativen Bedeutungssystemen ("revolutionäres Sozialerbe"; vgl. Teil 1, S.26).

Damit wird erfaßbar, daß die subjektive Widerspruchsverarbeitung bzw. die ihr innewohnenden Reorientierungsaktivitäten stets durch die standortspezifischen Repräsentationsformen der antagonistisch konstituierten Bedeutungssysteme "hindurch" erfolgen müssen und sich auf diese Weise der ideologische Kampf zwischen konservativen/reaktionären Systembewahrern und progressiven/kritischen Sytemveränderern - wie vermittelt auch immer - als "unhintergehbarer" Teilaspekt der individuellen Lebenstätigkeit erweist. Leontjew hat diese subjektive (psychologische) Funktion des ideologischen Kampfes folgendermaßen umrissen:

"Eine genauere Analyse dieser Umgestaltung des persönlichen Sinns in adäquate (adäquatere) Bedeutungen zeigt, daß dies unter den Bedingungen des sich in der Gesellschaft vollziehenden Kampfes um das Bewußtsein der Menschen vonstatten geht. Damit will ich sagen, daß das Individuum nicht einfach vor irgendeinem 'Schaufenster' mit darin liegenden Bedeutungen 'steht', unter denen es die Wahl hat, daß diese Bedeutungen - Vorstellungen, Begriffe, Ideen - nicht passiv auf die Wahl warten, sondern energisch in die Verbindungen des Individuums mit den Menschen eindringen, in die Verbindungen, die den Kreis seiner realen Kommunikation bilden. Wenn ein Individuum unter bestimmten Lebensbedingungen zur Wahl gezwungen ist, so ist dies keine Wahl zwischen Bedeutungen, sondern zwischen aufeinanderstoßenden gesellschaftlichen Positionen, die vermittels dieser Bedeutungen ausgedrückt und begriffen werden" (Leontjew 1982, S.149f.). (5)

Als "niveaurelevantes" Bewegungsprinzip individueller Lebenstätigkeit ist die subjektive Widerspruchsverarbeitung in zweifacher Hinsicht mit dem übergeordneten gesamtgesellschaftlichen Entwicklungsprozeß systematisch verflochten: In "genetischer" Hinsicht als entwicklungsnotwendige Reaktionsform auf gesamtgesellschaftlich vermittelte (einschränkende) Veränderungen in der unmittelbaren Lebensumwelt; in "operativer" Hinsicht als Verwiesenheit auf das antagonistisch strukturierte gesellschaftliche Bedeutungsensemble. Indem nun in ihrem Rahmen die Formierung der gesellschaftlich-weltanschaulichen "Richtungsdispositionen" des individuellen Subjekts erfolgt, von denen wiederum die gesellschaftliche Stabilität/Instabilität entscheidend mitgeprägt wird, bildet die subjektive Widerspruchsverarbeitung gewissermaßen den Mikroprozeß geschichtlicher Bewegungzusammenhänge. Anders formuliert: Von den Resultaten der subjektiven Widerspruchsverarbeitung (als Vermittlungsmechanismus zwischen gesellschaftlicher und individueller Entwicklungslogik) ist es in entscheidendem Maße abhängig, ob es zu einer progressiven Veränderung ("Höherbewegung") des gesellschaftlichen Systemzusammenhangs kommt oder ob eine regressive (potentiell gattungbedrohende), die gesellschaftlichen Fäulniserscheinungen verstärkende "Bewältigung" der gesellschaftlichen Entwicklungskrise im Interesse der Herrschenden erfolgt.

III.4. Grundformen der subjektiven Widerspruchsverarbeitung und ihre typischen Wesensmerkmale

Bevor die Grundformen der subjektiven Widerspruchsverarbeitung - mit implizitem Blick auf die "modernen" kapitalistischen Lebensverhältnisse - skizziert werden, ist zunächst in aller Deutlichkeit auf folgenden Tatbestand zu verweisen: Die Möglichkeiten zur "humanen" Verarbeitung der subjektiv erfahrenen Lebenswidersprüche sind in extremen Not- und Elendslagen, wie sie auch (und gerade) gegenwärtig noch in zahlreichen Weltregionen zu beobachten sind, aufgrund a) der strukturell erschwerten Zugänglichkeit zu "progressiven" Bedeutungen/Handlungsmöglichkeiten sowie b) dem Fehlen subjektiver Ressourcen (Bildung; existenzielles Minimum) weitgehend verschlossen. D.h. die konkrete Widerspruchskonstellation erhält hier die Gestalt einer tendenziell barbarisierenden "double-bind"-Situation. Exemplarisch sind hier die Lebensbedingungen der südindischen Harijans, der untersten Hindukaste der "Unberührbaren" anzuführen, die ihre ungewollten weiblichen Neugeborenen töten, um der soziokulturell erforderlichen Mitgiftzahlung zu entgehen, die zu entrichten ist, wenn eine Tochter unter die Haube gebracht werden soll (6).

Gerade in kritisch-subjektwissenschaftlicher Perspektive wäre der "antagonistische Kern" bzw antihumanistische Gehalt in unterschiedlichsten kulturspezifischen Verkleidungsformen aufzuspüren, statt in "folkloristischer" Ehrfurchtshaltung fremdartige Varianten der Herrschaftreproduktion mit dem Gestus weltbürgerlicher Aufgeklärtheit zu mystifizieren. In allgemeiner Form, d.h. abstrahiert von den Besonderheiten der gesellschaftlich vermittelten individuellen Lebensgeschichte und den Spezifika des aktuellen Lebensstandortes sowie unter Absehung von wechselseitigen Übergangsprozessen und Zwischenstufen, lassen sich folgende, die Persönlichkeitsentwicklung grundlegend bestimmende, Lösungsrichtungen der subjektiven Widerspruchsverarbeitung unterscheiden:

III.4.1. Die progressive Verarbeitungsform

Die Möglichkeit zur progressiven Umgestaltung bzw. qualitativen "Höherbewegung" der Tätigkeitsregulation ist subjektiv dann realisierbar, wenn das durch unmittelbar-konkrete Widerspruchserfahrungen in seiner Handlungs- und Orientierungsfähigkeit labilisierte Individuum im Rahmen seiner "suchenden" Reorientierungsaktivitäten auf zugleich a) objektiv-adäquate und b) subjektiv-funktionale Bedeutungen stößt und sich diese als "Bewältigungsmittel" der erlebten Orientierungs-und Sinnkrise aktiv aneignet. Der "objektiv-adäquate" Beschaffenheitsaspekt der "gefundenen" Bedeutungen bezieht sich hierbei auf die kognitive (erkenntnisbezogene) Seite der Tätigkeitsregulation (Überwindung der Orientierungskrise) und der "subjektiv-funktionale" Beschaffenheitsaspekt auf die (emotional-motivationale) Sinnebene der Persönlichkeit (Überwindung der Sinnkrise).

Betrachten wir erstens die kognitive Dimension der progressiven Widerspruchsverarbeitung. Hervorzuheben ist zunächst, daß sich die angeeigneten Bedeutungen (Begriffe, Aussagen, Theoreme etc. in ihrem "Verweisungscharakter auf" übergreifende Begriffssysteme, Aussagenkontexte, Theorien etc.) als geistige Werkzeuge einer begreifenden Durchdringung der gesellschaftlichen Struktur- und Bewegungszusammenhänge bewähren und dementsprechend eine realitätsgerechte Erfassung der unmittelbar erfahrenen Widersprüche/Restriktionen in ihrer gesamtgesellschaftlichen Vermitteltheit gewährleisten. Nur so kann dem individuellen Subjekt eine progressive Überwindung (dialektische Negierung) der dysfunktional gewordenen Tätigkeitsregulation und damit die Erzeugung/Rekonstruktion einer höheren Niveaustufe der bewußtseinsgesteuerten Umweltauseinandersetzung gelingen. Während im Rahmen der systemimmanent-angepaßten Denkform gemäß den vorherrschenden bürgerlich-ideologischen Orientierungsschemata "durch Fixierung auf die unmittelbare Lebenslage/-praxis die reale gesamtgesellschaftliche Vermitteltheit der Existenz des Individuums...eliminiert und negiert ist" (Holzkamp 1983, S.388), wird nun aufgrund der Aneignung der neuen adäquaten Bedeutungen ein Begreifen der Realität im Sinne gesamtgesellschaftskritischer "Unmittelbarkeitsüberschreitung" möglich.

In Anlehnung an K. Holzkamps Konzept des "begreifenden Erkennens" lassen sich folgende kognitiven Regulierungsaspekte der progressiven Widerspruchsverarbeitung anführen:

1) Das individuelle Subjekt erschließt sich die Einsicht in die historische Gewordenheit und potentielle Veränderbarkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse und überwindet damit die Tendenz zur fraglosen Akzeptanz einer als naturhaft-unveränderbar mißdeuteten, lediglich in ihrer unmittelbar gegebenen sinnlichen Erscheinungsoberfläche kognizierten gesellschaftlichen Umwelt.

2) Die gesellschaftliche Realität wird als widersprüchlich konstituierte "Zusammenhangsstruktur" (Totalität) erfaßt, die es methodisch schrittweise zu rekonstruieren gilt und als deren bestimmtes Teilmoment die unmittelbare individuelle Lebenslage/Widerspruchskonstellation aufzuschlüsseln ist.

3) Die gesellschaftlichen Widersprüche mit ihren subjektbezogenen konkreten Auswirkungen werden nicht in starrem Entweder-Oder-Denken eliminiert oder als bloß subjektive Widersprüche im eigenen Denken verkannt etc., sondern als objektive gesellschaftliche Tatbestände in ihren wesentlichen Zügen gedanklich rekonstruiert. "Der Widerspruch ist dann als objektiver Widerspruch 'auf den Begriff gebracht' wenn es gelungen ist, den objektiven Charakter des Widerspruchs als eines Momentes gesellschaftlicher Wirklichkeit gedanklich widerspruchsfrei zu erfassen" (Holzkamp 1973, S.387).

4) Das individuelle Subjekt erkennt nicht nur die historische Gewordenheit/Veränderbarkeit der objektiven gesellschaftlichen Strukturen, sondern erfaßt ebenso die Gewordenheit und gesellschaftliche Bestimmtheit der objektiven Gedankenformen und damit die historische Dialektik von "Erkanntem" und "Erkennendem". Auf dieser Wissensbasis gewinnt es zunehmend die Einsicht in die Eingebundenheit/Geprägtheit des erkennenden Menschen in /durch die zu erkennende Wirklichkeit. Damit wird immer genauer erfaßbar, daß "die Erkenntnis der gesellschaftlichen Realtität und die Erkenntnis des eigenen Selbst in gewisser Weise zwei Seiten des gleichen Erkenntnisprozesses sein müssen, wirkliche Gesellschaftserkenntnis immer auch Selbsterkenntnis impliziert und umgekehrt" (ebenda, S.369; alle Sperrungen entfernt, H.K.). Auf diese Weise wird auch die "bidominante" Selbstreflexion (vgl Teil 2, S.41f), d.h. die selbstbewertende "innere Kommunikation" des individuellen Menschen auf eine höhere Niveaustufe gehoben: Er erfährt seine "Einzigartigkeit" nicht mehr als naturalistisch-zufällige (schicksalhafte), unveränderbare und unbegreifbare Gegebenheit, sondern gewinnt eine neue Perspektive auf sich selbst als gestalt- und entwickelbare, zur "Selbstüberschreitung" potentiell befähigte Persönlichkeit. Begreifende Selbsterkenntnis impliziert somit immer auch die Einsicht in die "Selbsthervorbringungskompetenz" des individuellen gesellschaftlichen Menschen.

5) Begreifende Gesellschafts- und Selbsterkenntnis in ihrem wechselseitigen Verweisungszusammenhang ermöglichen eine Überwindung der im Rahmen der bürgerlichen Ideologie- und Praxisform nahegelegten subjektivistischen bzw. egozentristischen Aufassung, wonach die "gesellschaftlichen Individuen" ursprünglich voneinander isoliert und gegeneinander abgekapselt koexistierten. Es wird nämlich zunehmend erkennbar, daß die vordergründige Isoliertheit zwischen den Menschen, das konkurrenzförmige Gegeneinander sowie das utilitaristische Verfolgen je eigener (privater) Interessen darüber hinwegtäuscht, daß der Einzelne "mit anderen Menschen, vermittelt über die objektiven gesellschaftlichen Verhältnisse, nicht nur situativ, sondern auch durch Bedürfnisse, Interessen, Ziele, Eigenschaften, Kennzeichen der Welt- und Selbstsicht verbunden ist, die den gleichen gesellschaftlichen Ursprung haben, wobei der Klassencharakter der bürgerlichen Gesellschaft...sich in der Klassengeprägtheit der menschlichen Persönlichkeit bis in ihre "intimsten" Beschaffenheiten hinein niederschlägt" (7) (ebenda, S.370; alle Sperrungen entfernt, H.K.). D.h.: "Selbsterkenntnis, wenn sie zum Verständnis der Gesellschaftlichkeit des eigenen Selbst durchdringt, beinhaltet auch Erkenntnis des "Selbst" von anderen Menschen in der gleichen objektiven gesellschaftlichen Lage" (ebenda).

6) Ein wesentliches kognitives Merkmal progressiver Widerspruchsverarbeitung ist die eigenständige Anwendung/"Erprobung der angeigneten Bedeutungen im Rahmen stets erneuter begreifender Durchdringung der Alltagsrealität in ihren vielfältigen, stets wechselnden Erscheinungsformen und damit der selbsttätige Vollzug des Übergangs vom abstrakten Wissen zum konkret "Gewußtem" durch das widerspruchsverarbeitende Subjekt. Dabei ist das sich auf dem begreifenden Erkenntnisniveau neu formierende Subjekt auf permanenten inhaltlichen Wissenserwerb angewiesen und "ausgerichtet" (sich reproduzierender "Hunger" nach adäquaten Bedeutungen/Informationen): Nur so kann die Welt- und Selbstsicht des Subjekts dauerhaft in einer Weise umgestaltet werden, "daß sie eine Veränderung der individuellen Lebensführung von utilitaristischer Praxis zu bewußt-kritischer, aus der Einsicht in gesamtgesellschaftliche Notwendigkeiten entspringender Praxis zwingend einschließt" (ebenda, S.366).

Die "gefundenen" Bedeutungen erweisen nicht nur ihre Tauglichkeit als "kognitive Werkzeuge" begreifender Realiitäts- und Selbsterkenntnis. In dem Maße, wie sie sich angesichts der veränderten subjektrelevanten Umweltbedingungen in der praktischen Lebenstätigkeit verifizieren lassen, offenbart sich auch ihr subjektfunktionaler Stellenwert als (Konstruktions-)Mittel der Höherbewegung der Tätigkeitsregulation sowie der Umgestaltung der Motivbasis. Anders als bei der Aneignung objektiv-inadäquater Bedeutungen (bürgerliche Ideologeme), die lediglich eine trügerische "Uminterpretation" der erfahrenen Widersprüche sowie eine vorübergehende "Dämpfung" der aus dem Widerspruchserleben reultierenden negativen Emotionalität ermöglichen, gelingt hier die Überwindung der "Zerrissenheit" des Individuums zwischen "Verstand" und "Gefühl": Der subjektive Sinn muß nicht länger mit "fremder Kleidung" fortexistieren - woraus die selbstwidersprüchliche "Gegenläufigkeit" von "Denken" und "Fühlen" als grundlegendes Befindlichkeitsmerkmal des (angepaßten) Individuums hervorgeht - sondern die "Stereotypisierung" und Desintegration des Bewußtseins wird durch "Überzeugungsbildung" abgelöst. Als subjektiver Syntheseprozeß von kognitiver und emotional-motivationaler Tätigkeitregulation basiert die Überzeugungsbildung auf der Übereinstimmung von objektiv-adäquatem und subjektiv-funktionalem Charakter der Bedeutungen. Dabei ist sie auf die vollständige Relation: Aussage (Begriff) - Werturteil - Norm (Handlungsanweisung) als einheitlich-elementarer Bedeutungskomplex bezogen und nicht lediglich auf eines ihrer Glieder. Nicht Aussagen "an sich" begründen Überzeugungen, sondern nur solche, die - neben ihrem Wahrheitsgehalt - für das Subjekt eine konkret-prognostische (handlungsplanende) Wertigkeit besitzen, dessen Erfahrungensinnvoll synthetisieren (Übereinstimmung von kollektiven und persönlichen Wertungen) und sich im praktischen Lebensvollzug als Orientierungsmittel bewähren. Überzeugungsbildung ist in dieser Perspektive als psychischer Prozeß der gelungenen "Übersetzung" von Bedeutungen "an sich" in Bedeutungen "für mich", als Vorgang der motivbezogenen Bewertung und "Verrechnung" jener Bedeutungen zu verstehen, auf die das Subjekt im Prozeß der Widerspruchsverarbeitung stößt. Bestimmte Bedeutungen bzw. Bedeutungskomplexe, die sich dem Subjekt als Verkörperungen seines Leitmotivs ("Lebensziel" als zentrierende Systemkomponente des persönlichen Sinns) offenbaren, werden im individuellen Bewußtsein in Grundüberzeugungen transformiert, die gleichsam die "Korsettstangen" der wertenden Parteinahme des Subjekts bilden. Durch sie hindurch reflektiert es sein Verhältnis zum eigenen Selbst (Bidominanz), zu den sozialen Bezugsgemeinschaften und zur gesamtgesellschaftlichen Entwicklung. (8) Als in kritischen (widersprüchlichen) Lebenssituationen aktiv angeignete und subjektiv "bewährte" Bedeutungen mit hoher regulatorischer Wirksamkeit für die praktische Lebenstätgkeit besteht der psychische Stellenwert der Überzeugungen in ihrer interfunktionalen Synthesefunktion: In den Überzeugungen des individuellen Subjekts werden dessen kognitive Bewußtseinsfunktionen und -merkmale (Kenntnisse, geistige Handlungen) mit den Emotionen und Motiven sowie der Handlungsplanung, -ausführung und -kontrolle auf wirksame (persönlichkeitsstabilisierende) Weise verdichtet. Überzeugungen sind somit bestimmbar als innere Bindeglieder der psychischen Tätigkeit, die letzlich die bewußte Parteinahme und die soziale Ausrichtung des Individuums fundieren. Andererseits sind die Überzeugungen in "inhaltlicher" Hinsicht und ihrer "überindividuell"-gesellschaftlichen Herkunft nach als Bedeutungsmomente des antagonistisch geprägten, polymodal vergegenständlichten gesellschaftlichen Bewußtseins kulturelle bzw. geistig-moralische "Synthesemittel", die das individuelle Subjekt als "gesellschaftliches Individuum" an die soziale Gruppe, die Klasse und die gesamte menschliche Kulturentwicklung "ankoppeln" bzw. mit dieser organisch vermitteln. In dieser Blickrichtung sind Überzeugungen äußere (soziokulturelle) Bindeglieder der individuellen (gesamtgesellschaftlich vermittelten) Lebenstätigkeit.

"Begreifendes Erkennen" und "Überzeugungsbildung" eröffnen nun die Möglichkeit zu einer durchgreifenden Umstrukturierung der subjektiven Motivhierarchie. So werden z.B. bedürfnisrelevante Gewohnheiten und Ausrichtungen in ihrem Charakter als Ersatzbefriedigung für vorenthaltene gesellschaftliche Mitentscheidungs- und Verfügungsmöglichkeiten erkanntund entsprechend relativiert/ umgewertet, die kapitalismustypische Versagung, "Veräußerlichung" oder Verfälschung/Instrumentalisierung sozialer Anerkennungssehnsüchte durchschaut, der Pseudo-Sinn der herrschenden Bedeutungskultur mit ihrer ebenso aufdringlichen wie hohlen Glitzerfassade aufgedeckt und Selbstbescheidungstendenzen/Selbstzensurmaßnahmen - die aus einer naturalistischen Verkennung der gesellschaftlichen Lebensverhältnisse sowie der eigenen Persönlichkeitsentwicklung entspringen - zugunsten einer progressiven Ausweitung des Strebens nach Realtitätskontrolle aufgegeben etc. Auf diese Weise kommt es schließlich zur Herausbildung von bewußt-aktiven Eingreifstrategien in die lebensbeeinträchtigenden gesellschaftlichen Struktur- und Entwicklungszusammenhänge: Das Individuum versetzt sich selbst in die Lage, eine praktisch-subjekthafte (Veränderungs-)Perspektive auf die gesellschaftliche Realität zu (re)konstruieren. Dabei ist die Einsicht des Einzelnen grundlegend, "daß nur durch den gemeinsamen Kampf mit anderen die Abhängigkeit von den herrschenden Instanzen aufhebbar und Selbstbestimmung gemäß den Entwicklungsnotwendigkeiten der erreichten gesellschaftlichen Stufe zu erlangen ist und er somit bei der Verwirklichung seiner Freiheit auf die anderen Menschen unausweichlich angewiesen ist..." (Holzkamp-Osterkamp 1978, S.86).

Zusammenfassend ist festzustellen, daß die progressive Form der subjektiven Widerspruchsverarbeitung den individualwissenschaftlich ein Stück weit aufgeschlüsselten Mikroaspekt der "intellektuell-moralischen Reform" der Beherrschten (Gramsci; vgl. Krauss 1992) verkörpert und insofern als Ausgangsabstraktion/Leitkategorie für konkret-historische und aktualempirische Untersuchungen der Entstehung und Entfaltung kritisch-widerständiger Subjektivität fungieren kann. Auf diese Weise wird besser begreifbar, daß (und wie) Individuen nicht nur im Rahmen der vorgefundenen gesellschaftlichen Verhältnisse handeln, sich reproduzieren und "sinnhaft" selbstorganisieren (können), sondern in einen wechselseitigen Transformationsprozeß der Gesellschafts- und Selbstveränderung eintreten (9).

III.4.2. Die stagnative Verarbeitungsform

Aufgrund der Vormachtstellung der bürgerlichen Ideologie in ihren multiphänomenalen und -dimensionalen Präsentationsformen (Bildungssystem, Medien, Werbung, Politik, Massenkultur) ist der individuelle Suchprozeß nach Informationen/Bedeutungen zwecks Verarbeitung der erfahrenen Orientierungskrise in einer Weise gesellschaftsstukturell vorgeprägt, daß die Aneignung adäquater "Reorientierungsmittel" auf erhebliche Barrieren stößt und infolgedessen massenhaft mißlingt (10). Generell kann von folgender Gesetzmäßigkeit ausgegangen werden: Je niedriger das Entwicklungsniveau, der Einflußgrad, die Ausstrahlungskraft, das geistig-moralische Gewicht etc. des kollektiven Subjekts "praktisch-kritischer" Tätigkeit (gesamtgesellschaftskritische Widerstandsbewegung), desto ungünstiger sind die individuellen Möglichkeiten zur Aneignung adäquater Bedeutungen. Das Individuum vermag - in Abhängigkeit von derartigen ungünstigen Kräftekonstellationen - in seinem standortspezifischen "Suchraum" lediglich subjektiv-funktionale (die Widerspruchserfahrung "dämpfende") Bedeutungen anzueignen, in denen die gesellschaftliche Realität verzerrt, naturalistisch, pseudoharmonisch etc., folglich im Einklang mit den kapitalistischen Herrschaftssicherungsinteressen dargestellt ist. Im individuellen Bewußtsein der Beherrschten "funktionieren" diese (interessenfremden) Bedeutungen als "kognitive Prothesen" der Umdefinierung des erfahrenen Subjekt-Umwelt-Widerspruchs und somit als scheinharmonisierende (Re-)Konstruktionsmittel der labilisierten psychischen Tätigkeitsregulation. D.h. in Anbetracht der restriktiven Tätigkeits- und Lebensbedingungen ist das individuelle Subjekt nur zu einer niveauimmanenten Umstrukturierung bzw. Restauration der labilisierten psychischen Regulierungsweise fähig: die "widerspruchsauslösende" Veränderung der subjektrelevanten Lebensumwelt wird mit einer "stagnativen" Modifizierung der erreichten Regulationsstufe unter subjektiver Inkaufnahme reduzierter Lebensansprüche (Senkung des Bedürfnisniveaus) "beantwortet". Indem sich das Individuum aber vermittels der "gefundenen"/übernommenen bürgerlich-ideologischen Bedeutungsangebote

a) über die objektive Unangemessenheit seiner überkommenen Orientierungsweise hinwegzutäuschen vermag und

b) zugleich ein Rechtfertigungsystem für die bedürfnisbezogenen Selbstbescheidungstendenzen erwirbt, kann es zwar die aus dem Widerspruchserleben hervorgehenden negativen Emotionen vorübergehend "ausschalten" bzw. abmildern und so die instabil gewordene (angepaßt-restriktive) Handlungsfähigkeit notdürftig wiederherstellen. Andererseits gerät es aber aufgrund des nur imaginären (stereotypen) Charakters der Widerspruchslösung in den Strudel stets erneut aufbrechender Subjekt-Umwelt-Diskrepanzen, so daß

    a) die Verfestigung psychischer Abwehrsysteme und - in engem Zusammenhang damit -

    b) der beständige "Hunger" nach objektiv-inadäquater "Bedeutungsnahrung" zur subjektiven Notwendigkeit wird. Unter diesem Blickwinkel wird deutlich, daß die über stagnative Widerspruchsverarbeitungsprozesse erfolgende Reproduktion der "Normalität der Anpassung" als Vorform psychischer Störungen zu kennzeichnen ist (vgl. Holzkamp-Osterkamp 1978a).

Im Hinblick auf den kognitiven Aspekt der individuellen Tätigkeitsregulation sind für den Prozeß der stagnativen Widerspruchsverarbeitung folgende Bestimmungsmerkmale herauszuheben:

Da die übernommenen interessenfremden Bedeutungen eine verfälschende Interpretation der subjektrelevanten Widersprüche im Sinne der bürgerlichen Ideologie vermitteln, in deren Bedeutungsrahmen die gesamtgesellschaftlichen Bestimmungszusammenhänge der individuellen Lebensposition (unter "Ausnutzung" sinnlicher Oberflächenevidenzen ) ausgeblendet, mißdeutet oder aber "auseinandergerissen" werden, gelingt dem Individuum bestenfalls die Restrukturierung einer in bloßer Orientierung befangenen kognitiven Realitätsbewältigung.

Zentrales Merkmal dieser kognitiven Regulationsform, die das "Alltagsbewußtsein" der Menschen in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft grundlegend bestimmt, ist die Fixierung auf die unmittelbaren (positionsspezifisch-ausschnitthaften) Lebensbedingungen und daraus hervorgehend das fraglose Sich-zu-recht-Finden in einer in ihren Wesenszügen und übergreifenden Zusammenhängen unbegriffenen Realität. Als Kehrseite dieser "Unmittelbarkeitsfixierung" - und damit als weiteres Grundcharakteristikum "orientierender"/"deutender" Denktätigkeit - erweist sich die Ausblendung der realen gesamtgesellschaftlichen Vermitteltheit der individuellen Existenz. Diesen zentralen Bestimmungen des "orientierenden" bzw. "deutenden" Denkens sind nach Holzkamp (1983) folgende Charakteristika nachgeordnet:

1) Mit der kognitiven Eliminierung der "gesamtgesellschaftlichen Vermitteltheit" der individuellen Existenz ist auch die Möglichkeit der praktisch-kritischen Realitätsveränderung/"Verfügungserweiterung" (qualitative Verbesserung der Realitätskontrolle und Höherentwicklung der Handlungsfähigkeit) subjektiv ausgelöscht. D.h. als unmittelbarkeitsfixiertes Denken ist das bloße "Sich-Orientieren" bzw."Deuten" als kognitive Basis systemangepaßter Lebenstätigkeit ein um die (alternative) Möglichkeit praktisch-kritischer Realitätsveränderung verkürztes Denken.

2) Aus dieser "Möglichkeitsreduktion" des "orientierenden"/"deutenden" Denkens resultiert die Dominanz der kognitiven Erfassung von Umweltgegebenheiten als hinzunehmende Fakten gegenüber der gedanklichen Durchdringung der Realität in ihrer Veränderbarkeit, d.h. im Hinblick auf die in ihr enthaltenen "Potentialitäten".

3) Mit der "Unmittelbarkeitsfixierung einher geht die Verselbständigung der perzeptiven Ebene der Wahrnehmung im Erkenntnisprozeß und damit das Verhaftetbleiben im sinnlichen Oberflächenschein der Dinge/Verhältnisse/Gegebenheiten.

4) Als unmittelbarkeitsfixiertes/"anschauliches" Denken ist das "Deuten" geschichtsloses und statisches Denken schlechthin; als erscheinungsfixiertes Denken erweist es sich als zusammenhangsblind bzw. pseudokohärent: das "unmittelbar" Erfahrene wird als "das Ganze" fehluniversalisiert.

5) Aus dem Umstand der Ausklammerung der gesamtgesellschaftlichen Vermitteltheit der individuellen Existenz folgt für das "orientierende"/"deutende" Denken a) eine fiktive Selbständigkeit und Selbstgenügsamkeit sowie b) die Verkennung gesellschaftlicher Realwidersprüche.

6) Als Denken vom "Standpunkt außerhalb", in dessen Rahmen Gesellschafts- und Individualentwicklung auseinandergerissen sind, neigt das "orientierende"/"deutende" Denken zur "Personalisierung" und "Verinnerlichung" bzw. "Psychisierung" gesellschaftlicher Widersprüche, Einschränkungen, Unterdrük kungsverhältnisse etc.

Indem nun innerhalb dieser kognitiven Regulierungsform die Möglichkeit praktisch-kritischer Realitätsveränderung zwecks subjektiver "Verfügungserweiterung" verschlossen bleibt, ist das durch Widerspruchserfahrungen labilisierte Individuum auf die Reorganisierung seines "Arrangements mit den Herrschenden" bzw. seine "Wiederversöhnung" mit der Herrschaftskultur verwiesen - was gewissermaßen den reproduktiven "Brennpunkt" systemangepaßt-konformistischer Lebenstätigkeit markiert. In diesem Sinne stellt die plurale Darbietungsform bürgerlicher Ideologie entsprechende Bedeutungsangebote für die (Neu-)Begründung konformistischer Herrschaftakzeptanz bereit (11): Das gesellschaftliche Individuum kann zwischen konservativen, liberalen, faschistischen, reformistischen etc. Begründungsformen wählen bzw. von der einen zur anderen Begründungsform wechseln oder aber ein vordergründig unpolitisches Existenzdesign/Lebenstilkonzept gemäß der massenkulturellen Vorgaben übernehmen.

Da das Individuum aufgrund dieser bloß "orientierenden"/"deutenden" Denktätigkeit auf der Basis herrschaftlich vorgegebener Bedeutungen keine interessenadäquate Veränderungsperspektive gegenüber dem gesamtgesellschaftlich vermittelten Lebenszusammenhang zu entwickeln vermag, verharrt es letztendlich in weitgehender gesellschaftsbezogener "Begriffslosigkeit". Es ist deshalb auch nicht in der Lage, die im Kontext der alltäglichen Lebensbewältigung punktuell und spontan gewonnenen Einsichten in gesellschaftliche Strukturaspekte bewußt zu integrieren. Vielmehr werden diese vermittels der zu "Stereotypen" umgeformten bürgerlichen Ideologeme umgedeutet, entwichtigt, relativiert etc. und damit in ihrem Informations- und potentiellem Aufklärungsgehalt außer Kraft gesetzt ("unbewußt" gemacht). Daraus folgt tendenziell einefortschreitende Dissoziation der psychischen Regulierungsprozesse, die als "zerrissenes" oder selbstwidersprüchliches Bewußtsein "aufscheint". Als Kernmomente dieser "Zerrisenheit" des systemangepaßten/herrschaftskonformen Subjekts lassen sich folgende "dynamischen" Aspekte abstrahieren:

1. In dem Maße, wie das Individuum durch Unterwerfung unter die herrschenden Instanzen und Übernahme der (legitimations-)ideologischen Bedeutungsangebote der Herrschaftsträger seine Orientierungs- und Sinnkrise zu verarbeiten sucht, stärkt es objektiv die Positionen derjenigen Personen/Institutionen/Strukturen, die einer qualitativen Verbesserung der Lebensmöglichkeiten im menschlichen Allgemeininteresse kontraproduktiv entgegenwirken. D.h. das Individuum trägt selbst zur Befestigung der erfahrenen "antagonistischen" Entwicklungsbehinderungen bei und gerät auf diese Weise in den "tragisch-dialektischen" Zustand der "Selbstfeindschaft".

2. Der Sachverhalt, durch Aneigung inadäquater Bedeutungen, Selbstzurücknahme, Anpassung an die herrschenden Verhältnisse etc. zwar seine (restriktive) Handlungsfähigkeit kurzfristig wiederherzustellen, aber damit gleichzeitig seinen eigenen Entwicklungsinteressen zuwider zu handeln, muß vom Subjekt aus dem elementaren Grund der psychischen Stabilitätswahrung aktiv und systematisch verdrängt, geleugnet und mystifiziert werden. Ebenso müssen in diesem "stagnativen" Rahmen der Widerspruchsverarbeitung adäquate Bedeutungen, die eine herrschaftskritische Veränderungsperspektive beinhalten, sowie praktisch-kritische Tätigkeiten Anderer als verunsichernde (weil die gewählte Alternative des Sich-Einrichtens in der Abhängigkeit in Frage stellende) Bedrohungsmomente - unter Rückgriff auf herrschend Bedeutungsangebote - abgewehrt werden. Damit verdeutlicht sich nochmals die subjektive Begründetheit selbsttätiger Verwerfung herrschaftskritischer Bedeutungen durch die Beherrschten sowie deren sich mitunter verbissenes "Festklammern" an interessenkonträren Ideologemen, Einstellungen, Denkweisen etc.

3. Das Erfordernis der Verdrängung/Verleugnung der "Selbstfeinschaft" als spezifische Tiefendimension stagnativer Widerspruchsverarbeitung stellt nicht nur ein Wesensmoment herrschaftskonformer Lebenstätigkeit dar, sondern eröffnet auch eine neue "kritisch-psychologische" Sichtweise auf das Unbewußte: "Das Unbewußte", so Holzkamp (1983, S.381; alle Sperrungen entfernt, H.K.), "ist weder eine anthropologische Letztheit, noch ist es irrational. Es ist vielmehr das Implikat der subjektiven Begründetheit und Funktionalität eines Handlungsrahmens, der sich der 'Rationalität' der Herrschenden, letztlich des Kapitals, unterwirft, wobei gerade dadurch, daß das Individuum in diesem Rahmen 'rational' handelt, es sich selbst zum Feinde werden muß."

4. Aus der Verdrängung der "Selbstfeindschaft" resultiert nun die spezifische Widersprüchlichkeit ("Zerrissenheit") zwischen Kognition und Emotionalität im Rahmen (wieder-)angepaßter/herrschaftskonformer Lebenstätigkeit. Während nämlich im orientierenden/"deutenden" Denken jene Realitätsaspekte ausgeklammert, entwichtigt und verzerrt werden, die die gewählte Lebensform des Sich Einrichtens in den antagonistischen Herrschaftsverhältnissen in Frage stellen könnten, werden in der Emotionalität des Individuums als ganzheitlich-komplexer Bewertungsgrundlage der "gesamten" Lebenssituation jene kognitiv abgewehrten (labilisierenden) Realitätsaspekte dennoch widergespiegelt und zur "Gesamtbefindlichkeit" des Subjekts "verrechnet". "Der kognitiven Evidenz der subjektiven Funktionalität restriktiver Handlungsfähigkeit entspräche so ein dauerndes emotionales Unbehagen und Ungenügen, durch welches die Begründetheit und Funktionalität des eigenen Handelns in Frage gestellt ist. Die Befindlichkeit restriktiver Handlungsfähigkeit kann mithin charakterisiert werden durch einen essentiellen Widerspruch zwischen kognitiver und emotionaler Weltbegenung und Realitätsbeziehung" (Holzkamp 1983, S.403; alle Sperrungen entfernt, H.K.).

Eine wesentliche Konsequenz der stagnativen Widerspruchsverarbeitung ist demzufolge die Restabilisierung der Tätigkeitsregulation um den Preis einer fortschreitenden Zerrüttung der Selbstreflexivität des Individuums. In dem Maße nämlich, wie der Einzelne kein bewußt-begreifendes Verhältnis zur Gesellschaft, zur sozialen Bezugsgemeinschaft und zum eigenen Selbst zu entwickeln vermag und darüber hinaus in den "untergründigen" Zustand der "Selbstfeinschaft" gerät, kann er im Rahmen seiner entfremdeten Lebenssituation personale Identität und ein positives Selbstbild nur vermittels beständiger Neuanpassung seiner Bedürfnisstruktur und Orientierungsweise an die sich wandelnde bürgerlich-konformistische Lebenskultur sowie die herrschaftlich gesetzten Leitbilder und interpersonalen Erwartungsmuster gewinnen.

Damit eng verbunden ist die subjektive Tendenz, die im kapitalismusspezifisch geformten Arbeitsalltag erfahrene relative Bedeutungslosigkeit der eigenen Person in freizeitbezogenen "privatistischen" Sozialbeziehungen zu kompensieren. Im Kontext dieser "privatistischen" Alltagskommunikation sind die angepaßten Individuen verhaltensstrukturell so "programmiert, daß sie sich - unter Rückgriff auf die massenkulturellen Selbstdarstellungsangebote (als einer Bedeutungsdimension bürgerlicher Ideologie) - wechselseitig als bloße Instrumente positiver Rückbespiegelung funktionalisieren und sich damit zugleich zusätzlich gegeneinander isolieren: "Jeder sieht in jedem sein Publikum".

Auf der Grundlage der nur readaptiven Modifizierung der orientierenden/"deutenden" Realitätsverarbeitung sowie der damit verbundenen Reformation des "Arrangements mit den Herrschenden" gelingt dem individuellen Subjekt keine durchgreifende Umstrukturierung der lebensgeschichtlich gewachsenen Motivhierarchie: In Abhängigkeit von der objektiven Verschlechterung der individuellen Lebenslage und unter Rückgriff auf die subjektiv funktionalisierten Bedeutungsangebote ("Lageinterpretationen") wird dieser nur gleichsam "die Spitze abgebrochen". D.h.: "Gestützt" auf die übernommenen inadäquaten/interessenkonträren Bedeutungen werden - in (Selbst-)Vertröstung auf bessere Zeiten - die aktuell nicht mehr einlösbaren Bedürfnisse, Lebensansprüche, Zukunftsperspektiven etc. "auf Eis gelegt" und somit die individuellen Selbstbescheidungstendenzen verstärkt. Das individuelle Subjekt gelangt auf diese Weise lediglich zu einer Modifizierung utilitaristischer Strategien des Sich-Einrichtens unter den sich negativ verändernden gesellschaftlichen Lebensbedingungen.

Als Fazit kann demnach folgendes festgehalten werden: Im Prozeß der stagnativen Widerspruchsverarbeitung manifestiert sich der "Einbindungsmodus" der individuellen Subjektivität in die antagonistische Herrschaftskultur. Es wird deutlich, wie aufgrund der "Sinnsuche" des durch Widerspruchserfahrungen labilisierten Subjekts die "Komplementarität" bzw. "Koppelungsfähigkeit" zwischen (multiphänomenaler) bürgerlicher Ideologie und individueller Tätigkeitsregulierung reproduziert wird. D.h.: Die stagnative Widerspruchsverarbeitungbeschreibt den durch die Lebenstätigkeit der Beherrschten vermittelten Prozeß der "antagonistischen" Systemreproduktion in seiner subjektiven Funktionslogik.

III.4.3. Die regressive Verarbeitungsform

Aufgrund standortspezifischer sozialer Isolationsbedingungen (12) (z.B. geringe Kontaktmöglichkeiten zu anderen Menschen als potentielle Kooperations- und Unterstützungspartner; unterdurchschnittliche Zugriffsmöglichkeiten auf gesellschaftliche Informationsquellen etc.) im Hinblick auf die Möglichkeit zur Aneignung gesellschaftlicher Bedeutungen sowie infolge eines extremen Diskrepanzgrades zwischen subjektiver Tätigkeitsentwicklung und objektiv sich verändernden (komplizierter werdenden) Tätigkeitsanforderungen mißlingt die subjektive Übernahme verarbeitungsrelevanter Orientierungsmittel. Aufgrund dieser kommunikativen und/oder informationellen Deprivation vermag das Individuum weder objektiv-adäquate noch subjektiv-funktionale (pseudoharmonisierende) Bedeutungen in den labilisierten Funktionszusammenhang seiner psychischen Tätigkeitsregulierung zu integrieren, so daß den veränderten Tätigkeitsbedingungen weder mit einer aktiven Höherbewegung des subjektiven Tätigkeitsniveaus (progressive Verarbeitungsfrom) noch mit einer entlastenden Umdefinierung des erfahrenen Tätigkeitswiderspruchs (stagnative Verarbeitungsform) begegnet werden kann.

Die Tätigkeitsregulation auf der bisherigen (lebensgeschichtlich herausgebildeten) Niveaustufe bricht zusammen und dem Individuum stehen nur noch Verarbeitungsstrategien zur Verfügung, durch die der erfahrene Widerspruch lediglich um den Preis der Restabilisierung der Handlungsfähigkeit auf einem niedrigeren Regulationsniveau 'gelöst' werden kann: Entweder das Individuum reduziert den erfahrenen Widerspruch durch Rückzug aus den veränderten objektiven Tätigkeitszusammenhängen (was tendenziell das 'Herausfallen' aus den (re-)produktionsnotwendigen Individualitätsformen und damit Einbuße des bereits erreichten Grades an Realitätskontrolle impliziert), oder aber die durch den Widerspruch gesetzte Dysregulation der Tätigkeit manifestiert sich in - pathologische Prozesse einleitenden - Symptomen, die zum einen das Mißlingen der individuellen Readaptionsversuche an die gewandelten Umweltbedingungen signalisieren und zum anderen eine interne (erweiterte) Reproduktion der Isolierungsbedingungen in Gang setzen. Das Symptom 'ersetzt' so gleichsam die Funktion lösungsrelevanter Bedeutungen: Es substituiert den Stellenwert, den die funktional-adäquaten (interessenkonträren) Bedeutungen als Grundlage für die Rekonstruktion der Tätigkeitsregulierung und des persönlichen Sinns im Rahmen der stagnativen Verarbeitungsform besitzen.

"Durch die Produktion von Symptomen wird ein Gleichgewicht zwischen Individuum und gesellschaftlicher Umwelt hergestellt, allerdings ein 'Gleichgewicht unter pathologischen Bedingungen'. Psychische Störungen wären somit eine besondere Form von Problem-Lösung oder Aufgabenbewältigung. Ihre besondere Charakteristik besteht darin, daß durch die Herstellung von Symptomen das Problem verdeckt bleibt. Es handelt sich um eine Problemlösung 'am falschen Gegenstand', um eine inadäquate und nur scheinbare Problemlösung, weil das Problem bestehen bleibt. Das Symptom dient vor allem dazu, die direkte Auseinandersetzung mit dem Problem zu verhindern" (Gleiss 1978, S.519).

Die Symptombildung wäre demnach als "kompensatorischer" Verhaltensmechanismus zu charakterisieren, zu dem sich das Subjekt aufgrund mißlungener Suche nach "widerspruchslösenden" Bedeutungen/Orientierungsmitteln/Kommunikationsmöglichkeiten etc. gezwungen sieht. Dabei lassen sich zwei elementare Typen von Symptomen unterscheiden:

Erstens eine introvertierte Form der Symptombildung. Ausgangspunkt ist hier zunächst die psychische "Erschöpfung" der stagnativen Widerspruchsverarbeitung vermittels inadäquater/interessenkonträrer Bedeutungsaneignung: Da die übernommenen bürgerlichen Ideologeme angesichts sich negativ verändernder Lebensbedingungen zunehmend ihre orientierungs- und sinnvermittelnde Funktionalität einbüßen (weil sie "in der realen praktischen Lebenserfahrung keinerlei realen Boden (mehr) haben"), stößt das "Leben des persönlichen Sinns in fremder Kleidung" schließlich an die Grenze des Erträglichen. Das "Lebenskonzept" der Anpassung/Herrschaftkonformität erweist sich nun als nicht mehr tragfähig; d.h. das Subjekt wird nachhaltig ent-täuscht bzw. desillusioniert, ohne daß ein alternativer Bedeutungs- und Handlungrahmen subjektiv zu Verfügung steht. In seiner der "Unmittelbarkeit" ausgelieferten Lebenssituation bleibt ihm jetzt nur noch die Möglichkeit der subjektivistischen Realititätsstrukturierung: Die als nicht aufhebbar bzw. praktisch veränderbar erlebte "objektive" Widerspruchskonstellation wird - angesichts des nicht (mehr) überwindbaren Informationsdefizits - ins Subjekt "hineinverlagert (introjiziert) und dort, auf der Ebene "innerer Zustande", in Gestalt psychischer Reaktionsbildungen "bearbeitet". "Die sich intensivierende Erfahrung der Ausweglosigkeit führt zur fortschreitenden Aufgabe von äußerer Tätigkeit: innere, von der objektiven Realität abgelöste Prozesse gewinnen an Gewicht und tragen so zusätzlich zum Aufbau der subjektivistischen Logik bei. Diese ist trotz des sie kennzeichnenden objektiven Realitätsverlusts eine (kompensatorische, H.K.) Orientierungsgrundlage für das Subjekt" (Henkel/Roer 1985, S.57f.). - Als Erscheinungsformen "introvertierter" Symptombildung ist hier exemplarisch auf die Palette diffuser Angstzustände, Phobien, Vermeidungsverhalten, manisch-depressive Zustände, Paralyse der Kommunikationsfähigkeit und selbstverletzende Verhaltensweisen mit verzerrter Signalfunktion etc. zu verweisen. "Die Realität wird nunmehr inadäquat abgebildet (bzw. die Inadäquanz der Abbildung überschreitet ein kritisches Maß, H.K.) um die individuelle Realitätskontrolle zu sichern, die Pathologie der isolierenden Situation zwingt das menschliche Gehirn, auf andere Weise zu arbeiten, läßt qualitativ neue und andere, nunmehr pathologische, d.h. mit der Entfaltungslogik des individuellen gesellschaftlichen Menschen in Widerspruch stehende funktionelle Systeme entstehen" (Jantzen 1980, S.49).

Als zweite Form läßt sich die extrovertierte Symptombildung abstrahieren. Ausgangspunkt ist hier das Mißlingen der Selbstfindung im Prozeß der "Zweiten Geburt der Persönlichkeit" (vgl. Teil 2, S.40). Die Pubertäts- und Adoleszenzkrise wird von Teilen der (sozial und kulturell benachteiligten) Heranwachsenden weder in Form systemkonformer Werteverinnerlichung und Identitätsbildung noch in Gestalt kritisch-revolutionärer Bedeutungsaneignung/Sinnbildung überwunden, sondern mündet ein in einen "anomischen" Prozeß der Selbstherstellung von Ersatzidentität durch einfache Negation/Umkehrung herrschender Normen, Werte, Leitbilder, ästhetische Standards etc. Allerdings bezieht sich diese Negation nicht auf die Infragestellung der herrschaftskulturellen Leitziele "Macht" und "Reichtum", sondern auf die Ablehung/Umkehrung systemangepaßter/herrschaftkonformer Verhaltensweisen, Einstellungen, Sitten etc. D.h.: Die unhinterfragt übernommenen "herrschenden" Leitziele werden mit illegitimen/amoralischen (gesellschaftlich geächteten) Mitteln (Handlungsstrategien) zu realisieren versucht. Auf diese Weise entstehen "anomische" Subkulturen und Gemeinschaftsformen mit entsprechenden Bedeutungssystemen, in denen unterschiedlichste Variationen abweichenden Verhaltens "eingeübt", reproduziert und modifiziert werden (Drogenszene, kriminelle Gangs, Hooligans etc.) (13).

Zusammenfassend läßt sich demnach festhalten, daß der regressive Modus der Widerspruchsverarbeitung den Prozeß der Überleitung von fehlgeschlagenen Strategien der (Re-)Orientierung in psychopathologische und soziopathische Formen der Tätigkeitsregulierung darstellt.

IV. Schlußbemerkung

Der Zusammenbruch des "realen Sozialismus" ist in der bürgerlichen Propaganda - die Gunst des historischen Augenblicks auskostend - als "Ende der Geschichte", als endgültiges Scheitern humanistisch-emanzipatorischer Entwürfe sowie als unumstößlicher Beweis für die Überlegenheit und Alternativlosigkeit der kapitalistischen Zivilisation zelebriert worden. Die Aufklärung und ihr geistiges Erbe einschließlich Marx sind tot - so lautet die frohe Botschaft der "postmodernen" Verklärer der antagonistischen Zivilisation. Demgegenüber sei die profitable Logik der Marktwirtschaft die der menschlichen Natur angemessene Vergesellschaftungsform. Zwar läßt sich mit Blick auf die "postsozialistische" Krisenhaftigkeit, Problemvielfalt und Widersprüchlichkeit des Weltgeschehens dieser triumphalistische Diskurs leicht als falsches, irreales, apologetisch interessiertes Bewußtsein entlarven. Aber damit ist noch nicht der schlechte Zustand des alternativen, "herrschaftskritischen" Bedeutungssystems überwunden. Es bleibt die Aufgabe der Neusichtung, Neubewertung und Neuaneignung des revolutionären Sozialerbes als unverzichtbare Prämisse für die zukünftige Evolution des "praktisch-kritischen" Bedeutungsensembles. Zunächst gilt es, sich auf den Marxschen kategorischen Imperativ rückzubesinnen, "alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist" (MARX 1988, S. 385). Hier liegt wohl die progressive Orientierungs- und Sinnkonstante praktisch-kritischer Tätigkeit innerhalb der gesamten antagonistischen Zivilisation. Zudem sollte die Einsicht handlungsleitend sein, daß unter den Trümmern des "realen Sozialismus" nicht der Marxismus als entwicklungsoffene revolutionär-humanistische Theorie begraben liegt, sondern die als "Marxismus-Lenismus" verbrämte Legitimationsideologie der stalinistischen Partei- und Staatsbürokratie.

Die Rekonstruktion eines kritisch-emanzipatorischen Zukunftsentwurfs als orientierungs- und sinnbildendes Fundament gesellschaftsverändernder Praxis setzt vor diesem Hintergrund die Überwindung anachronistischer (traditionalistisch-dogmatischer) Einstellungsmuster, Denkschemata und begrifflicher Stereotypen voraus. Erforderlich ist demnach eine geistig-moralische Umwälzung innerhalb der von Marx und Engels begründeten Entwicklungslinie gesellschaftskritischen Denkens, Wertens und Handelns bzw. - noch darüber hinaus gehend - eine umfassende Renovation des gesamten historisch gewachsenen "praktisch-kritischen" Bedeutungssystems. Worum es letztlich geht ist die Schaffung von Voraussetzungen für die progressive Auflösung der antagonistischen Zivilisationswidersprüche sowie die Erzeugung darauf gerichteter subjektiv sinnvoller Tätigkeits-, Entfaltungs- und Verarbeitungsmöglichkeiten. D.h.: Es geht um die Hegemoniefähigkeit progressiver Widerspruchsverarbeitung.

Angesichts des gegenwartsprägenden Widerspruchs zwischen neuartig zugespitzter krisenhafter Wirklichkeit und der Dominanz antikritischer ("postmoderner") Diskursformen lassen sich aus kritisch-marxistischem Blickwinkel vorläufig folgende Veränderungsnotwendigkeiten anführen:

* Gebrochen werden muß mit dem deterministischen (Aber-)Glauben, daß aus wachsender Verelendung "reflexartig" eine letztlich unaufhaltsame ("gesetzmäßig" verbürgte) progressive Radikalisierung der Ausgebeuteten und Unterdrückten hervorgehen würde. An die Stelle bloßer Proklamationen und heroisierender Beschwörungsformeln muß die konkret-historische Analyse der revolutionären Selbstorganisation von Teilen der Volksmasse treten.

* Überwunden werden muß der "Proletariatsmythos". D.h.: Die realitätswidrige Vorstellung von der "Arbeiterklasse" als "lagehomogenes", apriorisch "berufenes", letzlich "garantiert" siegreiches Kollektivsubjekt der Überwindung/Aufhebung der antagonistischen Zivilisation kann nicht länger aufrecht erhalten werden. Illusionslos in Rechnung zu stellen ist die Herausbildung zahlenmäßig relativ beträchtlicher lohnabhängiger Schichten in gut situierter, materiell privilegierter Lage mit einem konsumistischen Lebensstil, einer tendenziell wohlstandschauvinistischen Einstellung und einer entsprechend systemangepaßten Lebens- und Denkweise.

* Aufgegeben werden muß die traditionelle ("parteisoldatische") Form des "kämpferischen Lebens, die, wie Lucien SŠve beschrieben hat, in eine tiefe Krise geraten ist, weil die abgeforderte Selbstzurücknahme, Delegation von Verantwortung und Führungskompetenz, Unterordnungsbereitschaft unter autoritäre Leitungsinstanzen, heteronome Disziplin etc. angesichts gewandelter Vergesellschaftungsbedingungen und Individualitätsformen kontraproduktiv und abschreckend wirken. "Führt das nicht zu der Einsicht, daß von nun an eine politische Praxis zum Scheitern verurteilt ist, die nicht in ausreichendem Maße den Individuen die Mittel an die Hand gibt, die Parzellierung und die undurchdringliche Abhängigkeit zu überwinden und ihr Verlangen nach Neugestaltung ihrer Persönlichkeit und nach transparenter Autonomie in die Aktion einzubringen, um die gesellschaftlichen Verhältnisse, von denen direkt ihr Leben abhängt, zu transformieren" (SŠve 1986, S.38).

* Erforderlich ist die (Neu-)Erarbeitung und Weiterentwicklung der vorliegenden subjektwissenschaftlichen Konzepte innerhalb der marxistischen Theorieentwicklung, die auch der vorliegenden Abhandlung zugrundeliegen. Denn es sind heute "feingliedrigere", analytisch "engmaschigere" Konzepte und Kategoriensysteme gefragt als die überlieferten und "epigonal" aufbereiteten politökonomischen und politikstrategischen Theorien parteimarxistischer Prägung, in denen das "Subjekt" nur "gesetzt", ökonomistisch "abgeleitet" oder aber einfach postuliert wird. Zum einen benötigen wir ein viel präziseres begriffliches System zur Aufdeckung/Erfassung der multiplen psychischen Verwüstungen und Deformationen, die von den "modernen" Vergegenständlichungsformen und "Durchdringungsmechanismen" der bürgerlich-kapitalistischen Herrschaftkultur ausgeht. Nur so lassen sich neue hegemoniefähige Bedeutungen (re)konstruieren. Zum anderen muß ein zentraler Brennpunkt der aktuellen Analyse, wie Susan Ruddick zutreffend betont, "die Fusion der Subjektpositionen" sein, d.h. die Herausarbeitung, "auf welche spezifische und besondere Weise Menschen 'verschiedene Subjektpositionen miteinander vernähen'" (Ruddick 1992, S.302). Denn: "Wir sollten nicht mehr länger versuchen zu bestimmen, ob das 'Licht' der Klasse von der 'Linse' des Geschlechts oder der Rasse gebrochen wird, sondern wir sollten akzeptieren, daß wir das Licht und die Linse zusammen sehen. Geschlecht, Rasse und Klasse sind keine abstrakten Allgemeinbegriffe, die übereinandergeschichtet sind oder separate vegetative Kategorien, die getrennte Subjektivitäten beschreiben" (ebenda).

Die Wiedergewinnung einer tragfähigen Zukunftsperspektive im Interesse der menschlichen Selbstbefreiung von den Fesseln der antagonistischen Zivilisation setzt also nach der hier vorgetragenen Auffassung den Bruch mit der traditionellen "apriorisch-zuschreibenden" Subjektauffassung voraus. Im Lichte des Konzepts der subjektiven Widerspruchsverarbeitung ist demgegenüber begründetermaßen davon auszugehen, daß sich progressive, kritisch-widerständige Subjektivität als eine konkret-historisch bestimmte Möglichkeitsform personaler Entwicklung herausbildet. Angesichts dieser entwicklungslogischen Kontingenz bzw. "Plastizität" menschlicher Subjektivitätsausprägung kann im vorhinein kein kollektives historisches Transformationssubjekt bestimmt und "angerufen" werden.

Dreh- und Angelpunkt historisch-transformatorischer Subjektformierung ist vielmehr die "kommunikative Vernetzung", Tätigkeitsabstimmung und wechselseitige Stimulierung jener sich "freiwillig" zusammenschließende Individuen, die - unter jeweils "einzigartigen" und doch (epochenspezifisch) vergleichbaren Lebensbedingungen - aufgrund gleichgerichteter progressiver Widerspruchsverarbeitungsprozesse und Bedeutungsaneignung/-rekonstruktion zueinander finden.


© Hartmut Krauss, Osnabrück 1994





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Anmerkungen:

1. Gemessen am jeweils erreichten gesellschaftlichen Entwicklungsstand bedeutet das für die überwiegende Mehrheit der in unterschiedlicher Form beherrschten und fremdbestimmten Gesellschaftsmitglieder eine reduzierte Lebenstätigkeit in relativer Entwicklungslosigkeit. Denn es ist ein unabweisbarer Tatbestand, wie Holzkamp-Osterkamp (1977, S.313) in klassenstruktureller Perspektive festgestellt hat, "daß alle ausgebeuteten Klassen bis hin zur Arbeiterklasse in der kapitalistischen Produktionsweise den gesellschaftlich möglichen Stand der Individualentwicklung aufgrund von objektiven klassenbedingten Entwicklungsbeschränkungen nicht erreichen, mithin auch den gesellschaftlich möglichen Stand der "Vermenschlichung" durch Teilhabe am menschlichen Wesen in ihrer individuellen Vergesellschaftung nicht erlangen können."

2. Roer thematisiert folgende Verarbeitungsformen der frauenspezifischen Widerspruchskonstellation zwischen Berufsorientierung einerseits und Familienorientierung andererseits: 1) die Entweder-oder-Lösung (dominierend etwa bis zum Ende der Weimarer Republik); 2) das 3-Phasen-Modell: Ausbildung/erste Berufstätigkeit - Ehe und Kinderaufzucht - zweite Etappe der Berufstätigkeit (dominierend seit der Zeit des Faschismus bis in die 50iger und 60iger Jahre); 3) die Verbindung beider Perspektiven (dominierend seit den 70iger Jahren); 4) die Wahl typisch weiblicher Berufe als Versuch der "Widerspruchsabmilderung".

3. "Notwendige Information" meint hier das Vorhandensein einer Informationsmenge, die - vor dem Hintergrund der individuellen Erfahrungstatistik - eine erfolgreiche Situationbewältigung bzw. Bedürfnisbefriedigung sehr wahrscheinlich erscheinen läßt und somit eine begründet positive bzw. optimistische Erwartungshaltung fundiert.

4. Die Vorzüge der Emotionen wie Mobilisierung des Organismus oder Orientierung auf einen breiten Kreis potentiell bedeutsamer Signale werden unter bestimmten Umständen zu ihren Nachteilen: "Durch Generalisierung der Suche nach einem Ausweg aus der Lage, enthalten die Emotionen immer die Gefahr eines Entfernens vom Ziel, die Gefahr einer 'blinden' Variantenauswahl nach der Methode von Versuch und Irrtum. In dieser Beziehung kompensiert der Wille (mit seiner Konzentration auf das "Hindernis", H.K.) die empfindlichen Seiten einer emotionalen Erregung und ermöglicht die Beibehaltung des ursprünglichen Zieles...Aber auch der Wille hat seine 'Achillesferse' in Form der zu starken Lokalisation der Lösungssuche. Er verhindert das 'Verwerfen' von Lösungswegen, das für die schöpferischen Ideen und das prinzipiell neue und unerwartete Herangehen an eine Aufgabe notwendig ist. Deshalb muß wahrscheinlich die Vereinigung eines starken Willens...mit einem bestimmten Grad an emotionaler Erregbarkeit als psychologisch optimal betrachtet werden" (Simonov 1982, S.118).

5. In diesem Kontext gilt es freilich den Leninschen Topos des "Hineintragens des wissenschaftlichen Sozialismus in die Massen" vom Standpunkt des "inneren Beobachters" dahingehend zu korrigieren, daß adäquate Bedeutungen als orientierungs- und sinnbildendes (d.h. zugleich objektiv-wahres und subjektiv-funktionales) "Angebot" an die "widerspruchslabilisierten" Zeit-Genossen "herangetragen" werden und somit von diesen auch subjektiv motiviert zurückgewiesen werden können. Damit wird aber nicht nur einem kontraproduktivem missionarischem Eifer die Grundlage entzogen, sondern auch die Möglichkeit erschlossen, den anderen für sein "abwehrendes" Befangenbleiben in der "Logik der Anpassung" mit Hinweis auf die überindividuellen Konsequenzen seines Tuns zur Rechenschaft zu ziehen und ihn nicht in die unhinterfragbare Mystik seiner "letzten" Handlungsgründe zu entlassen. D.h. überwindbar wird damit auch ein sozialpädagogisches Patronats- und Vormundschaftsverhältnis zu den angepaßten "Anderen", die immer als "irgendwie" zurückgeblieben, unzurechnungsfähig, unmündig etc. angesehen und damit auf spezifische Weise in ihrer Subjektqualität/Verantwortungsfähigkeit negiert werden.

6. Meist pflücken die Eltern Beeren vom Oleanderstrauch. Deren giftiger weißer Saft wird dem Säugling eingeflößt. Dann geht die Mutter aus der Hütte, um den Todeskampf ihres Kindes nicht mit ansehen zu müssen. Der Vater hat inzwischen die kleine Grube ausgehoben. Verbreitet ist auch das Töten mit Paddy, ungeschältem Reis. Die Körner mit ihren nadelspitzen Enden verhaken sich in der Luftröhre des Babys, so daß es qualvoll erstickt. "Kuzhipappa", Grubenbabys, heißen die Totgeweihten in der lokalen Sprache" ("Noch ein Mädchen - das wäre der Ruin", Wochenendjournal der "Neuen Osnabrücker Zeitung" vom 18. Februar 1995, S.12).

7. Das "Durchschlagen" der lage- und positionsspezifischen sozialen Lebensverhältnisse auf die Ausformung der individuellen Verhaltens- und Erlebnisweisen in ihren sublimen Verästelungen ist Grundthema der "soziokulturellen" Klassentheorie Bourdieus. Die theoretischen Instrumentarien und empirischen Ergebnisse dieser Forschungen Bourdieus im Lichte der tätigkeitstheoretischen und kritisch-psychologischen Entwürfe zur menschlichen Individualgeschichte zu rekapitulieren sowie in der Pespektive des hier vorliegenden Konzeptes der subjektiven Widerspruchsverarbeitung zu untersuchen, wäre zum Gegenstand einer gesonderten Untersuchung zu machen.

8. Eine "humanistische" Persönlichkeit entsteht, "wenn das führende Leitmotiv auf das wahrhaft Menschliche gerichtet wird und den Menschen nicht isoliert, sondern sein Leben mit dem Leben der Menschen, mit ihrem Wohl verbindet. Entsprechend den Umständen, denen der Mensch ausgesetzt ist, können solche Lebensmotive einen sehr unterschiedlichen Inhalt und sehr unterschiedliche objektive Bedeutsamkeit erlangen, aber sie sind in Lage, dem Menschen die psychologische Bestätigung und Bewährung seiner Existenz zu geben, die Sinn und Glück des Lebens ausmachen. Der Gipfel dieses Weges ist ein Mensch, der, wie Gorki es ausdrückt, zum Menschen der Menschheit geworden ist" (Leontjew 1982, S.209f.).

9. In der verdienstvollen Studie von Kuckhermann/Wigger-Kösters "Die Waren laufen nicht allein zum Markt..." (1985) wird auf tätigkeitstheoretischer Grundlage die historische Entfaltung von Subjektivität im Rahmen der jeweils vorgegebenen Gesellschaftsform herausgearbeitet und damit die individuelle Reproduktionslogik in ihren sozialhistorischen Ausprägungsstufen erfaßt. Damit bleibt aber die formationspezifische Entstehung und "Artikulation" kritisch-widerständiger (aufständischer, ketzerischer, rebellischer, revolutionärer etc.) Subjektivität bzw. die individuelle Transformationslogik in je konkret-historischer Besonderung noch ein "weißer Fleck". Auch aus dem Umfeld der "Kritischen Psychologie, von der ja subtile kategoriale Analysen bezüglich der subjektiven Folgen "selbstverleugnender" systemangepaßter Lebenstätigkeit innerhalb der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft stammen, ist meines Wissens noch kein Versuch unternommen worden, die Dialektik von restriktiver und verallgemeinernder Handlungsfähigkeit bzw. die Auflösung des "Motivationswiderspruchs" an konkret-historischem Material zu demonstrieren.

10. Die massenhafte Verbreitung der stagnativen Form der subjektiven Widerspruchsverarbeitung ergibt sich aber nicht nur aus der "äußeren" Vormachtstellung der bürgerlichen Ideologie. Sie besitzt auch eine "innere" individualgeschichtliche Quelle. Indem nämlich die formationsspezifischen bürgerlich-kapitalistischen Entwicklungsbehinderungen, Verhaltensprägungen, Abhängigkeitsverhältnisse in die Eltern-Kind-Beziehungen hineinwirken, "lernt" bzw. habitualisiert das Individuum in frühkindlichen Phasen der Ausgelierfertheit an den elterlichen Willen "Techniken" der "Bedrohungsüberwindung durch Fremd- und Selbstinstrumentalisierung, Verinnerlichung von Zwängen, Selbstfeindschaft und Realitätsverleugnung...Dies würde bedeuten, daß hier in der Individualgeschichte den Tendenzen in Richtung auf "restriktive Handlungsfähigkeit" im Arrangement mit den Herrschenden ein ontogenetisches Prä zukäme, und so die Herausbildung verallgemeinerter Handlungsfähigkeit durch Verfügungerweiterung im Zusammenschluß mit anderen quasi immer erst gegen konträre Tendenzen aus der eigenen frühkindlichen Individualgeschichte durchgesetzt werden müßte" (Holzkamp 1983, S.467).

11. "Dabei liegt in den ideologischen Formen hier ... gleichzeitig quasi das 'Angebot', durch die Anerkennung der bestehenden Machtverhältnisse an ihnen zu partizipieren, und so (auf Kosten anderer) die eigene Handlungsfähigkeit/Bedürfnisbefriedigung abzusichen und auszubauen" (Holzkamp 1983, S.376; alle Sperrungen entfernt, H.K.).

12. "Isolation trennt das Individuum als je konkret-historisches von der umfassenden Aneigung des gesellschaftlichen Erbes, von der umfassenden Realisierung seines menschlichen Wesens als Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse. Isolation meint damit die Störung des Stoffwechselprozesses des menschlichen Individuums mit Natur und Gesellschaft durch Arbeit und Kooperation. Sie ist als Störung von Widerspiegelungs-, Aneignungs- und Vergegenständlichungsprozessen im innerorganismischen Bereich wie im Verhältnis zur objektiven Realität in Natur und Gesellschaft zu begreifen" (Jantzen 1979, S.36).

13. In Anlehnung an Peter Brückner ist daran zu erinneren, daß gerade die Verarbeitung von Ohnmachts-, Ausbeutungs- und Konkurrenzerfahrung im Rahmen eines angepaßt-konformistischen Milieus das Aggressions- und Haßpotential steigert und zu unterschiedlichsten Formen zwischenmenschlicher Gewalt gegen "Seinesgleichen" führt. So wird z.B. im ausgelebten, ja mörderischen Haß gegen Obdachlose, Behinderte, Asylanten etc. (als personifizierte Sinnbilder gescheiterter Existenzgestaltung im Rahmen systemangepaßter Lebenstätigkeit) in unentschuldbar verzerrter Form gegen die grundsätzlich unaufhebbare Riskanz herrschaftskonformer Lohnabhängigkeit "angekämpft". In gewalttätig-hilfloser Manier soll so die subjektive Möglichkeit des Scheiterns aus dem Wahrnehmungs- und Erlebnishorizont getilgt werden. "Zu viele Menschen erfahren unsere Gesellschaft als eine voller Ungerechtigkeit und Härte, ahnen kaum, wo sie selbst dazu beitragen - gerade durch Fügsamkeit, nicht revolutionäre Unruhe -, und müssen zugleich die Frage nach den wahren Ursachen des Zustandes vernachlässigen oder verdrängen. Die Einübung in diesen Zustand beginnt früh: in der Schule, auch hier also unter den sozialen Bedingungen von Macht und Ohnmacht. Dort lernen die Kinder Angst und die Bedeutung der Disziplin (als Bereitschaft zur angestrengten Ableistung sinnloser Tätigkeiten) kennen; man lehrt sie, was sie als Arbeitende und Verbrauchende an Fähigkeiten und Fertigkeiten benötigen. Die Fähigkeit der Vernunft, gegen Unterdrückung tätig zu sein, die erwerben sich Kinder hier nicht" (Brückner 1973, S.139).











 

GLASNOST, Berlin 1992 - 2015