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Beiträge zur Politik  






Hartmut Krauss

Aktueller Vormarsch des Radikalislam


Blickt man ungetrübt von einseitigen ideologischen Vorurteilen und Klischees auf die weltpolitische Realität, dann kann man zunehmend die widersprüchliche Verzahnung zweier Prozesse erkennen: Zum einen zeichnet sich immer klarer ab, dass es sich bei der noch vor Kurzem sehr verbreiteten These vom angeblich unaufhaltsamen Aufstieg des us-amerikanischen Empires um einen bornierten Trugschluß gehandelt hat. Die USA stecken nicht nur auf sehr kostspielige Weise im Irak fest; sie werden zudem schon seit geraumer Zeit von den AlQaida-Führern verhöhnt und müssen zerknirscht die atomaren Gelüste und taktischen Spielchen von sog. Schurkenstaaten hinnehmen, während die Bush-Administration im eigenen Land - außerhalb ihrer protestantisch-fundamentalistischen Basis – sukzessive an Rückhalt verliert.

Im gleichen Maße nun, wie der welthegemoniale Status der USA Risse und Dellen bekommt und an seine Grenzen stößt, zeichnet sich zunehmend ein quantitativer und qualitativer Vormarsch der reaktionär-fundamentalistischen Vorhut der islamischen Herrschaftskultur ab. Hauptausdrucksformen hierfür sind:

1) der ungebrochene, ja sich noch intensivierende islamische und arabisch-nationalistische (baathistische) Terrorismus mit seinem momentanen Zentrum im Irak;

2) die extremistische Rekonstruktion des schiitisch-fundamentalistischen Herrschaftssystems im Iran – gespickt mit antijüdischen Hasstiraden, dem kaum noch maskierten Streben nach der Atombombe und dem Ausbau der internen Repression;

3) die islamistische Verseuchung der palästinensischen Bevölkerung, die nun im Wahlsieg der Hamas-Bewegung gipfelte;

4) das immer dreister werdende Einfordern von ‚Rechten’ für grundrechtswidrige und antidemokratische Praktiken durch konservativ-reaktionäre Teile der muslimischen Einwanderer bei gleichzeitiger aggressiver Intoleranz gegenüber westlicher Islamkritik. Das reicht von der rituellen Schlachtung auf offener Straße wie im Fall Theo van Goghs über Sanktionsmorde gegenüber unbotmäßigen Frauen der eigenen Gemeinschaft und Mordaufrufen gegen Islamkritiker bis hin zur gewalttätigen Erpressung angeblich gotteslästerlicher Zeitungsredaktionen.


Es gibt kein übergreifendes Zentrum, das diese korrespondierenden Aktivitäten des „politischen Islam“ steuern würde. Vielmehr handelt es sich hierbei um ein dezentrales ideologisches Verbindungssystem sich wechselseitig auslösender, verstärkender und sich gleichschaltender „Signalreize“, die kulturintern nachhaltig einsozialisiert werden und sich nun stetig zu einer global und langfristig angelegten Herrschaftsstrategie verdichten.

Die nach Atomwaffen strebende iranische Gottesdiktatur ist längst zum neuen Mekka der internationalen Holocaustleugner geworden; entsprechend musste auch dem einstigen RAF-Terroristen und heutigen Rechtextremisten Horst Mahler der Paß entzogen werden, um ihn an der Teilnahme an einer Konferenz von Holocaustleugnern im Iran zu hindern. Dahinter steckt eine tiefe Verankerung pronazistischer, judenfeindlicher und verschwörungsideologischer Einstellungsprofile in der muslimischen Mehrheitsbevölkerung, die zunehmend europäische Rechtsextremisten nicht nur faschistischer Abstammung fasziniert und anlockt. Bestärkt durch die säbelrasselnde iranische Gottesdiktatur bietet die an die politische Macht gewählte Hamas dem Westen die Stirn und verweigert weiterhin hartnäckig die Anerkennung des Existenzrechts Israels.


Auf der „Festplatte“ einer säkular-demokratischen Denkweise zergehen lassen und speichern muß man sich freilich auch die Reaktionen von Muslimen auf die in einer dänischen Zeitung veröffentlichten Karikaturen des Propheten Mohammad1. Gleich Kleinkindern ohne jegliches Gespür für Ironie und Satire und bar jeder Anerkennung von gesinnungsdivergenten Äußerungen brach in weiten Teilen der gesamten islamischen Welt ein Sturm der Entrüstung los. In Gaza-Stadt besetzten bewaffnete Palästinenser ein Büro der Europäischen Union, die Hamas rief zum Boykott dänischer Produkte auf. Das dänische Außenministerium riet von Reisen nach Saudi-Arabien ab und forderte zu „erhöhter Vorsicht“ bei Aufenthalten in Ägypten, Algerien und Pakistan auf. Saudi-Arabien, Kuweit und Libyen zogen ihre Botschafter aus Kopenhagen ab usw. Diese – sagen wir vorsichtig: ‚Überreaktionen’ können nur denjenigen überraschen, der - aus welchen Gründen auch immer - seine Augen vor dem militanten islamischen Hass auf Anders- und Ungläubige verschließt, der dem ausländerfeindlichen Rassismus in nichts nachsteht. Beispiel: Ende Oktober war es in Ägypten zu schweren religiös motivierten Unruhen gekommen, als tausende Muslime nach dem Gebet ein christliches Viertel in Alexandria stürmten und sechs Kirchen attackierten. Bei den Ausschreitungen wurden 90 Personen verletzt und zwei Polizisten getötet. Auslöser war eine erst kürzlich verbreitete DVD. Inhalt: Ein junger Christ konvertiert zum Islam, wendet sich aber enttäuscht wieder von der neuen Religion ab. Als vor kurzer Zeit Frauen in der Türkei, darunter die Gattin eines Präsidentenberaters, ohne Kopftuch in einer Reihe mit Männern in der Moschee beteten, löste das einen öffentlichen Eklat aus. Die Polizei ermittelte und zahlreiche Gelehrte des Staatsislam verurteilten dieses „unislamische“ Verhalten.


Die masochistische bis islamophile Hinnahmebereitschaft breiter Teile der europäischen Bevölkerung gegenüber dieser Verdichtung muslimischer Herrschaftsausübung ist verblüffend und erschreckend zugleich. Sie zeugt von einer tiefen geistig-moralischen Degeneration, die sich aus folgenden Quellen speist:

Erstens ist hier auf den Deal bzw. die ökonomische Interessenverflechtung zwischen westlich-kapitalistischer und islamischer Herrschaftselite zu verweisen, die kritische Zwischentöne so leise wie möglich halten möchte und dementsprechend vermittels ihrer spezifischen Lobbystrukturen die Medien anweist.

Zweitens steht Islamkritik mittlerweile auch mitten in Europa unter massivem Repressionsdruck, der von Morden über Mordaufrufe, Gewaltandrohungen, Einschüchterungen und Erpressungen reicht. Wer, wie z. B. Necla Kelek mit ihrem Buch „Die fremde Braut“, die rote Linie der islamophilen Tabusetzung überschreitet, der wird mit schwachsinnigen Diffamierungskampagnen und verlogenen Rassismusvorwürfen überzogen. Gleichzeitig wird den europäischen Bevölkerungen zugemutet, angesichts der multiplen Offensive des reaktionär-konservativen Mehrheitsislam in tatenloser Toleranz zu verharren.

Drittens trifft diese islamische Mobilisierung auf den Tatbestand der selbstzerstörerischen Auslieferung der westlichen Bildungsinstitutionen an den Ungeist des Postmodernismus und Kulturrelativismus. Anstatt wie Chirac in verbalradikaler Manier mit dem atomaren Knüppel zu drohen, müsste ein Zeichen gegen die Indifferenz, Schönfärbung und Verharmlosung der islamischen Herrschaftskultur in Medien, Bildungseinrichtungen, Justiz und Parteien gesetzt und die westliche Bevölkerung zu selbstverteidigenden Lichterketten angestiftet werden: Gegen Ehrenmorde, Zwangsverheiratung, religiösen Sittenterror und Aushöhlung/Missbrauch der demokratischen Rechtsordnung; für eine Kultur streitbarer Aufklärung, die sich von den remobilisierten Mächten der Finsternis nicht die Butter vom Brot nehmen lässt und unmissverständlich gebührenden Respekt gegenüber der eigenen säkular-humanistischen Werteordnung einfordert.

1 Auf deren Seiten waren Ende September ein Dutzend Karikaturen des
Propheten Mohammed erschienen, darunter eine Zeichnung, auf der aus
des Propheten Turban eine Bombe hervorlugte. Eine andere Zeichnung
zeigt den Propheten, wie er sich im Himmel auf einer Wolke gegen den
Ansturm von Selbstmordattentätern wehrt, die Einlass fordern: "Stopp,
stopp, die Jungfrauen sind aus!", ruft er den zerzausten Märtyrern zu.



© Hartmut Krauss, Osnabrück 2005

Quelle: Hintergrund, Zeitschrift für kritische Gesellschaftstheorie und Politik, IV, 2005








 

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