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Beiträge zur Theorie  










Hartmut Krauss

Soziale Ungleichheit und Subjektformierung im "modernen" Kapitalismus

I.

In der akademischen Soziologie wird seit geraumer Zeit die Untauglichkeit bzw. die schwindende Erklärungskraft des "Klassenbegriffs" sowie der marxistischen Klassentheorie überhaupt für die Analyse sozialer Ungleichheitsstrukturen in den "modernen" Gegenwartsgesellschaften behauptet. Nicht "Klasse" und "soziale Schicht", sondern "Milieu", "Lebensstil", "Individualisierung der Lebensführung" etc. seien die zeitgemäßeren begrifflichen Konzepte (vgl. z.B. Beck 1986; Berger, Hradil 1990, Hradil 1992). In dem Maße, wie nicht mehr die Existenzsicherung das vorrangige Problem des Alltagslebens sei, habe sich das Leben schlechthin - ungeachtet aller Unterschiede der sozialen Lage - zum Erlebnisprojekt entwickelt (Schulze 1992). Konstatiert wird eine Entkoppelung von "objektiven" Arbeits- und Lebensbedingungen und "subjektiver" Lebensweise in der "Erlebnisgesellschaft" sowie die Bedeutungszunahme von Geschlechts-, Alters-, Generations- und Bildungsunterschieden gegenüber sozialökonomischen Positionsdifferenzen.

Demgegenüber wird von orthodox-marxistischer Seite - unter ebenso selektiver Bezugnahme auf selbstbestärkende Prozesse wie "postfordistischer" Sozialabbau, anhaltende Massenarbeitslosigkeit, Deregulierung der Arbeitsbeziehungen und Erscheinungen der "neuen Armut" - die "Wiederkehr der Proletarität" sowie die Wiederbelebung proletarischer Denk- und Handlungsmuster beschworen (Roth 1994).

Was beide sozialstrukturtheoretischen Diskurse trennt, ist die umgekehrt-einseitige selektive Heraushebung vereinzelter Trends und Merkmalaspekte aus einem komplex-widersprüchlichen (mehrdimensionalen) Entwicklungsprozeß: Die akademische Soziologie plausibilisiert ihre Grundaussagen mit Blickverstärkung auf "mittelschichtsspezifische" Erscheinungen im sozialen Kontext der "Modernisierungsgewinner"; die "Traditionsmarxisten" stützen sich auf die Lagemerkmale der pauperisierten, marginalisierten, ausgegrenzten "Modernisierungsopfer". Gemeinsam ist beiden Diskursen das Fehlen eines tragfähigen Konzepts zur Erfassung der Eigenlogik subjektiver Realitätsverarbeitung. Entsprechend wird menschliche Subjektivität bzw. "Bewußtsein" - mal grobschlächtiger, mal differenzierter - als "reaktiver Effekt" gesellschaftlicher Prozesse "bedingungsmechanistisch" abgeleitet.

II.

Während im akademisch-soziologischen Diskurs auch die (überwiegenden) progressiv-entwicklungsfähigen Seiten der Marxsche Theorie im allgemeinen und der Marxschen Klassentheorie im besonderen ausgeblendet bleiben bzw. unterschätzt werden, knüpft der orthodox-dogmatische ("traditionsmarxistische") Diskurs gerade an den überlebten, fehlerhaften, desorientierenden (regressiven) Momenten im Werk von Marx und Engels an.

Entgegen der dialektisch-historischen Grundsubstanz ihres Denkens lassen sich nämlich im Werk von Marx und Engels folgende (klassen-)theoretischen Mängel feststellen:

1) In einer Reihe von Klassikertexten ist eine Tendenz zur Überverallgemeinerung unverkennbar, indem die konkret-empirische Gestalt des früh- bzw. konkurrenzkapitalistischen (Industrie-)Proletariats als Grundlage für zukunftsbezogene Extrapolationen und tendenzielle "Gesetzesaussagen" dient. So bleiben a) konkurrenzbedingte Desintegrationsprozesse innerhalb der Arbeiterklasse (1) und b) die Möglichkeit zukünftiger Qualitätssprünge in der Ausgestaltung des Widerspruchsverhältnisses zwischen Lohnarbeit und Kapital ausgeblendet bzw. werden als nebenrangig vernachlässigt. Exemplarisch sei hier auf folgende Aussage von Marx (1976, S.790f.) verwiesen: "Mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten, welche alle Vorteile dieses (produktionstechnischen und -organisatorischen, H.K.) Umwandlungsprozesses usurpieren und monopolisieren, wächst die Masse des Elends, des Drucks, der Knechtschaft, der Entartung, der Ausbeutung, aber auch die Empörung der stets anschwellenden und durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten und organisierten Arbeiterklasse." Auf diese Weise wird der Verbreitung und dogmatischen Verfestigung von simplifizierenden und einseitigen Verelendungs- und Homogenitätsauffassungen (in Mißachtung des mehrdimensionalen dialektischen Gesamtkontexts der Klassenkonzeption) eine Anknüpfungsmöglichkeit geliefert.

2) Bei der Bestimmung der historischen Mission der Arbeiterklasse wird unvermittelt und "mechanisch" - mit Hilfe des Postulats einer "zwangläufigen" Gesetzmäßigkeit - von der objektiven (sozial-ökonomisch determinierten) Lage auf die subjektive Bewußtseins- und Handlungsebene "kurzgeschlossen". D.h. in Ermangelung einer Subjektivitätskonzeption "springen" Marx und Engels von der strukturtheoretischen auf die handlungstheoretische Ebene und leiten das "revolutionäre Proletariat" zunächst abstrakt-dialektisch (philosophisch), später ökonomisch ab(2). So heißt es in der"Heiligen Familie": "Es handelt sich nicht darum, was dieser oder jener Proletarier oder selbst das ganze Proletariat sich einstweilen vorstellt. Es handelt sich darum, was es ist und was es diesem Sein gemäß geschichtlich zu tun gezwungen sein wird. Sein Ziel und seine geschichtliche Aktion ist in seiner eigenen Lebenssituation wie in der ganzen Organisation der heutigen bürgerlichen Gesellschaft sinnfällig, unwiderruflich vorgezeichnet" (Engels, Marx 1973, S.38). Und im "Manifest der Kommunistischen Partei" von 1848 heißt es: "Der Fortschritt der Industrie, dessen willenloser und widerstandsloser Träger die Bourgeoisie ist, setzt an die Stelle der Isolierung der Arbeiter durch die Konkurrenz ihre revolutionäre Vereinigung durch die Assoziation. Mit der Entwicklung der großen Industrie wird also unter den Füßen der Bourgeoisie die Grundlage selbst hinweggezogen, worauf sie produziert und die Produkte sich aneignet. Sie produziert vor allem ihren eigenen Totengräber. Ihr Untergang und der Sieg des Proletariats sind gleich unvermeidlich" (MEW 4, S.473f.). Diese deterministische "Ableitung" der historischen Mission der Arbeiterklasse ist es, die später im Diskurs der II.Internationale und im stalinisierten Parteimarxismus der kommunistischen Bewegung zum Fetisch erhoben worden ist, statt Ansporn zu sein zur wissenschaftlich-kritischen Weiterentwicklung des "vorgefundenen" Marxismus z.B in Richtung auf einen "kulturellen Materialismus" wie bei Gramsci oder in Richtung auf die Ausarbeitung einer materialistischen (Tätigkeits-)Psychologie wie bei der "Kulturhistorischen Schule" (Wygotski, Leontjew, Lurija, Galperin u.a.).

III.

Die Tragfähigkeit bzw. Fruchtbarkeit der Marxschen Klassenkonzeption für eine herrschaftskritische Analyse antagonistischer Gesellschaftsverhältnisse im allgemeinen sowie kapitalistisch geprägter Ungleichheitsstrukturen im besonderen ergibt sich m.E. aus ihrer doppelten theoretischen Fundierung:

1) In verallgemeinernder historisch-materialistischer Perspektive läßt sich gestützt auf das Marxsche Konzept die Herausbildung gesellschaftlicher (Re-)Produktionssysteme mit strukturell ungleichen (antagonistischen) Positionen bezüglich der Voraussetzungen (Produktionsmittel), Bedingungen (Regulierung des Arbeitsprozesses) und Resultate (erzeugter Reichtum) des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses erschlüsseln. In diesem Prozeß der antagonistischen "Verwidersprüchlichung" der (Re-)Produktionsbeziehungen verschränken sich insbesondere zwei grundlegende Ungleichheitsrelationen: a) die Leistung von Mehrarbeit seitens der unmittelbaren Produzenten und deren Aneignung durch nichtproduzierende privilegierte Klassen von Eigentümern (Ausbeutungsbeziehung)(3) und b) die Teilung vonunmittelbar-produktiver körperlicher Arbeit und "anleitender" sowie "allgemeiner" (Staatsgeschäfte, Justiz, Wissenschaft etc.) geistiger Arbeit (Herrschaftsbeziehung). In dieser "Ausdifferenzierung" gegensätzlich- asymmetrischer Klassenpositionen(4) im Gesamtgefüge des gesellschaftlichen Tätigkeitssystems - auf der Grundlage des widersprüchlichen Verhältnisses zwischen der gesellschaftlichen Arbeit und der partikulären Aneignung des Mehrprodukts - liegt für Marx der Schlüssel für die Aufdeckung der "Tiefenstruktur" der sozialen Ungleichheit. Und damit erschließt sich ihm auch die Antriebsdynamik der gesellschaftlich-historischen Entwicklung als Dynamik von klassenwidersprüchlich vermittelten Konflikten.

In Lenins berühmter "Klassendefinition" werden die von Marx und Engels erarbeiteten wechselseitig korrelierenden Kernmomente des "allgemeinen" (historisch-materialistischen) Klassenbegriffs prägnant zusammengefaßt:

"Als Klassen bezeichnet man große Menschengruppen, die sich voneinander unterscheiden nach ihrem Platz in einem geschichtlich bestimmten System der gesellschaftliche Produktion, nach ihrem (größtenteils in Gesetzen fixierten und formulierten) Verhältnis zu den Produktionmitteln, nach ihrer Rolle in der gesellschaftlichen Organisation der Arbeit und folglich nach der Art der Erlangung und der Größe des Anteils am gesellschaftlichen Reichtum, über den sie verfügen. Klassen sind Gruppen von Menschen, von denen dieeine sich die Arbeit einer anderen aneignen kann infolge der Verschiedenheit ihres Platzes in einem bestimmten System der gesellschaftlichen Wirtschaft" (Lenin 1976, S.410).

Hervorzuheben ist, daß mit dieser begrifflichen Bestimmung ein methodologischer Orientierungrahmen existiert, der nicht eindimensional auf das Verhältnis zu den Produktionsmitteln fixiert ist, sondern der es erlaubt, a) Zwischen- und Übergangsklassen zu verorten und b) klasseninterne Differenzierungen zu untersuchen. Es ist schon erstaunlich, daß Autoren wie z.B. Giddens (1979), die sich um eine kritische Rekapitulation der Klassentheorie bemüht haben, Lenins "Klassendefinition" und ihren kategorial-metodischen Gehalt vollständig außer Acht lassen.

2) Indem Marx, ausgehend von der Warenanalyse, unter Anwendung der logisch-historischen Methode die Bewegungunsgesetze der kapitalistischen (Re-)Produktion aufdeckt, entwickelt er damit zugleich implizit einen analytischen Leitfaden zur Erforschung der Entwicklungsdynamik der kapitalistischen Sozialstruktur. Hat nämlich das sich dialektisch ergänzende Zusammentreffen von Kapitaleignern und "doppelt freien" Lohnarbeitern den Kapitalverwertungsprozeß erst einmal in Gang gesetzt, fungiert die selbstbeschleunigende Verwertungslogik des Kapitals - vergegenständlicht in den auf Profitmaximierng bedachten Handlungsstrategien der konkurrierenden Einzelkapitale - fortan als Strukturierungs- und Gestaltungsgrundlage der formationsspezifischen Klassen- und sozialen Ungleichheitsverhältnisse(5):

a) Aufgrund der konkurrenzvermittelten Dialektik der Einzelkapitale entstehen (gesamt-)kapitalimmanente Differenzierungsprozesse (Konzentration und Zentralisation; Monopolbildung; Verflechtungen etc.) und bewirken einen strukturellen und funktionalen Wandel der "Kapitalistenklasse" (Monopolbourgeoisie; Finanzkapital; mittlere und Kleinbourgeoisie; Managerschicht; Kapitalgruppen etc.).

b) Das Ensemble der konkurrenzförmigen einzelkapitalistischen Profitmaximierungsstrategien übt in seiner Totalität einen fortwährenden strukturiernden Einfluß auf die qualitativen und quantitativen Angebots- und Nachfrageverhältnisse des Arbeitsmarktes sowie auf die jeweils konkreten betrieblichen Nutzungsmodalitäten der Arbeitskräfte und deren kooperativen Organisationsformen aus. Infolgedessen befindet sich die Struktur der Lohnarbeiter in einem kontinuierlichen Wandlungsprozeß, der selbstverständlich "Qualitätssprünge" aufweist. Im einzelnen sind stoffliche, expansive, akkumulations- und krisenzyklische sowie konfliktorische Aspekte/Dimensionen zu unterscheiden.

IV.

Im Geiste einer dogmatischen Rezeption der Marxschen Theorie sind nicht nur die anachronistischen und fehlerhaften Momente der Klassenkonzeption übernommen, sondern darüberhinaus in ahistorischer Weise verdinglicht worden. Das gilt zum einen für den voluntaristischen Ausbau der "historischen Mission der Arbeiterklasse" zum Mythos vom "revolutionären Proletariat", wonach die Arbeiterklasse ihren historischen Subjektcharakter von vornherein als "schlummernde Potenz" in sich trage. Infolge krisenhafter Verschlechterung der Lebensbedingungen und "vorwärtstreibender" Anleitung durch die "revolutionäre Partei" (oder heute bescheidener: neoproletarische Zirkel) entfalte sich die immanente Subjektpotenz gesetzmäßig und aktualisiere sich schließlich in der proletarischen Revolution. Die Realgeschichte der Arbeiterbewegung hat diese "prognostische Ideologie" nachhhaltig widerlegt.

Zum anderen wird im vulgärmarxistischen Diskurs die Arbeiterklasse als lage-, interessen- und bewußtseinshomogenes Subjekt vorausgesetzt, behauptet und angerufen. Als "Modell" dieser so konzipierten "homogenen" Arbeiterklasse(6) werden die Merkmale des klassischen Industrieproletariats verallgemeinert. Demgegenüber manifestieren sich im historischen Verlauf der kapitalistischen Systemreproduktion zwei elementare sozialstrukturelle Prozesse: a) eine allmähliche und unumkehrbare Bedeutungabnahme des überwiegend manuell tätigen Fabrik- bzw. Industrieproletariats und b) eine Ausdehnung der "vermittelnden" Bereiche (Handels-, Transport- und Dienstleistungssektoren) in Verbindung mit der Bedeutungszunahme geistiger und verwaltender Arbeitstätigkeiten. Die Folge ist eine wachsende Ausdehnung, Umschichtung und Heterogenisierung/Pluralisierung der Lohnarbeit bzw. eine fortlaufende Ausdifferenzierung von lagespezifischen Lohnarbeitsformen. Die Auflösung der "präfordistischen" Proletarität als historische Erscheinungsform von Lohnarbeit ist demnach als unumkehbarer Prozeß anzusehen. "Proletarität" als "klassischer" (konkret-historischer) Merkmalskomplex (relativ homogene Existenzweise unter sinnlich-evidenten "industrialistischen" Ausbeutungs-, Elends- und Herrschaftsbedingungen als Grundlage für einen relativ gleichförmigen Erfahrungsbildungs- und Lernprozeß) kann deshalb unter gänzlich gewandelten gesellschaftlichen Verhältnissen nicht willkürlich wiederhergestellt werden bzw. spontan wiederkehren.

Löst man den Marxschen Klassenbegriff im oben dargestellten Sinn von seinen dogmatischen und voluntaristischen "Bedeutungsbeimischungen", so erweist er sich in wissenschaftlich-systematischer Hinsicht als unverzichtbare Kategorie zur Erfassung der objektiven sozialökonomische Positionierung der konkret-empirischen Individuen im bzw. zum System der gesellschaftlichen (Re-)Produktion. Zwar lassen sich aufgrund dieser "Verortung" im gesellschaftlichen Tätigkeitssystem in sehr allgemeiner Form "objektive Interessen" abstrahieren, aber aus dieser objektiven sozialstrukturellen "Lage" kann nicht kausal-mechanisch die konkrete Bewußtseinsentwicklung und Handlungsdisposition der "gesellschaftlichen Individuen" hergeleitet werden. Es ist folglich in der sozialstrukturtheoretischen Debatte eine strikte methodologische und begriffliche Trennung zwischen objektiver (Struktur-) und subjektiver (Bewußtseins- und Handlungs-)Ebene angebracht, um zu tragfähigen Forschungsperspektiven und -resultaten zu gelangen. Gleichfalls gilt es die konkrete Entwicklung der "Klasse der Lohnabhängigen" nicht unter der Prämisse einer stillschweigend vorausgesetzten oder nur postulierten Homogenität, sondern in der Perspektive ihrer realen Differenzierung/Heterogenität zu untersuchen. Die Formierung eines einheitlich handelnden praktisch-kritischen Kollektivsubjekts (das realhistorisch immer nur eine Teilmenge der "Klasse an sich" gewesen ist und auch zukünftig sein dürfte) wäre angesichts bestehender klasseninterner Divergenzen nur als mögliches Resultat der gesellschaftlichen Widerspruchsentwicklung zu bestimmen bzw. zu rekonstruieren.

V.

Untersucht man die mehrdimensionalen Differenzierungs- und Veränderungsprozesse im Spektrum der Lohnarbeit, dann ergibt sich annähernd folgendes Bild:

1) Im historischen Entwicklungsverlauf der kapitalistischen Gesellschaftsformation hat sich nicht die im Stadium des frühen Konkurrenzkapitalismus prognostizierte zweigliedrige Klassenpolarisierung zwischen Bourgeoisie und (relativ homogener) Arbeiterklasse herausgebildet, sondern eine dreigliedrige Sozialstruktur. D.h. im dialektischen Prozeß der permanenten Umwälzung der sozialstrukturellen Gliederungen und der gleichzeitigen permanenten Wiederherstellung sozialer Ungleichheitsrelationen entstehen und verfestigen sich "mittlere" Positionen, die zwischen den antagonistischen Polen "Kapital" und "Lohnarbeiterklasse" angesiedelt sind. Das Institut für Marxistische Studien und Forschung (IMSF) hatte im Rahmen seiner Analyse der sozialstrukturellen Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland von 1950 bis 1974 diese "mittleren" Positionen als "selbständige" und "lohnabhängige Mittelschichten" identifiziert und zu dieser Kategorie folgende Positionsinhaber gerechnet: "die überwiegende Mehrzahl der Bauern, Handwerker, kleine selbständige Unternehmer und Händler, Angestellte und Beamte der oberen Gruppierungen, die leitende, Lohnarbeit "kommandierende" Funktionen im Reproduktionsprozeß des Kapitals innehaben... Angehörige der Intelligenz, die über Spezialistenqualifikationen verfügen und entsprechende Berufe im Betrieb und öffentlichen Dienst ausüben...Von 1950 bis 1974 ist der Anteil der Mittelschichten vor allem infolge des Bedeutungsverlustes der Landwirtschaft von über 31 auf etwa 20 Prozent der Erwerbsbevölkerung zurückgegangen. Dabei hat sich der Anteil der lohnabhängigen Mittelschichten und der lohnabhängigen Intelligenz an den Mittelschichten stark erhöht" (Leisewitz 1977, S.149).

2) Mit der kapitalistischen Erschließung nichtindustrieller ökonomischer Tätigkeitsbereiche, der Umwälzung der Produktionstechnologie, der Bedeutungszunahme vor- und nachgelagerter Bereiche der materiellen Produktion, der Ausdehnung staatlicher Interventions-, Vermittlungs- und Regulierungstätigkeiten sowie der internationalen Verdichtung der kapitalistischen (Re-)Produktion verändert sich sowohl die Größenordnung als auch die sektorale Verteilungsstruktur der Arbeitskräfte. So hat sich zum einen der Anteil der Lohnabhängigen an der Gesamtheit der bundesdeutschen Erwerbsbevölkerung deutlich erhöht: "Von 77,4%, 1960, auf 88,1%, 1981" (Deppe 1984, S.178). Andererseits hat eine "klasseninterne" Verschiebung zwischen den Hauptgruppen der Lohnabhängigen stattgefunden. "Der Anteil der Arbeiter geht absolut und relativ zurück: von 90% (1882), über 74% (1925), 72% (1950) auf 57,4% (1970) und 47,8% (1981). Dementsprechend erhöhte sich der Anteil der Angestellten von 29% (1960) auf 42,7% (1981), der der Beamten von 6% (1960) auf 9,5% (1981)" (ebenda).

In Verbindung mit der Ausdehnung der Angestelltentätigkeit ist eine wachsende "Feminisierung" der Büroberufe zu verzeichnen. So sind allein im Bereich der Organisations-, Verwaltungs- und Büroberufe knapp 30 Prozent der insgesamt etwa 9 Millionen erwerbstätigen Frauen beschäftigt. Während die Anzahl der erwerbstätigen Frauen in diesem Sektor in der Zeit von 1976 bis 1985 um rund 300.000 gestiegen ist und einen Anteil von fast 60% in diesem Berufsbereich erreicht hat, hat sich die absolute Anzahl der erwerbstätigen Männer kaum verändert.

3) Infolge der wissenschaftlich-technischen Effektivierung der (Re-)Produktionsprozesse, der "arbeitswissenschaftlich" begründeten Umwandlung der Managementpraktiken und der dadurch beinflußten Veränderung des konkreten Anforderungsprofils der Lohnarbeit kommt es zur schubweisen Ausdifferenzierung der Qualifikationsstruktur der Lohnabhängigen. D.h. es entstehen interindividuell unterschiedene qualifikatorische "Güteformen" von angebotenen Arbeitsvermögen, die auf dem Arbeitsmarkt ungleiche (hierarchische) Chancenverhältnisse betreffs Einkommen, Arbeitsplatzgestaltung, Entscheidungsspielraum, Arbeitsplatzsicherheit, Aufstiegsmöglichkeiten etc. stiften und entsprechende disparate Interessenlagen, Erwartungshorizonte und Orientierungen bedingen. Exemplarisch sei hier auf die Relation von Ungelernten, Angelernten und Facharbeitern oder auf das Konkurrenzverhältnis von Sonderschul-, Hauptschul-, Realschul-, Fachoberschulabsolventen und Abiturienten hingewiesen.

Wesentlich bedingt durch die qualifikatorischen Differenzierungs- und Polarisierungsprozesse kristallisieren sich innerhalb der "Klasse der Lohnabhängigen" qualitativ unterschiedliche arbeitsmarktbezogene Chancenprofile heraus. Kreckel (1992) unterscheidet mit Bezug auf die Beschäftigungsverhältnisse des (privat-)kapitalistischen Wirtschaftssektors in der Bundesrepublik am Ende der 80er Jahre die folgenden "arbeitsmarktstrategischen Lagen":

1) rechtlose Arbeitskräfte (illegale Einwanderer und SchwarzarbeiterInnen). "Sie sind kriminalisiert, so daß ihre Erwerbstätigkeit gewissermaßen in einem rechtsfreien Raum stattfindet" (ebenda, S.203).

2) marginalisierte Gruppen (un- und dequalifizierte weibliche, ältere und behinderte Arbeitskräfte; Jugendliche ohne ausreichende Bildungs- und Ausbildungsabschlüsse; GastarbeiterInnen; HeimarbeiterInnen, befristet und (Teilzeit-)Beschägtigte; in "Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen Beschäftigte)(7).

3) Un- oder dequalifizierte "Normalarbeitskräfte" (Beispiel: Von der Lehre bis zum Rentenalter kontinuierlich beschäftigter ungelernter Arbeiter)(8).

4) angelernte SpezialarbeiterInnen und einfache Angestellte.

5) "in sich" chancenungleiche Facharbeitskräfte mit den Gruppierungen: a. bedrohte Fachqualifikationen; b. marktgängige Fachqualifikationen; c. aufgewertete Fachqualifikationen.

6) akademische Fachqualifikationen.

7) abhängige Erwerbspositionen mit Leitungs- und Managementfunktionen. "Voraussetzung für derartige Funktionen ist, neben der erforderlichen Sachqualifikation, immer auch die Befähigung zur Übernahme des Unternehmerstandpunktes" (ebenda, S.208).

4) Die sektorale, qualifikatorische und arbeitsmarktstrategische Differenzierung der Lohnabhängigen im Rahmen der dreigeteilten Sozialstruktur des "entwickelten" Kapitalismus vollzieht sich auf der Basis eines im Vergleich zum "Vorkriegskapitalismus" qualitativ gewandelten Widerspruchsverhältnisses zwischen Lohnarbeit und Kapital.

In Anknüpfung an Gramscis in den Gefängnisheften niedergeschriebenen "Amerikanismus- und Fordismusanalysen" wird diese historisch neue Form der antagonistischen Klassenbeziehungen als ein Kernaspekt der "fordistischen" Entwicklungstufe der kapitalistischen Formation behandelt. Die elementare sozialstrukturelle Wirkung der fordistischen Reorganisation der kapitalistischen deutschen Nachkriegsgesellschaft ist durchaus zutreffend als "Fahrstuhleffekt" (Beck) beschrieben worden: d.h. die sozialen Ungleichheitsrelationen reproduzieren sich auf einem insgesamt höheren Lebensniveau, ohne daß sich dadurch die sozialökonomischen und partizipatorischen "Abstände" zwischen den Klassen verringert hätten(9). Neben dieser deutlichen Anhebung des Reallohn- und Konsumniveaus wird der qualitative Wandel der lohnarbeitstypischen Reproduktionsform wesentlich bestimmt durch die Etablierung des "fordistischen Wohlfahrtstaates" mit seiner bürokratischen Regulierung der Lohnarbeitsrisiken. Die staatliche Unterstützung in Notlagen (Krankheit, Unfall, Arbeitslosigkeit etc.) wird ebenso systematisch verrechtlicht wie die Organisation der beruflichen Qualifikationsprozesse (Fortbildung und Umschulung). Auf diese Weise wird die existenzielle Erfahrung der Lohnabhängigkeit zunehmend "individualisiert".

5) Die Krise der fordistischen Regulierungsform des Kapitalismus(10) und die daraus hervorgegangene "neokonservative Wende" hat im Verlauf der 80er Jahre zum Teil gravierende Einschnitte in die "sozialstaatlichen" Sicherungssysteme zur Folge gehabt, zur Herausbildung neuer Armutsverhältnisse beigetragen und die sozialstrukturellen Ungleichheits- und Polarisierungstendenzen erheblich verschärft. Dabei sind im vorliegenden Kontext insbesondere zwei eng miteinander verbundene Aspekte hervorzuheben:

a. die scharfe Selektion der - vom kapitalistischen Verwertungsstandpunkt aus bewerteten - "leistungsfähigsten" Arbeitskräfte (jung, hochqualifiziert, anpassungsfähig, flexibel, diszipliniert, konform) aus einem strukturellen "Überangebot" an "Arbeitsanbietern";

b. die tendenzielle Spaltung der Lohnabhängigen in zwei divergierende "Abteilungen" bzw. Reproduktionsniveaus: zum einen die gut qualifizierten, relativ hochbezahlten "Inhaber" von relativ festen ("Normal"-)Arbeitsplätzen mit der Möglichkeit zur positiven Zukunftsplanung und -gestaltung; zum anderen die nicht-, unzureichend und disparat qualifizierten Arbeitskräfte mit einfachen, relativ niedrig bezahlten, unsicheren, flukturierenden "Jobs" ohne "fundierte" Zukunftsperspektive in ständiger "Nähe" zur Arbeitslosigkeit.

Als hervorstechendes sozialökonomisches und -strukturelles Merkmal des "postfordistischen" Kapitalismus hat sich seit der Krise Mitte der 70er Jahre die dauerhafte Brachlegung von variablem Kapital und damit die Herausbildung einer Masse von chronisch ausgegrenzten und überschüssigen Arbeitskräften im Weltmaßstab verfestigt. Dieser Prozeß vollzieht sich unabhängig vom Konjunkturzyklus und ist Ausdruck der weitgehenden Deformation der kapitalistischen Krise in ihrer Funktion als selbstregulierender ("reinigender") Systemfaktor. Die globalisierte Kapitalreproduktion hat offensichtlich ein wissenschaftlich-technisches Intensitäts-, Produktivitäts- und organisches Zusammensetzungsniveau erreicht, das die quantitative Nachfrage nach "verwertbarer" lebendiger Arbeitskraft teils stagnieren, teils absolutsinken läßt. Während diese der kapitalistischen Verwertungslogik entspringende Produktion einer absoluten Überbevölkerung an der Peripherie als Massenverelendung ganzer Weltregionen in Erscheinung tritt, entwickelt sich in den Zentren eine wachsende "Unterklasse" von Langzeit- und Dauerarbeitslosen. Der "postfordistische" Kapitalismus ist folglich durch eine qualitativ neue globale und nationale Spaltung in "fungierendes" und marginalisiertes sowie ausgegrenztes/überschüssiges variables Kapital gekennzeichnet.

6) Zusätzlich zu den bislang skizzierten Veränderungs- und Differenzierungsprozessen der Lohnarbeit sind als weitere erfahrungs- und interessenrelevante Fraktionierungstendenzen geschlechtsspezifische, ethnische, altersbezogene etc. Unterteilungen und regionale Ungleichheitsverhältnisse zu berücksichtigen. D.h. Geschlecht, Nationalität bzw. ethnische Zugehörigkeit, Lebensalter, Behinderung, regionale "Verortung" etc. definieren spezifische Ungleichheiten und Chancenunterschiede im Rahmen der lohnarbeitstypischen Reproduktionsform(11).

Mit der "Wiedervereinigung" Deutschlands in Form der einfachen Übertragung der westdeutschen kapitalistischen Systemstruktur und seiner Regulierungsmechanismen auf das ("Anschluß"-)Gebiet der ehemaligen DDR ist eine neue sozialstrukturelle Spaltungs- und Differenzierungsdimension entstanden. In Verbindung mit der ökonomischen, politischen, rechtlichen und moralischen Bewertung der systemspezifisch gewachsenen gesellschaftlichen Lebensverhältnisse in Ostdeutschland am Maßstab bürgerlich-kapitalistischer Rationalitätsstandards hat sich ein spezifisches regionales Ungleichheitsverhältnis herauskristallisiert.

VI.

Die objektive Differenzierung der "Klasse der Lohnabhängigen" und die damit verbundene Herausbildung z.T. divergenter Interessenlagen setzt natürlich nicht die "übergreifende" Erfahrung und damit gegebene subjektive Bewältigungsnotwendigkeit der lohnarbeitstypischen Existenz- und Reproduktionsweise außer Kraft. Insofern ist es m.E. auch nach wie vor sinnvoll, von einer tiefenstrukturell wirksamen lohnarbeitstypischen "Klassensubjektivität" auszugehen.

Diese elementare Klassensubjektivität manifestiert sich aber weder zwangsläufig in uniformen Weltbildern, gleichförmigen politischen Einstellunugen, identischen Werthaltungen oder kongruenten Lebensstilen etc., sondern kristallisiert sich in vielfältigen "inhaltlichen" Ausgestaltungen, die in ihrer Oberflächenbeschaffenheit stark kontrastieren können. D.h. das Grundcharakteristikum der lohnarbeitstypischen Klassensubjektivität ist nicht ihre "inhaltliche" Konkretheit, sondern ihre "Zentrierung" bzw. "Erfülltheit" durch diepsychischen Regulierungsanforderungen der individuellen Selbstreproduktion im Rahmen der lohnarbeitstypischen Existenzform.

Festzuhalten ist allerdings folgendes: Die dialektische Beziehung von abstrakt-allgemeiner Einheitlichkeit ("Klassensubjektivität") und konkreter Mannigfaltigkeit der Lebensstile, Einstellungsmuster, Wertorientierungen etc. vermittelt sich nicht mehr spontan zu einer homogenen Klassenmentalität und Interessenwahrnehmung bzw. -artikulation. Verantwortlich ist dafür neben der objektiven "Heterogenisierung" der Lohnabhängigen der relativ weitgehende Wandel ihrer Lebensweise.

Lange Zeit wurde die klassische "proletarische" Gestalt der lohnarbeitstypischen Existenzweise als Ursprungs- und Normalform verabsolutiert. Entsprechend galt der "Verelendungsdiskurs" in Kreisen der traditionellen Linken als weitgehend unantastbar. Heute aber wird deutlich, daß die "proletarische" Gestalt der lohnarbeitstypischen Existenzweise lediglich ein historisch-spezifisches Durchgangsstadium gewesen ist.

Insbesondere die Verflechtung zweier Prozesse bewirkte schließlich eine Zäsur in der Existenz- und Vergesellschaftungsweise der LohnarbeiterInnen, die in (West-)Deutschland erst nach dem 2. Weltkrieg zum Tragen kam:

* Zum einen die tendenzielle Höherentwicklung der Reproduktionsanforderungen der "Ware Arbeitskraft" infolge der Intensivierung und partiellen Höherqualifizierung der Industriearbeit: "Die Wettbewerbs- und Gewinnsituation der kapitalintensiven Produktionsstätten verbessert sich gerade über die intensivere und qualifiziertere Arbeit, die eine besser ernährte, erholte und gebildete Arbeiterschaft zu leisten vermag" (Brock 1988, S.425).

* Zum anderen die "fordistische" Reorganisierung des gesamten kapitalistischen Gesellschaftssystems; vor allem die kapitalistische Durchdringung der Reproduktions- und Freizeitsphäre sowie die Konstituierung und permanente Ausgestaltung/Neuformierung der kapitalistischen Massenkultur.

Kernaspekt dieser Umwälzung ist die teils kapitalfunktionale, teils erkämpfte, "sozialpartnerschaftlich" begründete Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum als Basis für eine subjektiv spürbare Verbesserung der individuellen Lebensführung. "Im Zentrum des neuen Musters der Lebensführung steht nicht mehr das gemeinschaftliche Interesse zu überleben, sondern die individuellen Reproduktionsbedürfnisse der Haushaltsmitglieder und die Regenerations- und Reproduktionsanforderungen an ihre Arbeitskraft. Von dem alten Typus der Lebensführung hebt sie sich nicht zuletzt durch Freiräume und Wahlmöglichkeiten innerhalb eines immer breiter werdenden Angebots an Gütern und Dienstleistungen ab" (ebenda, S.426).

Diese Höherentwicklung der materiellen Reproduktionsweise der Lohnabhängigen beinhaltet als gegenläufigen Prozeß die weitgehende Defunktionalisierung der "aus der unmittelbaren Not geborenen" proletarischen Gegenöffentlichkeiten und Vergemeinschaftungsformen(12). So reduziert die Zurückdrängungsinnfälliger Elendserfahrungen die kompensatorische Bedeutung "proletarisch-gegenkultureller" Kontaktnetze und Kommunikationszusammenhänge für die kollektive Interessenartikulation und -durchsetzung sowie für die individuelle Sinngebung, psychische Stabilisierung und Identitätsbildung. Zwar kann weder von einer Auflösung der "Klasse der Lohnabhängigen" noch von einer Überwindung der Klassensubjektivität im skizzierten Sinne gesprochen werden. Wohl aber ist eine tendenzielle "Entgemeinschaftung" der LohnarbeiterInnen sowie eine grundlegende Veränderung/"Modernisierung" ihrer Lebenseinstellungen festzustellen(13).

Worin manifestiert sich der grundlegende Wandel der lohnarbeitstypischen Existenz- und Reproduktionsweise?

a) Hervorzuheben ist eine neuartige Ambivalenzerfahrung, die sich gerade im "postfordistischen" Entwicklungsstadium zuspitzt: Einer-seits ermöglicht der im Durchschnitt deutlich gestiegene Lebensstandard die tendenzielle Überwindung des "Notwendigkeitshabitus"(14) bei der Masse des "fungierenden" Teils der (gut bis durchschnittlich qualifizierten) Lohnabhängigen mit relativ "festen" Arbeitsplätzen. D.h. die individuellen Wahlmöglichkeiten in der Gestaltung der Lebensführung, im Konsumbereich, in der Freizeitsphäre etc. haben imVergleich zu früheren Entwicklungsabschnitten des Kapitalismus spürbar zugenommen(15). Andererseits ist aber das gewachsene Wohlstandsniveau der Lohnabhängigen durch die periodischen Wechselfälle und Unwägbarkeiten der kapitalistischen Konjunkturentwicklung dauerhaft gefährdet.

Die Individualisierung der Lebensführung angesichts eines erweiterten Möglichkeitsraumes von Konsumchancen, Freizeitaktivitäten, Bildungsangeboten etc. ist mit zwei weiteren Entwicklungsfaktoren untrennbar verbunden: 1) mit dem weitgehenden "Zurückgeworfensein auf sich selbst" vor dem Hintergrund der Auflösung traditioneller Sozialmilieus und 2) mit der atomisierenden Wirkung, die von der sozialbürokratischen Bearbeitung der individuellen Arbeitsmarktschicksale und Lebenslagen (Antragstellung, Bewilligung und Errechnung von Versorgungsleistungen wie Arbeitslosengeld, Unterhaltsgeld, Sozialhilfe, Wohngeld etc.) ausgeht.

b) Festzustellen ist die Auflösung der tradtionellen, sponatan-naturwüchsigen Form der "Arbeitersozialisation". Verantwortlich hierfür ist die zeitliche Ausdehnung der Erziehung, Bildung und Qualifizierung der Ware Arbeitskraft infolge der wissenschaftlich-technischen Umwälzung und Höherentwicklung der Produktivkräfte. Aufgrund dieser Verlängerung der Schul- und Ausbildungszeiten sowie der Bedeutungszunahme von mittleren und höheren Bildungsabschlüssen für eine chancenreiche Arbeitsmarktkarriere wird der Eintritt in die berufliche Sozialisationsphase - und damit in die subjektiv unmittelbar bedeutsame Erfahrung der Lohnarbeit samt ihrer Anforderungen und Zwänge - im Durchschnitt deutlich hinausgezögert. "Mündete die Masse der Arbeiterjugendlichen noch während der 50er Jahre nach Abschluß der Pflichtschulzeit, also i.d.R. mit 14, in ein betriebliches Ausbildungs- oder Arbeitsverhältnis ein, so sind die Berufsanfänger der 80er Jahre 18 Jahre und älter" (Dörre 1989, S.323)(16). Hinzu kommt, daß neben der zeitlichen Ausdehnung des Lernens eine tendenzielle Intellektualisierung des "gesellschaftlichen Gesamtarbeiters" aufgrund der Bedeutungszunahme geistiger Arbeitsanforderungen zu verzeichnen ist: Der Einsatz von Industrierobotern, Computern, flexiblen Produktionssystemen etc. setzt - im Generationenvergleich betrachtet - durchschnittlich neue und höhere Anforderungen an die (funktionale) Bildung und Qualifikation der Arbeitskräfte. Aufgrund dieser Entwicklung wird aber auch die traditionelle (Fach-)Arbeiteridentität brüchig, die sich auf "Tugenden"/Fähigkeitsmerkmale wie Körperkraft, Selbsthärte, manuelle Geschicklichkeit, Produzentenstolz etc. bezieht, die wiederum als grundlegende Komponenten der "Männlichkeitswerte" fungieren. Bourdieu (1987, S.601) betont den zentralen Stellenwert dieser Identitätsmerkmale: "eines der gewiß letzten Refugien der unterdrückten Klassen, die Fähigkeit, ihre eigene Vorstellung von idealer Persönlichkeit und von den gesellschaftlichen Beziehungen zu bilden, ist bedroht, wenn der Glaube der Angehörigen der werktätigen Klasse an die Männlichkeitswerte - eine der eigenständigsten Formen ihrer Selbstbehauptung als Klasse - in Frage gestellt ist."

c) Der Vereinzelungseffekt der modernen Vergesellschaftungsweise ist untrennbar verknüpft mit der weitgehenden soziokulturellen Fremdbestimmung durch Massenmedien, Warenästhetik, Kultur- und Freizeitindustrie etc.: An die Stelle der Milieunormierung tritt die scheinplurale Standardisierung des Subjekts durch eine gigantische Maschinerie der Erzeugung von Pseudo-Sinn(17). Auch die neuen, "frei gewählten" Vergemeinschaftungsformen wie lebensstilorientierte Freundes- und Bekanntenkreise bewegen sich in diesem Standardisierungszyklus. Das gilt insbesondere für die informellen Gleichaltrigengruppen in ihrer Eigenschaft als "Umschlagplätze für Moden, Stile und vorpolitisch-kulturelle Orientierungen". "Gehörte in den 50er Jahren ca. 1/3 der befragten Jugendlichen zwischen 13 und 24 Jahren solchen Gruppen an, waren es Mitte der 80er bereits 3/4" (Dörre 1989, S.325).

d) Die durch die moderne Arbeitsmarktkonkurrenz hervorgetriebene Vereinzelung sowie der kulturindustriell und warenästhetisch fremdbestimmte Individualismus der Lohnabhängigen äußern sich in zum Teil gravierenden sozialen Desintegrationsprozessen. Das gilt generell für die "Ausdünnung" der klasseninternen Interaktions- und Kommunikationsbeziehungender Lohnabhängigen untereinander und und zeigt sich auf dramatische Weise im Abgrenzungsverhalten der unterschiedlichen "Betroffenheitsgruppen" von Langzeitarbeitslosen. Insgesamt ist davon auszugehen, daß der weitgehende Zerfall von Vergemeinschaftungs-, und Kommunikationszusammenhängen, die erzwungene individualistische Risikoverarbeitung der lohnarbeitstypischen Existenzweise, die sozialbürokratische "Kleinarbeitung" der Arbeitsmarktschicksale etc. einen Plausibilitätsschub der "bürgerlichen Leistungsideologie" erzeugen. In deren "Deutungsrahmen" werden gesellschaftliche Widersprüche, Krisen und Mißstände in individuelle Unzulänglichkeiten und Defizite verkehrt. D.h. die individuelle Betroffenheit durch gesellschaftliche Krisenprozesse wird in ihrer Gesellschaftlichekeit nicht oder kaum mehr wahrgenommen, sondern in ihrer Unmittelbarkeit und Oberflächenbeschaffenheit als persönliche Krise erlebt und verarbeitet. In dieser Perspektive wäre die "Systemloyalität" nicht primär auf die Akzeptanz einer hegemonialen Weltanschaung, sondern auf die Verdoppelung des verkehrten Oberflächenscheins der modernisierten kapitalistischen Verhältnisse im Bewußtsein der individualisierten Masse zurückzuführen.

VII.

Die skizzierte Differenzierung der objektiven Lage- und Interessenstruktur sowie der umfassende Wandel im Lebensführungsstil, in den Mentalitätsformen und im Vergesellschaftungsmodus der Lohnabhängigen haben nachhaltig die Bedingungen ihrer kollektiven Interessenfindung, -organisierung und -durchsetzung verändert. Entspechend ist auch ein Verschleiß bzw. "Anachronistisch-Werden" traditioneller Politikstile, Denkmuster, Organisationskonzepte, Artikulationsformen etc. als Kern der "Krise der Arbeiterbewegung" in Rechnung zu stellen.

Als historisch hinlänglich widerlegt kann die "ökonomistische Spontaneitätstheorie" angesehen werden, die ein unmittelbares ("spontanes") Hervorwachsen des politischen (revolutionären) Klassenkampfes aus den ökonomischen Kämpfen der lage- und interessenhomogen vorgestellten Arbeiterklasse behauptet. Ausgeblendet bleibt hier nämlich folgendes:

(a) Die Entwicklung praktisch-kritischer Handlungsfähigkeit und -bereitschaft ist ein reflexiver Vorgang, der die Aneignung inhaltlichen Wissens als Grundlage der begreifenden Verarbeitung "unmittelbarer" Erfahrung sowie der Handlungsziel- und -bedingungsanalyse voraussetzt. Angesichts der Anonymisierung der Herrschaftsverhältnisse infolge der wachsenden Kapitalverflechtung, -konzentration und -zentalisation, der "Komplexitätszunahme" des modernen kapitalistischen Gesellschaftssystems mit seinen Entfremdungs- und Verdinglichungserscheinungen sowie der beschriebenen sozialstrukturellen Differenzierungs- und Vereinzelungsprozesse ist darüberhinaus von einer qualitativen Bedeutungszunahme wissensgebundener reflexiver Überzeugungbildung(18) gegenüber sinnlich-konkreter "Klassenerfahrung" als Basis gesellschaftskritischer Bewußtseinsentwicklung auszugehen.

(b) Im Rahmen des "Tradeunionismus" bzw. des ökonomischen ("nur-gewerkschaftlichen") Kampfes entwickeln die Lohnabhängigen ein "systemimmanentes" Konfliktbewußtsein sowie eine entsprechende Kollektividentität, die auf die Interessenverfolgung innerhalb der bestehenden Eigentums- und Herrschaftsordnung ausgerichtet ist. Entgegen "heroischer" Vermutungen und Hoffnungen ist von einer "pragmatischen" Grundorientierung der überwiegenden Mehrheit der "Klasse der Lohnabhängigen" auszugehen: Sie konzentrieren sich auf eine Verbesserung ihrer (sich differenzierenden) Lebenslage im Rahmen der bestehenden Verhältnisse, ohne eine gesamtgesellschaftlich-revolutionäre Interessenperspektive zu übernehmen.

In der fordistischen Phase des Kapitalismus nun erreicht der "Tradeunionismus" als "normaler" Orientierungsform der Lohnabhängigen seinen Höhepunkt: Die Gewerkschaften steigen auf zu voll etablierten (Sozial-)Partnern eines Klassenkompromisses, der auf dem Ausbau des "Sozialstaates, staatlicher Vollbeschäftigungspolitik, reformorientierter Umverteilung und Anhebung des Massenkonsums basiert. Doch die Kehrseite dieses Arrangements ist die weitestgehende Akzeptanz der kapitalistischen Herrschaftsordnung sowie die tarifpolitisch-technokratische Erstarrung, Ritualisierung und Bürokratisierung der Gewerkschaften als integraler Eckpfeiler des fordistischen Regulierungssystems.

Mit dem Ausbruch der Krise der fordistischen Akkumulationsstrategie, der Entstehung chronischer Massenarbeitslosigkeit sowie der neokonservativen "Deregulierung" des "Sozialstaates" wird dann aber nicht nur die gesellschaftliche Stellung und Funktion der Gewerkschaften ausgehöhlt und entscheidend geschwächt. Hinzu kommt, daß mit der krisen- und modernisierungsbedingten Aufspaltung der "Klasse der Lohnabhängigen" in divergierende Interessengruppen ("Arbeitsplatzbesitzer" uns Arbeitslose; gesichert und peripher Beschäftigte; "Stammbelegschaften" und "Marginalisierte"; unterschiedliche Lohn- und Qualifikationsgruppen etc.) zunehmend der "ständische" Charakter der systemintegrierten Gewerkschaftspolitik offensichtlich wird. D.h. die Gewerkschaften repräsentieren interessenpolitisch längst nicht mehr die Masse der in ihren "Lagemerkmalen" vielfältig differenzierten Lohnabhängigen. Bestimmend für die gewerkschaftliche Strategie sind vielmehr die "tariffähigen" Interessen der vergleichsweise privilegierten Lohnabhängigengruppen in relativ gesicherten, langfristigen, mit Sondervergünstigungen versehenen "Normalarbeitsverhältnissen" mit "qualifiziertem" Anforderungsprofil. Demgegenüber bleiben die Interessen der arbeitsmarktpolitischen Problemgruppen unterrepräsentiert (langfristig Arbeitslose; Ausländer- und AussiedlerInnen; Frauen; unterdurchschnittlich qualifizierte Arbeitskräfte; Behinderte; Jugendliche). Wenn Teilgruppen der gewerkschaftlichen Lohnabhängigen für ihre unmittelbaren Interessen, d.h. für höhere Löhne, verbesserte Arbeitsbedingungen, den Erhalt ihrer Arbeitspläte etc. eintreten, dann ist es nicht nur ihr gutes Recht, sondern in vielen Fällen auch ein unterstützenswertes Anliegen. Nur: Weder objektiv noch subjektiv wurde und wird hier das kapitalistische System in Frage gestellt. Auch kann ein solcher Effekt nicht "von außen" - in Gestalt propagandistischer Begleitmusik - erzeugt werden. Es geht hier schlicht um die Aufrechterhaltung oder Verbesserung von (betriebs- und branchenspezifischen) Arbeits- und Lebensmöglichkeiten im Rahmen des vorgegeben und von den "kämpfenden Werktätigen" prinzipiell akzeptierten Systems.

Übersehen wurde und wird also im "traditionsmarxistischen" Bild von der "Arbeiterklasse" die objektive Vielfalt von Interessen- und Lebenslagen innerhalb der Masse der Lohnabhängigen. Warum sollten sich um ihr "Schlechtwettergeld" besorgte Bauarbeiter mit Bank- oder Versicherungangestellten solidarisieren, die für höhere Löhne streiten? Wie könnte man die Kassiererin bei Aldi für den Erhalt von Arbeitsplätzen im Bergbau interessieren? Welches Interesse haben Postbedienstete an der Beibehaltung der Ladenschlußzeiten im Einzelhandel? Was kümmert den langzeitarbeitlosen Büroangestellten das neue Arbeitzeitmodell von VW? (Von unterschiedlichen Lebensformen wie "Single"; Verheiratet/Geschieden mit/ohne Kind(er); Lebenspartnerschaft ohne Trauschein; Doppelverdienerhaushalt; "klassische" Kleinfamilie etc. einmal ganz abgesehen.)

Das alternative Deutungs- und Handlungsangebot der "revolutionären Arbeiterbewegung" in Gestalt der Kommunistischen Parteien ist nicht nur aufgrund der Inattraktivität und dem schließlichen Zusammenbruch des "Realsozialismus" (Beschädigung der Zielperspektive) grundsätzlich diskreditiert worden. Schon vorher wirkte die theoretisch-weltanschauliche Sterilität und die bürokratisch-zentralistische Deformierung des "Parteiorganismus" als deformierender und krisenverursachender Faktor. Aufgrund der "interessierten" Gleichsetzung von Stalinismus, Sozialismus und Marxismus im öffentlichen Bewußtsein der entwickelten kapitalistischen Länder, der anhaltenden Demoralisierung der ehemaligen Linken, aber auch in Anbetracht des vielfach "unverbesserlichen" dogmatischen Fundamentalismus der verbliebenen kommunistischen Restgruppen und ihrer Meinungsführer, ist die Restrukturierung einer gesamtgesellschaftskritisch ausgerichteten linksoppositionellen Bewegung auf kritisch-marxistischer Grundlage trotz verstärkter Krisentendenzen und neuer Widerspruchskonstellationen momentan nicht in Sicht. Damit bleibt aber auch die Möglichkeit zur praktisch-kritischen Bewußtseins- und Tätigkeitsentwicklung für die Masse der "postfordistisch" vergesellschafteten Lohnabhängigen entscheidend eingeschränkt.

Eine abschließende Bemerkung zu reduktionistischen Sichtweisen innerhalb der theoretischen Debatte um "soziale Ungleichheit": Angesichts der objektiven gesellschaftlichen Komplexität sozialer Ungleichheitsverhältnisse, in die Menschen hineingeboren werden und innerhalb derer sie sich entwickeln müssen, kann m.E. keine abstrakte Vorentscheidung darüber getroffen werden, welche Ungleichheitsdimension (Klasse, Geschlecht, ethnische Gruppenzugehörigkeit etc.) "bedeutsamer", "ausschlaggebender", "entscheidender" etc. sei. Vielmehr geht es in subjektwissenschaftlicher Perspektive darum, die individuell-konkrete Konstellation sozialer Ungleichheitsbeziehungen in ihrer standortspezifischen Verdichtung zu erfassen. D.h. es gilt vom Standpunkt der betroffenen Individuen ausgehend die subjektive Bedeutsamkeit der Klassen-, Geschlechts- und ethnischen Gruppenzugehörigkeit in ihrer jeweils spezifischen Wechselwirkung/Vernetzung zu rekonstruieren. Trotz anderslautender Behauptungen ist der "Kult des abstrakten Menschen" weder in traditionellen klassentheoretischen noch in vielen feministischen und antirassistischen Diskursen überwunden. Es gibt nämlich beispielsweise weder geschlechtslose "Klassenindividuen" noch abstrakte Frauen und Männer "an sich" jenseits sozialstruktureller "Verortungen". Im Rahmen der Analyse subjektiver Widerspruchsverarbeitung ist deshalb stets zu ermitteln, welche sozialen Ungleichheitserfahrungen im individuellen Lebenszusammenhang dominieren und die Bewußtseinsentwicklung/Tätigkeitsorientierung am nachhaltigsten beeinflussen.



© Hartmut Krauss, Osnabrück 1995





Anmerkungen:

1 . An anderer Stelle reflektiert Marx den vielschichtigen Charakter der internen Konkurrenzverhältnisse der Arbeiter- klasse: "Von 1000 Arbeitern von gleicher Geschicklichkeit bestimmen den Arbeitslohn nicht die 950 beschäftigten, sondern die 50 unbeschäftigten. Einfluß der Irländer auf die Lage der englischen Arbeiter und der deutschen auf die Elsässer Arbeiter...Die Arbeiter machen sich Konkurrenz, nicht nur, indem einer sich wohlfeiler anbietet als der andre, sondern indem einer für zwei arbeitet. Vorteile des unverheirateten Arbeiters über den verheirateten usw. Konkurrenz unter den Arbeitern vom Land und den Städten" (MEW 6, S.542). Diese Einsichten widersprechen aber sowohl der Homogenitätsauffassung als auch einer "linearen" Formierungsprognose.

2 . So vermerkt Engels in einem Brief an Mehring selbstkritisch: "Sonst fehlt nur noch ein Punkt, der aber auch in den Sachen von Marx und mir regelmäßig nicht genug hervorgehoben ist und in Beziehung auf den uns alle gleiche Schuld trifft. Nämlich wir alle haben zunächst das Hauptgewicht auf die Ableitung der politischen, rechtlichen und sonstigen ideologischen Vorstellungen und durch diese Vorstellungen vermittelten Handlungen aus den ökonomischen Grundtatsachen gelegt und legen müssen. Dabei haben wir dann die formelle Seite über der inhaltlichen vernachlässigt: die Art und Weise, wie diese Vorstellungen etc. zustande kommen" (zit. n. Thomas 1990, S.110).

3 . "Braucht der Arbeiter alle seine Zeit, um die zur Erhaltung seiner selbst und seiner Race nötigen Lebensmittel zu produzieren, so bleibt ihm keine Zeit, um unentgeltlich für dritte Personen zu arbeiten. Ohne einen gewissen Produktivitätsgrad der Arbeit keine solche disponible Zeit für den Arbeiter, ohne solche überschüssige Zeit keine Mehrarbeit und daher keine Kapitalisten, aber auch keine Sklavenhalter, keine Feudalbarone, in einem Wort keine Großbesitzerklasse" (Marx 1976, S.534).

4 . Nicht näher erörtert, aber zumindest angesprochen werden soll die Kontroverse um den Status vorkapitalistischer antagonistischer Verhältnisse. Mit Verweis auf die Spezifika der feudalen Ständegesellschaft (autoritative Zuteilung der Arbeit, geburtsrechtliche Stellung, persönliche Abhängigkeitsverhältnisse, Verschmelzung von ökonomischer und politischer Macht, lokale und agrarische Verankerung der feudalen Wirtschaft) und zwecks deutlicher Unterscheidung zwischen "Stand" und "Klasse" bzw. "ständischer Gesellschaft" und "Klassengesellschaft" verwirft Giddens (1984, S.100) einen "allgemeinen" Klassenbegriff: "Klassen treten nur dann auf, wenn die zuvor aufgeführten Merkmale des Feudalismus ins Wanken geraten oder aufgelöst sind." Die Kontraposition vertritt Mauke (1977, S.15): "Sobald das Mehrprodukt in der Form exklusiven Eigentums usurpiert wird, strukturiert sich die Gesellschaft in Klassen. Aus dem je eine Epoche bestimmenden Eigentumsverhältnis, dem Mehrprodukt in bestimmter Privateigentumsform, leitet sich jeweils die grundlegende Klassenstruktur ab: das Mehrprodukt wird von einer herrschenden Klasse direkt oder indirekt angeeignet, akkumuliert, verteilt und - produktiv oder parasitär - konsumiert; es wird einer unterdrückten Klasse von unmittelbaren Produzenten - je nach dem Grad ihrer Unterdrückung und Ausbeutung - vom Arbeitsergebnis abgezogen."

5 . D.h. der Kapitalverwertungsprozeß in seiner sich permanent selbsterneuernden Totalität (Produktion, Distribution, Zirkulation, Konsumtion) strukturiert und gestaltet nicht nur fortlaufend die Klassenverhältnisse, sondern modifiziert in systemspezifischer Weise auch die historisch vorgefundenen zwischengeschlechtlichen und ethnischen Disparitäten.

6 . Nur in Anbetracht der Dominanz des "homogenen" Begriffs der Arbeiterklasse konnte sich der einfach-negatorische Mythos vom Verschwinden der Arbeiterklasse ausbreiten. Angesichts dieser irreführenden Alternative ist festzustellen: Nicht die Arbeiterklasse verschwindet, sondern ihre - ehemals fraglos vorausgesetzte - lage und mentalitätsbezogene Homogenität.

7 . "Seit 1980 hat sich beispielsweise die Zahl der legalen Leiharbeiter mehr als verdoppelt (auf rd. 80 Tsd.), sind Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen von 41 Tsd. auf 102 Tsd. gestiegen, wuchs die sozialversicherungspflichtige Teilzeitarbeit von 1,66 Mio. auf 1,95 Mio., beträgt die Zahl der geringfügig Beschäftigten derzeit 2,82 Mio." (Osterland 1990, S.354). Nach Schätzungen beläuft sich der Teil der Erwerbsbevölkerung, der nicht mehr im Normalarbeitsverhältnis arbeitet, auf ca. 30%.

8 . Entsprechend der dualen Arbeitsmarkttheorie rechnet Krek kel die ersten drei "Lagen" dem "sekundären Arbeitsmarkt" zu. "Ihr gemeinsames Hauptmerkmal sind Konjunkturabhängigkeit, geringe Bezahlung, hohes Entlassungsrisiko und vergleichsweise starke Arbeitskräftefluktuation" (S.205).

9 . Zum Teil vergrößern sich die "Abstände" sogar: "Entgegen weitverbreiteten Erwartungen führte die Bildungsexpansion der sechziger Jahre nicht zu einem geringeren, sondern zu einem stärkeren Einfluß des Elternhauses: Die Chancenungleichheit im Zugang zu Bildung nach sozialer Herkunft nimmt zu" (Mayer/Blossfeld 1990, S.310). Aus der Sicht der am Lebensverlauf orientierten (biographischen) Ungleichheitsforschung konstatieren die Autoren eine über die Bildungsauslese vermittelte Effektivierung der klassenstrukturellen Reproduktionsmechanismen: "Die vergangene Lebensgeschichte bestimmt in einem zunehmend höheren Ausmaß, welche Lebenschancen sich später eröffnen. Die Mechanismen der sozialen Selektion werden rigider, die Sozialstruktur wird nicht zunehmend offener und mobiler. Sie wird zunehmend geschlossener und immobiler" (ebenda, S.311).

10 . "Die Krise der fordistischen Akkumulationsstrategie resultiert zusammengenommen daraus, daß die ihr zugrundeliegende Struktur der Mehrwertproduktion - taylorisierte Massenproduktion auf der Basis einer Ausdehnung des "inneren Markts" und einer schrankenlosen Ausbeutung der Naturressourcen - aufgehört hat, Quelle stabiler oder gar steigender Profitraten zu sein. Dadurch wurde der gesellschaftliche Rahmen, in dem sie sich ursprünglich entfalten und prosperieren konnte, aufgrund der darin festgeschriebenen (Klassen-)Kräfteverhältnisse und der damit institutionalisierten Kostendynamiken selbst zu einem krisenerzeugenden und -verschärfenden Moment" (Hirsch/Roth 1986, S.88).

11 . Zur "sozialen Ungleichheit im Geschlechterverhältnis" vgl. Kreckel 1992 (Kap.IV); zur Lebenssituation von Gastarbeitern vgl. Reimann/Reimann 1987; zum "Alter als Herausforderung für die Theorie sozialer Ungleichheit" vgl. Kohli 1990; zur Behinderung als "Stigma" der Arbeitskraft vgl. Jantzen 1987 (Kap.1); zur Theorie regionaler Disparitäten vgl. Bertram/Danneberg 1990.

12 . Schon vor der inneren Erosion bzw. "Defunktionalisierung" wird das traditionelle proletarische "Gesinnungsmilieu" in Deutschland durch den massiven äußeren Druck des hitlerfaschistischen Regimes in seinen Grundfesten erschüttert. Damit wurde aber in gewaltsamer Weise die Möglichkeit zerstört, die dysfunktional werdenden Vergemeinschaftungsformen der LohnarbeiterInnen durch Modernisierung zu erhalten. "Die Zerschlagung der Arbeiterorganisationen, die Vernichtung von Klassenöffentlichkeit, die teilweise administrativ vollzogene Errichtung bürgerlicher Führung durch Zusammenlegung von Vereinen etc. nahmen dem subjektiven Faktor praktisch jede Gelegenheit, auf Wandlungen der Bedingungen zur Klassenbildung aktiv zu reagieren" (Maase 1984, S.263).

13 . Vester u.a (1993, S.204) bemerken zum Mentalitäts- und Habituswandel im Generationenwechsel:

"Deutliche Wandlungsprozesse von der älteren zur jüngeren Generation äußern sich in der Erosion leistungs- und ordnungsorientierter Werte und konventioneller bzw. konformitätsorientierter Verhaltensmuster. Den vielfältigen Autonomiebestrebungen der jüngeren Befragten entsprechen zum Beispiel erweiterte Selbstverwirklichungsansprüche im Beruf, hedonistische Freizeitpraktiken oder neue Modelle partnerschaftlicher Rollenteilung. Auffällig ist auch ihre höhere Selbstreflexivität, die bewußte Distanzierungen von den "inkorporierten" Schemata des Habitus ermöglicht."

14 . Der "Notwendigkeitshabitus" ist gekennzeichnet durch einen resignativ-hinnehmenden Lebensführungsstil der Selbstbescheidung im Rahmen von scheinbar unveränderlichen, als "schicksalhaft vorgegeben" gedeuteten Lebensverhältnissen. "Die Praktiken der unteren Klassen lassen sich scheinbar aus den objektiven Bedingungen direkt ableiten,...haben tatsächlich jedoch ihren Ursprung in der Entscheidung für das Notwendige ("das ist nichts für uns"), d.h. für das, was technisch notwendig, "praktisch" (oder in einer anderen Sprache: funktional) ist (was "halt sein muß"), und für das, was aus ökonomischem und sozialem Zwang die "einfachen" und "bescheidenen" Leute zu einem "einfachen" und "bescheidenen Geschmack verurteilt" (Bourdieu 1987, S.594).

15 . Wesentlich ist hier allerdings der kritisch-relativierende Hinweis von Giegel (1987, S.350): "Die Tatsache, daß das eine Individuum angeln geht, das andere einen Kampfsport betreibt, der eine in der Freizeit ein Haus baut, der andere für den Einsatz und die Bestätigung seiner fachlichen Kompetenzen eine Nebentätigkeit betreibt, muß keineswegs das Bewußtsein der gemeinsamen Lage zerstören. Solche Differenzierungen bleiben - sieht man von unterschiedlichen Qualifikationsprozessen ab - in der Regel Außendifferenzierungen, die die soziale Verortung des einzelnen nicht berühren."

16 . "Schulkarrieren und Ausbildungsverläufe bis zum 20. Lebensjahr und darüber hinaus sind inzwischen keine Seltenheit mehr. So befand sich 1980 ein knappes Fünftel der 20jährigen an allgemeinbildenden oder Berufsschulen" (Dörre 1984, S.199).

17 . Ein zugegeben zugespitztes Beispiel mag diesen "modernen" Standardisierungsdruck verdeutlichen: Nach einer Studie der Ernährungspsychologischen Forschungsstelle der Universität Göttingen ist Bulimie (Eß- und Brechsucht) nicht mehr eine typische Frauenkrankheit. Männer leiden fast im gleichen Ausmaß wie Frauen an dieser krankhaften Eßstörung. Der Leiter der Studie vermutet, "daß immer mehr Männer einem Schönheitsideal hinterherjagen, dem auch viele Frauen nacheifern: jung, schlank und sportlich. Daß das maskuline Geschlecht seiner körperlichen Attraktivität eine wesentlich höhere Bedeutung beimesse, zeige sich nicht nur an den vielen Bodybuilding- und Fitneßcentern, sondern auch am Herrenkosmetikmarkt. Und so leiden längst nicht mehr nur Frauen darunter, daß ihr Körper nicht den Maßen der llustriertenmodels entspricht. Auch viele Männer kommen mit dem von Werbung und Zeitgeist propagierten Schönheitsideal nicht klar. Hinter dem krampfhaften Bemühen um die vermeintliche Idealfigur steckt meist ein gestörtes Selbstwertgefühl. Wer sich in seiner Haut nicht wohl fühlt, versucht die Unzufriedenheit zu bekämpfen, indem er den Körper auf angebliche Idealmaße trimmt." Damit öffnet sich ein fataler Kreislauf, in dem sich einerseits eine Diät an die andere reiht, um dann andererseits wieder von Heißhungeranfällen unterbrochen zu werden: "Vor allem in Streßsituationen reagieren extrem Kalorienbewußte mit regelrechten 'Freßanfällen'". (Vgl. "Neue Osnabrücker Zeitung" vom 19.02.1994.)

18 . Zur Transformation von "Wissen" (Informationen, Kenntnisse, theoretische Aussagen etc.) in Überzeugungen und zur persönlichkeitpsychologischen Charakteristik von Überzeugungen vgl. Krauss 1988.



Literaturangaben:

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Berger, Peter A., Hradil, Stefan (Hrsg.): Lebenslagen, Lebensläufe, Lebensstile (Soziale Welt Sonderband 7). Göttingen 1990.

Bertram, Hans, Dannenbeck, Clemens: Pluralisierung von Lebenslagen und Individualisierung von Lebensführungen. Zur Theorie und Empirie regionaler Disparitäten in der Bundesrepublik Deutschland. In: Peter A.Berger, Stefan Hradil (Hrsg.): Lebenslagen, Lebensläufe, Lebensstile (Soziale Welt Sonderband 7). Göttingen 1990, S.207-230.

Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt am Main 1987.

Brock, Ditmar: Vom traditionellen Arbeiterbewußtsein zum individualisierten Handlungsbewußtsein. Über Wandlungstendenzen im gesellschaftlichen Bewußtsein der Arbeiterschaft seit der Industrialisierung. In: Soziale Welt (1988) 39, S.413-434.

Deppe, Frank: Ende oder Zukunft der Arbeiterbewegung? Gewerkschaftspolitik nach der Wende - Eine kritische Bestandsaufnahme, Köln 1984.

Dörre, Klaus: Arbeiterjugendliche und Klassenformierung. Zum Wandel außerbetrieblicher Entwicklungsbedingungen und seinen Auswirkungen auf den Formierungsprozeß. In: Jahrbuch des IMSF 7 1984, S.194-212.

Dörre, Klaus: Gewerkschaften und Jugendliche - Ausblicke auf die LohnarbeiterInnen-Generation der 90er Jahre. In: Frank Deppe/Klaus Dörre/Witich Roßmann (Hrsg.): Gewerkschaften im Umbruch. Perspektiven für die 90er Jahre, Köln 1989, S.313-345.

Engels, Friedrich, Marx, Karl: Die Heilige Familie oder Kritik der Kritischen Kritik. Gegen Bruno Bauer und Konsorten. Berlin 1973.

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Giddens, Anthony: Die Klassenstruktur fortgeschrittener Gesellschaften, Frankfurt am Main 1979.

Giegel, Hans-Joachim: Individualisierung, Selbstrestriktion und soziale Ungleichheit. In: Bernhard Giesen/Hans Haferkamp (Hrsg.): Soziologie der sozialen Ungleichheit. Opladen 1987, S.346-368.

Hirsch, Joachim, Roth, Roland: Das neue Gesicht des Kapitalismus. Vom Fordismus zum Postfordismus, Hamburg 1986.

Hradil, Stefan (Hrsg.): Zwischen Bewußtsein und Sein. Die Vermittlung "objektiver" Lebensbedingungen und "subjektiver" Lebensweisen. Opladen 1992.

Jantzen, Wolfgang: Allgemeine Behindertenpädagogik. Band 1 Sozialwissenschaftliche und psychologische Grundlagen. Ein Lehrbuch. Weinheim und Basel 1987.

Kohli, Martin: Das Alter als Herausforderung für die Theorie sozialer Ungleichheit. In: Peter A.Berger, Stefan Hradil (Hrsg.): Lebenslagen, Lebensläufe, Lebensstile (Soziale Welt Sonderband 7). Göttingen 1990, S.387-406.

Krauss, Hartmut: Der Prozeß der Überzeugungsbildung als persönlichkeitspsychologischer und pädagogischer Problemgegenstand. In: Studien zur Tätigkeitstheorie IV. Materialien zur 4. Arbeitstagung über die Tätigkeitstheorie A.N. Leontjews vom 12.-14.06.1987 in Marburg. Hrsg. v. G. Auernheimer u.a. Marburg 1988. S. 103-129.

Kreckel, Reinhard: Politische Soziologie der sozialen Ungleichheit, Frankfurt am Main/New York 1992.

Leisewitz, Andre: Klassen in der Bundesrepublik Deutschland heute, Frankfurt am Main 1977.

Lenin, Wladimir Iljitsch: Die große Initiative. Lenin-Werke, Band 29, Berlin 1975, S.397-424.

Maase, Kaspar: Betriebe ohne Hinterland? Zu einigen Bedingungen der Klassenbildung im Reproduktionsbereich. In: Marxistische Studien - Jahrbuch des IMSF 7 1984, S.256-281.

Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band, Frankfurt am Main 1976.

Mauke, Michael: Die Klassentheorie von Marx und Engels, Frankfurt am Main - Köln 1977.

Mayer, Karl Ulrich, Blossfeld, Hans-Peter: Die gesellschaftliche Konstruktion sozialer Ungleichheit im Lebensverlauf. In: Peter A.Berger, Stefan Hradil (Hrsg.): Lebenslagen, Lebensläufe, Lebensstile (Soziale Welt Sonderband 7). Göttingen 1990, S.297-318.

Osterland, Martin: "Normalbiographie" und "Normalarbeitsverhältnis". In: Peter A.Berger, Stefan Hradil (Hrsg.): Lebenslagen, Lebensläufe, Lebensstile (Soziale Welt Sonderband 7). Göttingen 1990, S.351-362.

Reimann/Reimann (Hrsg.): Gastarbeiter. Analyse und Perspektiven eines sozialen Problems, Opladen 1987.

Roth, Karl Heinz (Hrsg.): Die Wiederkehr der Proletarität. Dokumentation einer Debatte. Köln 1994.

Schulze, Gerhard: Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart, Frankfurt/Main; New York 1992.

Thomas, Michael: Marxistische Sozialstrukturtheorie in der aktuellen Soziologiediskussion: eine contradictio in adjecto? In: Peter A.Berger, Stefan Hradil: Lebenslagen, Lebensläufe, Lebensstile (Soziale Welt Sonderband 7). Göttingen 1990, S.103 - 124.

Vester, Michael, von Oertzen, Peter, Geiling, Heiko, Hermann, Thomas, Müller, Dagmar: Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel. Zwischen Integration und Ausgrenzung, Köln 1993.

Anhang

Daten zur aktuellen sozialstrukturellen Entwicklung

Als Armutsgrenze gilt (z.B. laut EG-Richtlinien) das Unterschreiten von 50% des durchschnittlichen verfügbaren Haushaltsnettoeinkommens. Danach zeigt die 40-Prozent-Schwelle "strenge Armut", die 50-Prozent-Schwelle "Armut" und die 60-Schwelle-Schwelle "Einkommensschwäche" bzw. "Armutsnähe" an.

1992 lebten 10,1 Prozent der Bevölkerung im vereinigten Deutschland in Armut.

In Westdeutschland stellen Ausländer die am stärksten von Armut betroffene Gruppe dar: "37,2 Prozent der Ausländer waren 1992 in zwei und mehr Bereichen unterversorgt; 44,2 Prozent waren wohnraum- und 16,7 Prozent einkommensunterversorgt. Über die Hälfte verfügte über keinen beruflichen Bildungsabschluß" (Hanesch u.a. 1994, S.39).

Die Zahl der Sozialhilfeempfänger hat sich von knapp 750.000 (1970) auf über 3,1 Millionen im Jahr 1992 (alte Bundesländer) mehr als vervierfacht, wobei die Ausgaben auf mehr als das Zehnfache angestiegen sind (Buhr 1995, S.1060). Hervorzuheben ist die hohe Fluktuation unter der (arbeitsfähigen) Armutsbevölkerung(1): Mehr als die Hälfte der Neuantragstellermit der Ursache Arbeitslosigkeit sind Kurzzeitbezieher und nach höchstens einem Jahr wieder aus der Hilfe ausgeschieden. Die mittlere Bezugsdauer liegt bei acht Monaten. Nur ein knappes Zehntel bezieht Sozialhilfe als "rentenähnliche Dauerleistung". Zudem ist nur eine Minderheit der Sozialhilfeempfäger überhaupt arbeitsfähig: Gesundheitsminister Seehofer geht von 400.000 bis 500.000 Personen aus. Nur bei etwa einem Drittel ist Arbeitslosigkeit die Hauptursache des Bezugs. "Langzeitbezug von Sozialhilfe hängt vor allem mit multiplen Problemlagen zusammen oder verweist auf Lücken im Bereich der Sozialversicherung (so bei Rentnern) oder Defizite im Familienlastenausgleich (so insbesondere bei Alleinerziehenden)" (ebenda, S.1068).

Umgekehrt wird das Überschreiten des doppelten durchschnittlichen Haushaltsnettoeinkommens als Reichtumsgrenze gefaßt (Huster 1993, S.11). Danach waren in der zweiten Hälfte der 80iger Jahre in Westdeutschland 700.000 bis 900.000 Haushalte mit mehr als 10.000 DM Einkommen pro Monat als reich einzustufen.

"In 25 Jahren hat sich das durchschnittliche monatliche Einkommen ungefähr vervierfacht, die Sparquote verachtfacht, das Geldvermögen versechzehnfacht. Das durchschnittliche Geldvermögen der Haushalte in der Bundesrepublik betrug 1988 etwa 100.000 Mark (nach Abzug der Schulden und ohne Immobilienbesitz); jeder zweite Haushalt verfügte sogar über ein Geldvermögen von über 200.000 Mark" (Schulze 1993, S.182f.).

Ende 1994 belief sich der Geldvermögensbestand der privaten Haushalte auf 4,3 Billionen DM. Im Schnitt entfielen auf jeden westdeutschen Haushalt 137.000 DM, auf jeden Haushalt in Ostdeutschland 42.000. DM. Allerdings ist die Streuung des Vermögens sehr groß. So besaßen schon 1980 die wohlhabensten 1% bis 1,5% aller Haushalte in Westdeutschland das 23fache dessen, was ihm entsprechend seinem Anteil an allen Haushalten im Falle einer vollkommen gleichmäßigen Verteilung zustehen würde; für das nächste halbe Prozent reduziert sich dieses Verhältnis allerdings auf das 6fache.

Die durchschnittliche Verschuldung der westdeutschen Haushalte betrug 12.000 DM, die der ostdeutschen Haushalte 3000 DM. 1,6 Millionen Privathaushalte sind nach Berechnungen der Sparkassen von Anfang 1995 überschuldet. Damit konnte jeder 23. Haushalt seine Zahlungsverpflichtungen aus laufendem Einkommen und mangels Vermögens nicht pünktlich erfüllen.

Fünf Jahre nach der Wiedervereinigung hatten nur noch zwei Drittel der im November 1989 beschäftigten ostdeutschen Erwerbstätigen einen Job. Von den ursprünglich 52- bis 63jährigen war nur noch jeder zehnte in Arbeit. In der Altersgruppe zwischen 25 und 51 hatten dagegen rund 80 Prozent noch oder wieder einen Job. Bei den Jüngsten unter 25 Jahren betrug die Erwerbstätigkeit noch 68 Prozent. Von den ursprünglich 4,3 Millionen berufstätigen Frauen waren imNovember 1994 nur noch 59 % in Arbeit gegenüber 70 Prozent bei den Männern. In der Altersgruppe unter 25 Jahren hatten noch 55% der Frauen, aber 80% der Männer eine Beschäftigung. Die Arbeitslosenquote der ostdeutschen Frauen ist insgesamt mit 20% doppelt so hoch wie die der Männer. "Der Anteil ostdeutscher Frauen an der Facharbeiterschaft hat sich halbiert und der an höheren Angestelltenpositionen ist drastisch gesunken. Die geschlechtsspezifische Verdienstdifferenz zwischen Arbeitern und Arbeiterinnen hat sich von Januar 1991 bis Oktober 1993 um 13 Prozentpunkte erhöht" (Kurz-Scherf 1995, S.978). Dennoch ist Arbeitsmarktsituation westdeutscher Frauen noch ungünstiger: So liegt die Erwerbsquote der westdeutschen Frauen mit 42% unter der ostdeutschen Quote mit 45%. Der Anteil ostdeutscher Frauen an der sog. Facharbeiterschaft und an qualifizierten Angestelltenpositionen mit eingeschränkter Leitungsbefugnis ist immer noch doppelt so hoch wie die entsprechenden Anteile in Westdeutschland. Ebenso ist die geschlechtsspezifische Verdienstdifferenz in Ostdeutschland mit 36% im Arbeiter- und 31% im Angestelltenbereich immer noch deutlich niedriger als in Westdeutschland mit den entsprechenden Vergleichswerten 45% und 50%.

Bereits jeder vierte Auszubildende im Bereich der Industrie- und Handelskammern hatte 1994 in Westdeutschland die Hochschulreife. Nur noch 22,2% der Lehrlinge waren Hauptschulabsolventen. 37% hatten einen Realschulabschluß. In Ostdeutschland hatte nur jeder achte Lehrling das Abitur. In den kaufmännischen Berufen ist der Abiturientenanteil im Westen mit 30% besonders hoch (Ostdeutschland 17%). Dagegen hatte in den gewerblich-technischen Berufen nur jeder zehnte Lehrling das Abitur (Ostdeutschland 5%) .

1 . In einer Bremer Untersuchung wurde herausgefunden, daß ein Drittel der Neuantragsteller des Jahres 1983 und die Hälfte der Kurzzeitbezieher "Wartefälle" waren, d.h. lediglich die Zeit der sozialbürokratischen Prüfung ihre Anträge auf Arbeitslosengeld, -hilfe oder Rente überbrücken mußten.

Literatur:

Buhr, Petra: Sozialhilfe - Mythos und Realität. Klarstellungen zur aktuellen Reformdebatte. In: Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 9/1995, S.1060-1070.

Hanesch, Walter u.a.: Armut in Deutschland. Der Armutsbericht des DGB und des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, Reinbek bei Hamburg 1994.

Huster, Ernst-Ulrich: Reichtum in einer reichen Gesellschaft. In: Ernst-Ulrich Huster (Hg.): Reichtum in Deutschland. Der diskrete Charme der sozialen Distanz. Frankfurt/Main; New York 1993, S.7-22.

Kurz-Scherf, Ingrid: Krise der Arbeitsgesellschaft: Patriarchale Blockaden. Feministische Anmerkungen zu einem von Männern beherrschten Diskurs. In: Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 8/1995, S.975-984.

Schulze, Gerhard: Soziologie des Wohlstands. In: Ernst-Ulrich Huster (Hg.): Reichtum in Deutschland. Der diskrete Charme der sozialen Distanz. Frankfurt/Main; New York 1993, S.182-206.









 

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