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Beiträge zur Theorie  









Hartmut Krauss

Kulturelle 'Moderne‘, kritischer Marxismus und eine radikal-humanistische Antwort auf den religiösen Fundamentalismus

Kulturelle 'Moderne‘ und kapitalistische Gesellschaft

Das ideologisch dominante Kernstück der 'prämodernen‘ (vorindustriell-agrarisch fundierten) Herrschaftsorganisation - als nach wie vor aktuelle Erscheinungsform antagonistischer Zivilisation - war und ist das theozentrische Weltbild. Sein Grundcharakteristikum ist die Leugnung der autonomen Subjektqualität der Menschen als vernunftbegabte Selbstgestalter ihres eigenen Lebensprozesses und statt dessen die Setzung Gottes als allmächtiger Schöpfer, Gestalter und Richter des Weltgeschehens. Die gattungsspezifischen Wesenskräfte der Menschen werden damit auf eigentümliche Weise in "verhimmelter“ Form vom irdischen Grund abgetrennt, auf das transzendentale Medium "Gott“ projiziert und damit "unrealistisch“ zu einem 'Metaphysikum‘ überhöht: Mit dem Glauben an diese abgetrennte, personifizierte und sakralisierte Wesenskraft will man "Berge versetzen“. Der Mangel an Realitätskontrolle ("das irdische Jammertal“) wird mit dem "Setzen“ auf eine übernatürliche Instanz kompensiert ("Erlösung im Jenseits“).

Diese theozentrische Weltanschauung beinhaltet in den unterschiedlichen konkreten Glaubenssystemen eine religiös-ontologische Rechtfertigungslehre bezüglich der bestehenden irdischen Herrschaftsbeziehungen (zwischen Herrschern und Untertanen; Gläubigen und Ungläubigen; Männern und Frauen, Stämmen, Sippen und Ethnien etc.). Insofern fungierten und fungieren die religiösen Glaubenssysteme immer auch als "ausgesprochene“ Herrschaftsideologien. So gilt die soziale (geburtsrechtlich-ständische) Ungleichheitsstruktur der feudalen Gesellschaft mit ihren spezifischen Ausbeutungs-, Herrschafts- und Abhängigkeitsverhältnissen in der dominanten christlich-religiösen Sichtweise als durch göttlichen Willen vorherbestimmte und damit unveränderbare bzw. hinzunehmende Ordnung. In der dominanten Lesart des Islam werden unter Verweis auf den Koran, Sure 4/Vers 59 ("O ihr, die ihr glaubt, gehorchet Allah und gehorchet dem Gesandten und denen, die Befehl unter euch haben“) die irdischen Herrschaftsbeziehungen sakralisiert, d.h. als heiliges Gebot Allahs sanktioniert. Insofern der Imam Nachfolger des Propheten (Kalif) ist, agiert er gleichzeitig als unantastbarer religiöser und politischer Führer im Interesse der Erhaltung/Einhaltung der göttlichen Gesetzesordnung. In kulturell unterschiedlicher Ausprägung firmiert damit die theozentrisch-religiöse Weltanschauung als 'ideologischer Kitt‘ z.B. der christlich-abendländischen Feudalordnung sowie der orientalischen Despotie.

Infolge der Herausbildung eines mehrstufigen soziokulturellen Umwälzungsprozesses in Gestalt von Renaissance, Reformation und Aufklärung und getragen von antifeudalen Oppositionskräften unter Führung städtebürgerlicher Schichten, fand in West- und Mitteleuropa der revolutionäre Übergang von der mittelalterlich-feudalen 'Prämoderne‘ zur neuzeitlichen 'Moderne‘ statt, der schließlich zur Etablierung der bürgerlich kapitalistischen Gesellschaftsformation geführt hat. Im Rahmen dieses Prozesses wurde die ideologisch-kulturelle Prägekraft des theozentrischen Weltbildes und die gesellschaftliche Normierungsmacht der christlichen Religion systematisch untergraben und geschwächt, ohne freilich gänzlich überwunden werden zu können. Immerhin geriet aber die christliche Religion unter einen starken Legitimations- und Anpassungsdruck, der im Endeffekt dazu führte, dass diese ihre Eigenschaft als absolute, d.h. allein gültige und letztlich entscheidende geistige Normierungsinstanz einbüßt hat. Als wesentliche Faktoren dieses Umbruchprozesses und zugleich als zentrale Konstitutionsmomente der 'kulturellen Moderne‘ sind folgende Aspekte anzuführen:

1) Attackiert wird das dem christlichen Theozentrismus eingeschriebene Dogma vom "erbsündigen“, zur eigenen Befreiung unfähigen, auf Gedeih und Verderb der göttlichen Erlösung ausgelieferten Menschen. Demgegenüber wird die Schöpferkraft, Selbstverantwortung und Würde des Menschen (als Gattung und Individuum), also seine vernunftvermittelte Subjektivität, hervorgekehrt. Im Kern wird damit die Wiederaneignung der auf Gott projizierten menschlichen Wesenskräfte postuliert; folgerichtig rückt der homo faber in den Mittelpunkt des Weltgeschehens.

2) Im Zuge der geistigen Auseinandersetzungen zwischen feudaler Reaktion und antifeudaler Befreiungsbewegung>1 kommt es sukzessive zur Entkoppelung von Glauben und Wissen nicht nur als Basis für die Entstehung der modernen Wissenschaften, sondern zugleich als Voraussetzung für Säkularisierung (Verweltlichung von gesellschafts- und selbstbezogenen Denk- und Handlungsformen) und institutioneller Trennung von Religion und Politik.

3) Wesentlicher Bestandteil der antifeudalen Befreiungsbewegung ist die Idee und spätere revolutionäre Proklamation der Menschenrechte sowie das Konzept der bürgerlichen Freiheiten als natürliche Individualrechte. Hervorzuheben ist hier auch das Prinzip der Rechtsbindung der Regierungund der staatlichen Apparate eingedenk der gemachten Erfahrungen mit feudaler Despotie und Willkürherrschaft. Die realhistorische Aufbietung von kämpferischer, "praktisch-kritischer“ Energie für die Durchsetzung dieser 'demokratischen‘/emanzipatori-schen Ideen wäre letztlich undenkbar gewesen ohne die vorgängige geistige 'Aufsprengung‘ des theozentrischen Weltbildes bzw. der "Entgöttlichung“ des Mensch-Welt-Bezuges.

4) Ein zentraler Umwälzungsaspekt des Aufklärungsdenkens ist die Idee des 'freien‘ Individuums. Nach dieser Auffassung verfügen die individuell-konkreten Menschen als 'Gattungsindividuen‘ unabhängig von ihren jeweiligen sozialen und kulturellen "Einbettungen“ über das 'artspezifische‘ Vermögen, sich ihres "Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen“ (Kant). Im Lichte dieser 'allgemeinmenschlichen‘ Fähigkeit zur Mündigkeit (d.h. Tradiertes kritisch zu reflektieren)2 werden die überlieferten Gemeinschaftsformen (Sippe, Stamm, Kaste, Stand, Religionszugehörigkeit etc.) nicht mehr als zwangsdeterministische Gebilde aufgefaßt, die den Menschen eine unwandelbare und nichttranszendierbare Identität auferlegen. Dem individuellen Subjekt wird vielmehr die Kompetenz und das Recht zuerkannt, sich vom Tradierten (Althergebrachten, Gewohntem) zu distanzieren, die unmittelbar-zufälligen sozialen Bindungen, Standesgrenzen und Glaubenszugehörigkeiten zu überschreiten und seine Identität - im Rahmen des konkret-historisch limitierten Raumes alternativer Wahlmöglichkeiten - 'frei‘ zu gestalten.

5) Die Idee des 'freien‘ Individuums setzt wiederum die Vorstellung einer 'einzigen Menschheit‘ voraus. Zwar unterscheiden sich demnach die konkret-empirischen Individuen in ihrer personalen Einzigartigkeit, ihren soziokulturellen Bezügen, reproduktiven Besonderheiten, spezifischen Lebensführungspraxen etc., aber sie sind zugleich 'vereint‘ in gemeinsamen Dispositionen, Bedürfnissen, Fähigkeitsstrukturen und Interessen. Folglich gibt es nicht nur Besonderes, Einzelnes und Differentes im zwischenmenschlichen und interkulturellen Verkehr, sondern gleichzeitig immer auch Allgemeines, 'Übergreifendes‘ und Gemeinsames als Basis reziproker Kooperation, Verständigung und Perspektivenverschränkung. Nur weil ein bedeutungshaftes 'gemeinsames Drittes‘ in Gestalt von intersubjektiv geteilten Erkenntnissen, Werturteilen, Normen, Erfahrungen etc. existiert, kann zivilisiertes menschlich-interkulturelles Zusammenleben als tätige Begegnung von Gleichberechtigten gedeihen.

Kennzeichnend für die "heroische Aufstiegsideologie“ des antifeudal-revolutionären Bürgertums, das die alte Welt mit noch unverbrauchtem Geschichts- und Erkenntnisoptimismus aus den Angeln zu heben gedachte, ist ein wissenschaftszentrierter Fortschrittsglauben. Aufbauend auf der von René Descartes (1596 - 1650) vollendeten Befreiung der Naturwissenschaft von den Fesseln der Theologie proklamieren die Philosophen der Aufklärung die Beherrschbarkeit der Welt durch den menschlichen Geist auf allen Gebieten. Das Paradigma dieses neuen Rationalitätsmodells bilden die mathematischen Naturwissenschaften mit ihren der Newtonschen Physik entnommenen drei methodischen 'Schlüsselwerkzeugen‘ der Wahrheitsfindung/Weltenträtselung: Beobachtung, Experiment und Berechnung. Entsprechend diesem methodisch gesicherten Erkenntniswachstum der modernen Wissenschaft wird ein evolutionärer Fortschrittsprozess des menschlichen Geistes und - daraus folgend - der Gesellschaft unterstellt3. Condorcet (1743 - 1794) beispielsweise geht davon aus, "daß die Natur der Vervollkommnung der menschlichen Fähigkeiten keine Grenzen gesetzt hat; daß die Fähigkeit des Menschen zur Vervollkommnung tatsächlich unabsehbar ist“ (Condorcet 1963, S. 29). Abgesichert erscheint dieser Selbstvervollkommnungsprozess durch die menschliche Lernfähigkeit, d.h. vermittels der Überwindung von Erkenntniswiderständen die Wahrheit zu entdecken. Eine wesentliche Gestalt dieser zu überwindenden Erkenntniswiderstände sind nun in der Perspektive der Aufklärer die aus der institutionalisierten Religion hervorgehenden Vorurteile und der sich daraus ergebende Aberglaube. Gegenüber diesen traditionalistisch-rückständigen Bewusstseinsinhalten und -strukturen ergibt sich für die Wissenschaften die Funktion der Aufklärung. "Aufklärung wird zum politischen Begriff für die Emanzipation von Vorurteilen durch die praktisch folgenreiche Diffusion von wissenschaftlichen Erkenntnissen, in Condorcets Worten: für die Auswirkung der Philosophie auf die öffentliche Meinung“ (Habermas 1987, S. 212).

Mit der Etablierung des Bürgertums als herrschendes Subjekt entfaltet sich fortan der Widerspruch zwischen den bürgerlich-revolutionären 'Gründeridealen‘ und der kapitalistisch werdenden Wirklichkeit mit ihren spezifischen Antagonismen, sozialen Verwerfungen, antinomischen Strukturen und Krisen. In dem Maße nämlich, wie im Konstituierungsprozess der kapitalistischen Produktionsweise sich die Subsumtion des bürgerlichen Sinnhorizonts unter die Logik des Profits immer deutlicher offenbart, zerreißt auch der allgemeinmenschliche Schein der 'präkapitalistischen‘ bürgerlichen Emanzipationsideologie. 'Vernunft‘ wird nun aus den heroischen Höhen der Revolutionsphase auf den funktionalen Boden der kapitalistischen Systemreproduktion geholt, also der via Konkurrenz "eingepaukten“ Logik verwertungsrationalen Handelns untergeordnet. Sie schrumpft mithin zur 'instrumentellen Vernunft‘. Diese interessenfunktionale Kastration der Vernunft manifestiert sich nachdrücklich in der Spaltung des bürgerlichen Erkenntnissubjekts: Bezüglich der Natur als 'Springquelle des Reichtums‘ ist der Bourgeois an einer objektiven Gesetzeserkenntnis interessiert, wie sie als instrumentelle Voraussetzung zur profitablen Optimierung des Kapitalverwertungsprozesses dient. Bezüglich der Gesellschaft ist die auf permanente Selbstreproduktion als herrschendes Subjekt bedachte 'postrevolutionäre‘ Bourgeoisie nicht mehr an Wahrheit, Zusammenhangserkenntnis, wirklichen (prozessualen und strukturellen) Einsichten interessiert, sondern lediglich an herrschaftsrelevanten Teilinformationen zwecks systemstabilisierender Sozialkontrolle. Angesichts der erstarkenden Arbeiterbewegung und der von ihr ausgehen-den Herrschaftsbedrohungen auf ökonomischem, politischem und ideologischem Gebiet (Streiks, politische Aufstände/Pariser Kommune, wissenschaftlicher Sozialismus) setzt vor diesem Hintergrund ein radikaler Wandel im geistig-moralischen Antlitz der Herrschenden ein: allgemeiner Erkenntnis- und Fortschrittsoptimismus schlägt um in Erkenntnispessimismus bzw. selektiven (gesellschafts- und geschichtsbezogenen) Agnostizismus und Fortschrittsskeptizismus. Dieser weltanschauliche Dominanzwechsel vom aufklärerischen Rationalismus zum lebensphilosophisch-pessimistischen Irrationalismus schließt ein die Rückwendung des bürgerlichen Denkens zur Religion bzw. die 'Wiederentdeckung‘ der Religion als herrschaftsideologisch relevante Legitimationsressouceangesichts von Krise und Herrschaftsbedrohung. Dabei impliziert diese Wendung zur Religion als Grundtendenz des herrschaftsetablierten bürgerlichen Denkens die weitgehende Zurücknahme des bürgerlich-revolutionären Materialismus, Atheismus und Rationalismus, die Neuakzentuierung irrationalistischer Erkenntnismethoden, die Wiederbelebung mythologischer Weltbilder, die Ablehnung des gesellschaftlich-geschichtlichen Fortschritts, die verklärende Emotionalisierung des Mensch-Weltverhältnisses sowie die Erneuerung theologisch-dogmatisch gebundener Philosophie. Diese herrschaftsstrategisch bewusste Reorientierung des Bürgertums auf die Religion als Legitimationsressource korrespondiert mit dem Wiedererstarken der kirchlichen Organisationen, insbesondere auch der katholischen Kirche, als weltliche Machtinstanz, d.h. als traditioneller Großgrundbesitzer, moderner Finanzmagnat und konservative Propagandainstitution.

Rückblickend betrachtet, läßt sich die Entwicklung der bürgerlich-kapitalistisch bestimmten 'Moderne‘ demnach folgendermaßen periodisieren:

1) Die Epoche des emanzipatorisch-"heroischen“ Aufstiegs des Bürgertums vom Beginn der Renaissance bis zur französischen Revolution. In diesem "Zeitalter der (anwachsenden) Aufklärung“ formieren sich die städtebürgerlichen Schichten unter Einschluss bäuerlicher und plebejischer Teile der Volksmassen als Akteur antifeudaler Befreiungskämpfe und bringen in Gestalt eines reichhaltigen Fundus emanzipatorischer Ideen, Programme, Theorien, Leitvorstellungen etc. das Projekt der sog. kulturellen Moderne hervor (Religionskritik, Humanismus, Rationalismus, Philosophie der Aufklärung, Idee der Menschenrechte, Trennung von Staat und Religion, Konzept des "freien“ Individuums, Idee der Volkssouveränität etc.).

2) Die Epoche der Umwandlung des vormals revolutionär-antifeudal auftretenden Bürgertums zur herrschenden Bourgeoisie. In dieser Ära der industriellen Revolution und der 'freien‘ Konkurrenz entfaltet sich der Widerspruch zwischen den allgemeinmenschlich-emanzipatorischen Gründeridealen und der kapitalistisch werdenden Wirklichkeit. In dem Maße nämlich, wie im Prozess der Entfaltung der kapitalistischen Produktionsweise sich die Subsumtion des bürgerlichen Sinnhorizonts unter die Logik des Profits immer deutlicher offenbart, zerreißt der humanistische Schein der "präkapitalistischen“ bürgerlichen Emanzipationsideologie. Im Rahmen seiner Metamorphose zur "herrschenden Bourgeoisie“ enthumanisiert und entdemokratisiert sich folglich das Bürgertum. Es streift geistig-moralischen Ballast ab, der seine neu gewonnene Handlungsfähigkeit als ökonomisch, politisch und ideologisch herrschendes Subjekt - in Konfrontation mit der sich herausbildenden Arbeiterbewegung - nur behindern könnte4.

3) Die Epoche der "expandierenden“, zu Raub- und Eroberungskriegen tendierenden imperialistischen Bourgeoisie in der Phase der extensiv erweiterten Reproduktion des Kapitals. In dieser 'imperialistisch-fordistischen‘ Ära der militaristischen Rivalität und kolonialistischen Eroberungskonkurrenz findet eine ebenso radikale wie systematische Umwertung des ursprünglichen bürgerlich-revolutionären Werte- und Menschenrechtshorizonts statt. Wiedereinsetzung des Religiösen als konservative Machtressource, Irrationalismus, Rassismus, Sozialdarwinismus und Chauvinismus avancieren als ideologische Fermente der "Zerstörung der Vernunft“ und der Austreibung des humanistischen Denkens zur neuen antiaufklärerischen Leitkultur. Den Brenn- und Zielpunkt bildet die emphatische Verteidigung sozialer Ungleichheit bzw. antagonistischer Herrschaftsverhältnisse bis hin zur faschistischen Konstruktion des neuen "Herrenmenschen“.

4) Die gegenwärtige Epoche der "postnationalen“, "kosmopolitisch“ gewordenen Bourgeoisie der "global players“ in der Phase der mikroelektronisch gestützten, intensiv erweiterten Reproduktion des Kapitals. In dieser Entwicklungsetappe der 'postfordistischen‘ Deregulierung und strukturellen Überproduktion von Waren und warenförmigen Dienstleistungen erlangt die 'besitzindividualistisch-konsumistische Massenkultur des Habens‘ als Lösungsinstanz des kapitaltypischen Realisationsproblems eine herausragende gesellschaftliche Bedeutung. Sie fungiert als marktförmiger 'Bewährungsort‘ der verdinglichten Wahlfreiheit der Konsumbürger zugleich als gesellschaftlicher Schnittpunkt, "an dem die systemische Reproduktion, die gesellschaftliche Integration und die individuelle Lebenswelt koordiniert und harmonisiert werden“ (Baumann 1995, S.82). Weder werteideologische Mobilisierung (wie in der Aufstiegsphase) noch normative Indoktrination (wie in der Phase der Herrschaftsetablierung und -expansion) sind nunmehr primär erforderliche Machttechniken der Bourgeoisie, sondern fortan rücken warenästhetische und werbemethodische Maßnahmen zur "Verführung“ und verkaufsstrategischen Standardisierung der vielfältig differenzierten KonsumentInnen ins Zentrum der Akkumulation. Auf diese Weise wird der Spätkapitalismus zunehmend wertenihilistisch, anarchisch, pluralistisch und kontingent: Anything goes - wenn’s der Kapitalverwertung (und politischen Loyalitätssicherung) nützt.

Im postmodernen Denken wird dieser etappenweise soziokulturelle Übergang vom 'modernen‘ bürgerlichen Emanzipationsidealismus über die Etablierung der bourgeoisen Herrschafts- und imperialistische Expansionsideologie hin zum spätbürgerlichen Utilitarismus und verwertungsstrategischen Nihilismus undistanziert affirmiert. An die Stelle kritischer Durchdringung gesellschaftlich-historischer Widerspruchs- und Krisendynamik in der Absicht praktisch eingreifender Verbesserung tritt die "fröhliche“ Bestätigung der vorgefunden Wirklichkeit als unentrinnbares, aber nichtsdestotrotz "freudig“ anzunehmendes Schicksal. Der spätkapitalistisch durchformten Lebens- und Existenzweise mit der 'konsumistischen Massenkultur des Habens‘ und der massenmedialen Vergnügungsindustrie als gigantischen Erzeugungsmaschinen von 'Pseudo-Sinn‘ kann und darf nichts mehr entgegengesetzt werden. Widerstand aus der Perspektive emanzipatorischer Bildungs-, Lebens- und Entfaltungsinteressen wird im postmodernen Denken deshalb systematisch verstellt oder sogar explizit verdammt; der Verzicht auf Wahrheit, allgemeingültige Wertmaßstäbe und Ideale zum verbindlichen Credo erhoben. "Im Zeitalter des Spektakulären verwischen sich die harten Gegensätze von Wahr und Falsch, Schön und Häßlich, von Wirklichkeit und Illusion, Sinn und Unsinn, die Gegensätze werden zu etwas 'Flottierendem‘, und so beginnt man allmählich zu begreifen ... , dass es fortan möglich ist ohne Sinn und Ziel zu leben“ (Lipovetzky, zit. n. Seppmann 2000, S.114).

Das den systemischen und soziokulturellen Zwängen der kapitalistischen 'Spätmoderne‘ unterworfene 'Subjekt‘ sieht sich somit einer multidimensionalen Zerreißprobe voller Ambivalenzen ausgesetzt, die hier nur unvollständig umrissen werden kann:

a) Einerseits hat es die auf "Kurzfristigkeit“ und "Beschleunigung“ ausgerichteten Anforderungen des postfordistisch umformierten Arbeitsprozesses zu erfüllen; andererseits soll es der auf "Langfristigkeit“ und "Stabilität“ setzenden Logik des Aufbaus und der Aufrechterhaltung privater Beziehungen (Ehe, Familie, Partnerschaft, Freundeskreis etc.) Folge leisten (zeitlogischer Widerspruch).

b) Während den postfordistisch "zergesellschafteteten“ Individuen eine neue "Risikotoleranz“ abverlangt wird, nämlich die Bereitschaft, am Rande des sozialen Abgrunds zu leben und einen weitgehenden Verzicht auf die Generierung von halbwegs abgesicherten Zukunftsperspektiven auszuhalten, wird gleichzeitig die Erfahrung des Scheiterns in einer Konkurrenzgesellschaft, die massenhaft Verlierer erzeugt, tabuisiert und desartikuliert.

c) Einerseits hat vermittels der Ausdehnung und Effektivierung der massenmedialen und informationstechnologischen Durchdringung der Lebenswelt (Multiplikation privater Rundfunk- und Fernsehsender, Internet, Teleshopping und -banking etc.) sowie der Schaffung neuer Einkaufszentren ("Konsumtempel“) die Faszinationskraft des Distinktions- und Kompensationskonsumismus auf alle Klassen und Schichten gegenüber dem fordistischen Initiationsstadium noch zugenommen. Andererseits ist aber infolge der für den Postfordismus kennzeichnenden sozialen Verwerfungen (chronische Massenarbeitslosigkeit, neue Armut, zunehmender Wettbewerb um "knappe Güter“) eine verschärfte Ungleichverteilung der konsumtiven Zugangs- und Partizipationsmöglichkeiten sowie der daraus resultierenden Konsummuster zu konstatieren (Verschärfter Widerspruch zwischen "Anreizung“ und "Ausschließung“).

d) Auf der einen Seite steigt die Riskanz kapitalistisch bestimmter Lebenstätigkeit und führt so zu einer tendenziellen Überstrapazierung der psychischen Verarbeitungskapazität der "flexibilisierten“ Menschen. Gleichzeitig aber ist aufgrund der Auszehrung von Lebenssinn und Orientierung vermittelnden gesellschaftlichen Bedeutungssystemen (konsistente Weltbilder, Wertordnungen etc.) ein wachsendes geistig-moralisches Vakuum zu konstatieren.

Ist schon der entfremdete Arbeit gegen Konsum eintauschende 'Wohlstandsbürger‘/'Arbeitnehmer‘ der fordistischen Nachkriegsära ein Falsifikat des 'modernen‘ Subjektmodells der "heroischen“ bürgerlichen Aufstiegsperiode5, so gilt das erst recht für den flexibilisierten , sozial entwurzelten, perspektivlos "driftenden“, konsumistisch verzogenen und "überreizten“ Augenblicksmenschen der neoliberalen Ära6. Vor diesem soziokulturellen Hintergrund läßt sich der postmoderne Subjektnihilismus als unmittelbarkeitsverhaftete Dramatisierung des reflexiven Selbst-Verlustes dechiffrieren, den die menschliche Subjektivität im Kontext der postfordistischen Umbildungsprozesse erleidet. In Form der narrativen Ästhetisierung empfundener Ausweglosigkeit fungiert das postmoderne Denken folglich als zeitgeistiger Verarbeitungsmechanismus der markt- und bürokratieunterworfenen Subjektivität. "Solche narrativen Formen ... spiegeln in der Tat die Erfahrung der Zeit in der modernen Politökonomie. Ein nachgiebiges Ich, eine Collage aus Fragmenten, die sich ständig wandelt, sich immer neuen Erfahrungen öffnet - das sind die psychologischen Bedingungen, die der kurzfristigen, ungesicherten Arbeitserfahrung, flexiblen Institutionen, ständigen Risiken entsprechen“ (Sennett 1998, S.182). Das - scheinbar alternativlos - der neuen Radikalität der kapitalistischen Marktprozesse, dem Regulierungschaos der modernen Bürokratie und den überbordenden Reizen der konsumistischen Massenkultur des Habens ausgesetzte Individuum kann sich in diesem widersprüchlichen Anforderungskontext den komplizierten Bildungsprozess einer stabilen und geistig gehaltvollen Identität scheinbar gar nicht mehr leisten und transformiert deshalb diese systemisch erzwungene Not - zwecks Wahrung relativer Handlungsfähigkeit - in die "postmoderne“ Tugend der "Patchwork-Persönlichkeit“.

Entkoppelung von kultureller 'Moderne‘ und Marxscher Theorie

Der Tatbestand, dass sich die 'kulturelle Moderne‘ (Subjektivitätsprinzip, doppelte Emanzipationsidee, Säkularisierung, Menschenrechte, Demokratie/Selbstregierung des Volkes, Rechtsstaatlichkeit etc.) wie ihr Trägersubjekt in Form der Entfaltung der kapitalistischen Reproduktionsweise und der Transformation des antifeudalen Bürgertums zur herrschenden Bourgeoisie selbst negieren, ändert nichts an ihrem progressiven, wenn auch uneingelösten oder nur entstellt bzw. unvollkommen realisiertem Inhalt. Entsprechend treten Marx und Engels mit ihrem Lebenswerk das dialektisch-kritische Erbe der bürgerlich-emanzipatorischen Ideenformation an, die der 'kulturellen Moderne‘ zugrunde liegt. Sie halten einerseits an der antifeudal-revolutionären Ursprungsperspektive der allgemeinen "menschlichen Emanzipation“ als Realisierung von dialektisch vermittelter individueller und gesellschaftlicher Befreiung fest und weisen andererseits die strukturelle Gegensätzlichkeit zwischen emanzipatorischer Zielsetzung und realer (herrschaftsförmiger) Beschaffenheit der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft nach. In diesem Sinne setzt die Verwirklichung der noch uneingelösten emanzipatorischen Intentionen die Herausbildung einer neuen revolutionären Bewegung voraus, um die dem bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftssystem innewohnenden emanzipationswidrigen Herrschaftsverhältnisse, Entfremdungsformen, Antagonismen etc. zu überwinden. "Ziel dieser revolutionären Umwälzung ist die über die Begrenzungen der bürgerlich-politischen Emanzipation hinausgetriebene menschliche Emanzipation, die Errichtung einer solidarischen Gesellschaft freier Individuen, eine menschliche und menschheitliche Weltgesellschaft“ (Schmied-Kowarzik 1999, S.112).

Als dialektisch-kritische Erbin ist die Theorie von Marx und Engels demnach fest im westlich-abendländischen Konzept der 'kulturellen Moderne‘ verankert.

Innerhalb der 'parteimarxistischen‘ Bewegung nach Marx und Engels‘ Tod, die im Resultat zu einer gravierenden Verkehrung und Deformierung der "Gründerideen“ und Ursprungskonzepte geführt hat, ist nun diese Verankerung systematisch verschüttet, bagatellisiert und negiert, d.h. im Endeffekt weitgehend beseitigt worden. Die II. Internationale eliminiert mit ihrem mechanistischen Geschichtsdenken und ihrer objektivistischen Zusammenbruchstheorie im Kern das Subjektivitätsprinzip und reaktiviert statt dessen in Gestalt des proletarischen Messianismus quasireligiöse Einstellungs- und Erwartungsmuster, während der revolutionär-humanistische und praxistheoretische Gehalt der Marxschen Theorie ausgeblendet wird bzw. bestenfalls noch in erstarrten Formeln auf Gedenkveranstaltungen zum Ausdruck kommt.

Nach der Oktoberrevolution und dann verstärkt im Rahmen der Stalinisierung der III. Kommunistischen Internationale wird der Prozess der systematischen "Entwestlichung“ und "kulturellen Entmodernisierung“ des Marxismus systematisch vorangetrieben. In gewisser Hinsicht läßt sich die Konstruktion des stalinistischen "Marxismus-Leninismus“7 auch als scholastisch-dogmatische Abtrennung der Marxschen und Engelsschen Theorie von ihren westlich-kulturellen Inspirationsquellen einerseits und als Adoption einer "marxistisch-leninistischen“ Rhetorik bzw. Phraselogie durch eine asiatisch-despotische Herrschaftskultur andererseits beschreiben. Im Gegensatz zu ebenso weit verbreiteten wie falschen Auffassungen besteht eben keine Kontinuitäts- bzw. lineare Anknüpfungslinie zwischen der originären Theorie von Marx und Engels und dem bolschewistischen, später stalinistisch deformierten Projekt. Die kommunistische Revolution wurde nämlich von den "Gründungsvätern“ als ein internationaler, in allen zivilisierten Ländern (England, Amerika, Frankreich und Deutschland) gleichzeitig vor sich gehender Übergang erwartet. "Eine radikale soziale Revolution ist an gewisse historische Bedingungen der ökonomischen Entwicklung geknüpft; letztre sind ihre Voraussetzung. Sie ist also nur möglich, wo mit der kapitalistischen Produktion das industrielle Proletariat wenigstens eine bedeutende Stellung in der Volksmasse einnimmt“ (MEW 18, S.633). Als eine "absolut notwendige praktische Voraussetzung“ des Kommunismus wurde von ihnen eine große Steigerung der Produktivkraft bzw. ein hoher Grad der Produktivkraftentwicklung hervorgehoben, "weil ohne sie nur der Mangel verallgemeinert, also mit der Notdurft auch der Streit um das Notwendige wieder beginnen und die ganze alte Scheiße sich herstellen müsste, weil ferner nur mit dieser universellen Entwicklung der Produktivkräfte ein universeller Verkehr der Menschen gesetzt ist, ... Der Kommunismus ist empirisch nur als die Tat der herrschenden Völker 'auf einmal‘ und gleichzeitig möglich, was die universelle Entwicklung der Produktivkraft und den mit ihm zusammenhängenden Weltverkehr voraussetzt“ (MEW 3, S.34f.). Demgegenüber bestand die Leninsche (konkret-situative) Revision darin, vermittels der Etablierung einer soziokulturellen "Erziehungsdiktatur“ im rückständigen Russland, also im Rahmen einer 'Zwischenperiode‘, die zivilisatorischen Voraussetzungen für den späteren Aufbau des Sozialismus zu schaffen. Dieses fragile Projekt wurde kurz nach Lenins Tod durch die pseudosozialistisch verbrämte Errichtung der Stalinschen Modernisierungsdiktatur konterkariert. Die Kompliziertheit der marxistischen Bewegung resultiert eben gerade aus diesem zugleich realen und doch vielfach verkannten doppelten geschichtlichen Bruch zunächst zwischen Marx/Engels (universelle Revolution in den entwickelten Ländern) und Lenin (erziehungsdiktatorisch-kompensatorische 'Zwischenperiode‘) und später dann zwischen Lenin und Stalin (modernisierungsdiktatorische Schreckensherrschaft). Dieser revolutionsstrategische Bruch impliziert folgerichtig eine gravierende staatstheoretische Diskontinuität. Während nämlich Marx und Engels unter der Prämisse ihrer "universellen“ Revolutionsperspektive und angesichts des Beispiels der Pariser Kommune noch eine radikal staatskritisch-antibürokratische Auffassung formulierten>8, revidierte Lenin unter dem Zwang des Ziel-Mittel-Widerspruchs der jungen Sowjetgesellschaft praktisch das noch in "Staat und Revolution“ verfochtene Modell der Kommune als Richtschnur. Stalin schließlich hat die Klassiker nur noch zwecks Legitimation seines diktatorischen Regimes begrifflich beraubt und damit gleichzeitig den bürgerlichen Antimarxismus reichlich munitioniert. Auf Engels Aufforderung an die deutschen Philister: "Seht euch die Pariser Kommune an. Das war die Diktatur des Proletariats“ (MEW 22, S.199), hat Stalin dann mit den Moskauer Prozessen und dem Gulag geantwortet und somit die Idee des Kommunismus als hegemoniefähiges Konzept zumindest für eine unabsehbar lange Zeit ruiniert.

Über den zentralistischen "Infektionskanal“ der KOMINTERN, später dann der moskau-, peking- und tiranahörigen Abteilungen der kommunistischen Weltbewegung gelangte dieser "entmodernisierte“, "entdemokratisierte“ und "entsubjektivierte“ "Marxismus-Leninismus“ zurück in den Westen und diente mehreren Alterskohorten von Parteikommunisten und deren Sympathisanten als bewußtseinsformierende 'Schulungsgrundlage‘. Im Prinzip handelte es sich hierbei weniger um eine pseudowissenschaftliche Theorie als vielmehr um eine einprägsam und kämpferisch-moralisch bebilderte Glaubens- und Bekenntnislehre, die sich natürlich auch aus dem reichhaltigen empirischen Arsenal anknüpfungs- und plausibilisierungsfähiger .kapitalistischer Missstände und Krisenerscheinungen zu ernähren wusste. In diesem "marxistisch-leninistischen“ Diskurs wurden und werden die grundlegenden Inhalte der 'kulturelle Moderne‘ wie 'Demokratie‘, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit etc. undialektisch-einseitig verzerrt und nur noch als "bürgerlicher Firlefanz“, Ausgeburt bourgeoiser Machtverschwörung, Ausdruck imperialistischer Manipulation und Diversion etc. wahrgenommen. D.h. mit der verunstalteten/verunstaltenden bürgerlich-kapitalistischen Realisierungsform wurde und wird der dahinterliegende sozial- und subjektemanzipatorische Inhalt 'einfach‘ (mit-)negiert. Humanismus, auch in Marx‘ revolutionärer Form, erschien und erscheint in diesem parteikommunistisch präformierten Denkrahmen - bei flagranter Verkennung von dessen wissenschaftlichen Implikationen - als bloße Humanitätsduselei bzw. Philanthropismus. Stalinistisch deformierter Parteikommunismus und kapitaltheoretisch reduzierter Seminarmarxismus trafen sich im "theoretischen Antihumanismus“ (Althusser). 'Sozialismus‘ wurde und wird teilweise immer noch in reinen Machtkategorien als "repräsentative Erziehungsdikatur“ konzipiert und "verteidigt“, während man gleichzeitig seinen emanzipatorischen Zielhorizont verdrängt und obendrein noch als "idealistische Verirrung“ diffamiert. Im Sinne eines manichäischen Antiimperialismus wurde und wird jede auch reaktionär-antiemanzipatorische Protesthaltung gerühmt, wenn sie sich nur 'irgendwie‘ gegen den Kapitalismus/den Westen richtete (Beispiel: Umsturz im Iran und Errichtung der Mullah-Herrschaft).

De facto ist die 'kulturelle Moderne‘ heute - einschließlich ihres dialektisch-kritischen Erbes in Gestalt der Marxschen Theorie - einem konzentrischen Vernichtungsangriff aus entgegengesetzten Richtungen ausgesetzt. Marktradikale Neoliberale mit ihrer Vergötzung anarchisch-destruktiver Wirtschaftsmechanismen als "kreative Zerstörung“, Wiederbeschwörer konservativer Wertorientierungen mit ihrem Streben nach Reinstallierung einer entmündigenden Untertanen- und Gehorsamskultur, postmodernistische Zeitgeistmonteure mit ihrer fadenscheinigen Sabotage kritisch-wissenschaftlicher Denk- und Analysemethoden, religiöse Fundamentalisten mit ihrer neototalitären Verteufelung der menschlichen Emanzipation und eben auch poststalinistische Linke mit ihrer verbildeten, einfach-negatorischen und pseudofortschrittlichen Anti-Haltung im Sinne eines "entmodernisierten“ Radikalismus bilden eine Gemengelage geistig-moralischer Destruktivkräfte, die einer Neuaneignung sozial- und subjektemanzipatorischer Perspektiven auf jeweils spezifische Art entgegenstehen.

Die bündelnde und verstärkende 'Mutter‘ aller Verfallstendenzen der deutschen Linken, die PDS, repräsentiert in sich die beiden Hauptvarianten inadäquater Bewältigung der 'kulturellen Moderne‘: Statt eines kritisch-dialektischen Verhältnisses finden wir hier einerseits einen unkritisch-reformistischen 'Moderne‘-Fetischismus, der die kapitalistische Selbstnegation der ursprünglichen sozial- und subjektemanzipatorischen Bestrebungen verleugnet und opportunistisch entsorgt sowie andererseits eine poststalinistisch-scheinradikale Kreuzung aus einfach-negatorischem Antimodernismus und veraltetem Antikapitalismus, der sich aus dem Leichengift des entmodernisierten/entwestlichten "Marxismus-Leninismus“ nährt. Insofern sind die traditionskommunistischen Organisationsreste als geistige Opfer der Verwandlung des Marxismus von einer kritisch-emanzipatorischen Wissenschaft in eine asiatisierte Rechtfertigungslehre neodespotischer Parteiherrschaft anzusehen.

Auch außerhalb der PDS finden sich zahlreiche Anhaltspunkte für sich beschleunigende ideologisch-politische Niedergangs- und Entartungstendenzen der residualen deutschen 'Bewegungslinken‘. Exemplarisch sei hier nur auf folgende Tatsachen hingewiesen:

  1. die Apologetik des Milosevic-Regimes und des mörderischen serbischen Ethnizismus,

  2. das Umlügen neototalitärer religiös-fundamentalistischer Bewegungen und Terrorgruppen in "Freiheitskämpfer“,

  3. die kulturrelativistische Verharmlosung prämoderner Unterdrückungspraktiken in anderen Kulturkreisen9,

  4. die ignorante Solidarität mit Regimen, wenn sie sich nur "'irgendwie“ 'antiimperialistisch‘ gebärden oder vereinnahmen lassen.

Gerade heute angesichts einer neuartigen Weltunordnung und dem Eintritt in die Ära asymmetrischer Kriegsführung muss ein kritischer Marxismus auf der Höhe der Zeit vom Marxschen kategorischen Imperativ her aufgebaut sein, "alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“. Wenn im Zeichen der gegenwärtigen kapitalistischen Globalisierung überlieferte Herrschaftsverhältnisse systematisch "umgebaut“, partiell aufgehoben und partiell verschärft werden, andererseits traditionelle Sozialbeziehungen und institutionelle Gefüge zerbersten oder erodieren und die betroffenen Subjekte materiell (z.B: räumlich, existenziell, qualifikatorisch), und ideell (sinn- und orientierungsstrukturell) durcheinander gewirbelt werden, dann ruft das eben nicht nur progressive/emanzipatorische Gegenkräfte auf den Plan, sondern oftmals sogar in bedeutend stärkerem Maße das Spektrum der tendenziell entprivilegierten und in ihrer ehemaligen ("angestammten“) Vormachstellung bedrohten traditionellen Herrschaftsschichten, die Träger regressiv-antihumanistischer Ideen und repressiv-antiemanzipatorischer Praxis sind. Ein bipolares Freund-Feind-Denken ist deshalb längst obsolet geworden und läuft auf eine verharmlosende, die reale Gegnerschaftsstruktur verniedlichende und simplifizierende Sichtweise hinaus.

Aspekte einer radikal-humanistischen Antwort auf die fundamentalistische Herrschaftsanmaßung: Die Entkoppelung von Religion und Moral

Neben der spätkapitalistischen (Selbst-)Verstümmelung der 'kulturellen Moderne‘ bildet die aktuelle 'Umarbeitung‘ des Religiösen zu einer zutiefst fortschrittsfeindlichen und herrschaftsverteidigenden Legitimationsideologie den zweiten Hauptangriffspol auf die globalen Möglichkeitsbedingungen einer progressiven Zukunftsgestaltung. Die daraus hervorgegangene neototalitäre Herrschaftsanmaßung fundamentalistischer Bewegungen erfordert eine mittlerweile längst überfällige substanzielle Antwort, die das radikale religionskritische Potential der neuzeitlichen europäischen Emanzipationsbewegung wiederbelebt und offensiv zur Geltung bringt. Dieser Intention sind die abschließenden Ausführungen gewidmet.

Die allen religiösen Glaubensgemeinschaften innewohnende Tendenz zur moralischen Abwertung und Geringschätzung der Anders- und Ungläubigen wird in den diversen fundamentalistischen Diskursen explizit entfaltet, systematisch vertieft und zu einem offensiven Feindbild ausgebaut. In diesem spezifischen Bedeutungskontext wird primär nicht biologische oder ethnisch-nationale Andersartigkeit negativ selektiert, sondern die Nichtübereinstimmung in Glaubensfragen ins Zentrum gerückt10. An die Stelle von rassistischer, ethnizistischer oder nationalistischer Diskriminierung tritt die Stigmatisierung von religiöser 'Nichtidentität‘. Der "fremdrassige Untermensch“ wird ersetzt durch den Anders-, primär aber durch den Ungläubigen>11.

Im Gegensatz zur postmodernen Fetischisierung von Differenz, die gerne als strategisch hilfreiche Unterstützung von außen aufgegriffen wird, zielt die fundamentalistische Ideologie und Praxis auf die schonungslose Eliminierung des 'Rechts auf Andersartigkeit‘. Das gilt in besonderem Maße auch für den islamischen Fundamentalismus. Hier wird abweichendes Verhalten in Fragen des Glaubens und der Lebensführung im Zeichen der Schari’a systematisch bestraft und unterdrückt. Eine entsprechende Prädisposition findet sich bereits im Koran, der im Gegensatz zu ignoranten oder bewusst unwahren Beschwichtigungsgerüchten alles andere als ein Buch der Liebe und Friedfertigkeit ist.

Vielmehr handelt es sich um einen Text, der imperialen Herrschaftsanspruch und kriegerische Gewaltbereitschaft zur Verbreitung des Islam ebenso einschließt wie eine durchgängige eliminatorische Kampfansage an diejenigen, die sich Allah nicht hingeben wollen, nämlich die Ungläubigen (d.h. heute insbesondere die säkular-humanistischen Atheisten). So wird an zahlreichen Stellen mit einer an Sadismus grenzenden Metaphorik immer wieder die qualvolle Bestrafung der Ungläubigen beschworen und ausgemalt: "Verbrennen wird das Feuer ihre Angesichter, und die Zähne werden sie in ihm fletschen“ (Sure 23, 106). "Nehmet ihn und fesselt ihn! Alsdann im Höllenpfuhl lasset brennen ihn! Alsdann in eine Kette von siebenzig Ellen Länge stecket ihn! Siehe, er glaubte nicht an Allah, den Großen, und sorgte sich nicht um die Speisung des Armen12. Drum hat er heute hier keinen Freund und keine Speise außer Eiterfluß, den nur die Sünder verzehren“ (Sure 69, 30-37).

Im Fundamentalismus geriert sich der religiöse Herrenmensch als "gottgewollter“ Gebieter über die Masse der unbotmäßig lebenden 'Ungläubigen‘, die als moralisch minderwertige Wesen verachtet werden. Die zahlreichen Erscheinungsformen 'spätmoderner‘ Sündhaftigkeit in Form von Pornofilmen, sexualisierter Werbung, aufreizender Kleidung, erotischer Videoclips, hedonistischer Lebensideale etc. werden nicht als Ausdrucks- und Vermittlungsmomente kapitalistischer Verwertungsprobleme begriffen, sondern per se der säkularen Kultur angelastet. Exakt diese durch religiösen Dogmatismus und Fanatismus irregeleitete Gleichsetzung von säkularer Kultur mit moralischer Degradation und Dekadenz bzw. die demagogische Konfundierung von säkularem Humanismus, spätkapitalistischer Massenkultur und sündigem Verfall bildet den geistig-moralischen Brennpunkt im Kampf gegen den Fundamentalismus als Bewegung totalitärer Herrschaftsanmaßung und religiös-moralischer Selbsterhöhung. Das Fatale ist nun, daß die 'amerikanische‘ Antwort des Westens eine bizarre Synthese aus technisch-ökonomischer Modernität und christlich-protestantischem Fundamentalismus republikanischer Prägung darstellt, die überdies mit einer geistig-kulturellen Selbstabdankung Westeuropas korrespondiert13. Die republikanisch regierte und 'vergeltungspatriotisch‘ zusammengeschweißte USA als Führungsmacht der kapitalistischen 'Spätmoderne‘ vermag zwar ihre waffentechnisch-militärische Überlegenheit und ihre globale politische Macht in die Waagschale zu werfen, aber 'substanzethisch‘ hat sie aufgrund ihrer bizarren soziokulturellen Software( Mischung aus patriotischem Puritanismus und 'McWorld‘) im Kampf gegen die Herausforderung des islamischen Fundamentalismus wenig zu bieten14. So ist es angesichts dieser geistig-weltanschaulichen Konstitution auch keine Überraschung, daß die Bush-Administration keinen Kampf gegen den islamischen Fundamentalismus als ganzheitliches Phänomen zu führen gewillt und in der Lage ist, sondern sich einseitig auf die militärische Zerstörung von dessen terroristischer Speerspitze beschränkt15.

Um der (neo-)totalitären Herrschaftsanmaßung des islamischen Fundamentalismus eine inhaltlich radikale Abfuhr zu erteilen, bedarf es der Reaktivierung der geistig-kritischen Inspirationsquellen und ethischen Überzeugungsgründe der kulturellen 'Moderne‘, die innerhalb des kapitalistischen Durchdringungsprozesses der 'posttraditionalen‘ Gesellschaftsentwicklung zwar sukzessive verschüttet, verstümmelt und verdrängt worden, aber immerhin noch rudimentär vorhanden sind. Es geht folglich um die Wiedererschließung des kritisch-humanistischen Potentials der neuzeitlichen Emanzipationsbewegungen, das nicht 'endgültig‘ gescheitert ist, sondern vielmehr der adäquaten Realisierung und globalen Verallgemeinerung harrt. In dieser Perspektive ist gegen den moralischen Überlegenheitsgestus, der sämtlichen fundamentalistischen Diskursen eingeschrieben ist und in dem sich zugleich ein herrschaftlicher Normierungs- und Sanktionierungsanspruch artikuliert, grundsätzlich folgendes einzuwenden:

1) Im Gegensatz zur idealisierenden Selbstbespiegelung war und ist allen Formen religiöser (streng gläubiger) Lebensführung in der Vergangenheit wie auch in der Gegenwart schon aufgrund ihrer multiplen Einbindung in die antagonistische Zivilisationsgeschichte ein hohes Potential an Herrschaftssucht, kriegerischer Aggressivität und Sittenlosigkeit inhärent. Hervorzuheben ist in diesem Kontext insbesondere die repressiv-antihumanistische 'Sexualethik‘, die nicht nur eine pathogenetische Verformung der menschlichen 'Triebnatur‘ und des 'Seelenlebens‘ induziert, sondern geradezu gesetzmäßig das Phänomen der Doppelmoral bzw. des Widerspruchs zwischen sittlichem Bekenntnis und realer Praxis aus sich hervortreibt, indem durch rigide Keuschheitsgebote sexuelle Bedürfnisse zur obsessiven Begierde 'übersteigert‘ werden. Schon Pierre Bayle (1647-1706)16 verwies mit Nachdruck darauf, dass die Religion mit ihrem strengen Sittencodex nicht imstande sei, die menschlichen Leidenschaften im Zaume zu halten. "Es war eine Zeit, wo man den Priestern und Mönchen in Deutschland gegen eine gewisse jährliche Abgabe an ihren Prälaten erlaubte, sich Beischläferinnen zu halten. Gewöhnlich hält man die Habsucht allein für den Grund dieser schändlichen Nachsicht. Aber es ist wahrscheinlich, dass man die Keuschheit der ehrbaren Frauen wenigeren Gefahren aussetzen und ihre Männer beruhigen wollte, deren Rache zu verhüten im Interesse der Geistlichkeit lag. Seht, so wenig war die christliche Religion imstande, die Unzucht zu bezähmen, dass man sich genötigt sah, ihr einen Teil der Weiber aufzuopfern, um den anderen zu retten und durch ein geringeres ein größeres Verbrechen zu verhüten, das aber dessenungeachtet ein sehr gemeines geworden“ (Bayle, zit. n. Feuerbach 1967, S.60). Die 'Kehrseite‘ der offiziellen islamischen Sexualmoral zeigt sich wiederum z.B. im gegenwärtigen Ägypten im Phänomen der "immer wieder im Nil treibenden Mädchen- und Frauenleichen - meist unverheiratete Schwangere aus der Unterschicht, die ermordet wurden oder sich selbst umgebracht haben - eine mehrerer Formen der sogenannten 'Gewalt der Ehre‘“ (Harwazinski 1998, S. 445f.). Dabei korrespondiert(e) der rigiden religiösen Offizialmoral - gewissermaßen als Ventil und Alibi - eine ausgesprochen entwürdigende Stigmatisierung von sich angeblich "unanständig“ verhaltenden und deshalb straffrei zu missbrauchenden Frauen. So wurden Frauen, die im Spätmittelalter oder in der frühen Neuzeit alleine ausgesprochene Männerorte wie z.B. Wirtshäuser aufsuchten, "weil sie etwa auf der Suche nach ihren Männern oder Vätern waren ... für Huren gehalten und zumindest sexuell belästigt“ (Duerr 1995, S. 364). Diese Auffassung, dass es sich bei Frauen, die sich nachts allein auf der Straße aufhalten, nur um sexuell zur Verfügung stehende Huren handeln könnte, ist auch heute noch durchaus verbreitet. "Der Vater eines jungen Türken, der gemeinsam mit einigen Landsleuten eine junge Kreuzbergerin, die nachts auf die Straße gegangen war, vergewaltigt hatte, kommentierte die Tat mit den Worten: Wenn ich dabei gewesen wäre, ich hätte mitgefickt“ (ebenda, S.622f.). Gerade in dem Tatbestand, das sich allein in der Öffentlichkeit zeigende Frauen als vor männlichen Übergriffen Bedrohte und Gefährdete angesehen werden, offenbart den psychomoralischen Regulierungs- und Kontrollbankrott islamistischer Ethik.

2) Entgegen der moralischen Selbsterhöhung der Gläubigen, die im Ungläubigen/Atheisten ein minderwertiges, im Grunde 'verderbtes‘ Wesen sehen, hat schon Bayle die folgenden konstitutiven, nach wie vor gültigen Einwände erhoben: "Allein, es verträgt sich recht wohl die Überzeugung von unsern Religionsgeheimnissen mit allen möglichen Sittenlosigkeiten ... Die Erfahrung lehrt, dass auch die, welche einen Himmel und eine Hölle glauben, zu Verbrechen aller Art fähig sind, und es ist daher evident, dass die Neigung zum Bösen nicht daher kommt, dass man nicht weiß, dass ein Gott ist, und daß sie nicht durch die Erkenntnis eines strafenden und belohnenden Gottes gebessert wird; offenbar, daß die Neigung zum Bösen in einer Seele, die keine Erkenntnis von Gott hat, nicht stärker ist als in einer Seele, die Gott kennt“ (zit. n. Feuerbach 1967, S.61). Die damit zunächst zum Ausdruck gebrachte moralische Gleichwertigkeit von Gläubigen und Atheisten impliziert aber auch, dass "die Menschen im höchsten Grade sittenlos und doch zugleich vollkommen von der Wahrheit einer Religion, selbst der christlichen Religion, überzeugt sein können“ (ebenda, S.62). Damit wird schon in der Frühaufklärung deutlich die 'moderne‘ Erkenntnis zum Ausdruck gebracht, dass der Glaube an Gott nicht "kausalmechanisch“ die Quelle des Guten sei und folglich kein deterministischer bzw. 'zwangsläufiger‘ Zusammenhang zwischen Glaube und (positiver) Lebensführung bestehe. Diese Auflösung/Dekonstruktion der traditional immer schon voraussgesetzten bzw. 'ontologisch‘ unterstellten Kongruenz von "frommer“ (rituell-orthodoxer) und "guter“ (praktisch-moralischer) Lebensführung bedeutet für Bayle, dass "der Glaube einer Religion nicht den Wandel eines Menschen regelt und bestimmt, außer dass er höchstens dazu geeignet ist, in seinem Herzen Zorn gegen Andersdenkende, Furcht, wenn er sich von Gefahr bedroht glaubt, und andere ähnliche Leidenschaften hervorzubringen“ (ebenda). Wenn der religiöse/gläubige Mensch zugleich auch 'gut‘ handelt und lebt, dann tut er das nicht aufgrund seiner Gläubigkeit, sondern aufgrund seiner individuell erworbenen Sittlichkeit, die er a posteriori als religiös konstituiert verbrämen mag. "Wenn daher eine positive Religion gut auf den Menschen wirkt, sittliche Folgen hat, Leidenschaften zügelt“, so Feuerbach (ebenda, S.83), "so ist das zufällig; die Ursache ist nicht sie, sondern der Mensch, der durch seine individuelle sittliche Kraft oder durch die Macht des Guten, wie sie sich ihm durch das Gewissen oder die freie Intelligenz offenbart, die Religion beherrscht und gegen das Schicksal jeder positiven Religion sich stemmt“.

3) Die Nichtidentität von 'frommer‘ und 'guter‘ Lebensführung impliziert die sehr reale Möglichkeit der Verknüpfung von Frömmigkeit und 'Schlechtigkeit‘ bzw. von Gläubigkeit und unsittlicher/barbarischer (und in aktueller Hinsicht: terroristischer ) Praxis, wie sie nicht zuletzt den fundamentalistischen Religionseiferer "auszeichnet“. Denn, so Bayle (ebenda, S.73), "ein Mensch, der überzeugt ist, daß er durch die Ausrottung der Ketzer das Reich Gottes fördert ... , ein solcher Mensch, sage ich, wird alle Gesetze der Moral mit Füßen treten, und weit entfernt, durch die Vorwürfe des Gewissens im Zaum gehalten zu werden, wird er vielmehr durch sein Gewissen selbst dazu angetrieben, alle Mittel ohne Unterschied anzuwenden, um nur dadurch zu bewirken, dass er heilige Name Gottes nicht mehr gelästert wird, und so auf den Ruinen der Ketzerei oder Götzendienerei die Orthodoxie aufzupflanzen. Was für Verwüstungen verursacht solcher Religionseifer in einem Staate!“ Da religiöser Glaube 'an sich‘ nicht 'gut‘ ist und zudem 'Gläubigkeit‘ - vor allem in Form fundamentalistischer Gesinnung - die Autonomie ethischer Vernunft als menschliches Gattungsvermögen negiert und sogar verteufelt, unterliegt Religiosität permanent der Gefahr 'frommer‘ Amoralität. "Sind daher einer Religion nicht die ethischen Begriffe die obersten, die heiligsten Begriffe, hat sie einen von denselben unterschiednen, partikulären Inhalt zum obersten Heiligtum, so hat sie wohl heilige Handlungen, aber deswegennoch lange nicht sittliche Handlungen und Gesinnungen zur Folge, so kann sie selbst der Impuls zu Verbrechen werden“ (Feuerbach, ebenda S.75).

4) Da die Wirkungsmacht der Religion nicht auf subjektiv 'freier‘ ethischer Reflexion und Entscheidung basiert, sondern auf autoritärer Tradition, sozialisatorischer Indoktrination und repressiver Sozialkontrolle17, entwickelt sich eine 'formalistische‘, ethisch "leere“ Frömmigkeit reiner Pflichterfüllung. Die Vorschriften der Kirche, der Geistlichkeit, der Schriftgelehrten, die pflichtschuldige Einhaltung der rituellen Praktiken, die Befolgung der Glaubensgesetze etc. rücken ins Zentrum des religiösen Lebens. Auf diese Weise kommt es zum subjektinternen 'Schisma von äußerlich konformer (pflichtbewusster) Gläubigkeit und tatsächlicher ethischer Praxis bzw. zur individuellen Reproduktion des 'Bruchs‘ zwischen Religiosität und Sittlichkeit. "Gott wird zu einem förmlichen Pflichtobjekt, die Religion zur Darbringung eines schuldigen Opfers, einer Ehrenbezeigung, einer Abgabe an den König der Könige“ (ebenda, S.80). Die sittlichen Pflichten im zwischenmenschlichen Verkehr werden nicht "um ihrer selbst willen, sondern um Gottes willen, weil er sie befiehlt, also aus einem ihnen äußerlichen Grunde erfüllt, und es entfremdet so notwendig sich das Gemüt dem sittlichen Geiste, daher die Erfahrungen, daß der schlechteste Charakter sich mit religiösem Herrendienste verträgt, keine zufällige(n), sondern aus der Natur der Sache hervorgehende Erscheinungen sind“ (ebenda, S.81).

5) Da der religiöse Glaube in evidenter Weise weder die menschlichen 'Leidenschaften‘ zu zügeln noch das 'Gute zu stimulieren vermag, bedarf er eines apologetischen Konstrukts, um den quälenden Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu eliminieren oder doch zumindest auszubalancieren. Dieses geistliche 'Lösungsmittel‘ liefern die monotheistischen Theologien mit ihrem Dogma von der Grundverdorbenheit der auf sich selbst verwiesenen menschlichen Natur. Danach vermögen die Menschen sich nur vermittels der göttlichen Gnade infolge eines gottgeweihten Lebens von ihrer 'Erbsündigkeit‘ zu reinigen. Mit Hilfe dieser Konstruktion läßt sich das 'Gute‘ dem Christen, dem Moslem, dem frommen Juden etc. zuschreiben und das 'Schlechte‘ dem ungläubigen Menschen. Dem durch fromme Lebensführung gereinigten und damit 'gut‘ gewordenen Menschen gebührt das himmlische Paradies18, dem ungläubigen und damit 'schlecht‘ gebliebenen bzw. in seiner natürlichen Verdorbenheit verharrenden Menschen bleibt nur die Hölle. Diese 'hermetische‘ Leugnung der autonomen (von Gott unabhängigen) Existenz des 'Guten‘19 sowie der selbständigen menschlichen Empfindungsfähigkeit für das 'Gute‘ versperrt letztendlich den Weg in das emanzipatorische Möglichkeitsfeld der kulturellen 'Moderne‘ . Denn, so ist in ungebrochener Aktualität mit Feuerbach hervorzuheben: "Solange daher die Menschheit dieses Dogma glaubt, solange bleibt sie innerlich grundschlecht, jede gründliche Besserung des Menschen unmöglich. Die Tugendhaftigkeit wird enterbt, wo die Sünde ein heiliges Erbrecht hat, das einzige Gute im Menschen - der Glaube an das Gute - ausgerottet. Nur da dringt das Gute in den Menschen selbst ein, wo es als sein eignes innres Wesen, als seine wahre Natur gefaßt und der Glaube an die Sünde als die größte Sünde erkannt wird. So reißt die Theologie die Ethik mit der Wurzel aus , indem sie das Gute außer den Menschen hinausschiebt; so nimmt sie dem Menschen sein Bestes seinen wahren Gott, um ihm dafür einen äußerlichen, welschen Gott zu geben“ (ebenda, S.85f.).

Indem das religiöse Bewusstsein das 'Gute‘ an die Existenz Gottes kettet bzw. als abhängiges Attribut des personalen Schöpfergottes bestimmt und verkündet, erreicht es nicht das Niveau der autonomen Sittlichkeit, auf dem die Idee des 'Guten‘ " frei von aller Persönlichkeit20 rein durch sich selbst gedacht und um seiner selbst willen geliebt und getan wird. Nur mit gerechter Verachtung kann und muss man daher auf euch blicken, die ihr. mit euren angeblich tieferen, religiösen Begründungen euch brüstend, die positivsten, tiefsten Fortschritte der Menschheit und Wissenschaft, im lächerlichsten Dünkel befangen, als überlebte Standpunkte bezeichnet“ (ebenda, S.107). Demgegenüber besitzt die vom religiösen Fundamentalismus zum Schreckens- und Feindbild aufgebaute 'Ungläubigkeit‘ in Form des die abendländisch-neuzeitliche Identität nachhaltig prägenden säkularen Humanismus eine ethische Basis sui generis. An die Stelle Gottes als generierende Moralbasis treten nun folgende inneren Kräfte der Menschen als moralische Ressourcen bzw. Quellen der Moralerkundung: Zum einen die rationalen Fähigkeiten des handelnden Subjekts, die Kompetenz zur vernünftigen Umwelt- und Selbstkontrolle21; zum anderen die Natur samt ihrer im Inneren der Menschen vernehmbaren Stimme (moralische Empfindungs- und Artikulationsfähigkeit). Demnach ist der Mensch 'von Natur aus‘ weder 'gut‘ noch 'schlecht; aber er verfügt "von sich aus“ über die gattungsspezifische Potenz, das 'Gute‘ zu empfinden, zu erkennen, zu wollen und zu tun22.

Wesentliche Leitorientierungen dieser säkular-humanistischen 'Ethik des Unglaubens‘ sind:

a) der moralische Imperativ der Leidensminderung in Verbindung mit der Bedeutsamkeit des "gewöhnlichen Lebens“23 sowie dem Ideal des allgemeinen Wohlwollens;

b) der Leitgedanke des freien, sich selbst bestimmenden Subjekts, wobei 'Freiheit‘ sowohl negativ als Abstreifung kosmischer Vorherbestimmung (göttlicher Vorsehung) als auch positiv durch Erschließung der Kräfte der desengagierten (objektivierenden) Vernunft wie der schöpferischen Einbildungskraft definiert wird; sowie

c) das Gebot der allgemeinen Gerechtigkeit, das sich sowohl in der Sprache der 'subjektiven Rechte‘ als auch in den 'gleichheitsorientierten‘ Bestrebungen nach Hierarchieabbau zwischen den Klassen, Rassen und Geschlechtern niedergeschlagen sowie im Ideal der Demokratie manifestiert hat.

Den herausragenden Kulminationspunkt der atheistisch-humanistischen Ethik bildet Marx‘ herrschaftskritischer Imperativ, "alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ (Marx 1988, S.385, Hervorhebung von mir; H.K.), einschließlich des darin implizit angesprochen Projekts der gemeinsamen Schaffung eines "Vereins 'freier‘ Menschen“. Diese emanzipatorische Grundorientierung, die sich gleichermaßen sowohl gegen die spätkapitalistische Herrschaftskultur des profitorientierten Wertenihilimus als auch gegen den neototalitären Aufstand der religiösen Fundamentalismen wider die Grundprinzipien der kulturellen 'Moderne‘ richtet, gilt es als Richtmaß globaler Fortschrittsbemühungen und progressiver Bildungsanstrengungen wieder ins Zentrum zu rücken.



© Hartmut Kauss, Osnabrück 2002

Anmerkungen:

1 Die antifeudale Befreiungsbewegung verfolgt eine doppelte Zielstellung: Befreiung vom geistig-vormundschaftlichen Joch der Kirche; Überwindung der Ausbeutung und Unterdrückung durch den Adel.

2 Das Konzept der 'allgemeinmenschlichen‘ Fähigkeit zur Mündigkeit bzw. der Kompetenz, den Status "selbst verschuldeter Unmündigkeit“ eigenständig verlassen zu können, ist ein zugleich herrschafts- und subjektkritisches Konzept par exellence.

3 "Am Ende des 18. Jahrhunderts ist die Institutionalisierung der Wissenschaften als eines von Theologie und humanistischer Rhetorik unabhängigen Subsystems so weit fortgeschritten, daß die Organisation der Wahrheitsfindung zum Vorbild für die Organisation von Staat und Gesellschaft werden kann“ (Habermas 1987, S. 212).

4 Der allgemeine Begriff des Menschen, wie er im emanzipatorisch- antifeudalistischen Diskurs verwendet wurde, wird zurückgenommen und dem herrschenden Interesse im Rahmen der kapitalistischen Klassenrealität angepasst. D.h.: Das "freie“ Individuum wird nun restriktiv als "freier männlicher Eigentümer“ konzipiert. "Vernunft“ wird aus den heroischen Höhen der Revolutionsphase auf den funktionalen Boden der kapitalistischen Systemreproduktion geholt, d.h. sie schrumpft zur "instrumentellen Vernunft“.

5“Diese Merkmale der Industriegesellschaft - die sinnlose und abhängige Arbeit; der gedankenlose Verzicht auf Kontrolle; vor allem die Fetischisierung von Waren - all das stellt unser Selbstbild als moderne Menschen in Frage, die ihre Ziele aus sich selbst heraus bestimmen und die Dinge beherrschen, anstatt von ihnen beherrscht zu werden. In dem Maße, wie diese negativen Merkmale unser Selbstverständnis beeinflussen, empfinden wir unweigerlich einen Vertrauensschwund und ein Unbehagen, und es stellt sich der Verdacht ein, daß das Gefühl von Effizienz, auf das wir unser von der modernen Identität geprägtes Selbstbild gründen, eine Täuschung ist“ Taylor 1994, S.97).

6 Die jetzt anhand der OECD-Studie PISA einsetzende Diskussion über die Effizienzmängel des deutschen Schulsystems greift schon im Ansatz zu kurz, da sie die festgestellten kognitiven (schriftsprachlich-hermeneutischen/informationsverarbeitenden) Kompetenzdefizite ausschließlich oder doch zumindest primär als erziehungssystemspezifisch verursacht ansieht. Tatsächlich aber ist die zu tage tretende Bildungs- und Erziehungsgskrise nur der 'Erscheinungsort‘ einer tiefer liegenden soziokulturellen Krise der spätkapitalistischen Gegenwartsgesellschaften, die durch den Widerspruch zwischen wachsender geistig-inhaltlicher Verarmung und Entleerung der medial vermittelten "Öffentlichkeit“ bei gleichzeitiger Multiplizierung elektronisch gestützter Informations-, Kommunikations- und Handlungsmöglichkeiten geprägt wird. Warum noch die Welt aktiv-neugierig selbst erkunden, wo man sich doch mittels Fernbedienung durch die Welt der plural-uniformen Werbe-, Unterhaltungs- und Ereignislandschaften der anwachsenden Fernsehsender 'zappen‘ kann? Zunehmend sprachinkompetente Kinder und Jugendliche laufen mit immer mehr Handys , zunehmend unsportliche und mit Fast Food überfütterte Kids mit immer aufwendigerer Markensportartikelkleidung herum. Warum lesen, wo’s doch so tolle Videos und Computerspiele gibt? Weder die zwischen erzieherischen Allmachtsphantasien und Alltagsüberforderung schwankenden Eltern noch die überalterten LehrerbeamtInnen oder etwa die 'linke‘ SchülerInnenzeitung, , sondern die Kids-Verbraucherforschung sowie MTV, VIVA u.a. definieren heute die 'Grenzerfahrungen‘, und was es wirklich bedeutet, "cool“ zu sein. Spätkapitalistische Konsumgesellschaften mit ihrem extensiven Wachstumsfetischismus (der keine kritische Selbstreflexion verträgt !), die in ihren expliziten und impliziten Anforderungsstrukturen 'Bildung‘ durch Computer-und Internetqualifikation ersetzen, treiben gesetzmäßig ihrer kulturellen Ver(bl)ödung entgegen.

7 Vgl. Krauss 1998.

8 "Die Kommune beseitigt nicht den Klassenkampf..., aber sie schafft das rationelle Zwischenstadium, in welchem dieser Klassenkampf seine verschiednen Phasen auf rationellste und humanste Weise durchlaufen kann... Sie beginnt die Befreiung der Arbeit - ihr großes Ziel-, indem sie einerseits die unproduktive und schädliche Tätigkeit der Staatsparasiten abschafft, die Ursachen beseitigt, denen ein riesiger Anteil des Nationalprodukts für die Sättigung des Staatsungeheuers zum Opfer gebracht wird, und indem sie andererseits die tatsächliche örtliche und nationale Verwaltungsarbeit für Arbeiterlohn durchführt. Sie beginnt daher mit einer unermeßlichen Einsparung, mit ökonomischer Reform ebenso wie mit politischer Umgestaltung“ (Karl Marx: Erster Entwurf zum "Bürgerkrieg in Frankreich“. In: Marx/Engels Ausgewählte Werke in sechs Bänden, Bd. IV, S.27f.).

9 Drastisch, aber treffend hat Tibi (1999, S.165) auf den kulturrelativistischen Rückfall hinter die Errungenschaften der kulturellen Moderne hingewiesen: "Wenn im islamischen Sudan Frauen durch Beschneidung ihrer Klitoris in ihrer Sexualität entmündigt werden, dann ist das für Kulturrelativisten keine Verletzung des Menschenrechts auf körperliche Unversehrtheit, sondern schlicht ein Ausdruck anderer Sitten, vergleichbar der inhumanen Verschleierung der Frauen. ... In Wirklichkeit bedeutet Kulturrelativismus jedoch nicht Toleranz gegenüber anderen Kulturen, sondern moralische Trägheit und Entlastung von jeglicher Verantwortung, etwa für die Verletzung von Menschenrechten.“

10 Die vielfach feststellbare "freie“ Verknüpfung von rassistischer, ethnischer, nationalistischer und religiöser Stigmatisierung mit jeweils unterschiedlichen Präferenzmustern verweist letztlich auf die gemeinsame Verwurzelung totalitärer Bewegungen in ihrem Streben nach Reorganisation und Legitimation repressiv-antihumanistischer Herrschaftsstrukturen.

11 Im islamischen Fundamentalismus zieht auch der 'fremdethnisch Andersgläubige‘ in Gestalt des Juden einen besonderen Hass auf sich. Ähnlich verhält es sich mit manchen Spielarten des christlichen Fundamentalismus. Oftmals wird auch 'Andersgläubigkeit‘ unvermittelt der 'Ungläubigkeit‘ subsumiert.

12 Der islamische Wohltätigkeitsdiskurs ist ein Almosendiskurs, der die aktive Veränderung ungerechter Sozialstrukturen ebenso ausklammert wie die aktive Selbstbefreiung der "Armen“. Insofern ist der Almosenempfänger primär 'Bewährungsobjekt‘ frommer Selbstbespiegelung bzw. eine willkommene Funktionsgröße gottgefälliger Wohltätigkeit. Die Almosengabe dient damit mehr der moralischen Selbstbeweihräucherung als der Veränderung sozialer Verhältnisse.

13 Eine pointierte Erscheinung dieser Selbstabdankung ist die "uneingeschränkte Solidarität mit den USA“.

14 Der christlich-protestantische Fundamentalismus als sozio-kultureller Träger des amerikanischen Führungs- und Vergeltungspatriotismus manifestierte sich nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in der sofortigen Demontage demokratischer Rechte und Verfassungsgrundsätze unter der Ägide des "streng gläubigen“ US-Innenministers Ashcroft.

15 Zum einen hat der machtstrategische Utilitarismus der USA den islamischen Fundamentalismus insbesondere im Hinblick auf das Phänomen der "arabischen Afghanen“ entscheidend gefördert. Zum anderen weisen Pohly/Durán (2001, S. 97) darüber hinaus auf die starke Präsenz von Islamisten in den USA selbst hin: "Dort gibt es wie in keinem anderen Staat der Welt eine Zusammenballung von geschultem islamistischen Personal und Finanzkraft. Das geben die Amerikaner auch zu, lässt es sich doch nicht mehr verhehlen.“

16 Als ein herausragender Vertreter der Frühaufklärung trat Bayle nicht nur für Konfessions- und Religionsfreiheit ein, sondern für umfassende Gedanken und Weltanschauungsfreiheit. Er forderte Toleranz auch für Atheisten und hielt - für damalige Verhältnisse eine Sensation - eine tugendhafte Gesellschaft auf atheistischer Grundlage für möglich.

17 "Die wegen ihrer Religiosität, wegen ihres festen Glaubens gepriesenen Zeiten waren die Zeiten, wo überhaupt jede Abweichung von der hergebrachten Regel in üblem Geruche stand, wo sich mit jedem, der eine Veränderung wagte, der Begriff eines leichtsinnigen, eigenmächtigen, unzufriedenen, aufrührerischen, frivolen, undankbaren, seinen Vätern untreuen Menschen verband, wo jede Verbesserung eine Störung der guten Ordnung war, wo selbst die Gedanken nicht zollfrei waren, wo man bei jedem neuen originellen Einfall das beleidigte Publikum demütigst um Verzeihung bitten musste, Geist ein Verstoß gegen das Dekorum war. Aber nicht die Religion war die Macht und der Grund der Beschaffenheit jener Zeiten, sondern die Macht des Altvätertums; die Macht der Religion nur eine besondere Erscheinung von dieser“ (Feuerbach 1967, S. 82f.).

18 Das verheißene Paradies als Lohn für ein gottgefälliges Leben offenbart, dass hinter dem frommen Leben letztlich das Streben nach empirischer Glückseligkeit steckt. Die sittlichen Handlungen und Gesinnungen der Gläubigen "haben daher keinen rein sittlichen Grund; diesen hätten sie nur, wenn das Gute in seiner absoluten Selbständigkeit, rein an und für sich selbst dächte“ (Feuerbach 1967, S. 105).

19 "Die Idee des Guten ist stets das Apriori, das Maß, das Gesetz ihrer selbst, Gott gibt uns nicht die Idee des Guten, sondern die Idee des Guten gibt uns Gott, wir denken ihn durch die Idee, nicht die Idee durch ihn“ (Feuerbach 1967, S.315).

20 "Aber wenn du das Gute nicht aus Liebe zum Guten an und für sich selbst, sondern aus Liebe zu Gott tust, merke wohl: ... so geschieht all deine Liebe nur im Dienste und Interesse der Persönlichkeit; deine Religion ist nur eine vergeistigte Selbstsucht. Dass du dir diese Persönlichkeit als eine von dir unterschiedne, als die absolute, als die göttliche Persönlichkeit vorstellst, ändert nichts an der Sache. Die substantielle Bestimmung Gottes, auf die du dich beziehst, ist nicht die Kategorie der Ethik, sondern die rein empirische Kategorie der Persönlichkeit. Die Persönlichkeit ist die Hauptsache, die ethische Kategorie nur ein Akzidenz, das nur zur Beleuchtung, zur Hervorhebung der Persönlichkeit dient, aber nicht für sich selbst in deine Anschauung tritt; sie ist nur ein Mittel zu deinem frommen Zwecke“ (Feuerbach 1967, S. 105f.).

21Die Vernunftsfähigkeit des Menschen wird freilich bei Descartes, Locke, Kant u.a. noch in theistischer Perspektive als den Plänen Gottes entsprungene Bestimmung begriffen. "Aber insoweit die Quellen nun in uns liegen - genauer gesagt in bestimmten Kräften, die wir besitzen -, ist damit eine Grundlage gegeben für eine unabhängige, d.h. für eine nicht theistische Moralität“ (Taylor 1996, S. 557).

22 Der humanwissenschaftlich bedeutsame Frage, ob und wie diese Potenz (Vermögen, Veranlagung) durch widrige (antihumane) Einflüsse irreversibel zerstört werden kann und wie auf diese möglicherweise irreversible Zerstörung angemessen zu reagieren ist, kann hier nicht nachgegangen werden.

Eine interessante Darstellung des Verhältnisses von Denken/Erkennen und Gefühl im Hinblick auf die subjektive Moralgenese hat Rousseau in seinem "Emile“ geliefert: "Aus dem moralischen System, das durch diese Doppelbeziehung, nämlich der zu sich selbst und der zu den Mitmenschen, gebildet wird, entsteht der Anstoß des Gewissens. Das Gute erkennen heißt nicht, es zu lieben: diese Erkenntnis ist dem Menschen nicht angeboren, aber sobald seine Vernunft ihn das Gute erkennen läßt, treibt ihn sein Gewissen, es zu lieben - dieses Gefühl ist angeboren“ (zit. n. Taylor 1996, S. 625).

23 Die Aufwertung des gewöhnlichen Lebens beinhaltet neben a) der positiven Anerkennung der Erwerbstätigkeit in Relation zur verblassenden aristokratischen Hochschätzung von Kriegerehre und -ruhm und b) der Erfassung des Eigenwerts einer 'glücklichen‘ Lebensführung im weltlichen Diesseits schließlich c) die Herausbildung einer gesellschaftlich akzeptierten und geschützten Privatsphäre mit der auf persönlich freier emotionaler Bindung basierenden Kameradschaftsehe als Kernaspekt. Die zwischenmenschlichen Gefühle der Liebe, Sorge und Zuneigung werden nun explizit kultiviert, ausgekostet und zur Sprache gebracht und damit der menschliche Lebenssinn nachhaltig säkularisiert.



Literatur:

Baumann, Zygmunt: Ansichten der Postmoderne, Hamburg, Berlin 1995.

Duerr, Hans Peter: Obszönität und Gewalt. Der Mythos vom Zivilisationsprozeß. Band 3. Frankfurt am Main 199

Feuerbach, Ludwig: Gesammelte Werke, Band 4 (Pierre Bayle. Ein Beitrag zur Geschichte der Philosophie und Menschheit), Berlin 1967.

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