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Beiträge zur Theorie  










Hartmut Krauss

Nietzsche/Marx: Unversöhnlicher Gegensatz statt "spannendes Gespann"

Eine Widerrede zu A. Csongárs "Nietzsche-Bild" (Neues Deutschland vom 12./13. August 2000)

"Der Sozialismus - die zu Ende gedachte Tyrannei der Geringsten und Dümmsten" (Friedrich Nietzsche)


In welchem Verhältnis steht Marx, dessen Werk für das Projekt einer herrschafts- und klassenlosen Gesellschaft sich frei betätigender und bewußt vergesellschaftender Menschen steht, zu Nietzsches Philosophie? Die Konstruktion von geistigen Gemeinsamkeiten, die Almos Csongár zwischen beiden Entwürfen vornimmt, "nährt" sich aus einer scheinbaren Konvergenz bezüglich der kritischen Beurteilung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft. Ausgeblendet bleibt hier aber die wesentliche Differenz zwischen beiden kritischen Betrachtungsperspektiven, die eben gerade den "geistig-moralischen" bzw. "weltanschaulich-politischen" Gegensatz zwischen Marx und Nietzsche ausmacht. Während Marx die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft in ihrer Widersprüchlichkeit im Lichte ihrer 'revolutionären' Überwindbarkeit vom Standpunkt des emanzipatorischen Interesses der werktätigen Bevölkerungsmehrheit aus analysiert, urteilt und "wertet" Nietzsche vom reaktionär-aristokratischen Standort einer im unaufhaltsamen Niedergang begriffenen Epoche der ("prämodernen") Herrschaftskultur. Ihm geht es um die "Befreiung" der "modernen" (bürgerlich-kapitalistischen) Zivilisation von ihren vermeintlich herrschaftserodierenden "Verzärtelungstendenzen". Während Marx den kategorischen Imperativ formuliert, "alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist", haben nach Nietzsche die "modernen Ideen" erst jene Verzärtelung heraufbeschworen, durch die überhaupt erst eine Empfindsamkeit für soziale Not und Unterdrückung bewirkt worden sei. "Der Sozialismus - als die zu Ende gedachte Tyrannei der Geringsten und Dümmsten, d.h. der Oberflächlichen, Neidischen und Dreiviertels-Schauspieler - ist in der Tat die Schlußfolgerung der 'modernen Ideen'". An dieser substantiellen Prämisse soll offensichtlich im "Nietzsche-Jahr" "herumgeklittert" und der "Prediger des Übermenschen" für die demoralisierte Restlinke salonfähig gemacht werden.

Nicht etwa die Kritik der Entfremdung, Verflachung, Verdinglichung und Vermassung der Menschen in emanzipatorischer Perspektive, sondern der "moderne" Verfall der Herrschaftskultur in ihrer zeitgenössischen bürgerlich-kapitalistischer Gestalt steht im Mittelpunkt der Philosophie Nietzsches. Diese These soll im folgenden kurz umrissen werden.

Unter dem Eindruck der bürgerlichen Entwicklungsblockade in Deutschland zu Beginn des 19. Jahrhunderts, dem Verlust der "heroischen" Illusionen der bürgerlichen Revolutionsphase sowie der Furcht vor dem Rebellionsgeist der Volksmassen legte zunächst Arthur Schopenhauer (1788-1860) den philosophischen Grundstein für den bürgerlichen Irrationalismus. Die scheinbare Diskreditierung der Vernunft als menschliche Potenz in Gestalt ihrer bürgerlich- kapitalistischen "Herabwürdigung" zur "instrumentellen" bzw. profitlogischen Vernunft führt bei Schopenhauer zur Denunzierung der Vernunft schlechthin. Insbesondere wird die Erkennbarkeit und Veränderbarkeit geschichtlicher und gesellschaftlicher Zusammenhänge bestritten und damit ein pessimistischer Verzicht auf politisch-praktische Wirklichkeitsgestaltung nahegelegt. Bekämpft wird der "ruchlose Optimismus" der Hegelschen Geschichtsphilosophie. Demgegenüber wird die Möglichkeit des Fortschritts radikal bestritten; zu aller Zeit walte dasselbe: der absolut freie, unbändige, unvernünftige Wille.

Ist Schopenhauers Irrationalismus und Agnostizismus noch als defensiv-elitärer Ausdruck einer zeitgebundenen bürgerlich-intellektuellen Ohnmachtsreflexion anzusehen, so vollzieht Friedrich Nietzsche (1844-1900) philosophisch den Übergang zur geistig-weltanschaulichen Legitimation des enthemmten Herrenmenschen als "Krone" der antagonistischen Zivilisation. Im Prozeß des Ablösung des "Kapitalismus der freien Konkurrenz" durch den "Monopolkapitalismus", der Etablierung des imperialistischen Kolonialismus, der sich verschärfenden zwischenimperialistischen ("Eroberungs"-)Konkurrenz sowie in Anbetracht der erstarkenden sozialistischen Arbeiterbewegung (Pariser Kommune 1870/71) wird der bürgerlich-revolutionäre Werte- und Menschenrechtshorizont zunehmend als "Zwangsjacke" und "Geißel" der Herrschenden erfahren. Als geistige Reaktion auf diesen "Orientierungswiderspruch" des Herrschaftssubjekts repräsentiert Nietzsches Philosophie den radikalsten und einflußreichsten Bruch mit den weltanschaulich-moralischen Traditionen, Werten und Idealen des antifeudalen Bürgertums der Aufstiegsphase. Den Brenn- und Zielpunkt bildet die emphatische Verteidigung sozialer Ungleichheit bzw. antagonistischer Herrschaftsverhältnisse sowie die Konstruktion des neuen Herrenmenschen. Schon frühzeitig, im Kontext seiner Studien zur Antike, formuliert er sein Credo, "daß zum Wesen einer Kultur das Sklaventum gehöre" (Nietzsche 1966, Bd.3, S.278). Das Elend der mühsam lebenden Menschen müsse noch gesteigert werden, um einer geringen Anzahl olympischer Menschen die Produktion der Kunstwelt zu ermöglichen. Die Menschheit wird demnach von Natur aus als unabänderlich in zwei qualitativ grundverschiedene Typen geteilt angesehen: die edle und vornehme Herrenkaste und die niedrige, pöbelhafte Kaste der Herden-Menschen, der "Viel-zu-Vielen", "Mißratenen" etc. Diese letztendlich biologistisch bedingte Spaltung der Menschheit in "Herren" und "Herde" erfordert "naturnotwendig" die Konstituierung einer antagonistischen Zivilisation: hierarchische Strukturen mit entsprechender Rang- und Kastenordnung; Besitz, Reichtum und Macht für die Herrschenden; Unterdrückung, Sklaverei, Ausbeutung, Not und Mühsal für die Masse der "pöbelhaften" Menschen.

Worauf es Nietzsche ankommt, ist die "mitleidsmoralische" Entskrupelung der Diktatur der "Herrenmenschen": "Das Wesentliche an einer guten und gesunden Aristokratie ist aber, daß sie sich nicht als Funktion (sei es des Königstums, sei es des Gemeinwesens), sondern als dessen Sinn und höchste Rechtfertigung fühlt - daß sie deshalb mit gutem Gewissen das Opfer einer Unzahl Menschen hinnimmt, welche um ihretwillen zu unvollständigen Menschen, zu Sklaven, zu Werkzeugen herabgedrückt und vermindert werden müssen. Ihr Grundglaube muß eben sein, daß die Gesellschaft nicht um der Gesellschaft willen da sein dürfe, sondern nur als Unterbau und Gerüst, an dem sich eine ausgesuchte Art Wesen zu ihrer höheren Aufgabe und überhaupt zu einem höheren Sein emporzuheben vermag ..." (Nietzsche 1966, Band 2, S.728). Nietzsches radikal-antihumanistisches Konzept der Katharsis zielt folglich ab auf die "Umwertung aller Werte", auf die Entschlackung der antagonistischen Zivilisation von der herrschafts- und ausbeutungsbehindernden "Herdenmoral", auf eine Haltung des "Jenseits von Gut und Böse". Auf diese Weise soll - nach dem Tod Gottes - der neue "Übermensch" herangezüchtet werden. Als stilistisches Mittel dient hier die einfach-negatorische Ästhetisierung des Inhumanen, Grausamen, Barbarischen, Falschen etc. Der Idee des Fortschritts wird die "ewige Wiederkehr des Gleichen" entgegengehalten; die Menschheitsgeschichte gilt ihm als "wirrer Kehrichthaufen"; das Bestreben nach einer sozialen und moralischen Verbesserung der gesellschaftlichen Lebensverhältnisse wird durch die Liebe zum Schicksal ("amor fati") konterkariert; nicht Gnade, Weisheit, Weitblick, Gerechtigkeit, sondern Stärke, Gewalt, Rücksichtslosigkeit, Verbrechen werden als Tugenden der neuen Herrenrasse proklamiert. "Es kommt in der Weltgeschichte auf die großen Verbrecher an, eingerechnet jene vielen, welche eines großen Verbrechens fähig waren, aber es nicht taten". "Prachtvoll" ist für Nietzsche "die nach Beute und Sieg lüstern schweifende blonde Bestie", "ekelhaft" hingegen der Anblick der mißratenen, verkrümmten, vergifteten Herdenmenschen. Dem neuen Herrenmenschen wird die "Unschuld des Raubtiergewissens" und "völlige Unverantwortlichkeit" zugebilligt; seine Richtlinien lauten "Nichts ist wahr, alles ist erlaubt!" und "gefährlich leben!". Radikal verworfen bzw. vollständig "pragmatisiert" wird auch die Idee der Wahrheit. "Die Falschheit eines Urteils ist uns noch kein Einwand gegen ein Urteil. ...Die Frage ist, wie weit es lebensfördernd, lebenserhaltend, Art-erhaltend, vielleicht gar Art-züchtend ist; und wir sind grundsätzlich geneigt zu behaupten, daß die falschesten Urteile ... uns die unentbehrlichsten sind" (Nietzsche 1980, Bd.4, S.569).

Die legitimatorische Grundlage für seine Grundintention, die antagonistische Zivilisation radikal zu perfektionieren, sieht Nietzsche im "Willen zur Macht" als dem universellen und konstanten Lebensprinzip. "Leben selbst ist wesentlich Aneignung, Verletzung, Überwältigung des Fremden und Schwächeren, Unterdrückung, Härte, Aufzwängung eigener Formen, Einverleibung und mindestens, mildestens, Ausbeutung" (ebenda, S.729). Von diesem Standpunkt aus kritisiert er die zeitgenössische bürgerliche Herrschaftskultur als verweichlicht, dekadent, unfähig zur Überwindung/Auslöschung der "Herdenmoral" etc. Die Ideen der Aufklärung, die Menschenrechte, der bürgerliche Humanismus der Aufstiegsphase, die "liberalen Institutionen" seiner Zeit (Parlamentarismus, allgemeines Wahlrecht, bürgerlicher Repräsentativstaat, politische Parteien, Massenpresse etc.) werden von ihm haßerfüllt als Fesseln der Herausbildung des neuen Herrenmenschentums verurteilt. Durch diese "modernen" Prinzipien und Regularien sieht er den "Willen zur Macht" unterminiert und die Gefahr der Erhebung und des Triumphs der "Herdentiere" (der pöbelhaften Masse) heraufbeschworen. Aus der Perspektive des aristokratischen Reaktionärs, der die Vornehmheit des "Geblütsadels" und dessen paternalistische Herrschaftsausübung verehrt (Marx hätte diese "romantische Glorie" auf den Grundherrn mit einer Mischung aus Haß, Verachtung und Ironie bedacht), wird die kapitalistische Form des Reichtums und der Ausbeutung negativ bewertet. "Den Fabrikanten und Großunternehmern des Handels fehlten bisher wahrscheinlich allzusehr alle jene Formen und Abzeichen der höheren Rasse, welche erst die Personen interessant werden lassen; hätten sie die Vornehmheit des Geburts-Adels im Blick und in der Gebärde, so gäbe es vielleicht keinen Sozialismus der Masse. Denn diese sind im Grunde bereit zur Sklaverei jeder Art, vorausgesetzt, daß der Höhere über ihnen sich beständig als höher, als zum Befehlen geboren legitimiert - durch die vornehme Form!" (Nietzsche 1966, Band 2, S.65f.)


Eine zweite wesentliche Fessel des neuen Herrenmenschen erblickt Nietzsche in der christlich geprägten abendländischen Moral. Indem das Christentum die Schwachen, Niedrigen, Erbärmlichen und Kranken anrufe und die Gleichheit der Seelen verkünde, stimuliere es Neid- und Rachegefühle und erkläre der Herrenrasse den Krieg. Mit dieser "Seelengleichheitslüge" eigne sich das Christentum als "Herdentier-Religion", die den "modernen Sklavenaufstand" in Gestalt der Französischen Revolution, der Demokratie, des Sozialismus und Anarchismus erst ermöglicht habe. Christliche Werte wie Nächstenliebe, Mitleid, Güte, Selbstlosigkeit, Askese, innerer Friede etc. sind für Nietzsche widernatürliche Verleugnungen des Lebens, die eine perverse Umkehrung von "gut" und "böse" ausdrückten. Die Starken, Gewalttätigen, Rücksichtslosen (die "blonden Bestien") würden herabgesetzt und die Schwachen, Niederen, Mißratenen erhöht. Als Verkörperung der "Sklavenmoral" sei das Christentum "unsterblicher Schandfleck der Menschheit", ein großer Fluch, ein "Aufstand alles Am-Boden-Kriechende gegen das, was Höhe hat."

In Form der Verschmelzung von biologistischer Apologetik der antagonistischen Zivilisation und antichristlichem Irrationalismus liefert Nietzsches Philosophie das spätbürgerliche Gegenbild zur allgemeinmenschlich auftretenden Aufklärung, die in der "heroischen Phase" der "aufsteigenden" antifeudalen Bourgeoisie als weltanschauliches Leitkonzept fungierte. Damit wird aber auch die Subjektkonstruktion auf nachhaltige und widersprüchliche Weise tangiert: Das bürgerliche Subjekt erfährt einen intensiven "Feinschliff" als Herrschaftsträger, ohne freilich seine der "Kapitallogik" geschuldeten - und von Nietzsche weitgehend verkannten - Wesensmerkmale preiszugeben.


Marx in die Nähe von Nietzsche zu rücken (oder umgekehrt) ist meines Erachtens eine intellektuelle Schandtat; so als würde man ein Hakenkreuz auf einen jüdischen Grabstein schmieren. Daß das ND sich zum Zeitpunkt einer staatlichen Offensive gegen den (vor allem in Ostdeutschland grassierenden) Rechtsextremismus als Tribüne für  intellektuelle Skinheads zur Verfügung stellt, ist aufschlußreich!


© Hartmut Krauss, Osnabrück 2000











 

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