Start

Beiträge zur Politik  






Hartmut Krauss

Zwischen Marktreligion und Djihad. Triebkräfte der neuen Weltunordnung

I.

Für die Masse der Weltbevölkerung hat sich im Verlauf schmerzhafter Desillusionierungsprozesse herausgestellt, dass die Welt nach dem Zerfall des "realen Sozialismus" keinesfalls friedlicher, sozial gerechter, harmonischer, katastrophenärmer, kurzum: glücklicher geworden ist. Ganz im Gegenteil: Mit dem Ende der Blockkonfrontation ist die Welt unübersichtlicher, zwieträchtiger, problembeladener, überbevölkerter, irrationaler und in wachsendem Maße inhumaner geworden. Jugoslawienkrieg, Golfkrieg , Tschetschenienkriege, der Genozid in Ruanda, die Warlordisierung Afrikas, das Talibanregime, der 11. September, Irakkrieg, Dafur, Kollaps der new economy, islamistische Terroranschläge als konstante tagespolitische Erscheinung an verschiedensten Schauplätzen etc. - alles Ereignisse und Erscheinungen seit dem Fall der Mauer - sprechen eine deutliche Sprache. Aus deutscher Sicht könnte man hinzufügen: Deindustrialisierung Ostdeutschlands, wachsende Arbeitslosenzahlen, Auszehrung der Sozialsysteme, Parteispendenaffäre, Pisa-Studie, Studiengebühren, Agenda 2010, Hartz IV, ein Papst aus Deutschland und das Damoklesschwert einer Kanzlerin Merkel.

Vor dem Hintergrund dieser vielschichtigen Problem- und Krisenverdichtung ist gleichzeitig eine globale Wiederbelebung religiöser und irrationaler Erscheinungen und Tendenzen festzustellen, die weniger von einem spontanen Ausbruch spiritueller Bedürfnisse zeugt, als vielmehr von der Reaktivierung des Religiösen als Quelle reaktionärer Widerspruchsverarbeitung. Als hervorstechende Erscheinungsformen erweisen sich hier kulturübergreifende fundamentalistische Bewegungen, die sich wechselseitig entzünden und hochschaukeln, also so etwas wie eine destruktive Motivationsdyade bilden. So wird die gegenwärtige weltpolitische Lage ganz wesentlich bestimmt durch die gewalttätige Kollision zwischen MCWorld und Djihad, zwischen protestantisch-fundamentalistisch unterfüttertem US-Kapitalismus und islamististisch entzündeter nichtwestlicher Herrschaftskultur, die während des Ost-West-Konflikts in ihrer Eigenständigkeit weitgehend unbeachtet geblieben ist. Immer deutlicher zeichnet sich ab, dass die in den letzten Jahren zunehmend fundamentalistisch radikalisierten und politisierten Religionen erneut als wirkungsmächtige Bedeutungssysteme zur Irreführung menschlicher Widerspruchs- und Krisenerfahrungen in eine regressive, reaktionäre, selbstzerstörerische und zunehmend auch massenmörderisch-terroristische Richtung wirken und damit einen eigenständigen Beitrag zur Stabilisierung und Vertiefung des menschlichen Elends leisten.

Als besonders fatal erweist sich nun dabei der Tatbestand, dass sich angesichts dieser qualitativen Vertiefung, zunehmenden Verflechtung und wachsenden Beschleunigung mehrdimensionaler objektiver und geistig-kultureller Krisenprozesse der subjektive Faktor bzw. das praktisch-kritische Bewusstseins- und Tätigkeitsniveau potentiell transformationskompetenter Akteure ein gänzlich unzulängliches Niveau aufweist. Bevor wir darauf am Schluss noch etwas näher eingehen wollen, soll zunächst die kausale Dynamik der globalen Krisenverschärfung skizziert werden.

II.

Der grundlegende Widerspruch der zunehmend interdependenter (wechselseitig von einander abhängig) werdenden, aber gleichzeitig herrschaftskulturell heterogen und fragmentiert bleibenden 'Weltgesellschaft' ist dieDiskrepanz zwischen wachsender Erdbevölkerung (von derzeit 6,1 auf 9,3 Milliarden Menschen 2050) bei gleichzeitiger Verknappung substanzieller Lebensgüter wie Wasser, Nahrung' Wohnung, Energie, auskömmliche' Arbeitsplätze, Bildung, Gesundheitsversorgung etc. So verbrauchen die Menschen nach einem Bericht des World Wide Fund for Nature (WWF) jährlich rund 20 Prozent mehr natürliche Ressourcen, als die Erde an Naturschätzen produziert bzw. regenerativ hergibt. Der Verbrauch fossiler Brennstoffe wie Kohle, Öl und Gas ist von 1961 bis 2001 um fast 700 Prozent gewachsen, während die Bestände von Land-, Süßwasser- und Meerestierarten von 1970 bis 2000 durchschnittlich um 40 Prozent zurückgegangen ist. Gemessen an Landverbrauch, Umweltverschmutzung, Energieverbrauch und Kohlendioxiydausstoß erwiesen sich die Bewohner der vereinigten Arabischen Emirate, gefolgt von den USA, Kuwait, Australien und Schweden als die größten Umweltsünder. Ein erhöhter Druck auf die Ressourcen ergibt sich gegenwärtig aus dem Anstieg des Energieverbrauchs in Asien, vor allem in China und Indien. Wenn nicht massiv gegengesteuert wird, muss weltweit spätestens 2030 mit einer drastisch sinkenden Lebensqualität gerechnet werden. Nach einem Bericht des UNO-Bevölkerungsfonds (UNFPA) für den Zeitraum 1990 bis 2000 konnten in 64 von 105 untersuchten Entwicklungsländern die Nahrungsmittelproduktion nicht mit dem Bevölkerungswachstum Schritt halten. So waren 2001 800 Millionen Menschen chronisch unterernährt und über eine halbe Milliarde Menschen litten unter Wasserknappheit. Bis 2025 könnte sich diese Zahl verdoppeln. Ca. 25 Millionen Menschen sind bereits jetzt auf der Flucht vor Umweltkatastrophen und Ressourcenknappheit. Auch dadurch bedingt, hat sich infolge eines rapiden Urbanisierungsprozesses die städtische Bevölkerung weltweit seit 1950 mehr als vervierfacht, von damals 733 Millionen auf heute knapp drei Milliarden. Aufgrund der damit hervorgerufenen Überlastungssituation "haben schätzungsweise 220 Millionen Stadtbewohner in der Dritten Welt keinen ausreichenden Zugang zu sauberem Trinkwasser, 420 Millionen keinen Zugang zu auch nur den einfachsten sanitären Einrichtungen, 600 Millionen sind ohne angemessenen Wohnraum und 1,1 Milliarden leiden unter gesundheitsgefährlicher Luftverschmutzung" (Worldwatch Institute 2005, S.97).

Worin liegen nun die Ursachen für den globalen Grundwiderspruch der menschlichen Zivilisation:

Zum einen ist hier auf die chronische Massenarbeitslosigkeit als hervorstechender Ausdruck der spätkapitalistischen Transformationskrise zu verweisen. "Dabei bezeichnet der Begriff Transformationskrise jenen historisch-spezifischen Systemzustand, in dem die Aufrechterhaltung der Selbstreproduktion des kapitalistischen Gesellschaftssystems ... nur noch um den Preis anwachsender struktureller und stofflicher Selbstdeformation zu bewerkstelligen ist" (Krauss 1995, S. 21). Aufgrund der mikroelektronischen und informationstechnologischen Umwälzung der Produktivkräfte sowie der grundlegenden Verschiebungen innerhalb der gesellschaftlichen Gesamtarbeit (Agrarproduktion/Güterproduktion/Dienstleistungen) breitete sich in den letzten Jahrzehnten eine enorme Rationalisierungswelle aus, in deren Folge es zu einschneidenden Veränderungen in der gesellschaftlichen Kapitalanlage mit dem Effekt der massenhaften Reduzierung einfacher manueller Tätigkeit kam. So hat die globalisierte Kapitalreproduktion heute offensichtlich ein wissenschaftlich-technisches Intensitäts-, Produktivitäts- und organisches Zusammensetzungsniveau erreicht, das die quantitative Nachfrage nach 'verwertbarer' lebendiger Arbeitskraft teils stagnieren, teils absolut sinken lässt. "Laut Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation ILO waren 2003 schätzungsweise 88 Millionen junge Menschen im Alter von 15 bis 24 Jahren ohne Arbeit. In der Dritten Welt, in der 85% aller jungen Menschen zu Hause sind, ist die Arbeitslosigkeit in dieser Gruppe besonders hoch und liegt fast viermal höher als bei den Erwachsenen insgesamt" (Worldwatch Institute 2005, S.89f.). Während diese der kapitalistischen Verwertungslogik entspringende Produktion einer Masse überschüssiger Arbeitskräfte an der Peripherie als Verelendung ganzer Weltregionen in Erscheinung tritt, entwickelt sich in den Zentren eine wachsende "Unterklasse" von Langzeit- und Dauerarbeitslosen. Innerhalb dieser Unterklasse hat sich wiederum eine besondere Gruppe bildungsschwacher, nichtintegrierter junger Migranten festgesetzt, die nach Expertenangaben vor allem in Ballungsgebieten in erheblichen Maße für Raub- und Sexualdelikte verantwortlich sind. Der Gegenwartskapitalismus ist folglich durch eine qualitativ neue globale und nationale Spaltung in "fungierendes" und marginalisiertes sowie ausgegrenztes/überschüssiges variables Kapital gekennzeichnet. Da der spätbürgerliche Neoliberalismus im Gegensatz zur 'gesetzmäßigen' Widersprüchlichkeit und Krisenhaftigkeit des kapitalistischen Reproduktionsprozesses die Mechanismen des 'freien Marktes' als allmächtige Heilmittel beschwört und generell den Markt wie einen Fetisch verehrt, kann hier von der marktreligiösen Erzeugung einer 'künstlichen' Überschussbevölkerung gesprochen werden.

Zum anderen wirkt sich die Beharrungsmacht nichtwestlicher prämoderner Herrschafts- und Sozialisationsverhältnisse negativ aus: Nicht das Fehlen kapitalistischer Handlungsmuster sowie die Nichtintegration in den Weltmarkt zeichnet nichtwestliche Herrschaftskulturen aus, sondern die Abwesenheit von der 'kulturellen Moderne' (individuell-emanzipatorische Grund- und Menschenrechte, Trennung von Religion, Staat/Politik und Privatsphäre, demokratische Zivilgesellschaft, Kultur der Aufklärung bzw. säkular-humanistische Bedeutungssysteme etc.). Systemstrukturell sind nichtwestliche Gesellschaften demnach durch die Verflechtung von Profitökonomie, technologischer und bürokratischer Modernität sowie prämoderner, religiös legitimierter Herrschaftsbeziehungen charakterisiert. Dabei sind hier folgende Aspekte von Bedeutung:

1) Die Herausbildung und Verfestigung derTradition absolutistisch-autokratischer Herrschaftsausübung1 mit einem despotischen Führer (Pharao, Kaiser, Mogul, Kalif, Sultan etc.) und seinem Clan an der Spitze (Herrscherhaus).

2) Die Etablierung und Fixierung eines außerhalb rechtlicher Einschränkungen agierenden Machtstaates2, dessen Funktionsträger notorisch zur Praxis der Korruption/Erpressung, Willkür, Repression und des Terrors greifen.

3) Die chronisch schwache Stellung des Privateigentums vor dem Hintergrund des Fehlens einer Kultur der institutionalisierten Freiheitsgarantie und Rechtssicherheit des bürgerlichen Privateigentümers sowie des staatsbürgerlichen Individuums (Nichtexistenz einer Tradition der "Bürgergesellschaft").

4) Die Tradition einer religiös begründeten/legitimierten Gehorsamskulturals herrschaftskultureller Grundzug, wobei die Religion gezielt als geistig-psychisches Instrument der Verformung menschlicher Subjektivität in Untertänigkeit genutzt wird. (Als hegemoniales Bedeutungssystem liefert die Religion das 'Begründungsmaterial' für subjektiv sinnhafte Unterwerfung.) Ein wesentliches sozialisatorisches Reproduktionsmoment der orientalisch-despotischen 'Gehorsamskultur' ist die Etablierung eines schulischen Indoktrinationssystems, in dem Auswendiglernen religiöser Texte und das Einpauken eines Habitus der frömmigen Unterwürfigkeit (einschließlich der 'expressiven' Bekundung herrschaftlich gesetzter Feindbilder) an erster Stelle steht 3.

5) Die Verankerung einer zählebigen Tradition des patriarchalischen Familiendespotismus als soziokultureller Mikroaspekt der prämodern-despotischen Herrschaftskultur (Strukturelle Ergänzung von Staats- und Familienautorität). Die umfassende Beherrschung der Gesellschaftsmitglieder durch die despotischen Machtinstanzen wird 'von unten' abgesichert durch eine intrafamiliale diktatorische Kontrolle der Lebensführungspraxen der Familienmitglieder seitens des männlichen Familienoberhauptes 4. So ist z. B. nach Konfuzius eine Erziehung, die absoluten Gehorsam gegenüber den Eltern und Lehrern verlangt, die ideale Erzeugungsbasis für totalen Gehorsam gegenüber den Herrschenden.

Insbesondere die patriarchalische Beherrschung der Frau in Verbindung mit dem Fehlen einer institutionalisierten, säkular ausgerichteten und reflexiven Bildungs- und Erziehungskultur führt zur Fixierung traditionalistischer Orientierungen und Verhaltensmuster, was nicht zuletzt das religiöse Verbot von Empfängnisverhütung sowie Kinderreichtum als göttliche Pflicht beinhaltet. So "wiesen im Jahr 2000 weltweit über 100 Länder 'Jugendbeulen' auf - also eine Situation, in der auf die Altersgruppe der 15 bis 29-Jährigen über 40% der gesamten Erwachsenenbevölkerung entfällt. Diese Länder mit einer extrem jungen Bevölkerung liegen ausnahmslos in der Dritten Welt, wo die Fruchtbarkeitsraten am höchsten sind, und die meisten davon wiederum in Afrika südlich der Sahara sowie im Nahen und Mittleren Osten" (Worldwatch Institute 2005, S.88). Bevölkerungsexplosion erweist sich demnach als struktureller Ausdruck unaufgeklärter bzw. aufklärungsresistenter Herrschaftsverhältnisse, so dass wir es hier mit der gottesreligiösen Erzeugung einer realen Überschußbevölkerung zu tun haben. Dabei erweist sich Religion nicht nur als funktionales 'Bindemittel' rückständiger Sozialstrukturen, sondern in ihrer fundamentalistischen Form zugleich auch als desorientierende und gewalterzeugende Instanz, die jene mehrheitlich jugendliche Überschussbevölkerung indoktriniert, fanatisiert und in eine regressiv-problemverschärfende Richtung drängt. In Pakistan beispielsweise werden die Kinder landloser Bauern und Tagelöhner, die sich in städtischen Slums angesammelt haben, in einem Netz von Koranschulen und extremistischen Gruppen aufgefangen und abgerichtet. "In einem Land, in dem die Hälfte der Bevölkerung unter achtzehn Jahre alt ist, herrscht kein Mangel an Jungen, die man zu selbstmörderischer religiöser Eiferei verführen kann" (Kevin Bales 2001, S. 235).

III.

Die fatale Koexistenz von kapitalistischer (künstlicher) und prämoderner (realer) Überbevölkerungsproduktion findet ihre strukturelle Verflechtung in der Dialektik zwischen spätmodern-kapitalistischer (westlicher) und prämodern-unaufgeklärter (nichtwestlicher) Herrschaftskultur. Der verbreitete Topos vom "Kampf der Kulturen" verstellt in seiner zusammenhangs- und prozeßblinden Einseitigkeit gerade diese konfliktreiche Verflechtungsdynamik. Hier wird nämlich der Widerspruch als jäher und unbeweglicher/eingefrorener Gegensatz fixiert, ohne seine antagonistischen Seiten in ihrer realen Verbundenheit zu begreifen. Gesehen wird z.B. entweder nur der politisch-militärische Gegensatz USA-Al Qaida oder nur die ökonomisch-politische Allianz USA-Saudi-Arabien. Tatsächlich besteht zwischen den Herrschaftskulturen des Westens und der nichtwestlichen Welt aber nicht nur Kampf (Krieg, Terror, militärische Auseinandersetzung) sondern zugleich auch 'Einheit' bzw. strategische Verknüpfung (Warenaustausch, Diplomatie, Waffenhandel, Kommunikation) und ideologische Wesensähnlichkeit (Mobilisierung des religiösen Irrationalismus als Herrschaftsmittel) zu Lasten der unterworfenen Bevölkerungen und des gesellschaftlichen Fortschritts, d. h. des Aufbaus herrschaftsfreier, säkularisierter, 'vernünftig' organisierter Sozialordnungen, dass sich die kapitalistische Marktökonomie nur im Rahmen von politischer Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie etc. entfalten könnte, ist ein Grundmythos der bürgerlichen Herrschaftsideologie. Wie man z. B. im europäischen Faschismus oder in den lateinamerikanischen Militärdiktaturen gesehen hat, verträgt sich die Entfaltung der kapitalistische Ökonomie in Wirklichkeit sehr gut mit autokratischen/totalitären Herrschaftsverhältnissen, der Missachtung von Menschenrechten und der Abwesenheit zentraler Aspekte der kulturellen Moderne. "Grundregulator bzw. oberste Handlungsmaxime der bürgerlich-kapitalistischen (Re-)Produktionsweise ist nicht die Einhaltung von abstrakten Rechtsnormen und moralischen Setzungen, sondern die Maximierung von Profit" (Krauss 2003, S. 20). Das postkommunistische "räuberkapitalistische" Russland oder der chinesische Modernisierungsprozess unter partei- und staatsdiktatorischer Führung bieten weiteres reichhaltiges Anschauungsmaterial. Nicht den Schurken 'an sich' gilt daher der Argwohn des Westens, sondern nur den "bösen"/unbotmäßigen Schurken, während man mit den "guten"/anpassungsbereiten Schurken Zweckbündnisse und gewinnträchtige Allianzen schließt. So kam und kommt es dort, wo das westliche Kapital in nichtwestliche Herrschaftkulturen eindringt, nicht etwa zu einer gesamtgesellschaftlich wirksamen progressiven Erneuerung. Unter den Bedingungen der seit Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzenden kapitalistischen Expansion und des imperialistischen Kolonialismus gerieten die nichtwestlichen traditionalen Gesellschaftsordnungen zwar unter einen enormen Anpassungs- und Veränderungsdruck, so dass die 'prämodernen' Herrschaftsstrukturen, Sozialbeziehungen und Legitimationsideologien hier und da 'Risse' bekamen und punktuell untergraben wurden. Aber nur in sehr wenigen Ländern (wie in Japan5 und einigen anderen innerhalb der fernöstlichen Zivilisation) wurde die traditionale Grundstruktur nahezu vollständig durch das privatkapitalistisch fundamentierte und zentrierte Wirtschafts-, Rechts-, und Institutionensystem ersetzt. In allen anderen Ländern des nichtwestlichen Typs, also bei der überwiegenden Mehrheit, wurde die traditionale Grundstruktur bei weitem nicht vollständig beseitigt. Bei aller Unterschiedlichkeit der Entwicklungsprozesse waren diese exogenen Determinanten letztendlich nicht intensiv genug, um das überlieferte Herrschaftsgefüge zerstören zu können und die traditionale Grundstruktur insgesamt zu überwinden. Das seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts zu beobachtende Aufleben neototalitär-fundamentalistischer Massenbewegungen unter zum Teil fanatisch-militanter Berufung auf traditionelle Leitbilder, Herrschaftsprinzipein und alltagskulturelle Ordnungskonzepte ist ein aktueller Ausdruck dieser Beharrungskraft traditionaler Herrschaftskultur gegenüber der 'westlichen Moderne'. Dort, wo fundamentalistische Kräfte an die Macht gelangten wie im Iran, im Sudan , in Pakistan (unter Zia ul-Haq) und Afghanistan (unter den Taliban), kam es zur Installierung totalitär-diktatorischer Regime als modernisierte/radikalisierte Neuauflagen der orientalischen Despotie. In anderen Herrschaftssystemen bilden autokratische Regimeträger mit fundamentalistischen Bewegungen eine widersprüchliche strategische Symbiose (Ägypten, Jordanien, Malaysia), fungieren als hegemonialer Sponsor des multinationalen Fundamentalismus (Saudi-Arabien) oder führen wie in Algerien einen blutigen bzw. wie Marokko und Tunesien einen verdeckten Krieg gegeneinander, was letztendlich ebenfalls zur Stärkung der absolutistischen Staatsmacht beiträgt6. Und bevor die Geburtswehen des autonomen Palästinenserstaates überhaupt erst einsetzen, stellt sich bereits jetzt die Frage nach dem zukünftigen Einfluß der fundamentalistischen Kräfte (Hamas, Djihad) auf die Staatsbildung.

Der bevölkerungsexplosive 'nichtwestliche' Teil der Welt ist folglich nicht einfach nur passives Material der vom Westen ausgehenden Globalisierung, sondern ein eigenständig-gegenläufiger Wirkraum mit einer beharrungsfähigen 'einheimischen' Herrschaftskultur sowie entgegengesetzten Subjektivitäten und Handlungsenergien, die sich gleichfalls als globalisierungsfähig erweisen. Von einem dritten, kritisch-emanzipatorischen Standpunkt aus betrachtet, ist diese 'antiwestliche' Widerständigkeit/Brechungskraft nicht per se als Ausdruck progressiver (solidaritätsheischender) Ambitionen zu werten, sondern als Indikator eines konkurrenten 'Willens zur Macht' bzw. zur reaktionären Herrschaftsbehauptung und -erweiterung. Wie man am Beispiel Saudi-Arabiens und der übrigen parasitären Erdölmonarchien ablesen kann, findet gerade im Rahmen des Globalisierungsprozesses eine zunehmende strukturelle und strategische Verflechtung von 'moderner' und 'prämoderner' Herrschaftskultur statt. Einerseits sind diese Länder fest und profitabel in das kapitalistische Weltwirtschaftssystem integriert, fungieren als Kapitalexporteure und Waffenimporteure, die Günstlingsbeziehungen zu westlichen Politikern und Kapitalisten aufbauen und unterhalten. Andererseits agieren sie als globaler Förderer und Finanzier des islamischen Fundamentalismus. /Dabei bilden ein komplexes Bankensystem sowie ein Netzwerk aus Firmen, politischen und pseudokaritativen Einrichtungen die zentralen Stützpfeiler dieses expansiven Islamismus. So wurde und wird ein beträchtlicher Teil der Profite aus dem Erdölgeschäft unmittelbar in die Unterstützung der multidimensionalen Aktivitäten des islamischen Fundamentalismus einschließlich der palästinensischen Märtyrerindustrie reinvestiert. "Praktisch sämtliche Islamistennetzwerke im Nahen Osten, in Afrika und in der westlichen Welt wurden so vom saudi-arabischen Staat und über den Umweg der von ihm kontrollierten internationalen islamischen Institutionen finanziert: die Organisation der islamischen Konferenz (gegründet 1970), die Islamische Weltliga (NGO mit missionarischer Zielsetzung, gegründet 1962) und vor allem die saudi-arabischen Holdings und Banken, wie die Faisal Islamic Bank, die Dar-al-Mal oder die Dallah al-Baraka. Parallel dazu vervollständigen die Privatinitiativen der al Saud und der Prinzen des Königreichs das Gerüst seiner 'muslimischen Diplomatie'" (Brisard/Dasquié 2002, S. 92). Wurden die Nazis in ihrer Aufstiegsphase gezielt aus Kreisen der deutschen Großindustrie und des Großgrundbesitzes gefördert und unterstützt, so ist der islamisch-sunnitische Fundamentalismus in seiner organisatorischen Breite, propagandistischen Präsenz, logistischen Kapazität und militanten Stärke undenkbar ohne die hinter ihm stehenden reichen arabischen Familienclans7. "Osama bin Laden ist lediglich das Symbol für die wichtigsten religiösen und finanziellen Interessen, die auch die Grundlage für die Zukunft des saudi-arabischen Systems bilden. Die Netzwerke, die ihn unterstützen, ... seien es islamische Banken oder karitative Einrichtungen, sind auf Dauer angelegt, und es ist eher unwahrscheinlich, dass sie mit Osama bin Laden verschwinden" (ebenda, S. 108).

Saudi-Arabien und die übrigen parasitären Erdölmonarchien sind nur ein, wenn auch relevantes, Beispiel für die wechselseitige Anpassungs- und Durchdringungsfähigkeit 'moderner' kapitalistischer und traditionaler Herrschaftskultur zu Lasten der beherrschten und entmündigten Bevölkerungsgruppen. So zeigt sich im Globalisierungsprozess zunehmend, dass kapitalistische Profitwirtschaft auch und gerade im Rahmen nichtwestlich-'prämoderner' (neodespotischer) Herrschaftsstrukturen gedeiht, während andererseits die traditionalistischen Herrschaftseliten die Einführung kapitalistischer (Re-)produktionszusammenhänge gewinnbringend in ihr überliefertes Macht- und Legitimationsinstrumentarium einzuverleiben vermögen. Der 'antiwestliche Reflex' ist hier weitestgehend nicht ökonomischer/antikapitalistischer Natur, sondern gegen die herrschaftslabilisierenden Grundinhalte der kulturellen Moderne (Menschenrechte, Demokratie, Säkularisierung, individuelle Emanzipation, Rechtsstaatlichkeit etc.) gerichtet.

Die globalisierungskritische Bewegung wäre gut beraten, ihre Protestaktivitäten nicht einseitig auf den Westen zu fokussieren, sondern in gleichem Maße ihre kritische Praxis auch auf die Knotenpunkte der 'nichtwestlichen' Herrschaftsverhältnisse bzw. den Neodespotismus zu konzentrieren. Es gibt nicht nur OECD- sondern auch OPEC-Tagungen, bei denen es sich trefflich demonstrieren ließe. Vielleicht bestünde dort sogar die Möglichkeit, einschlägige Erfahrungen mit der einheimischen Religionspolizei zu sammeln.

Die negative Synergie zwischen exogener (von außen einbrechender) Modernisierung und der Beharrungskraft 'prämoderner’ Herrschaftskultur gipfelt nicht nur in der sozialexplosiven Gleichzeitigkeit von globaler Massenarbeitslosigkeit und rapidem Bevölkerungswachstum in den kulturell nichtmodernisierten Regionen. Im Zusammenhang mit der Zunahme von kriegerischen Konflikten und Naturkatastrophen hat sich auch der Migrationsdruck mit der Konsequenz wachsender Einwanderungsbewegungen in die 'westlichen’ Zonen des metropolitanen Kapitalismus erhöht. Das führt nun wiederum zur schleichenden Ausbreitung von gegenaufklärerischen Diasporakulturen in westlichen Ländern (insbesondere in Form des "Ghetto-Islams") und damit auch hier zur Verflechtung und bizarr-reaktionären Überlagerung von kapitalistischen und traditionalistischen Herrschaftsstrukturen. So sind Ehrenmorde, Zwangsverheiratung und weibliche Genitalverstümmelung in Westeuropa längst an der Tagesordnung. Nach Angaben von Waris Dirie, der UNO-Sonderbotschafterin gegen die Genitalverstümmelung der Frauen, leben eine halbe Million betroffener Frauen in Europa.

Ein Sinnbild/personales Symptom der fatalen Verflechtung kapitalistischer und prämodern-unaufgeklärter Sozialmechanismen ist die wachsende Zahl nichtintegrierter, bildungsschwacher junger männlicher Migranten mit zum Teil gravierenden Sprach- und Qualifikationsdefiziten, die einerseits eine traditionalistisch-patriarchalische Familiensozialisation durchlaufen haben und gleichzeitig mit den Verlockungen und Inszenierungen der konsumistischen Massenkultur konfrontiert werden. Das Resultat dieser soziokulturellen Zerrissenheit ist dann oft die subjektive Ausformung eines aggressiven Männlichkeitskults mit starkem Hang zu übertriebener Ehrverletzlichkeit und niedrigschwelliger Gewaltbereitschaft. So kann es auch nicht verwundern, dass der starke Anstieg der Gewaltkriminalität in den letzten zehn Jahren überproportional auf das Konto ausländischer Jugendlicher ging 8.

IV.

Die dialektische Koexistenz westlich-spätkapitalistischer und nichtwestlich-autokratischer Herrschaftsstrukturen und -formen äußert sich in zunehmend bizarrer werdenden Erscheinungsvarianten der antagonistischen Doppelherrschaft von MCWorld und Djhad (Barber) bzw. hedonistischer Spaßgesellschaft und religiöser Bevormundung. Wie lässt sich dieser Dopppelcharakter der globalen Herrschaftsausübung genetisch und funktional näher bestimmen?

Vormoderne Herrschschaftsordnungen, die auf personalen Abhängigkeitsverhältnissen und einer vorwissenschaftlichen Mensch-Welt-Beziehung basieren, bedürfen unterschiedlicher Erfindungsarten eines Jenseits (Polytheismus, Monotheismus, Pantheismus etc.) als letztgültige Orientierungs-, Sinngebungs- und Legitimationsquelle. Dabei läßt diese autoritär gesetzte metaphysische Seinsordnung keinen Raum für individuell-emanzipatorische Lebens- und Selbstentwürfe, sondern enthält strikte Weltdeutungsvorgaben, Handlungsvorschriften, Normen, Regeln, Sanktionen etc. für nahezu sämtliche Lebensbereiche und -vollzüge. Erst mit dem spezifisch westeuropäischen Übergang zur posttradionalen bürgerlichen Gesellschaft wurde diese strikte Deutungs-, Normierungs- und Legitimationsmacht aufgebrochen, ohne dass etwa die Strömung des Aufklärungsatheismus tatsächlich hätte dauerhaft hegemonial werden können. An die Stelle von personaler Herrschaft trat zwar einerseits zunehmend der stumme Sachzwang der Kapitallogik, so dass ein Übergang von der gottesreligiösen zur marktreligiösen Entfremdung stattfand. Aber andererseits verwandelte sich das antifeudale/revolutionäre Bürgertum in die herrschende Bourgeoisie.

Mit dieser sozialen Metamorphose geht ein grundlegender weltanschaulicher Dominanzwechsel vom aufklärerischen Rationalismus zum lebensphilosophisch-pessimistischen Irrationalismus einher, der die Rückwendung des bürgerlichen Denkens zur Religion bzw. die "Wiederentdeckung" der Religion als herrschaftideologische Ressource einschließt. (Vgl. zum Beispiel aktuell den aufdringlichen Medienkatholizismus.) Zudem überlässt die kapitalismustypische Undurchschaubarkeit des gesamtgesellschaftlichen Reproduktionsprozesses sowie die diesem immanente Entfremdungs- und soziale Unsicherheitserfahrung religiösen und anderen nichtrationalen Ideen (Verschwörungsideologien) und Weltdeutungen ein weites Feld.

In der Begegnung mit prämodern konstituierten nichtwestlichen Kulturen wird nun dieses nicht überwundene Potential zum einen durch Migrationsimporte reaktiviert, während zugleich die konsumistische Massenkultur und spätkapitalistische Warenästhetik in diese Kulturkreise destabilisierend eingespeist wird. Der exogenen (ökonomisch-technisch-bürokratischen) Modernisierung der nichtwestlichen Länder entspricht somit so etwas wie die exogene Irrationalisierung des Westens bzw. die zusätzliche religiösen Kontaminierung von außen. Da die neoliberal und kosmopolitisch ausgerichtete Spätbourgeoisie sich längst von der kulturellen Moderne verabschiedet hat und z. B. die Würde und die Rechte des Menschen nur noch durch die Brille der globalen Profitmaximierung und des ungestörten Warenkreislaufs betrachtet, hat sie aus ihrer ideologischen Not eine Tugend gemacht und kombiniert hedonistischen Konsumismus und (neo-religöse) Indoktrination als zielgruppenspezifische Formen der geistig-kulturellen Herrschaftsausübung. Was wir heute in den noch nicht barbarisierten Teilen der Welt vorfinden, ist demnach der gleichzeitige Einsatz von Verführung/Verlockung in Gestalt der hedonistisch-konsumistischer Massenkultur des Habens für die zahlungskräftigen Konsumenten einerseits und die (neo-)religiöse Vertröstung/Irreführung/Bevormundung/Askese für die wachsende Überschussbevölkerung andererseits. Shopping-Center und Moschee, Kirche und Großdiskothek Rücken an Rücken.

Wir stehen folglich vor der Notwendigkeit einer dringend erforderlichen Renovierung des kapitalismuskritischen Denkansatzes: Indem das Kapital sich zunehmend globalisiert hat, ist es postmodern geworden. Das bedeutet zum einen, das es sich nichtwestlichen Herrschaftskulturen gegenüber öffnet und mit diesen strategische Allianzen auf ökonomischem, militärischem. politischem etc. Gebiet eingeht. Dazu gehört natürlich auch ein ausgeprägter soziokultureller Verharmlosungsdiskurs bzgl. des antiemanzipatorischen Charakters dieser neuen Bündnispartner. Zum anderen verhält es sich damit praktisch zunehmend nihilistisch gegenüber den Grundinhalten der eigenen, westlich "gewachsenen", antifeudalen/antimittelalterlichen Leitkultur und bürdet den einheimischen Bevölkerungen die sozialen Folgekosten dieser neuen globalen Herrschaftsstrategie in Gestalt von Zuwanderungsghettos, Parallelgesellschaften, Sozialdemontage, höheren Abgabelasten etc. auf. Dabei nutzt die postmoderne Elite das klassische Rechts-Links-Schema, um Verwirrung zu stiften und praktisch-kritische Widerstandsimpulse zu ersticken. Wer sich der neuen kapitalistischen Verbündungsstrategie mit nichtwestlich-despotischen Herrschaftsrägern und deren religiösen "Leitkulturen" widersetzt und den wachsenden Migrationsimport zusätzlicher reaktionärer Denk- und Verhaltensweisen kritisiert, wird als "rassistisch", "fremdenfeindlich", "rechtslastig", "islamophob" etc. gebrandmarkt. Wer demgegenüber als willfähriger Handlanger und Schönredner eingewanderter Repressionskulturen und deren totalitären Ideologien fungiert, gilt - in moralischer Ausbeutung eines noch nachwirkenden naiv-unkritischen Internationalismusideologie - als "fortschrittlich", "aufgeschlossen" bzw. als "toleranter Gutmensch".

V.

Der bürgerliche Verrat an den Ideen, Prinzipien, Leitbegriffen der 'kulturellen Moderne', die einen reichhaltigen Fundus für die Ausprägung einer postreligiösen humanistischen Moral und Werterziehung bereitstellen, hat die Reaktivierung des Religiösen schubweise zur herrschaftsideologischen ultima ratio werden lassen. So hat sich gerade aktuell herausgestellt, dass Neoliberalismus und konsumistische Massenkultur keine dauerhaft befriedigenden Antworten auf die menschlich-existenziellen Fragen nach Lebenssinn und -perspektive bereitzustellen vermögen. Deshalb auch die Bereitschaft breiter Teile der westlichen Herrschaftselite, das Religiöse aus kompensatorischen Gründen als Mittel der geistigen Desorientierung und Fehllenkung menschlicher Handlungsenergien zu reinstrumentalisieren. Wer an ein Jenseits glaubt, das irdische Leben entwichtigt, Selbstgenügsamkeit als selbstheiligenden Gottesdienst ansieht, Feindesliebe praktiziert, Mitleid und Narzißmus zu einem selbstgerechten 'Gutmenschentum' verschmilzt etc. ist zum einen als praktisch-kritischer Kämpfer für eine Verbesserung der irdischen Lebenswirklichkeit nachhaltig suspendiert. Zum anderen fügt er sich demütiger und hinnahmebereiter in die vorgegebenen Herrschaftsstrukturen und Abhängigkeitsverhältnisse ein und ist gegenüber kritisch-humanistischen Gesellschafts- und Lebensentwürfen immunisiert oder doch zumindest überdurchschnittlich resistent.

Doch neben dieser quietistischen/passiven Verformung menschlicher Subjektivität eignet sich das Religiöse auch als Mittel zur aktivistischen Entfachung eines glaubensfanatischen Eiferertums, dass auf die totalitäre Normierung der eigenen Klientel sowie auf die Beherrschung von Anders- und Nichtgläubigen abzielt. In Gestalt des 11. Septembers 2001 und der anschließenden Reaktion der von den religiösen Rechten gestützten Bush-Administration hat sich eindrucksvoll bestätigt, dass die unkritisch hingenommene Wiederkehr des Religiösen selbst für die Herrschenden ein Spiel mit dem Feuer ist, insofern es sich auf fundamentalistische Weise verselbständigt und den Charakter eines "Antikapitalismus von rechts" annimmt. Denn: "Der durch die vermeintliche Kenntnis des stets eindeutigen Willens Gottes von den irdischen Verantwortungsproblemen entlastete Mensch.... befindet sich in einem geistigen Klima, in dem schließlich jede Schandtat denkbar wird, solange sie in dem richtigen religiösen Jargon vorgetragen wird. Es werden Mentalitäten genährt, die potentiell zu allem in der Lage sind. Um die Sicherheit des eigenen Heils willen begeben sich die Menschen in ein autoritäres Abhängigkeitsverhältnis, in dem ihnen alle Probleme abgenommen werden, die ihnen sonst als freien Menschen nahe kämen und sie u. U. in Verlegenheit brächten. Indem der Fundamentalismus den Menschen durch die Suggestion klarer Orientierungen alle Abwägungsprobleme abnimmt und sie damit im Grunde von ihrer Selbstkontrolle entbindet, schlummert in ihm stets ein leicht entfesselbares Aggressionspotential, von dem eine reale Gefahr ausgeht. Gewaltausbrüche oder gar öffentliche Exekutionen erscheinen in dieser Perspektive nicht nur als eine extreme Perversion irregeleiteter Sturköpfe, sondern sie demonstrieren vor allem die auf Totalitarismus und Faschismus zulaufenden Abgründe, die potentiell in jedem Fundamentalismus seinem Wesen nach stecken (Weinrich 2001, S.59; Hervorhebung von mir, H. K.)."

Nach wie vor erweist sich das Religiöse damit sowohl in seiner quietistischen als auch in seiner fundamentalistischen Form als eine gigantische Tretmine der Menschheitsgeschichte, die in einem langwierigen Prozeß entschärft werden muß. Vorher ist an eine nachhaltige gesellschaftliche Höherentwicklung bestenfalls in Form einer voluntaristischen Utopie zu denken.

Das hegemoniale (Sinn-)Defizit der neoliberalen Markt- und Konsumideologie angesichts der sich vertiefenden Krisenprozesse ist aber nur eine Ursache für die wachsende Reinszenierung des Religiösen auch im Westen. Hinzu kommt die triumphalistisch-demagogische Ausschlachtung des Zusammenbruchs des "Realsozialismus". Wer glaubt bzw. wem eingehämmert wird, dass unter den Trümmern der stalinistisch entarteten Übergangsgesellschaften nicht nur der Partiekommunismus, sondern zugleich auch noch das gesamte Aufklärungsdenken bis zu Marx und Engels begraben sei, der kann sich nur noch angesichts der erdrückenden Krisenrealität von fortschrittlich-herrschaftskritischer Praxis ab- und dem Basar der religiösen Heilsbotschaften zuwenden. Kein Wunder, dass in der nun einsetzenden ideologischen Heiligsprechung der verstorbene Papst Johannes Paul II. zum Doppelhelden des Kampfes sowohl gegen den neoliberalen Kapitalismus als auch gegen den Marxismus/Kommunismus stilisiert wird9.

Angesichts dieser fortschreitenden Verfallstendenzen kann ich nur das Fazit meines Buches "Faschismus und Fundamentalismus" wiederholen (Krauss 2003, S.300): "Während die Verteidiger der 'westlichen Werteordnung' in ihrer undifferenzierten Apologetik die bürgerlich-kapitalistische Deformation der kulturellen 'Moderne' ignorieren, bleibt in den 'antiwestlichen' Diskursen der verbliebenen 'Restlinken' der totalitär-antihumanistische Charakter sowie die reaktionäre Konstitution 'nichtwestlicher' Herrschaftsordnungen weitestgehend außer Betracht. Was angesichts dieser verfahrenen politisch-ideologischen Konstellation erforderlich wäre, ist der Aufbau eines säkular-humanistischen Blocks emanzipatorisch-herrschaftskritischer Bewegungen, der in aktualisierender Anknüpfung an die Grundinhalte der kulturellen 'Moderne' für eine Überwindung der kapitalistischen und traditionalen Dominanzverhältnisse und Herrschaftsstrukturen einträte und wieder Marx' kategorischen Imperativ unverkürzt zur Geltung brächte, 'alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist'".

© Hartmut Krauss



Literatur:

Bales, Kevin: Die neue Sklaverei, München 2001.

Brisard, Jean-Charles; Dasquié, Guillaume: Die verbotene Wahrheit. Die Verstrickung der USA mit Osama bin Laden. Reinbek bei Hamburg 2002. 3. Auflage.

Krauss, Hartmut: Stabiler Verfall. Zum Verhältnis von (bürgerlicher) Hegemonie und destruktiver Reproduktionslogik im 'postsozialistischen' Kapitalismus. In:HINTERGRUND III-1995, S. 19-34.

Krauss, Hartmut: Faschismus und Fundamentalismus. Varianten totalitärer Bewegung im Spannungsfeld zwischen 'prämoderner' Herrschaftskultur und kapitalistischer 'Moderne'. Osnabrück 2003.

Lewis, Bernhard: Der Atem Allahs. Die islamische Welt und der Westen - Kampf der Kulturen? München 2001.

Moore, Barrington: Soziale Ursprünge von Diktatur und Demokratie. Die Rolle der Grundbesitzer und Bauern bei der Entstehung der modernen Welt. Frankfurt am Main 1969.

Rieland, Wolfgang: Auswendiglernen und Abschreiben. Bildungsalltag unter asiatischer Sonne. Aus: Heger, Bardo,Hufer, Klaus-Peter (Hg.): Autonomie und Kritikfähigkeit. Gesellschaftliche Veränderung durch Aufklärung. Schwalbach/Ts. 2002, S.104-115.

Roth, Jürgen: Netzwerke des Terrors, Hamburg 2001, 2. Auflage.

Weinrich, Michael: Frommer Rationalismus. Das paradoxe Bekenntnis des christlichen Fundamentalismus zur Moderne. In: Welttrends. Zeitschrift für internationale Politik und vergleichende Studien, Nummer 30, Frühjahr 2001, S. 49-61.

Wittfogel, Karl August: Die orientalische Despotie. Eine vergleichende Untersuchung totaler Macht. Köln 1962.

Worldwatch Institute (Hrsg.) in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung und Germanwatch:Zur Lage der Welt 2005. Globale Sicherheit neu denken. Münster 2005.>

Anmerkungen:

1 "Eine Regierung ist absolutistisch, wenn ihre Macht nicht wirksam durch außerstaatliche Kräfte beschränkt wird. Der Herrscher eines absolutistischen Regimes ist ein Autokrat, wenn seine Entscheidungen nicht wirksam durch innerstaatliche Kräfte beschränkt werden" (Wittfogel 1962, S.147).

2 In Phasen durch innere und äußere Krisen geschwächter Zentralmacht kommt es zur Herausbildung eines zersplitterten, militärisch gestützten Regional- und Lokaldespotismus konkurrierender Herrscher/Clans.

3 Mit Bezug auf die Gegenwart schreibt Rieland (2002, S.106): "Sowohl in China als auch in der Türkei, wie auch in vielen anderen Ländern, ist das Erziehungswesen nicht so beschaffen, dass es geeignet wäre, für die Entwicklung selbständiger und kritischer Subjekte ein solides Fundament zu legen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass selbständige Individuen als Erziehungsziel nicht vorgesehen sind. In der Ordnung des Alltags, die geprägt ist von Harmonievorstellungen, die dem dörflichen Familienleben nachgebildet sind, gilt als höchster Wert nicht die Entfaltung des Einzelnen, sondern dessen Ein- und Unterordnung ins Große Ganze. dass alle einig sind, jedenfalls nach außen hin: Das ist das Wichtigste. Für Widerspruch und Kritik gibt es in diesem faulen Frieden keinen Raum, für selbständiges Denken also keine Notwendigkeit. Die mächtigste Institution in der sozialen Verfassung beider Länder ist der Familienverband, und vor allem dieser sorgt dafür, dass seine nachwachsende Jugend - auch wenn sie eine Hochschule besucht - nicht auf die falschen Ideen kommt."

4 Während es in der westlich-europäischen Entwicklung im Kontext der kulturellen Modernisierung via Aufklärung, Zurückdrängung des Absolutheitsanspruchs religiöser Kontrollmacht, der Ausdifferenzierung einer individuellen Privatsphäre etc. zur Etablierung der Liebesheirat bzw. der Gattenwahl aufgrund persönlicher Zuneigung kommt, ist dieser Entwicklungsweg in den nichtwestlichen Herrschaftskulturen weitestgehend versperrt. Hier dominiert auch heute noch der Modus der 'versprochenen Zwangsheirat' bzw. der patriarchalisch kontrollierten 'unfreien Gattenwahl'. So "blieben in den meisten muslimischen Ländern Polygamie, Kinderheirat und Scheidung durch Verstoßung gesetzlich und häufig sozial zulässig. Polygamie und Kinderheirat, beide vom Schah abgeschafft, wurden von der Islamischen Republik im Iran wieder eingeführt" (Lewis 2001, S.90). Nach Mitteilung von Frauenrechtsorganisationen werden heute im Niger jedes Jahr zehntausende Mädchen im Alter von 11-13 Jahren zur Hochzeit gezwungen (Neue Osnabrücker Zeitung vom 25.06.2002, S.3).

5 Vgl die Beschreibung der asiatisch-faschistischen Entwicklung Japans zum Kapitalismus in Barrinton Moore 1969.

6 Gestritten wird nicht pro oder contra absolutistischer Herrschaftsausübung, sondern um deren Legitimationsinhalte und -formen. Der Übergang von der Schahdiktatur zur Diktatur der schiitischen Geistlichkeit im Iran ist ein aufschlußreiches Beispiel für die möglichen Folgen bzw. den Optionsrahmen dieser internen Herrschaftskonkurrenz.

7 Ein schlaglichtartiger "Mini-Einblick" in die 'interfamiliären' Verbindungen der Oligarchie: Khalid Mahfouz, der Chefbankier des saudischen Königs und Eigentümer der Nationalen Handelsbank in Saudi-Arabien, der weltgrößten Privatbank, ist verheiratet mit einer Schwester von Osama bin Laden. Sein Sohn Abdul Rahman Mahfouz ist "im Vorstand einer islamischen Organisation im Sudan, der Blessed Relief, die verdächtigt wird, an dem Attentat auf den ägyptischen Präsidenten Mubarak beteiligt gewesen zu sein" (zit. n. Roth 2001, S. 192).

8 Vgl. hierzu das Interview des Bundesvorsitzenden der Gewerkschaft der Polizei, Konrad Freiberg, mit der Neuen Osnabrücker Zeitung vom 2. April 2005, S.4.

9 Vgl. den Artikel "Kapitalismus pur und Theologie des Klassenkampfs" in der FAZ vom 8 April 2005, S.10.










 

GLASNOST, Berlin 1992 - 2017