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Buchveröffentlichungen  












Hartmut Krauss

Das umkämpfte Subjekt. Widerspruchsverarbeitung im "modernen" Kapitalismus.

Vorbemerkung

Verkündet worden ist der "Abschied vom Proletariat", das "Ende der Geschichte" und der "Großen Erzählungen" sowie der "Tod des Subjekts". Der Zeitgeist entschlüsselt sich als Variation auf diese teils halbwahren, teils albernen, in jedem Falle aber großspurigen Thesen.

In Abgrenzung zu diesem modischen Credo sehe ich eine fruchtbare Alternative in einer kritischen Anknüpfung an Marx und an vorwärtsweisende Entwicklungsstränge innerhalb der "epigonalen" marxistischen Theorie.

Ausgehend von einer Rekapitulierung unverzichtbarer Momente der Marxschen Klassentheorie analysiere ich im ersten Teil der Arbeit grundlegende Umbildungsprozesse innerhalb der "modernen Klasse der Lohnabhängigen" sowie widersprüchliche Aspekte ihrer "postfordistischen" Vergesellschaftungsbedingungen. Sowohl im klassischen Marxismus als auch in der nichtmarxistischen Sozialwissenschaft fehlt ein tragfähiges Konzept zur Erfassung der Eigenlogik subjektiver Realitätsverarbeitung. Entsprechend wird menschliche Subjektivität bzw. "Bewußtsein" - mal grobschlächtiger, mal differenzierter - als "reaktiver Effekt" gesellschaftlicher Prozesse "bedingungsmechanistisch" abgeleitet. In Anlehnung an eine tätigkeitstheoretische Reinterpretation des Marxschen Werkes und gestützt auf elementare Theoreme der "Kulturhistorischen Schule" (Wygotski, Leontjew u. a.) sowie der "Kritischen Psychologie" (Klaus Holzkamp, Ute Osterkamp u. a.) erörtere ich im zweiten Teil mein Konzept der "subjektiven Widerspruchsverarbeitung". Ich sehe darin eine "Vermittlungstheorie" zwischen (gesellschaftlichem) System und (individuellem) Subjekt, die es ermöglicht, die subjektwissenschaftliche Lücke im kritisch-sozialwissenschaftlichen Diskurs zu schließen.

Im abschließenden Exkurs wird der aktuelle Widerstreit der subjekttheoretischen Diskurse in Form einer historischen Skizze zur "prämodernen" und "modernen" Subjektform beleuchtet. Vor diesem Hintergrund kritisiere ich die "postmoderne" Dekonstruktion des Subjekts als einseitiges, unangemessenes und kontraproduktives Vorgehen.



Hartmut Krauss

Vorwort der Herausgeberin

In der Reihe "Auf der Suche nach der verlorenen Zukunft" nehmen ost- und westdeutsche Akademikerinnen und Akademiker das Wort zu Grundproblemen unserer Zeit. Gestützt auf jeweils langjährige Lehr- und Forschungserfahrungen auf den Gebieten von Ökonomie, Philosophie, Soziologie, Psychologie oder Philologie versuchen sie Fragen zu formulieren, die sich im Ergebnis des Zusammenbruchs des einen und den derzeit vor sich gehenden globalen Veränderungen des anderen Gesellschaftssystems hinsichtlich der Zukunft der Menschheit stellen. Sie sehen ihre Überlegungen nicht voreilig als endgültige Wahrheiten an, sondern stellen sie als mögliche Perspektiven zur Diskussion.

Aus einem ostdeutschen Gemeinschaftsprojekt, das sich seit 1991 mit der Problematik Rasse-Klasse-Geschlecht auseinandersetzte und dem sich westdeutsche Teilnehmer hinzugesellten, entwickelten sich in kritischer Auseinandersetzung miteinander neue, übergreifende Fragestellungen. Sie betrafen die Rolle der Macht und Gegenmacht in der modernen Gesellschaft, die weitere Entwicklung der menschlichen Reproduktion, die Akteurinnen und Akteure gesellschaftlicher Veränderung, Modernisierung und Emanzipation, Utopie und Wirklichkeit, neue Überlegungen zur Arbeitsgesellschaft und zum ökologischen Umgang mit der Natur.

Das vorliegende zweite Buch behandelt eines der besonders kontroversen Themen unserer Zeit: Wie ist das menschliche Subjekt konstituiert, wovon wird es geprägt und motiviert; wie wird es zu einer/m gesellschaftlichen Handlungsträger/in? Die Fragestellung bewegte die Menschen seit altersher. Ist dem Individuum Entscheidungsfreiheit gegeben oder werden seine Handlungen ausschließlich von sozialen und persönlichen Umständen diktiert? Wie frei ist der Mensch, wie weit ist er fremdbestimmt?

Hartmut Krauss legt in diesem Buch ein Konzept der subjektiven Widerspruchsverarbeitung vor, da sich als kritisch marxistisch versteht und, in kompromißloser Gegenposition zu postmodernen, aber gleichermaßen auch feministischen und dabei speziell poststrukturalistisch orientierten theoretischen Ansätzen, auf die tätigkeitstheoretische Seite des Marxschen Werks, sowie auf die kulturhistorische Schule von Wygotski, Leontjew u.a. und auf die kritische Psychologie Klaus Holzkamps und Ute Osterkamps beruft.

Aus dem Verzicht auf die Verkündung ewiger Wahrheiten folgt, daß die Autoren dieser Reihe selbstverständlich das Recht haben, ihre Lösungsangebote zu Fragen menschlicher Emanzipation darzulegen, ohne dabei im Konsens zu den philosophischen und weltanschaulichen Konzepten der Herausgeberin oder der Mitglieder der Projektgruppe stehen zu müssen. Entscheidend ist allein ihr Betrag zur Belebung des Diskurses in der jeweiligen Problemstellung.

Das in diesem Band Vorgetragene ist nicht nur thematisch bedeutsam. Die Notwendigkeit, sich kritisch mit der in Bezug auf die subjekttheoretische Problematik defizitären marxistischen Theorie auseinanderzusetzen und dabei überholte Vorstellungen zu überwinden, sehen Herausgeberin und Projektgruppe als legitimes und unverzichtbares Anliegen an, dem sich Hartmut Krauss kompetent und tiefgründig widmet.



Hanna Behrend

Berlin, Januar 1996










 

GLASNOST, Berlin 1990 - 2017