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Beiträge zur Theorie  










Hartmud Krauss

Gramscis Beitrag zur Grundlegung einer subjektwissenschaftlichen Perspektive im Marxismus

Nach der bis vor kurzem weithin dominierenden (parteioffiziellen) Auslegungsvariante handelt es sich bei dem marxistischen Lehrgebäude um eine ein-deutige, geschlossene, sich aus drei Teilen zu einer homogenen Ganzheit vereinigenden Theorie, die lediglich - zwecks Plausibilitätssteigerung - post festum einige aktualempirische Modifikationen seitens ihrer epigonalen Träger erfordert. Im Sinne einer kritischen Selbstreflexion der marxistischen Theorieentwicklung ist gegenüber diesem monolithisch-legitimatorisch konstruierten (Partei-)Marxismus aber hervorzuheben, daß die Marxsche Theorie in ihrer "klassischen" Gestalt ein offenes, unvollständiges, partiell Irrtümer und Aussagewidersprüche aufweisendes, entwicklungsbedürftiges System von wissenschaftlichen Erklärungen, Begriffen und methodischen Regulativen darstellt.

Aufgrund dieses teilweise inkonsistenten und damit mehr-deutigen Charakters des "klassischen Marxismus" ergeben sich "objektiv" Ansatzpunkte für unterschiedliche (selektive) Lesarten, Akzentuierungen, (didaktische) Interpretationslinien etc. in Abhängigkeit von den subjektiven Beweggründen (Erkenntnisinteresse; Legitimationsinteresse) konkreter Rezipienten.

"Revolutionäre Subjektwerdung" als aussagewidersprüchlicher Brennpunkt im Werk von Marx und Engels

Ein wesentlicher aussagewidersprüchlicher Brennpunkt im Werk von Marx und Engels, der weiterführende Klärungsprozesse nachgerade provoziert und einen "schismatischen" Grundstein gelegt hat für gegenläufige "Marxismen", ist das Problem der revolutionären Subjektwerdung. Einerseits läßt sich an verschiedenen "prominenten" Stellen bei Marx und Engels eine teleologisch-deterministische Reflexionsdimension nicht verleugnen. So wird das "revolutionäre Proletariat" z.B. in der "heiligen Familie" zunächst philosophisch im Kontext einer spekulativ-dialektischen Denkfigur deduziert. Demnach fällt die "Verworfenheit" der proletarischen Lebenslage mit der "Empörung über diese Verworfenheit" unvermittelt zusammen; "durch den Widerspruch zwischen ihrer menschlichen Natur mit ihrer Lebenssituation" (MEW 2, S.37) sehen Marx und Engels die Proletarier unmittelbar zu dieser Empörung getrieben. Das als dialektisches Bewegungsresultat des Privateigentums erzeugte Proletariat wird bestimmt als "das seines geistigen und physischen Elends bewußte Elend, die ihrer Entmenschung bewußte und darum sich selbst aufhebende Entmenschung" (ebenda). Revolutionäres Bewußtsein, revolutionärer Wille und revolutionäre Handlungsbereitschaft werden gefaßt als naturwüchsig-unselbständiges Teilmoment der entmenschlichten Lebenssituation des Proletariats. Später dann wird das "revolutionäre Proletariat" ökonomisch abgeleitet. So heißt es im "Manifest der Kommunistischen Partei" von 1848: "Der Fortschritt der Industrie, dessen willenloser und widerstandsloser Träger die Bourgeoisie ist, setzt an die Stelle der Isolierung der Arbeiter durch die Konkurrenz ihre revolutionäre Vereinigung durch die Assoziation. Mit der Entwicklung der großen Industrie wird also unter den Füßen der Bourgeoisie die Grundlage selbst hinweggezogen, worauf sie produziert und die Produkte sich aneignet. Sie produziert vor allem ihren eigenen Totengräber. Ihr Untergang und der Sieg des Proletariats sind gleich unvermeidlich" (MEW 4, S.473f.). Dieses "objektivistisch" begründete "Unvermeidlichkeitsdenken" als Garant für einen "unerschütterlichen" klassenkämpferischen Optimismus ist bei Engels noch 1885 (MEW 21, S.223) ungebrochen gegenwärtig: "Heute muß man das gesamte deutsche Proletariat unter Ausnahmegesetze stellen, um nur den Prozeß seiner Entwicklung zum vollen Bewußtsein seiner Lage als unterdrückte Klasse um ein geringes zu verlangsamen...der einfache, sich von selbst verstehende Zusammenhang gleichgesinnter Klassengenossen reicht hin, um ohne alle Statuten, Behörden, Beschlüsse und sonstige greifbare Formen das gesamte Deutsche Reich zu erschüttern. Bismarck ist Schiedsrichter in Europa, draußen, jenseits der Grenze; aber drinnen wächst täglich drohender jene Athletengestalt des deutschen Proletariats empor, die Marx schon 1844 vorhersah".

Die Annahme einer zwangsläufig vorwärtsschreitenden revolutionären Bewußtwerdung/Radikalisierung des Proletariats infolge sich verschärfender Ausbeutungserfahrungen und der zunehmenden betrieblichen "Zusammenballung" der Lohnarbeit etc. steht in einem unvermittelten Aussagewiderspruch zu den im Marxschen "Kapital" entschlüsselten Mystifikationen der gesellschaftlichen Verhältnisse. In Gestalt dieser Mystifikationen ist nämlich gerade das Moment der sinnlichen Evidenz getilgt und das Wesen des antagonistischen Widerspruchs zwischen Lohnarbeit und Kapital weitgehend "entsinnlicht"; die Agenten des kapitalistischen Reproduktionsprozesses bleiben im unmittelbaren Vollzug ihrer gesonderten Tätigkeiten in verkehrten Bewußtseinsformen befangen, in denen sowohl der Wesenszusammenhang der kapitalismusspezifischen Ausbeutung/Mehrwertabpressung z.B. in Gestalt des Lohnfetischs als auch der gesellschaftliche Charakter der unabhängig voneinander betriebenen privaten Produktionstätigkeiten unerkannt bleibt bzw., so Marx (1976, S.86), die "phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen annimmt" (Warenfetischismus). Indem nun der gesamtgesellschaftliche Reproduktionszusammenhang in seiner Wesensstruktur für die beteiligten (unmittelbar tätigen) Gesellschaftsmitglieder unerkannt bleibt und sich hinter ihrem Rücken vermittels der "selbstregulativen" Marktgesetze quasi naturwüchsig von selbst herstellt, werden die reproduktionsnotwendigen Praxisformen von den "gesellschaftlichen Individuen" realisiert, ohne daß ihnen der selbst vollzogene gesellschaftliche Bewegungsprozeß bewußt wäre. "Indem sie ihre verschiedenartigen Produkte einander im Austausch als Werte gleichsetzen, setzen sie ihre verschiednen Arbeiten einander gleich. Sie wissen das nicht, aber sie tun es" (ebenda S.88).

Der theorieimmanente Widerspruch zwischen der Erwartung einer "zwangsläufig" sich vollziehenden revolutionären Subjektwerdung der Arbeiterklasse einerseits und der Aufdeckung des verdinglichten, mystifizierten Bewußtseins als wesentlicher Effekt der kapitalistischen Systemreproduktion andererseits wird von Marx und Engels an keiner Stelle explizit und systematisch aufgelöst. Allerdings läßt sich im Gesamtwerk von Marx und Engels ein weiterer, die teleologisch-deterministischen Implikationen weitgehend konterkarierender Aussage- und Reflexionsstrang ausmachen, den man als tätigkeitstheoretische Dimension bezeichnen könnte. Den Kerngedanken bildet hier die "Selbsterzeugung der Menschen" durch gesellschaftliche Arbeit und gesellschaftsverändernde Praxis. Während in der idealistischen Tradition 'menschliche Tätigkeit' auf 'geistige Tätigkeit' reduziert und vom materiellen Lebensprozeß abgelöst wird, verkennt der "anschauende" Materialismus den aktiven Charakter der materiellen Lebenspraxis der Menschen und gelangt lediglich zu einer Auffassung der menschlichen Subjektivität als bloßer Reflex bzw. Produkt der äußeren Umstände. Marx akzentuiert demgenüber in seiner kritisch-dialektischen Synthese den eingreifenden, umgestaltenden, wirklichkeitsverändernden, gegenständlichen Status der menschlichen Lebenstätigkeit. Wirklichkeitsveränderung und Selbstveränderung werden als tätig vermittelte Einheit begriffen: "Das Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit kann nur als umwälzende Praxis gefaßt und rationell verstanden werden" (MEW 3, S.534). In der selben "heiligen Familie", in der Marx und Engels einerseits ein deterministisches Modell der "revolutionären Subjektwerdung" formulieren, finden sich andererseits vorwärtsweisende Einsichten für den Aufbau einer materialistisch-dialektischen Geschichts- und Subjekttheorie. So wird gegen die idealistsche Teleologie als Basisprinzip der hegelianischen Geschichtsphilosophie folgendermaßen argumentiert: "Die Wahrheit ist für Herrn Bauer wie für Hegel ein Automaton, das sich selbst beweist. Der Mensch hat ihr zu folgen. Wie bei Hegel ist das Resultat der wirklichen Entwickelung nichts anderes als die bewiesene, d.h. zum Bewußtsein gebrachte Wahrheit...Die Geschichte wird daher, wie die Wahrheit, zu einer aparten Person, einem metaphysischem Subjekt, dessen bloße Träger die wirklichen menschlichen Individuen sind" (MEW 2, S.83). Marx' und Engels' Kontraposition lautet: "Die Geschichte tut nichts, sie 'besitzt keinen ungeheuren Reichtum', sie 'kämpft keine Kämpfe'! Es ist vielmehr der Mensch, der wirkliche, lebendige Mensch, der das alles tut, besitzt und kämpft; es ist nicht die 'Geschichte', die den Menschen zum Mittel braucht, um ihre - als ob sie eine aparte Person wäre - Zwecke durchzuarbeiten, sondern sie ist nichts als die Tätigkeit des seine Zwecke verfolgenden Menschen" (ebenda, S.98).

Erklärungskrise des epigonalen (Partei-)Marxismus

In der Nachfolge von Marx und Engels, ja noch zu Lebzeiten von Engels, obsiegt innerhalb der internationalen Arbeiterbewegung jene deterministische Interpretation des "Wissenschaftlichen Sozialismus", die das soeben skizzierte subjekttheoretische Potential der Marxschen Theorie weitestgehend außer Acht läßt und letztendlich verschüttet. D.h. gerade die retardierenden Momente im Werk von Marx und Engels werden in der Perspektive parteistrategischer Nützlichkeitserwägungen (Fundierung von "Siegesgewißheit") selegiert, didaktisch systematisiert und zu einer dominanten "Marxismusversion" verfestigt. So wird im zeitgenössischen "Vulgärmarxismus" der II. Internationale dem Geschichtsprozeß ein mechanistisch wirkendes (teleologisches) Fortschrittsgesetz unterstellt, als dessen schließlicher (prädestinierter) Vollstrecker das Proletariat fungiert. In "umgestülpter" Form tritt an die Stelle des sich teleologisch entfaltenden Hegelschen Weltgeistes ein technizistisch verkürzter Produktivkraftfetischismus, der die Grundlage abgibt für einen fatalistischen Fortschrittsoptimismus.Der Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus wird in diesem Denkrahmen "zusammenbruchstheoretisch" gedeutet. Auf politischer Ebene entspricht diesem "entsubjektivierten" Marxismus dann ein revolutionärer Attentismus; d.h. eine passiv-abwartende Haltung im Vertrauen auf den "objektivistisch" garanierten Triumph des historischen Fortschritts. (Max Weber nannte deshalb die Sozialdemokratie ironisch einen Verein zur Herbeiführung einer ohnehin stattfindenden Sonnenfinsternis.)

Doch zunehmend tritt der Widerspruch zwischen dem empirischen Ist-Zustand des "Arbeiterbewußtseins" und dem Ensemble von Einsichten, Orientierungen, Kompetenzen, Willensmomenten etc. zutage, das als subjektive Voraussetzung für die Verwirklichung der "historischen Mission der Arbeiterklasse" real vorhanden sein muß. Als Schlüsselereignisse, die diese Diskrepanz nachdrücklich erhellen, sei hier exemplarisch verwiesen a) auf das Einsickern chauvinistischer Stimmungen in Teile der Arbeiterbewegung am Vorabend und während der Frühphase des 1. Weltkriegs; b) auf das Ausbleiben behauptungsfähiger proletarischer Revolutionen im Westen im Kontext der "revolutionären Nachkriegskrise; c) auf die politische Spaltung der Arbeiterbewegung in einen sozialdemokratischen und kommunistischen Flügel sowie d) auf das Anwachsen und die schließliche Machteroberung faschistischer Bewegungen mit Massenanhang. Angesichts dieser Ereigniskonstellation gerät der deterministische (Partei-)Marxismus zunächst sozialdemokratischer, später dann auch stalinistischer Prägung, in eine offene Erklärungskrise. In Reaktion darauf bilden sich nun unterschiedliche Kräfte, Arbeitszusammenhänge und Orte kritischer Reflexion heraus, die in der einen oder anderen Form darum bemüht sind, die "subjektwissenschaftliche Lücke" im Marxismus zu schließen. Als hervorstechende Versuche sind wohl die folgenden anzuführen:

1) Das von Wilhelm Reich u.a. vorgetragene Plädoyer für die Verbindung von Marxismus und Psychoanalye und die dadurch ausgelösten Debatten um den sog. "Freudomarxismus" (vgl. Bernfeld u.a. 1970; Gente 1970). In diesem Kontext wurde nicht die tätigkeitstheoretische Dimension und damit das subjekttheoretische Potential des "klassischen Marxismus" freigelegt, sondern um die "prinzipielle" Vereinbarkeit von kanonisiertem "Dialektischen Materialismus" und Psychoanalyse gestritten.2) Die Entwicklung einer "marxistischen Psychologie" in der Sowjetunion, wie sie insbesondere von Wygotski und seiner "kulturhistorischen Schule" in Angriff genommen wurde. Hier wurde in systematischer Anknüpfung an entsprechende Aussagedimensionen bei Marx, Engels und Lenin "das 'Tätigkeitsproblem', genauer das Problem der 'bewußten Tätigkeit', aufgeworfen. Es bezeichnete nicht einfach eines der großen Probleme der Psychologie oder eines ihrer möglichen Forschungsprojekte, sondern ein gewisses Prinzip, ein generelles Herangehen an die Wissenschaft vom Seelenleben. Wie eine konvexe Linse vereinigte das 'Tätigkeitsproblem' alle ungelösten Fragen und bot gleichzeitig die Möglichkeit und Perspektive für deren Lösung" (Galperin 1980, S.177).

3) Gramscis "antideterministische" Reinterpretation der Lehren von Marx, Engels und Lenin als "Philosophie der Praxis". Damit wird vermittels sozialphilosophischer und kulturtheoretischer Reflexionen das Fundament geschaffen fü reine ganzheitlich-subjektwissenschaftliche Perspektive im Marxismus, die insbesondere die bedeutungs- und handlungsstrukturellen Ermöglichungsbedingungen praktisch-kritischer Subjektformierung der Subalternen akzentuiert.

Im folgenden sollen einige Kontenpunkte dieser komplexen Rekonstruktionsbemühungen skizziert werden.

Gramscis Rekonstruktion einer subjektwissenschaftlichen Perspektive im Marxismus

Als schöpferischer Theoretiker benügt sich Gramsci nicht mit der einfachen Wiederholung von Aussagen, Einsichten, 'Wahrheiten' der Klassiker, sondern - so ist mit Stuart Hall (1989, S.57) festzuhalten: "Er praktiziert einen 'offenen' Marxismus, der viele Einsichten der marxistischen Theorie auf die neuen Fragen und Entwicklungen hin weiterentwickelt. Er bringt vor allem neue Begriffe ins Spiel, die im klassischen Marxismus nicht enthalten waren, ohne die aber die komplexen gesellschaftlichen Probleme unserer modernen Welt nicht verstanden werden können."

Es sind vor allem zwei Grundkonstituenten hervorzuheben, die Gramscis Schaffen zugleich motiviert und fundiert haben:

Erstens seine Abneigung gegenüber dem "deterministischen" bzw. "ökonomistischen" Vulgärmarxismus in seinen unterschiedlichen zeitgenössischen Erscheinungsformen (Kritik des politisch-ideologischen Zustandes der PSI 1914-1917; Auseinandersetzung mit der sektiererischen Position Bordigas; Kritik des "Gemeinverständlichen Lehrbuchs Bucharins als repräsentative Manifestation des deterministischen "Parteimarxismus").

Zweitens seine geistige Verankerung in der politischen und kulturellen Geschichte Italiens. Entsprechend sind zahlreiche in den "Gefängnisheften" niedergelegte Gedanken Gramscis auf die kritische Durchdringung der Entstehungs- und Gestaltungsbedingungen der italienischen Volkskultur, der intellektuellen Tradition Italiens, der Wirkungen relevanter literarischer Strömungen und Darbietungsformen, der Beschaffenheit des Bildungssystems, dem Sprachproblem etc. konzentriert. Dabei handelt es sich um Fragmente einer historischen Rekonstruktion der italienischen Hegemonialverhältnisse.

Im Gegensatz zum zeitgenössischen Vulgärmarxismus, der mit seinem Axiom von der "unvermeidlichen Sieghaftigkeit des Sozialismus" im Kern die gesellschaftsverändernde Praxis der Menschen entwichtigt und bagatellisiert, reproblematisiert Gramsci den Prozeß der praktisch-kritische Subjektwerdung. Sein Leitmotiv ist deshalb die Erkundung jener Voraussetzungen und Bedingungen, die der historischen Subjektformierung der "Subalternen" förderlich sind. Dabei kommt der "intellektuell-moralischen Reform", also der qualitativen Umgestaltung des Massenbewußtseins im Prozeß der Aneignung 'praktisch-kritischer' Tätigkeitskompetenz, eine Schlüsselrolle zu. Entsprechend werden kulturelle Prozesse, Zusammenhänge, Praxisformen etc. unter folgender Fragestellung untersucht: Wie läßt sich aus der Kritik der historisch gewordenen kulturellen Wirklichkeit eine Perspektive der Höherentwicklung des geistig-moralischen Niveaus der Volksmassen gewinnen?

Die "Aufsprengung" des ökonomistischen Diskurses erfordert zwei elementare Erneuerungsbemühungen im Rahmen eines tätigkeitstheoretisch rekonstruierten Marxismus: Zum einen die Herausarbeitung und Aufdeckung der "Eigenlogik" und des funktionalen Stellenwerts der "ideologischen Sphäre" und zum anderen die Erfassung der menschlichen Subjektivität auf der Ebene des kollektiven wie des individuellen Subjekts. Ins Zentrum rückt damit das dialektische Verhältnis von menschlicher (Lebens-)Praxis und ideologisch-kultureller Realitätsverarbeitung.

1) Von konstitutiver Bedeutung ist Gramscis Hervorhebung der Marxschen Bestimmung, daß die ideologischen Formen 'Mittel' der Bewußtwerdung und Austragung der gesellschaftlichen Widersprüche der antagonistisch vergesellschafteten Menschen sind. In diesem Sinne heißt es bei ihm: "Die im Vorwort von Zur Kritik der politischen Ökonomie enthaltene Aussage, daß die Menschen das Bewußtsein von den Strukturkonflikten auf dem Terrain der Ideologien erlangen, muß als eine Feststellung von erkenntnistheoretischem und nicht bloß psychologischen und moralischem Wert betrachtet werden" (Gramsci 1994, Gefängnishefte Band 6, S. 1264). Ideologien werden damit begriffen als 'ideelle Werkzeuge' zur Verarbeitung der erfahrenen gesellschaftlichen Widersprüche, als 'Organ' der bewußten Orientierung in einer widersprüchlichen sozialen Lebensumwelt mit dem subjektiven Effekt der tätig keitsbezogenen 'Ausrichtung', Mobilisierung und Identitätsbildung.

2) Die subjektiv relevante Funktionalität der Ideologien als Mittel der Widerspruchsverarbeitung ist zudem seitens der Individuen durch das Bestreben nach interpretatorischer Erfahrungs- und Informationssynthese im Kontext ihrer Lebenstätigkeit fundiert. So betont Gramsci (ebenda, S.1268), daß auch die meisten (Alltags-)Menschen Philosophen sind, insofern sie praktisch wirken und in ihrem praktischen Wirken (in den Leitlinien ihres Verhaltens) implizit eine Weltauffassung, eine Philosophie enthalten ist." Gerade indem aber der Alltagsverstand trotz des Strebens nach Vereinheitlichung und Sinngebung im Unterschied zur "Philosophie" einen inkohärenten, eklektischen, fragmentarischen, unsystematischen Charakter aufweist bzw. aus sich heraus nicht zu überwinden vermag, ist er prinzipiell "aufgeschlossen" gegenüber (Re-)Orientierungseinflüssen und -offensiven von "außen". "Die Philosophiegeschichte", so Gramsci (ebenda, S.1268f.),...ist die Geschichte der Versuche und der ideologischen Initiative einer bestimmten Klasse von Personen, die in jeder bestimmten Epoche bestehenden Weltauffassungen zu verändern, zu berichtigen und zu vervollkommnen und folglich die entsprechenden diesbezüglichen Verhaltensnormen zu verändern bzw. die praktische Aktivität in ihrer Gesamtheit zu verändern."

3) In der Perspektive der gesellschaftlichen ("überindividuellen") Entwicklungslogik betrachtet, sind Ideologien darauf konzentriert, das Bewußtsein der Volksmasse im Interesse bestimmter sozialer Kräfte 'auszurichten' und zu verändern. Doch der Ausgang (bzw. der Effekt) der weltanschaulichen Initiativen ist - in Abhängigkeit von den Kräfteverhältnissen im zivilgesellschaftlichen "Stellungskrieg" - offen. Die Zivilgesellschaft als Kampfplatz bildet jenes institutionell verzweigte 'Stockwerk' des Überbaus, in dessen Wirkungszusammenhang die gesellschaftlichen (Klassen-)Individuen (also auch die Angehörigen der 'subalternen' Klasse) ihre kulturelle 'Ankopplung' an die vorherrschenden bürgerlichen Werte, Normen, Einstellungen etc. erwerben, d.h. eine systemkonforme bzw. -stabilisierende Angleichung der persönlichen Wünsche, Ziele, Erwartungen etc. mit den herrschenden Interessen und Ideen stattfindet (Konsensbildung). In den Worten der materialistischen Tätigkeitspsychologie Leontjews (vgl. 1982) ausgedrückt: Die Zivilgesellschaft ist der herausragende und umkämpfte Ort der Vermittlung zwischen persönlichem Sinn und gesellschaftlichen Bedeutungen. 'Kampf um Hegemonie' läßt sich demzufolge als Wettstreit der Ideen um subjektive Sinnhaftigkeit erschlüsseln. Hier findet die Sicherung der geistig-moralischen Vorherrschaft der bürgerlichen Kräfte statt, d.h. die "kulturell-ideologische Reproduktion" der Bourgeoisie als herrschende und führende Klasse.

4) Progressive Aufgabe im zivilgesellschaftlichen Ringen um Hegemonie ist die Unterstützung der "Katharsis", d.h. die Beförderung der historischen (Selbst-)Bewußtwerdung der Volksmassen. Neben der ideologiekritischen Selbstreinigung von inadäquaten Bedeutungen im 'Sinne' der herrschenden Gedankenformen ist sie wesentlich gebunden an die Schöpfung einer neuen, 'praktisch-kritischen' Ideologie und deren massenhafte Verbreitung/'Durchsetzung' als tätigkeitsbestimmendes Orientierungssystem. Die Funktion des Marxismus als 'organische' Ideologie sieht Gramsci in der 'wirkungsvollen' Verbindung zwischen wissenschaftlicher Weltanschauung und 'gesundem Menschenverstand'; d.h. die Aufgabe des Marxismus besteht in der Anhebung des intellektuellen Niveaus der Volksmasse vermittels der Ermöglichung einer progressiven Verarbeitung des widersprüchlichen Bewußtseins des 'aktiven Massenmenschen'. Entsprechend bestimmt Gramsci (1967, S.280) den Charakter der "Philosophie der Praxis": Sie selbst "ist ein Überbau, ist das Terrain, auf dem bestimmte Gesellschaftsklassen das Bewußtsein ihres eigenen gesellschaftlichen Wesens, ihrer eigenen Kraft, der eigenen Aufgaben, des eigenen Werdens gewinnen...Die Philosophie der Praxis tendiert...nicht dahin, die Widersprüche der Geschichte und der Gesellschaft friedlich zu lösen, sondern sie ist vielmehr die Theorie solcher Widersprüche; sie ist nicht das Regierungsinstrument herrschender Gruppen, um den Konsens herzustellen und die Hegemonie über subalterne Klasse auszuüben; sie ist Ausdruck dieser subalternen Klassen, alle Wahrheiten, auch die unbequemen, kennenzulernen, um den ...Selbstbetrug der oberen Klasse und, mehr noch, den eigenen Selbstbetrug zu vermeiden."

Die zentrale Aufgabe der progressiven Kräfte als Initiatoren einer neuen Hegemonie besteht demnach in der wirkungsvollen 'Vergesellschaftung' der erarbeiteten historisch-materialistischen Einsichten:

"Eine neue Kultur schaffen bedeutet nicht allein , individuell 'neuartige' Entdeckungen zu machen, es bedeutet auch und besonders, bereits entdeckte Wahrheiten kritisch zu verbreiten, sie sozusagen zu 'vergesellschaften', sie lebenswichtigen Handlungen als Element der Koordinierung und geistig-moralischer Ordnung zugrunde zu legen. Daß eine Masse von Menschen dazu gebracht wird, das gegenwärtig Wirkliche zusammenhängend und einheitlich zu denken, ist eine 'philosophische' Tatsache, die wichtiger und 'neuartiger' ist, als wenn ein philosophisches Genie eine neue Wahrheit entdeckt, die dann das Erbe für kleine intellektuelle Gruppen wird" (Gramsci 1967, S.131).

5) Gramsci reflektiert aber nicht nur die Voraussetzungen und Konstitutionsbedingungen der kollektiven Subjektwerdung der Volksmassen, sondern umreißt auch wesentliche 'Seiten' der individuellen "Katharsis" im Prozeß der Persönlichkeitsentwicklung. Ausgehend von einer Kritik des Katholizismus als 'absoluter Lebensnorm' - was in einem katholischen Land wie Italien von besonderer Bedeutung ist - bestimmt Gramsci den neuralgischen Punkt, an dem der Begriff des Menschen reformiert werden muß. Es handelt sich um das 'abgeschlossene', essentialistische Menschenbild des Katholizismus sowie der traditionellen Philosophie, nach deren Version "die Ursache des Bösen in den einzelnen Menschen verlegt" und der Mensch damit "als wohl definiertes und begrenztes Individuum" betrachtet wird. Gegenüber dieser 'statischen' Reduktion des Menschen als ein auf seine Individualität bzw. sein 'inneres Abstraktum' beschränktes und festgelegtes Individuum bringt Gramsci im Geiste der Marxschen Feuerbachthesen folgende Aspekte zur Geltung: (1) den Tätigkeitsaspekt bzw. den dynamischen Aspekt der individuellen Selbstreproduktion; (2) den Sozialitätsaspekt bzw. den Aspekt der wechselseitigen Verwiesenheit von Individuum und Sozium und (3) den Aspekt der Selbstveränderung/Selbstpotenzierung durch Wirklichkeitsveränderung. Entsprechend wird der Mensch als "Prozeß seiner Handlungen", als eine "Abfolge tätiger Verhältnisse" begriffen, d.h. als Wesen, daß "nicht durch Aneinanderreihung in Verhältnisse mit anderen Menschen ein(tritt), sondern organisch, also indem es eine Teilnahme an Organismen eingeht, von ganz einfachen bis zu sehr komplexen...Daher kann man sagen, daß jeder in dem Maße selbst anders wird, sich verändert, in dem er die Gesamtheit der Verhältnisse, deren Verknüpfungszentrum er ist, anders werden läßt und verändert" (Gramsci 1994, Gefängnishefte Band 6, S.1348).

Grundlegend für die aktive Wirklichkeits- und Selbstveränderung ist der Umstand, daß der Mensch nicht 'kausalmechanisch' bzw. 'einfach-linear' durch die äußeren Verhältnisse determiniert ist, sondern im Rahmen eines konkret-historisch bestimmten Möglichkeitsraumes frei wählen und entscheiden kann: "Das Maß der Freiheit geht in den Begriff des Menschen ein" (ebenda, S.1341). In diesem Sinne schafft man die eigene Persönlichkeit durch freie Zielsetzung, Mittelfestlegung und -anwendung sowie durch kooperative Zielverwirklichung im Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse. Wenn die eigene Individualität die ausschnitthafte Aneignung und Realisierung des Ensembles dieser Verhä ltnisse ist, so bedeutet sich eine Persönlichkeit bilden dann "ein Bewußtsein dieser Verhältnisse gewinnen, die eigene Persönlichkeit verändern heißt das Ensemble dieser Verhältnisse verändern" (ebenda, S.1348). Prägnant gefaßt lautet daher Gramscis Formel der Persönlichkeitsentwicklung: "Die Außenwelt, die allgemeinen Verhältnisse zu verändern, heißt sich selbst zu potenzieren, sich selbst zu entwickeln...Daher kann man sagen, daß der Mensch wesentlich 'politisch' ist, denn die Tätigkeit zur bewußten Umformung und Leitung der anderen Menschen verwirklicht seine 'Menschlichkeit', sein 'menschliches Wesen'"(ebenda, S.1341f.). Zwar scheint es so, daß das einzelne Individuum gemäß seinen "unmittelbaren" Kräften wenig zu verändern vermag. Aber im Sinne der Alternative der Verfügungserweiterung bzw. der Möglichkeitsrealisierung verallgemeinerter Handlungsfähigkeit stimmt das nur bis zu einem bestimmten Punkt. "Denn der einzelne", so Gramsci (ebenda, S.1348), "kann sich mit all denen zusammen schließen, die dieselbe Veränderung wollen, und wenn diese Veränderung vernünftig ist, kann der einzelne sich in einem imponierenden Ausmaß vervielfachen und eine Veränderung erzielen, die viel radikaler ist, als es auf den ersten Blick erscheint."

Persönlichkeitsentwicklung findet demnach in der Perspektive Gramscis, auch in ihren scheinbar unpolitischen Erscheinungsweisen, im Spannungsfeld konkurrierender hegemonialer Praxen und ihrer ideologischen Äußerungsformen statt. D.h.: Die Verknüpfung von Persönlichkeitsentwicklung und konkret-historischer Gestaltung der ideologischen Klassenkämpfe bildet den 'subtilen Bereich' für hegemoniale Initiativen der progressiven Kräfte.

6) Als entscheidenden Akteur im Kampf um die Durchsetzung einer progressiv-emanzipatorischen Hegemonie akzentuiert Gramsci - neben der Herausarbeitung der Rolle der Intellektuellen in diesem Prozeß - die "revolutionäre Partei". In seiner politischen Funktion als Führungsmitglied der KPI und der KOMINTERN hatte Gramsci bereits vor seiner Inhaftierung intensiv parteitheoretische Fragen behandelt. Im vorliegenden subjektwissenschaftlichen Befragungskontext ist hier vor allem folgender Aspekt von Interesse:

Als Voraussetzung für die Anziehungskraft und Führungskompetenz der Partei betonte Gramsci das Erfordernis, "daß jedes Parteimitglied ein aktives politisches Element, ein Führungselement ist" (Gramsci 1980, S. 120). Signum des Einzelnen als 'Führungselement' ist seine intellektuelle (geistig-analytische) Eigenständigkeit, die er aufgrund einer zielgerichteten theoretisch-ideologischen Bildung und Erziehung erreicht: "Die Erhöhung des ideologischen Niveaus der Partei muß durch eine systematishe innerparteiliche Aktivität erreicht werden; ihre Aufgabe besteht darin, alle Mitglieder dahin zu führen, daß sie sich voll und ganz der unmittelbaren Ziele der revolutionären Bewegung bewußt sind, eine gewisse Fähigkeit zur marxistischen Analyse der Situationen und eine dementsprechende Fähigkeit zu politischer Orientierung besitzen (Parteischule). Zurückzuweisen ist eine Auffassung, die behauptet, daß die Faktoren des Bewußtseins und der revolutionären Reife, die die Ideologie bilden, in der Partei vorhanden sein können, ohne daß sie in einer großen Zahl der einzelnen Parteimitglieder vorhanden sind" (ebenda, S. 163).

Für Gramsci ist folglich die geistig-moralische Konstitution des individuellen Subjekts von ausschlaggebender Bedeutung für die Entwicklungshöhe und den schließlichen Erfolg der Tätigkeit des praktisch-kritischen Kollektivsubjekts (Partei). Bildung/Erziehung des Einzelnen und (Höher-)Bewegung des Kollektivs werden als produktives dialektisches Verhältnis gesehen. Damit wird ein Gegenentwurf zum "Typus des internationalen stalinistischen Funktionärs" (Hofmann 1970, S.57) artikuliert, der sich durch "soldatische Treue" zur "von oben" vorgegebenen Parteilinie "auszeichnet", die er "kämpferisch" gegenüber "Abweichlern" und anderen Parteifeinden vertritt. Während hier die Treue zur Partei mit einer geistig-intellektuellen Unselbständigkeit und dem Fehlen einer gefestigten persönlichen Gesinnung korrespondiert, sieht Gramsci in der intellektuellen und moralischen Mündigkeit (Überzeugtheit) des Einzelnen die conditio sine qua non einer lebensfähigen Kampfgemeinschaft von Gleichgesinnten. In den Gefängnisheften notiert er: "Kritisches Bewußtsein kann nicht entstehen ohne ein Zerbrechen des katho lischen oder autoritären Konformismus und folglich ohne ein Aufblühen der Individualität...Daß man kämpft, um einen rückständig und hinderlich gewordenen autoritären Konformismus zu zerstören, und das man über eine Phase der Entwicklung von Individualität und kritischer Persönlichkeit zum Menschen-Kollektiv gelangt, ist eine dialektische Auffassung, die für die schematischen und abstrakten Mentalitäten schwer zu begreifen ist" (Gramsci 1993, Gefängnishefte Band 5, S.1099).

7) Von besonderer Bedeutung für die theoretische Reflexion der Möglichkeitsbedingungen bezüglich der Herausbildung eines "praktisch-kritischen" Kollektivsubjekts ist Gramscis Bruch mit dem normativ-dogmatischen Klassenbegriff des Vulgärmarxismus. Während nämlich in vulgärmarxistischer Sicht die Arbeiterklasse a priori aufgrund einseitig interpretierter sozioökonomischer Positionsmerkmale als einheitliche Klasse gesetzt (bzw. 'beschworen' und 'angerufen') wird, geht Gramsci von der objektiven Spaltung, Fragmentierung und Zersplitterung der Arbeiterklasse aus. Die 'Einheit der Klasse' kann also weder einfach als 'gegeben' vorausgesetzt werden, noch entsteht sie automatisch, sondern ist als mögliches Resultat eines komplizierten Prozesses zu verstehen, den Marx als Bewegung der 'Klasse an sich' zur 'Klasse für sich' bestimmt hatte. Dieser Prozeß der Formierung des Arbeiterklasse als historisches Subjekt wird von Gramsci näher untersucht. Im einzelnen unterscheidet er folgende Entwicklungsstadien, die den Zusammenhang von Bewußtseinsform, Organisationsform und Tätigkeitsform betreffen:

1.) Die elementare Stufe bildet die ökonomisch-korporative Phase, in der bestimmte Berufsgruppen gemeinsame Interessen artikulieren, ohne diese 'Gruppeninteressen' im Hinblick auf die Ausbildung allgemeiner (übergreifender) Klasseninteressen zu überschreiten.

2.) Die zweite Stufe bildet die 'klassen-korporatistische' bzw. trade-unionistische Phase, in der sich zwar gleiche Klasseninteressen entwickeln, aber nur beschränkt auf den ökonomischen Bereich. Auf beiden Stufen wird der Konsens mit den Herrschenden nicht in Frage gestellt: Die bürgerliche Hegemonie bleibt unangetastet.3.) Die dritte Stufe bildet die ethisch-politische bzw. hegemoniale Phase, in der die weltanschauliche und politische Loslösung von der herrschenden Klasse erfolgt, der bereits beschriebene Prozeß der Katharsis einsetzt, die Interessen anderer unterdrückter Klassenkräfte einbezogen werden, die 'selbstbewußt' gewordene revolutionäre Klasse ihre hegemonialen Ansprüche formuliert und sich als Agens eines neuen historischen Blocks begreift etc.

In dem unvollendet gebliebenen Manuskript "Einige Gesichtspunkte der Frage des Südens", das Gramsci kurz vor seiner Verhaftung schrieb, wird die anzueignende Führungskompetenz der Arbeiterklasse in strikter Abgrenzung gegenüber ouvrieristischen, d.h. die Interessen des Proletariats fetischisierenden Tendenzen, deutlich gemacht - in offensichtlichem Einklang mit Lenins Hinweis, daß "vom Standpunkt der Grundideen des Marxismus ... die Interessen der gesellschaftlichen Entwicklung höher (stehen) als die Interessen des Proletariats" (LW, Bd. 4, S. 230): "Um als Klasse herrschen zu können, muß das Proletariat alle korporativen Überreste, alle Vorurteile oder syndikalistische Verkrustungen abstreifen. Was bedeutet das? Es bedeutet, daß nicht nur die zwischen den einzelnen Berufen bestehenden Unterschiede überwunden werden müssen, sondern daß die Arbeiterklasse, um das Vertrauen und den Konsens der Bauern und einiger halbproletarischer Schichten der Städte zu gewinnen, manche Vorurteile und egoistischen Tendenzen überwinden muß, die in ihr bestehen können und tatsächlich bestehen, auch wenn die Berufspartikularismus in ihren eignene Reihen verschwunden ist. Der Metallarbeiter, der Holzarbeiter, der Bauarbeiter usw. müssen nicht mehr nur als Proletarier, als Metallarbeiter, als Holzarbeiter, als Bauarbeiter usw. denken, sondern sie müssen noch einen Schritt weitergehen: Sie müssen als Mitglieder einer Klasse denken, die die Bauern und die Intellektuellen führen will, einer Klasse, die nur dann siegen und den Sozialismus aufbauen kann, wenn die große Mehrheit dieser sozialen Schichten sie unterstützt und ihr folgt. Wenn das nicht erreicht wird, wird das Proletariat nicht die führende Klasse, und diese Schichten, die in Italien die Mehrheit der Bevölkerung bilden, bleiben unter bürgerlicher Führung und ermöglichen es dem Staat, dem Ansturm des Proletariats standzuhalten und ihn zu brechen" (Gramsci 1991, S. 51).

Fazit

Gramscis tätigkeitstheoretische Rekonstruktion/Reinterpretation des Marxismus als "Philosophie der Praxis" verkörpert eine radikal-kritische Alternative zum "ökonomistischen" bzw. "deterministischen" Parteimarxismus der II. und III. Internationale. Auf dieser Grundlage bietet sie gleichzeitig zahlreiche Anhaltspunkte, Gedankengänge, Einsichten, methodische Hinweise, forschungsrelevante Fragestellungen etc. für den Auf- und Ausbau einer materialistisch-dialektisch orientierten "synthetischen" bzw. interdisziplinär ausgerichteten Subjektwissenschaft. Zum einen nämlich enthält das Werk Gramscis einen Leitfaden zur "wirklichen" historisch-materialistischen Aufschlüsselung der komplizierten (kollektiven) Subjektformierung der Subalternen im Geschichtsprozeß der antagonistischen Zivilisation an Stelle der üblichen, bloß phraseologischen, Beschwörung der Rolle der Volksmassen in der Geschichte. Zum anderen antizipiert Gramsci ein ganzes Spektrum individualwissenschaftlich relevanter Ideen/Theoreme, die gleichzeitig und später marxistisch orientierte Sozialphilosophen, Psychologen u.a. entwickelt haben, so z.B. die Akzentuierung der herausragenden Rolle sprachlich-kultureller Bedeutungen für die menschliche Bewußtseinstätigkeit (Wygotski); die dialektische Beziehung von persönlichem Sinn und gesellschaftlicher Bedeutung (Leontjew); der Stellenwert der Parteinahme für die Bestimmung der Persönlichkeit (Rubinstein); das "Bedürfnis nach Weltanschauung" (Lukács) sowie das Konzept der "Verfügungserweiterung" bzw. "verallgemeinerten Handlungsfähigkeit" (Holzkamp). Auch das vom Autor entwickelte Konzept der "subjektiven Widerspruchsverarbeitung" (Krauss 1996) ist wesentlich durch Gramsci inspiriert worden.


© Hartmut Krauss, Berlin 1997





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Vortrag anlaesslich der Gruendungstagung des Instituts für kritische Theorie zum Gedenken an Antonio Gramsci vom 18. bis 20. April 1997 in Berlin









 

GLASNOST, Berlin 1992 - 2017