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Beiträge zur Politik  









Hartmut Krauss

Faschismus und Fundamentalismus. Varianten totalitärer Bewegung im Spannungsfeld zwischen prämodernem Traditionalismus und kapitalistischer "Moderne" - Teil 2

Gesamtinhalt:

I. Kollision und Synthese "prämoderner" und "moderner" Herrschaftskultur
II. Die kapitalistische "Moderne" als struktureller Nährboden totalitärer Bewegungen
III. Deutschlands "gebückter" Gang in die kapitalistische "Moderne" und die reaktionäre Formierung des deutschen "Nationalcharakters"
IV. Massenwirksamkeit und dehumanisierende Potenz der faschistischen Ideologie
V. Klerofaschistische Kollaboration und religiöser Fundamentalismus als totalitärer Traditionalismus




III. Deutschlands "gebückter" Gang in die kapitalistische "Moderne" und die reaktionäre Formierung des deutschen "Nationalcharakters" 1

Deutschlands Weg in die kapitalistische "Moderne" ist im Vergleich zu anderen großen europäischen Völkern durch spezifische Hemmnisse, Entwicklungsblockaden und Verzögerungen mit weitreichenden ökonomischen, politischen, geistig-kulturellen und mentalen K onsequenzen gekennzeichnet. "Allgemein gesprochen", so Lukács, (1989, S.239), "besteht das Schicksal, die Tragödie des deutschen Volkes darin, daß es in der modern-bürgerlichen Entwicklung zu spät gekommen ist.

"Von elementarer Bedeutung für die nationalhistorische Entwicklung Deutschlands ist zunächst der Tatbestand, daß die Herausbildung einer durchsetzungsfähigen antifeudalistischen Bewegung mit einer bürgerlich-revolutionären Führung (Hegemonie) nicht stattg efunden hat. So endet die erste große Entscheidungsschlacht gegen das europäische Feudalsystem, der deutsche Bauernkrieg (1524/25)2 , der den bürgerlichen Revolutionszyklus einleitet, mit einer folgenschweren Niederlage. Dieser negative Ausgang war entsch eidend bedingt durch die objektive (sozialökonomischer Entwicklungsstand der Klassenbildung) und subjektive Unreife des Bürgertums, die insbesondere darin zum Ausdruck kam, daß die sich formierende Bourgeoisie ihrer Rolle als politischer Hegemon der antif eudalen Gesamtbewegung letztendlich nicht gerecht geworden ist. "Das Bürgertum der großen und mittleren Städte war erschreckt durch die elementare Gewalt des einfachen Volkes und aus Angst davor geneigt, die Fürstenpartei zu unterstützen. Hinzu kommt, daß diese Kreise duch die Reformation größtenteils befriedigt waren und gerade die führenden Vertreter der entstehenden Handelsbourgeoisie im Bündnis mit den Feudalgewalten ein wichtiges Mittel zur Steigerung ihrer Profite sahen und deshalb der Volksbewegung in den Rücken fielen" (Laube u.a. 1982, S.300).

Die Auswirkungen dieser Auftaktniederlage im bürgerlichen Revolutionsprozeß waren für die zukünftige Entwicklung Deutschlands verheerend: Die territoriale Zersplitterung in zahllose von einander isolierte und fremde Hoheitsgebiete die, wie Engels hervorge hoben hat, bereits eine wesentliche Ursache des Mißlingens der Aufstandsbewegung war, verschärft und verfestigt sich noch. Während sich die meisten europäischen Völker am Beginn der Neuzeit als Nationen mit einem einheitlichen Territorium konstituieren, f indet dieser Prozeß in Deutschland gerade nicht statt, sondern es wird ein direkt entgegengesetzter Weg eingeschlagen. Zudem bewirkte die Niederlage der revolutionären Kräfte einen Stillstand jener sozialen und politischen Tendenzen, die eine weitere früh kapitalistische "Zersetzung" der feudalen Verhältnisse ermöglicht hätten. Insbesondere wurde der Widerstand gegen die feudale Herrschaftsreorganisation und Ausbeutungsintensifikation fortan entscheidend geschwächt und die Entwicklungsmöglichkeit "verschüt tet", "die kapitalistische Entwicklung...auf einem bäuerlichen Weg vorantreiben zu können, das heißt durch die Verwandlung bäuerlicher in kapitalistische Wirtschaften" (Vogler 1983, S.199f.). Als Nutznießer und eigentliche Gewinner aus der fehlgeschlagene n deutschen frühbürgerlichen Revolution gingen die Territorialfürsten hervor: "Sie gewannen nicht nur relativ, dadurch daß ihre Konkurrenten, die Geistlichkeit, der Adel, die Städte, geschwächt wurden; sie gewannen auch absolut, indem sie die spolia opima (Hauptbeute) von allen übrigen Ständen davontrugen. Die geistlichen Güter wurden zu ihrem Besten säkularisiert; ein Teil des Adels, halb oder ganz ruiniert, mußte sich nach und nach unter ihre Oberhoheit geben; die Brandschatzungsgelder der Städte und Ba uernschaften flossen in ihren Fiskus, der oberdrein durch die Beseitigung so vieler städtischen Privilegien weit freieren Spielraum für seine beliebten Finanzoperationen gewann" (Engels 1976, S.411). Für die zukünftige geistig-moralische Entwicklung Deuts chlands folgenreich war die Einleitung exzessiver terroristischer Strafmaßnahmen seitens der konterrevolutionären Feudalgewalten, die ihre nächste Aufgabe nun darin sahen, den Widerstand der Volksmassen vollständig zu brechen und die Möglichkeit zukünftig er Aufstände von der Dimension des Bauernkrieges auszumerzen. Die konterrevolutionäre Tätigkeit der Feudalgewalten war in diesem Sinne systematisch darauf gerichtet, die im revolutionären Prozeß erzeugte Widerstandskultur der Aufständischen zu zerstören u nd die Möglichkeit der Tradierung der angesammelten Kampferfahrung - also den Vorgang revolutionärer Gedächtnisbildung - im Keim zu ersticken. Im historischen Gedächtnis der nachfolgenden Generationen triumphierte somit Luthers Obrigkeits- und Gehorsamsle hre3 gegenüber Müntzer "volksreformatorischer" Lehre von der gottgefälligen Rebellion des "gemeinen Mannes". Herbert Marcuse (1962, S.24) hat diese "deutsche Lektion" für die Bewußtseinsentwicklung folgendermaßen charakterisiert: "Schon seit der deutschen Reformation hatten sich die Massen an die Tatsache gewöhnt, daß für sie die Freiheit ein 'innerer'' Wert war, vereinbar mit jeder Form von Knechtschaft, daß gebührender Gehorsam gegenüber der bestehenden Autorität eine Voraussetzung für ewiges Seelenheil war...Luther begründete die christliche Freiheit als einen unabhängig von jeglichen äußeren Bedingungen zu verwirklichenden inneren Wert...Der Mensch lernte es,...'in sich', nicht in der Außenwelt die Verwirklichung seines Lebens zu suchen".

Zwar hatte die Reformation den Einfluß der römisch-katholischen Kirche auf große Teile Deutschlands entscheidend zurückgedrängt. Aber aufgrund der territorialfürstlichen Vormachtstellung gesellte sich nun zu der sozialökonomischen und politisch-rechtliche n Zersplitterung Deutschlands noch die konfessionelle Spaltung zwischen Katholiken und Protestanten. Darüber hinaus bildete sich innerhalb des deutschen Protestantismus der Gegensatz zwischen Lutheranern und Calvinisten heraus. Im Augsburger Religionsfrie den von 1555 mußte der mit dem Papst verbündete Kaiser Karl V. den Landesfürsten und freien Städten schließlich das Recht zugestehen, die Religion ihrer Untertanen eigenmächtig zu bestimmen. Damit war nun die religiös-kirchliche Grundlage des "Heiligen Rö mischen Reichs" faktisch suspendiert und der Grundstein für den Ausbau der weltlichen Territorialstaaten gelegt. Prinzipiell nicht an nationaler Einheit, sondern an territorialem Machterhalt und -zuwachs orientiert, gingen die deutschen Fürsten unterschie dlichste Bündnisse mit ausländischen Mächten ein und übertrugen auf diese Weise deren Konflikte auf Deutschland. Damit war aber eine wesentliche Bedingung dafür gegeben, daß in Europa ein Krieg mit dreißigjähriger Dauer ausbrechen und sich vornehmlich auf deutschem Boden abspielen konnte.

Die Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) waren für Deutschland katastrophal und vertieften den Entwicklungsrückstand auf gravierende Weise4 : Die Bevölkerung schrumpfte um ein Drittel; die landwirtschaftliche Produktion sank rapide5 ; die Kapitalverluste in den Städten waren verheerend. Zudem gingen die Fürsten gestärkt aus dem Krieg hervor: Sie hatten nach jahrhundertelangem Kampf ihre Souveränität gegenüber dem Kaiser errungen und waren jetzt völlig unabhängig geworden. Damit kommt es al so erneut zu einer qualitativen Verfestigung der Zersplitterung Deutschlands. Im Rahmen dieser Zersplitterung findet allerdings eine Zentralisation der landesherrlichen Macht statt, die als deformierter (territorial beschränkter) und verspäteter Absolutis mus bezeichnet werden kann. Einerseits setzte sich nämlich der Absolutismus in Deutschland zu einem Zeitpunkt durch, "als in England der Absolutismus bereits gestürzt, in Frankreich zumindest seine fortschrittliche Phase vorüber war, d.h. die Phase, in de r er die Entfaltung der kapitalistischen Elemente, der Bourgeoisie, innerhalb der Feudalordnung, noch förderte" (Mottek 1971, S.256). Andererseits ist entscheidend, "daß der Absolutismus in Deutschland nicht die Regierungsform eines Nationalstaates war. D ie deutschen Fürsten standen nicht an der Spitze von Nationen, sondern an der Spitze eines durch Krieg und Heirat zusammengescharrten Häufleins von Untertanen. Ihrer Regierung, ihrer Autorität fehlte deshalb der nationale Charakter. Die einzige Ideologie, auf die sie sich stützen konnten, war die des Gehorsams gegenüber den Herren, genüber der staatlichen Autorität. Deshalb wurde der Geist, oder richtiger Ungeist, des blinden Gehorsams in Deutschland so stark verbreitet" (ebenda).

Von zentraler Bedeutung für die reaktionär-autoritäre Entwicklungsdominante in der deutschen Geschichte der Neuzeit ist die Herausbildung und Festigung der Hegemonie Preußens. Es sind insbesondere folgende Faktoren, die den preußischen Absolutismus in sei ner qualitativen Besonderheit kennzeichen:

1) Während in England die Leibeigenschaft bereits am Ende des 14. Jahrhunderts faktisch beseitigt wurde und in den Aufstandsgebieten des deutschen Bauenkrieges eine "Versteinerung" der Grundherrschaft, also keine noch weitergehende Verschlechterung der bä uerlichen Existenzweise einsetzt, kommt es in den ostelbischen Gebieten zur sog. "zweiten Leibeigenschaft", die bis ins 19. Jahrhundert in verschiedenen Formen fortdauert. Die Basis der Agrarproduktion stellen grundherrliche Güter dar, "in denen gelegte, in die Leibeigenschaft gezwungene Bauern den Boden bearbeiten und Frondienste auf dem Gutsland zu leisten haben" (Streisand 1972, S.77). Auf diesen Gütern "monopolisierten die Junker den Getreidehandel, was zur Folge hatte, daß ein eigentliches Handelsbür gertum nicht entstehen konnte und die Städte, insbesondere im preußischen Staat, bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts nach einem Wort Franz Mehrings halb Domänen, halb Garnisonen blieben" (ebenda).

2) Wie Kofler (1992, S.144) hervorhebt, "ist die Herrschaft des preußischen Adels total. Der königliche Absolutismus ist kein Hindernis; im Gegenteil, er wird zum vornehmsten Machtmittel im Dienste der Ausgestaltung des Staates zu einem junkerlich-feudale n Gebilde. Politisch siegt der Absolutismus über die Adelsanarchie, sozial aber der Adel über den Absolutismus."
3) Ein zentrales Wesensmerkmal des preußischen Absolutismus ist sein betont militaristischer Charakter. Ausdrucksformen dieses preußischen Militarismus sind z.B. der Unterhalt eines überproportional großen Heeres; daraus resultierend extrem hohe Militärau sgaben; ein "wildes" Zwangsrekrutieren unter den Landesuntertanen; eine besondere staatliche Pflege und Abhebung des adeligen Offiziersstandes von der Masse der Soldaten; das Eindringen militärischer Normen in die zivile Verwaltung sowie ein ausgeprägter militärischer Drill: "In der Armee wurde die Beziehung zwischen befehlender und prügelnder Gutsobrigkeit und widerstrebend gehorchenden feudal-untertänigen Bauern als Gegensatz zwischen Offizierskorps und Mannschaften reproduziert" (Autorengruppe: Deutsch e Geschichte Bd.3, S.396). Seinem Wesen nach ist der preußische Militarismus als reaktionäre (gesellschaftsstrategische) Anpassungsform an den gesellschaftlichen Wandel im Übergangsprozeß vom Feudalsystem zur sich allmählich entfaltenden bürgerlich-kapita listischen (Re-)Produktionsweise zu entschlüsseln - noch verschärft durch das Motiv einer ambitionierten Großmachtpolitik vor dem Hintergrund begrenzter innergesellschaftlicher Ressourcen.

In ihrem reaktionär-militaristischen Beharrungsvermögen bildet die preußische Hegemonie die perfekte Konservierungsform der deutschen Rückschrittlichkeit und Zurückgebliebenheit nicht nur auf ökonomischem und politischem Gebiet, sondern auch in geistig-ku ltureller und mentaler Hinsicht. Ihre normierende Wirkungsmacht besteht darin, "daß es der noch ungebrochenen mittelalterlich-barbarischen Urwüchsigkeit des peußischen Adels gelingt, mit seinem unverderbt feudalen Klassenbewußtsein und seiner seit der Ent wicklung Preußens vom äußerlich modernen Absolutismus disziplinierten militärischen Roheit die ganze Gesellschaft zu durchdringen, ohne von dieser Gesellschaft selbst ummodelliert zu werden" (Kofler 1992, S.144). Von besonderem Interesse ist im vorliegend en Kontext der mit der preußischen Hegemonie korrespondierende "Subjekteffekt" bzw. die geistig-moralische "Verpreußung" der deutschen Menschen in ihrer jeweiligen klassenspezifischen Lebensposition.

Betrachten wir zunächst die bornierte Entwicklung des deutschen Bürgertums: Aufgrund der territorialen Zersplitterung sowie der weitgehend ungebrochenen Stabilität der feudalen Strukturen ist es in seinen ökonomischen Entwicklungsmöglichkeiten zunächst no ch entscheidend eingeschränkt. Hinzu kommt das Fehlen erfolgreicher revolutionärer Kampferfahrung und einer sich darauf gründenden Traditionsbildung. In Anbetracht der Übermacht feudalabsolutistischer Ideologien und Werte assimiliert die Masse des deutsch en Bürgertums angesichts dieser normativen Kraft des Faktischen adelige Denkhaltungen und Kulturelemente und generiert auf diese Weise einen den rückständigen Lebensbedingungen angepaßten Habitus6 , in dem sich folgende Konstituenten vereinen: eine servil e Untertänigkeit gepaart mit einer glorifizierenden Überhöhung von Unterordnungsbereitschaft, Disziplin und Gehorsam als Elementartugenden7 ; die Stilisierung von (Selbst-)Härte als Wert- und Ehrbegriff; die Paradigmatisierung militärischer Ordnungprinzip ien ("stramme Haltung") sowie die Neigung zu feudal-romantischer Sentimentalität. "Das konservative Denken", so Kofler (1992, S.168), "und die Achtung vor der 'Kraft' und 'Umsicht' der staatlichen Ordnung Preußens, von der der deutsche Spießer nur Äußerli chkeiten zu Gesicht bekam, waren dem Deutschen gleichsam 'angeboren'.

"Diese bürgerliche Habitusentwicklung wird auch durch die letztlich gescheiterte Revolution von 1848 nicht aufgebrochen, sondern eher noch bestärkt. Insbesondere die Furcht vor dem erwachenden Proletariat wirkt hier als verfestigender Faktor. Durch das ra dikale Eingreifen der demokratischen Kleinbürger, Arbeiter, Studenten und teilweise auch Bauern aufgeschreckt und durch seine "Untertanen-Sozialisation" entsprechend prädisponiert, paktiert das Bürgertum mit der feudalen Konterrevolution und schließt eine n Klassenkompromiß mit dem Adel. Dieses Scheitern der 48er Revolutuion ist nun mit drei wesentlichen Konsequenzen verbunden: Zum einen ist damit die Möglichkeit der nationalen Einigung Deutschlands auf revolutionär-demokratischem Wege verspielt. Sie wird im historischen Verlauf von nun an "von oben", d.h. gestützt auf die preußische Militärmacht, anvisiert und umgesetzt. Nicht zuletzt deshalb "erfolgt in Deutschland eine viel raschere und intensivere Beeinflussung der Massen durch chauvinistische Propagan da als in anderen Ländern" (Lukács 1989, S.248). Zum anderen wird die Gestaltung der verspätet8 , aber stürmisch einsetzenden kapitalistischen Entwicklung in Deutschland unter der politisch-staatlichen Kontrolle der preußischen Monarchie vollzogen. Diese sieht sich gezwungen, "in die Unterstützung der kapitalistischen Entwicklung aktiv und führend einzugreifen (Ausbau des 'Zollvereins' unter preußischer Führung als erste ökonomische Grundlage der nationalen Vereinigung). Damit ist aber zugleich in weiten kapitalistischen Kreisen von vornherein eine Abhängigkeit vom preußischen Staat gegeben, ein ununterbrochenes Paktieren mit der halbfeudalen Bürokratie, die Perspektive der Möglichkeit, die ökonomischen Interessen der Bourgeoisie in friedlicher Vereinbaru ng mit der preußischen Monarchie durchzusetzen" (ebenda, S.250f). Drittens verlangt die Niederlage von 1848 eine grundlegende geistig-moralische Kehrtwende. "Die entscheidende ideologische Signatur dieser Wendung ist das weltanschauliche Hinübergehen viel er bedeutender Schriftsteller von Feuerbach zu Schopenhauer, d.h. von der Bekämpfung der deutschen Zurückgebliebenheit, vom Versuch ihrer Überwindung zu ihrer Apologetik und Glorifizierung" (ebenda, S.287). Schopenhauers Philosophie läßt sich als elaborie rter und sublimierter Ausdruck der postrevolutionären Sinnsuche einer zutiefst frustrierten und desorientierten Bourgeoisie dechiffrieren. Der klassisch-humanistische Fortschrittsoptimismus mit seinem pathetischen Glauben an die abstrakte Vernunft wird vo n Schopenhauer ins direkte Gegenteil verkehrt. Insbesondere wird die Erkennbarkeit geschichtlich-sozialer Zusammenhänge sowie die Veränderbarkeit der gesellschaftlichen Realität bestritten und damit ein pessimistischer Verzicht auf politisch-praktische Wi rklichkeitsgestaltung nahegelegt. Bekämpft wird der "ruchlose Optimismus" der Hegelschen Geschichtsphilosophie. Demgegenüber wird die Möglichkeit des Fortschritts radikal bestritten; zu aller Zeit walte dasselbe: der absolut freie, unbändige, unvernünftig e Wille. Diese pessimistisch-irrationalistische Weltauffassung vermag einem Bürgertum Trost zu spenden, das soeben seine Hoffnung auf eine interessenadäquate Realitätsveränderung - nicht zuletzt aufgrund eigener Schwächen, Fehler und mangelnder Courage - begraben mußte und sich anschickte, der "profanen" Öffentlichkeit den Rücken zu kehren und sich ins spießerhafte Privatleben zurückzuziehen. "Wenn also in dieser Zeit ein Philosoph bekannt wurde, der in geistreich-bissiger Weise ein jedes Handeln als zwec klos und sinnlos verurteilte, der das spießerhafte Sichzurückziehen in sich...aus der Ewigkeitsperspektive der Philosophie gesehen...als Gipfel der menschlichen Erhabenheitpries, so mußte eine solche Predigt in breiten Kreisen der bürgerlichen Intelligenz und weit darüber hinaus im Bürgertum und Kleinbürgertum ein begeistertes Echo finden" (ebenda, S.291).

Die "preisgebende" Einwilligung in eine "Burgfriedenpolitik" mit dem Adel, mit der die deutsche Boureoisie ihren politischen Subjektstatus - trotz partieller Konfliktbereitschaft - weitgehend verspielt, ermöglicht schließlich die Installierung einer "bona partistischen Monarchie" (Engels) mit Otto v. Bismarck als zentraler Figur. Leitlinie seiner Politik ist die weitestmögliche Rettung der adeligen Vormachtstellung im Zeichen einer stürmischen bzw. "komprimierten" Entwicklung der kapitalistischen Produktio nsweise im noch zerplitterten Deutschland. "Rücksichtslos im Vorgehen gegen alle Bestrebungen der Liberalen, maßgeblichen Einfluß auf die Regierung zu gewinnen, bereitete er doch zugleich das entscheidende Zugeständnis an die Bourgeoisie vor, das unabding bar geworden war, die national-staatliche Einigung" (Streisand 1972, S.204f). Von herausragender Bedeutung ist nun, daß in der Ära der "bonapartistischen Monarchie" ein enormer Entwicklungsschub stattfindet, der Deutschland in die Stellung einer Großmacht katapultiert und im zeitgenössischem Bewußtsein der "Eisen- und Blut" - Politik Bismarcks gutgeschrieben wird. Verknüpft ist dieser Entwicklungsprung mit der kriegerischen Einigung Deutschlands "von oben" unter preußischer Führung. "Mitten im ungerecht g ewordenen Krieg gegen die französische Republik, auf französischem Boden und ohne Beteiligung des deutschen Volkes wurde am 18. Januar 1871 in Versailles das deutsche Kaiserreich proklamiert" (ebenda, S.223f.). So ist der deutsche "junkerlich-bürgerliche Imperialismus" (Lenin) bereits um die Jahrhundertwende voll ausgebildet9 : Ökonomisch und militärisch überaus stark, aber zur Aufteilung der Welt zu spät gekommen.

Der rapide Aufstieg Deutschlands von einem zersplitterten, ökonomisch und politisch zurückgebliebenem Land zu einer "von oben" auf kriegerische Weise vereinten wirtschaftlichen, politischen und militärischen Großmacht hatte nachhaltige Auswirkungen auf di e zeitgenössische Bewußtseinsbildung und Verhaltensprägung. Von entscheidender Bedeutung ist hierbei der Umstand, daß dieser Aufstiegsprozeß unter Führung eines von adeligen Oberschichten beherrschten Militärstaates zustande gekommen und mit einer Reihe v on militärischen Siegen - über Österreich, Dänemark und Frankreich - verknüpft war. Entsprechend groß war der allgemeine Prestigegewinn des gesellschaftlich dominanten Kriegs- und Beamtenadels und stärkte dessen Stellung als normensetzender (hegemonialer) Kraft. Der zeitgenössische Erlebnishorizont war ausgefüllt mit einem triumphalistischen Hochgefühl der plötzlich und unerwartet eingetretenen Stärke nach der jahrelangen deprimierenden Erfahrung von Tiefe, Schwäche und Zurückgebliebenheit. Hinzu kam die aufwertende Erfahrung militärischer Durchsetzungsmacht als "Königsweg" zur Erlangung nationaler Stärke; womit die preußisch-militaristische Tradition einen zusätzlichen Legitimationsschub erhielt. Im Bewußtsein der Menschen verfestigte sich die "regulativ e" Idee, daß im menschlichen Zusammenleben gewaltgestützte Stärke etwas grundsätzlich Gutes und Schwäche etwas Schlechtes bzw. Negatives sei. Die daraus hervorgehende, weithin akzeptierte Dominanz des Militärischen und die Vorrangstellung kriegerischer We rte korrepondierte andererseits mit einer verächtlichen Desavouierung zwischenmenschlicher Moral in Form von Rücksichtnahme, Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft für andere etc. In dem Maße, wie die friedliche Einigung Deutschlands unter bürgerlicher Führu ng gescheitert war und realhistorisch unter der Leitung des preußischen Militäradels auf kriegerische Weise erfolgte, dominierten in der "Offizialkultur" des wilhelminish-imperialistischen Deutschlands "prämoderne" (aristokratisch geprägte) Bedeutungen (W erte, Normen, Ideologien, Verhaltensstile etc.). Geistig-kulturell führte somit die kriegerische Einigung Deutschlands von 1871 zu einer "Kapitulation weiter Kreise des Bürgertums vor dem Adel" (Elias 1994, S.23). "Eine eigentümliche Spielart des Bürgertu ms trat auf die Szene: bürgerliche Menschen, die die Lebenshaltung und die Normen des Militäradels zu den ihren machten. Damit verbunden war eine klare Distanzierung von den Idealen der deutschen Klassik" (ebenda). Die subjektive Übernahme von Adelsmodell en in den Habitus des wilhelminischen Bürgertums in Gestalt eines verbürgerlichten Kriegerethos offenbart sich zum einen in der alltäglichen "Haltungspflege" und Idealisierung von militärischen Tugenden wie "Härte", "Unerbittlichkeit", "eiserner Wille" so wie der entsprechenden Stigmatisierung von moralischen Einstellungen und Gefühlen als "falsche Sentimentalität", "Gefühlsduselei", minderwertige "Weichheit" etc. "Entsprechend dem Umschlag von der staatlichen Schwäche zur staatlichen Stärke schlägt so auc h der humanistisch-moralisch-zivilisatorische Kanon in einen Gegenkanon mit starken anti-humanistischen, anti-moralischen und anti-zivilisatorischen Tendenzen um" (ebenda, S.273). In weltanschaulich-philosophischer Hinsicht repräsentiert Friedrich Nietzsc he (1844-1900) in zugespitzter Form die tendenzielle geistige Militarisierung und Enthumanisierung der wilhelminischen Bourgeoisie. Ist Schopenhauers Irrationalismus und Agnostizismus noch als defensiv-elitärer Ausdruck einer zeitgebundenen bürgerlich-int ellektuellen Ohnmachtsreflexion anzusehen, so vollzieht Nietzsche philosophisch den Übergang zur geistig-weltanschaulichen Legitimation des enthemmten Herrenmenschen als "Krone" der antagonistischen Zivilisation. Im Prozeß des Ablösung des "Kapitalismus d er freien Konkurrenz" durch den "Monopolkapitalismus", der Etablierung des imperialistischen Kolonialismus, der sich verschärfenden zwischenimperialistischen ("Eroberungs"-)Konkurrenz sowie in Anbetracht der erstarkenden sozialistischen Arbeiterbewegung ( Pariser Kommune 1870/71) wird der bürgerlich-revolutionäre Werte- und Menschenrechtshorizont zunehmend als "Zwangsjacke" und "Geißel" der Herrschenden erfahren. Als geistige Reaktion auf diesen "Orientierungswiderspruch" des Herrschaftssubjekts repräsenti ert Nietzsches Philosophie den radikalsten und einflußreichsten Bruch mit den weltanschaulich-moralischen Traditionen, Werten und Idealen des antifeudalen Bürgertums der Aufstiegsphase. Den Brenn- und Zielpunkt bildet die emphatische Verteidigung sozialer Ungleichheit bzw. antagonistischer Herrschaftsverhältnisse sowie die Konstruktion des neuen Herrenmenschen. Schon frühzeitig, im Kontext seiner Studuien zur Antike, formuliert er sein Credo, "daß zum Wesen einer Kultur das Sklaventum gehöre" (Nietzsche 1 966, Bd.3, S.278). Das Elend der mühsam lebenden Menschen müsse noch gesteigert werden, um einer geringen Anzahl olympischer Menschen die Produktion der Kunstwelt zu ermöglichen. Die Menschheit wird demnach von Natur aus als unabänderlich in zwei qualitat iv grundverschiedene Typen geteilt angesehen: die edle und vornehme Herrenkaste und die niedrige, pöbelhafte Kaste der Herden-menschen, der "Viel-zu-Vielen", "Mißratenen" etc. Diese letzendlich biologistisch bedingte Spaltung der Menschheit in "Herren" un d "Herde" erfordert "naturnotwendig" die Konstituierung einer antagonistischen Zivilisation: Hierarchische Strukturen mit entsprechender Rang- und Kastenordnung; Besitz, Reichtum und Macht für die Herrschenden; Unterdrückung, Sklaverei, Ausbeutung, Not un d Mühsal für die Masse der "pöbelhaften" Menschen10 . Worauf es Nietzsche ankommt, ist die "mitleidsmoralische" Entskrupelung der Diktatur der "Herrenmenschen": "Das Wesentliche an einer guten und gesunden Aristokratie ist aber, daß sie sich nicht als Fun ktion (sei es des Königstums, sei es des Gemeinwesens), sondern als dessen Sinn und höchste Rechtfertigung fühlt - daß sie deshalb mit gutem Gewissen das Opfer einer Unzahl Menschen hinnimmt, welche um ihretwillen zu unvollständigen Menschen, zu Sklaven, zu Werkzeugen herabgedrückt und vermindert werden müssen. Ihr Grundglaube muß eben sein, daß die Gesellschaft nicht um der Gesellschaft willen da sein dürfe, sondern nur als Unterbau und Gerüst, an dem sich eine ausgesuchte Art Wesen zu ihrer höheren Aufg abe und überhaupt zu einem höheren Sein emporzuheben vermag..." (Nietzsche 1966, Band 2, S.728). Nietzsches radikal-antihumanistisches Konzept der Katharsis zielt folglich ab auf die "Umwertung aller Werte", auf die Entschlackung der antagonistischen Zivi lisation von der herrschafts- und ausbeutungsbehindernden "Herdenmoral", auf eine Haltung des "Jenseits von Gut und Böse". Auf diese Weise soll - nach dem Tod Gottes - der neue "Übermensch" herangezüchtet werden. Als stilistisches Mittel dient hier die ei nfach-negatorische Ästhetisierung des Inhumanen, Grausamen, Barbarischen, Falschen etc. Der Idee des Fortschritts wird die "ewige Wiederkehr des Gleichen" entgegengehalten; die Menschheitsgeschichte gilt ihm als "wirrer Kehrrichthaufen"; das Bestreben nac h einer sozialen und moralischen Verbesserung der gesellschaftlichen Lebensverhältnisse wird durch die Liebe zum Schicksal ("amor fati") konterkariert; nicht Gnade, Weisheit, Weitblick, Gerechtigkeit, sondern Stärke, Gewalt, Rücksichtslosigkeit, Verbreche n werden als Tugenden der neuen Herrenrasse proklamiert. "Es kommt in der Weltgeschichte auf die großen Verbrecher an, eingerechnet jene vielen, welche eines großen Verbrechens fähig waren, aber es nicht taten" (zit.n. Naake 1989, S.90). "Prachtvoll" ist für Nietzsche "die nach Beute und Sieg lüstern schweifende blonde Bestie", "ekelhaft" hingegen der Anblick der mißratenen, verkrümmten, vergifteten Herdenmenschen. Dem neuen Herrenmenschen wird die "Unschuld des Raubtiergewissens" und "völlige Unverantwor tlichkeit" zugebilligt; seine Richtlinien lauten "Nichts ist wahr, alles ist erlaubt! und "gefährlich leben!". Radikal verworfen bzw. vollständig "pragmatisiert" wird auch die Idee der Wahrheit. "Die Falschheit eines Urteils ist uns noch kein Einwand gege n ein Urteil...Die Frage ist, wie weit es lebensfördernd, lebenserhaltend, Art-erhaltend, vielleicht gar Art-züchtend ist; und wir sind grundsätzlich geneigt zu behaupten, daß die falschesten Urteile...uns die unentbehrlichsten sind" (Nietzsche 1980, Bd.4 , S.569).

Die legitimatorische Grundlage für seine Grundintention, die antagonistische Zivilisation radikal zu perfektionieren, sieht Nietzsche im "Willen zur Macht" als dem universellen und konstanten Lebensprinzip. "Leben selbst ist wesentlich Aneignung, Verletzu ng, Überwältigung des Fremden und Schwächeren, Unterdrückung, Härte, Aufzwängung eigener Formen, Einverleibung und mindestens, mildestens, Ausbeutung" (ebenda, S.729). Von diesem Standpunkt aus kritisiert er die zeitgenössische bürgerliche Herrschaftkultu r als verweichlicht, dekadent, unfähig zur Überwindung/Auslöschung der "Herdenmoral" etc. Die Ideen der Aufklärung, die Menschenrechte, der bürgerliche Humanismus der Aufstiegsphase, die "liberalen Institutionen" seiner Zeit (Parlamentarismus, allgemeines Wahlrecht, bürgerlicher Repräsentativstaat, politische Parteien, Massenpresse etc.) werden von ihm haßerfüllt als Fesseln der Herausbildung des neuen Herrenmenschentums verurteilt. Durch diese "modernen" Prinzipien und Regularien sieht er den "Willen zur Macht" unterminiert und die Gefahr der Erhebung und des Triumphs der "Herdentiere" (der pöbelhaften Masse) heraufbeschworen. Aus der Perspektive des aristokratischen Reaktionärs, der die Vornehmheit des "Geblütsadels" und dessen paternalistische Herrscha ftsausübung verehrt, wird die kapitalistische Form des Reichtums und der Ausbeutung negativ bewertet. "Den Fabrikanten und Großunternehmern des Handels fehlten bisher wahrscheinlich allzusehr alle jene Formen und Abzeichen der höheren Rasse, welche erst d ie Personen interessant werden lassen; hätten sie die Vornehmheit des Geburts-Adels im Blick und in der Gebärde, so gäbe es vielleicht keinen Sozialismus der Masse. Denn diese sind im Grunde bereit zur Sklaverei jeder Art, vorausgesetzt, daß der Höhere üb er ihnen sich beständig als höher, als zum Befehlen geboren legitimiert - durch die vornehme Form!" (Nietzsche 1966, Band 2, S.65f.)11

Eine zweite wesentliche Fessel des neuen Herrenmenschen erblickt Nietzsche in der christlich geprägten abendländischen Moral. Indem das Christentum die Schwachen, Niedrigen, Erbärmlichen und Kranken anrufe und die Gleichheit der Seelen verkünde, stimulier e es Neid- und Rachegefühle und erkläre der Herrenrasse den Krieg. Mit dieser "Seelengleichheitslüge" eigne sich das Christentum als "Herdentier-Religion", die den "modernen Sklavenaufstand" in Gestalt der Französischen Revolution, der Demokratie, des Soz ialismus und Anarchismus erst ermöglicht habe. Christliche Werte wie Nächstenliebe, Mitleid, Güte, Selbstlosigkeit, Askese, innerer Friede etc. sind für Nietzsche widernatürliche Verleugnungen des Lebens, die eine perverse Umkehrung von "gut" und böse" au sdrückten. Die Starken, Gewaltätigen, Rücksichtslosen (die "blonden Bestien") würden herabgesetzt und die Schwachen, Niederen, Mißratenen erhöht. Als Verkörperung der "Sklavenmoral" sei das Christentum "unsterblicher Schandfleck der Menschheit", ein große r Fluch, ein "Aufstand gegen alles Am-Boden-Kriechende gegen das, was Höhe hat".

In Form der Verschmelzung von biologistischer Apologetik der antagonistischen Zivilisation und antichristlichem Irrationalismus liefert Nietzsches Philosophie das spätbürgerliche Gegenbild zur allgemeinmenschlich auftretenden Aufklärung, die in der "heroi schen Phase" der "aufsteigenden" antifeudalen Bourgeoisie als weltanschauliches Leitkonzept fungierte. Damit wird aber auch die Subjektkonstruktion auf nachhaltige und widersprüchliche Weise tangiert: Das bürgerliche Subjekt erfährt einen intensiven "Fein schliff" als Herrschaftsträger, ohne freilich seine der "Kapitallogik" geschuldeten - und von Nietzsche weitgehend verkannten - Wesensmerkmale preiszugeben.

Auch die deutsche Arbeiterklasse unterliegt in mehrdimensionaler Hinsicht den Einflüssen der "prämodern"-aristokratisch dominierten Offizialkultur des "wilhelminischen Imperialismus"12 :

1) Den primären Infektionskanal der - zumindest ansatzweisen - geistig-moralischen "Verpreußung" des deutschen Proletariats13 bildet die nach militärischen Vorbildern strukturierte Gestaltung der kapitalistischen Arbeitsverhältnisse mit einer entsprechend en betrieblichen Sozialisation der lohnabhängigen Arbeitskräfte. "Die Organisation der Großbetriebe war autoritär-militaristisch, Vorarbeiter und Meister fungierten als Unteroffizier und Feldwebel, Ingenieur und Betriebsführer waren die Offiziere, die Dir ektoren bildeten den Generalstab, und der Generaldirektor beherrschte das Ganze, ähnlich wie der oberste Kriegsherr die Armee" (Siemsen 1937, S.66).

2) Auch die politisch-organisatorische (Selbst-)Erziehung des Proletariats erfolgt unter den deformierenden Vorzeichen einer "preußischen" Beeinflussung. Das gilt schon für die Praxis des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins unter der quasi-bonapartistis chen Führung Ferdinand Lassalles. Wie Lukács (1989, S.256) vermutet, ist Lassalles persönliche und politische Annäherung an Bismarck keineswegs als zufällige Verirrung anzusehen, sondern vielmehr als "die notwendige logische Folge seiner ganzen philosophi schen und politischen Position. Lassalle übernahm völlig ohne Kritik von Hegel den Gedanken des Primats des Staats vor der Wirtschaft und wandte ihn mechanisch auf die Befreiungsbewegung des Proletariats an. Damit lehnte er all jene Formen der Arbeiterbew egung ab, die durch Selbsttätigkeit des Proletaiats zu einem Kampf um demokratische Ellenbogenfreiheit, zu einem demokratischen Zusammenstoß mit dem preußischen bonapartisch-bürokratischen Staat hätten führen können. Die Arbeiter sollten auch ökonomisch i hre Befreiung vom preußischen Staat, vom Staat Bismarcks erwarten." Nach der Aufhebung des Sozialistengesetzes, der relativen Prosperität14 und der vorübergehenden staatlichen Nachgiebigkeit gegenüber der Arbeiterbewegung wächst mit der Ausbreitung des Re formismus auch die Illusion des "frischfrommfröhlichen 'Hineinwachsens' der alten Sauerei in die 'sozialistische Gesellschaft'"(Engels). Kofler (1992,S.187) bringt die auffällige Neigung der deutschen Arbeiterbewegung zur mechanistischen Interpretation de r Marxschen Lehre mit der "deutschen Treue" zur staatlichen Bürokratie bzw. mit deren "Überschätzung des Bürokratischen und Organisatorischen auf Kosten der kritischen Beweglichkeit der Urteilskraft" in Verbindung. So erklärt sich die subjektive Attraktiv ität der mechanistischen Geschichtsinterpretation daraus, "daß...sie teilweise von tätiger, demokratischer Verantwortung freispricht und den bürokratischen Automatismus, den 'naturgesetzlichen' und vom Wollen unabhängigen Gang der Geschichte rechtfertigt" (ebenda).

3) Während sich der Richtungsstreit innerhalb der deutschen Sozialdemokratie zunehmend verschärfte und die reformistische Strömung ihren Einfluß sukzessive erweiterte, intensivierten die imperialisischen Machteliten ihre Maßnahmen zur Beeinflussung der Vo lksmassen im Sinne ihrer expansionistisch-militaristischen Ziele. So kam es zur Gründung antisozialistisch-chauvinistischer Propagandagesellschaften wie dem "Alldeutschen Verband", dem "Reichsverband gegen die Sozialdemokratie" dem "Deutschen Flottenverei n", dem "Kyffhäuserbund" u.a. Aufgrund dieser internen und externen Einflüsse stand die Mehrheit der deutschen Arbeiterklasse während der gesamten Vorkriegsperiode unter herrschafts-ideologischem Einfluß. "Die nationalistische Propaganda der letzten Jahre und ihre Steigerung zur akuten Kriegshysterie nach dem Attentat von Sarajewo wirkten sich jetzt in einem militaristischen Taumel aus, der offensichtlich auch große Teile der sozialdemokratisch organisierten oder orientierten Arbeiter erfaßte. Hier wurde ein weiteres Mal der Anpassungsdruck der nichtsozialistischen Massen auch auf die Arbeiterbewegung deutlich" (v. Freyberg u.a. 1975, S.52f.).

4) Unter den gesamtgesellschaftlich wirksamen Bedingungen der geistig-kulturellen Hegemonie aristokratisch-militaristisch geprägter Orientierungen, Werte und Normen sowie der deformierenden Erfahrungen der kapitalistischen "Betriebssozialisation" erwies s ich auch die proletarische Familie als (Re-)Produktionsstätte autoritärer (herrschaftskonformer und -funktionaler) Subjektivitätsmerkmale. "Die Familiie besorgt, als eine der wichtigsten erzieherischen Agenturen, die Reproduktion der menschlichen Charakte re, wie sie das gesellschaftliche Leben erfordert, und gibt ihnen zum großen Teil die unerläßliche Fähigkeit zu dem spezifisch autoritären Verhalten, von dem der Bestand der bürgerlichen Ordnung weitgehend abhängt" (Horkheimer 1977, S.206)15 .

Nach der Periode des triumphalistischen Aufstiegs Deutschlands zur vereinigten Großmacht und der mit euphorisch-chauvinistischem Geist durchtränkten Vorkriegsphase, bedeutet die militärische Niederlage Deutschlands im 1. Weltkrieg und der daraus resultier ende Zusammenbruch des wilhelminischen Herrschaftssystems ein nationales Trauma - nicht nur für die in ihrer Dominanzposition erschütterten imperialistischen Eliten, sondern auch für jene Bevölkerungskreise, die von der nationalistischen Hochstimmung seit 1871 überwältigt worden waren. Auf sie wirkt der erneute "Absturz" der Nation in die Rolle des Verlierers, des Geschlagenen und Bezwungenen wie eine persönliche Erniedrigung und Demütigung. Vor diesem traumatisierenden Erlebnishintergrund wird die "Weima rer Republik", die konkret-politisch als Kompromißgebilde zwecks Eindämmung der drohenden proletarischen Revolution zustande gekommen war, von vielen innerlich als von den Siegermächten und "Novemberverbrechern" aufgenötigter "Fremdkörper" angesehen. Dies e innerliche Distanzierung seitens großer Bevölkerungsgruppen, die weder eine demokratische Erziehung erhalten noch entsprechende Traditionen ausgebildet hatten, wird noch dadurch vertieft, daß "die Weimarer Demokratie gezwungen war, die tiefste nationale Erniedrigung, die Deutschland seit der Napoleonischen Zeit erlebt hat, den imperialistischen Frieden von Versailles durchzuführen und ins Leben zu setzen. Vor den demokratisch nicht erzogenen Volksmassen war also die Weimarer Republik das Vollzugsorgan d ieser nationalen Erniedrigung im Gegensatz zu den Zeiten der nationalen Größe und Expansion, die mit den Namen Friedrich II. von Preußen, mit Blücher, mit Bismarck und Moltke, also mit monarchistisch-undemokratischen Erinnerungen verbunden waren" (Lukács 1989, S.264f.).

In einer analytischen Perspektive lassen sich folgende ereignisgeschichtlichen Konstitutionsfaktoren herausheben, die das reaktionäre Bedeutungsensemble in der Weimarer Republik fundiert und "gespeist" haben und zugleich mentalitätsprägende Wirksamkeit er zielten:

1) Die militärische Niederlage im 1. Weltkrieg als zugleich deprimierendes und traumatisches, aber auch zu sentimentaler Romantisierung, Mystifizierung und Ästhetisierung Anlaß gebendes "Schlüsselerlebnis": So entsteht eine kriegsverherrlichende Literatur , die darauf abzielt, den Krieg gefühlsmäßig - trotz seiner Schrecken und Grausamkeiten - als subjektiv sinnerfüllendes, bejahenswertes Ereignis "aufzubereiten". Der profane zwischenstaatlich-kriegerische Machtkampf, darin eingeschlossen die militärische Verdinglichung/Instrumentalisierung lebendiger Menschen zu bloßem "Kanonenfutter" bzw. "strategischem Material", "wird dadurch in ein positives Licht gerückt, daß man seinen abstoßenden Charakter, ohne ihn zu übergehen, in ein feingesponnenes Netz nobler und verschönernder Empfindungen einhüllt16 . Der Horror der Leichen, der zerfetzten Leiber, der in Schmerzen Sterbenden wird abgetönt durch Erzählungen von der kriegerischen Kühnheit, dem beispielhaften Mut des Offiziers und der Loyalität der getreuen Man nschaft...So kommt eine Glorifizierung des Grauenhaften, eine Romantisierung der Gewalttat zustande, die im Verein mit Hinweisen auf den mythischen Urgrund des Krieges das Barbarische vergoldet" (Elias 1994, S.275f.).

2) Die nachtrauernde Beschwörung der "alten Größe" und des untergegangenen Wertekanons ihrer ehemaligen Garanten (aristokratisch-militaristische Herrschaftsträger): So heißt es beispielsweise in den Grundsätzen der Deutschnationalen Volkspartei von 1920: "Das Kaisertum hat uns auf den Gipfel staatlicher Macht geführt. Das deutsche Volk hat seine Kraft glänzend bewährt. Durch feindliche Übermacht und eigene Schuld ist es jäh zusammengebrochen. Darin ruht die erschütternde Tragik seines Geschicks...Letzten Endes wurde die Revolutuion die große Verbrecherin, die Sittlichkeit, Staatsordnung und Wirtschaft zertrümmerte und uns der Verachtung der Welt preisgab" (Kühnl 1975, S.52).

3) Die Perhorreszierung des "Versailler Diktatfriedens" und seiner "erfüllungspolitischen Handlanger: So heißt es in der Berliner Stahlhelm-Botschaft vom 8.Mai 1927: "Der Stahlhelm sagt den Kampf an jeder Weichlichkeit und Feigheit, die das Ehrbewußtsein des deutschen Volkes durch Verzicht auf Wehrrecht und Wehrwillen schwächen und zerstören wollen. Der Stahlhelm erklärt, daß er den durch das Versailler Friedens-Diktat und dessen spätere Ergänzungen geschaffenen Zustand nicht anerkennt" (ebenda, S.54).

4) Die "antibolschewistische" Verarbeitung des Schocks der Oktoberrevolution sowie des "Novemberaufstands" und die "aktivistische Mobilisierung" angesichts der "Roten Gefahr": So kam es während und nach der Novemberrevolution zwecks Niederschlagung und Ei ndämmung der Arbeiterbewegung zur Gründung einer Fülle von paramilitärischen Verbänden und Geheimbünden wie z.B. der "Antibolschewistischen Liga" und den Freikorps, die sich aus entlassenen Offizieren und Soldaten der kaiserlichen Armee rekrutierten und a uch vor Terror und Mord nicht zurückschreckten17 . Als massenwirksame ideologische Verarbeitungsresultate sind z.B. der reaktionär-romantische Antikapitalismus sowie die Inszenierung der "national-sozialistischen" Bewegung als (prophylaktische) "Revolutio n von rechts" anzusehen. "Der marxistische Sozialismus" so Goebbels am 22.4..1931, "hat die Klassen gegeneinander gehetzt und damit das organische Gefüge des Volkes aufgeweicht. Der nationalistische Sozialismus dagegen schließt die Klassen zusammen und sc hmiedet damit das Volk zu einer unlösbaren Blutseinheit aneinander" (zit.n. Hörster-Phillips 1981, S.112).

5) Die sozialdemagogische Verzerrung und Fehlattribuierung der kapitalistischen Systemwidersprüche: Schon der Gründerkrach von 1873, der größere Teile des Kleinbürgertums und der kleineren und mittleren Bourgeoisie ruiniert hatte, rief den Antisemitismus als Integrationsideologie der Konservativen auf den Plan. Vermittels der Unterscheidung von "raffendem und schaffendem Kapital" sowie der Stigmatisierung der "Roten und Goldenen Internationale" als "Feinde des Mittelstandes" wurde das Kleinbürgertum polit isch-ideologisch für die Unterstützung des junkerlich-bürgerlichen bzw. schwerindustriell-agrarischen Bündnisses gewonnen. Den kleinbürgerlichen Kräften mit ihrer schichtenspezifisch ambivalenten Bewußtseinslage kam dieser antisemitische Diskurs insofern entgegen, "als diese in dem Feindbild des internationalen, jüdischen Börsenkapitals die für sie so bedrohliche kapitalistische Entwicklung bekämpfen, in der Unterstützung des schaffenden und nationalen Kapitals gegen den 'Umsturz' hingegen den eigenen Bes itz an Produktionsmitteln...verteidigen konnten" (Heimel 1977, S.194).

Angesichts der Goldhagen-Debatte (vgl. Schoeps 1996) scheint es mir wichtig a) auf die historische Dialektik von Kontinuität und (funktionaler) Diskontinuität sowie b) auf den supranationalen Charakter des Antisemitismus hinzuweisen. Es soll nicht bestrit ten werden, daß der Antisemitismus insbesondere auch im Deutschland des 19. Jahrhunderts stark ausgeprägt war und sämtliche Bevölkerungsgruppen durchdrang. Das er aber gerade hier zum "eliminatorischen" und später "exterminatorischen" Antisemitismus ausar tete, entsprang allerdings nicht einer zwanghaften-teleologischen, der "deutschen Wesensart" innewohnenden Entfaltunslogik. Diese Transformation ergab sich vielmehr aus der spezifischen Verbindung des Antisemitismus mit dem übrigen reaktionär-antihumanist ischen "Bedeutungsmaterial", das sich in der deutschen Geschichte der Neuzeit aufgehäuft und "aufgeladen" hatte sowie aus der mit der kriegerischen Welteroberungs- und Vernichtungslogik der Nazis geschaffenen historisch-kräftemäßigen Konstellation. Demgeg enüber isoliert und verabsolutiert Goldhagen die Dimension des Antisemitismus als verinnerlichtes Antriebsmoment und verfehlt somit die sicher komplexere psychisch-mentale Beschaffenheit und Überzeugungsstruktur von "Hitlers willigen Vollstreckern".

Als ideologisches und sozialpsychisches Phänomen repräsentiert der Antisemitismus auf eindruckvolle Weise die Synthese von traditionaler Dominanzkultur und "modernem" Herrschaftsanspruch. So basierte der "Antijudaismus" ursprünglich auf der systematischen Bedrohung, die die Existenz der jüdischen Religionsgemeinschaft für die Identität des abendländischen Christentums darstellte. In folgender Hisicht nämlich verkörperten die Juden für die Christen eine erschütternde Widerspruchserfahrung: Sie leugnen die Offenbarung Jesu als Messias und Sohn Gottes. Zudem galten sie zum einen als altestamentarisch überlieferte Stammväter des Christentums und zum anderen als "Christusmörder". Angesichts dieser aufwühlenden Ambivalenz vermochte sich das Christentum nur zu e ntwickeln, indem es sich zugleich als Erbe und (progressiver) Überwinder Israels und des Judentums ansah. Die christliche Identität speiste sich somit aus dieser negativ-antithetischen Sonderstellung der Juden. "Das Christentum", so Baumann (1992, S.52), "wurde geboren aus der Ablehnung durch die Juden und bezog seine Vitalität aus der Feindschaf gegen die Juden. Christliches Theoretisieren über die eigene Daseinsberechtigung entsprang dem Bewußtsein, Widerpart der Juden zu sein." Der christliche Antisemi tismus ist folglich als Verarbeitungresultat eines tiefempfundenen Glaubensgegensatzes zu begreifen, der keinerlei Konzessionsspielraum bietet: "Wenn die Riten der Juden heilig und verehrungswürdig sind", so bereits der Kirchenvater Johannes Chrysostomos im vierten Jahrhundert, "dann muß unsere Lebensweise falsch sein. Aber wenn wir den rechten Weg gehen, wie es der Fall ist, dann gehen sie einen betrügerischen Weg" (zit.n. Goldhagen 1996, S.72). Das Bild vom betrügerischen, mit dem Teufel verbundenen, di e rechtgläubige und rechtschaffene Christenheit vielfältig bedrohenden Juden verfestigte sich im Mittelalter und in der Frühneuzeit zu einem alltagskulturell verankerten Stereotyp, das bereits folgende eliminatorischen Prämissen beinhaltete: der Jude ist andersartig, bösartig und als Nichtkonvertit unverbesserlich.

Unter dem Eindruck der zunehmenden Säkularisierung traditionaler Herrschaftskultur, der Zurückdrängung kirchlicher Deutungs- und Normierungsmacht sowie der Herausbildung der industriekapitalistischen Klassen- und Sozialkonflikte wird auch der vielgestalti g und intensiv tradierte christlich-religiöse Antisemitismus zugleich modernisiert und umfunktioniert18 . D.h. der Antisemitismus wird mit den neuen "modernen" Herrschaftsdiskursen inhaltlich und funktional verschmolzen. Hervorzuheben ist hier zum einen d ie rassenideologisch-biologistische Reformulierung des antisemitisschen Stereotys: Der Jude wird nun nicht mehr primär als verstockter Anhänger einer durch und durch abscheuerregenden Irrlehre angesehen, sondern als "Vollblut" ewiger Unreinheit und Fremdh eit vorgestellt. Damit wird zugleich eine eliminatorische Radikalisierung und funktionale Effektivierung erzielt. So konnte zum Beispiel die liberale Aufassung konterkariert werden, "daß die Juden verbesserungsfähig und zu 'erlösen' seien, durch die Behau ptung, die Juden seien von Natur aus unfähig zur Veränderung" (Goldhagen 1996, S.90). Zum anderen erscheint das Bild vom jüdischen Erzverderber zunehmend als Surrogat zur Erklärung "moderner" Sozialkonflikte mit ihren spezifischen materiellen und mentalen Erschütterungen. Wie Baumann am Beispiel Polens zeigt, gerieten die Juden aufgrund ihrer "Mittelstellung" im gesellschaftlichen Reproduktionssystem (befaßt mit Zinseintreibung und dem Vertrieb landwirtschaftlicher Erzeugnisse) zwischen die Barrikaden des Klassenantagonismus. Von den adeligen Herren aufgrund ihrer subordinierten Position sozial und kulturell verachtet, wurden sie von der bäuerlichen und städtischen Bevölkerung aufgrund ihrer "unmittelbaren" Funktionsausübung als Wucherer und Preistreiber geschmäht und als die "eigentlichen" Ausbeuter und Herrscher verkannt. Auf diese Weise lenkten die Juden von beiden Polen des Klassenantagonismus die Aggressionen auf sich. Baumann (1992, S.57) wählt hierfür die Metapher der "prismatischen Gruppe": "Je na ch Perspektive und sozialer Brechung der Wahrnehmung entstand ein doppeltes Judenbild: entweder rohe, unkultivierte und brutale Unterschicht oder skrupellose, hochmütige Obrigkeit.

"Aufgrund ihrer Stigmatisierung durch den christlichen Antisemitismus waren die Juden dazu vorherbestimmt, als multifunktionaler Sündenbock in den epochalen Konflikten zwischen traditional-vormoderner Welt und sich anbahnender kapitalistischer "Moderne" z u fungieren. "Die Ironie der Geschichte wollte es, daß antimodernistische Phobien Kanäle und Instrumente fanden, die allein die Moderne zu entwickeln imstande war. Die inneren Dämonen Europas sollten schließlich mit den beispiellosen Errungenschaften der Moderne - technologisch hochentwickelten Produkten, wissenschaftlicher Methodik und zentralisierter Staatsmacht - ausgetriben werden" (ebenda, S.60).

IV. Massenwirksamkeit und dehumanisierende Potenz der faschistischen Ideologie

Es sind insbesondere drei zentrale Bedingungsfaktoren gewesen, die in ihrer komplementären Wirkung die massenhafte Akzeptanz und Durchsetzungsfähigkeit der totalitär-faschistischen Bewegung in Deutschland ermöglicht haben:

1) die im vorangegangenen Abschnitt skizzierte autoritär-militaristische (antidemokratische) Entwicklungsdominante in der deutschen Geschichte der Neuzeit, die sich sowohl in einem breit gefächerten reaktionären Bedeutungsensemble objektiviert als auch in Gestalt nationalspezifisch geprägter und klassenspezifisch gebrochener psychisch-mentaler Dispositionen (Haltungen, Überzeugungen, normative Orientierungen etc.) subjektiviert hat;

2) die krisenhaften Desintegrationsprozesse im "zwischenkriegskapitalistischen" deutschen Gesellschaftssystem sowie

3) die gezielte Förderung und Unterstützung der "national-sozialistischen" Bewegung durch die maßgeblichen Kräfte des deutschen Großkapitals im Interesse der Rekonsolidierung der erschütterten kapitalistischen Herrschaft (vgl. hierzu exemplarisch: Czichon 1967; Sohn-Rethel 1973, Ruge 1980 sowie die entsprechenden Dokumente in Kühnl 1975 und Hörster-Phillips 1981).

Hinzu kommt freilich eine mehrschichtige Synthese - und Transformationsleistung als funktional-qualitative Besonderheit der faschistischen Ideologie. Zum einen ist, wie Lukács (1989, S.325) bemerkt, in inhaltlicher Hinsicht "die faschistische Ideologie se lbst nichts weiter als die eklektische Zusammenfassung und die demagogische Ausnützung der im Laufe von Jahrzehnten herausgebildeten reaktionären Ideologien, eine demagogische 'Synthese' ihrer verschiedenen, groben wie feinen Spielarten." Die eigentliche "schöpferische" Leistung der Nazis besteht aber in der wirkungsoptimierenden selektiven Radikalisierung ("Steigerung") und Popularisierung des vorgefundenen reaktionären Bedeutungsensembles sowie in der Verknüpfung von reaktionär-antihumanistischer Hochku ltur (Schopenhauer, Nietzsche, Spengler etc.) und antidemokratisch-militaristischer Massenkultur. Zudem "arbeitet" die faschistische Bewegung "glaubwürdig", d.h. weithin wahrnehmbar, an der operativ-praktischen Umsetzung der propagierten Ideologeme: die N azis redeten nicht nur von der prinzipiellen Minderwertigkeit bestimmter Menschengruppen, Rassen und Völker, sondern quälten, folterten und mordeten auch schon vor 1933. Der Übermensch, so Lukács, saß nicht nur im Kaffeehaus und führte dort verworrene Ges präche ohne praktische Konsequenzen, sondern demonstrierte als peitschenschwingender SS-Mann im KZ den Unterschied zwischen höherer und niederer Rasse. Kurzum: die faschistische Bewegung organisiert und vollstreckt den Übergang antihumanistischer Ideen in eine barbarische Praxis.

Desweiteren vollziehen die Nazis eine diskursiv-propagandistische Verknüpfung von aktueller Realitäts- und Krisenerfahrung, sozialisatorisch wirksamer "prämoderner" Subjektprägung und radikalisierter Herrschaftsideologie mit der Rassentheorie als Focus bz w. "Integrator" des faschistischen Bedeutungssystems. So gelingt vermittels des antisemitischen Rassismus ja nicht nur die Erzeugung massenhafter Akzeptanz des Holocaust, sondern sowohl die regressive Kanalisierung spontan-antikapitalistischer Gefühle, In stinkte, Einstellungen etc. als auch die assoziative Stigmatisierung ("Verjudung") aller Feindgruppen: "jüdisch-bolschewistische Verschwörung"; "jüdisch-marxistisch infizierte Arbeiterbewegung"; "jüdisch unterwanderte Demokratie" u.s.w. Hinzu kommt die Ve rbindung des Rassendiskurses mit der Legitimation rasseninterner Ungleichheit. "Wer dem 'Rassengedanken' anhängt, muß auch die bessere Rasse innerhalb seiner Rasse, nämlich die Hierarchie der herrschenden Klasse und der Machtelite anerkennen" (Projekt Ide ologie-Theorie 1980, S.64). Im rassistisch fundierten faschistischen Mythos wird auf diese Weise "die Überwindung des Kapitalismus mit der Liqidierung des Klassenkampfes, mit der Ausrottung der revolutionären Arbeiterbewegung identifiziert. Der faschistis che Mythos utilisiert hier die antikapitalistische Sehnsucht der Massen...um alle revolutionären Organisationen, alle revolutionären Institutionen, die den Massen in Wirklichkeit zu diesem Ziele verhelfen könnten, zu vernichten. Und verknüpft zugleich die demagogisch versprochene Erfüllung dieser tief in den Massen lebendigen Sehnsucht mit dem Wunsch nach nationaler Größe, nach nationaler Befreiung von der nationalen Erniedrigung" (Lukács 1989, S.348).

Eine weitere hervorzuhebende Syntheseleistung der Naziideologie ist die Verbindung von "prämodernem" Irrationalismus, Pseudowissenschaftlichkeit, Streben nach technischer Perfektion und Bürokratismus. So reaktiviert und instrumentalisiert der rassistische Diskurs der Nazis die vielschichtigen Ängste "prämodern"-traditionalistisch sozialisierter Menschen vor den Herausforderungen, Verunsicherungen und "Zumutungen" der kapitalistischen "Moderne", indem er die daraus hervorgehenden negativen Affekte auf die jüdische Rasse als verantwortlicher "Erzverderber" projiziert und damit "aktivistisch" verarbeitbar macht. "Die Beseitigung der Juden und die Ablehnung der neuen Ordnung waren fortan gleichbedeutend. Diese Tatsache deutet auf einen vormodernen Charakter d es Rassismus hin, da er sozusagen eine natürliche Affinität zu antimodernen Strömungen besaß und sich ihnen anpaßte" (Baumann 1992, S.76). Die zugleich irrationale und dennoch multifunktional äußerst wirksame rassistische Feindbildkonstruktion - untrennba r verflochten mit der "einladenden" Selbstdeutung als Avantgarde der "auserwählten" arisch-germanischen (Herren-)Rasse - wird nun aber gleichzeitig unter Rückgriff auf biologistische Paradigmen und Argumentationsmuster (rassische Zuchtwahl und Auslese) le gitimiert, verfeinert und systematisiert. In diesem Sinne läßt sich der Maßnahmekanon von den Nürnberger Rassegesetzen, über die sog. "Euthanasie" bis hin zur massenweisen Vernichtung "schädlichen" und "artfremden" Lebens als "angewandte", d.h. gesetzlich bestimmte, bürokratisch organisierte und technisch perfekt vollzogene "Biologie" interpretieren. "Die Entdeckung des jüdischen Virus ist eine der größten Revolutionen der Weltgeschichte. Der Kampf, in dem wir heute stehen, ist von ähnlicher Art wie der v on Pasteur und Koch im letzten Jahrhundert. Es gibt unzählige Krankheiten, die vom jüdischen Virus verursacht sind...Wir werden unsere Gesundheit nur wiederherstellen, wenn die Juden beseitigt werden" (so Hitler 1942 zu Himmler; zit.n. ebenda, S.86). In s trategisch-instrumenteller Hinsicht wäre der faschistische Rassismus demnach als Produkt der "Moderne"19 zu bestimmen. Seiner Intentionalität nach ist er freilich durch und durch "prämodern" gespeist: Er ist konzentriert auf die Formierung des "treu ergeb enen", "kriegerisch-kämpferischen" Nazi-Subjekts, die vorgestellt wurde "als züchterische Korrektur des modernen Menschen, der seine Triebe verkümmern ließ" (Zapata Galindo 1995, S.117). Es ist demnach gerade diese mentalitätsstrukturelle Verknüpfung von ("prämoderner") autoritär-militaristischer Wert- und Normorientierung einerseits und ("modern"-industrialistischer) Geprägtheit durch die kapitalistischen Leistungsstandards wie kalkulatorische Rationalität, Effizienzdenken und "technische Machbarkeit"20 , die die Hervorbringung faschistischer Subjektivität ermöglicht hat. "Erst die Kombination aus wilhelminischer Härteprägung und technoider Funktionsprägung bringt Menschen hervor, die Härte, Indifferenz gegenüber anderen und logistische Rationalität zugl eich besitzen, Männer (und Frauen, H.K.) der Praxis, die die Vernichtungsmaschinerie der Konzentrationslager organisieren konnten" (Welzer 1993, S.365).

Im Unterschied zur stalinistisch beeinflußten KPD, die in ihrem ökonomistisch-rationalistischen Erwartungshorizont aus der objektiven Krisenentwicklung auf eine "zwangsläufige" subjektive Linkswendung der werktätigen Massen "kurzgeschlossen" hatte - ohne die z.B. von W. Reich konstatierte "Schere" zwischen ökonomischem Sein und Bewußtsein angemessen zur Kenntnis zu nehmen21 -, erweist sich das massenpropagandistische Kalkül der Nazis als realitätsnäher und erfolgreicher. Ziel der nazistischen Propaganda i st die psychische "Einbindung" der Massen in eine autoritär-hierarchisch ("führerstaatlich") organisierte und gewaltgestützte antihumanistische Praxis mit den Kernpunkten: Liquidierung der inneren Opposition; Vorbereitung und Durchführung eines brutalen r evanchistisch-imperialistischen Raub- und Eroberungskrieges; Vernichtung der jüdischen Rasse. In diametraler Negation des Aufklärungsdiskurses (Höherbewegung des geistig-moralischen Niveaus der Volksmassen) geht es den Nazis (ob mit oder ohne durchgängige n Bezug, ist hier nebenrangig) um die praktisch-organisatorische Umsetzung von Nietzsches Apologie der antihumanen Instinkte und seiner Aufforderung zur "Teilnahme am Bösen". Konkret: es geht um die Nobilitierung der barbarischen und bestialischen Instink te als Voraussetzung eines guten Gewissens bei der praktischen Partizipation an der Ausbeutung, Unterdrückung und Physilierung fremder Länder, Völkerschaften, Rassen etc. In diesem Sinne erweist sich ein prinzipienloser propagandistischer Utilitarismus al s probates Werkzeug, um das Falsche, Beschränkte, Rückständige, moralisch Defiziente, Selbstsüchtige etc. in der konkret-historisch bestimmten menschlichen Subjektivität anzusprechen, "herauszukitzeln" zu beweihräuchern und mit einem "werteschwanger"-sent imentalen (Schicksals-)Jargon zu vernetzen. "Jede Propaganda", so Hitler in "Mein Kampf", "hat volkstümlich zu sein und ihr geistiges Niveau einzustellen nach der Aufnahmefähigkeit des Beschränktesten unter denen, an die sie sich zu richten gedenkt. Damit wird ihre rein geistige Höhe um so tiefer zu stellen sein, je größer die zu erfassende Masse der Menschen sein soll...Je bescheidener dann ihr wissenschaftlicher Ballast ist und je mehr sie ausschließlich auf das Fühlen der Masse Rücksicht nimmt, um so d urchschlagender der Erfolg" (zit.n. Kühnl 1975, S.111). "Es ist nicht der Sinn einer Propaganda", so Goebbels, "geistreich zu sein. Ihre Aufgabe ist, zum Erfolge zu führen" (zit.n. Hörster-Phillips 1981, S.235). Ziel der Nazi-Presse "ist nicht, zu informi eren, objektive Tatbestände zu vermitteln, sondern anzuspornen, anzufeuern, anzutreiben...Sie betreibt vorsätzlich und bewußt seine (des Lesers, H.K.) politische Beeinflussung. Sein ganzes Denken und Empfinden soll mit ihren Mitteln in eine bestimmte welt anschauliche Richtung hineingezwungen werden" (ebenda, S.234).

Das Rückständige und Bornierte läßt sich massenhaft aber nur in dem Maße aus den Menschen "herauskitzeln" und "anfeuern", indem gleichzeitig an die "besten Gefühle der Massen" angeknüpft und appelliert wird: das Grausame, Niederträchtige, Gemeine etc. muß mit dem Schönen, Edlen, Aufrichtigen etc. "geschmückt" und "verziert" werden. So wird z.B. die emotionale Sehnsucht nach sozialer Harmonie auf eine Weise mit der objektiven klassenwidersprüchlichen Realität konfrontiert, daß der Klassenkampf nicht als ge sellschaftsstrukturell verursacht erscheint, sondern als Ergebnis einer voluntaristischen Verschwörung von "marxistischen Klassenkämpfern" hingestellt wird. So heißt es in Hitlers Rede am 1.Mai 1933: "Eine Lehre, die unser Volk ergriffen hatte, versuchte, den Tag der erwachenden Natur, des sichtbaren Frühlingseinzugs zu verwandeln in einen Tag des Hasses, des Bruderkampfes, des Zwistes und des Leides. Jahrzehnte sind über die deutschen Lande hinweggegangen, und immer mehr schien dieser Tag die Trennung un d Zerrissenheit unseres Volkes dokumentieren zu sollen. Es kam aber endlich auch die Zeit der Besinnung, nachdem das tiefste Leid unser Volk ergriffen hatte, eine Zeit des Insichkehrens und des neuen Sichzusammenfindens deutscher Menschen" (zit. n. Projek t Ideologie-Theorie 1980, S.134). Auf diese Weise werden a) der 1. Mai als "Kampftag der Arbeiterklasse" ideologisch-moralisch delegitimiert und ins Zwielicht gerückt, b) der 1. Mai als "naturromantischer" Tag der nationalen Eintracht reinstalliert und c) die Akteure des Klassenkampf-Diskurses als "nationale Verräter" und "Volksfeinde" entlarvt und zum Abschuß freigegeben. Die destruktiv-aggressiven Energien, Antriebe, Affekte auf die enttarnten "Volksfeinde" zu richten und an ihnen "abzureagieren" dient - ohne daß es noch explizit erwähnt werden müßte - der Sache des deutschen Volkes.22

Die nationale Demagogie der Nazis wiederum, die u.a. zur Vorbereitung des imperialistischen Raubkrieges diente, "knüpft an die verständlche Empörung der deutschen Volksmassen über den Versailler Frieden und seine erniedrigenden Folgen an." Sie suggeriert, "daß im Gegensatz zu den anderen Parteien, die das deutsche Volk an seine Feinde verrieten und verkauften, sie, die Faschisten, die einzigen seien, die die alte nationale Größe wiederherstellen und die Versailler Schmach rächen würden" (Lukács 1989, S.33 8).

Schon früh hatte Hitler sein radikal-antimarxistisches Grundbekenntnis abgelegt, das zum attraktiven Angelpunkt für das "antiparlamentarische" Großkapital wurde und die NSDAP als terroristische Kampfreserve zwecks Eindämmung und Vernichtung der Arbeiterbe wegung geeignet erscheinen ließ: "Die Bolschewisierung Deutschlands jedoch bedeutet die Vernichtung der gesamten christlich-abendländischen Kultur überhaupt. In der voraussehenden Erkenntnis dieser Katastrophe...wurde...am 5. Januar 1919 die Nationalsozia listische Deutsche Arbeiterpartei gegründet. Ihr Ziel heißt ganz kurz: Vernichtung und Ausrottung der marxistischen Weltanschauung" (zit. n. Hörster-Phillips 1981, S.27). Als "Vordenker" einer prophylaktischen Konterrevolution lautete Hitlers Leitfrage, w ie die bestehende Gesellschaftsordnung gegen eine drohende sozialistische Revolutionierung gesichert werden kann23 . Damit war eine wesentliche, aber noch nicht funktional hinreichende Bedingung für die mehrheitliche monopolkapitalistische Unterstützung d er Nazis erfüllt. Erst in dem Maße, wie die NSDAP unter den Bedingungen der großen Krise von 1929-1932 ihre reale Effizienz bei der "antibolschewistischen" Reorganisierung einer (kapital-)herrschaftskonformen Massenbasis demonstrierte, auch größere Teile von Lohnabhängigen für sich gewinnen konnte und ihren "linken Flügel" (Strasser-Gruppe) ausgrenzte, festigte sich das Bündnis von NSDAP und herrschender Klasse. Zentrales "Instrument" der nazistischen Massenpolitik war zum einen die symbolisch-diskursive Beraubung der Arbeiterbewegung sowie der pervertierte Einbau marxistisch-kommunistischer Begriffe, Kampf- und Organisationsformen in das faschistische Bedeutungssystem. Wie W.Münzenberg beschrieb, "kopierte man skrupellos Einrichtungen der Sowjetunion und Werbemethoden wie organisatorische Einrichtungen der KPD, sobald man sah, daß sie eine große Anziehungskraft für die Massen besaßen, dabei handelte es sich für die Hitlerpropaganda immer nur um die bloße Übernahme der Form, während man den Inhalt frech f älschte" (zit. n. Hörster-Philipps 1981, S.235). Die nazistische Bewegung gerierte sich folglich als Gegen-Bolschewismus. Zudem hat Elias (1989, S.292) auf das Übergewicht der nazistischen "Sturmabteilungen" gegenüber den sozialdemokratischen und kommunis tischen Wehrverbänden hingewiesen. Einerseits waren deren Gelder "zum Ankauf von Waffen, Uniformen und anderen Ausrüstungsgegenständen ...minimal im Vergleich zu den Geldmitteln der Gegenseite...Die gegnerischen Verbände, vor allem Hitlers Sturmabteilunge n, hatten einen weit höheren Prozentsatz vollbeschäftigter Söldner. Sie konnten sich Arbeitslose heranholen, konnten sie einexerzieren und ideologisch indoktrinieren." Andereseits litten die "proletarischen Kampfverbände" unter einem Mangel an militärisch geschulten Führungskräften und Organisatoren.

Der "Faschismus an der Macht" konstituiert ein praktisch-barbarisches, durch Indienstnahme "moderner" Hilfsmittel und Verfahren perfektioniertes System der sklavischen Ausbeutung, Unterdrückung und Vernichtung ideologisch stigmatisierter Menschengruppen. Dabei bildet die rassistische Begründung der qualitativen Ungleichheit von Menschen und Völkern den legitimatorischen Kern mit der entscheidenden Konsequenz, "daß den Untermenschen gegenüber jede moralische Hemmung, jedes sittliche Gebot aufhört, daß ihne n gegenüber alles erlaubt ist" (Lukács 1989, S.369). Damit ist ein wesentliches Wirkungsmoment der massenhaften sittlichen Verrohung und moralischen Zersetzung des deutschen Volkes bezeichnet, das den Nazis erlaubte, "große Massen an ihren Untaten mitschu ldig zu machen, sie durch Propaganda, Druck, Terror, Angst vor Denunziation etc. in die Mitarbeit an der Barbarisierung hineinzuziehen" (ebenda). Es sind aber weitere strukturelle Momente der De-Moralisierung sowie Organisierung von Mittäterschaft im Syst em der entfesselten totalitär-faschistischen Barbarei zu reflektieren, auf die Baumann (1992) aufmerksam gemacht hat. Der genetische bzw. (re-)produktive Ort der Moralbildung ist für ihn nicht das makrosoziale System, sondern der unmittelbare zwischenmens chliche Lebensraum, der elementar gekennzeichnet ist durch die inter-subjektiv wahrnehmbare/erlebbare "Gegenwart des Anderen"24 . In Anlehnung an Levianas sieht er aus der "Gegenwart des Anderen" organisch eine das Subjekt konstituierende Verpflichtung zu Verantwortungsübernahme hervorgehen: "Das Antlitz (des Anderen, H.K.) befiehlt und verfügt über mich. Seine Bedeutung ist die der Aufforderung" (S.197). "Verantwortung" wäre demnach die konstitutive Form der Subjektivität. D.h.: Verantwortlichwerden wird hier als der primäre und grundlegende Modus der Subjektwerdung beschrieben. Danach "stellt Moral die primäre Struktur der intersubjektiven Beziehungen dar, und zwar in ihrer ursprünglichen, von nicht-moralischen Faktoren wie Interesse, Kalkül, der ration alen Suche nach Lösungen oder dem Nachgeben gegenüber Zwang) unberührten Form. Die Substanz von Moral ist die Pflicht (nicht zu verwechseln mit Obligation) gegenüber dem Anderen, die nicht am Interesse orientiert ist" (S.198). In diesem Modell entsteht Ve rantwortung, als Grundprinzip der moralischen Verhaltens, aus der Nähe des Anderen. Die Zerstörung dieser Nähe durch gewaltsame Absonderung sowie soziale Distanzschaffung und daraus hervorgehend die (symbolisch-praktische) Verwandlung des Mitmenschen ("An deren") in den Fremden wäre demnach umgekehrt als paralysierender Modus moralischer Dispositionen zu begreifen. "Verantwortung verschwindet, sobald Nähe nicht mehr besteht, und kann sogar durch Ressentiments ersetzt werden, wenn der Mitmensch in den Fremd en transformiert wird. Der Prozeß dieser Transformation ist die soziale Absonderung. Ohne sie hätten nicht Tausende zu Mördern und Millionen zu stummen Zeugen des Verbrechens werden können. Und die technologisch-bürokratischen Errungenschaften der moderne n, rationalen Gesellschaft ermöglichten diese Absonderung" (S.198f.).

Die Strategie der sozialen Ausgrenzung/Absonderung des zugleich ideologisch/rassistisch stigmatisierten "Anderen" wird noch fatal ergänzt durch die von den Nazis wirkungsvoll genutzte "moderne" Möglichkeit der bürokratischen und technologischen Distanzsch affung zwischen Handelnden und Resultat25 . Wie anhand der Milgram-Experimente gezeigt werden konnte, steigt die subjektive Bereitschaft zu gewalttätigen/grausamen Handlungen, je größer die (sinnliche) Distanz zum mutmaßlichen Opfer empfunden wird. Auf di ese sachlich-technische Ausschließung von sinnlich konkreter "Unmittelbarkeit" läßt sich die Ausschaltung des "animalischen Mitleids" (Hanna Arendt), das jeder normale Mensch angesichts physischer Leiden empfindet, gründen. Ein in seiner brutalen Banalitä t erschütterndes Beispiel mag diesen Zusammenhang illustrieren: "So wurden etwa jeden Tag in einem Lager mehrere hundert russische Kriegsgefangene erschossen, aber das Gemetzel geschah, indem durch Löcher in der Wand in einen Raum hineingeschossen wurde, so daß niemand der Beteiligten die Opfer zu sehen bekam" (Arendt 1995, S.695f.). Die technologische Mediatisierung des Handelns (hier: Tötens), die sich eindrucksvoll in der modernen Kriegsführungstechnik manifestiert26 , wird darüber hinaus noch komplett iert, durch die Entkoppelung von Rationalität und Moral, wie sie der hierarchisch-arbeitsteilig zergliederten bürokratischen Tätigkeit wesensmäßig inhärent ist. Die funktional-arbeitsteilige Differenzierung innerhalb der Bürokratie schafft nämlich einerse its die nötige (de-moralisierende) Distanz der (partialisiert) Handelnden zum Resultat, während die befehls- und anweisungshierarchische Struktur andererseits die Verschleierung und Desartikulation von Verantwortung bedingt. "Kollektive Grausamkeit wird w esentlich erleichtert, wenn sich Verantwortung nicht mehr dingfest machen läßt, obwohl doch jeder Mittäter überzeugt ist, nur 'seine Pflicht' zu tun...; suspendierte, nicht festzumachende Verantwortung ist die Vorraussetzung, daß Menschen sich willig oder mit Enthusiasmus an moralisch bedenklichen oder kriminellen Taten beteiligen, zu denen sie normalerweise nicht fähig wären. Suspendierte Verantwortung bedeutet in der Praxis, daß moralische Autorität außer Kraft gesetzt wird, ohne je offen in Frage geste llt worden zu sein" (Baumann 1992, S.178).

Die praktische Wirkungsmacht des totalitär-faschistischen Systems in Gestalt der Nazi-Herrschaft bestand demnach in der Fähigkeit, die De-Moralisierung der Menschen nicht nur ideologisch-propandistisch "auszurichten" und zu legitimieren, sondern auch über technologisch und bürokratisch mediatisierte Handlungsketten "perfekt" zu organisieren. Damit wurde eine radikal enthumanisierte antagonistische Gesellschaftsordnung geschaffen, in der in extremster Form systemische Rationalität und allgemeinmenschliche Moral auseinanderstrebten. Es ist aber nicht die "Moderne an sich", die diese "Logik des Bösen" quasi-teleologisch aus sich herausgetrieben hat, sondern es bedurfte gravierender aktiv-subjekthafter Eingriffe und Veränderungen als unabdingbare Prämissen, n ämlich a) der "Schleifung" bzw. Deformierung der menschlichen Vernunftsfähigkeit zur "instrumentellen Vernunft" im profitlogischen Rationalitätskalkül des neuen, systemischen Handlungszwängen folgenden kapitalistischen (Herrschafts-)Subjekts sowie b) der systematischen Abtrennung modern-neuzeitlicher Wissenschaftlichkeit, Rationalität, Erkenntnisfähigkeit etc. von ihrer gleichürsprünglichen aufklärerisch-universalistischen Humanitäts-und Moralbindung27 . Erst diese "synergetische" Zerstörung der Vernunft hat die Nazi-Barbarei ermöglicht.

Angesichts der Fülle von Forschungsliteratur zur Nazizeit, in der die Subjektivität der Täter entweder ganz ausgeblendet, entwichtigt, verrätselt oder aber objektivistisch "abgeleitet" wird (Befehlszwang; Sanktionsangst; Konformitätsdruck etc.), ist es Da niel J. Goldhagen gelungen, mit seiner heiß umstrittenen Studie "Hitlers willige Vollstrecker" die mentale Beschaffenheit "ganz gewöhnlicher Deutscher" als überzeugte Akteure der nazistischen Judenvernichtung ins Licht gerückt zu haben. Daraus erklärt sic h aber nicht unmittelbar die öffentliche Erregung, die sein Buch ausgelöst hat. Verantwortlich dafür dürfte vielmehr folgendes sein: Goldhagen präsentiert zum einen neues, erschütterndes Quellenmaterial, aus dem hervorgeht, daß "Durchschnittsdeutsche" als Funktionsträger in Polizeibataillonen, in Vernichtungslagern und während der Todesmärsche (am Ende des Krieges) Juden nicht nur bestialisch töteten, sondern dieses mörderische Treiben auch noch lustvoll und sadistisch vollzogen und obendrein darauf stolz waren. Dieser "für sich" schon entsetzliche Befund wird andererseits noch dadurch überboten, daß er "induktionslogisch" zur zentralen These verallgemeinert wird, "die Deutschen" seien Anhänger eines "eliminatorischen Antisemitismus" gewesen. Dieses tende nzielle Pauschalurteil, das Goldhagen über den gesamten Text verstreut beständig in seine Erörterungen einbaut, ist nun von seinen Kritikern als Vorwand benutzt worden, um eine diskreditierende Abwehrhaltung einzunehmen und vom eigentlichen Kern der Goldh agen-Kontroverse abzulenken. Bei dieser Debatte geht es nämlich im wesentlichen um die wissenschaftlich bislang unzureichend behandelte Frage nach dem subjektiven Verhältnis der deutschen Bevölkerung der 30er und 40er Jahre zum Nationalsozialismus. War da s deutsche Volk nur verführter/manipulierter/verängstigter Helfer oder überzeugter (bewußt-willentlicher) Anhänger und Mit-Täter des Nazi-Regimes?

Goldhagen kommt das Verdienst zu, in kritischer Abhebung von konventionellen Erklärungsansätzen zunächst einmal den Subjektstatus der Vollstrecker der Nazibarbarei klar und eindeutig benannt zu haben: "Die Verfechter der bekannten Erklärungen sehen die Tä ter weder als bewußt Handelnde noch als sittliche Wesen. Sie tun so, als sei die Unmenschlichkeit der Taten nur ein Nebenaspekt und nicht das eigentliche Problem" (Goldhagen 1996, S.459). Desweiteren ist m.E. auch nicht ernsthaft zu bezweifeln, daß die üb erwiegende und ausschlaggebende Mehrheit der Deutschen sich mit Hitler und dem Nazi-Regime weitestgehend identifizierte, die propagierten innen- und außenpolitischen Ziele der Nazis unterstützte und von den grundlegenden Inhalten der Naziideologie, darin eingeschlossen das antisemitische Feindbild als wesentlicher Bestandteil, subjektiv überzeugt war28 . Allerdings ist Goldhagens ausschließlich auf den Antisemitismus fixierter und insofern monokausal und eindimensional ausgerichteter Ansatz unzureichend, um die subjektive Logik der faschistischen Barbarei in ihrer vielschichtigen Bewegungsdynamik und strukturellen Komplexität angemessen zu erfassen. Zumindest lassen sich folgende wesentlichen Ausblendungen anzuführen:

1) Die Verwirklichung der kriegerischen Eroberungs- und rassistisch-antisemitischen Auslöschungspolitik der Nazis setzte - als mehrheitsfähiges nationales Projekt - die repressiv-terroristische Formierung der deutschen Bevölkerung vermittels "exemplarisch er" Ausschaltung des inneren Widerstandspotentials in Gestalt insbesondere der Arbeiterbewegung voraus. D.h. der oppositionelle Teil der Deutschen mußte zunächst multiinstrumentell gebändigt und aus dem Verkehr gezogen werden. Dieser Aspekt sowie der "eli minatorische Antimarxismus" der Nazis bleibt bei Goldhagen vollständig ausgeblendet29 .

2) Die antimarxistische "Reinigung" des deutschen Volkes (Verbot von KPD und SPD)30 . schuf erst die Möglichkeit für die Verankerung der Naziideologie in allen Gesellschaftsektoren31 . Vor diesem Hintergrund bildete aber nicht der eliminatorische Antisemi tismus die entscheidende Ausgangsprämisse bzw. primäre Motivationsquelle für die pronazistische Gefolgschaftsbereitschaft der deutschen Bevölkerungsmehrheit, sondern die mit dem Machtantritt der Nazis scheinbar gegebene Möglichkeit zur sinnhaften Einordnu ng in eine "auserwählte", rassisch-völkisch konstituierte Gemeinschaft mit einer verheißungsvollen Zukunft. (Tilgung der Schmach von Versailles; Erkämpfung des angestammten Platzes Deutschlands in der Welt; "Tausendjähriges Reich" etc.) D.h. die "intrinsi sche Motivation" bzw. Überzeugtheit der Anhänger und späteren Täter des Nazi-Regimes basierte nicht nur und nicht in erster Linie auf einem eindimensional wirksamen antisemitischen Haß, sondern auf einem Komplex zusammenwirkender pronazistischer Einstellu ngsmuster. Der subjektive Angelpunkt der Naziideologie war nicht etwa der Antisemitismus "an sich", sondern die "Einladung", sich als Mitglied der "Herrenrasse" zu fühlen, zu be(s)tätigen und zu bewähren und dabei gleichzeitig seine historisch gewachsenen und einsozialisierten (Un-)Tugenden (militaristische Härteprägung; Obrigkeitshörigkeit; rigide Pflicht- und Gehorsamsethik; chauvinistische, antidemokratische und antisemitische Grundeinstellung etc.) zu bewahren und "auszuleben". Eben diese Einordnungsm öglichkeit in eine aufstrebende völkische Herrenrasse erschien vielen - vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Problemkonstellation und der überlieferten Dominanz reaktionärer Ideologien, Werte und Denkhaltungen - als Lösung der erfahrenen Lebenswider sprüche und bezog daraus ihre subjektive Sinnhaftigkeit. Die propagierte Leitorientierung war eindeutig und erfolgversprechend: Es galt als funktionales Glied der militaristisch-hierarchisch gestuften Herrenrasse für Führer, Volk und Vaterland seine Pflic ht zu erfüllen, "den Feind" zu vernichten und auf keinen Fall die gemeinsame Sache zu verraten, zu verletzen oder zu mißachten.

3) "Der Jude" als multifunktionaler Feind (bzw. als personifizierter Dämon der "modernen" Herausforderungen) spielte in diesem Kontext der faschistischen Ideologie zwar eine zentrale, beliebig einsetzbare und synthetisierende Rolle, aber er kann weder von seinem siamesischen Zwilling, dem Antimarxismus/Antibolschewismus abgetrennt noch von der "positiv"-sinngebenden Grundlage (völkische Herrenrassenideologie) isoliert werden. Zudem erheischte die dialektische Identität der Herrenrasse die fortwährende (Re -)Konstruktion verschiedenartiger Sorten von "Untermenschen". Auch in dieser Perspektive "wäre es von Nutzen gewesen, die Fallstudie des Polizeibataillons durch den Verweis auf die regulären Armeesoldaten, die eine Vielzahl nichtjüdischer Russen, neben Po len, Serben, Griechen, Italienern und so weiter massakrierten, in einen Kontext zu stellen" (Bartov 1996, S.73).

4) Die antisemitisch-antibolschewistische Ausrichtung, die Nietzsches lüsternd schweifende "blonde Bestie" als Sinnbild der Herrenrasse im Nazi-Diskurs erfuhr32 , exekutierte ihre blutig-antihumanistische Wesenslogik im Prozeß der Formierung der deutschen Herrenrasse zur raubkriegerischen Schicksalsgemeinschaft. Dabei lag die Tötung, Ermordung, Auslöschung der Feinde/Untermenschen im direkten ("logischen") Verweisungszusammenhang der Naziideologie - auch in ihrer subjektivierten Gestalt als Überzeugungssy stem. D.h. - und hier ist Goldhagen gegenüber Browning entschieden recht zu geben - die Vollstrecker der nazistischen Mordaktionen handelten in erster Linie als überzeugte Tätersubjekte und nicht als von außen konditionierte Werkzeuge aufgrund von Gruppen zwang bzw. Konformitätsdruck. Allerdings war als Antriebsmoment nicht ein abstrakter/isolierter Antisemitismus wirksam, sondern die Identifikation mit der zur kriegerischen Schicksalsgemeinschaft transformierten Herrenrasse. Je nach individuellem Temperam ent, persönlicher Hemmschwelle, routinemäßiger Verrohung etc. ist bei der konkreten Durchführung der unmittelbaren Mordaktionen eine Variationsbreite zwischen fanatisch-sadistischem, "pflichtgemäßem", "laschem" etc. Handlungsvollzug anzunehmen, ohne daß d araus kurzerhand auf eine unterschiedliche Überzeugungsstärke geschlossen werden könnte33 .

Indem Goldhagen die "persönliche Überzeugtheit" als zentrales Merkmal von Hitlers willigen Vollstreckern akzentuiert, trifft er einen wesentlichen Kern der subjektiven Logik der Nazibarbarei. Da er allerdings die Substanz dieser Überzeugtheit auf den "eli minatorischen Antisemitismus" reduziert, verfehlt er die komplexe Antriebsstruktur der Nazi-Täter und verharmlost sie auf diese Weise sogar.



© Hartmut Krauss, Osnabrück 1997





Anmerkungen:

1 Der Begriff "Nationalcharakter" bezeichnet im hier behandelten Kontext nicht eine essentialistisch verstandene (etwa erbbiologisch festgelegte und somit fatalistisch vorgegebene) Wesensnatur von Menschen einer bestimmten Nation. Vielmehr reflektiert er die besondere Gestalt der politisch-kulturellen Traditionsinhalte, Tradierungsbedingungen und Aneignungsresultate einer bestimmten Nation. Aufgrund der Dominanz und Zählebigkeit hegemonialer Ideologien, Werte, Normen etc., die ihrerseits als Kristallisati onen vorangegangener Kämpfe und Konflikte mit jeweils spezifischen Kräfteverhältnissen zu betrachten sind, kommt es demnach zu einer relativ häufigen Verbreitung "typischer" Einstellungen, Mentalitätsformen, Verhaltensweisen etc. unter den Mitgliedern ein er Nation. "Nationalcharakter" bezeichnet folglich die subjektivierte (verinnerlichte) Form der hegemonialen Kultur eines Landes, die als "typische" statistische Häufung bestimmter Bewußtseins- und Verhaltensmerkmale in Erscheinung tritt. Allerdings ist z u betonen, daß die konkreten Individuen nicht einfach als passiver Reflex der vorgegebenen Kultur zu betrachten sind. Im Sinne Gramscis sind sie immer auch in ihrer virtuellen Potenz als "eigensinnige" Interpreten des tradierten Sozialerbes zu sehen. Als zeitweilig geronnene Struktur historischer Praxis ist der "Nationalcharakter" damit via praktisch-kritischer Tätigkeit und entsprechender Erfahrungsveränderung gundsätzlich progressiv wandelbar.

2 Die Erhebung der deutschen Bauern ist mit der vorangehenden städtebürgerlichen Reformationsbewegung organisch verbunden, wird durch diese ideologisch und politisch vorbereitet, wobei dem Prozeß der Herausbildung der revolutionären "Volksreformation" Tho mas Müntzers eine entscheidende Rolle zukommt. Insofern bildet der deutsche Bauernkrieg den Abschluß und Höhepunkt eines gesamtrevolutionären Prozesses, der m.E. zutreffend als "deutsche frühbürgerliche Revolution" bestimmt worden ist. Vgl. exemplarisch: Laube u.a. 1982.

3 Im Römerbrief 13 des Paulus, Vers 1 und 2 findet Luther die Legitimationsquelle für seine Gehorsamslehre:"1. Jedermann sei unthertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit, ohne von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von G ott verordnet. 2. Wer sich nun wider die Obrigkeit setzet, der widerstrebet Gottes Ordnung; die aber widerstreben, werden über sich ein Urtheil empfangen."

4 "Durch den Krieg verwüstet, einer Zentralgewalt faktisch beraubt, von Fürsten beherrscht, deren politische Interessen und deren Konfession auseinandergingen und die nur durch das Interesse zusammengehalten wurden, die Volksmassen nach Kräften auszuplünd ern, war Deutschland für 'zweihundert Jahre aus der Reihe der politisch tätigen Nationen Europas gestrichen'" (Streisand 1972, S.88).

5 . "Im Herzogtum Preußen lagen im Jahre 1683 noch etwa 45 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche brach, in Bayern um 1700 etwa ein Drittel, und in Schleswig und Holstein waren zum gleichen Zeitpunkt ein Drittel bis die Hälfte der Bauernwirtschaften nicht besetzt" (Autorengruppe: Deutsche Geschichte Bd. 3, S.331).

6 "Bürgertum und Kleinbürgertum sind von den Höfen ökonomisch viel abhängiger als sonst in Westeuropa, und es bildet sich darum bei ihnen ein Servilismus, Kleinlichkeit, Niedrigkeit und Miserabilität, aus, desgleichen man sonst im damaligen Europa kaum fi nden kann" (Lukács 1989, S.241).

7 Kofler (1992, S.169) spricht hier zutreffend von "Duckmäuserei verbunden mit Neigung zur 'heldischen' Haltung".

8 "Das spontane Wachsen der kapitalistischen Produktion konnten die feudalen Überreste auch in Deutschland nur verlangsamen, nicht verhindern...Aber diese spontane Entwicklung des Kapitalismus entsteht in Deutschland nicht in der Manufakturperiode wie in England oder Frankreich, sondern im Zeitalter des wirklich modernen Kapitalismus" (Lukács 1989, S.250).

9 "Die jährlichen Zuwachsraten in der Industrie betragen in den siebziger Jahren 4,1% und in den achtziger Jahren 6,4%. Die deutsche Industrie überholt bis 1914 sowohl die französische als auch die englische und nimmt schließlich den zweiten Platz in der Welt hinter den USA ein. Mit einer Bevölkerung von 66,9 Mio im Jahre 1913 steht Deutschland nach Rußland (169,4, davon 136,2 in Europa) auf dem zweiten Platz in Europa" (Kossok 1986, S.387).

10 Selbstredend gilt Nietzsches Haß insbesondere der erstarkenden zeitgenössischen Arbeiterbewegung: "Wen hasse ich unter dem Gesindel von Heute am besten? Das Sozialisten-Gesindel, die Tschandala-Apostel, die den Instinkt, die Lust, das Genügsamkeits-Gef ühl des Arbeiters mit seinem kleinen Sein untergraben - die ihn neidisch machen, die ihn Rache lehren..." (Nietzsche 1966, Bd.2, S.1228).Die "modernen Ideen" haben nach Nietzsche eine "Verzärtelung" heraufbeschworen, da durch sie überhaupt erst eine Empfi ndsamkeit für soziale Not und Unterdrückung bewirkt worden sei. "Der Sozialismus - als die zu Ende gedachte Tyrannei der Geringsten und Dümmsten, d.h. der Oberflächlichen, Neidischen und Dreiviertels-Schauspieler - ist in der Tat die Schlußfolgerung der ' modernen Ideen'..." (Nietzsche 1966, Bd.3, S.469f.)

11 Allerdings sieht Nietzsche in den Großfinanziers - wobei er vor allem an reiche Juden dachte - die stabilste konservative Macht seiner Zeit. (Vgl. Naake 1989, S.89.)

12 Das wesentliche (epochenspezifische) Charakteristikum des deutschen Imperialismus ist die gleichzeitige Wirksamkeit und Verflechtung einer monopolkapitalistischen dominierten "modernen" Ökonomie (mit den ihr innewohnenden expansiven Tendenzen) und eine r aristokratisch-militaristisch konstituierten ("prämodernen") Staatsmacht und Herrschaftskultur. Die daraus hervorgehende reaktionäre "Synergie" bildet den allgemeinen nationalspezifischen Nährboden für die Generierung einer durchsetzungsfähigen totalitä r-faschistischen Bewegung.

13 "In der allgemeinen Atmosphäre der Dekadenz und der 'Verpreußung' stand das Proletariat zu isoliert da, um der schleichenden Krankheit der deutschen Gesellschaft, dem aus der undemokratischen Geschichte Deutschlands geborenen disziplinären Devotismus, völlig zu entgehen" (Kofler 1992, S.176).

14 Die Aufschwungphase zwischen 1896 und 1913 basierte auf einer fatalen Verschränkung von miltaristisch-expansionistischen Zielen, ökonomischen Interessen und politischen Auswirkungen. So ermöglichte der seit Ende der 90er Jahre in Angriff genommene Flot tenbau eine langfristig abgesicherte profitable Kapitalanlage für das schwerindustrielle Monopolkapital. Gleichzeitig wurde damit ein erfolgversprechendes miltitärisches Instrumentarium zu kriegerischen Durchsetzung imperialistischer Machtinteressen gesch affen. Dieser aufrüstungspolitisch gestüzte Aufschwung wiederum fundierte die Konsolidierung und Verbreiterung reformistischer Strömungen.

15 "Die feigsten, widerstandsunfähigsten Menschen werden unerbittlich, sobald sie die absolute elterliche Autorität geltend machen können. Der Mißbrauch derselben ist gleichsam ein roher Ersatz für die viele Unterwürfigkeit und Abhängigkeit, denen sie sic h in der bürgerlichen Gesellschaft mit oder wider Willen unterwerfen" (Marx, zit.n. Horkheimer 1977, S.228).

16 So beschreibt Ernst Jünger die triumphierende Rückkehr in die eigenen Schützengräben: "Unser Aufzug, bei dem sich das Winseln der Gefangenen mit unserem Jubeln und Lachen vermischte, hatte etwas Urkriegerisches und Barbarisches" (zit.n. Elias 1994, S.2 75).

17 Eine Reihe führender Nazi-Funktionäre wie z.B. der spätere Kommandant von Auschwitz, Rudolf Heß oder Martin Bormann begannen ihre Karriere als Fememörder in den Freikorps und militärischen Geheimbünden. In seinem autobiographischen Bericht schreibt Höß : "Die Angehörigen dieser Freikorps setzten sich zusammen aus Offizieren und Soldaten, die, aus dem Weltkrieg zurückgekommen, den Anschluß an das bürgerliche Leben nicht mehr finden konnten, aus Abenteurern,...,aus Arbeitslosen...und aus jungen begeistert en Freiwilligen...Sie waren alle, ausnahmslos, auf die Person des Führers ihres Freikorps eingeschworen" (zit.n. Hörster-Philipps 1981, S.42).

18 Goldhagen (1996, S.76) beschreibt diesen Funktionswandel folgendermaßen: "Jahrhundertelang hatte der Antisemitismus den Zusammenhang und das Selbstwertgefühl der christlichen Welt gewährleistet. Als im Deutschland des neunzehnten Jahrhunderts viele der alten Gewißheiten zerbrachen, nahm die Bedeutung des Antisemitismus als Modell zur Sicherung kultureller Kohärenz und schließlich auch als politische Ideologie zu."

19 Auschwitz "war auch eine sachlich-nüchterne Ausweitung des modernen Fabriksystems. Statt Güter zu produzieren, wurden hier aus dem Rohstoff Mensch Leichen produziert, die man in Einheiten pro Tag säuberlich in Schaubildern festhalten konnte...Über das weitverzweigte europäische Eisenbahnnetz wurde der neuartige Rohstoff herangeschafft wie normales Frachtgut. In den Gaskammern starben die Opfer im Blausäuregas der weltweit führenden Chemieindustrie. Ingenieure entwarfen die Krematorien; die Bürokratie a rbeitete mit einem Elan und einer Effizienz, um die rückständige Länder sie hätten beneiden können" (Feingold; zit.n. Welzer 1993, S.364).

20 "Wenn man einen Sozialcharakter der ersten Drittels dieses Jahrhunderts zu konzipieren versucht, dann muß man sich vergegenwärtigen, welche Rolle die jeweils neuesten Errungenschaften der Technik, der Autorennen, der Atlantiküberquerungen, die Hochhäus er und Brückenkonstruktionen, Geschwindigkeit, Stromlinie, technische Eleganz und Effizienz in den Wir-Idealen der Industriegesellschaften spielen - die Weltausstellungen führten die größten Ingenieurleistungen der Nationen vor und die Helden der zwanzige r und dreißiger Jahre hießen eben nicht nur v. Richthofen, sondern Lindbergh, Rosemeyer und Carraciola" (Welzer 1993, S.364f.).

21 Schon ein kritisch-marxistischer Zeitzeuge hatte erkannt, "daß sich die politischen Fehler der KPD im wesentlichen zurückführen lassen auf mechanischen Ökonomismus, d.h. die Aufassung, daß sich die ökonomischen Verhältnisse direkt und mechanisch in Ide ologie umsetzen. Dieser mechanische Ökonomismus verbindet sich aber stets mit einem romantischen Psychologismus, d.h. dem auf Selbsttäuschung beruhenden Hineintragen und Hineinsehen der Gedanken, Gefühle und Wünsche der Vorhut in die Beurteilung der Masse nstimmung" (Teschitz 1970, S.203).

22 Einen Tag nach Hitlers zitierter Rede, am 2.Mai 1933, wurden die Gewerkschaftshäuser von SA und SS besetzt und zerstört, die Gewerschaftsfunktionäre verhaftet, das Gewerkschaftsvermögen eingezogen und die Gewerkschaften verboten.

23 "Er ist Anwärter auf den Status des obersten Organisators des kapitalistischen Widerstands gegen die sozialistische Revolution" (Projekt Ideologie-Theorie 1980, S.60).

24 Daraus ergeben sich an die Wurzel gehende moraltheoretische Schlußfolgerungen:(1) Die menschliche Fähigkeit, Gut und Böse unterscheiden zu können wird nicht kausal durch die Gesellschaft induziert, sondern von Baumann direkt beim Individuum verankert: Sie gehört "zur Ausstattung des Menschen wie seine biologische Konstitution, seine Triebe und physiologischen Bedürfnisse" (S.193).(2) Die Gesellschaft erzeugt nicht, sondern konditioniert die individuelle moralische Grundkompetenz: "Der Sozialisationspro zeß dient der Manipulation der moralischen Fähigkeit - nicht ihrer Erzeugung" (ebenda).(3) Implementiert ist damit eine konstitutive moralische Resitenzfähigkeit des Individuums: "Menschliches Verhalten kann, selbst wenn es von der betreffenden Gruppe - j a von allen gesellschaftlichen Gruppen - verurteilt wird, zutiefst moralisch sein; umgekehrt kann gesellschaftlich erwünschtes Verhalten, selbst wenn darüber Konsens herrscht, unmoralisch sein" (192).

25 Überhaupt läßt sich gemäß der hier skizzierten Konzeption der ethische Grundwiderspruch der kapitalistischen "Moderne" als gleichbleibendes "moralisches Sehvermögen" bei zunehmender Reichweite der transsensualen menschlichen Handlungsfolgen fassen.

26 Die Konstruktion moderner Distanzwaffen suspendiert den Kampf "Mann gegen Mann" bzw. das "Töten mit bloßen Händen" und potenziert damit zugleich die moralische Enthemmung. "Philipp Caputo nennt das moderne Kriegsethos eine 'Sache von Entfernung und Tec hnologie. Wer mit modernen Waffen auf große Entfernung tötet, braucht sich nichts vorzuwerfen" (zit. n. Baumann 1992, S.208).

27 Im Gegensatz zum Aufklärungsdiskurs spekuliert der faschistisch synthetisierte und popularisierte "Diskurs des Bösen" auf die in der dialektischen Natur des Menschen schon angelegte negative (aufklärungsresistente) Potentialität: "Faulheit und Feigheit sind die Ursache, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leistung freigesprochen (naturaliter maiorennes), dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern a ufzuwerfen" (Kant1968, S35).

28 In herkömmlichen ("manipulationstheoretischen") Erklärungsansätzen werden die in das nazistische Gesellschaftssystem eingebundenen Individuen als bloße Objekte von außen einwirkender Propaganda vorgestellt, d.h. als um ihre subjektive Sinnstruktur verk ürzte Wesen angesehen. Die Übernahme faschistischer Ideologie wird demgemäß nicht als selbstgesteuerter aktiver Aneigungprozeß, sondern als "Einimpfen nazistischer Lehren", als Indoktrination oder als "Gehirnwäsche" erfaßt. In subjektwissenschaftlicher Pe rspektive gilt es demgegenüber vom "Standpunkt des inneren Beobachters" die autonome Motiviertheit/"Eigensinnigkeit" der vergesellschafteten Individuen zu berücksichtigen. Entsprechend ist deren Bewußtsein nicht als tabula rasa bzw. passive Projektionsflä che zu betrachten, sondern als selbstgesetzlich reguliertes, auswählendes und bewertendes "Verarbeitungssystem". Nicht Propagandainhalte, Ideologeme, politische Losungen etc. "an sich" konstituieren subjektiv wirksame Überzeugungen, sondern nur solche, di e für das Subjekt in bestimmten (konflikthaltigen) Lebenssituationen eine vermeintlich widerspruchslösende Wertigkeit besitzen, dessen Erfahrungen und Hoffnungen sinnvoll verknüpfen und sich im gesellschaftlich-praktischen Lebensvollzug als Orientierungsm ittel bewähren. (Vgl. hierzu ausführlich Krauss 1988.)

29 Obwohl Goldhagen Otto Ohlendorf, Chef des Sicherheitsdienstes von 1939-45 und Leiter einer Einsatzgruppe zur "Feindsäuberung" des Hinterlandes an der russischen Front, an sieben Stellen erwähnt, geht er nicht einmal auf dessen eidesstattliche Erklärung über die Massenmorde an Juden und kommunistischen Funktionären in den besetzten Gebieten der Sowjetunion ein. Aus dieser Aussage kann nur eine quantitative, aber keine qualitative Differenz bei der Mordvollstreckung an Juden und Kommunisten abgeleitet we rden:"Himmler erklärte, daß ein wichtiger Teil unserer Aufgabe in der Beseitigung von Juden, Frauen, Männer und Kindern und kommunistischen Funktionären bestünde. Ich wurde etwa vier Wochen vorher über den Angriff auf Rußland benachrichtigt...Als die deut sche Armee in Rußland einmarschierte, war ich Führer der Einsatzgruppe D im südlichen Sektor, und im Laufe des Jahres, während dessen ich Führer der Einsatzgruppe D war, liquidierte sie ungefähr 90.000 Männer, Frauen und Kinder. Die Mehrzahl der Liquidier ten waren Juden, aber es waren unter ihnen auch einige kommunistische Funktionäre...Ich habe den Bericht von Stahlecker...über Einsatzgruppe A gesehen, in welchem Stahlecker behauptet, daß seine Gruppe 135.000 Juden und Kommunisten in den ersten vier Mona ten der Aktion getötet hat. Ich kannte Stahlecker persönlich, und ich bin der Ansicht, daß das Dokument authentisch ist..." (zit.n. Kühnl 1975, S.387ff.) Browning (1996, S.236) faßt das 1943 in einem Sonderheft zur Rassenpolitik gezeichnete Feindbild der nazistischen "Schriftenreihe für die weltanschauliche Schulung der Ordnungspolizei" folgendermaßen zusammen: "Die größte Gefahr, die einem gesunden Bewußtsein für die Notwendigkeit einer territorialen Expansion und der Reinhaltung der Rasse drohe, erwachs e aus Lehren, die für die grundsätzliche Gleichheit aller Menschen eintreten. Die erste dieser Lehren sei das durch den Juden Paulus verbreitete Christentum, die zweite der aus der Französischen Revolution hervorgebrachte Liberalismus, den man als einen v om jüdisch beherrschten Freimaurertum angezettelten "Aufstand der rassisch Minderwertigen" zu betrachten habe. Die dritte und größte Gefahr sei aber der von dem Juden Karl Marx begründete Marxismus/Bolschewismus."

30 Die repressive Disziplinierung der "nichtüberzeugten" Teile der deutschen Bevölkerung ging freilich nicht reibungslos vonstatten. So hieß es in einem Gestapo-Lagebericht über die Ereignisse in Berlin im Januar 1936: "Viele Volksgenossen, die, ohne sich zum Nationalsozialismus zu bekennen, nach der Machtübernahme eine loyal abwartende Haltung gegenüber dem Dritten Reich einnahmen, haben inzwischen den Glauben an die Verwirklichung gerade der sozialistischen Punkte des Parteiprogramms verloren. Das Sinke n des Ansehens der NSDAP in der Bevölkerung kann nicht mehr übersehen werden...Die offene und freudige Mitarbeit der Allgemeinheit bei der Bekämpfung des Kommunismus, wie sie bis ins Jahr 1935 hinein deutlich festgestellt werden konnte, hat erheblich nach gelassen. Von einer Immunität gegen das Gift des Marxismus kann in weiten Kreisen der Berliner Bevölkerung keine Rede mehr sein...Allgemein kann zwar gesagt werden, daß der Kommunismus vor allem wegen der starken Bekämpfung, die er durch die Staatsorgane erfährt, und der damit verbundenen ständigen Aufreibung seiner Organisation und Festnahme seiner führenden Männer eine augenblickliche Gefahr für den Bestand des Staates nicht bedeutet. Es muß aber ernsthaft darauf hingewiesen werden, daß trotz aller Erfo lge gegen den organisierten Kommunismus das Heer der durch kommunistische Ideen wieder oder neu Verseuchten im stetigen Wachsen begriffen ist..." (zit. n. Kühnl 1975, S.403f.)

31 Es dürfte zutreffen, daß die KPD das Ausmaß und die Tiefe der Verankerung antisemitischer Einstellungen innerhalb der deutschen Bevölkerung unterschätzte. Aber es ist wissenschaftlich unangemessen, wenn Goldhagen seine Einschätzung der KPD-Erklärung "G egen die Schmach der Juden-Progrome" von Mitte November 1938 auf diese Feststellung reduziert. Immerhin wird in diesem Text nämlich die sozialdemagogische Funktion des antisemitischen Stereotyps deutlich hervorgehoben: "Immer in der Vergangenheit hat die Reaktion, wenn sie ein Volk aufs Schlimmste ausplünderte und die Erbitterung des Volkes fürchtete, sich der schmutzigen Mittel der Judenhetze und der Progrome zum Zwecke der Ablenkung von den wahren Schuldigen am Volkselend bedient" (zit. n. Kühnl 1975, S .422). Auch der folgende Satz aus diesem Dokument dürfte Goldhagen nicht so recht ins Konzept passen:"Die Kommunistische Partei wendet sich an...alle anständigen und ehrbewußten Deutschen mit dem Appell: Helft unseren gequälten jüdischen Mitbürgern mit al len Mitteln! Isoliert mit einem Wall der eisigen Verachtung das Progromistengesindel von unserem Volke!" (ebenda).

32 Goldhagen übersieht völlig die konstitutive Bedeutung, die Nietzsche, ein erklärter Kritiker und Verächter des Antisemitismus, für die Fundamentierung der Naziideologie innehat.

33 Mitunter stößt man in der Literatur auf eine Verwechselung von physischer Hemmschwelle (Ekel) mit moralischem Skrupel. Demgegenüber scheint mir die Gleichzeitigkeit von physischem Ekel und moralischer Skrupellosigkeit wahrscheinlicher zu sein. In diese m Licht betrachtet wäre der von Browning reklamierte Gruppendruck/Konformitätszwang (in den Augen der Anderen nicht als Schwächling/Feigling erscheinen zu wollen) zwar als Faktor der subjektiven Überwindung physischer Hemmungen in Rechnung zu stellen; kei nesfalls dürfte er aber ausreichend gewesen sein, eine auf ethischen Überzeugungen basierende ("moralische") Tötungshemmung außer Kraft zu setzen. Dafür spricht auch die Begründung der meisten Beteiligungsverweigerer an Mordaktionen des Reserve-Polizeibat aillons 101: "Sie behaupteten nicht, zum Töten 'zu gut', sondern 'zu schwach' zu sein. Auf diese Weise wurde die Haltung der Kameraden nicht in Frage gestellt und 'Härte' als überlegene Eigenschaft legitimiert und bestätigt" (Browning 1996, S.241). Beteiligungsverweigerung aufgrund einer innerlichen Ablehnung der barbarisch-antihumanistischen "Gruppenmoral" der Bezugsgemeinschaft wäre zudem durch Gruppendruck/Konformitätszwang nicht wirkungsvoll "aufzubrechen bzw. sanktionierbar gewesen, da die Able hnung/Verachtung durch eine Gruppe, die das Individuum seinerseits innerlich verachtet bzw. deren Wertekonsens es nicht teilt, weder eine Selbstwertkrise noch eine geistig-moralische Dissonanz auszulösen im Stande wäre. Überhaupt kann so etwas wie "Gruppendruck" bzw."Konformitätszwang" individuell nur dann wirksam werden, wenn zwei elementare Voraussetzungen erfüllt sind: 1) Ein relativ hoher Grad der Einheitlichkeit in der Wertorientierung der Gruppenmitglieder sowie 2) eine wirksame emotionale Identifikation mit der Gruppe.
Zur Kritik der traditionellen sozialpsychologischen Konzeption des Gruppendrucks sowie allgemein zur Grundlegung einer tätigkeitspsychologischen Theorie des Kollektivs vgl. ausführlich Petrowski 1983.










 

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