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Beiträge zur Politik  









Hartmut Krauss

Anhang 1

(zu „Thesen zur Problematik der Umwälzung der „modernen“ (kapitalistisch durchformten) Lebensweise“

Zielpunkte einer ökologisch und sozialökonomisch orientierten Umwälzung der spätkapitalistischen (Re-) Produktions- und Lebensweise

1) Drastische Reduzierung der Erwerbsarbeitszeit vor dem Hintergrund einer nachaltigen Steigerung der Arbeitsproduktivität. So wuchs das Bruttosozialprodukt seit 1966 in Westdeutschland um 60% bei gleichzeitiger Verringerung des gesamtwirtschaftlichen Arbeitsvolumens um 20%. „Erst eine Veringerung der durchschnittlichen Arbeitszeit um über ein Viertel bis 2010 birgt das Potential, die gegenwärtige Arbeitslosigkeit zumindest zu halbieren“ (Andreas Kleinsteuber: Ende der Arbeit, Anfang der Ökologie? Blätter für deutsche und internationale Politik Heft 6 1999, S.702).

2) Drastische Ausweitung der Lernzeit angesichts einer rapiden Komplexitätszunahme ökologischer (naturwissenschaftliches Basiswissen) und gesellschaftlicher Problemkonstellationen (sozial- und subjektwissenschaftliche Kenntnisse), globaler Verdichtung und kommunikativer Vernetzung (Sprachen, Computerwissen) sowie technischer und ökonomischer Innovationen (berufliche Weiterqualifizierung). Die Realisierung des vielzitierten „lebenslangen Lernens“ setzt eine sozialinstitutionelle und mentale Umwälzung voraus.

3) Reduzierung der Unternehmensgewinne und Erwerbseinkommen. (Weder voller Gewinnausgleich für ökologisch, kulturell und sozial notwendige Produktions- und Dienstleistungsinnovationen und -reduktionen noch voller Lohnausgleich bei Arbeitszeitverkürzungen)

4) Absenkung der Lebenshaltungskosten (Wohnen, Lebensmittel, Reisen etc.) in Abhängigkeit vom Anstieg der Arbeitsproduktivität - Weitergabe der gesunkenen gesellschaftlich- durchschnittlichen notwendigen Arbeitszeit in die Preise und nicht in die Unternehmensgewinne und Einkommen.

5) Einschränkung und systematische Zurückdrängung der konsumistischen Massenkultur des Habens z.B. in Form der Reduzierung der medialen Werbung; Entkommerzialisierung des Spitzen- und Leistungssports; Zerschlagung des Pay-TV; schulische und mediale Förderung konsumismuskritischer Einstellungen und Leitbilder.

6) Suspendierung der destruktiven (umweltbelastenden) Warenproduktion: Schließung umweltschädlicher Produktionsbetriebe; Zurückdrängung/Eingrenzung umweltschädlicher Branchen wie Atomenergie, Fernlastverkehr, Werbewirtschaft etc.; Aufhebung des geplanten Verschleißes; Verlängerung der Nutzungsdauer von Gebrauchswerten etc.; Aufwertung ökologischer statt warenästhetischer Produkteigenschaften wie Langlebigkeit, Reperaturfreundlichkeit, Recyclingfähigkeit etc.

7) Erhebung einer europaweiten jährlichen Vermögensabgabe ab einem personenbezogenen Jahresnettoeinkommen von 100.000 Euro. Die dadurch erzielten Einnahmen hätten je zur Hälfte a) in einen Fonds zur Finanzierung ökologischer Präventions- und Reparaturmaßnahmen sowie b) im Sinne einer „globalen Solidaritätsabgabe“ in einen Fonds zum Aufbau elementarer Infrastrukturen (Gesundheit/Empfängnisverhütung; Bildung; Verkehr; Alterssicherung etc.) in Entwicklungsländern zu fließen.






Anhang 2

(zu „Thesen zur Problematik der Umwälzung der „modernen“ (kapitalistisch durchformten) Lebensweise“

Daten und Trends zur destruktiven Konstitution der spätkapitalistischen Reproduktions- und Lebensweise

Ökologische Krisenverschärfung und disparater subjektiver Faktor

Die Entwicklung der mittlerweile global vernetzten menschlichen Lebensreproduktion ist an der vor uns liegenden Schwelle zum 21. Jahrhundert durch folgenden fatalen Widerspruch gekennzeichnet: Einerseits verdichten sich die Anzeichen eines weltweiten ökologischen Katastrophenszenarios in vielfacher Hinsicht (Bevölkerungsexplosion, Klimawandel, Wasserknappheit, Bodenerosion, Nahrungsmangel etc.), andererseits ist das umweltbezogene Problembewußtsein innerhalb der westlichen Länder vor dem Hintergrund einer scheinbar alternativlosen Vergötzung des Marktes sowie der Ausbreitung einer wohlstandschauvinistischen Gesinnung spürbar gesunken. Während die politischen Instanzen in einer durch unverbindliche Absichtserklärungen bedeckmäntelten Tatenlosigkeit verharren, verschleiern und verdrängen die Medien die strukturelle Unvereinbarkeit zwischen einer problemlösungsadäquaten Umweltpolitik und den profitlogischen Imperativen der herrschenden global agierenden Kapitalgruppen. Innerhalb der Masse der westlichen Bevölkerung wiederum dominiert eine unmittelbarkeitsfixierte, an kurzfristigen korporativen Interessen ausgerichtete Besitzstandswahrungsmentalität, die sich nicht scheut, mit einem ebenso veralteten (etatistischen) wie kurzsichtigen (chauvinistischen) Begriff von „sozialer Gerechtigkeit“ hausieren zu gehen und die zugleich in Form eines schamlosen Populismus sozialrassistische Einstellungen integriert und stimuliert.

Im innenpolitischen Diskurs der entwickelten kapitalistischen Länder wird unter dem Primat der „Standortdebatte“ die globale Krisenverschärfung der Erwerbsarbeit systematisch verdrängt oder ideologisch verzerrt. Die paradoxe Situation der Menschheit an der Schwelle zum 3. Jahrtausend besteht nämlich darin, daß einerseits infolge von multipler Unterentwicklung in großflächigen Weltregionen die Weltbevölkerung dramatisch anwächst1, während andererseits aufgrund der mikoelektronischen Produktivkraftrevolution die Arbeitsproduktivität enorm ansteigt und somit tendenziell immer weniger Menschen in immer kürzerer Zeit immer mehr Waren produzieren. D.h. der (kapitalistisch bestimmte) Bedarf nach Produzenten/Erwerbstätigen nimmt ab, während der Bedarf nach zahlungskräftigen Konsumenten objektiv wächst, aber realiter eine Zunahme an erwerbslosen und einkommenschwachen („ausgegrenzten“) Menschen zu konstatieren ist. Angesichts dieser Konstellation sind weder der („rechte“) Neoliberalismus noch der (peseudolinke) Keyensianismus (samt ihrer „drittweglerischen“ Zwitterformen ) zu einer angemessenen, d.h. an die Wurzel des Problems gehenden Lösungsstrategie fähig.

Zunehmende Umweltstraftaten in Deutschland

Ein Indikator für laxes bzw, nachlassendes Umweltbewußtsein ist die Zunahme von Umweltdelikten. So belief sich 1997 in Deutschland die Zahl der Umweltstraftaten nach Mitteilung des Umweltbundesamtes in Berlin auf 46.042. Im Jahr zuvor waren es 45.500 registrierte Straftaten. Die häufigsten Fälle betrafen weiterhin die illegale Beseitigung von Abfällen. Gleichzeitig wurden immer weniger Delikte aufgeklärt: 1997 lag die Quote bei rund 58,5 Prozent, 1992 waren es noch rund 70 Prozent gewesen.

Anthropogene Klimaveränderung und Zunahme von Naturkatastrophen

Im Gegensatz zur ignoranten Abwehrhaltung, die den Hinweis auf bevorstehende Naturkatastrophen im Falle der Beibehaltung gegenwärtiger „nichtnachhaltiger“ (Re-)Produktionsmuster noch als „apokalyptische Panikmache“ diffamiert, spricht einiges dafür, daß der Rubikon bereits überschritten wurde und wir uns schon in einem Stadium qualitativer Problemverschärfung befinden. So ist davon auszugehen, daß infolge der kumulativen Konzentration von Treibhausgasen in der Atomsphäre ein globaler Temperaturanstieg verursacht wurde, der mittlerweile dazu führte, daß die wärmsten zehn Jahre des letzten Jahrhunderts alle nach 1980 registriert wurden. Die sich aus der globalen Erwärmung ergebende Konsequenz ist die quantitative Zunahme und qualitative Verstärkung von Naturkatastrophen. So starben nach Angaben der Münchener Rückversicherung 1998 mehr als 50.000 Menschen bei Erdbeben, Überschwemmungen und Hurrikanen im Vergleich zu 13.000 Toten 1997. Mit mehr als 90 Milliarden Dollar erreichten die volkswirtschaftlichen Schäden den zweithöchsten Wert der Nachkriegszeit. Insgesamt konstatierte der Rückversicherer 1998 weltweit mehr als 700 Naturkatastrophen – rund 100 mehr als in den meisten Vorjahren. Im Vergleich zu den 60er Jahren ist in den vergangenen zehn Jahren die Anzahl der großen Naturkatastrophen auf das Dreifache gestiegen, die volkswirtschaftlichen Schäden sind inflationsbereinigt sogar auf das Neunfache geklettert. Am häufigsten waren Stürme (240) und Überschwemmungen (170).

Kohlenstoffemissionen als ungebremstes Kernproblem

Hauptursache des Temperaturanstiegs sind bekanntlich die CO2-Emissionen, die durch Verbrennen von kohlenstoffhaltigen Substanzen zur Gewinnung von Nutzenergie entstehen. Entgegen den kongreßrhetorischen Absichtserklärungen werden die CO2-Emissionen im Jahr 2000 um 10 bis 20 Prozent über dem Stand von 1990 liegen. Partiell zu verzeichnende Emissionsrückgänge sind nicht auf grundlegende Veränderungen in der

(Re-)Produktionsweise zurückzuführen, sondern auf den Zusammenbruch der RGW-Ökonomien oder aber die Wirtschaftskrise in Ostasien. Auch der Rückgang der Emissionen in Deutschland um 15 Prozent zwischen 1990 und 1992 war nahezu ausschließlich der weitgehenden Deindustrialisierung Ostdeutschlands geschuldet und nicht etwa einer erfolgreichen umweltpolitischen Umsteuerung gutzuschreiben. Vor dem Hintergrund niedriger Energiepreise und häufigem Autofahren stiegen die Emissionen in den USA seit 1990 um 4,4 Prozent, in Kanada um 5,3 Prozent und in Australien um 4,2 Prozent. Die USA allein emittierten fast soviel CO2 wie die gesamte Dritte Welt einschließlich China. Der Anstieg der US-amerikanischen Emissionen um 157 Millionen Tonnen von 1986 bis 1994 ist zum Beispiel zweimal höher als die Emissionssteigerung Indiens, obwohl die Bevölkerung der USA um ein Drittel geringer als die Indiens ist. Würden alle Menschen der Erde so viel CO2 emittieren wie die Deutschen, so benötigte die Menschheit fünf Erdbälle, damit die Natur diese Abgase verarbeiten könnte. Ohne die revolutionäre Brechung der Dominanz der profitlogisch ausgerichteten kapitalistischen Ökonomie und des durch sie fundierten westlichen/konsumistischen Wohlstandsmodells wird eine Abwendung der ökologischen Katastrophe nicht zu realisieren sein.

„Automobilität“ als ein zentraler Schnittpunkt der ökologischen Destruktivität der spätkapitalistischen

(Re-)Produktions- und Lebensweise

Während der Endenergieverbrauch von privaten Haushalten und Kleinverbrauchern in den beiden letzten Jahrzehnten stagnierte und in der Industrie um ca. ein Drittel gesunken ist, stieg er hingegen im Verkehr um mehr als die Hälfte, wofür insbesondere die Zunahme des Straßenverkehrs (motorisierter Individualverkehr und Straßengüterverkehr) verantwortlich war. 1987 produzierte der Verkehr in Deutschland mit 169,2 Millionen Tonnen CO2 16 Prozent der gesamtdeutschen Kohlenstoffemissionen. 1993 lagen die verkehrsbedingten Emissionen bei 204,6 Millionen Tonnen, was rund 23 Prozent der Gesamtemissionen ausmachte und einem Wachstum gegenüber 1987 von mehr als 20 Prozent entsprach. Nach verschiedenen Prognosen werden die Emissionen bis 2005 um 35 bis 40 Prozent zunehmen und bis 2010 um 42 bis 50 Prozent. Nimmt man die weiteren umweltschädlichen Emissionen des Autos wie Stickoxide, Kohlenmonoxid, Ozon, Dieselruß, Benzol und polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe hinzu, dann verdeutlicht sich, daß vom motorisierten Straßenverkehr die größte Umweltbelastung ausgeht. Doch aufgrund der ökonomischen Zentralstellung der Automobilproduktion als Exportschlager, Konjunkturmotor und Garant von (fragwürdigen) Arbeitsplätzen sowie der Verankerung des Automobilbesitzes als prestigeträchtiger Leitwert der konsumistischen Massenkultur gilt deren ungebrochene Fortsetzung bei allen systemtragenden Kräften als unantastbar. So werden 2005 rund 205 Millionen Pkw auf Europas Straßen rollen. Das seien über 36 Millionen mehr als 1994, sagte das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung in München in einer Verkehrsstudie von 1996 voraus. In Deutschland, dem größten Automarkt Europas, werde der Pkw-Bestand um nochmals 7,3 Millionen auf über 43 Millionen steigen. Mit über 3,3 Millionen Neuzulassungen von Kfz und Anhängern in den ersten acht Monaten 1999 ist das Rekordergebnis des Vorjahres noch um 4,4 Prozent übertroffen worden. Nach Mitteilungen des Kraftfahrtbundesamtes waren von den 3,2 Millionen Kfz 2,641 Millionen Pkw und Kombi. Deren Neuzulassungen legten damit sogar um 4,9 Prozent zu. Bezogen auf Westeuropa sind die Zulassungen neuer Autos im Juni 1999 im Vergleich zum Vorjahr um 11,1 Prozent auf 1.348.585 Einheiten gestiegen.

Wie tief und „total“ der umweltbelastende Automobilgebrauch in der modernen westlichen Lebensweise verankert ist, offenbart exemplarisch eine neue Studie des Soziologischen Forschungsinstitutes in Göttingen mit dem Titel „Die Mütter und das Auto“. Danach ist für Mütter der eigene PKW ein wichtiges Hilfsmittel, um die Mehrfachbelastung von Familienarbeit, Kindererziehung und eventuell zusätzlicher Berufstätigkeit alltagspraktisch bewältigen zu können. Unmittelbarkeitsüberschreitende ökologische Überlegungen, ob sich der Alltag nicht auch umweltverträglicher gestalten ließe, spielen für die meisten der untersuchten Mütter kaum eine Rolle. Mehr als ein Drittel der untersuchten Haushalte mit verheirateten Paaren und noch nicht erwachsenen Kindern verfügte über einen Zweitwagen. Wie sich im Gegensatz zu landläufigen Stereotypen herausstellte, haben in denjenigen Familien, die nur ein Fahrzeug besitzen, oft die Frauen den primären Zugriff auf das Auto. Infolge der epidemischen Veränderung der Erziehungssstile im Kontext der bizarren Koexistenz von hektisch-konkurrenter Arbeitswelt, massenmedial verstärkter konsumistischer Massenkultur und neoliberal bzw. neosozialdarwinistisch entfesselter neuer Anomie (Stichwort:Jugendgewalt) „avancieren“ die Mütter mit dem Älterwerden der Kinder zu Chauffeurinnen. Die Mütter fahren ihre Kinder nicht nur zum Kindergarten oder zur Schule, sondern auch zu den zahlreichen Freizeitaktivitäten. Viele Kinder haben heutzutage nicht zuletzt aufgrund der Ansprüche ihrer Eltern einen prall gefüllten Terminkalender, der ohne die Chauffeurdienste der Erwachsenen nicht zu bewältigen ist. Dieses Verhalten produziert allerdings einen gewissen Teufelskreislauf: Je mehr Erwachsene, vornehmlich Mütter, ihre Kinder durch die Gegend kutschieren und je stärker damit der „Begleitverkehr“ wird, um so voller und damit unsicherer werden die Straßen. Die Folge ist, daß noch mehr Eltern ihre Kinder herumchauffieren, weil sie den Weg mit dem Fahrrad oder öffentlichen Verkehrsmitteln für zu gefährlich halten. In manchen Fällen ist es auch das Leistungsdenken der Eltern, das die Kinder von selbständiger Mobilität abhält und dadurch entwicklungs- und erfahrungsbehindernd wirkt – wenn zum Beispiel das Kind nicht mit dem Fahrrad zum Sport fahren soll, damit es dort nicht schon „abgehetzt“ ankommt und beim Training noch völlig „fit“ ist. Um also zu einem Ort zu kommen, an dem sie sich austoben können, müssen die Kinder paradoxerweise sich erst einmal passiv und immobil verhalten. Erst mit der beginnenden Pubertät der Kinder, wenn diese sich wegen der Transportdienstleistungen ihrer Eltern zu schämen beginnen, lassen die Chauffeurdienste nach. Die Mütter, die sich nun wieder verstärkt dem eigenen beruflichen Engagement oder Freizeitaktivitäten widmen, bleiben jedoch dem Autofahren treu. Der Pkw, ehemals exklusives Status- und Imponiersymbol des Gatten, ist nunmehr im wahren Wortsinne das Vehikel, das ihnen Freiräume jenseits von Kind und Familie ermöglicht.

Ein weiterer verursachender Faktor für die quantitative Zunahme des Automobilgebrauchs ist die immer häufiger werdende Trennung von Wohnort und Arbeitsplatz. Entsprechend ziehen immer mehr Berufspendler das eigene Auto den öffentlichen Verkehrsmitteln vor. Nach einer Langzeitstudie im Auftrag des Verbandes der Bauindustrie für Niedersachsen ist die Zahl der Pendler unter den rund drei Millionen Erwerbstätigen in Niedersachsen zwischen 1987 und 1998 um 15 Prozent auf rund 1,3 Millionen gestiegen. Gleichzeitig benutzt ein immer geringerer Teil von ihnen Busse und Bahnen. Das hängt u.a. damit zusammen, daß nicht mehr ausschließlich vom Land in die Stadt gependelt wird, sondern zunehmend in die kleineren und mittleren Gemeinden mit starkem Zuwachs an Arbeitsplätzen. Denn während die Zahl der Jobs in den Städten seit elf Jahren stagnierte, legte sie in den kleineren Gemeinden Niedersachsens um 21 Prozent zu. Während der Studie hatte im Jahresdurchschnitt jeder/jede vierte Niedersachse/Niedersächsin seinen/ihren Arbeitsort gewechselt.

Hinzu kommt, daß nach einer Studie des BAT-Freizeitforschungsinstituts in Hamburg die Lust der Bundesbürger am Autofahren ungebremst sei und alle Illusionen über eine vernünftige Verkehrspolitik der Zukunft zerstöre. So spiele der öffentliche Personennahverkehr im Freizeitverkehr fast keine Rolle mehr und auch die Bahn verliere – auch infolge selbstproduzierter Unzulänglichkeiten – an Attraktivität. Bei den Tagesausflüglern ist der Anteil derer, die mit dem Auto fahren, von 63 Prozent (1994) auf 67 Prozent (1997) gestiegen. Eine ähnliche Entwicklung ist auch bei den Kurzurlaubern festzustellen, von denen heute 64 Prozent mit dem PKW unterwegs sind – vor vier Jahren waren es nur 59 von hundert. Bei Kurzreisen benutzen lediglich neun Prozent der Bundesbürger die Bahn (1994: 12 Prozent). 15 Prozent steigen in den Bus. Ursache für diese Verhaltenstendenz ist nach Auffassung der Freizeitforscher die subjektive Verankerung des Autofahrens an sich als Freizeiterlebnis mit einem außerordentlich hohen emotionalen Erlebniswert, während öffentliche Verkehrsmittel als „langweilige“ Transportmittel geringgeschätzt werden. So kommen schon heute auf einen Kilometer Arbeitsweg mit dem Auto zwei Kilometer für Freizeitfahrten.

Abgerundet wird dieses kontraproduktive Szenario durch die Abnahme des Bahngüterverkehrs bei gleichzeitigem Ansteigen des europaweiten Fernlastverkehrs auf den Straßen. So sank in Deutschland die Bahngütermenge 1996 im Vergleich zum Vorjahr um 4,1 Prozent, die Einnahmen daraus um 6,3 Prozent auf 7,2 Milliarden DM. Damit hatte der Bahngüterverkehr seit Anfang 1995 knapp eine Milliarde DM an Einnahmen eingebüßt.

Als die Schweizer Staatsbürger 1998 sich in einer Volksabstimmung mit 57,2 Prozent für die Einführung einer leistungsabhängigen Schwerverkehrsabgabe ab 2001 aussprachen und damit eins der wenigen konkreten ökologischen „Highlights“ der letzten Jahre setzten, wurde vom deutschen Güterverkehrsverband sofort der übliche „Totschläger“ aus der Ecke geholt und in demagogischer Verdrehung der eigensüchtigen Verbandsinteressen damit gedroht, die „von Schweizer Egoismen ausgelöste Verteuerungslawine“ würde in Deutschland viele Unternehmen und Arbeitsplätze zerstören. Wie aber wären im Sinne einer rationalen und moralischen Güterabwägung klientelistische Konglomerate von Partialinteressen im Lichte der kurz-, mittel- und langfristigen Verletzung von aktuellen und zukünftigen Allgemeininteressen zu bewerten und politisch zu handhaben? Von den lobbyistisch korrumpierten Parlamentsparteien ist hierauf aus Angst vor Wählerverprellung schon lange keine verbindliche Antwort mehr zu erwarten.

„Soziale (Un-)Grechtigkeit“ im Maßstab der kapitalistisch dominierten „Globalisierung“

Ein auf die nationalstaatlichen Grenzen fixierter und auf aktuelle binnenökonomische Verteilungsrelationen verengter Begriff von „sozialer Gerechtigkeit“, der darüberhinaus die Interessen nachfolgender Generationen ignoriert und die Beteiligung an der bestehenden konsumistischen Massenkultur populistisch zur unkritischen Bezugsnorm erhebt (höhere Löhne=mehr Kaufkraft=mehr Konsum unter Mißachtung erreichter Sättigungs- und Belastungsgrade), wird zum einen im Zeichen der multidimensionalen globalen Interdependenzzunahme zwischen den Ländern und Regionen zunehmend obsolet und verstärkt andererseits zugleich die desaströsen Folgen der spätkapitalistischen Wachstumsdynamik. Zugespitzt formuliert: Angesichts der Reichtumsgegensätze zwischen den entwickelten kapitalistischen Ländern und den sog. Entwicklungsländern der Dritten Welt verblassen die internen metropolitanen sozialen Ungleichheitsverhältnisse – trotz zum Teil gravierender Diskrepanzen - vergleichsweise zu relativen Verteilungsunterschieden auf hohem Niveau. 20 Prozent (1,2 Mrd. Menschen) der wohlhabensten Erdbewohner („Goldene Milliarde“) verfügen heute über 82,7 Prozent des Welteinkommens, die folgenden 20 Prozent über 11,7 Prozent, auf die nächsten 20 Prozent entfallen 2,3 Prozent, auf die folgenden 1,9 Prozent, und die ärmsten 20 Prozent verfügen schließlich über 1,4 Prozent der Welteinkommem. Jedes Kind, das im Norden geboren wurde, verbraucht 20-50 mal mehr Naturressourcen als ein Kind des Südens, und produziert ebensoviel mehr Abfälle. Nach Angaben der Deutschen Welthungerhilfe und der UNO-Ernährungsorganisation sind derzeit 790 Millionen Menschen von chronischer Unterernährung betroffen.

Konturen des durchschnittlichen Wohlstandsniveaus in Deutschland

Das verfügbare durchschnittliche monatliche Haushaltsnettoeinkommen der Deutschen (Einkommen aller Haushaltsmitglieder z.B aus Arbeit, Vermögen, Rente, Mieteinnahmen etc.) stieg von 4330 DM 1991 über 4690 DM 1993 und 4940 DM 1995 auf 5140 DM 1997. Bei Sozialhilfeempfängern lag das durchschnittliche Haushaltsnettoeinkommen 1997 bei 2430 DM, bei Arbeitslosen bei 3050 DM, bei RentnerInnen bei 3690 DM, Bei ArbeiterInnen bei 4690 DM, bei Angestellten bei 5720 DM, bei Pensionären bei 5890 DM, bei BeamtInnen bei 7140 DM und bei Selbständigen bei 14820 DM. In mehr als drei Vierteln der Familien sind beide Ehepartner erwerbstätig.

Nach Mitteilung des Instituts der deutschen Wirtschaft verfügten 1998 14 Prozent aller Erwerbstätigen nach Steuern und Sozialabgaben über 4000 DM und mehr. 1991 waren es erst 8,6 Prozent. Vor allem Beamte finden sich überdurchschnittlich oft in der Gruppe der Spitzenverdiener.

Nach Angaben des Bundesverbandes deutscher Banken ist das angelegte Geldvermögen der Deutschen 1998 auf 5,7 Billionen DM gestiegen. Damit hätten die Bundesbürger rund 400 Milliarden DM mehr gespart als im Vorjahr. Den größten Zuwachs verzeichneten Aktien und Investmentfonds.

Von je 100 Privathaushalten besaßen 1995 in Westdeutschland 52 und in Ostdeutschland 36 Immobilienvermögen. Der durchschnittliche Verkehrswert belief sich in Westdeutschland auf 423.000 DM und in Ostdeutschland auf 205.000 DM. Von den westdeutschen Immobilienbesitzern hatten 56 Prozent Restschulden, von den ostdeutschen 83 Prozent. Die durchschnittliche Restschuld betrug in Westdeutschland 137.000 DM und in Ostdeutschland 53.000 DM.

Von Bedeutung ist nicht nur das aktuell verfügbare, sondern auch das zukünftig zu erwartende Vermögen. In dieser Perspektive ist der Umstand von Interesse, daß auf die mittlere Generation eine beträchtliche Erbmasse wartet. So schätzt die Deutsche Bundesbank das jährliche Erbvolumen derzeit bereits auf 200 bis 250 Milliarden DM.

Kinder und Jugendliche – die zentrale Zielgruppe von Werbung und Warenästhetik – verfügen in Deutschland gemäß einer Verbraucheranalyse über eine Kaufkraft von insgesamt 18 Milliarden DM. In der Summe sind sowohl das Taschengeld als auch das Sparguthaben sowie Geldgeschenke der etwa 10 Millionen Jugendlichen zwischen 6 und 17 Jahren enthalten. Auf der Wunschliste stehen bei den Kindern und Jugendlichen Produkte der Unterhaltungselektronik ganz oben. 40 Prozent der 10 bis 13jährigen und der 14-17jährigen wünschten sich einen Computer. Hoch im Kurs stünden darüber hinaus Videorecorder, Fernseher und Handys. Innerhalb einzelner Produktbereiche gebe es vor allem bei den Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren ein ausgeprägtes Markenbewußtsein.

In 100 deutschen Haushalten waren 1998 z.B. folgende langlebigen Gebrauchgüter vorhanden:

97,0 PKWs, davon 41,7 Prozent fabrikneu gekauft und 52,9 Prozent gebraucht gekauft;

140 Fernsehgeräte; 74,1 Videorecorder; 17,2 Videokameras/Camcorder; 134,4 Fotoapparate; 84,6 Hi-Fi-Anlagen; 29,5 Satellitenempfangsanlagen; 53,5 Kabelanschlüsse;

109,5 stationäre Telefone; 12,2 mobile Telefone; 37,5 Anrufbeantworter; 15,2 Faxgeräte; 10,0 Modems für Datenfernübertragung; 5,7 ISDN-Anschlüsse; 32,5 PC mit CD-ROM Laufwerk; 13,2 PC ohne CD-ROM-Laufwerk (inklusive Laptops und Notebooks);

114,4 Kühlschränke; 85,4 Gefrierschränke bzw. –truhen; 45, 1 Geschirrspülmaschinen; 51,4 Mikrowellengeräte; 12,2 Bügelmaschinen; 92,8 Waschmaschinen und 29,5 Wäschetrockner.

„Relative Armut“ im Kontext des westeuropäischen Wohlstandsniveaus

Als ‚relativ arm‘ gelten in Westeuropa die Angehörigen eines Haushalts, der lediglich über 50 Prozent des durchschnittlichen monatlichen Haushaltsnettoeinkommens (s.o.) verfügt. In Deutschland wird insbesondere der Bezug von staatlich gewährter Sozialhilfe (Hilfe zum Lebensunterhalt) als Indikator von Armut angesehen. Nach Mitteilung des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden bezogen 1998 3,5 Prozent bzw. 2,9 Millionen Menschen Sozialhilfe (2,49 Millionen im alten Bundesgebiet und 418.000 in Berlin-Ost und den neuen Bundesländern). 56,2 Prozent der Sozialhilfebezieher waren Frauen; der Ausländeranteil lag mit 676.000 Beziehern bei 23,3 Prozent. Nicht ausgewiesen ist hierbei der mutmaßlich beträchtliche Anteil deutschstämmiger Spätaussiedler insbesondere aus den GUS-Staaten.

Hervorzuheben ist im Unterschied zu landläufigen Auffassungen, daß Armut/Sozialhilfebezug überwiegend kein verfestigter Dauerzustand einer gleichbleibenden Gruppe von Menschen ist, sondern zumeist nur einen vorübergehenden („beweglichen“) Zustand im individuellen Lebenslauf darstellt. So zeigen die Befunde, daß der Anteil derer, die in allen sechs Jahren von 1990-1995 unter die Armutsgrenze fielen, mit 2,5 Prozent nur knapp ein Viertel der jährlichen Armutsquote ausmachte. Auffällig ist zudem der hohe Anteil von Zugewanderten (Ausländer und Aussiedler), also nicht systemintern produzierten Pauperisierten, an der statistischen Armutspopulation. D.h. ein beträchtlicher Teil der „relativ Armen“ besteht aus ImmigrantInnen aus absoluten Armutsregionen, die ihre hiesige Soziallage subjektiv in Relation zum Herkunftland gewichten dürften. Darüberhinaus muß auch der Tatbestand in Betracht gezogen werden, daß der Sozialhilfebezug in Gestalt der Anhäufung von Wartefällen vielfach sozialbürokratisch erzeugt ist, wenn z.B. die Antragsteller von Arbeitslosengeld oder Rente den Bewilligungszeitraum überbrücken müssen.

Die adäquate Zukunftsstrategie zur Überwindung sozialer Ungerechtigkeit im nationalstaatlichen Rahmen der entwickelten kapitalistischen Länder kann vor dem Hintergrund a) der sich verschärfenden globalen Reichtumsunterschiede sowie b) der ökologischen Destruktivität der westlichen Konsum- und Lebensweise nicht mehr länger in der Totalisierung westlich-mittelständischer Reproduktions- und Verbrauchsmuster gesehen werden. Erforderlich ist vielmehr die Kombination zweier Maßnahmen: 1) Absenkung der grundlegenden Lebenshaltungskosten2 und 2) Verteuerung von Luxuskonsum, umweltbelastenden Freizeitaktivitäten, vermeidbarem motorisierten Individualverkehr etc.

Entwicklung konsumistischer Sozialpathologien

Seit Ende der 80er Jahre ist eine systematische Intensivierung und Effektivierung der konsumistischen Massenkultur zu konstatieren. Ausdrucksformen dieses Prozesses sind z.B. die massenhafte Durchsetzung des Satelliten- und Kabelfernsehens in Verbindung mit der gleichzeitigen Multiplikation privater Fernseh- und Rundfunksender (Quantensprung massenmedialer Werbung im Kontext von dekadenten Seifenopern, Familienserien, Gameshows, Blödelsendungen, exhibitionistischen Talkshows und generell Sendungen mit hohen Einschaltquoten), die Installierung des Pay-TV, verfeinerte Marketingstrategien, gezielter Einsatz zielgruppenspezifisch differenzierter reklamepsychologischer Methoden, gesteigerte KonsumentInnenausforschung; Inszenierung von „Erlebnisshopping“ und „Event-Einkauf“ in neugestalteten Räumen und Orten des Verkaufs und der warenästhetischen Anrufung etc. Auch die sich zuspitzende Diskussion über die Ausdehnung der Verkaufszeiten ist unter diesem Blickwinkel zu interpretieren. Intensivierung und Effektivierung der konsumistischen Massenkultur erscheint somit als Ausdehung und Neugestaltung von Zeit und Raum für die quantitativ und qualitativ verdichtete Präsentation von konsumistischen Leitbildern, warenästhetischen Zeichen und werbepsychologisch aufgemotzten Definitionen des „guten Lebens“.

Nach einer Schätzung des Zentralverbandes der Deutschen Werbewirtschaft wird die deutsche Wirtschaft 1999 ca. 60,4 Milliarden DM in die Werbung gesteckt haben, was eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr um 3,2 Prozent bedeutet. Die Medien können aus dem Werbegeschäft mit Nettoeinnahmen von ca. 42 Milliarden DM rechnen, was einem Zuwachs von 4 Prozent entspricht. Nach einer Prognosestudie wird die Werbung in den Medien vor allem durch den Internet-Boom bis 2010 weiter kräftig auf dann 72 Milliarden DM ansteigen.

Unter dem Eindruck der massiv gesteigerten und omnipräsenten konsumistischen Massenkultur des Habens sind nach Expertenschätzungen mindestens 500.000 Menschen in Deutschland krankhaft kaufsüchtig. Rund 4 Millionen lebten im Vorstadium zum Kaufrausch, Tendenz ansteigend. Insbesondere Sonderangeboten können die Kaufsüchtigen nicht widerstehen. Dabei fahren Männer vorzugsweise auf technische Artikel wie CDs, Unterhaltungselektronik , Autozubehör und Computer ab. Frauen bevorzugen Kleidung und Kosmetik. Ältere sind weniger gefährdet als Junge. Auffallend hoch ist der Anteil der Singles. Auffällig sei zudem, daß es den meisten kaufsüchtigen Patienten an Selbstwertgefühl fehle, so daß Kaufen ihre Sehnsucht nach Sinn und Glück stille – wenn auch nur vorübergehend.

Die psychische Durchschlagskraft der Werbung ist insbesondere bei Kindern und Jugendlichen am stärksten. So gaben nach einer Umfrage des Emnid-Instituts 71 Prozent der Befragten an, daß die TV-Werbung die Quelle der Wünsche ihrer Kinder sei. Dabei hatten 38 Prozent keinerlei Kontrolle über den TV-Konsum ihres Nachwuchses, obwohl 63 Prozent den Einfluß des Mediums Fernsehen auf ihre Kinder als „schädlich“ und weitere 17 Prozent als „sehr schädlich“ bezeichneten.

Als strukturell notwendige Lösungsinstanz des Realisationsproblems der spätkapitalistischen Überflußproduktionsgesellschaft (vgl. Krauss 1997) ist der konsumistischen Massenkultur „eine Tendenz zur Entgrenzung inhärent: ein kollektives Orientierungsmuster nach dem Motto ’immer mehr Konsum und mehr, als man sich (derzeit) leisten kann‘“ (Lüdtke 1997, S.375). Gepaart mit der aufdringlichen Omnipräsenz der warenästhetischen Anrufungen im Lebensalltag (einschließlich der Einflüsterungen des Kreditgewerbes) und der Dominanz konsumistischer Zeichen als Lieferanten von Identität und Distinktion verführt diese Entgrenzungsbotschaft viele zu hyperriskanter Lebensführung jenseits haushaltsökonomischer Rationalität. Gerade auch infolgedessen wächst von Jahr zu Jahr die Verschuldung deutscher Privathaushalte. So belief sich Mitte 1997 die Summe der für Konsumzwecke bei Banken ausgeliehenen Gelder auf knapp 392 Milliarden DM. Rein statistisch stand damit jeder private Haushalt mit 10325 DM in der Kreide. Allein von 1994 bis 1997 ist die Zahl der überschuldeten Haushalte um über 30 Prozent gestiegen. Rund 2 Prozent der deutschen Privathaushalte mußte im selben Zeitraum einen Offenbarungseid leisten. Anfang 1999 standen 2,6 Millionen und damit 7 Prozent aller Privathaushalte vor einem Schuldenberg, den sie aus eigenem Einkommen nicht mehr abtragen können.

Daß der sorgsame Umgang mit Geld als zentrale Reproduktionsqualifikation innerhalb der kapitalistisch-marktwirtschaftlich geprägten Moderne unter dem Druck der effektivierten konsumistischen Massenkultur offensichtlich erodiert, verdeutlicht der folgende Umstand: Für eine wachsende Zahl von Jugendlichen gilt die Orientierung „Lieber Kauf auf Pump statt Verzicht“. So sind Dispokredite von mehreren tausend DM für 15-17jährige keine Seltenheit. Nach Mitteilung der Landesarbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung in Berlin sind in einzelnen Fällen Lehrlinge bereits mit 15000 DM verschuldet gewesen. Auch die Untersuchung Oldenburger Sozialforscher zum Thema „Kinder, Jugendliche und Geld“ zeigt, daß Konsumverzicht eine desavouierte Alternative darstellt und die Hemmschwellen gegen ein Leben mit Schulden abgeschmolzen sind.

Vor diesem Hintergrund gesteigerter Durchschlagskraft konsumistischer Leitwerte und der werbepsychologisch aufgeladenen hohen Symbolkraft von Konsumartikeln als Identitätslieferanten bei gleichzeitigem Absinken der erzieherischen Potenz der „postfordistisch“ überforderten Elterngeneration (vgl. Krauss 1998) kann auch der Anstieg der Kinderkriminalität nicht überraschen. So ist nach Angaben des Deutschen Kinderhilfswerkes die Zahl der tatverdächtigen Kinder bis 14 Jahre 1998 im Vergleich zum Vorjahr um drei Prozent auf mehr als 148.000 angestiegen. An erster Stelle bei den Straftaten standen demnach mit 54 Prozent Ladendiebstähle. Mit weitem Abstand folgten Sachbeschädigung und Körperverletzung. Bei 1998 insgesamt zurückgegangenen Ladendiebstählen in Deutschland hat sich die Zahl minderjähriger Täter um 6,8 Prozent auf 86204 erhöht. Diese Altersgruppe hatte demnach einen Anteil von 15,7 Prozent nach noch 8,7 Prozent vor fünf Jahren. Auch der Anteil der Jugendlichen im Alter von 14 bis 18 Jahren ist auf 18,8 Prozent (1993: 13,3) gestiegen. Insgesamt hat die Zahl der Ladendiebstähle 1998 um 3,3 Prozent auf 647.924 abgenommen..


Quellen:

BUND/Misereor: Zukunftsfähiges Deutschland. Ein Beitrag zu einer global nachhaltigen Entwicklung, Basel; Boston; Berlin 1996.

Marxistische Blätter Heft 5-99.

Neue Osnabrücker Zeitung.

Statistisches Bundesamt: Wirtschaftsrechnungen. Einkommens- und Verbrauchsstichprobe 1998. Heft 1. Langlebige Gebrauchsgüter privater Haushalte, Wiesbaden 1999.

Statistisches Bundesamt: Zahlenkompaß 1998. Statistisches Taschenbuch für Deutschland, Wiesbaden 1998.

Worldwatsch Institute Report. Zur Lage der Welt 1996 und 1998, Frankfurt am Main.


1 Nach Hochrechnungen der Vereinten Nationen wird die Weltbevölkerung innerhalb der nächsten 50 Jahre von 5,8 auf 9,4 Milliarden Menschen anwachsen. Da für die Industrieländer in diesem Zeitraum ein leichter Bevölkerungsrückgang prognostiziert wird, wird dieses Wachstum ausschließlich in den Entwicklungsländern stattfinden, wo die Ernährungs- und soziale Versorgungssituation bereits jetzt katastrophal ist.

2 Ein zentraler Hebel wäre hier die Absenkung des Mietaufkommens. Im April 1998 gaben die Mieterhaushalte in Deutschland im Durchschnitt fast ein Viertel (24 Prozent) ihres Nettoeinkommens aus. Fünf Jahr zuvor hatte die Quote noch bei 19 Prozent gelegen. Bei einkommensschwachen Haushalten liegt die Belastung oftmals sogar bei über 35 Prozent. Statt nach der „olympischen“ Wachstumslogik nach höheren Einkommen oder Transferzahlungen (Wohngeld) zu rufen, brächte die Absenkung des durchschnittlichen Mietaufkommens den gesellschaftlich sinnvolleren Effekt der individuellen Lageverbeserung.










 

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