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Beiträge zur Ökonomie  









Hartmut Krauss

Die strukturelle Amoralität des Kapitals als "vitaler" Faktor der Systemreproduktion *)

Eine wesentliche Einsicht der Marxschen Kapitalanalyse, die weit über den im engeren Sinne ökonomischen Analysehorizont hinausweist, besteht in der Aufdeckung der strukturellen Amoralität des Kapitalverwertungsprozesses und seiner "personifizierenden" Akteure. Konkret tritt dieser "prinzipielle" Amoralismus - der die "materielle" Kehrseite zur idealistischen Festtagshülle der bürgerlichen Ideologie bildet - als systematischer "Mittel-Opportunismus" in allen Phasen des Verwertungsprozesses in Erscheinung. In Anlehnung an den britischen Gewerkschafter Dunning attestiert Marx dem Kapital "einen horror vor Abwesenheit von Profit, oder sehr kleinem Profit, wie die Natur vor der Leere". Eine bestimmte Profitrate in Aussicht - und das (personifizierte) Kapital scheut keine Gesetzesmißachtungen und keine Verbrechen. "Strukturelle Amoralität des Kapital" bedeutet nicht, daß das Kapital per se zu totalitären, inhumanen, dezivilisierenden etc. Handlungsweisen und Organisationsformen neigt und diese auf "mechanische" Weise generiert, sondern daß es diese Tendenzen unter dem Primat von konkurrenzvermittelter Profitmaximierung grundsätzlich nicht ausschließt. Das bedeutet: Es gibt - im Gegensatz zu schönfärberisch-apologetischen Behauptungen - keine wesensmäßig-normative Koppelung zwischen bürgerlich-kapitalistischer Wirtschaftsweise und Demokratie, Menschenrechten, "moderner" Freiheit, "Zivilisiertheit" und rechtsstaatlicher Praxis. Bürgerlich-kapitalistische Ökonomie und Herrschaftsreproduktion ist strukturell und strategisch sehr wohl kompatibel mit Totalitarismus/Faschismus, Mißachtung von Menschenrechten, krimineller (rechtnihilistischer) Praxis etc. Grundregulator bzw. oberste Handlungsmaxime der bürgerlich-kapitalistischen (Re-)Produktionsform ist nicht die Einhaltung von abstrakten Rechtsnormen und moralischen Setzungen, sondern die Maximierung vom Profit.

Im Interesse der Durchsetzung seiner Wesensnatur als sich selbst verwertender Wert revolutioniert das Kapital nicht nur beständig die Produktionsinstrumente, die Qualifikationsanforderungen an die lebendige Arbeitskraft, die Organisationsstrukturen des Arbeitsprozesses etc. Es reißt auch fortwährend Verwertungsblockaden in Gestalt dysfunktional gewordener institutionell-gesetzlicher Rahmenbedingungen nieder und schafft sich profitlogisch adäquatere Verhältnisse in Sinne seiner strukturellen "mittelopportunistischen" Amoralität. Das historisch bislang herausragende Ereignis dieser verwertungslogisch-pragmatischen Umgestaltung der gesellschaftlichen Systemumwelt des Kapitals ist die Etablierung des Faschismus vermittels der Indienstnahme einer historisch-spezifisch erzeugten antimodernistisch-totalitären Protestbewegung. Sohn-Rethel (1973, S.121) hat die kapitalspezifische Funktionalität des Faschismus als mit terroristischen Mitteln erzwungenen "Rückfall in die Methoden der Produktion des absoluten Mehrwerts" gekennzeichnet. Zerschlagung der Arbeiterbewegung als Gegenmachtstruktur, Lohnkürzung, Arbeitszeitverlängerung und -intensivierung als innere Quelle der Akkumulationserweiterung; kriegswirtschaftliche Hochrüstung als Mittel der Nachfragestabilisierung; kriegerische Aneignung der Ressourcen okkupierter Länder als äußere Quelle der Nachfragedeckung und Akkumulation; "Vernichtung durch Arbeit" und Zwangsarbeit als "moderne" Eskalationsstufe der Ausbeutung bilden die Eckpfeiler dieser profitlogischen "Restaurations-Revolution".

Wie reflektiert sich nun die strukturelle Amoralität des Kapitals in der bürgerlichen Subjektivität? Betrachten wir ein aufschlußreiches personales Beispiel als Illustrationsmaterial. In freimütiger und "aufrichtiger" Weise, d.h. ohne nennenswerten ideologischen Verschleierungsballast, äußert sich Wolfgang Kartte, ehemaliger Chef des Bundeskartellamtes und nach seiner Pensionierung im Jahre 1992 Wirtschaftsberater der russischen Regierung in einem "Welt"-Interview (19.12.1994, S.7). Brennpunkt des "bürgerlichen Denkens" ist auch bei Kartte die Naturalisierung des freien kapitalistischen Unternehmers als dem "Wesen des Menschen" adäquate Subjektform. Auf die Frage nach der Stärke der russischen Unternehmer antwortet er: "Unternehmer ist kein westliches Produkt. In dem Moment, in dem Freiheit herrscht, kommen die wie Pilze aus dem Boden. Solschenizyn hat das sehr treffend gesagt: Der Unternehmer, die Marktwirtschaft, das ist das natürliche Leben. Ist doch klar: Sobald du darfst, fängst du an anzuschaffen." Gewitzt durch Erfahrungen im kapitalistischen Lebensalltag beschleicht die "Welt"-Redakteure doch ein gewisser Zweifel. "Aber führt diese neue Freiheit nicht auf dem direkten Weg in Korruption und Betrug? Kurzum: Haben nicht eigentlich die Kriminellen die Macht am Markt übernommen?" Aber gestützt auf sein anthropologistisches Grunddogma (in Verbindung mit der kulturpessimistischen Einschränkung, daß es eben immer auch arbeitsscheues Lumpengesindel gibt) versucht Kartte seine Gesprächspartner zu beruhigen: "Die Russen sagen, ein Drittel der Leute ist Lumpengesindel, die sind apathisch, die wollen nicht arbeiten. Die gibt es überall. Aber zwei Drittel der Menschen kommen jetzt in Bewegung. Ich versuche den Russen immer wieder deutlich zu sagen, daß sie kein Jota anders sind als andere, daß sie nur zeitversetzt, und natürlich mit ihren speziellen kulturellen und wertbedingten Abänderungen, die gleiche Entwicklung durchmachen. Und jede Marktwirtschaft fängt eben auch mit Ganoven an - in Amerika ist die Marktwirtschaft mit dem Colt und der Winchester eingeführt worden. Rockefeller hatte seine private Armee. Ich sag' den Russen sogar, es gab in den USA Verbrecherfamilien, die stellten dann irgendwann die Präsidenten." Anstatt nun Karttes erhellende Zweiteilung der Menschen in a) dysfunktionales Lumpengesindel in Gestalt von Arbeitsscheuen und b) funktionales Lumpengesindel in Gestalt aktivistischer "gründungskapitalistischer" Verbrecher zu vertiefen, reicht den Fragestellern der Hinweis auf die "rauhen Pionierzeiten". Was sie noch ein wenig umtreibt, ist das für die postsowjetische Variante der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals charakteristische Chaos. Doch auch hier hat Kartte eine flinke Erklärung parat: Es herrscht Chaos, "weil im Augenblick...der Kampf zwischen den Eliten um die neuen Eigentums- und Besitzstrukturen tobt...Es gibt nun auch die neuen Eliten. Das sind die jungen Unternehmer, die 'Bisinesmini'. Die haben natürlich eine rauhere Art, sich zu geben. Die bringen sich auch untereinander um." Diese Antwort wiederum löst bei den "Welt"-Redakteuren erneute Besorgnis aus: "Können sie es unter diesen Umständen ausländischen Investoren verübeln, wenn sie lieber zu Hause bleiben?" "Leute aus dem Westen", antwortet Kartte, "sind noch nicht angekratzt worden. Es ist kein westlicher Unternehmer - weder in Moskau noch anderswo - zu Schaden gekommen." "Aber müssen sie nicht alle Schutzgelder zahlen?" Kartte: "Ja, wer bezahlt den keine Schutzgelder? Überall werden Schutzgelder verlangt. Korruption und Schutzgelder: das war immer so, in Amerika, in Berlin, in Frankfurt, das gibt es doch überall. Nehmen sie nur unsere kleinen deutschen Verhältnisse. Ich habe ja selbst in Berlin 1946 die Schwarzmarkt- und Schieberzeit erlebt."

Karttes "exemplarische" Äußerungen illustrieren auf eindrucksvolle Weise ein prägendes Charakteristikum des bürgerlich-kapitalistischen Weltverhältnisses: die grundlegende Subsumtion der Moral unter den Profit. In "Alltagsform" erscheint dieser Einstellungstyp in massenhaft verbreiteten und artikulierten Lebensregeln wie "Der Zweck heiligt die Mittel" und "Wo gehobelt wird, da fallen auch Späne" etc. Darin manifestiert sich aber nicht nur eine spezifische "moralische Indifferenz", sondern auch die aktive Bereitschaft zur Akzeptanz und Verteidigung sitten- und rechtswidriger Handlungen zwecks Durchsetzung individueller Tätigkeitsziele im Rahmen einer kapitalistischen Konkurrenz- und Leistungsgesellschaft. "Wer die Gesetze einhält, nimmt Wettbewerbsnachteile in Kauf. Die Alternative ist, in die Illegalität abzutauchen, in Schwarzarbeit, Steuerhinterziehung, Kreditschwindel, Versicherungsbetrug. Und das ist es, was zunehmend geschieht" (See 1993, S.47). In aktualempirischer Hinsicht erscheint die strukturelle Amoralität des Kapitals nicht nur in Gestalt der Genese eines neuen Lumpen-, Schieber- und Räuberkapitalismus im Kontext der "Vermarktwirtschaftung" Osteuropas. Sie zeigt sich auch in der systematischen Expansion von Wirtschaftsverbrechen in den entwickelten kapitalistischen Ländern. Betroffen sind alle Phasen des kapitalistischen Verwertungskreislaufs, von der Kapitalbeschaffung, der Auftragsvergabe, den Formen der Abpressung und Umverteilung von Mehrwert, der Wertrealisierung und der Marktbehauptung gegenüber Konkurrenten etc. Zu verweisen ist hier z.B auf folgende Trends und Tatbestände:

1) Zu konstatieren ist eine sich verdichtende wechselseitige Durchdringung von legalem und illegalen Kapital. D.h.: Die z.B. im Drogen- und illegalen Waffenhandel von mafiosen Organisationen erzielten kriminellen Profite werden von sog. seriösen Banken in legales Kapital verwandelt ("Geldwäsche"). Schon Ende der 80er Jahre bezifferte das US-Justizministerium die Höhe der "gewaschenen" Beträge auf ca. 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr.

2) Festzustellen ist desweiteren die rasche Ausweitung der Korruption im Sektor staatlicher Auftragsvergabe und die Herausbildung entsprechender klientelistischer Strukturen. Das betrifft z.B. die Auftragsvergabe in der Bauwirtschaft. Der Stadt München war in den achtziger Jahren durch Betrügereien beim Neubau des städtischen Klärwerks ein Schaden in Höhe von mehreren Millionen DM entstanden. Neun Firmen aus der Elekto-, Meß- und Regeltechnik hatten seit 1984 abgesprochen, wer jeweils die Aufträge in ihrer Branche erhalten sollte. Sie stützten sich dabei auf die Informationen eines bestochenen Angestellten, der für die Auftragsvergabe zuständig war und gleichzeitig als Bauleiter beim Klärwerk - einem 500-Millionen-DM-Projekt - fungierte.

3) Neuerdings wurden Mitarbeiter der Dresdener Bank AG unter dem Verdacht der Beihilfe zur Steuerhinterziehung in Millionenhöhe in Untersuchungshaft genommen. Ihnen wurde vorgeworfen, Kunden geholfen zu haben, Vermögenswerte am Finanzamt vorbei nach Luxemburg zu schaffen.

4) Die Europäische Union wird jährlich um mehrere Milliarden DM betrogen. Bei 14% der überprüften Subventionen seien Unregelmäßigkeiten festgestellt worden, teilte zu Jahresbeginn ein Präsidiumsmitglied des Europäischen Rechnungshofes mit. Wo ausschließlich EU-Gelder zum Einsatz kommen und keine nationalen Gelder fließen, wie z.B. im Bereich der Garantiepreise in der Landwirtschaft, gebe es an der Verfolgung von Betrugsfällen "kein vorrangiges Interesse, weil dort das eigene Geld nicht zur Disposition steht".

5) Kapitalistische Extraprofite werden nicht zuletzt in ethischen "Tabubereichen" erzielt. So blüht der internationale Markt des illegalen Arbeitskräfte-, Frauen- Organhandels. Ein japanischer Reporter berichtete Anfang der 90er Jahre, daß Organkäufer eines privaten Transplantationszentrums in Osaka mit einem srilankischen Geschäftsmann zusammengearbeitet hätten, der auch sonst Mangelware nach Japan lieferte: Bräute für japanische Bauern etwa oder billige Arbeitskräfte, die illegal mit einem Touristenvisum ins Land gebracht und dort in der Bauindustrie ausgebeutet würden.

Angesichts des umfassenden Charakters der "Kriminalisierung" der Kapitalverwertung einerseits sowie deren vordergründigen ("zerstückelnden") massenmedialen Aufbereitung andererseits ergibt sich systemimmanent ein epidemischer Effekt der De-Moralisierung: "Den wenigen Verbrechen, die aufgedeckt werden, folgen schier endlose Ermittlungen und Verfahren, oft genug ohne adäquate Bestrafung der Schuldigen. Dies alles führt zu einem Gewöhnungseffekt, der die Gefahren der Kapital-Verbrechen um ein Vielfaches vergrößert. Die moralischen Meßlatten werden um ein Vielfaches tiefer gelegt, und die Rechtfertigungsgründe für Verbrechen beginnen beliebig zu werden. Schon machen sich die Opfer von Kapital-Verbrechen die kriminelle Moral zu eigen und mißbrauchen das soziale Netz. Wenn das Kapital sich, um überleben zu können, Milliarden von Mark 'Sozialhilfe' in Form von Subventionen illegal beschafft, sieht mancher Sozialhilfeempfänger nicht mehr ein, warum er die Behörden nicht bemogeln soll" (ebenda S.98f.).

Welche Schlußfolgerungen ergeben sich nun aus der strukturellen Amoralität des Kapitals für die Perspektiven der gesamtgesellschaftlichen Systemreproduktion? Zum einen ist gegenüber den (neo-)reformistischen Illusionisten, die von unausgeschöpften Entwicklungs- uns Zivilisationspotentialen fabulieren, folgendes einzuwenden: Die zukünftige Selbstreproduktionsfähigkeit des kapitalistischen Systems resultiert nicht aus vermeintlich brachliegenden, erst noch zu entfaltenden progressiven Reserven, sondern aus einem strukturell bedingten (profitkalkulatorischen) Nihilismus. Gestützt auf seine prinzipielle Amoralität reaktiviert das Kapital in Anbetracht von Verwertungsblockaden stets eine triebhafte Energie zur Niederreißung humanitärer, moralisch-ethischer, rechtlicher etc. Hindernisse. Darum ist andererseits gegenüber den "Zusammenbruchstheoretikern" festzustellen, daß das Kapital keine absolute Verwertungsgrenze kennt. Brutal ausgedrückt: Das Kapital zeichnet sich als dynamisches System dadurch aus, daß es seine eigene Sch...frißt. Es regeneriert sich vermittels Krisen, Kriegen, Katastrophen und Verwüstungen; d.h. es benötigt die Destruktion zur Wiedererlangung/Aufrechterhaltung seiner dynamischen Selbstreproduktion. Insofern ist es fähig zur Erzeugung und verwertungsfunktionalen Nutzung vielgestaltig-pluraler Formen der Inhumanität als Vorstufen, Zwischenstadien und Übergänge zur Barbarei.



© Hartmut Krauss, Berlin 1996





Literatur:

Hans See: Kapitalverbrechen. Die Verwirtschaftung der Moral. Düsseldorf 1990.



*) Vortrag wurde am 13. Januar 1996 auf der Konferenz der Kritischen MarxistInnen in Berlin gehalten.










 

GLASNOST, Berlin 1992 - 2017