Anhang 1

Publik Forum Nr. 14 27.7.2007

Krieg gegen die ganze Welt

Für den ehemaligen radikalen britischen Islamisten steht fest: Die Motive der Terroristen sind vor allem theologischer Natur.

Vor nicht allzu langer Zeit war ich noch ein Mitglied jener losen Formation halbautonomer und primär durch ihre Ideologie verbundener Gruppen, die sich wohl am besten als Netzwerk des britischen Dschihad beschreiben lässt. Da pflegte ich jeweils mit© meinen Gefährten in triumphierendes Gelächter auszubrechen, wenn im Fernsehen wieder einmal behauptet wurde, dass islamistische Terrorakte wie die Anschläge vom 11. September oder die Bombenattentate in Madrid und London einzig durch die Außenpolitik des Westens verursacht seien. Indem sie ihren Regierungen die Schuld für unser Handeln zuschoben, nahmen uns diese Kommentatoren die Propagandaarbeit ab. Und wichtiger noch, sie lenkten die Aufmerksamkeit von der eigentlichen Triebfeder unseres Handelns ab: der islamistischen Theologie.

Obwohl viele islamische Extremisten in Großbritannien tatsächlich Zorn über den Tod ihrer Glaubensbrüder in anderen Ländern verspüren, ist dies doch nicht die wichtigste Ursache ihres Handelns. Was mich und viele meiner Gefährten dazu antrieb, in Großbritannien – unserer Heimat– und in anderen Ländern Terroranschläge zu planen, war das Gefühl, für die Erschaffung eines revolutionären Staates zu kämpfen, der am Ende der ganzen Welt die Gerechtigkeit des Islam bringen würde.

Aber wie kam es dazu, dass diese (fragwürdige) Utopie mit anhaltender Gewalt durchgesetzt werden sollte? Wie rechtfertigen radikale Islamisten solchen Terror im Namen ihrer Religion?... Auf individueller Ebene mögen Muslime dem Säkularismus zustimmen oder ihn ablehnen, aber zumindest gegenwärtig erlaubt die formelle islamische Theologie – im Gegensatz zur christlichen – keine Trennung von Staat und Religion; diese werden als ein und dasselbe verstanden. Die jahrhundertealte islamische Rechtstradition beschreibt auch das Verhältnis und die Interaktion zwischen dem Dar ul-Islam (»Haus des Islam«, den muslimischen Ländern) und dem Dar ul-Kufr (den Ländern der Ungläubigen) ab und hält Verhaltensregeln für den Handel, für Krieg und Friedenszeiten bereit.

Die Radikalen führen diese Grundsätze nun zwei Schritte weiter. Im ersten Schritt argumentieren sie, dass derzeit kein wahrer islamischer Staat existiere und dass demzufolge die gesamte Welt Dar ul-Kufr sein müsse. Schritt zwei heißt dann: Da der Islam den Unglauben bekämpfen muss, erklärt man der ganzen Welt den Krieg. Wie ich selbst wurden viele meiner einstigen Weggefährten von extremistischen Predigern in Pakistan und Großbritannien belehrt, dass diese neue Klassifizierung der Welt als Dar ul-Harb (»Haus des Krieges«) es jedem Muslim gestatte, die fünf geheiligten Rechte zu verletzen, die jedem unter der Herrschaft des Islam lebenden Menschen garantiert sind: Leben, Besitz, Land, Geist und Glaube. Im Haus des Krieges ist alles erlaubt, auch feige, verräterische Anschläge auf Zivilisten ...

Die Hauptursache für den Erfolg der Radikalen ist die Tatsache, dass die meisten islamischen Institutionen in England schlicht und einfach nicht über Theologie reden wollen. Sie weigern sich, die schwierige und oft komplexe Frage nach dem Stellenwert der Gewalt im Islam anzugehen; stattdessen wiederholen sie das Mantra, dass der Islam eine friedvolle Religion und der Glaube eine persönliche Angelegenheit sei, und hoffen, dass sich diese ganze Debatte irgendwie in nichts auflösen wird.

Das hat den Radikalen im Bereich des religiösen Denkens freies Spiel gelassen. Als einer, der einst selbst neue Anhänger für die extremistische Lehre rekrutierte, muss ich es wissen: Jedes Mal, wenn wir aus einer Moschee verwiesen und verbannt wurden, fühlte sich das an wie ein moralischer und religiöser Sieg.

Außerhalb Großbritanniens gibt es Denker, die diesen Zwei-Schritte-Revisionismus rückgängig machen wollen. Eine Handvoll Gelehrte aus der arabischen Welt hat versucht, dem Radikalismus mit einer historischen Argumentation einen Riegel vorzuschieben: Die islamischen Juristen seien beim Aufsetzen der Regeln für einen Krieg stets von der Vorstellung eines existierenden islamischen Staatswesens ausgegangen, welches den Krieg in einer verantwortungsbewussten und mit den islamischen Glaubensregeln konformen Weise handhaben würde. Mit anderen Worten: Als Individuen haben die Muslime nicht das Recht, im Namen des Islam der Welt den Krieg zu erklären...

Tatsache ist, dass die britischen Muslime Bürger dieses Landes sind. Wir sind nicht mehr Einwanderer im Land der Ungläubigen. Meine Generation wurde hier geboren, ist hier aufgewachsen, hat hiesige Schulen besucht, arbeitet hier und wird hier bleiben. Und mehr als das: In einem noch nie da gewesenen Maß wird es den Muslimen in Großbritannien heute zugestanden, dass sie ihre religiöse Identität durch ihre Kleidung, den Bau von Moscheen, die Einrichtung von Friedhöfen und nicht zuletzt im Genuss gleicher Rechte vor dem Gesetz gestalten können.

Aber es reicht nicht zu sagen, dass die Muslime, weil sie sich hier nun einmal zu Hause fühlen, die Passagen im Koran einfach überblättern sollen, die zum Töten der Ungläubigen aufrufen. Wenn man sich um die Auseinandersetzung mit diesen jahrhundertealten theologischen Postulaten drückt, dann wird die Kluft zwischen der islamischen Theologie und der modernen Welt jeden Tag tiefer. Es mag eine unangenehme Tatsache sein: Aber der Grund dafür, dass Abu Qatada – der fundamentalistische Religionsgelehrte, den palästinensische Militante unlängst im Tausch gegen den BBC-Journalisten Alan Johnston freibekommen wollten – eine große Gefolgschaft hat, liegt darin, dass er hochgelehrt ist und dass seine religiösen Interpretationen und Rechtssprüche auf einer soliden argumentativen Basis stehen. Auch wenn ich seine Ansichten mittlerweile in keiner Weise mehr teile, kommt ihnen innerhalb des islamischen Kanons doch Gültigkeit zu ...

Ich glaube, dass das Thema Terrorismus entmystifiziert werden könnte, wenn erst einmal Muslime und Nichtmuslime offen über die Ideen diskutieren würden, die den Terror unterstützen. Die britischen Muslime müssten sich zu diesem Zweck aus ihrer Starre der Abwehr und Verneinung lösen und gewahr werden, dass es keine Schande ist, wenn man sich das Vorhandensein extremistischer Strömungen innerhalb der islamischen Gemeinschaften hier und weltweit eingesteht. Aber diese Entmystifizierung kann nicht geleistet werden, solange die einzigen Brücken der Interaktion diejenigen zwischen den radikalen Islamisten und den Sicherheitsdiensten sind.

Wenn unser Land sich den radikalen und gewalttätigen Extremisten tatsächlich stellen will, dann müssen die islamischen Religionsgelehrten zunächst einmal über die Bücher gehen. Wir brauchen neue, zeitgemäße Regeln, ein revidiertes Verständnis der Rechte und Verantwortlichkeiten von Muslimen, deren Häuser und Seelen fest in dem verwurzelt sind, was ich das »Land der Koexistenz« nennen möchte. Und wenn dieses neue theologische Terrain erschlossen ist, dann werden Muslime im Westen sich von längst obsoleten Weltbildern befreien und die Regeln des Zusammenlebens neu formulieren können; dann werden wir vielleicht entdecken, dass das Konzept des Tötens im Namen des Islam nur mehr ein Anachronismus ist.

Hassan Butt

Der 27-jährige Hassan Butt, als Sohn pakistanischer Eltern in Manchester geboren, war in der radikalen islamistischen Gruppierung Al-Muhajiroun aktiv. Im vergangenen Jahr wandte er sich vom religiösen Extremismus ab. In der Zeitung »Observer« nahm Butt zu den jüngsten Attentaten in Großbritannien Stellung. Wir dokumentieren Auszüge aus seinem Text (in der Übersetzung der Neuen Zürcher Zeitung).